PRESTEL MÜNCHEN · LONDON · NEW YORK
Das kostbare Buch Gwen John Ca. 1910–1926, Öl auf Leinwand, auf Holz aufgezogen 26,4 × 21 cm Privatsammlung
Vorwort
Die Kunst zu lesen ist ein Loblied auf einen revolutionären und doch alltäglichen Gegen stand, der sich in Kunstwerken in Museen und Sammlungen auf der ganzen Welt wiederfindet. Das Bild des Lesers erscheint in der Geschichte der Kunst schon lange, bevor Bücher entstan den, wie wir sie heute kennen. Historische Gemälde und Skulpturen belegen, wie sehr sich seitdem das Leben verändert hat – bei der Mode, den Ernährungsgewohnheiten und der Einrichtung von Wohnräumen etwa –, aber auch, dass manche Dinge so geblieben sind, wie schon frühe Kunstwerke sie zeigen. Das gilt ins besondere auch für Darstellungen von Büchern und Lesenden. Sie führen uns bildhaft eine gemeinsame Humanität vor Augen, die Kultu ren und Epochen verbindet. Dieses »Buch über Bücher und Leser« stellt eine Auswahl von Kunstwerken vor, deren Abfolge und Anordnung diese Gemeinsamkei ten verschiedener Epochen und Kulturen auf greift und unterstreicht. Dazu gehören beispielsweise Darstellungen von Kindern, die zu Hause oder in der Schule lesen lernen. Das Buch ist dabei der Kristallisationspunkt der Be ziehungen zwischen den Generationen. Wir sehen Porträts von Erwachsenen in einer Viel zahl von Posen und Umgebungen – bei der Lektüre, tief in Gedanken oder in einem Augen blick der Entspannung. Einige wenden den Blick vom Buch oder richten ihn auf den Be trachter. Manche führen es ganz nahe zu den Augen, um ein Wort zu erkennen, oder benut zen Sehhilfen, andere halten es in den ausge streckten Armen. Manche, ob alt oder jung, sind beim Lesen eingeschlafen. Auch wenn sol che Bilder Hunderte von Jahren alt sind, sie geben Situationen wieder, die uns allen ver traut sind. Bücher fungieren auf Kunstwerken nicht selten als Symbole, die Geist, Reichtum oder Frömmig
keit der Dargestellten oder Stifter ausdrücken. Vor der Verbreitung der Druckerpresse und der massenhaften Vervielfältigung waren sie kost bare und aufwendig gestaltete Kunstwerke. In unserer Zeit, in der sie fast schon zu Billig-, ja Wegwerfprodukten verkommen sind, benutzen Künstler sie als Rohstoff und verwandeln Ein bände, herausgelöste Seiten oder ganze Bände in Zeichnungen, Skulpturen und Installationen. Angesichts der sich rasant entwickelnden digita len Kommunikationstechniken lag die Befürch tung nahe, Gedrucktes könnte bald obsolet werden, aber das Buch hat sich als bemerkens wert zählebig erwiesen. Im 21. Jahrhundert ist das analoge Medium des gedruckten Buches zwar nicht mehr der letzte Schrei der Technik, aber kaum weniger interaktiv als ein akkubetrie bener eBook-Reader. Die Leser müssen es akti vieren: es öffnen, darin blättern, den Inhalt erfassen, ihn vielleicht mit Anmerkungen versehen oder einzelne Wörter und Sätze unterstreichen. Anders als in unserem zunehmend vernetzten Leben, in dem der Strom von Informationen, dem wir ausgesetzt sind, ständig überwacht und von Dritten ausgewertet werden kann, gibt uns das gedruckte Buch heute die einzigartige Möglichkeit, sich offline und rein privat zu beschäftigen. Einmal mehr scheint das klassische Medium seiner Zeit voraus zu sein. In ihrem letzten Roman Zwischen den Akten (1941) schrieb Virginia Woolf: »Bücher sind Spie gel der Seele.« Sie zeigen uns die ganze Band breite der menschlichen Gefühle, Meinungen und Wünsche. Kunstwerke über Bücher und Lektüre spiegeln unterschiedliche Erfahrungen des Menschen wider: Momente der Erhaben heit und der Langeweile, des Vergnügens und der Enttäuschung, des Leichtsinns und der Hin gabe. All das wird in Die Kunst zu lesen gezeigt, indem das geschriebene Wort dem Bild be gegnet.
5
»Nur weil sich niemand davon angegriffen fühlt, ist ein Buch nicht harmlos.«
T. S. Eliot (1888–1965)
Die Hexe Angelo Caroselli 17. Jahrhundert, Öl auf Leinwand 44 × 35 cm Pinacoteca Civica Francesco Podesti, Ancona, Italien 21
Schüler mit Buchrolle in einem Lehnstuhl Römische Skulptur 2.–3. Jahrhundert, Detail des Neumagener Schulreliefs Rheinisches Landesmuseum, Trier 30
Porträt des Manuel Chrysoloras mit Hut und Buch Paolo Uccello 15. Jahrhundert, Federzeichnung auf Papier in brauner Tinte, braun und grün getönt 13,6 × 9,3 cm Musée du Louvre, Paris 31
Zwei der Sechs Unsterblichen Dichter (Kiichi Hōgen und Omaya Kisanda) Keisai Eisen 1829, Surimono-Druck, 20,8 × 18 cm Harvard Art Museums, Cambridge, Massachusetts
Auf dem Boden sitzen, in traditionelle Kostüme geklei det, scheinbar zwei berühmte japanische Dichter. Der eine hat ein aufgeschlagenes Buch vor sich und liest in einer Sammlung alter Gedichte. Der andere hält einen Fächer und wirkt neben seinen sauber aufgestapelten Bänden, als wolle er aufstehen und fortgehen. Tatsäch lich handelt es sich nicht um Dichter, sondern Gestal ten aus dem Leben Ushiwakamarus (bekannt auch als Minamoto no Yoshitsune), eines adligen Kriegers des 12. Jahrhunderts aus dem Clan der Minamoto, der als einer der großen tragischen Helden Japans gilt. Die bei 44
den Figuren des Holzschnitts sind die Strategen Kiichi Hōgen und Omaya Kisanda, die Eisen (1790–1848) hier in der Kleidung von Otomo no Kuronushi und Fun’ya no Yasuhide darstellt, zwei der als Bildmotiv beliebten sechs Unsterblichen Dichter. Es handelt sich um heraus ragende Literaten des 9. Jahrhunderts. Der aus der Spät phase der Edo-Zeit (1603–1868) stammende Druck gehört zu einer dreiteiligen Porträtserie der sechs Unsterbli chen. Die Abbildungen werden von zeitgenössischen Versen der Edo-Dichter Shōutei und Shūchōdō beglei tet, die diese Drucke möglicherweise in Auftrag gaben.
Die verbotene Reproduktion René Magritte 1937, Öl auf Leinwand 81,5 × 65 cm Sammlung Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam
Ein Mann blickt in einen Spiegel, der statt seines Spie gelbilds seine Rückansicht zeigt. Neben ihm auf einem Kaminsims liegt – korrekt widergespiegelt – ein zerlese nes Exemplar von Edgar Allan Poes The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket (1838). Die Figur im Anzug mit glattem, gegeltem Haar ist Edward James, ein britischer Dichter, Mäzen und Förderer der surrea listischen Bewegung. Das von ihm in Auftrag gegebene Gemälde ist eines der drei Bilder, die Magritte (1898– 1967) für Edward James’ Londoner Domizil malte. Beide waren große Bewunderer von Poes Werken, Magritte
faszinierte das Interesse Poes am Verhältnis von Phan tasie und Wirklichkeit. Der Roman ist ein Bericht über eine abenteuerliche Südpolexpedition. Pym behauptet immer wieder, der eigentliche Autor des Buches zu sein, »Mr. Poe« sei lediglich der Herausgeber. Er äußert auch die Befürchtung, die Leser könnten seine Reiseerzählung nicht als Tatsachenbericht, sondern als Fik tion auffassen. Wie Poes Roman spielt das Porträt mit der Wirklichkeitserfahrung: In beiden geht es um ver borgene Übereinstimmungen und beide stellen un wahrscheinliche Geschehnisse als Realität dar. 45
VanitasStillleben mit Globus, Buch, Muscheln, Schlange und Schmetterlingen Carstian Luyckx Ca. 1645–1658, Öl auf Leinwand, 98,8 × 96 cm Privatsammlung 80
Astronom mit brennender Kerze Gerard Dou 1655–1659, Öl auf Holz, 32 × 21,2 cm J. Paul Getty Museum, Los Angeles 81
Atlas Landscape Rand McNally The New International Atlas Maya Lin 2006, recycelter Atlas (erschienen 1981) geöffnet: 38,1 × 59,1 × 2,9 cm geschlossen: 38,1 × 28,9 × 4,4 cm
Ein aufgeschlagener alter Atlas zeigt Argentinien, Chile und Brasilien, in deren Karten allerdings große, krater ähnliche Vertiefungen gegraben sind. Sie ziehen sich durch seine Seiten und legen die darunterliegenden Blätter wie Schichten eines Sedimentgesteins frei. Das in dieser Weise umgestaltete Buch ist Teil einer Reihe ähnlicher Werke, bei denen Lin (geb. 1959) mit einem Cutter bestimmte geografische Details entfernt, um neue und seltsame Topografien zu schaffen. Atlanten gelten allgemein als verbindliche Darstellungen unse rer Welt. Unter Verwendung kartografischer Methoden werden darin komplexe räumliche Informationen ver 82
arbeitet, die sie in klarer und lesbarer Form präsentie ren. Lin ist der Ansicht, dass Landkarten nicht neutral, sondern grundsätzlich politischer Natur sind und ihre Art der Weltdarstellung unweigerlich unsere Wahr nehmung der Welt beeinflusst. In einer Zeit fortschrei tender Globalisierung werden Grenzen veränderlicher denn je. Mit ihren Eingriffen tritt Lin bewusst allgemein gültigen Vorstellungen über Territorien und geografi sche Aufteilungen entgegen, um für einen flexibleren Ortsbegriff zu plädieren. Ob dieses Streben als positiv anzusehen ist oder nicht, muss jeder Betrachter für sich entscheiden.
Only Blue (Die Britischen Inseln) Tania Kovats 2014, acht adaptierte Atlanten in einer Acrylschachtel, 150 × 110 × 10 cm
Auch Tania Kovats (geb. 1966) gestaltet Atlanten um, allerdings auf ganz andere Art. Sie schneidet nichts aus, sondern entstellt mehr oder minder veraltete Bände mit weißer Farbe, wobei sie die Landgebiete übermalt und nur die blauen Meeresflächen frei lässt. Bei dieser Arbeit werden acht solcher Atlanten ineinander verschachtelt präsentiert, um die Britischen Inseln darzustellen: Groß britannien, Irland und mehrere tausend kleinerer Inseln. In sämtlichen Bänden sind die Topografie, die Ortsna men und andere geografische Details wie unter einer Schneedecke versteckt. Die Künstlerin lenkt damit die Aufmerksamkeit auf die umgebenden Meere und regt
dazu an, diesen Teil Europas neu zu sehen und darüber anders zu denken. Als Seefahrernationen wurden Groß britannien und Irland durch ihre Beziehung zum Meer geprägt. Während die Landmasse die Spuren jahrtau sendelanger menschlicher Aktivität trägt, scheinen sich die umgebenden Meere kaum zu verändern. Sie haben die Britischen Inseln aber zu allen Zeiten physisch und kulturell geformt und werden es bis in eine ferne Zukunft tun. Natürlich zeigt die Arbeit auch überdeutlich, dass aufgrund neuer Technologien und veränderter geografischer Realitäten jeder Atlas früher oder später veraltet. 83
Open Book and Empty Cup Ken Kiff 1999, Ölpastellkreide und Acryl auf Papier 84 × 72 cm Privatsammlung 84
Eine Tasse Tee André Derain 1935, Öl auf Leinwand 92 × 74 cm Musée national d’art moderne, Centre Georges Pompidou, Paris 85
Many Books Josephine Halvorson 2009, Ă–l auf Leinwand 31,1 Ă— 48,3 cm Privatsammlung 86
Reading List Aliza Nisenbaum 2013, Ă–l auf Leinwand 76,2 Ă— 61 cm Privatsammlung 87
88
Londinensi subterraneis: Circulus linea Phil Shaw 2012, Archivkopie 34 × 97 cm
Was haben Paddington Meets the Queen von Michael Bond, The Baker Street Dozen von Sir Arthur Conan Doyle und The King’s Cross von Angus Dun gemeinsam? In den Händen von Shaw (geb. 1950) werden sie zu Stationen der Londoner U-Bahn. Sein Druck scheint zunächst ein Regal voller Bücher zu zeigen, näher bese hen enthält jeder Titel den Namen einer U-Bahn-Sta tion. Vertreten sind sämtliche Halte von Aldgate bis Liverpool Street über South Kensington, die gelben Ein bände verweisen auf die Farbe der Circle Line auf dem Netzplan. Shaw ist als Photoshopkünstler bekannt, des halb fragt man sich, wie real diese Bücherreihe ist. Ver
wendete er bei anderen Werken fiktive Titel, sind es hier ausnahmslos im Katalog der British Library ver zeichnete. Ob sie alle in gelben Einbänden erschienen, ist weniger sicher. Shaw hat eine Reihe solcher Bücher drucke geschaffen, von denen einige die Londoner und andere die New Yorker U-Bahn thematisieren. Mit einem Druck für den G8-Gipfel 2013 beauftragt, schuf er ein Bücherregal, das einen Ausspruch des Ökono men und Moralphilosophen Adam Smith aus dem 18. Jahrhundert darstellt: »Was kann man dem Glück eines Menschen hinzufügen, der gesund und schulden frei ist und ein reines Gewissen hat?« 89
»Lies die guten Bücher zuerst, später kommst du vielleicht nicht mehr dazu, sie zu lesen.«
Henry David Thoreau (1817–1862)
Lesende alte Frau Gerard Dou Um 1631/32, Öl auf Holz 71,2 × 55,2 cm Rijksmuseum, Amsterdam 117
Einige interessante Bände Claude (Claudine) Raguet Hirst 1877, Öl auf Leinwand 25,5 × 36 cm Privatsammlung 118
2070 John Currin 2005, Öl auf Leinwand 91,4 × 71,1 cm Privatsammlung 119
Blinde Kinder August Sander Ca. 1921–1930, Silbergelatineabzug auf Papier 120
»Die liebsten Freunde der Zeit, die stärksten der Seele – BÜCHER.«
Emily Dickinson (1830–1886)
128
Follow You Wang Qingsong 2013, Laserprint 180 × 300 cm 129
Stillleben mit Bibel Vincent van Gogh 1885, Öl auf Leinwand 65,7 × 78,5 cm Van Gogh Museum, Amsterdam
Ein gelbes Büchlein liegt neben einer mächtigen, in Leder gebundenen Bibel. Van Gogh (1853–1890) malte dieses beeindruckende Bild kurz nach dem Tod seines Vaters und an einem einzigen Tag. Die Bibel steht für die Weltsicht seines Vaters, eines Pfarrers der Nieder ländisch-Reformierten Kirche. Der Roman mit dem gel ben Einband ist La Joie de vivre (1884) von Émile Zola, den van Gogh sehr bewunderte, weil er in seinen Wer ken das Leben so darstellte, wie es war. Die erloschene Kerze könnte auf den Tod des Vaters verweisen, aber auch darauf, dass die Zeit der Bibel nun vorüber war. Zolas gelbes Buch wirkt aktuell, relevant und vital. Sein 200
Titel ist lesbar, während der Bibeltext die Form abstrak ter Farbflächen hat. Trotzdem zeigt van Gogh, dass es sich um Jesaja 53 mit der berühmten Beschreibung des leidenden Gottesknechts handelt. Als »Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut« gilt er als Ankündi gung des Erlösers. Zolas Titel Die Lebensfreude ist iro nisch gemeint, denn in dieser tristen Geschichte des Leidens und Elends ist von Freude keine Spur. Insge samt sind die beiden Bücher eine Darstellung der Trauer des Künstlers angesichts des schmerzhaften Verlustes, den er durch den Tod seines Vaters erlitten hat.
Der Tisch des BĂźcherwurms Claude (Claudine) Raguet Hirst Nach 1890, aquarellierte Bleistiftzeichnung auf cremefarbenem Papier 31,8 Ă— 24,1 cm Brooklyn Museum, New York 201
Gedichtband Claude (Claudine) Raguet Hirst Ende des 19. Jahrhunderts, Ă–l auf Leinwand Abmessungen nicht bekannt Privatsammlung 202
Offene Bücher I-VIII András Böröcz 2010, Tuschezeichnungen auf handgeschöpftem Papier, aufgeklebt auf Kiefernholz von 30,5 × 10,2 × 1,9 cm bis 45,8 × 15,3 × 1,9 cm 203
»Ein leeres Buch ist wie eine Kinderseele, in die man alles hineinschreiben kann. Es enthält nichts, ist aber zu allem fähig.«
Thomas Traherne (1636/37–1674)
Schreibender Bischof Meister Theoderich von Prag 1360–1365, Tempera auf Holz 113 × 105 cm Národní Galerie, Prag 205
Das aufgeschlagene Messbuch Ludger tom Ring der Jüngere Um 1570, Öl auf Eichenholz, 66,7 × 66,7 cm Frances Lehman Loeb Art Center, Vassar College, Poughkeepsie, NY 206
Untitled (book) Michael CraigMartin 2014, Acryl auf Aluminium 200 × 200 cm 207
Der heilige Andreas Artus Wolffordt Anfang des 17. Jahrhunderts, Ă–l auf Leinwand 116 Ă— 91,4 cm Privatsammlung 208
Porträt des Émile Verhaeren Théo van Rysselberghe 1915, Öl auf Leinwand 77,5 × 92 cm Musée d’Orsay, Paris 209
Der Schreiber Esra aus dem Codex Amiatinus Unbekannter Künstler Anfang des 8. Jahrhunderts, illuminiertes Manuskript auf Vellum, Abmessungen nicht bekannt Biblioteca Medicea Laurenziana, Florenz
Durch einen Heiligenschein gekennzeichnet sitzt Esra, ein Manuskript schreibend, auf einer Bank. Der offene Bücherschrank hinter ihm enthält eine neunbändige Bibel. Die Bände sind liegend und geschlossen dargestellt. Diese Abbildung, eine der ältesten existierenden Darstel lungen gebundener Manuskripte, ist das Titelbild des Codex Amiatinus, der ältesten noch erhaltenen Abschrift von Hieronymus’ lateinischer Bibelübersetzung, der soge nannten Vulgata. Esra war ein israelitischer Priester und Schriftgelehrter, der das nach ihm benannte biblische Buch verfasste. Der jüdischen Überlieferung zufolge ist er 210
Sammler und Herausgeber des Schriftkanons, was ihn zur idealen Figur für das Titelbild einer Bibel macht. Esra hätte natürlich Schriftrollen verwendet, wird hier aber bei der Arbeit an einem Codex gezeigt, der frühesten Buchform, die sich im 4. Jahrhundert schließlich durchsetzte. Der Codex Amiatinus ist eine der wichtigsten Bibelabschriften der Welt. Er entstand in Monkwearmouth, einem berühmten Kloster und Bücherzentrum im Nordosten Eng lands. Die Mönche begannen mit den Arbeiten daran 692 n. Chr. Nach seiner Fertigstellung Anfang des 8. Jahr hunderts wurde er als Geschenk an den Papst übersandt.
Die vier Evangelisten Pieter Aertsen 1560–1565, Öl auf Eichenholz, 113 × 143 cm Kunsthistorisches Museum, Wien 211
338
Fliegende Bücher (Hommage an Borges) Christian Boltanski 2012, Bücher, unterschiedliche Abmessungen, Ansicht einer Installation in der Biblioteca Nacional de Buenos Aires
Im zentralen Lesesaal der früheren argentinischen Natio nalbibliothek hat sich eine Bücherwolke ausgebreitet. In unterschiedlicher Höhe aufgehängte Bände aller Größen und Farben schweben über den Köpfen der Besucher. Wie der Titel des Werks besagt, lassen sie an einen auf fliegenden Vogelschwarm denken, der hier scheinbar erstarrt ist. Die Bücher sind aber nicht völlig ruhig, sie dre hen sich und schwingen in einem sanften Luftzug, der den Raum mit zarter Bewegung erfüllt. Die Installation ist eine Hommage an den gefeierten argentinischen Schrift steller Jorge Luis Borges, eine der wichtigsten literari
schen Erscheinungen des 20. Jahrhunderts. Borges wurde 1955 zum Direktor der Bibliothek bestellt, die er 18 Jahre leitete. In seiner Kurzgeschichte Die Bibliothek von Babel (1941) wird die Welt als riesige Bibliothek dargestellt, in deren Durcheinander man nach Sinn sucht. Boltanski (geb. 1944) verweist darauf mit einer chaotischen Anord nung von Büchern, dem absoluten Gegenteil von dem, was man in einer öffentlichen Bibliothek erwartet. Man kann diese Bücher auch nicht lesen. Wie die Bibliothek wurden sie einem neuen Zweck zugeführt und verweisen damit auch auf die Neubestimmung des Gebäudes. 339
»Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.«
Jorge Luis Borges (1899–1986)
Rijksmuseum Amsterdam II Candida Hรถfer 2004, Farbabzug, Auflage 6 Exemplare 215 ร 180 cm 341