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Leseprobe | Frauen am Bauhaus

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Die Autoren Patrick Rössler ist Pro­ fessor für Kommunika­ tionswissenschaft an der Universität Erfurt mit einem Schwerpunkt zur Geschichte der visuellen Kommunikation. Er be­ schäftigt sich seit vielen Jahren mit den Biografien von Bauhaus-Angehörigen und veröffentlichte u. a. Das Bauhaus am Kiosk, The Bauhaus and Public Relations und bauhaus.typographie.

Elizabeth Otto ist Professorin für moderne und zeitgenössische Kunst­ geschichte an der State University of New York in Buffalo, USA. Sie hat zahlreiche Bücher mit dem Schwerpunkt Bauhaus veröffentlicht, u. a. Tempo, Tempo! The Bauhaus Photomon­ tages of Marianne Brandt und Bauhaus Bodies: Gender, Sexuality, and Body Culture in Modernism’s Legendary Art School.

Titel der Originalausgabe: Bauhaus Women: A Global Perspective Erschienen bei Palazzo Editions Ltd, London 2019 Copyright © 2019 Palazzo Editions Ltd 15 Church Road, London, SW13 9HE www.palazzoeditions.com

t l a Inh 6

Einleitung

96

1919

Otti Berger

102

Margarete Dambeck

104

Florence Henri

12

Friedl Dicker

17

Marguerite Friedlaender-Wildenhain

106

Grit Kallin-Fischer

20

Gertrud Grunow

108

Margarete Leischner

22

Gunta Stölzl

110

Wera Meyer-Waldeck

28

Lydia Driesch-Foucar

116

Lotte Stam-Beese

34

Ilse Fehling

118

Etel Mittag-Fodor

36

Margarete Heymann-Loebenstein

121

Karla Grosch

1920

1927

1928

42

Benita Koch-Otte

127

Margaret Leiteritz

Design and layout: Copyright © 2019 Palazzo Editions Ltd Text © 2019 Patrick Rössler & Elizabeth Otto Designed by Becky Clarke for Palazzo Editions

44

Lou Scheper-Berkenkamp

130

Edith Tudor-Hart

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Lore Leudesdorff-Engstfeld

134

Ivana Tomljenović

52

Ré Soupault

140

Monica Bella Ullmann-Broner

Deutsche Erstausgabe Copyright © 2019 von dem Knesebeck GmbH & Co. Verlag KG, München Ein Unternehmen der La Martinière Groupe

56

Anni Albers

146

Kitty Fischer van der Mijll Dekker

58

Gertrud Arndt

150

Zsuzska Bánki

62

Lucia Moholy

156

Ricarda Schwerin

68

Ise Gropius

162

Grete Stern

72

Irene Bayer

166

Michiko Yamawaki

78

Lis Beyer-Volger

172

Irena Blühová

80

Marianne Brandt

178

Judit Kárász

86

Ruth Hollós-Consemüller

180

Hilde Hubbuch

88

Katt Both

184

Stella Steyn

90

Lena Meyer-Bergner

186

Lilly Reich

92

Margaretha Reichardt 188

Literaturverzeichnis

192

Dank

Projektleitung: Susanne Caesar, Marc Schmid, Knesebeck Verlag Koordination: Gerdi Killer, bookwise GmbH Übersetzung aus dem Englischen: Birgit van der Avoort Lektorat: Lilly Bandulet Umschlaggestaltung: Fabian Arnet, Knesebeck Verlag Satz: satz & repro Grieb, München Herstellung: Arnold & Domnick, Leipzig Printed in China ISBN 978-3-95728-230-9 Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise. www.knesebeck-verlag.de

UMSCHLAGBILDER VORDERSEITE: Nachlass Margaret Camilla Leiteritz © Heinrich P. Mühlmann // Burg Giebichen­stein Kunsthochschule Halle // Klassik Stiftung Weimar, Fotothek © v. Bo­delschwinghsche Stiftungen Bethel // Dirk Urban/Stadt Erfurt © Nachlass ­ Mar­ga­rete Marks. Alle Rechte vorbehalten, DACS 2018. RÜCKSEITE: Marinko Sudac Collection // Bauhaus-Archiv Berlin, Nachlass Gertrud Arndt © DACS 2018

1921 1922 1923 1924

1925 1926

1929 1930

1931

1932


t d n r ud A

r t r e G

Höchstens ein Dutzend Jahre ihres Lebens wirkte Gertrud Arndt als aktive Künstlerin – nur ein Bruchteil des knappen Jahrhunderts, dessen Zeuge sie wurde. Und doch schuf sie in dieser vergleichsweise kurzen Phase einige der eindrücklichsten Schülerarbeiten des Bauhauses: Konsequent geometrische Dessins für Textilien und Möbelstoffe, aber vor allem eine Serie von Selbstporträts in unterschiedlichen Verkleidungen, die eigentlich überhaupt nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Dass ihr unbestrittenes Talent nach der Familiengründung keinen Ausdruck mehr fand, ist als Arndts persönliche Entscheidung zu respektieren – und vielleicht eine Konsequenz der ihr verweigerten Karriere als Architektin, die sie beim Eintritt ins Bauhaus ursprünglich anstrebte. Geboren als Gertrud Hantschk im oberschlesischen Ratibor, kam sie mit ihrer Familie erst nach mehreren Umzügen 1916 nach Erfurt. Im Jahr darauf schloss sie als 14-Jährige die Schule ab und folgte, wie so viele ihrer Generation, dem Drang nach Freiheit. Sie suchte nach einer Perspektive jenseits dessen, was die Generation ihrer Eltern vorgelebt und letztlich in die Weltkriegskatastrophe geführt hatte: Wie Christian Wolsdorff in seiner biografischen Skizze darlegt, schloss sie sich der naturromantischen Wandervogelbewegung an und rebellierte gegen bürgerliche Konventionen. Sie schnitt sich schon als junges Mädchen ihre Zöpfe ab, interessierte sich für vegetarische Ernährung und trat aus der katholischen Kirche aus. So ist auch ihr Berufswunsch Architektin, den sie damals ent­wickelte, als Gegenmodell zu den etablierten Geschlechterrollen jener Tage zu verstehen. Bei dem Erfurter Architekten Karl Meinhardt, einem Mitglied des Deutschen Werkbundes, erhielt die widerspenstige junge Frau die Gelegenheit, eine Ausbildung zu absolvieren; diese umfasste allerdings primär die Bürotätigkeiten einer Kunstgewerblerin und Architekturzeichnerin, außerdem Materialberechnungen, Kostenkalkulationen und Korrespondenz ­so­wie immerhin eigene Entwurfstätigkeiten im Bereich des Innenausbaus. Ihr Zeugnis verschweigt leider, dass Hantschk, die parallel an der Erfurter Kunst­gewerbeschule Zeichenklassen besuchte, im Auftrag Meinhardts ­Topo­grafien der Stadt mit einer Fotokamera dokumentierte. Zwar erschien ­dieses Buch nie und sämtliche Aufnahmen sind verschollen, aber das Vorhaben war eine willkommene Gelegenheit für die Autodidaktin, sich in Aufnahmetechnik und den Dunkelkammerarbeiten zu schulen. Ein Wendepunkt im Leben der damals Zwanzigjährigen war ihre Beteiligung an Meinhardts Bau des Privathauses von Walter Kaesbach, seit eini58

FRAUEN AM BAUHAUS

Geboren: Gertrud Hantschk, 20. September 1903 in R ­ atibor, Oberschlesien (Deutschland; heute Raciborz, Polen) Gestorben: 10. Juli 2000 in Darmstadt (Deutschland) Immatrkuliert: 1923 Stationen ihres Lebens: Deutschland

OBEN Gertrud Arndt, Maskenphoto Nr. 37, ca. 1930. Aus einer Serie von Selbstbildnissen in Verkleidung, erst 1979 erstmalig öffentlich ausgestellt. RECHTS Walter Gropius’ Büro am Bauhaus Weimar, ca. 1923–1925; vorn ein Teppich von Gertrud Arndt, 1924. Farbdruck nach der für den Druck kolorierten Fotografie von Lucia Moholy, 1925.

ger Zeit Direktor des Städtischen Museums (dem heutigen Angermuseum) in Erfurt. Unter seinem Direktorat wurden unter anderem Werke von Wassily Kandinsky, Paul Klee und Lyonel Feininger ausgestellt, weshalb es wenig ver­ wunderte, dass er die so ambitionierte wie talentierte Mitarbeiterin Hantschk an das Bauhaus empfahl. Schon Meinhardt hatte ihr neben einem Sinn für Rhythmus ein »gutes Form- und Farbgefühl« und eine »leichte Auffassungsgabe« attestiert, und so erhielt sie ein Stipendium der Stadt Erfurt am Bauhaus, das sie im Herbst 1923 mit der Teilnahme am Vorkurs antrat. Der ­Unterricht bei Klee und Kandinsky hat sie in deren Unterschiedlichkeit zeitlebens geprägt. Im Anschluss nahm sie am Kurs »Werkzeichnen« von Adolf Meyer teil, der als nächster Schritt hin zu einer (damals noch nicht formalisierten) Architekturausbildung galt. Allerdings schien ihr dies nach der intensiven Zeit bei Meinhardt wenig Neues zu bringen, und als einzige Frau in dieser Klasse hat sie sich wohl auch nicht besonders wohlgefühlt; jedenfalls gab Georg Muches Empfehlung, eine ihrer Vorkurs-Übungen würde sich zur Umsetzung als Teppich eignen, dann den Ausschlag zugunsten dessen Webereiwerkstatt. Gertrud Hantschk, der eigenen Aussagen zufolge nie viel an der GERTRUD ARNDT

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60 Betten, eine weitere für eine Schule mit acht Klassenräumen. Direktor Ludwig Mies van der Rohe unterschrieb ihr Architektendiplom, das ihr auch die Mitarbeit an Projekten wie der Wohnung für Erwin und Hildegard Piscator, dem Haus Hahn in Dessau-Roßlau sowie dem von Gropius entworfenen Arbeitsamt Dessau attestierte. Trotz ihrer hervorragenden Qualifikationen konnte Meyer-Waldeck anfangs keine Stelle als Architektin finden, sodass sie zunächst für die Junkers-Werke in Dessau arbeitete, wo sie von 1934 bis 1937 Entwürfe für den Flugzeugbau zeichnete. Von dort zog sie weiter nach Berlin, wo sie im Planungsbüro der Reichsautobahnen Brücken, Rasthäuser und Bürobauten gestaltete. Von 1939 bis 1941 arbeitete sie bei der Reichsbahnbaudirektion in Berlin an Entwürfen für Berlins Bahnhöfe. Meyer-Waldecks Archiv enthält auch ein Stellenangebot von Siemens aus dem Jahr 1942, das sie anscheinend abgelehnt hatte. Stattdessen leitete sie von 1942 bis Ende April 1945 das Planungs- und Baubüro der Berg- und Hüttenwerksgesellschaft Karwin in Oberschlesien. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs befähigten sie ihre guten Englischund Französischkenntnisse, bei der amerikanischen Militärbasis in Mining nahe Braunau zu arbeiten. Von Österreich zog sie zurück in ihre Heimatstadt 112

FRAUEN AM BAUHAUS

OBEN Axonometrische Auf­ risszeichnung, angefertigt anhand von Meyer-Waldecks Konstruktionszeichnungen für ihr Semesterabschlussprojekt im Bauhaus-Kurs, 8-klassige Volksschule. Nicht gebaut.

OBEN Wera Meyer-Waldeck, Schaufenster und Innen­g estal­ tung des Einrichtungshauses Teppich-Schlüter, Bonn, 1950.

Dresden und wurde dort Dozentin für Innenausbau an der Staatlichen Hochschule für Werkkunst. Nach einigen Jahren als Dozentin verließ sie Ostdeutschland und zog in die Bundeshauptstadt Bonn, wo sie 1950 ihr eigenes Architekturbüro eröffnete. Sie übernahm zahlreiche mittelgroße Projekte, darunter den Umbau des Einrichtungshauses Teppich-Schlüter mit einer auffälligen Wendeltreppe – ein Indiz dafür, dass sie ihre Kenntnisse in der Produktinszenierung seit der Studienzeit vertieft hatte. Meyer-Waldeck gehörte zur architektonischen Avantgarde und wollte in der Nachkriegszeit ihren Teil zum Wiederaufbau Deutschlands beitragen. Sie interessierte sich für neue energieeffiziente Systeme und baute 1951 und 1952 Bonns erstes Ytong-Musterhaus aus leichten Porenbeton-Steinen. Als Vorstandsmitglied des Deutschen Frauenbundes und Präsidentin der Kommission für Öffentliche Arbeiten und Wohnungswesen organisierte sie in Bonn So ... Wohnen, eine der ersten Wohnbaumessen im Nachkriegsdeutschland. Einiges Renommée hatte ihr bereits eine Zusammenarbeit mit Hans Schwippert eingebracht, mit dem sie den Innenausbau für den neuen Deutschen Bundestag in Bonn übernahm. Ein entscheidendes Ereignis im Leben von Wera Meyer-Waldeck war 1953 eine Reise in die USA, wo sie die früheren Bauhaus-Direktoren Gropius WERA MEYER-WALDECK

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tierten Studierenden, die sich gegen allzu auto­ritäre Strukturen am Bauhaus zur Wehr setzten. Der Leiter der Fotografiewerkstatt, Walter Peterhans, den sie als »schwierige Person, launisch, unberechenbar, leicht neurotisch« beschreibt, beschuldigte sie, ihre fotografischen Arbeiten nicht selbst angefertigt zu haben. Sie wehrte sich gegen diesen Vorwurf mit einer eigenen Ausstellung, zu der sie Meister und Studentenvertreter einlud, um ihre Fotos zu diskutieren. Obwohl sie so in diesem Konflikt die Oberhand behielt, verließ sie das Bauhaus im April 1930: Ihre Eltern riefen sie nach Hause, auf dass sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen möge; aber nach der Heirat mit Ernst Mittag kehrte sie 1932 für einige Zeit als Hospitantin nach Dessau zurück. Zwischenzeitlich erledigte sie Fotoaufträge und lieferte Reportagen für die kommunistische Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (A-I-Z) von Willi Münzenberg, unter anderem aus Moskau von der dortigen Gruppe um Hannes Meyer. Ab 1933 unterstützte das Ehepaar den antifaschistischen Widerstand und musste wiederholt die Verhaftung fürchten. Selbst römisch-katholisch, war Mittag-Fodor von den Machthabern wegen ihrer jüdischen Vorfahren zur »unerwünschten Person« erklärt und damit jeglicher Arbeitsmöglichkeiten beraubt worden. Der Architekt Ernst Mittag hingegen konnte im boomenden Nazi-Deutschland immer wieder an Bauvorhaben mitwirken. Nach der Geburt des ersten Sohnes Thomas entschied sich das Paar 1938 zur Emigration nach Südafrika, wo Mittag-Fodor zunächst noch als Fotografin arbeitete, bis mit dem Kriegsausbruch Fotomaterialien kontingentiert wurden und sie aus akuter Finanznot ihre Dunkelkammerausrüstung verkaufen musste. Etel MittagFodor arbeitete daraufhin einige Zeit als Übersetzerin in der Zensurbehörde, bevor 1940 ihr zweiter Sohn Michael geboren wurde und sie fortan im Architek­ turbüro ihres Ehemanns aushalf. In den 1950er-Jahren begann sie mit dem Anbau und Verkauf eigenen Weins auf einer Farm und ab 1964 entdeckte sie die Weberei wieder für sich. Sie wird Mitglied der südafrikanischen Guild of Weaving und gibt Kurse in »Creative Textiles« am örtlichen Frank Joubert Art Centre. 1984 zeigte eine Einzelausstellung erstmals ihre Wandteppiche, die sie nicht verkaufte, sondern nur an Verwandte und Bekannte verschenkte. Auch im Alter gab das Ehepaar sein Engagement für eine bessere und gerechtere Welt nicht auf. Etel Mittag-Fodor betreute ehrenamtlich die Webereiwerkstatt einer jüdischen Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung, und beide unterstützten die Anti-Apartheid-Bewegung. Da Ernst Mittag außer­ dem nach wie vor der Kommunistischen Partei angehörte, standen sie unter Beobachtung, hatten jahrelang Reiseverbot und erhielten keine Visa. Das Stillleben mit Revolver und Zuckerstücken mag man als Alle­gorie auf ihr langes Leben begreifen, durch das sich das Schicksal von Be­drohung und Verfolgung, aber auch das bekannte Muster eines künstlerischen Talents, das im Schatten der Zeitläufte und der Karriere des Ehemanns lange unbeansprucht blieb, wie rote Fäden ziehen.

h c s o a Gr

Karl Etel Mittag-Fodor, Ohne Titel, Fotografische Studie mit Spielzeugpistole, Zuckerwürfeln und Glas, 1928.

Wie keine Zweite verkörperte Karla Grosch den Typus des »Bauhausmädels«: Ihr Lachen zierte 1930 die Aufmacherseite einer Reportage in der populären Illustrierten Die Woche, die sich dem Bauhaus als Ausbildungs­ stätte speziell von »Mädchen, die etwas lernen wollen«, widmete. Kurioserweise traf dies ausgerechnet auf Grosch gar nicht zu, denn als eine der wenigen jungen Frauen war sie nicht zum Studieren ans Bauhaus gekommen, sondern als Sport- und Gymnastiklehrerin angestellt. Von sich selbst sagte sie einmal: »Ehrgeiz, selbst etwas Großes zu leisten, besitze ich leider absolut nicht«. Und schließlich nahm ihr Leben einen tragischeren Verlauf als das der anderen Bauhaus-Angehörigen, denn sie sollte ihren 30. Geburtstag nicht mehr erleben. Mit ihrem ungeborenen Kind unter dem Herzen ertrank sie im Frühjahr 1933 beim Baden vor der Küste Palästinas. Geboren wurde Karla Grosch 1904 in Weimar, aber obwohl sie am Gründungsort des Staatlichen Bauhauses aufwuchs, interessierte sie sich (anders als ihre ältere Schwester Paula, die 1923 für kurze Zeit am Vorkurs teilnahm) nicht für eine Ausbildung in den bildenden Künsten. Stattdessen zog sie nach einer Holzbildhauerlehre für eine Ausbildung nach Dresden, wo sie als eine der ers­ten Schülerinnen der fast gleichaltrigen Gret Palucca in den seinerzeit wichtigsten tänzerischen Techniken unter­ richtet wurde. Als Schülerin von Mary Wigman gab Palucca dem Ausdruckstanz maßgebliche Impulse, machte sich 1925 selbständig und genoss unter den BauhausMeistern hohes Ansehen: Schon 1926 würdigte Wassily Kandinsky ihre Arbeit in zwei Aufsätzen und druckte ein Bild von ihr im Sprung in seinem Buch Punkt und Linie zu Fläche ab; im Jahr darauf geriet Lázló MoholyNagy angesichts ihres Auftritts im Bauhaus Dessau in Verzückung. Von diesem Gastspiel im April 1927 ist ein Foto überliefert, das Felix Klee von seinen Eltern Paul und Lily Klee anfertigte, die gemeinsam mit Palucca und der sie begleitenden Karla Grosch posieren. So verwundert es kaum, dass sich das Bauhaus auf der Suche nach einer Lehrkraft für Sport und Gymnastik für diese Palucca-Schülerin entschied,

Geboren: 1. Juni 1904 in ­Weimar (Deutschland) Gestorben: 8. Mai 1933 in Tel Aviv-Jaffa (Israel) Angestellt: 1928–1932: Lehrerin für Gymnastik und Sport am Bauhaus Dessau Stationen ihres Lebens: Deutschland, Palästina

RECHTS Karla Grosch und »Boby« Aichinger, 1930er-Jahre. 120

FRAUEN AM BAUHAUS

KARLA GROSCH

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OBEN Bella Ullman-Broner posiert als Kämpferin für Frauenrechte. 1930, in Kämpferin für Frauenrechte von Max Gebhard. Die Montage wurde später als Cover für den Ausstellungskatalog Bauhaus Dessau 1928–1930 abge­ druckt, Moskau, 1931. OBEN LINKS Bella Ullmann-Broner, Bewegungsstudie, aus dem Vorkurs von Josef Albers, 1929–1930. UNTEN LINKS Bella Ullmann-Broner, Versuch einer Farbgebung für die Sekundärfarben, 1931.

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FRAUEN AM BAUHAUS

damit zur Mehrheit der Studentinnen, die sich nach bereits abgeschlossenen Berufsausbildungen für das Bauhaus entschieden. Dort schrieb sie sich zum Wintersemester 1929/1930 mit der Matrikelnummer ­ 394 ein. Ihr Studienverlauf ist aus den dem Bauhaus-Archiv übergebenen Blättern gut nachvollziehbar. Ihre Mitschriften aus den Vorkursen »Farblehre« bei Josef Albers und »Analytisches Zeichnen« bei Wassily Kandinsky wurden in der Literatur vielfach zitiert, vornehmlich zum Thema Farbe. Daneben besuchte die vielseitig interessierte junge Künstlerin offenbar auch Kurse von Hinnerk Scheper, Joost Schmidt und dem Fotografen Walter Peterhans. 1930 posierte Bella Ullmann als Kämpferin für Frauenrechte in der gleichnamigen Montage des ­M it­studenten und KPD-Mitglieds Max Gebhard, die ein Jahr später als Cover für den Moskauer Ausstellungskatalog Bauhaus Dessau 1928–1930 abgedruckt wurde. Bei Hinnerk Scheper erlernte sie womöglich die Wand­malerei und bei Joost Schmidt die Illustration. Beides sind Arbeitsfelder, die sie in ihrem späteren Berufsleben zumindest zeitweise praktizierte. Selbst archi­ tektonische Entwürfe für ein Wochenendhaus (1929) sind von ihr erhalten. Ihre Ambitionen endeten jedoch wie die vieler Mitstudentinnen in der Textilwerkstatt des Bauhauses. In der Weberei-Klasse war sie unter Gunta Stölzl nachweislich an Entwürfen für die Industrie beteiligt. Innerhalb der unrühmlichen Affäre um Stölzls Kündigung ist sie 1930 als Mitunterzeichnerin eines Briefes von Otti Berger an die Stölzl-kritischen Mitstudentinnen zu finden. Mit ihrer Lehrmeisterin hielt sie dann auch nach der Studienzeit über die Jahre hinweg Kontakt. In den 1950er-Jahren besuchte die nun als Bella Ullmann-Broner firmierende Künstlerin Gunta Stölzl regelmäßig in Zürich und organisierte noch 1977 eine Ausstellung mit deren Werken in Stuttgart. Im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung nach 1933 geriet Bella Ullmanns Leben als Halbjüdin in Gefahr. Ihre Mutter bemühte sich, mit ­ihren insgesamt sieben Kindern aus Deutschland zu emigrieren. Ein Teil der Familie fand ab 1936 in Amerika Zuflucht. Ullmann selbst ging nach Palästina, wo sie von 1937 bis 1938 mit dem ehemaligen Bauhaus-Studenten und Exmann von Gunta Stölzl, dem Architekten Arieh Sharon zusammenarbeitete. Möglicherweise wirkte sie bei dessen Entwürfen für Genossenschaftsbauten in Tel Aviv mit. Die Art ihrer Beziehung zu Arieh Sharon konnte bislang ebenso wenig detailliert werden wie ihre vorangegangene kurze Ehe mit dem Bauingenieur Karl Ernst Rosenthal, die sie 1933 in München geschlossen hatte und die 1938 geschieden wurde. Gut möglich, dass sie mit ihm bereits 1933 nach Palästina emigriert war, nachdem ein Fluchtversuch über Rotterdam im selben Jahr gescheitert war. Rosenthals Namen hat sie im Gegensatz zu dem von Erwin Broner nicht angenommen. Die Eheschließung mit dem als Erwin Heilbronner in eine jüdische Münchener Bankiersfamilie geborenen Broner fand in Palästina statt. Mit ihm teilte Bella Ullmann nicht nur den spartenübergreifenden künstle­rischen MONICA BELLA ULLMANN - BRONER

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wegen ihrer jüdischen Herkunft, sondern aufgrund kommunistischer Überzeugungen, die anfangs ein wichtigerer Grund für die Verfolgung durch die Nazis waren. Sie schlossen das Atelier und gingen getrennte Wege: Rosenberg emigrierte, unterstützt durch ein Darlehen von Stern, mit ihrem Partner Walter Auerbach nach Israel. Währenddessen zog Stern mit ihrem Freund Horacio Coppola – ein argentinischer Fotograf, den sie am Bauhaus kennengelernt hatte – nach Großbritannien. In London traf sie ihre ehemalige Bauhaus-Kommilitonin Stella Steyn und machte ein Porträt von ihr, umwerfend schön und scheinbar halb schlafend (Seite 185). Mitte der 1930er-Jahre heirateten Stern und Coppola und siedelten nach Argentinien über, wo ihre Tochter Silvia geboren wurde. Sie eröffneten in Buenos Aires ihr eigenes Foto- und Werbe-Atelier, durch das sie in Kontakt mit Intellektuellen und Künstlern kamen und einen entscheidenden Beitrag zur Modernisierung der Fotografie in Argentinien leisteten, wie 2015 die Aus­stellung ihrer Arbeiten im Museum of Modern Art (New York) demonstrierte. Nach der Geburt eines Sohnes 1940 trennte sich das Paar und ließ sich im darauf­folgenden Jahr scheiden. Stern blieb in Argentinien. Sie wusste gut über die Psychoanalyse in Europa Bescheid und so war sie die richtige Person, um diese Methode zusammen mit einigen befreundeten Psychoanalytikern im Argentinien der Nachkriegszeit populär zu machen. Die Zeitschrift Idilio veröffentlichte in ihrer Kolumne »Psychoanalsye kann helfen« von 1948 bis 1951 eine spektakuläre Serie von Sterns Fotomontagen mit dem Titel Sueños (»Träume«) – zusammen mit Essays der Fotografin. Ähn­ lich den für ringl + pit entstandenen Arbeiten haben diese Fotomontagen häufig etwas Spielerisches, zeugen dabei aber sowohl von Sterns psychoanalytischen Kenntnissen wie auch von ihrer eigenen Traumatisierung. Dream No. 1 beschwört sowohl die Lächerlichkeit von Träumen – eine winzige Frau, die an Alice im Wunderland erinnert, wird zum Lampensockel – zum anderen, verbildlicht in der Hand eines ansonsten unerkannt bleibenden Mannes, der den Finger ausstreckt, um die Frau anzuknipsen, wird auf unter­ drückte Wünsche angespielt, auf die Träume hinweisen können. Von 1959 bis 1960 unterrichtete Stern an der Universidad Nacional del Nordoeste in Resistencia, der Hauptstadt der Provinz Chaco. Vier Jahre später erhielt sie den Fondo ­Nacional de las Artas (Nationaler Kunstförderpreis), der es ihr ermög­lichte, die Region zu bereisen. In mehr als achthundert Fotografien hat sie das Leben, die Arbeit, die handwerklichen Traditionen und den täg­ lichen Kampf ums Überleben der einheimischen Bevölkerung festgehalten. Die Vorgeschichte von ringl + pit als Pioniere des Reklamewesens führt uns zurück zur Madison Avenue und zu den Fotografien der Agentur Mauritius. Auch deren Gründer Mayer hatte fliehen müssen und war mit drei Koffern voller Fotografien in New York angekommen. Diese bildeten das Startkapital der berühmten, von Mayer gemeinsam mit Kurt Szafranski und Kurt Kornfeld gegründeten Bildagentur Black Star, zu deren Kunden die Magazine Life und Time gehörten. Die Aufnahmen waren ohne die Namen der Fotografen im Umlauf und wurden, wenn sie ausgedient hatten, einfach entsorgt. Ellen Auerbach (frühere Rosenberg) ließ sich ebenfalls in New York nieder und Stern, ihre lebenslange Freundin, besuchte sie 1972 auf ihrer Reise, die sie auch nach England, Frankreich, Griechenland, Israel und – zum ersten Mal seit 1933 – nach Deutschland führte. 1992, als sie ihr Handwerk wegen ihres nachlassenden Sehvermögens aufgeben musste, sagte Stern: »Die Fotografie hat mir großes Glück geschenkt. Ich habe viel gelernt und konnte all das sagen, was ich sagen und darstellen wollte.« 164

FRAUEN AM BAUHAUS

RECHTS Attraktion, 1930–1931. Collage mit Ellen Auerbach und Grete Stern in Kostümen aus Die Ringl-Pitis, Geschenk von Ellen Auerbach (pit) an Grete Stern (ringl). UNTEN LINKS Artikel von Traugott Schlachter, »Fotostudien/ Kame­ra­s tudien, ringl + pit (Ellen Rosen­berg, Grete Stern)«, in der zweisprachigen GrafikdesignZeitschrift Gebrauchsgrafik, 1931. UNTEN RECHTS Grete Stern, Sueño (Traum No. 1), 1949.

GRETE STERN

165


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