Jan Martin Ogiermann
ZUKUNFT EINE BIOGRAFIE Vom antiken Orakel zur kĂźnstlichen Intelligenz
INHALT I. EINLEITUNG
Beschleunigte Aussichten
II. DAS WERDEN DER ZUKUNFT
1. Die Welt in der Leber 2. Die Globalisierung der kommenden Zeit 3. Zukünfte im Widerstreit
III. DIE VERGANGENHEIT DER ZUKUNFT
1. Die neue Welt bauen, die alte zerstören 2. Fiktion und Vision 3. Angst und Traum als Wissenschaft
IV. DIE ZUKUNFT VON HEUTE
Jan Martin Ogiermann studierte Geschichte, Jüdische Studien und Holocaust Studies in Frankfurt, Jerusalem, Potsdam und Berlin. Heute arbeitet als Lektor und Ausstellungserklärer und schreibt historischer Sachbücher, wann immer er die Zeit dazu findet. Lebt in wilder gesegneter Ehe mit drei Kindern in Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen, etwa „Friedrich – Ein deutscher König“ (mit Johannes Unger, List-Verlag), Geheimnisvolle Orte (Ch.LinksVerlag), Der Reichstag.
1. Think Tanks und Future Labs: Futter für Entsc heider 2. Die Akteure der Zukunft 3. Alles unklar: Vorhersagen zwischen Statistik und Narrativ
INHALT
I. EINLEITUNG: BESCHLEUNIGTE AUSSICHTEN Autonome Fahrzeuge, Nanobots in unserer Blutbahn, blitzschnelle Genomscans, revolutionäre Quantencomputer, intelligente Kleidung – es reifen Innovationen heran, die unsere Welt verändern werden. Oder besser gesagt: noch stärker verändern werden, denn die vergangenen Jahrzehnten erlebten ohnehin schon mehr Wandel als irgendeine andere Epoche in der Geschichte. Hunger, Krieg und Seuchen, welche die Menschheit seit ihren Anfängen plagten, haben viel von ihrem Schrecken verloren, so dass sie sich neuen Zielen widmen kann. Umso gebannter schauen wir nach vorne. Die Vorhersagen der Experten und Propheten reichen von der Auslöschung unserer Art bis zu perfekten Welten voller langlebiger, mit Superkräften ausgestatteter Gott-Menschen. Welche von all diesen möglichen Zukünften soll ich erhoffen, erwarten oder befürchten? Auch beim Blick voraus hilft der Blick zurück. Der Ehrgeiz, die Zukunft zu ergründen, ist sehr alt, sei es durch Weissagung oder das Voraussehen des Weltendes. Was überholt klingen mag, kann auch heute noch Menschen umtreiben und auch vorgeblich rationale Perspektiven beeinflussen. Schließlich ist die heute verbreitete Vorstellung, die Welt in hundert Jahren ließe sich vorhersagen, relativ jung und schon deswegen nicht ohne Konkurrenz. Seit über zweihundert Jahren entwerfen Philosophen, Schriftsteller, Naturwissenschaftler und Politiker künftige Welten. Wie dachten sie sich die Gesellschaft von heute? Welche technischen Mittel sagten sie voraus? Und vor allem: Was davon trat ein, was nicht? Dass wir heute nicht alle mit dem Hubschrauber zum Supermarkt fliegen, wäre für die Visionäre der fünfziger Jahre eine herbe Enttäuschung. Für uns liegt hier die Erkenntnis, dass nicht alles, was irgendwann
einmal wahrscheinlich, wünschenswert oder sogar unausweichlich erschien, auch Realität wird. Doch wie entstehen solche Bilder vom Morgen? Welche Ideen und Interessen kommen in ihnen zum Ausdruck? Die Beschäftigung mit der Zukunft wie auch die mit der Zukunft fordert unsere Vorstellungskraft heraus. Es entstehen Geschichten mit Helden, Gegenspielern und Schicksalen. Welche Geschichten von der Zukunft erzählten und erzählen die Auguren und Visionäre? Welche Epoche bevorzugte Komödien, welche ein tragisches Ende? Was wurde aus den Helden – beziehungsweise Menschenbildern – von einst?
II. DAS WERDEN DER ZUKUNFT Für uns Zeitgenossen der Globalisierung ist es selbstverständlich, uns die Zukunft des Planeten und der Menschheit auszumalen. Doch längst nicht immer haben Menschen auf diese Weise in die vorausliegende Zeit geblickt. So weit wir zurückblicken können, finden wir ein großes Interesse an dieser, doch unterschieden sich Horizont und Gegenstände der Erwartung nach Zeit und Ort sehr stark. Der heutige Zukunftsbegriff wurzelt in jüdischen sowie in aufklärerischen Ideen.
1. Die Welt in der Leber Während vieler Jahrtausende entschied das Wetter und der Ausgang von Kriegen, ob die Menschen überlebten oder nicht. Unsere Vorfahren reagierten darauf mit ausgefeilten Prognoseverfahren. Ernteund Schlachtenglück lasen die Völker der Alten Welt aus den Eingeweiden der Opfertiere und dem Vogelflug. Berauschte Botinnen übermittelten Antworten der Götter zu allen Lebenslagen. Das waren nicht nur Rituale der Zuversicht in einer unberechenbaren Umwelt, sondern in Mesopotamien, Griechenland und Rom sakrosankte Faktoren in der politischen Entscheidungsfindung, insbesondere die mindestens dreieinhalb Jahrtausende lang betriebenen Leberschau, die im Zentrum des Kapitels steht.
2. Die Globalisierung der kommenden Zeit
III. DIE VERGANGENHEIT DER ZUKUNFT
Griechen und Römer deuteten die Geschichte als eine Abfolge von Aufstieg und Niedergang, eingebettet in eine sich zyklisch erneuernde und vergehende Natur. Im alten Israel zeichnete sich ein neues Zeitverständnis ab, als die Propheten mit den Konsequenzen des Abfalls von Gott drohten und so das Gemeinwesen zusammenhielten – auch dann, wenn der identitätsstiftende Opferkult nicht möglich war. Diese Mahner und Warner, die stets auf politische Konstellationen reagierten, stehen im Zentrum des Kapitels. Aus ihrem Wirken entwickelte sich die Idee eines Endgerichts und einer kommenden Welt, die sich von der alten unterscheidet. Die Geschichte betraf fortan die ganze Welt und hatte ein Ende, das die Juden und später die Christen erwarteten. Es galt, die Zeichen der Endzeit zu erkennen und sich auf sie einzustellen. Die Aussicht auf ein baldiges Weltende setzte große Energien frei, auch intellektuelle. Das Lesen der Zeichen leitete zur naturwissenschaftlichen Erforschung des Kosmos über. Apokalyptische Haltungen, ob in religiöser oder säkularisierter Form, sind bis heute präsent und folgenreich.
Seit dem 18. Jahrhundert produzieren Politiker, Schriftsteller, Philosophen und Naturwissenschaftler zukünftige Welten. Ihre Visionen lassen sich entsprechend ihren Vorläufern einteilen: Prognostiker versuchten wie einst die Leberschauer auf einer optimalen Datenbasis möglichst genaue Vorhersagen zu treffen; Propheten warnten die Menschheit davor, ein böses Ende selbst herbeizuführen; Apokalyptiker suchten nach Anzeichen des Endes dieser Welt, wie man sie kannte; Fortschrittsgläubige träumten vom der Selbstoptimierung der Menschheit. Längst kann man erkennen, wer richtig lag und wer daneben.
3. Zukünfte im Widerstreit Trotz wichtiger geistiger Impulse auch im Mittelalter geht die Erfahrung von revolutionärer Veränderung dem Denken derselben voraus. Die Entdeckung und Unterwerfung fremder Kontinente, die Folgen des Buchdrucks und der religiösen Spaltung des christlichen Europa markieren den Beginn einer neuen Zeit. Die daraus folgende Unsicherheit fördert die Blüte der Astrologie um 1600 und verschärft die Endzeiterwartung von Christen aller möglichen Strömungen. Gleichzeitig fördert die Bewegung der Aufklärer das Bewusstsein der Formbarkeit von Gesellschaft und Natur. Das wissenschaftliche Denken verbindet sich mit den emanzipatorischen Zielen der Aufklärung zu einem innerweltlichen Fortschrittsglauben, der schließlich den Sieg davonträgt und nach wie vor zahlreiche Akteure des Wandels antreibt.
1. Die neue Welt bauen, die alte zerstören Inspiriert von sozialem Wandel und wissenschaftlichen Entdeckungen entstehen umfassende gesellschaftliche und politische Programme, insbesondere die von Liberalismus und Sozialismus hervorgebrachten. Im Zeitalter der Weltkriege machen ihnen radikale Utopien Konkurrenz, welche eine wichtige Motivation für die Gewaltexzesse der Epoche liefern. Die totalitären Ansätze sind gescheitert, doch was bleibt von den Entwürfen des klassischen Liberalismus und Sozialismus? Und wie bewährten sich die Prognosen der Politologen Samuel Huntington und Francis Fukuyama in den rund 25 Jahren nach ihrem Erscheinen?
2. Fiktion und Vision Literarische Gedankenspiele, später Science Fiction genannt, prägen seit dem 19. Jahrhundert unsere Zukunftsbilder. Sind Schriftsteller vielleicht die wahren Erben der Orakel und Propheten? Und wie weit reicht ihre Wirkung über die Unterhaltung des Publikums hinaus?
3. Angst und Traum als Wissenschaft Seit den sechziger Jahren behandeln die Wissenschaftler die Zukunft so, als sei sie ein Forschungsobjekt. Welche Mittel und Wege ließen sie sich einfallen? Und wie nahe kamen sie der Zukunft, die unsere Vergangenheit ist?
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IV. DIE ZUKUNFT VON HEUTE Unsere Zeit ist zukunftsschwanger. Die sich abzeichnenden technischen Fähigkeiten der Menschheit lassen immer neue Vorhersagen dschungelgleich emporwuchern. Wie sich also orientieren? Zum einen stellt sich die Frage, wer all die Vorhersagen eigentlich trifft und wo die Interessen der Auguren liegen. Zum andern folgen auch die fleißigsten Datensammler erzählerischen Mustern aus dem alten Werkzeugkasten der Vorausschau.
1. Think Tanks und Future Labs: Futter für Entscheider Unabhängig von den großen Vorhersagen zur Welt in fünfzig oder hundert Jahren bemühen sich Politiker und Manager seit Jahrzehnten um die Einschätzung der Folgen ihrer Entscheidungen. In den schwer durchschaubaren Zusammenhängen, in denen sie agieren, helfen ihnen Wissenschaftler diverser Disziplinen in Zukunftslaboren von Unternehmen oder in Politikagenturen. Wie entstehen solche mittelfristigen, für Akteure erstellten Prognosen? Wie sahen solche Vorhersagen in den letzten dreißig Jahren aus und was wurde aus ihnen?
2. Die Akteure der Zukunft In der vernetzten Welt der Turbomoderne verleihen Wirtschaft und Forschung dem 21. Jahrhundert eine nie gekannte Dynamik. Paradoxerweise gibt es allerhand rosige Zukunftsvisionen, jedoch keine handlungsleitenden politischen Programme, geschweige denn Utopien. Nicht die mehr oder weniger gut vernetzte politische Klasse aller Länder stellt die Avantgarde, sondern die internationale akademische Elite der Naturwissenschaftler und Informatiker im Verbund mit weltweit agierenden Großunternehmen. Deren Zielsetzungen wirken sich zwar global aus, sind aber selbstbezogen: weiterführende Forschungsergebnisse (und Forschungsgelder) hier, Unternehmensgewinne dort. Zugleich arbeitet Google an nicht weniger als der Überwindung des Todes. Was wird dabei aus der klassischen Politik? Wird es neue Akteure jenseits von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik geben? Ein ganz anderer Akteur ist China. Die Partei hält alles in der Hand und arbeitet intensiv an ihrer globalen Führungsrolle. Wie 6
würde eine chinesisch dominierte Welt aussehen? Wie soll der Westen reagieren?
3. Alles unklar: Vorhersagen zwischen Statistik und Narrativ Im naturwissenschaftlich-technischen Bereich haben sich die Genforschung sowie die Informatik längst als extrem dynamische Leitwissenschaften zur etablierten Physik gesellt. Der Mensch macht sich endgültig zum Ingenieur des menschlichen Körpers oder erschließt neue Energiequellen. Unverändert fragt er sich, wie lange der Planet sein Treiben noch erträgt und auf welche Weise er diese Frist verlängern oder gar aufheben kann. Nicht zuletzt überzieht den Planeten mit immer breiteren und feineren Datenströmen. Heute lesen die Zukunftsexperten nicht mehr in Eingeweiden, sondern in Statistiken. Aber auch die Propheten von heute sind auf ihre Vorstellungskraft angewiesen, um die Welt in hundert Jahren zu beschreiben. Und diese Vorstellungskraft folgt, trotz Big Data und Computersimulationen, erzählerischen Formen. Nicht selten lassen sie sich als „große Erzählungen“ einstufen, die nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft gerichtet sind. Wie sollen wir unterscheiden, ob eine Vorhersage tatsächlich auf harten wissenschaftlichen Fakten beruht, wenn sie auch der optimistischen Grundhaltung beziehungsweise den apokalyptischen Neigungen eines Vorausschauers entsprungen sein kann? Wie sollen wir ausschließen, dass unser eigenes „Zukunftsnaturell“ uns diese oder jene Vorhersage bevorzugen lässt?
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Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern.
André Malraux
II
DAS WERDEN DER ZUKUNFT
1. DIE WELT IN DER LEBER Für uns Zeitgenossen der Globalisierung ist es selbstverständlich, uns die Zukunft des Planeten und der Menschheit auszumalen. Doch längst nicht immer haben Menschen auf diese Weise in die vorausliegende Zeit geblickt. So weit wir zurückblicken können, finden wir ein großes Interesse an dieser, doch unterschieden sich Horizont und Gegenstände der Erwartung nach Zeit und Ort sehr stark. Der heutige Zukunftsbegriff wurzelt in jüdischen sowie in aufklärerischen Ideen.
In der Alten Welt gehörte Wahrsagung zu Alltag und Politik. Sumerer, Babylonier, Griechen, Etrusker und Römer lasen aus der Leber von Opfertieren Hinweise auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diese und viele andere Methoden hießen auf Lateinisch divinatio, was sich von divinus – göttlich – ableitet, laut dem Philosophen Chrysipp „eine Kraft, die die von den Göttern den Menschen gegebenen Zeichen erkennt, wahrnimmt und erklärt“. Unsere Kenntnisse der Divination ähneln einem beschädigten Wandbild, das an einigen Stellen viele Details wiedergibt, aber viel mehr noch unsere Phantasie herausfordert, große und kleine Fehlstellen zu füllen. So geben auf Tontafeln geschriebene Protokolle aus dem Zweistromland ein detailliertes Zeugnis darüber ab, wie eine Leberschau ablief, doch sind die weiteren Ereignisse oft unklar. In der griechischen Geschichtsschreibung sind die großen Zusammenhänge deutlicher, nicht aber die Details der Entscheidungsfindung. Verhältnismäßig viele Texte liegen aus der späten Römischen Republik vor, wo Weissagungen zum Gegenstand und zur Waffe in mörderischen inneren Konflikten wurden.
Ein König sieht klar
ASSURBANIPAL
Der Himmel und die Leber
Assurbanipal, König von Assyrien, ist ein gebildeter Mann und stolz darauf, wie eine Inschrift verkündet: „Ich … bin in die Wissenschaft von den Vorzeichen am Himmel und auf der Erde eingeweiht, diskutiere in der Versammlung der Gelehrten, deute mit den erfahrensten Leberschauern die Leberomen. Ich kann komplizierte, 10
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undurchsichtige Divisions- und Multiplikationsaufgaben lösen, habe schon immer kunstvoll geschriebene Tafeln in schwer verstän lichem Sumerisch und mühsam zu entzifferndem Akkadisch glesen, habe Einblick in die Schriftsteine aus der Zeit vor der Sintflut, die ganz und gar unverständlich sind.“ Wissen, das ist für diesen Herrscher des siebten Jahrhunderts vor Christus zunächst die Kenntnis von den „Vorzeichen am Himmel und auf der Erde“, dann erst folgen Mathematik und alte Sprachen. Die Zeichen sind überall: im alltäglichen Lebensumfeld, in Krankheitssymptomen des Menschen und in seinem Äußeren, in Träumen, vor allem aber in den Gestirnen und in den Organen von Opfertieren. Der König zieht sie für seine Entscheidungen beinahe täglich zu Rate. Im Jahr 652 v. Chr. fällt sein Bruder und Vasall Schamasch-schumaukin, König von Babylon, von ihm ab, ein Bürgerkrieg ist die Folge. Mindestens dreizehn Mal – so viele Tontafeln zu dieser Sache erhielten sich im assyrischen Staatsarchiv – wendet sich Assurbanipal in dieser Sache an die Götter und bittet sie, mittels der Leber von Opfer tieren zu signalisieren, ob seine Vorhaben erfolgreich sein werden. Soll die Armee zu Felde ziehen? Habe ich den richtigen Kriegsplan? Wird der Rebell meinen Truppen in die Hände fallen? Werden sich andere Herrscher in der Region am Krieg beteiligen? Werden die Streitkräfte Assyriens den Gegner überwinden? Zu jeder Frage gehört die Angabe des Zeitraums, für welchen die Antwort gelten sollte. Damit versuchen die Seher ein Problem zu lösen, dass sich bis heute in jeder Prognose stellt: Es ist das eine, ein Ereignis vorauszusehen, doch etwas ganz anderes, dessen Zeitpunkt zu bestimmen. Selbst wenn die Vorhersage eintritt, kann sie wertlos geworden sein, wenn sich die Gesamtlage inzwischen geändert hat. In einer Woche den Krieg zu beginnen kann sinnvoll sein, in einem Monat aber, wenn sich die Feinde gesammelt haben werden, das eigene Ende bedeuten. Wichtigster Adressat der Fragen ist der Sonnengott Schamasch, der mit stets derselben Formel angerufen wird: „Schamasch, großer Herr, antworte mir mit einem klaren Ja auf das, was ich Dich frage.“ Die Zeremonie findet mit den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen statt, oft nach einer mit Beschwörungen verbrachten Nacht. Der Rauch von Zedernholz verlockt Schamasch dazu, sich mit sechs Kollegen den Angelegenheiten eines Sterblichen zu widmen und 12
über dessen Anliegen einen Rechtsentscheid zu fällen. Die Frage flüstert der „Seher“ genannte Opferschauer – besser gesagt nuschelt er, denn er trägt Zedernholzspäne im Mund – einem idealerweise makellosen, leuchtend weißen, männlichen Lamm ins linke Ohr, bevor er es mit einem Schnitt durch die Kehle schlachtet. Im Moment der Opferung schreiben die Götter dem Körper des Lammes ihre Botschaft ein. Der Wettergott Adad überbringt sie mit dem Wind und beschriftet die Leber. Das ist wörtlich zu verstehen. Das Organ heißt auch „Tontafel der Götter“ und tatsächlich ähnelt sie dem mesopotamischen Beschreibstoff in Form, Farbe und Größe. Die Kerben, welche der Seher in Augenschein nimmt, erinnern an die Kerben, die er selbst oder sein Assistent mit ihren keilförmigen Griffeln in den Ton des Opferprotokolls drücken. Der Seher löst Fleisch aus der Schulter, grillt es und legt es zusammen mit dem Bauchfett auf einen Opfertisch. Dann zieht er die Leber des rücklings auf einem Tisch liegenden Schafs mit der rechten Hand aus dessen Bauch. Der „Seher“ inspiziert nacheinander zwölf Leberregionen, die im Kreis gegen den Uhrzeigersinn angeordnet waren. Jede der insgesamt zwölf entspricht dem Himmelsrund mit den Tierkreiszeichen. Die Regionen des Organs heißen unter anderem der „Blick“, der „Pfad“, das „Palasttor“ oder, im Falle der Gallenblase, die „Bittere“. Der Lesende achtet auf Knoten, Kerben, Blasen, Löcher oder die Spuren von Parasiten. Ein bestimmtes Zeichen – entsprechende Handbücher zählen hunderte auf, von denen in der Regel nur etwa zehn einbezogen wurden – gilt als günstig oder ungünstig. Auf wen sich das Zeichen bezieht, ob auf einen Widersacher oder auf den Fragenden selbst, hängt von der Position des Mals in der Region ab, deren rechte Seite für das Eigene steht, die linke für das Feindliche. Am Ende des Rituals verkündet der Lesekundige dem König, wahrscheinlich von einem Richterstuhl herab, das Ergebnis. Dazu wägt er die zwölf Befunde gegeneinander ab, um zu einem „Günstig“ oder einem „Ungünstig“ zu gelangen. Auch ein „Unentschieden“ ist möglich. Auf den beschädigten Tontafeln aus der reichen Bibliothek des Assurbanipal sind die Ergebnisse der Opferschauen zum Teil lesbar, zum Teil zerstört. Auch die Informationen zum Fortgang der Ereignisse sind lückenhaft. Nur ungefähr lässt sich nachvollziehen, ob die Vorhersagen auch eintraten. Jedenfalls gewann Assurbanipal den 13
LEBER TONTAFEL
Krieg nach spätestens sechs Jahren. Sein Widersacher fand wahrscheinlich ein spektakuläres Ende in seinem vom Feuer erfassten Palast, wenn nicht gar in einer feierlichen Selbstverbrennung. Als der mächtige Assurbanipal Schafslebern nach einem göttlichen Fingerzeig begutachten ließ, hatte die mesopotamische Kultur schon etliche bewegte Jahrhunderte hinter sich. Es herrschte der Glaube an menschen- und zugleich sternengestaltige Götter, die ihren Verehrern Unterstützung gewährten, indem sie ihnen Zeichen schickten. Diese Hilfe entsprang dem wechselseitigen Verhältnis zwischen Göttern und Menschen. Die Menschen waren zu dem Zweck geschaffen worden, den Göttern die mühselige Feldarbeit abzunehmen und sie mit den in den Tempeln dargebrachten Gaben zu ernähren. Die Himmlischen wiederum schickten den Irdischen Sonne, Regen und Fluten und ließen die Früchte der Erde gedeihen – und sie sandten ihnen Fingerzeige für die Zukunft. Die Zeichendeutung gehörte zu den Königshöfen und Tempeln wie auch zum Alltag der Menschen. Professionelle Opferschauer verkauften außerdem zulässige Opfertiere an ratsuchende Privatleute, wobei sich manche verschuldeten und die Wahrsager vermögend machten. Für ärmere Mandanten waren Begutachtungen von geopferten Vögeln oder von dargebrachtem Mehl, Räucherwerk oder Speiseöl im Angebot. Am Anfang der Zeremonie stand ein gründliches Gespräch zwischen dem Lesekundigen und seinem „Mandanten“, denn die Antwort der Götter lief auf eine günstige oder eine ungünstige Antwort 14
hinaus und verlangte also eine präzise gestellte Frage. Man konnte dazu auf Musterbücher zurückgreifen, die Fragen wie diese enthielten: Werde ich im kommenden Jahr von Mord, Verleumdung, Hexerei, Sonnenstich, Überschwemmung, Alpträumen, Unfällen, Schlangenbissen, Löwenangriffen und so weiter verschont bleiben? Wird mein kranker Vater gesund werden? Wird meine Frau einen Sohn gebären, und falls nicht, soll ich eine zweite Frau nehmen? Wird mein angehender Schwiegervater den von mir vorgeschlagenen Brautpreis akzeptieren? Soll ich eine Reise antreten? Soll ich ein Feld mit Sesam oder Gerste bepflanzen? Werden Heuschrecken meine Ernte vernichten? Ob König oder Kaufmann – die Begutachtung folgte stets der oben skizzierten Topographie der Leber, die mit präzisen Fachwörtern beschrieben wurde. Oft hatten es die Lesekundigen mit einer Gemengelage von Befunden zu tun, die ihr ganzes Expertenwissen forderten. Nebenbedeutungen sowie abwägende Zusammenschau der Zeichen waren eine eigene „Wissenschaft“, deren Schwierigkeiten die Seher immer wieder betonten, um damit mögliche Fehlgriffe zu rechtfertigen. Zur Absicherung des Ergebnisses fand eine zweite Leberschau statt, die einem weiteren Leberdeuter oblag. Ungeachtet solcher „wissenschaftlichen“ Verfahren nennen babylonische Texte die Orakelleber ein „Mysterium des Himmels und der Erde“. Die Eingeweideschau war nicht auf das alte Mesopotamien beschränkt, Bauern und Hirten pflegen sie noch heute in Ostafrika, Indonesien und Nordost-Indien. Im Alten Orient – der Region vom mittleren Kleinasien bis zum Westiran – stand sie neben vielen weiteren Verfahren, um Hinweise auf die Erfolgsaussichten menschlicher Handlungen zu gewinnen. Im zweiten vorchristlichen Jahrtausend beobachteten die Hethiter den Vogelflug und verwendeten Lossteine, die eventuell von Schlangen bewegt wurden. In Ebla betrachtete man Panzer und Leib von Schildkröten. In Mari verkündeten Propheten die Worte eines Gottes. Die folgenreichste Methode, göttliches Wissen anzuzapfen, war aber die Sterndeutung, aus der, sehr langfristig, die moderne Astrophysik hervorging. Die Zeichen am Himmel ergänzten die Zeichen in der Leber – wo für uns ein Abgrund zwischen einer naturwissenschaftlichen Königsdisziplin und einem absurden Aberglauben klafft, bestand für die Babylonier ein enger Zusammenhang. 15
Die enge Verwandtschaft von Leber und Sternenhimmel im Denken der Babylonier und Assyrer gründete auf Schöpfungsgeschichten, wonach Himmel und Erde ursprünglich eins gewesen, dann aber, „wie zwei Hälften eines Stockfischs“, getrennt worden seien und sich jetzt als zusammengehörige Hälften desselben Kosmos gegenüberlägen. Der babylonische Schöpfungsmythos En uma elisch erzählt, dass der Gott Marduk aus dem Leichnam der von ihm getöteten Urgöttin Tiamat Himmel und Erde geformt und in ihrem Bauch den Himmel gewölbt habe. Somit lag nahe, dass die Organe im Bauchraum und die Sterne nach denselben Grundsätzen gestaltet waren. Das Große und das Kleine, der Himmel und die Lebewesen, die Planeten und die inneren Organe, Makrokosmos und Mikrokosmos, waren miteinander verbunden und spiegelten sich ineinander. Die kosmischen Gesetze schlossen auch die menschlichen Angelegenheiten mit ein, die somit unverrückbar feststanden. Nur bei der verheerenden Aussicht auf den Tod des Königs gestatteten sie sich, dem Geschick ein Schnippchen zu schlagen. Sie setzten für einen Tag einen Ersatzkönig ein, den sie anstelle des Throninhabers töteten. Für den Blick in die bereits feststehende Zukunft bot – und bietet bis heute – die Astrologie allerlei Vorzüge. So mussten die Zeichen nicht eigens in einer Opferhandlung erbeten werden, sondern standen in jeder klaren Nacht – und solche gab es viele im Nahen Osten – zur Verfügung. Haarklein einzuhaltende Rituale fielen weg, so dass man nicht Gefahr lief, die um Auskunft ersuchten Götter zu verärgern. Da die Planeten als die Götter in ihrer Sternengestalt galten, erlaubte ihre Beobachtung Schlüsse zu ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen. Helle oder dunkle Erscheinungen rechts oder links eines Gestirns waren, genau wie in der Leberschau, gute oder schlechte Omen. Zunehmend kam es darauf an, wie Gestirne zueinander standen. Die Konstellationen beantworteten nicht nur Ja-Nein-Fragen, sondern verrieten allgemeine Entwicklungen, nach denen man sich nicht erst zu erkundigen brauchte: „Wenn Stern Salbatanu (= Mars) den Planeten (= Saturn) immer wieder umrundet: Das Getreide wird teurer werden.“ Und noch besser: Während die Leber sich nur auf einen einzelnen Fragesteller bezog, bildete der Himmel die Erde als sein Gegenüber vollständig ab. Ein Sternbild stand für ein bestimmtes Gebiet, so dass es dem Kundigen zum Beispiel Entwicklungen im Feindesland offenbarte. 16
Wegen ihrer Spezialisierung auf politische Fragen dienten die Astrologen ausschließlich Königen und Tempeln. Nach anfänglicher Konkurrenz arbeiteten sie zur Zeit Assurbanipals längst eng zusammen. Die Eingeweideschauer schenkten mittlerweile auch dem Zeitpunkt Beachtung, in welchem ein bestimmtes Zeichen auftrat. Die zuvor eher vage Gleichsetzung der zwölf begutachteten Leberregionen mit dem Tierkreis wurde nun perfektioniert: Jede Region entsprach einem Gott und einem Monat. Experten beider Richtungen wühlten in ihren Archiven, verglichen ihre Ergebnisprotokolle und harmonisierten die verschiedenen Anzeichen; es entstanden umfangreiche Wenn-dann-Listen, insbesondere zu Himmelszeichen, Planetenständen, der Wetterlage und der Preisentwicklung, die eng mit den Ernteergebnissen zusammenhing. In den langen, genau protokollierten Beobachtungen entdeckten die Astrologen langfristige astronomische Zyklen und konnten Sonnen- und Mondfinsternisse vorhersagen. Die Astronomie begann ihre Karriere als Magd der Astrologie – mit Folgen bis heute. Die Einteilung des (Himmels-)Kreises in 360 Grad und die SiebenTage-Woche gehen auf babylonische Weissager zurück. Die Vorzeichen am Himmel, die von mehreren, über das Land verteilten Fachleuten gesammelt und zum Palast geschickt wurden, waren oft allgemeiner Natur, wichen voneinander ab und wurden erst von den Herrschern und ihren Beratern auf konkrete Problemlagen bezogen. Besonders ungünstige Vorzeichen konnten den König veranlassen, ein Vorhaben aufzugeben, besonders günstige ihn dazu bringen, ein bereits fallengelassenes wiederzubeleben. Für konkrete Fragen wie die, ob der Feind offensiv werden würde oder ob eine Festung bereits in seiner Hand sei, befragte der Monarch seine Opferschauer. Eine Strategie konnte in einzelne Schritte zerlegt, diese dem Orakel vorgelegt und so eine detaillierte Entscheidungsfindung erreicht werden. Diese aufwendigen Verfahren unter Einbeziehung von Orakelspezialisten setzten der absoluten, gelegentlich gottgleichen Königsgewalt Grenzen. Sie begünstigten Aushandlungsprozesse und reduzierten unsachgemäße Maßnahmen abgehobener Herrscher. Wie genau die Könige und ihre Berater mit den Befunden umgingen, ist jedoch nicht überliefert. Der Alte Orient fuhr offensichtlich gut mit seiner Prognostik. Die blühenden Länder beherbergten die Metropolen ihrer Zeit, die 17
Völker im Westen schauten zu ihnen auf. Griechen und Römer übernahmen die Praktiken, und ganz zu Recht galten ihnen die Babylonier als Erfinder und Meister der Wahrsagekunst. Der griechische Historiker Diodor schrieb im ersten Jahrhundert vor Christus: „Seit langer Zeit schon beobachten sie die Gestirne, wissen über deren Bewegung und die ihnen innewohnenden Kräfte besser Bescheid als alle Menschen und vermögen daher aus diesen vieles den Menschen über die Zukunft vorauszusagen (…). Sie sagen auch Privatleuten die Zukunft voraus, und dies so treffend, dass der, der es einmal erlebt hat, staunt, und es für etwas Übermenschliches hält.“ (II, 30,2)
BRUCHSTÜCK EINER STERNEN-TAFEL AUS DER BIBLIOTHEK DES ASSURBANIPAL
Götterzeichen im Krieg Die Griechen, als Begründer der Natur- und Geisteswissenschaften dem Westen in guter Erinnerung, pflegten intensiv Leberschau und Sternenkunde, sie hatten einen festen Platz in Politik und Kriegswesen. Den präzisen Umgang mit diesen Wissensquellen lernten sie vom Alten Orient, doch kannten sie dabei auch gewisse Freiheiten, 18
wie der Geschichtsschreiber Xenophon berichtet. Im Jahr 399 v. Chr. befanden sich mehrere tausend griechische Söldner auf einem gefahrvollen Marsch. Prinz Kyros hatte sie während eines innerpersischen Thronstreits angeworben, war dann aber in der Schlacht bei Kunaxa getötet worden, so dass die Kämpfer auf sich allein gestellt den Heimweg antreten mussten. Nach monatelangem und verlustreichem Marsch durch das feindliche Mesopotamien und die Gebirge Kleinasien hatten die griechischen Söldner die rettende Küste des Schwarzen Meeres fast erreicht. Nun war die Lage mehr als bedrohlich. In den umliegenden Bergen lauerten die Truppen der Bithynier, die Vorräte waren fast verbraucht. Sollten die Männer vorrücken und ausschwärmen, um Nahrung zu beschaffen (sprich, zu plündern)? Die Organe der Opfertiere sprachen dagegen, also wurde weiter geopfert, bis kein Opfertier mehr vorhanden war. Xenophon opferte erneut und erhielt sogleich ein vielversprechendes Ergebnis. Und besser noch: „Schon am Ende der Zeremonie erblickte der Seher Arexion aus Parrhasia einen Glück verheißenden Adler und forderte Xenophon auf, die Truppen anzuführen.“ Xenophon zog die Orakel auch für seine persönlichen Angelegenheiten zu Rate. Er hatte ursprünglich rein beobachtend an dem Feldzug teilgenommen, wurde aber im Laufe des Unternehmens nach dem Tod der Generäle zu einem der Heerführer gewählt. Später trug ihm das Heer den Oberbefehl an. Das Angebot reizte ihn, aber er zweifelte. Also befragt er mit Hilfe eines Leberschauers Zeus. „Da Xenophon also opferte, gab ihm die Gottheit sehr deutliche Winke, weder um den Oberbefehl anzuhalten, noch ihn, wenn er ihm auch übertragen würde, anzunehmen.“ (VI,1) Seinen Lehrer Sokrates zitiert er so: „Er (Sokrates) sagte, was die Götter für den Menschen lernbar hielten, sollten wir lernen, und was den Menschen nicht klar sei, sollten wir von den Göttern durch Weissagung lernen: denn die Götter geben jenen Zeichen, denen sie gnädig sind.“ (Xenophon, Erinnerungen an Sokrates 1,1) Leber- und Vogelschauer gehörten in den sieben Jahrhunderten nach Xenophon zum Stab eines jeden größeren griechischen und römischen Heeres. Nicht nur während des Krieges, auch in den Entscheidungen vor einem Feldzug hatten die Vorzeichen ihren Platz. In den Reden vor dem Feldzug hatten die athenischen Politiker die Erfolgsaussichten der Unternehmung äußerst unterschiedlich ein19
geschätzt. Für die Bürger war es also darum gegangen, die vorgetragenen Chancen und Risiken gegeneinander abzuwägen, und die Orakel lieferten genau diese Art von Information. Die Entscheidung betraf den Großteil der Abstimmenden auf das Direkteste – sie würden in dem Krieg, den sie beschlossen, selbst kämpfen. Die Bürger Athens – Frauen, Sklaven und Fremde gehörten nicht dazu – waren gleichermaßen politischer Souverän, Streitmacht und Kultgemeinschaft. Sie entschieden gemeinsam, fochten gemeinsam und opferten gemeinsam den Göttern, so auch zum Dank für den Sieg in der Schlacht. Das meiste von den Opfertieren aßen sie selbst, ein Fest für Athene war eine große Grillparty mit viel Rotwein. Je größer der Sieg und die Beute, desto rauschender die Feier – was mit dem Opfer zum Zweck der Leberbegutachtung begann, endete mit den Dankesopfern während der Siegesfeier. Schon der enge Zusammenhang zwischen den zahlreichen Tieropfern und der Eingeweideschau verankerte diese Form der Weissagung fest im Leben der Stadt. Thukydides selbst hielt wenig bis nichts von der Weissagung und schildert, wie verhängnisvoll sich der Zeichenglaube auswirken konnte. Als die Lage der Athener vor Syrakus sich immer mehr verschlechterte, beschlossen sie Aufbruch und Heimkehr. Als alles bereit war, ereignete sich eine Mondfinsternis. Die verunsicherten Soldaten wollten abwarten, allen voran ihr Befehlshaber Nikias, der sich zwei Jahre zuvor in der Volksversammlung verzweifelt gegen das Unternehmen ausgesprochen hatte. Dieser aber „nahm es mit Götterzeichen und solchen Dingen ohnehin übertreiben genau“ und wollte unbedingt die von den Zeichendeutern empfohlenen dreimal neun Tage abwarten. Dieses Zögern führte letztlich zum Untergang der Streitmacht und der Hinrichtung des in Gefangenschaft geratenen Nikias.
Der schiefe Gott Die berühmteste Quelle göttlichen Wissens, aus der auch die Athener regelmäßig schöpften, lag damals im Heiligtum Delphi. Seine bis heute anhaltende Bekanntheit verdankt das Orakel des Apollon dem Vorgänger des Thukydides, Herodot. Siebenundfünfzig mit Doppeldeutigkeiten gespickte Geschichten über die Pythia und ihre rätsel20
haften Sprüche erzählt der Vater der Geschichtsschreibung. Ein Beispiel: Der Spartaner Phalantos fragte nach militärischem Erfolg und erhielt den Bescheid, er werde eine Stadt einnehmen, sobald es aus blauem Himmel regne. Nach einer Serie von Fehlschlägen verstand er den Spruch als Hinweis auf die Unmöglichkeit seines Vorhabens. Im Schoß seiner Frau weinte er über sein Geschick, und auch sie begann Tränen zu vergießen. Ihr Name Aëthra bedeutet „klarer Himmel“, und noch in derselben Nacht soll Phalantos die Stadt Tarent eingenommen haben. Solche Geschichten passten zu Apollons Beinamen „Loxias“, der Schiefe, den Herodot häufig benutzt. Des Gottes Medium, die Pythia, rät laut den Historien den Mächtigen in rätselhaften Versen. Der Lyderkönig Krösus stellte das Orakel mit der Frage auf die Probe, was er im Moment der Befragung tue. Das Orakel sprach: Wohl weiß ich wie viel Sand am Meer, wie die Weite des Wassers. Selbst den Stummen vernehm‘ ich und höre des Schweigenden Worte. In die Sinne dringt mir der Geruch der gepanzerten Kröte, Wie man sie kocht zusammen mit Lammfleisch in eherner Pfanne. Erz umschließt sie von unten, wie Erz auch darüber gezogen. Tatsächlich kochte der König, so Herodot, in diesem Moment Lammund Schildkrötenfleisch in einem Bronzetopf. Angesichts der Allwissenheit (oder des herausragenden Geruchssinns) des Orakels ließ er in Erfahrung bringen, ob ihm ein Angriff auf das Persische Reich gelingen würde. Die Auskunft lautete, er werde ein großes Reich zerstören, wenn er den Grenzfluss Halys überschreite. Wie sich herausstellte, traf es sein eigenes. Er beschwerte sich in Delphi und erhielt die Entgegnung: „Es hat ihm Loxias ja vorausgesagt, wenn er gegen die Perser ziehe, werde er ein großes Reich zerstören. Er hätte daraufhin, wenn er gut beraten sein wollte, hinschicken und fragen sollen, ob der Gott sein eigenes Reich oder das des Kyros meine.“ Schuld ist also immer der, der nicht fragt. Hinter dieser Geschichte steht eine höhere Moral. Krösus lässt sich von seiner Machtgier hinreißen, statt den Götterspruch gründlich zu 21
glücklicher Konsulenten eintrafen. Zahlreiche Objekte erinnerten an Schlachtensiege über die Perser und an die deutlich häufigeren Kämpfe zwischen den griechischen Staaten. Dutzende Bronzestatuen glänzten rund um den leuchtend weißen Tempel, der Wohnung des Gottes beziehungsweise Aufbewahrungsort seiner Statue, in der Sonne. Mit den gut gefüllten Schatzhäusern, welche die Städte entlang der heiligen Straße zum Tempel für die Gaben errichteten, demonstrierten sie ihren Status und wie hoch sie in der Gunst des Gottes standen. Dieses riesige Kapital stand der Leitung des Heiligtums für Kredite zur Verfügung, mit denen sie gewinnbringend kriegerische und friedliche Zwecke finanzierten.
Kleine Anfragen und große Politik – das Geschäft mit der Zukunft
PYTHIA
erforschen. „Erkenne dich selbst“ stand auf dem Tempel des delphischen Apollon und ist als auch als Maxime für die Deutung der Sprüche gemeint. Ein tugendhafter Herrscher, dem seine Hinfälligkeit gegenüber den unsterblichen, allwissenden Göttern vor Augen steht, hätte das Orakel richtig verstanden. Krösus hingegen erkannte nicht, dass auf seiner Dynastie eine alte Blutschuld lag, die selbst Apollon nicht aufheben konnte. Also ging er nicht über die Brücke, welche das Orakel über die Kluft zwischen der Weisheit der Götter und den geringen Menschen geschlagen hatte. Diese Botschaft baute Herodot rund um poetisch geformte, mutmaßlich von den delphischen Priestern im Nachhinein formulierte und verbreitete Orakelsprüche auf. Der König von Lydien fühlte sich auch deshalb auf der sicheren Seite, weil er Apollon äußerst großzügig beschenkt hatte, so dass dieser vermeintlich kaum anders konnte, als den König zu unterstützen. Zum Einholen eines Orakelspruchs gehörten stets Weihegeschenke, genauso wie nach eingetretener Weissagung die Dankesgaben 22
Nicht nur die Staaten, auch die zahllosen Pilger, die aus privaten Gründen kamen, ließen in Delphi ihr Geld. Von freiwilligen Gaben abgesehen, hatten sie Gebühren und die Kosten für die pflichtgemäßen Opfer aufzubringen. Ein vielköpfiges Personal, das sich einschließlich der leitenden Priester aus der lokalen Bevölkerung rekrutierte, kümmerte sich um die Pilger, achtete auf die Einhaltung der zahlreichen Kultvorschriften und bot verschiedene Methoden der Weissagung an, aus Träumen, Losen, dem dicken Qualm der Opferfeuer. Aus dem Zeus-Orakel in Dodona sind metallene Tafeln mit Fragen erhalten: Werde ich Kinder haben? Ist das Kind, das meine Frau erwartet, von mir? Soll ich jemandem ein Darlehen geben? Empfiehlt der Gott, dass ich Viehzucht betreibe? Ein Spruch der Pythia, des menschlichen Sprachrohrs des Gottes, wird, wie man sich vorstellen kann, ein wenig mehr gekostet haben. Sie saß in einem tiefer gelegenen Bereich des Tempels über einer Erdspalte, aus der wahrscheinlich bewusstseinsverändernde Ethylen-Dämpfe quollen. In gottbegeisterter, nicht aber unbändiger Entrückung sprach sie von einem Dreifuß herab die Worte Apollons in der ersten Person. Weihrauch und die ernste, feierliche Haltung der Beteiligten halfen ihr, diesen Zustand einzunehmen. Ihre Antworten liefen auf ein Ja oder ein Nein bezüglich der entsprechend zu stellenden Frage hinaus. Der ganze Ablauf bewegte sich irgendwo zwischen einer routinierten, bürokratisch-geschäfts23
mäßigen Transaktion und einem außerordentlichen, feierlichen Kontakt zwischen Mensch und Gottheit. Alle vier Jahre strömten die Griechen zu den Pythischen Spielen in das entlegene Bergstädtchen Delphi, welche den Nabel der Welt ausstellte und von Zeus persönlich als Mittelpunkt derselben ermittelt worden war. Die auf Wettkämpfe aller Art ganz versessenen Hellenen schickten die Besten ihrer Stadt in sportliche wie auch musische Disziplinen, ihren siegreichen Mitbürgern errichteten sie Statuen im Heiligtum. Zu diesen Feiern gehörten gigantische Grillfeste, für die einmal tausend Ochsen sowie zweitausend weitere Tiere geopfert beziehungsweise verspeist wurden, um die Besucher und den Gott zu stärken. Es lässt sich leicht vorstellen, dass inmitten der dichten Rauchschwaden der Rotwein in Strömen floss. Das Heiligtum war eine allgriechische Einrichtung, in der die Staaten sich friedlich miteinander maßen und miteinander feierten. Zur Kulisse gehörten aber auch die Trophäen aus den zahllosen Kriegen, die sie gegeneinander führten. Nicht selten überschnitten sich Spiele und Kriege, was erklärt, warum die Delegationen auf dem Weg nach Delphi unter dem Schutz Apollons standen und nicht angerührt werden durften. Delphi war auch Tagungsort von Friedenskonferenzen und Schiedsrichter in zwischenstaatlichen Rechtsstreitigkeiten. Die Rechte des Heiligtums wahrte ein Zusammenschluss aus zwölf Stämmen einschließlich der Vormächte Athen und Sparta, welcher die Pythischen Spiele organisierte, den Tempel instand hielt und gegen Frevler sogenannte Heilige Kriege führte. Der Kultbund sicherte unter seinen Mitgliedern völkerrechtliche Mindeststandards wie das Verbot, Städte vollständig zu zerstören und ihnen bei Belagerungen das Wasser abzugraben. Die Sitzungen des Kultbundes fanden zweimal jährlich statt und boten ein Forum für diplomatische Aktivitäten. Doch Delphi war nicht bloß eine neutrale Instanz, sondern zugleich Autorität und Machtfaktor. Die Priester müssen aus all den Fragen und Anliegen einen tagespolitischen Wissensschatz gehortet haben, der einer selbstständigen, heute nur noch umrisshaft erkennbaren Politik des Heiligtums in die Karten spielte. Vor Beginn der Feindseligkeiten gegen Athen im Jahr 431 fragte Sparta, ob die Athener den Friedensvertrag verletzt hätten und es mit seinen Verbündeten also zum Krieg berechtigt sei, was die Pythia mit großem Nachdruck bejahte. In der folgenden Beratung der Allianz um Sparta sprach für den Krieg, dass 24
man mit Anleihen beim delphischen Apollon und dem Zeus von Olympia – die reichen Weihegaben erlaubten den Heiligtümern großzügige Kredite – den Athenern die angemieteten Ruderer abspenstig machen könne. (Thuk I,118) Ein athenischer Redner wiederum hielt die eigenen Ressourcen für groß genug, um diesen zu erwartenden Schachzug wettmachen zu können. Wen von ihnen Delphi unterstützte, floss also in die Kriegsentscheidung beider Gegner ein. Aus all dem ergibt sich ein für uns verwirrendes Bild: Einerseits verehrten die Griechen gemeinsam den Gott von Delphi und fragten ihn um Rat, andererseits beeinflussten sie die dortige Leitung und nahmen hin, dass sich das Heiligtum aktiv auf die Seite ihrer Gegner schlug. Leicht entgeht uns allerdings, dass die Griechen jener Epoche nicht nur richtungsweisende Gedanken formulierten und beeindruckende Kunstwerke schufen, sondern auch machtgeil, kriegslüstern, versoffen, rachsüchtig, leichtgläubig und frauenfeindlich waren. Und sie waren auf eine uns fremde Art religiös. Nachweislich haben längst nicht mehr alle von ihnen die Götter ernst genommen, die, wie Zeus, von ihrem Vater erst verschlungen wurden und diesen dann kastrierten, oder, wie Apollon, einem musikalischen Konkurrenten die Haut abzogen oder, wie die meisten von ihnen, sterblichen Frauen nachstellten. Ihre Zweifel bewegten sie jedoch in aller Regel nicht dazu, die Ansprüche der Unsterblichen zu ignorieren. Wer nämlich den Göttinnen und Göttern, die man mit dem eigenen Gemeinwesen identifizierte, nicht die gebotene Ehre erwies oder sich gar über die heiligen Handlungen lustig machte, rüttelte an den Pfeilern der politisch-religiösen Ordnung. Zu den die Ordnung der Dinge zementierenden Ritualen gehörten auch die Weissagungen. Jedem stand offen, in allen möglichen Lebenslagen ihren Rat einzuholen; für staatliche und militärische Angelegenheiten gehörte dies zum selbstverständlichen Vorgehen und hatte bei den Abstimmungen im demokratischen Athen großes Gewicht. Orakelsprüche wurden diskutiert, Opferschauen mit Sicherheit gelegentlich manipuliert, wie schon der Verdacht gegen den orakelgläubigen Xenophon zeigt, der vergeblich vorschlug, durch kluges Handeln ein gutes Zeichen zu erhalten. Trotz mancher Skepsis hatten die Zeichen die Kraft, die Menschen erst zum Krieg zu verführen und dann grausam scheitern zu lassen. Wo in den Köpfen dieser Menschen die Grenze zwischen der Abwägung 25
des Ersichtlichen und dem Wink der Unsichtbaren verlief, können wir nur ahnen. Anders sieht es bei den Römern aus, wo die Rolle der Weissagungen im politischen Leben während der späten Republik viel deutlicher hervortritt.
Römische Verhältnisse Das Jahr 56 vor Christus steht unter schlechten Vorzeichen. Es wurde von einem von Norden nach Süden schießendem Lichtstrahl berichtet, von einem in die Stadt gelangten Wolf, von durch Blitzschlag getöteten Bürgern, von unterirdischem Lärm in Latium, von einem kleinen Juno-Tempel, der sich von Osten nach Norden gedreht hatte. Die Götter Jupiter, Saturn, Neptun, die Himmelsgötter und Tellus, die Mutter Erde, bekundeten auf diese Weise ihre Kränkung. So stand es im Gutachten der Leberschauer, das der Senat von Rom angefordert hatte, um die Ursachen der bösen Zeichen herauszufinden. Marcus Tullius Cicero, politischer Aufsteiger und prominente Figur der adeligen Optimaten-Partei, muss nun reagieren, denn die Aus sagen der Leberschauer scheinen auf ihn hinzudeuten. Im Vorjahr war er aus der Verbannung zurückgekehrt, in die er von seinem Erzfeind Publius Clodius Pulcher gezwungen worden war, und hatte sein Haus auf dem sündhaft teuren Palatin niedergebrannt vorgefunden. Noch dazu war ein Teil des Grundes durch Clodius dem benachbarten Heiligtum der Göttin Libertas übereignet worden, um zu unterstreichen, dass Cicero aus dem Kreis der Bürger ausgestoßen war. Cicero hatte die Weihung seines Grunds durch die obersten Religionsbeamten für ungültig erklären lassen, doch hatten Schlägertrupps in Clodius‘ Auftrag den Wiederaufbau gestört, womit auch die Rechtmäßigkeit dieses Akts angegriffen wurde. Und nun weckt auch noch das Gutachten denselben Verdacht, da es von einer Privatwohnung auf heiligem Grund als Ursache der göttlichen Missstimmung spricht – ein klarer Fall von mangelndem Respekt gegenüber den Göttern, den diese mit bösen Zeichen anzuzeigen pflegen. Nun steht Cicero also vor dem Senat und redet leidenschaftlich gegen den auf ihn fallenden Verdacht an. Die Aussage der privaten Nutzung könne sich nicht auf sein Haus beziehen, da dieses durch Rechtsbruch in den Besitz der Libertas gelangt sei. Clodius habe zu26
dem eine vom Grab einer Prostituierten gestohlene Statue dort aufgestellt, was jegliche rituelle Gültigkeit des Vorgangs ausschloss. Genug andere durch Bewohner oder Nachbarn entweihter Tempel kämen als Grund für den Spruch infrage. Der berühmte Redner zitiert die Leberschauer Punkt für Punkt. Eine weitere Ursache der Omen seien verunreinigte Spiele zu Ehren der Götter gewesen, was Cicero auf die Festspiele zu Ehren der Mutter Erde bezieht. Dabei habe nicht etwa bloß ein Tänzer seinen Tanz unterbrochen, sei trotz Verbots ein Waisenkind vor Ort gewesen oder habe ein Beteiligter ein falsches Wort gesprochen, nein, weit schlimmer. Kein anderer als Clodius, der für diesen Kult verantwortliche Beamte und außerdem ein allseits berüchtigter Unruhestifter, habe die ehrenwerten Bürger durch ihm ergebene Sklaven von der Feier ferngehalten, was das Beben der Erde – die Unmutsäußerung der Erdgöttin – erkläre. „Die alten und verborgenen Opfer wurden mit geringerer als der gebotenen Sorgfalt ausgeführt und beschmutzt“, stellen die Gutachter fest. Cicero erinnert deshalb daran, dass Clodius sechs Jahre zuvor für einen haarsträubenden Skandal gesorgt hatte. Während der Feier für die Bona Dea, die damals in Gaius Julius Caesars Villa stattfand und an der allein Frauen teilnehmen durften, war er als Frau verkleidet dort eingedrungen, laut Gerüchten, um sich mit der Frau des Hausherrn zu vergnügen. Dieser Frevel sei keineswegs gesühnt, wie Clodius behaupte. Dass dieser anschließend vor Gericht freigesprochen worden sei, gehe nämlich allein auf die Bestechung des Gerichts zurück. Das Gutachten warnen ferner davor, so Cicero weiter, dass den Senatoren ein Blutbad drohe, wenn sich die führenden Männer entzweiten. Die Zwietracht säe natürlich Clodius, der sich der Respektlosigkeit gegenüber den Göttern schuldig gemacht habe, gewalttätige Banden anführe, reihenweise Gesetzesverstöße begangen habe und käuflich sei. Wiederholt beteuert Cicero, dass er lediglich den Worten der Leberschauer über den Willen der Götter folge. Es sei billig, zu jenen zu beten, die den Menschen den Weg zu ihrem Wohlergehen wiesen. Den Zorn und Streit untereinander müssten die Römer aber selbst beilegen. Was sich für das demokratische Athen nur erahnen lässt, ist für die späte Römische Republik wörtlich überliefert: die Rolle von 27
Weissagungen in politischen Auseinandersetzungen. Während Assyrer und Griechen die Weissagung als Mitteilung eines feststehenden Geschicks verstanden, gingen die Römer von Hinweisen auf reparable Verstimmungen der Götter aus.
Die Staatsvorzeichen – römische Weissagungsbeamte Neben den Leberschauern gab es ursprünglich römische Weissagungsbeamte, zum Beispiel die Fünfzehn-Männer, welche in besonders bedrohlicher Lage die uralten, geheimnisvollen Sibyllinischen Bücher einsahen, um Abhilfe gegen den göttlichen Zorn zu finden. Die Auguren bezeichneten mit dem Krummstab, ihrem Amtssymbol, vier Himmelsregionen und hielten Ausschau, ob sich Vögel bestimmter Arten in diesen zeigten. Sie beobachteten auch, ob die heiligen Hühner des Mars fraßen und dabei Futter aus ihren Schnäbeln auf den Boden fiel. Sie registrierten Zeichen des Himmels, und wenn sie Donner meldeten, konnten keine Volksversammlungen stattfinden. Die amtlichen Zeichendeuter konnten Volksversammlungen vertagen, was einem Vetorecht gleichkam. Cicero nennt ihr Amt deshalb einmal das mächtigste im Staat. Nicht nur das Kollegium der Auguren, auch die Spitzenbeamten mussten die Grundzüge der Weissagung beherrschen, um Maßnahmen in Krieg und Frieden regelgerecht anzuordnen. Die Rechte der Konsuln reichten sogar besonders weit, da sie schon vor einer Versammlung den Himmel beobachten durften – die Auguren nur währenddessen. Schon Romulus, der mythische Gründer der Stadt, betrieb Vogelschau. Als er und sein Zwillingsbruder Remus sich nicht auf den Standort der neuen Stadt einigen konnten, ließen sie sich nieder und warteten auf himmlische Zeichen. Romulus sah zwölf verheißungsvolle Geier, sein Zwillingsbruder Remus nur sechs. Folglich entstand Rom auf dem von Romulus bevorzugten Hügel Palatin. Bald darauf tötete Romulus den Bruder und wurde erster König. Die Pflege des Verhältnisses zu den Göttern oblag den republikanischen Nachfolgern des Romulus: den Konsuln. Zum Ende ihres Amtsjahres legten sie dem Senat die in demselben beobachteten Zeichen vor, der dann deren Deutung und Entsühnung besprach. Den Vollzug von letzterer übertrugen die Senatoren wiederum den Konsuln. Jahr für Jahr wurden die Vorzeichen auf Tafeln eingetragen, 28
MARCUS TULLIUS CICERO
woraus sich die römische Geschichtsschreibung entwickelte, in dem die Schreiber bemerkenswerte Ereignisse eines Jahres den Listen beifügten. Kultische Aufgaben gehörten also fest zum Amt des Konsuls, während umgekehrt die Auguren Zuständigkeiten im Bereich des Handels hatten. In besonders schweren Krisen genügten die üblichen Sühneleistungen in Gestalt von Opfern und Prozessionen nicht mehr. Nach der vernichtenden Niederlage bei Cannae im Jahr 216 v. Chr. unterwarf sich die römische Führung uneingeschränkt den Hinweisen der Seher, die ein Vergehen aus dem Jahr 220 für die Niederlage verantwortlich machten. Damals habe einer der römischen Befehlshaber in Cannae einen besonders hübschen Knaben dazu ausgewählt, auf dem Triumphwagen die Attribute des Jupiter zu halten. Dessen eifersüchtige Gattin Juno habe sich dafür bei Cannae gerächt. Eine Gesandtschaft ging nach Delphi, wo das Orakel die Verführung zweier zur Keuschheit verpflichteten Priesterinnen der Göttin Vesta anzeigte. Eine wurde nach altem Brauch lebendig begraben, die andere beging Selbstmord. Die Sybillinischen Bücher rieten zu einem Menschenopfer, so dass ein keltisches und ein griechisches Paar in einem unterirdischen Verließ ohne Versorgung dem Tod überlassen wurde. 29
Diese äußerste Maßnahme durften die Römer als Bestätigung ihrer politisch-religiösen Vorstellungen auffassen, denn Hannibal kam nicht nach Rom und verlor den Krieg. Eineinhalb Jahrhunderte nach Cannae und den letzten überlieferten Menschenopfern in der Stadt steckten Senat und Volk in einer tiefen System- und Sinnkrise. Als Cicero über das Gutachten der Eingeweideleser referierte, hatten Parteienkämpfe sowie die Aktivitäten ehrgeiziger und gewaltbereiter Politiker wie Clodius oder Caesar die althergebrachten Einrichtungen und Gesetze des Riesenreichs längst untergraben. Die Krise konnte nur beide Seiten des religiös-politischen Komplexes treffen, so dass kaum ein Politiker beziehungsweise Kultbeamter dieser Zeit eines natürlichen Todes starb. Und auch Cicero wurde von den Häschern seines Gegners Marc Anton getötet. Drei Jahre nach seiner Rede über das Gutachten der Leberschauer wurde Cicero in den Kreis der Auguren gewählt. Einer seiner Kollegen war Marc Anton, zugleich ein scharfer Widersacher auf der politischen Bühne. Marc Anton blockierte im Jahr 44 die Wahl eines Konkurrenten zum Konsul, indem er schon Monate im Voraus ankündigte, dass er die Wahlversammlung wegen eines schlechten Zeichens vertagen würde. Cicero verurteilte dieses Verhalten als illegal, schamlos und inkompetent. Sein Gegner tat nicht einmal mehr so, als habe er den Himmel beobachtet, um eine politische Entscheidung zu verhindern. Am Ende behielt der stärkere Augur recht, der schwächere bezahlte mit seinem Leben.
Theorie und Praxis Cicero war nicht nur Praktiker der Weissagung und ihrer politischen Handhabung, sondern auch ihr Theoretiker. Dass wir wissen, wie er persönlich über sie dachte, verdanken wir unter anderem einem philosophischen Dialog. Darin lässt er seinen Bruder Quintus als Verteidiger der Weissagung auftreten. Dieser nennt Beispiele für verschiedenartige Vorzeichen, die tatsächlich Unheil ankündigten. Den Tod des Marcus Crassus in Kampf gegen die Parther neun Jahre zuvor führt er auf dessen Vernachlässigung unheilvoller Auspizien zurück. Die Weissagung vergleicht Quintus mit dem Erfahrungswissen über Heilpflanzen. Der alten und weit verbreiteten Wissenschaft der Astrologie, der Leberschau, der Vorausschau aus Blitzen und Wunderzeichen lägen lange Beobachtun30
gen zugrunde. Er wisse nicht, welche Kräfte dort wirkten, aber es funktioniere. Die Fehler der Deuter vergleicht er mit denen von Lotsen und Kapitänen, die ebenso wenig die Kunst der Seefahrt in Frage stellten. Sodann breitet Quintus Argumente der stoischen Philosophie aus. Diese lehrt die Existenz einer Weltseele, die alles umfasst und sich auch auf die Leberschau auswirkt: Quintus erzählt von Caesar, der kurz vor seinem Tod einen Stier geopfert habe, dem das Herz gefehlt habe – ein klares Zeichen seines bevorstehenden Todes. Und ein Zeichen dafür, dass es sich um eine kurzfristige Veränderung im Innern des Tieres handelte, das ohne Herz nicht hätte leben können. Abschließend distanziert sich Quintus von den unseriösen, auf das Geld ihrer Kunden schielenden Vorhersagern „ohne Kunst und Wissenschaft“, die schwärmerisch, abergläubisch und frech seien, wenn nicht sogar verrückt. Marcus Cicero weist in der Gegenrede zu seinem Bruder darauf hin, dass die Weissagung kein eigenes Feld habe, denn alles unterliege dem Philosophen, dem Steuermann, dem Arzt, dem Feldherrn, die rational von bekannten Ursachen auf deren Folgen schlössen. Das beziehe sich auch auf die Politik: „Wenn es darum geht …, welche Gesetze, welche Sitten nützlich oder untauglich seien, soll man dazu die Opferschauer aus dem Etruskerland kommen lassen, oder werden darüber die ersten … und des Staatswesens kundige Männer entscheiden?“ Man darf also vermuten, dass Cicero zwölf Jahre zuvor ohne jede innere Überzeugung die Worte der Opferschauer kommentiert hatte. Die Vorhersage von Mond- und Sonnenfinsternissen wiederum beruhe auf der langen Beobachtung der Himmelsbewegungen und ihrer Gesetze. Cicero erkennt nicht an, weshalb um die Menschen besorgte Götter ihnen Zeichen eines feststehenden Schicksals senden sollten, noch dazu in so schwer verständlicher Weise, dass nur Experten sie verstünden. Wenn Vorhersagen gelegentlich einträfen, dann aber nur aus purem Zufall. An der Opferschau, „die ich um des Staates und der gemeinsamen Religion willen zu ehren für nötig erachte“, lässt er kein gutes Haar. Schon die Abweichungen zwischen den Praktiken der Völker sprächen gegen ihre Stichhaltigkeit. Unmöglich könne man annehmen, dass ein Herz einerseits lebensnotwendig sei und andererseits verschwinden könne. Überhaupt habe Caesar die Vorzeichen oft missachtet; er sei gegen das Anraten der Leberschauer nach Afrika übergesetzt und habe 31
so verhindert, dass sich seine Feinde vereinigten. Pompeius sei auch deshalb gescheitert, weil er zu sehr auf die Eingeweideleser gehört habe. Die Astrologie der Babylonier sei „unfasslicher Irrsinn“; die räumliche Entfernung der Sterne spreche gegen ihren Einfluss auf die Seelen, ebenso wie die Abhängigkeit der Konstellationen vom Beobachtungspunkt. Das unterschiedliche Geschick von Zwillingen oder die falschen Prognosen in den Geburtshoroskopen von Pompeius, Crassus und Caesar widerlegten diese „Wissenschaft“. Andere Verfahren wie das Losewerfen seien geradezu Betrug, der die Leichtgläubigkeit der Menschen ausnutze. Die Sprüche der Pythia kritisiert Cicero als politisch motiviert; angesichts ihrer Versform könnten sie unmöglich in Entrückung entstanden sein, ihre Mehrdeutigkeit und das Fehlen von Namens- und Zeitangaben gewährten politisch willkommene Interpretationen. Schon vor dreihundert Jahren sei der Pythia Bestechlichkeit vorgeworfen worden. Es sei also nicht denkbar, dass dort jemals eine göttliche Kraft gewirkt habe. All diese Formen des Aberglaubens zu vernichten sei sein Ziel, so Cicero. „Keineswegs aber … wird mit der Vernichtung des Aberglaubens auch die Religion vernichtet. Denn es ziemt sich für einen weisen Mann, die Anordnungen der Vorfahren durch Beibehaltung der heiligen Gebräuche und Zeremonien zu erhalten; und die Schönheit der Welt und die Ordnung in den Himmelsräumen zwingt uns das Geständnis ab, dass es ein erhabenes und ewiges Wesen gebe und dass dieses von dem menschlichen Geschlecht verehrt und bewundert werden müsse.“ (2,72) Noch deutlicher wird Cicero in seinem älteren Werk „Vom Wesen der Götter“: Würde die Frömmigkeit – die Beachtung des Befindens der Götter und der verpflichtenden Rituale – abgeschafft, so sei er nicht sicher, ob damit nicht auch Vertrauen, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit verschwänden. Jegliches menschliche Zusammenleben wäre dann unmöglich. Aus unserer Sicht widerspricht es sich, dass Cicero erst in überzeugender Weise und aufklärerischer Absicht die Wahrsagekunst widerlegt, sich dann aber ausdrücklich dazu bekennt, sie nicht abschaffen zu wollen. Tatsächlich kam es für ihn als amtierenden Auguren nicht darauf an, ob er den Zeichen der Götter Glauben schenkte, sondern ob er die rituellen Vorschriften einhielt. Die politisch-religiöse Praxis hatte Vorrang, denn im Vollzug der alten Bräuche verkörperte sich das Gemeinwesen. Wer daran teilnahm, gehörte dazu und erhielt 32
die staatliche Ordnung aufrecht, ob er nun „gläubig“ war wie Quintus oder „ungläubig“ wie Marcus. Die Beachtung göttlicher Zeichen war nicht deshalb selbstverständlich, weil alle daran glaubten, sondern weil es keine Rolle spielte, ob überhaupt jemand an sie glaubte – solange sie nur ordnungsgemäß vollzogen wurden. Anders als das Christentum kannten die heidnischen Kulte kein Bekenntnis, dass ihre Anhänger auf bestimmte Lehren über Gott, Mensch und Welt festlegte. Vielmehr ging es um dem praktischen Vollzug der Einheit von Staatsbevölkerung und Kultgemeinschaft. Unter Religion verstanden die Römer die peinlich genau zu befolgenden Riten zu Ehren der Götter, doch ließen sich diese in Theorie und Praxis kaum von Politik im engeren Sinne unterscheiden. Beides war strengen Regeln unterworfen; eine politische Entscheidung musste rituell und divinatorisch in Ordnung sein. Zudem ähnelte die Beziehungspflege gegenüber den Göttern diversen „weltlichen“ Rechtsvorschriften, etwa die Entschädigungen für die beleidigten Götter den vom Gericht auferlegten Sühneleistungen an einen Geschädigten – die juristisch denkenden Römer rechneten damit, dass ihre versöhnten Vertragspartner sie nicht im Stich lassen würden. Und den leitenden Beamten oblagen kultische Aufgaben, den Kultbeamten „staatliche“. Nicht anders als in Ninive und Athen bildeten römischer Staat und römische Religion einen einzigen großen Sinnzusammenhang, einen politisch-religiösen Komplex, genannt res publica, mit Opferkult, Leberschau und Zeichendeutung als festen Bestandteilen. Dieser überlebte, nach dem Ende der Republik in monarchischer Form, seinen ungläubigen Verteidiger Cicero um mehr als drei Jahrhunderte, nachdem Octavian/Augustus den Zorn der Götter besänftigt und den Frieden mit ihnen wiederhergestellt hatte. Während Assyrer Griechen und Römer in die Leber und in die Sterne schauten, entwickelte sich in Jerusalem eine ganz andere Vorstellung von Zukunft. Diese hatte zur Voraussetzung, dass dort ein Gott verehrt wurde, der nicht nur für seine Stadt, sondern für den Erdkreis zuständig war. Er bestimmte Anfang und Ende der Welt. Die Zukunft, die in seinen Händen lag, betraf diese als Ganze.
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Das Telefon wird sich nicht durchsetzen, der Tonfilm ebensowenig und Computer brauche es weltweit vielleicht fünf Stück: Die Vergangenheit pflastern Prognosen, die aus heutiger Perspektive falscher nicht sein könnten. Warum aber plant der Mensch so gern die Zukunft wenn er dabei so oft falsch liegt? Beim Blick voraus hilft der Blick zurück – seit über zweihundert Jahren entwerfen Philosophen, Schrift steller, Naturwissenschaftler und Politiker künftige Welten. Wie dachten sie sich die Gesellschaft von heute? Was davon trat ein, was nicht? Dass wir heute nicht alle mit dem Hubschrauber zum Supermarkt fliegen, wäre für die Visionäre der fünfziger Jahre eine herbe Enttäuschung. Für uns liegt hier die (tröstliche) Erkenntnis, dass nicht alles, was irgendwann einmal wahrscheinlich, wünschenswert oder sogar unausweichlich erschien, auch Realität wird. Wie malen wir heute unser Bild vom Morgen?
Von Technikoptimismus bis Aberglauben: Ein unterhaltsamer Streifzug durch die Vergangenheit der Zukunft– ganz nebenbei wird leichtfüßig eine Geschichte des Fortschritts erzählt.