ÜBERLEGEN Was einen Wert hat
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STAUNEN Was übrig g eblieben ist
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STIADLN Wie wir v orgegangen sind
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SACHEN Was wir v orgefunden haben
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SICHERN Was wir w eitertragen
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„In der ausgestellten Gesellschaft ist jedes Subjekt sein eigenes Werbe-Objekt. Alles bemisst sich an seinem Ausstel lungswert. Die ausgestellte Gesellschaft ist eine pornografische Gesellschaft. Alles ist nach außen gekehrt, enthüllt, entblößt, entkleidet, exponiert.“ Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft
Hilde und Gretl gingen in den Himmel. Wo sind die beiden?
„Komme gleich“ „Sind bei Ott“ „Bitte bei Fenster klopfen“ „…“ „Bin bei Dr. Zauner“ „Bin in Kirche“ „Bin Friedhof“ „Bitte nicht klopfen – komme gleich!“
Die beiden Cousinen Hilde und Gretl, um die es hier geht, sind in den Geschichten, die übrig geblieben sind. Aber, wo genau, das lässt sich einstweilen kaum ausmachen. Die Geschichten sind zu sehr verstreut, in jeder Lade eine andere, manchmal nur ein Teil, der andere in der Speisekammer, am Dachboden oder in einer der unzähligen Schuhschachteln, die penibel beschriftet sind – und uns mit ihren Hinweisen doch ständig in die Irre führen. Wir wollen in diesem Buch die Hinweise auf ihr Leben, auf zwei Leben im 20. Jahrhundert, ausstellen.
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ÜBERLEGEN
WAS EINEN WERT HAT
B
eim Öffnen der Türe des Hauses Reinharterstraße 100, über der ausgebleicht und abgewaschen, kaum mehr lesbar „Schuhhaus Höfler“ geschrieben steht, hören wir das leise Knistern, mit dem die Spinnweben zerreißen und den Weg ins Haus freigeben. Es ist der erste Eingriff in eine Welt, die für Jahre versunken war; versunken unter den Ablagerungen der Zeit. Sie haben das Haus und seine darin zurückgelassene Geschichte zunehmend unsichtbar gemacht. Außenwände waren zur Gänze hinter Efeu verschwunden, in der Dachrinne wurzelten kleine Bäume, die Fensterscheiben waren grau und ließen nur noch einen Schimmer Tageslicht hinein. Diese Sedimente, die von der Straßen- und der Gartenseite das Haus – je nach dem – mit Schmutz und Staub oder mit Pflanzen zudeckten, bildeten die Kapsel für eine Zeitblase, die im Zuge der Entstehung dieses Buches aufgestochen worden ist. Es ist eigentlich nicht nur eine einzige Blase. Es ist vielmehr Schaum, der aus lauter kleinen Blasen besteht. In jedem Kasten, in jeder Lade, in jeder Vase, jeder Tasche, auf jedem Regal, hinter jedem Bild, im Klavier und in den Koffern, unter dem Teppich und zwischen den Fensterflügeln, an und hinter den Vorhängen und in der Küchenbank, in der Zigarettendose und im Brillenfutteral, im Lederetui, im Sparschweinchen und in jeder kleinen Schatulle ist die Zeit konserviert, und die Welt zweier Cousinen, wie sie im 20. Jahrhundert in Erscheinung getreten ist. Jeder dieser Hohlräume ist gleichsam der Weltinnenraum von Hilde und Gretl aus Gars am Kamp. In manchem hat sich ein Jahrzehnt gefunden, an anderer Stelle das ganze Leben eines Verwandten, manchmal ein Unternehmen (etwa das Schuhgeschäft oder der Beherbergungsbetrieb), dann auch wieder nur eine Unternehmung (etwa die Pilgerfahrt nach Medugorje). Es finden sich bunte und launige Ansichtskarten vom Strand in Jesolo und Feldpostbriefe aus beiden Weltkriegen, die wohl um nicht mehr als ein paar Euro das Stück auf Flohmärkten gehandelt werden. Sie sind Massenware auf dem Markt der Kuriositäten. Dort zeigen sie uns Momentaufnahmen aus fremden Leben, die wir nicht einordnen können. Hier aber sind sie Puzzleteile für ein engmaschiges Netz, das unsichtbar im ganzen Haus ausgebreitet ist. In jeder Lade, in Vasen und Vitrinen, unter
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den Betten und auf den Kästen, hinter dem Kühlschrank und in den Schach-
Parkdeck 4 all die ihnen anhaftende Emotionalität wieder verloren haben,
teln der Speis, überall sind Knotenpunkte des Netzes, das wir ausgebreitet
die uns die Sache gerade schmackhaft gemacht hat. Das sind die Dinge, mit
vor uns haben, und das uns ein Jahrhundert von Beziehungen einer Gruppe
denen wir uns ummüllen. Das ist das uns innewohnende Messie-Syndrom,
von Menschen erschließt, die wir nie gesehen haben. Auch wenn wir sie per-
der Mangel an Fähigkeit, die uns umgebende Welt in Ordnung zu halten. Die
sönlich nicht kennengelernt haben, fürchte ich mich, beim Durchsehen der
ständige Produktion von Alltagsgegenständen, die uns rundherum buch-
Feldpostbriefe, schreckliche Überraschungen zu finden. Die Lagerbaracken
stäblich über den Kopf wachsen, ist gleichzeitig die ständige Produktion von
auf den beigelegten Photos stellen sich bei genauerer Recherche allerdings
Müllbergen. Das Hauptprodukt der modernen und postmodernen kapitalistischen
nur als Lazarett heraus.
Industrie, schreibt Jaques-Alain Miller, ist der Müll. Wir sind postmoderne Wesen, weil wir erkennen, dass all unsere ästhetisch ansprechenden Konsumgüter letztlich
Jede Schaumblase, und ihr unvermitteltes Aufstechen, war uns eine Über-
als Überreste enden werden, bis zu dem Punkt, an dem sie die Erde in eine riesige
raschung. Es war eine Zeitreise, nicht nur in eine Vergangenheit, sondern
Wüste verwandeln werden. Man verliert den Sinn für das Tragische, man nimmt
in viele verschiedene – zurück und vor, und dann wieder vermeintlich ganz
den Fortschritt spöttisch wahr. Der Fortschritt liegt darin, dass die genormte
an den Anfang, als hinter dem Ofen doch noch Älteres zum Vorschein ge-
Puppe eines amerikanischen Spielzeugherstellers im Sekundentakt weltweit
kommen ist.
verkauft wird. Wie schwer hätten sich unsere Protagonistinnen Hilde und Gretl
Wie bei einer Matrjoschka Babuschka haben wir ein Behältnis nach dem an-
getan, jene Ordnung in ihre Welt zu bringen, der wir hier nachspüren, wenn
deren aufgemacht. In der Lade die Schuhschachtel, darin die Holzkiste mit
das ganze 20. Jahrhundert schon eine solche Turbo-Konsumption geboten
der Schatulle, in der ein Döschen mit einem klein gefalteten Kuvert versteckt
hätte? Wir hätten in ihrer übersichtlichen und bescheidenen Bibliothek, die
war. Aber anders als bei der Matrjoschka Babuschka, bei der die jeweils nächs-
sich rund um ein Konsalik-Simmel-Zentrum ausbreitet, wohl Ratgeber-Li-
te zum Vorschein kommende Puppe die nächste Generation symbolisiert,
teratur gefunden: „Trenne dich von allem Ballast“, oder „Räum dein Leben
sind wir bei den vorgefundenen Behältnissen durch die Zeit hin- und herge-
auf!“ oder „Drei Dinge, die du wirklich brauchst“.
sprungen. Das Ordnungssystem hatte nicht die Logik, wonach Älteres von Es ist herausfordernder denn je, täglich zu entscheiden, was aufzuheben,
Neuerem umhüllt wird.
was wegzuwerfen ist. Was hat einen funktionellen Wert, was zumindest einen
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Was immer es auch war, das da zum Vorschein gekommen ist, die Verbindung
ideellen? Was hat seinen Wert verloren, und wird auch in keinem anderen
einer jeden Sache zur Zeit, in der sie geschaffen oder gebraucht worden ist,
Zusammenhang mehr einen bekommen? Es ist eine Kulturtechnik zu unter-
allenfalls in Verbindung mit einer anderen Sache, in einer anderen Lade,
scheiden, wovon man sich zu trennen hat, was seinen Platz im Hause behält.
erzählt eine Geschichte aus dem Leben der beiden Cousinen Hilde und Gretl,
Diese Kulturtechnik wird uns aber nicht gelehrt. Sie ist auch einem Wandel
aber auch aus der Welt ihrer Zeit. Wir lieben diesen Charakter der Dinge – und
unterworfen, so rasch, wie sich auch die uns umgebenden Dinge ändern.
kaufen Vintage-Möbel und Vintage-Deckerl, oder Garderoben, die aus einem
Wir müssen sie uns ein Leben lang erarbeiten. Oft braucht es einen Schritt
ehemaligen Schiffsbug gezimmert sind, und einen Schirmständer, der einst
zurück, um aus einiger Entfernung einen Blick auf das Alleralltäglichste,
als Orgelpfeife diente, oder ein Tischerl, das einst Autoreifen war. Das al-
das was uns ständig umgibt, zu werfen. Die meiste Zeit ist es zu nah, um es
lerdings sind nur die globalisierten Ikea-Geschichten, die so schnell an uns
sehen und erkennen zu können. Es geht uns doch meistens so, dass wir die
vorüberziehen, dass die erstandenen Produkte schon beim Einräumen auf
eigene Einrichtung nicht mehr bewusst wahrnehmen. Wir werden blind dafür,
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bis uns Besucher aus dem engerem Freundeskreis, deren Anstand keine unnötige Zurückhaltung gebietet, sagen, das passt aber gar nicht, das musst du umstellen, das musst du ändern, das musst du entfernen! Was diese Kulturtechnik betrifft, so haben sich Hilde und Gretl da davon gestohlen, es sich deshalb aber nicht leichter gemacht. Im Gegenteil. Bei ihnen kann man gut studieren, was sich im Leben eines Menschen, oder – wie in diesem Fall – im Leben zweier Menschen alles ansammelt. Sie sammelten nichts. Es sammelte sich. Und sie ordneten dann. Es ist der Unterschied zwischen Zielgerichtetheit, die auf die Vervollständigung einer Art von Dingen gerichtet ist, und die Sammlung aller Spuren des Lebens an sich, eine Ansammlung also, von Spuren. Und solche Spuren haben sich beim ersten Betreten des ehemaligen Schuhhauses Höfler in Gars, in Niederösterreich, beim Öffnen der Türe des Hauses Reinharterstraße 100, vor uns ausgebreitet. Aber das war nicht gleich so klar zu erkennen.
Misstraue der Idylle: Wir ahnten nicht, wie knapp es war, das Massaker an den Dingen zu verhindern.
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Männer verkehrten im Hause nicht. Mancher, der es in der Vergangenheit oftmals passiert hatte, tastete sich langsam zu uns vor: Was machen Sie aus dem Haus?
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Peter Coeln kauft ein altes Haus – und mit ihm Vergangenheit. Denn darin konserviert wie in einer Zeitkapsel, findet sich das Leben zweier Frauen, der Cousinen Hilde und Gretel. In abertausenden Dingen – Fotografien, Notizzetteln, Kleidung, Briefen, Nippes – schreibt sich kunstvoll eine Inventur des Alltags im 20. Jahrhundert. Peter Coeln und Tarek Leitner sichten, was geblieben ist. In Bild und Text spüren die beiden poetisch großen Fragen nach: Was lohnt, bewahrt zu werden? Was bleibt, wenn wir gehen?