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Leseprobe | Die Welt der Farben

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Kassia St Clair

Die Welt der Farben Aus dem Englischen von Marion Hertle

TEMpo


Die originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel The Secret Lives of Colour bei John Murray publishers, Hachette, London.

Für Fallulah

Die reinsten und gedankenreichsten Geister sind die, die Farben am meisten lieben. John Ruskin, Die Steine von Venedig (1851 – 1853) TEMPO Bücher erscheinen im Hofmann und Campe Verlag.

1. Aulage 2017 Copyright © 2016 by Kassia St Clair. All rights reserved Für die deutschsprachige Ausgabe Copyright © 2017 by Hofmann und Campe Verlag, Hamburg www.hoca.de Einbandgestaltung: © John Murray publishers, 2016 Satz: fuxbux, Berlin Gesetzt aus der Bembo und der Brandon Druck und Bindung: DZS Graik, Slowenien printed in Slovenia ISBN 978 -3 -455 -00133 -4


Weiß

41

Gelb

69

Bleiweiß Elfenbein Silber Kalkweiß Isabellfarben Kreide Beige

46

Blond Bleigelb Indischgelb Säuregelb Neapelgelb Chromgelb Gummigutta Auripigment Kaisergelb Gold

74

Inhalt

Vorwort

10

Farbwahrnehmung Einfache Arithmetik Farbpaletten Alte Farbtafeln Chromophilie, Chromophobie Farbige Sprache

13 19 23 28

50 53 56 59 61 64

31 35

77 80 84 86 88 90 93 95 98

orange

105

Rosa

131

oranje Safran Bernstein Fuchsrot Minium Nude

108

Baker-Miller-pink Mountbatten pink Flohfarben Fuchsia Knallrosa Neonpink Amarant

134

111 115 119 122 125

137 140 143 145 147 149


Rot

Scharlachrot Koschenille Zinnoberrot Rosso Corsa Hämatit Krapprot Drachenblut

Blau

Ultramarin Kobalt Indigo preußischblau Ägyptischblau Waid Elektrisches Blau Himmelblau

155

Lila

181

Braun

159

Tyrischer purpur orseille Magenta Mauve Heliotrop Violett

184

Khaki Russet Sepia Umbra Mumie Taupe

163 166 170 172 174

187 190 193 196 198

271

Schwarz

295

275

Kajal paynesgrau obsidian Tinte Holzkohle Gagat Melanin pechschwarz

299

278 280 282 285 289

176

203

207 213 216 221 224 227 231 234

Grün

Grünspan Absinth Smaragdgrün Kellygrün Scheeles Grün Grünerde Avocado Seladon

239

245 248 252 254 256 259 262 265

Glossar anderer interessanter Farben

318

Endnoten

321

Bibliographie und Vorschläge zur weiteren Lektüre

337

Dank

345

Register

346

301 303 306 309 311 313 316


Die Welt der Farben

Vorwort

11

Vorwort In die Welt der Farben habe ich mich verliebt, wie man sich

meistens verliebt: während ich mich mit etwas ganz anderem beschäftigte.Vor zehn Jahren recherchierte ich zur Damenmode des 18. Jahrhunderts; zu diesem Zweck fuhr ich oft nach London und sah mir die vergilbten Ausgaben von Ackermann’s Repository, einem der ältesten LifestyleMagazine der Welt, im holzgetäfelten Archiv des Victoria and Albert Museums an. Ich fand die Beschreibungen der neuesten Mode um 1790 so köstlich und Die schlimmste verblüfend wie das Degustationsmenü eines Restaurants mit Michelin-Stern. und abscheuIn einer Ausgabe wurde ein »Häubchen lichste aller aus granatapfelrotem Satin, das mit Gold eingesäumt war« beschrieben. Eine andere Farben – empfahl ein Kleid von »lohfarbenem Erbsengrün! Satin«, zu dem ein »römischer Umhang aus Arbiter Elegantiarum, 1809 scharlachrotem Kaschmir« getragen wurde. Zu anderen Zeiten gehörte in die Garderobe der gutgekleideten Dame unbedingt ein pelzbesetzter Mantel in Haarbraun und ein Häubchen, verziert mit klatschmohnroten Federn und zitronengelber Sarsenettseide. Hin und wieder waren neben den Beschreibungen Farbtafeln abgedruckt, die mir halfen zu entschlüsseln, wie Haarbraun wohl aussehen könnte, meistens aber leider nicht. Es war als lauschte ich einem Gespräch in einer Sprache, die ich nur zur Hälfte verstand. Ich war sofort süchtig. Jahre später hatte ich eine Idee, die es mir ermöglichte, Monat für Monat über meine Leidenschaft zu schreiben: ich machte eine Magazinkolumne daraus. Für jede Ausgabe nahm ich mir einen anderen Farbton vor und zerlegte ihn gründlich in seine Einzelteile, um zu seinen verborgenen Geheimnissen vorzudringen. Wann war er in Mode? Wie und wann wurde er hergestellt? Ist er mit einem bestimmten Künstler, Designer oder einer

Marke verbunden? Wie ist seine Geschichte? Michelle ogundehin, die Herausgeberin der British Elle Decoration, veröfentlichte meine Kolumne, und seither schreibe ich über Farben so gewöhnlich wie orange und so erlesen wie Heliotrop. Diese Kolumne war der Keim für dieses Buch, und ich bin zutiefst dankbar dafür. Die Welt der Farben erhebt nicht den Anspruch einer vollständigen Farbenlehre.Vielmehr ist das Buch aufgegliedert in größere Farbfamilien, zu denen ich auch einige zähle – Schwarz, Braun und Weiß – , die laut Sir Isaac Newton1 nicht zum Spektrum gehören. Innerhalb jeder Familie habe ich einzelne Schattierungen mit besonders interessanten, wichtigen oder bestürzenden Geschichten ausgewählt. Dies ist also der Versuch eines geschichtlichen Überblicks verbunden mit einer Charakterstudie über die 73 Farbtöne, die mich am meisten fasziniert haben. Manche sind die Farben von Künstlern, andere sind Schattierungen, und wieder andere stellen eigentlich mehr Ideen oder soziokulturelle Schöpfungen dar. Ich hofe, sie gefallen Ihnen. Es gibt noch viele großartige GeIch glaube schichten, für die hier kein platz mehr nicht, dass es war, also habe ich ein Glossar anderer ›abstoßende‹ interessanter Farbtöne angehängt und dazu Vorschläge zur weiteren Lektüre. Farben gibt. David Hockney zur Verteidigung eines anderen Grüntons – Olive, 2015


Die Welt der Farben

Ultramarin Kobalt Indigo preußischblau Ägyptischblau Waid Elektrisches Blau Himmelblau

Blau

Blau In den 1920er Jahren erschuf der katalanische Künstler

Joan Miró eine Reihe von Bildern, die sich radikal von allem unterschieden, was er vorher gemalt hatte. Eines seiner »peinture-poésie« aus dem Jahr 1925, eine große Leinwand, blieb fast vollkommen leer. In der oberen linken Ecke steht in eleganter kurviger Kalligraphie das Wort »photo«; rechts ist ein popcornförmiger vergissmeinnichtfarbiger Klecks zu sehen und darunter stehen in ordentlicher zurückhaltender Schrift die Worte »ceci est la couleur de mes rêves« (Das ist die Farbe meiner Träume). Erst zwei Jahre zuvor kam der amerikanische Genforscher Clyde Keeler, der die Augen von blinden Mäusen untersucht hatte, zu Ergebnissen, die vermuten ließen, dass Miró an etwas Großem dran war. obwohl die Mäuse über keinerlei Rezeptoren verfügten, mit denen Säugetiere Licht wahrnehmen, zogen sich ihre pupillen unter Lichteinwirkung zusammen. Es sollte ein Dreivierteljahrhundert dauern, bis diese Beobachtung endgültig bewiesen werden konnte: Jeder, selbst ein Blinder, besitzt einen eigenen Rezeptor für blaues Licht. Das ist entscheidend, denn darin zeigt sich unsere Reaktion auf diesen Teil des Spektrums, der im frühen Tageslicht in der höchsten Konzentration enthalten ist und unseren Tag-NachtRhythmus bestimmt, also die innere Uhr, die uns nachts schlafen und tagsüber wach sein lässt.1 Unsere moderne Welt stellt uns dabei vor ein neues problem; Räume mit punktleuchten und hintergrundbeleuchtete Smartphones überladen uns zu ungewöhnlichen Uhrzeiten mit blauem Licht, und das wirkt sich negativ auf unseren Schlafrhythmus aus. 2015 gaben amerikanische Erwachsene an, sie würden wochentags durchschnittlich 6,9 Stunden pro Nacht schlafen; vor 150 Jahren lag dieser Wert noch zwischen acht und neun Stunden.2

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Die Welt der Farben

In der westlichen Welt wurde alles Blaue immer eher geringgeschätzt. In der Alt- und Jungsteinzeit herrschten Rot, Schwarz und Braun vor; die alten Griechen bewunderten das schlichte Triumvirat von Schwarz, Weiß und Rot.Vor allem die Römer assoziierten Blau mit den Barbaren: Schriftsteller aus ihrer Zeit erwähnten, dass keltische Soldaten ihre Körper blau bemalten, und plinius beschuldigte Frauen, es ihnen gleichzutun, ehe sie an orgien teilnahmen. In Rom bedeutete Blau zu tragen Trauer und Unglück.3 (Ausnahmen zu dieser alten Blauabneigung inden sich eher außerhalb von Europa. Die alten Ägypter, S. 224, mochten die Farbe ofensichtlich sehr.) Auch in christlichen Schriften kommt es so gut wie gar nicht vor. Eine Studie aus dem 19. Jahrhundert zu den Farbbegrifen in christlichen Schriften vor dem 13. Jahrhundert ergab, dass Blau am seltensten auftauchte, insgesamt nur mit einem prozent.4 Doch während des 12. Jahrhunderts fand ein Umbruch statt. Abt Suger, prominente Figur am französischen Hof und früher Meister der gotischen Architektur, war felsenfest davon überzeugt, dass Farben – und vor allem Blau – göttlich sind. Er überwachte den Wiederaufbau der Kathedrale von Saint-Denis nahe paris von 1137 bis 1144. Hier brachten Handwerker die Technik, Glas mit Kobalt (S. 213) zu färben, zur perfektion und schufen so die tintenblauen Fenster, die danach auch die Kathedralen zu Chartres und Le Mans zierten.5 Etwa zur gleichen Zeit wurde die Jungfrau Maria immer öfter in leuchtend blauen Kleidern dargestellt – zuvor war sie für gewöhnlich in dunkler Kleidung gezeigt worden, die die Trauer um ihren einzigen Sohn versinnbildlichen sollte. Als die Marienverehrung im Mittelalter zunahm, übertrug sich dies natürlich auch auf die ihr zugeschriebene Farbe. Seit dem Mittelalter wurde das pigment Ultramarin

Blau

(S. 207) für gewöhnlich mit Maria assoziiert und damit zum jahrhundertelang ausnahmslos begehrtesten. Das war jedoch nicht die einzige Substanz, die einen wichtigen Einluss auf die Geschichte der Farbe Blau hat: Auch Indigo (S. 216) war maßgeblich. Zwar ist Ersteres ein pigment, das aus einem Stein gewonnen wird und das Zweite ein Färbemittel aus vergorenen planzenblättern, doch sie haben weit mehr gemeinsam, als man annehmen würde. Beide verlangen Sorgfalt, Geduld und sogar eine gewisse Ehrfurcht bei ihrer Gewinnung und Herstellung. Für das eine pigment mussten Farbenhändler und Maler mühsam und lange mahlen und kneten, für das andere schlugen Färber mit nacktem oberkörper Luft in ekelhaft stinkende Fässer. Der Aufwand für diese pigmente trieb das Verlangen und die Nachfrage in schwindelerregende Höhe und endete erst mit der Erschafung künstlicher Alternativen im 19. Jahrhundert. Traditionell galt es zwar als Farbe der Traurigkeit, aber viele Kulturen wie die alten Ägypter, Hindus und der nordafrikanische Stamm der Tuareg räumten der Farbe Blau und blauen Dingen einen besonderen Stellenwert in ihrem Leben ein. Eine Vielzahl von Unternehmen und organisationen bemühen eine dunkle Schattierung von Blau in ihren Logos und Uniformen, um indirekt ihre Glaubwürdigkeit zu untermauern. Dabei verschwenden sie jedoch kaum einen Gedanken daran, dass der Ruf strammer Seriosität mit den Streitkräften, vor allem der Marine, begann, denn die mussten ihren Kleidern eine Farbe geben, die der Sonne und dem Meer am besten standhielt. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts führte die französische Königsfamilie ein neues Wappen ein: eine goldene Lilie auf azurfarbenem Grund, als Tribut an die Jungfrau Maria – und der Adel Europas nahm die Beine in die

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Die Welt der Farben

Blau

Ultramarin Hand und begab sich in eine rasante Aufholjagd.6 1200 enthielten nur fünf prozent der europäischen Wappen Blau, 1250 waren es bereits 15 prozent. 1300 schon ein Viertel und 1400 war es nahezu ein Drittel.7 Eine aktuelle Studie in zehn Ländern auf vier Kontinenten ergab, dass Blau mit Abstand die Lieblingsfarbe der Menschen ist.8 Ähnliche Umfragen nach dem Ersten Weltkrieg erbrachten ähnliche Ergebnisse. Wie es aussieht, hat Blau – einst die Farbe von Barbaren – die Welt erobert.

Im April 630 nahm der buddhistische Mönch Xuanzang auf

seiner Reise nach Indien einen Umweg von mehr als 1500 Kilometern über Afghanistan auf sich. Zwei riesige Statuen von Buddha, die etwa ein Jahrhundert zuvor direkt in eine Felswand im Bamiyan-Tal gehauen worden waren, hatten ihn von seinem Weg weggelockt. Beide waren mit kostbaren ornamenten verziert. Die größere – 53 Meter von Fuß bis Krone – war karminrot bemalt; die Kleider des Buddhas auf der kleineren und älteren Statue waren mit dem berühmtesten Exportgut der Region gefärbt: Ultramarin. Im März 2001, also fast 1400 Jahre nach Xuanzangs pilger reise, erklärten die Taliban die Statuen von Bamiyan zu Götzenbildern, bestückten sie mit Dynamit und sprengten sie.9 Auch wenn er heute sehr abgelegen wirkt, der Standort der Buddhas von Bamiyan lag einst auf einer der geschäftigsten und einlussreichsten Handelsrouten, die es je gab. Die Seidenstraße, die durch die Berge des Hindukusch führte, wurde von allen Karawanen benutzt, um Güter von osten nach Westen transportierten. Zunächst holperte das Ultramarin in Form von Lapislazuli-Brocken auf Esels- und Kamelrücken die Seidenstraße entlang. An der Mittelmeerküste in Syrien wurde es auf Schife nach Venedig verladen und von dort aus in ganz Europa verkauft. Schon allein das Wort Ultramarin, das aus dem Lateinischen stammt, von ultra (unter) und mare (Meer), deutet an, dass diese Farbe den weiten Weg wert war. Der italienische Renaissance-Maler und Autor von Il libro dell’arte Cennino Cennini nannte es »wahrlich eine edle Farbe, schön, vollkommen über alle Farben, von demselben kann man nicht leicht, zu viel Rühmens machen«.10 Die Geschichte dieses Blaus beginnt tief in der Erde. Lapislazuli (lateinisch für »der blaue Stein«) wird heutzutage in Ländern wie China und Chile abgebaut, doch

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die überwältigende Mehrheit dieser intensiv nachtblauen Steine, aus denen im Westen bis zum 18. Jahrhundert das Ultramarin-pigment gewonnen wurde, stammt aus einer einzigen Quelle: die Sar-e-Sang-Minen in den Bergen von Afghanistan, etwa 650 Kilometer nordöstlich von Bamiyan. Wie auch die Buddha-Statuen waren die Minen berühmt; Marco polo schrieb bei einem Besuch 1271 von »hohen Bergen, in denen das beste und schönste Blau abgebaut wird«.11 obwohl Lapislazuli als Halbedelstein gilt, ist er eigentlich nur ein Gemisch von Mineralien. Seine tiefblaue Farbe verdankt er dem Lasurit, wogegen das Filigranmuster aus Weiß und Gold von Silikaten (unter anderem Kalzit) und Narrengold (Eisenpyrit) stammt. Dieser Stein wurde im alten Ägypten und bei den Sumerern zu dekorativen Zwecken verwendet, aber als pigment wurde er ofenbar erst viel später entdeckt. Das mag daran liegen, dass er schwer zu mahlen ist und außerdem so viele Unreinheiten enthält, dass das Ergebnis oft sehr grau ausfällt. Um daraus ein brauchbares pigment zu machen, muss das blaue Lasurit extrahiert werden. Zu diesem Zweck wird der feingemahlene Stein mit pech, Mastix, Terpentin und Leinöl oder Wachs vermischt und dann erhitzt, damit sich eine paste ergibt. Diese wird mit einer alkalischen Beize verknetet – »auf die Weise, wie man Brötchen aus derselben macht«,12 schrieb Cennini. Das Blau wäscht sich nach und nach heraus und sinkt auf den Boden. Das Ganze musste mehrfach geknetet werden, wobei die Lösung, die dabei entstand, jedes Mal grauer wurde; beim letzten Durchgang blieb nur noch blasse Farbe zurück, Ultramarinasche genannt. Zum ersten Mal indet sich Lapislazuli als pigment bei einigen Wandgemälden aus dem 5. Jahrhundert im chinesischen Turkmenistan und auf Bildern in einem Höh-

Blau

lentempel aus dem 7. Jahrhundert in Bamiyan. In Europa kam es erstmalig um 650 in der San-Saba-Kirche in Rom zum Einsatz; dort wurde Ultramarin mit Ägyptischblau vermischt (S. 224). Damals war Ägyptischblau das vorherrschende Blau weltweit, sollte aber bald von Ultramarin abgelöst werden.13 Die lange Reise trieb den preis des pigments in die Höhe und hatte zudem Einluss darauf, wie und sogar, ob es verwendet wurde. Italienische Künstler, vor allem aus Venedig, gingen vergleichsweise verschwenderisch mit dem kostbaren pigment um, weil sie die Ersten in der europäischen Lieferkette waren und das pigment am günstigsten besorgen konnten. Das zeigt sich zum Beispiel in dem großen sternenbesetzten Himmelsstreifen auf Tizians Bacchus und Ariadne, der zu Beginn der 1520er Jahre mit Ultramarin gemalt wurde. Nordeuropäische Künstler mussten sparsamer damit umgehen. Albrecht Dürer, der wichtigste deutsche Renaissance-Maler und Graiker, benutzte es gelegentlich, aber nie ohne sich bitterlich über den preis zu beklagen. Als er 1521 in Antwerpen Ultramarin kaufte, zahlte er dafür fast 100 -mal so viel wie für andere Erdpigmente.14 Der preis- und Qualitätsunterschied machte es für Maler sinnvoller, pigmente in Venedig zu kaufen, wenn sie an prestigeträchtigen Aufträgen arbeiteten. Der Vertrag, den Filippino Lippi 1487 für die Fresken der Strozzi-Kapelle in der Basilika Santa Maria Novella in Florenz unterschrieb, enthielt eine Klausel, die besagte, dass ein Teil des Lohns beiseitegelegt werden müsse, »falls er nach Venedig reisen will«. Eine ähnliche Klausel gab es auch in pinturicchios Vertrag aus dem Jahr 1502 für die Fresken der piccolomini-Bibliothek in Siena: 200 Dukaten waren für eine pigmentexpedition nach Venedig vorgesehen.15 Die Gründe für dieses ganze Getue waren sowohl

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praktischer als auch emotionaler Natur.Viele andere blaue pigmente hatten einen Grünstich, wogegen Ultramarin ein reines Blau, gelegentlich mit einem Hauch Violett und zudem besonders beständig war. Außerdem galt es wegen des hohen Ansehens von rohem Lapislazuli als kostbar. Gleichzeitig iel der Aufstieg dieser Farbe auch mit der zunehmenden Marienverehrung in der Renaissance zusammen. Ab etwa 1400 stellten Künstler die Madonna immer häuiger in ultramarinblauen Mänteln und Roben dar: die materielle Manifestation ihrer Wertschätzung Marias und deren Göttlichkeit.16 Die Jungfrau Maria im Gebet von Giovanni Battista Salvi Sassoferrato scheint ebenso sehr ein Tribut an die Farbe Ultramarin in all ihrer nachtblauen Schönheit zu sein wie an die Jungfrau selbst. Den Kopf züchtig gesenkt, den Blick auf den Boden gerichtet, sitzt sie da, sodass das Auge des Betrachters direkt auf die schweren, weichen Falten ihres blauen Mantels gezogen wird. Wie genau dieses pigment verwendet wurde, war Kernpunkt in vielen erhalten gebliebenen Verträgen zwischen Künstlern und ihren Auftraggebern. Andrea del Sartos Vertrag aus dem Jahr 1515 für seine Harpyienmadonna legt fest, dass die Robe der Jungfrau mit Ultramarin gemalt werden solle, zu »mindestens fünf Florentinern die Unze«. Manche Schirmherren kauften das pigment selbst, um auf Nummer sicher zu gehen; ein Dokument aus dem Jahr 1459 lässt darauf schließen, dass die Stadtbehörden seine Vorräte an Gold und Ultramarin kontrollierten, während Sano di pietro am Fresko eines Tores in Siena arbeitete. Dieser Argwohn war durchaus nicht immer unbegründet. Als 1857, fast vier Jahrhunderte später, Dante Gabriel Rossetti, William Morris und Edward BurneJones eine Reihe von Wandbildern in der Bibliothek der oxford Union Society malten, wurde ein voller Topf mit

Blau

Ultramarin umgestoßen inmitten des »fröhlichen, lauten, korkenknallenden, farbenverspritzenden Geblödels«. Ihre Auftraggeber waren entsetzt.17 Was noch Salz in die Wunde des Misstrauens streute, war die Tatsache, dass es zu dieser Zeit bereits eine gute Alternative gab. 1824 bot die Société d’encouragement pour l’industrie nationale in Frankreich jedem 6000 Franc, dem es gelang, ein bezahlbares Ultramarin künstlich herzustellen.18 Vier Jahre später ging das preisgeld an den französischen Chemiker Jean-Baptiste Guimet. (obgleich sein deutscher Konkurrent Christian Gmelin verkündet hatte, dass er im Vorjahr auf ein ähnliches Rezept gestoßen sei, blieb der Gewinn bei Monsieur Guimet, und die neue Formel wurde in der Folge »Französisches Ultramarin« getauft.)19 Zur künstlichen Herstellung wurden porzellanerde, Soda, Holzkohle, Quarz und Schwefel zusammen erhitzt; das Ergebnis, eine grüne glasklare Substanz, wurde pulverisiert, gewaschen und erneut erhitzt, wobei ein tiefblauer puder entstand. Französisches Ultramarin war um ein Vielfaches günstiger. In einzelnen Fällen erzielte das original, Unze für Unze, 2500 -mal mehr als der Kunststof. Anfang der 1830er Jahre kostete eine Unze Ultramarin acht Guineas, wogegen das Französische Ultramarin bei ein bis 25 Schilling pro pfund lag.Vierzig Jahre später war das Französische Ultramarin zum Standard geworden. Dennoch stieß der Neuankömmling zunächst noch auf Widerstand. Künstler klagten, es sei zu eindimensional. Weil alle partikel gleich groß sind und daher das Licht einheitlich relektiert werde, fehle ihm die Tiefe, der Variantenreichtum und die visuelle Anziehungskraft des originals. Der französische Nachkriegskünstler Yves Klein war ebenfalls dieser Meinung. Er ließ sich 1960 das International Klein Blue (IKB) patentieren und setzte es ein, um sein

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Blau

Kobalt Markenzeichen zu kreieren: die schimmernden, strukturierten blauen Leinwände, die wegen ihrer Farbe als »IKB -Reihe« berühmt wurden. (Diese scheinbar schlichten Monochrome nannte Klein später stolz seine »reine Idee«.) Er liebte die Intensität des rohen, gemahlenen Ultramarin, war aber stets enttäuscht von der Stumpfheit der daraus hergestellten Farbe. Über ein Jahr lang arbeitete er mit einem Chemiker an der Entwicklung einer Art Harz. Wurde dies mit dem künstlichen Ultramarin zu IKB vermischt, erreichte das pigment fast die Reinheit und den Glanz des originals.

Am 29. Mai 1945, kurz nach der Befreiung Hollands, wurde

der Künstler und Kunsthändler Han van Meegeren wegen Kollaboration verhaftet. Während der Besetzung durch die Nazis war er nicht nur an ein verdächtig großes Vermögen gekommen, sondern hatte auch das Bild Christus und die Ehebrecherin, ein Frühwerk Vermeers, an Göring verkauft. Bei einem Schuldspruch drohte ihm der Tod durch Erhängen.20 Van Meegeren wies die Anklage nicht nur energisch zurück, sondern konterte mit einem eigenen Antrag. Der »Vermeer« sei gar kein Vermeer – er habe ihn selbst gemalt. Schlimmstenfalls habe er sich der Fälschung schuldig gemacht, aber da er den Reichsmarschall betrogen habe, sollte er da nicht eigentlich als holländischer Held gefeiert werden? Einige der Bilder, die er als sein eigenes Werk benannte, sind während seiner Karriere als Fälscher groß herausgekommen: Unter anderem wurden ein paar weitere Vermeers und ein paar pieter de Hoochs in Museen ausgestellt und von Kritikern zu vergessenen Meisterwerken erklärt.Van Meegeren behauptete, acht Millionen Gulden verdient zu haben (was heute etwa 33 Millionen Dollar entspricht). Als prominente Museumsdirektoren und Kritiker ihm nicht glauben wollten, fand van Meegeren sich in der ungewöhnlichen position wieder, der Öfentlichkeit seine Schuld beweisen zu müssen. Wie er vor Gericht erklärte, habe er sich auf Vermeer spezialisiert, weil es im Œuvre des Künstlers eine große Lücke gäbe – die meisten seiner bekannten Gemälde stammen aus einer Zeit, als er bereits ein älterer Mann war – , und wegen des sehr unterschiedlichen Stils in seiner Jugend und späteren Jahre.Van Meegeren hatte für eine seiner Fälschungen eine Komposition von Caravaggio benutzt, Christus und die Jünger in Emmaus, weil er wusste, dass Kunsthistoriker verzweifelt auf der

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Suche nach dem Beweis dafür waren, dass Vermeers Stil italienische Vorbilder und Einlüsse hatte. Auch auf die technischen Details hatte er geachtet. Statt des traditionellen Leinöls als Farbmedium hatte er Bakelit benutzt, ein plastik, das verhärtet, wenn es erhitzt wird. Dadurch konnte er die üblichen Röntgenstrahlen- und Lösemitteltrenntests zur Altersbestimmung von Ölgemälden überlisten. Er hatte auf alte Leinwände mit authentischem Craquelé (winzige Risse, die auf alten Gemälden entstehen) gemalt und nur mit pigmenten gearbeitet, die es auch schon im 17. Jahrhundert gab21 – mit einer Ausnahme. Der Verräter war ein spezieller Farbton, der bei genauerer Untersuchung ein pigment enthielt, das erst 130 Jahre nach Vermeers Tod entstand: Kobaltblau.22 Dass van Meegeren das entgangen war, ist nicht weiter verwunderlich. Kobaltblau war immerhin einer der Blautöne, die als künstlicher Ersatz für Ultramarin geschafen wurden.23 Der französische Chemiker LouisJacques Thénard beschloss, dass der Schlüssel im Kobalt liegen müsse, dem Element, das die porzellanmanufaktur von Sèvres für ihre blaue Glasur verwendete, genau wie es auch für die himmelblauen Fliesen auf den Dächern persischer Moscheen benutzt wurde. Es taucht außerdem im berühmten mittelalterlichen irisblauen Glas in Chartres und Saint-Denise nahe paris sowie in dem billigen Künstlerpigment Schmalte auf. 1802 gelang Thénard der Durchbruch: Ein Gemisch aus Kobaltarsenat oder Kobaltphosphat und Tonerde, bei hoher Temperatur gebrannt, brachte ein schönes, tiefes Blau hervor.24 Der Chemiker und Schriftsteller George Field beschrieb es 1835 als »modernes, besseres Blau […] das weder zu Grün noch zu Lila tendiert und sich in Brillanz dem Ultramarin nähert«.25 Dass in van Meegerens Werken Kobaltblau auftauchte, entlarvte ihn, und seine Bilder wurden stillschweigend

Blau

von den Museumswänden entfernt und diskret weggepackt. Im November 1947 wurde er, zwei Jahre nach seiner Verhaftung, schließlich schuldig gesprochen. Nicht wegen Kollaboration mit dem Naziregime – auch wenn ein Buch mit seinen Zeichnungen in Hitlers persönlicher Bibliothek gefunden worden war, versehen mit der Widmung »In dankbarer Anerkennung für meinen geliebten Führer« – , sondern wegen Fälschung.26 Er wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, starb aber schon, wie manche meinen an gebrochenem Herzen, nach einem Monat.

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Indigo 1882 erwarb das British Museum ein Objekt, bei dem es elf

Jahrzehnte dauern sollte, bis man wusste, worum es sich handelte. Es war eine kleine Tontafel, etwa sieben Quadratzentimeter groß und zwei Zentimeter dick, komplett bedeckt mit winziger Schrift, die irgendwann zwischen 600 und 500 v.Chr. in Babylon gefertigt wurde. Als Anfang der 1990er Jahre Wissenschaftlern endlich die Übersetzung gelang, stellte sich heraus, dass die Worte, die über 2000 Jahre zuvor in den noch feuchten Ton eingeschrieben wurden, eine Anleitung waren, um Wolle dunkelblau zu färben. Auch wenn es nicht ausdrücklich erwähnt wird, lässt das beschriebene Verfahren wegen des mehrfachen Eintauchens darauf schließen, dass das Färbemittel Indigo war. Lange Zeit nahm man an, dass sowohl die Samen der Indigo-planze als auch das Wissen darüber, wie man sie in den Farbstof verwandelt, der an den Nachthimmel erinnert, mit den Winden des Handels gen Westen gesegelt waren; von Indien über den Nahen osten und Afrika. (Diese Annahme hat ihre Spuren im Namen selbst hinterlassen. Die etymologische Wurzel ist das griechische indikon, das »Substanz aus Indien« bedeutet.) Mittlerweile gilt dies jedoch als unwahrscheinlich. Stattdessen scheinen die Menschen das Verfahren unabhängig voneinander und zu verschiedenen Zeiten entdeckt zu haben. Es gibt viele verschiedene planzenarten, die Indigo produzieren – Waid (S. 227) gehört ebenfalls dazu – , aber der begehrteste Farbstof stammt vom Indigofera tinctoria.27 Für ein farbstofproduzierendes Arbeitstier ist es eigentlich ein ganz hübsches Gewächs mit kleinen, leicht staubig wirkenden grünen Blättern, rosa Blüten, die wie kleine Duftwicken aussehen, und baumelnden Fruchtständen. Im Gegensatz zu Waid ist Indigofera tinctoria ein Fixiermittel für Stickstof und deshalb gut für den Boden; trotz-

dem hat es seine Macken und ist sehr pannenanfällig.28 Bauern in Zentral- und Südamerika hatten beispielsweise nicht nur mit den üblichen Risiken zu kämpfen – schwankende preise, Regenfälle, untergehende Handelsschife – , sondern auch noch mit einer ganzen Reihe anderer Gefahren von biblischem Ausmaß, wie etwa Erdbeben oder Raupen- und Heuschreckenplagen.29 Und nicht einmal nach der nervenaufreibenden Ernte konnten die armen Bauern ruhig schlafen. Selbst heutzutage, wo uns weit mehr Chemikalien und Hilfsmittel zur Verfügung stehen, ist das Verfahren, um aus den Blättern Farbstof zu gewinnen, sehr mühsam. Die althergebrachte Methode von Hand war jedoch noch deutlich schlimmer. Zuerst wurde das Grünzeug in einer Lauge vergoren, dann die Flüssigkeit entzogen, und schließlich wurde es zur Belüftung stark aufgeschlagen. Das führte zur Bildung eines blauen Sediments, das in Blöcken getrocknet und vertrieben wurde.30 Doch der Aufwand zahlt sich aus. Die Farbe ist sehr lebendig und altert darüber hinaus sehr gut, wie jeder Jeans-Liebhaber, dem seine japanische Webkante etwas wert ist, bestätigen wird. Außerdem ist es unter den natürlichen Färbestofen am farbechtesten. Wurde es zusammen mit anderen verwendet, um Farben wie Grün oder Schwarz zu erzeugen, blieb am Ende oft nur Indigo zurück. Dieses phänomen ist allgemein bekannt, und man spricht von der »blauen Krankheit«, wenn von dem ehemals grünen Blattwerk auf Wandteppichen der Renaissance nichts als Himmelblau übrig geblieben ist.31 Im Gegensatz zu den meisten Färbemitteln braucht Indigo kein Beizmittel, um es auf Stof zu ixieren. Das vergleichsweise schwache Indigo des Waid färbt absorbierende Fasern wie Wolle; der Farbstof von anderen indigoproduzierenden planzen kann bis zu zehnfach

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stärker sein und damit mehr als ausreichend, um weniger aufnahmefähige planzenfasern wie Seide, Baumwolle, Flachs und Leinen zu saturieren.32 Stof, der in das hellgrüne Färbemittel getaucht wird, verändert seine Farbe, wenn er in Kontakt mit der Luft kommt: Erst wird er gelblich grün, dann meeresgrün und schließlich zu einem tiefen, beharrlichen Blau. Indigo gehört untrennbar zu den Begräbnisritualen vieler verschiedener Kulturen auf der ganzen Welt, von peru bis Indonesien, Mali bis palästina. Etwa um 2400 v.Chr. begannen die Färber in Ägypten dünne Streifen von blauem Stof an den Kanten ihrer leinenen Mumientücher einzuziehen; ein feierliches Gewand aus der umfangreichen Begräbnisgarderobe von Tutanchamun, der ca. 1333 bis 1323 v.Chr. regiert hatte, war fast komplett indigofarben.33 Der Farbstof ist auch bis in andere kulturelle Sphären vorgedrungen. Männliche Mitglieder des Tuareg-Stamms aus Nordafrika bekommen bei einer speziellen Zeremonie, die den Übergang vom Jungen zum Mann markiert, tagelmusts, Kopftücher. Die Angesehensten eines Stammes tragen die leuchtendsten indigofarbenen tagelmusts, die zuvor mehrere Runden von Färben und Ausschlagen durchlaufen mussten, um diese prächtige Strahlkraft zu erhalten.34 Indigo wurde seit jeher so sehr geschätzt, dass es, soweit Aufzeichnungen und fundierte Mutmaßungen zurückreichen, schon immer ein Grundpfeiler des weltweiten Handels war. Die reichsten Römer konnten Indigo zu 20 Dinar das pfund importieren – das war etwa 15 -mal so viel wie der durchschnittliche Tageslohn. (Die preise waren so hoch, dass ein paar Kauleute sogar versuchten, eine Fälschung aus Taubenmist zu verhökern.)35 Dazu kamen noch die eingeschränkten Handelsrouten. Ehe Vasco da Gama sein Schif um das Kap der Guten

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Hofnung herumlenkte und sich ein weiterer Handelsweg zum osten auftat, mussten Güter auf der Landroute durch Vorderasien oder um die arabische Halbinsel transportiert werden, um in den Westen zu gelangen. Diese Route war unberechenbar und beschwerlich; oft kam es zu Unruhen, und die jeweiligen Herrscher entlang des Weges verlangten hohe Abgaben, was die preise für all jene am Ende der Kette umso mehr in die Höhe trieb. Die Hindernisse waren endlos. 1583 kam es infolge einer extremen Dürreperiode zu einem Mangel an Kamelen, und die Karawanen kamen zum Stillstand. Ein englischer Kaufmann verlor, nachdem er bei einer Auktion um »zwölf Wagenladungen mit nil [Indigo]« in Bayana, Indien, beinahe einen diplomatischen Zwischenfall verursacht hatte, weil er die Mutter des einheimischen Herrschers überboten hatte, in Bagdad sowohl seine kostbare Fracht als auch sein Leben.36 In Europa fasste das importierte Indigo eher langsam Fuß, was hauptsächlich an dem Widerstand der einheimischen Waid-Bauern lag. Doch mit dem Aufstieg des Kolonialismus im 16. und 17. Jahrhundert und der Aussicht, damit ein Vermögen zu verdienen, nahm die Zurückhaltung ab – ein fast schon ieberhafter Handel setzte ein. Allein im Jahr 1631 brachten sieben holländische Schife insgesamt 333 545 pfund Indigo nach Europa, eine Ladung, die etwa fünf Tonnen Gold (S. 98) entsprach. In der Neuen Welt begannen die Spanier unmittelbar nach der Eroberung Guatemalas 1524 Indigo gewerbsmäßig anzuplanzen, und schon bald war es das Hauptexportgut dieser Region.37 Neue Handelsrouten in Verbindung mit umfassender Sklaven- und Zwangsarbeit in der Neuen Welt und Indien führten dazu, dass der preis iel. Armeen begannen ihre Uniformen mit Indigo zu färben. Napoleons Grande

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preußischblau Armée verbrauchte beispielsweise 150 Tonnen pro Jahr.38 (Die französische Infanterie trug noch bis zum Ersten Weltkrieg krapp- oder alizarinrote Hosen; sie wurden erst durch indigofarbene ersetzt, als ihnen klar wurde, dass sie ein sehr einfaches Ziel abgaben.) Als William perkin 1856 das Geheimnis von Anilinfarbstofen ergründete, war es logischerweise nur eine Frage der Zeit, bis eine künstlich hergestellte Indigo-Variante verfügbar war. Nach einem anfänglichen Durchbruch 1865 sollte es noch weitere 30 Jahre dauern, bis der deutsche Chemiker Adolf von Baeyer, gefördert mit 20 Millionen Goldmark durch den deutschen pharma-Riesen BASF, endlich ein »Reines Indigo«, eine Indigosynthese, auf den Markt bringen konnte. Indigo wurde vom Luxusgut, durchaus auf Augenhöhe mit dem kaiserlichen purpur (S. 184), zur Farbe der Arbeiterschaft – und das nicht nur in Europa, sondern auch in Japan und China, wo der staubblaue Anzug Maos im 20. Jahrhundert allgegenwärtig war.39 Interessanterweise war es aber genau diese Assoziation mit der Arbeiterschaft, die dafür sorgte, dass das pigment nachhaltig und dauerhaft in unserer Gesellschaft verankert ist, nämlich in Form der Blue Jeans.40 obwohl der Höhepunkt 2006 schon erreicht war, verzeichnete die weltweite Denim-Industrie, die vom klassischen Indigo-Blau dominiert wird, 2011 einen Wert von 54 Milliarden Dollar.41 Jeans gehören seit den sechziger Jahren zu den Basics jedes Kleiderschranks und Giorgio Armani wird oft mit den Worten zitiert, dass sie »die Demokratie in der Mode repräsentieren«. In Jeans kann sich jeder überall zu Hause und verstanden fühlen.

Irgendwann zwischen 1704 und 1706 wollte der Farbenher-

steller und Entdecker Johann Jacob Diesbach in einem düsteren Berliner Zimmerchen eine Menge seines Markenzeichens, des roten Florentiner Lacks (eine Koschenille-Lösung) produzieren. Der chemische Vorgang war relativ simpel, nötig waren Alaun, Eisensulfat und pottasche. Als er in der entscheidenden phase war, merkte Diesbach, dass ihm die pottasche ausgegangen war. Also kaufte er beim nächstbesten Händler welche und arbeitete weiter. Doch etwas stimmte nicht. Als er die pottasche hinzufügte, wurde die Mixtur nicht rot, wie sonst, sondern blass und rosa. Als er ratlos versuchte, das Ganze zu konzentrieren, verfärbte sich sein Florentiner Lack erst lila und dann tiefblau. Diesbach suchte den Mann auf, bei dem er die pottasche gekauft hatte; es handelte sich um den in Verruf geratenen Alchemisten und Apotheker Johann Konrad Dippel, und Diesbach verlangte eine Erklärung. Dippel gestand, dass das Eisensulfat ungewohnt mit der pottasche reagiert hatte, weil Letztere mit Tieröl verunreinigt war. Die Reaktion hatte Kaliumhexacyanidoferrat hervorgebracht (ein Gemisch, noch heute als Blutlaugensalz bekannt), das sich mit dem Eisensulfat verband, wodurch Eisenferrocyanid entstand – heute bekannt als preußischblau oder Berliner Blau.42 Es war eine sehr verheißungsvolle Zeit für ein neues Blau. Ultramarin (S. 207) blieb das unerreichte Ideal, aber es war noch immer höllisch teuer, und die Versorgungslage schwankte. Es gab außerdem Kobaltblau, blauen Verditer, Azurit und sogar Indigo (S. 216), aber sie waren allesamt leicht grünlich, deckten schlecht und galten auf Leinwand als nicht sehr dauerhaft.43 Berliner Blau war eine ofenbarung. Eine tiefe, eher kühle Farbe mit unglaublicher Färbekraft und lexibel genug, um damit

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leichte Abstufungen erzielen zu können. Außerdem vertrug es sich sehr gut mit Bleiweiß (S. 46) und auch mit gelben pigmenten wie Auripigment (S. 93) und Gummigutta (S. 90), um ein beständiges Grün herzustellen. In seinem pigmenten-Kompendium aus dem Jahr 1835 nannte es George Field ein »eher modernes pigment«, »tief und kräftig […] sehr gehaltvoll und von beträchtlicher Transparenz«.44 Dem als nicht besonders redlich verschrienen Dippel fehlte es aber durchaus nicht an Geschäftssinn, und er begann, ab etwa 1710 damit zu handeln. Die Formel blieb bis 1724 geheim, als ein englischer Chemiker namens John Woodwood das Verfahren zur Gewinnung von preußischblau in Philosophical Transactions of the Royal Society veröfentlichte.45 1750 wurde es bereits europaweit hergestellt. Im Gegensatz zu vielen anderen pigmenten aus dieser Zeit (und trotz des »cyanid« in seinem chemischen Namen) war es nicht giftig – und kostete nur ein Zehntel von Ultramarin. Nachteile gab es dennoch: Es entfärbte sich bei starker Lichteinwirkung und mit Alkalien. Der Autor von Ancient und Modern Colours (1852), W. Linton räumte ein, dass es ein »kräftiges und faszinierendes pigment für den Farbenkünstler« sei, »man sich aber nicht darauf verlassen« könne und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass man kaum daran vorbeikam.46 Die Farbe indet sich in den Werken verschiedenster Künstler: William Hogarth, John Constable, van Gogh und Monet. Japanische Maler und Holzschnittkünstler waren hoch erfreut darüber. Und es war auch picassos favorisiertes Blau in seiner »Blauen phase« Anfang des 20. Jahrhunderts nach dem Tod eines Freundes, weil die Transparenz dieses Farbtons der melancholischen Grundstimmung jener Bilder eine kühle Tiefe verlieh. Auch heute ist es noch sehr gefragt: Anish Kapoors lache, topographische

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Skulptur A Wing at the Heart of Things aus dem Jahr 1990 besteht aus Schiefer in Berliner Blau. Das pigment ist außerdem leißig in andere Industriezweige vorgedrungen. Lange wurde es für Tapeten, Hausfarben und Textilfärbestofe verwendet. Der englische Chemiker, Astronom und Fotograf John Herschel aus dem 19. Jahrhundert hat herausgefunden, wie man es mit lichtempindlichem papier verwenden kann, um eine Art proto-Kopie zu bekommen. Das Ergebnis zeigt weiße Zeichen auf blauem Grund und wurde als »Blaupause« bekannt, ein Wort, das als Allegorie in die Sprache übergegangen ist. Außerdem wird es als Gegenmittel bei Thallium- und radioaktiven Cäsium-Vergiftungen verwendet, weil es dafür sorgt, dass der Körper diese Stofe nicht absorbiert. Die einzige Nebenwirkung sind erschreckend blaue Fäkalien.47 Sehr lange konnte erstaunlicherweise niemand genau bestimmen, was preußischblau genau ist; man wusste, welche Schritte zur Herstellung nötig waren, aber nicht, was genau womit reagierte. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so erstaunlich: Eisenferrocyanid, ein kristalliner blauer Festkörper, ist ein kompliziertes Gemisch mit verwirrender Gitterstruktur. Dass so etwas durch einen glücklichen Zufall entstehen konnte, wirkt fast wie ein Wunder, oder wie der französische Chemiker Jean Hellot 1762 so schön sagte: Womöglich gibt es wenig Bemerkenswerteres als das Verfahren, mit dem Preußischblau hergestellt wird; man muss einräumen, dass eine fundierte These nötig gewesen wäre, um es zu erinden, hätte nicht der Zufall seine Hand im Spiel gehabt.48


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