Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Impressum Herausgeber Bundesamt für Landwirtschaft BLW CH-3003 Bern Telefon: 058 462 25 11 Internet: https://www.blw.admin.ch/blw/de/home/nachhaltige-produktion/tierische-produktion/tierzucht-und-tiergenetische-ressourcen.html Copyright: BLW, Bern 2021
Das BLW dankt der Hochschule für Agrar- Forstund Lebensmittelwissenschaften HAFL für die Datensammlung, die für die vorliegende Broschüre verwendet wurde.
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Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Vorwort
Mit vereinten Kräften Schweizer Rassen erhalten Über Jahrtausende ist durch die allmähliche Umwandlung von Wildtieren in Haustiere eine grosse Vielfalt an landwirtschaftlichen Nutztierrassen entstanden. Das genetische Potenzial ist riesig. Die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft und der tierischen Produktion förderte jedoch die einseitige Zucht einzelner Produktionsrassen. Dadurch sind viele lokale Schweizer Rassen unter Druck geraten. 1994 hat die Schweiz die Konvention über biologische Vielfalt ratifiziert und sich damit verpflichtet, die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der einheimischen Rassen zu unterstützen. Heute zählen insgesamt 38 Rassen der Gattungen Rind, Schwein, Schaf, Ziege, Pferd, Huhn, Kaninchen und Honigbiene als lokale Schweizer Rassen. Mindestens 18 davon sind gefährdet. Sie müssen vor dem Aussterben bewahrt werden. Zu diesem Zweck hat das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) in den vergangenen 20 Jahren mehr als 60 Projekte zur Erhaltung der lokalen Rassen finanziell unterstützt. Weiter engagieren sich die Züchterinnen und Züchter, Zuchtorganisationen, ProSpecieRara und die Forschungsinstitutionen mit vereinten Kräften für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der lokalen Schweizer Rassen. Das BLW koordiniert die Aktivitäten auf nationaler Ebene und vertritt die Schweiz auf internationaler Ebene in der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sowie in europäischen Netzwerken. Die vorliegende Publikation ersetzt die Broschüre «Tiergenetische Ressourcen der Schweizerischen Landwirtschaft» aus dem Jahr 2007. Sie beinhaltet aktualisierte Angaben zur Schweizer Landwirtschaft, eine Zusammenstellung der Erhaltungsaktivitäten und eine detaillierte Beschreibung der 38 lokalen Schweizer Rassen. Sie bietet Interessierten die Möglichkeit, sich fundiert über die einzigartige Rassenvielfalt der Schweiz zu informieren. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine spannende Lektüre! Guy Parmelin Bundespräsident 2021
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Inhaltsverzeichnis Die Schweiz und ihre Landwirtschaft................................................................. 1 Geografie und Klima.................................................................................. 1 Geografie............................................................................................... 1 Klima..................................................................................................... 1 Die Landwirtschaft in Zahlen....................................................................... 2 Aufgaben der Landwirtschaft................................................................. 2 Landwirtschaftliche Nutzfläche............................................................... 3 Entwicklung der Nutztierbestände.......................................................... 4 Wirtschaftliche Bedeutung der Tierproduktion........................................ 5 Tierische Produkte.................................................................................. 6 Selbstversorgungsgrad........................................................................... 6 Rassenvielfalt in der Schweiz............................................................................. 8 Diversität.................................................................................................... 8 Tiergenetische Ressourcen.......................................................................... 9 Erhaltungsmassnahmen.............................................................................. 14 Meilensteine in der Geschichte der tiergenetischen Ressourcen.............. 15 Zusammenarbeit verschiedener Akteure................................................. 18 Erhaltungsprojekte................................................................................. 18 Forschungsprojekte................................................................................ 18 Braunvieh - Zuchtrichtungen Original Braunvieh und Brown Swiss..................... 22 Eringer.............................................................................................................. 24 Evolèner............................................................................................................ 26 Simmental......................................................................................................... 28 Rätisches Grauvieh............................................................................................ 30 Freiberger.......................................................................................................... 32 Braunköpfiges Fleischschaf................................................................................ 34 Bünder Oberländer Schaf.................................................................................. 36 Engadinerschaf.................................................................................................. 38 Spiegelschaf...................................................................................................... 40
Ostfriesisches Milchschaf................................................................................... 42 Saaser Mutte..................................................................................................... 44 Schwarzbraunes Bergschaf................................................................................ 46 Walliser Landschaf............................................................................................. 48 Walliser Schwarznasenschaf.............................................................................. 50 Weisses Alpenschaf........................................................................................... 52 Appenzellerziege............................................................................................... 54 Bünder Strahlenziege........................................................................................ 56 Capra Grigia...................................................................................................... 58 Capra Sempione................................................................................................ 60 Gämsfarbige Gebirgsziege................................................................................. 62 Grüenochte Geiss.............................................................................................. 64 Kupferhalsziege................................................................................................. 66 Nera Verzasca.................................................................................................... 68 Pfauenziege...................................................................................................... 70 Saanenziege...................................................................................................... 72 Stiefelgeiss........................................................................................................ 74 Toggenburgerziege............................................................................................ 76 Walliser Schwarzhalsziege................................................................................. 78 Schweizer Edelschwein...................................................................................... 80 Edelschwein Vaterlinie (PREMO)......................................................................... 82 Schweizer Landrasse.......................................................................................... 84 Appenzeller Barthuhn........................................................................................ 86 Appenzeller Spitzhaube..................................................................................... 88 Schweizerhuhn.................................................................................................. 90 Schweizer Fehkaninchen................................................................................... 92 Schweizer Fuchskaninchen................................................................................ 94 Dunkle Biene..................................................................................................... 96
Die Schweiz und ihre Landwirtschaft Die klimatischen und topografischen Verhältnisse begünstigen die Tierhaltung in der Schweiz und begründen auch die Entstehung einer grossen Vielfalt an Nutztierrassen auf engstem Raum. Mit rund 70 % Grünflächen wird ein Grossteil der landwirtschaftlichen Fläche der Schweiz mit Wiederkäuern (Rinder, Schafen, Ziegen) genutzt. Die Bedeutung der Tierhaltung ist in der Schweiz sehr gross.
Geografie und Klima Geografie
Die Schweiz liegt in Mitteleuropa und wird von drei charakteristischen Landschaften geprägt: Jura, Mittelland und Alpen. Das 300 km lange Falten- und Tafelgebirge des Jura aus Kalk- und Mergelgestein nimmt 10 % der Landesfläche ein. Die Talböden des Jura liegen auf 300-400 m ü. M., die höchsten Berge auf 1700 m. Die hügelige und muldenförmige Moränenlandschaft des Mittellandes bildet die landwirtschaftliche Kernzone und umfasst 30 % der Landesfläche. Von den Tälern auf 300-500 m steigt das angrenzende Voralpengebiet bis auf 1300 m. Die Alpen, die 60 % der Landesfläche umfassen, bestehen aus Kalk und Urgestein bis zu einer Höhe von 4600 m. Das Klima, die Vegetationszeit und die Oberflächengestaltung begrenzen die Besiedlung und Nutzung der Alpen.
Klima
Das Klima-Portrait der Schweiz ergibt sich primär aus der geografischen Lage des Landes und der komplexen Topografie. Die geografische Lage bestimmt, welche Wetterlagen vorherrschen. Die Topografie sorgt für regionale Unterschiede und klimatische Spezialitäten innerhalb der Schweiz. Das Klima der Schweiz ist stark durch die Alpen wie auch vom Atlantik geprägt. Die Winter sind im nördlichen Flachland feucht-mild. In höheren Lagen wird es arktisch kalt. Die mittlere Jahrestemperatur schwankt zwischen <0°C und 12,4°C (MeteoSchweiz, 2020a). Oberhalb von etwa 1200-1500 m ü. M. fällt der Niederschlag im Winter vorwiegend als Schnee. Die Alpensüdseite ist stark vom Mittelmeer beeinflusst. Das Klima dort unterscheidet sich vom Norden vor allem durch deutlich mildere Winter. Entlang des Alpenkamms gibt es im Sommer häufig Gewitter. Die Alpen erzeugen, neben ihrer dominanten Wirkung als Klimaschranke zwischen Nord und Süd, zusätzlich mehrere verschiedene Klimabereiche. Dazu gehören die inneralpinen Täler. Sie haben ein ausgeprägtes, eigenes Klima, da sie gegen Niederschlag sowohl aus dem Norden als auch vom Süden abgeschirmt sind. Die Folge davon sind ganzjährig eher trockene Bedingungen (500-700 mm pro Jahr). Demgegenüber sind in den nördlichen Voralpen, den Alpen und der Südschweiz jährliche Niederschlagsmengen von ungefähr 2000 mm üblich. Im nördlichen Flachland beträgt die durchschnittliche Menge etwa 1000-1500 mm pro Jahr (Meteoschweiz, 2020b). Klimakarten zur Schweiz: https://www.meteoschweiz.admin.ch/home/klima/schweizer-klima-im-detail/klima-normwerte/normwert-karten.html Quellen: MeteoSchweiz, 2020a. Zugang am 16.12.2020: https://www.meteoschweiz.admin.ch/product/input/climate-data/normwerte-pro-messgroesse/np8110/nvrep_ np8110_tre200m0_d.pdf MeteoSchweiz, 2020b. Zugang am 16.12.2020: https://www.meteoschweiz.admin.ch/home/klima/klima-der-schweiz.html
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Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Die Landwirtschaft in Zahlen Aufgaben der Landwirtschaft
Im Artikel 104 der Bundesverfassung ist festgehalten: «Der Bund sorgt dafür, dass die Landwirtschaft durch eine nachhaltige und auf den Markt ausgerichtete Produktion einen wesentlichen Beitrag leistet zur: h sicheren Versorgung der Bevölkerung; h Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und zur Pflege der Kulturlandschaft; h dezentralen Besiedlung des Landes.» Im Artikel 104a präzisiert der Bund, dass er die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherstellt, indem er die Voraussetzungen schafft für: h h h h
ie Sicherung der Grundlagen für die landwirtschaftliche Produktion, insbesondere des Kulturlandes; d eine standortangepasste und ressourceneffiziente Lebensmittelproduktion; eine auf den Markt ausgerichtete Land- und Ernährungswirtschaft; grenzüberschreitende Handelsbeziehungen, die zur nachhaltigen Entwicklung der Land- und Ernährungswirtschaft beitragen; h einen ressourcenschonenden Umgang mit Lebensmitteln. Zudem fördert er Produktionsformen, die besonders naturnah, umwelt- und tierfreundlich sind. Damit gehen die Leistungen der Landwirtschaft über die Nahrungsmittelproduktion hinaus. Diese werden vom Staat durch finanzielle Anreize gesteuert oder vergütet, da sie im öffentlichen Interesse liegen (BLW, 2018).
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Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Landwirtschaftliche Nutzfläche
Die landwirtschaftliche Nutzfläche (LN) der Schweiz (Total 1,04 Mio. ha) ist folgendermassen aufgeteilt (Abbildung 1; Agrarbericht, 2020a):
2.5% 1.5% Offene Ackerfläche Kunstwiesen Naturwiesen Dauerkulturen Übrige LN
26%
58%
12%
Abbildung 1: Aufteilung der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Schweiz nach Nutzungsart
Aufgrund des hohen Anteils der Grünflächen (rund 70 %), ist die Wiederkäuerhaltung für die Schweiz sehr wichtig. Mehr als 50 % der Wiederkäuer (Rinder, Schafe, Ziegen) werden in den Hügel- und Bergregionen der Schweiz gehalten (BFS, 2020a). Dort leben die Menschen seit jeher von und mit den Nutztieren. Dadurch sind viele lokale Rassen in diesen Regionen entstanden und konnten teilweise bis heute erhalten bleiben.
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Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Entwicklung der Nutztierbestände
Aufgrund des Strukturwandels in der schweizerischen Landwirtschaft haben sich die Nutztierbestände verändert. Die des Rindviehs und der Schweine sind seit dem Jahr 1985 rückläufig. Die Pferde- und Hühnerbestände haben kontinuierlich zugenommen. Die Schaf- und Ziegenbestände haben in der Zeit von 1985 bis 2008 zugenommen und sind seit 2008 wieder rückläufig.
Tierart
1985
1998
2008
20191
Rindvieh
1 848 431
1 640 871
1 604 287
1 524 820
Davon Kühe
822 120
737 343
726 875
682 858
Pferdegattung
37 354
56 237
76 777
80 690
1 966 973
1 486 955
1 540 129
1 359 684
Schafe
271 780
422 270
446 153
343 581
Ziegen
53 386
60 106
87 602
80 469
Hühner
6 237 006
6 565 971
8 474 239
11 828 869
Schweine
1
Ab 2015 Stichtag von Anfang Mai auf den 1. Januar verschoben
Tabelle 1: Entwicklung der Nutztierbestände von 1985 bis 2019 (BFS, 2020b)
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Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Wirtschaftliche Bedeutung der Tierproduktion
Die tierische Produktion war 2019 mit gut 48 % der Erzeugung des landwirtschaftlichen Wirtschaftsbereichs von grosser ökonomischer Bedeutung (Agrarbericht, 2020b). Innerhalb der tierischen Produktion war der Beitrag der Milchproduktion am wichtigsten (21 %), gefolgt von der Rindfleisch- (12 %) und der Schweinefleischproduktion (9 %) (Abbildung 2). Diese Angaben belegen die traditionell hohe wirtschaftliche Bedeutung der Tierproduktion für die schweizerische Landwirtschaft.
Pflanzliche
6% 3% 1%
Rinder
6%
Milch Schweine
3%
Schafe und Geflügel 39%
9%
Eier
Landwirtsc
Nichtlandw
21% 12%
Pflanzliche Erzeugung Rinder Milch Schweine Schafe und Ziegen Geflügel 39%
Eier Landwirtschaftliche Dienstleistungen Nichtlandwirtschaftliche Nebentätigkeiten
Abbildung 2: Erzeugung des landwirtschaftlichen Wirtschaftsbereichs zu laufenden Herstellungspreisen in Prozent pro Sektor im Jahr 2019
12%
5
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Tierische Produkte
Die Milchwirtschaft ist ein wichtiger Sektor der Schweizer Landwirtschaft mit einem Anteil von gut 21 % an der Erzeugung des gesamten landwirtschaftlichen Wirtschaftsbereichs (Abbildung 2). 3,4 Mio. Tonnen Milch wurden 2019 produziert. Zwei Drittel davon wurden zu Käse, Quark, Rahm und Butter verarbeitet (Agrarbericht, 2020c). Milchspezialitäten von Milchziegen und Milchschafen erfreuen sich bei den Konsument*innen steigender Beliebtheit. Entsprechend konnten die Milchschaf- und Milchziegenbestände in den vergangenen Jahren stetig erhöht werden. Die Fleischproduktion stieg von 2000 bis 2017 um 16 %, wobei sich die Menge an produziertem Geflügelfleisch verdoppelte. 2019 wurde eine totale Fleischmenge von rund 478 000 t Schlachtgewicht produziert, was einer Abnahme um 2,3 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Davon entfallen rund 46 % auf Schweinefleisch, etwa 25 % auf Rindfleisch sowie knapp 21 % auf Geflügelfleisch. Der Produktionswert von Fleisch machte etwas mehr als einen Viertel des gesamten landwirtschaftlichen Produktionswertes aus (Abbildung 2) (Agrarbericht, 2020d). Der jährliche Pro-Kopf-Fleischkonsum der Schweizer Bevölkerung sank 2019 gegenüber dem Vorjahr mit 51,3 kg bei einem Inlandanteil von knapp 81 % (Proviande, 2020). 2019 wurden 1000 Mio. Eier produziert (Agrarbericht, 2020e). Generell boomt die Eier- und Pouletfleischproduktion. Dieser Boom hat jedoch keinen Einfluss auf die tiergenetischen Ressourcen der Schweiz, da für die konventionelle Poulet- und Eierproduktion fast ausschliesslich kommerzielle Geflügellinien eingesetzt werden, die in wenigen internationalen Unternehmen gezüchtet werden.
Selbstversorgungsgrad
Der Selbstversorgungsgrad wird definiert als Verhältnis der Inlandproduktion zum inländischen Gesamtverbrauch, wobei letzterer sich anhand der Formel Produktion plus Import abzüglich Exporte und Vorräteveränderungen berechnen lässt. Es wird unterschieden zwischen einem Selbstversorgungsgrad brutto und einem Selbstversorgungsgrad netto, wobei beim Selbstversorgungsgrad netto berücksichtigt wird, dass ein Teil der Inlandproduktion auf importierten Futtermitteln beruht. Dazu wird bei der Berechnung des Netto-Selbstversorgungsgrades die tierische Inlandproduktion um jenen Anteil reduziert, der mit importierten Futtermitteln produziert wird (Agrarbericht, 2020f). Der Brutto-Nahrungsmittelverbrauch in Bezug auf verwertbare Energie wurde in den letzten 20 Jahren zu rund 60 % vom Inland gedeckt. Netto lag er um 7 % tiefer. Der Brutto-Selbstversorgungsgrad schwankt bei den pflanzlichen Nahrungsmitteln zwischen 40 % und 50 % und bei den einzelnen tierischen Nahrungsmitteln zwischen 29 % und 116 % (Abbildung 3). Der Gesamtdurchschnitt aller tierischen Nahrungsmittel lag im Jahr 2018 brutto bei 100 %, netto bei 76 % (Agristat, 2020; Agrarbericht, 2020f).
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Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Abbildung 3: Brutto-Selbstversorgungsgrad tierischer Nahrungsmittel 2018 nach energiemässigem Anteil gemäss Nahrungsmittelbilanz
116% 95% 101%
100%
97% 94% 89%
80%
71% 56%
60%
58% 48% 47%
40%
29%
20%
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0% h
Selbstversorgungsgrad in %
120%
Quellen: Agrarbericht, 2020a. Zugang am 16.12.2020: https://www.agrarbericht.ch/de/betrieb/strukturen/landwirtschaftliche-nutzflaeche Agrarbericht, 2020b. Zugang am 16.12.2020: https://www.agrarbericht.ch/de/betrieb/wirtschaftliche-situation/gesamtrechnung Agrarbericht, 2020c. Zugang am 16.12.2020: https://www.agrarbericht.ch/de/markt/tierische-produkte/milch-und-milchprodukte Agrarbericht, 2020d. Zugang am 16.12.2020: https://www.agrarbericht.ch/de/markt/tierische-produkte/fleisch-und-eier Agrarbericht, 2020e. Zugang am 16.12.2020: https://www.agrarbericht.ch/de/produktion/tierische-produktion/fleisch-und-eierproduk-tion Agrarbericht, 2020f. Zugang am 16.12.2020: https://www.agrarbericht.ch/de/markt/marktentwicklungen/selbstversorgungsgrad Agristat, 2020. Nahrungsmittelbilanz, Kapitel 7.6 Inlandproduktion in Prozent des Verbrauchs. S. 22. Zugang am 16.12.2020: https://www.sbv-usp.ch/fileadmin/user_upload/07_SES2019_Nahrungsmittelbilanz.pdf BFS, 2020a. Bundesamt für Statistik - Landwirtschaftliche Strukturerhebung (STRU) – Betriebe und Nutztierbestände nach Zone, © BFS – 2020. Stand der Daten: 11.05.2020. Zugang am 16.12.2020: https://www.bfs.admin.ch/asset/de/je-d-07.02.02.03.01 BFS, 2020b. Bundesamt für Statistik - Landwirtschaftliche Strukturerhebung (STRU) – Nutztierbestand der Landwirtschaftsbetriebe, Entwicklung, © BFS – 2020. Stand der Daten: 11.05.2020. Zugang am 16.12.2020: https://www.bfs.admin.ch/asset/de/je-d-07.02.02.03.02 BLW, 2018. Strategie Tierzucht 2030. Bundesamt für Landwirtschaft, 321.00-00005 \ COO.2101.101.4.1225875. https://www.blw.admin.ch/dam/blw/de/dokumente/Nachhaltige%20Produktion/Tierische%20Produkte%20 und%20Tierzucht/Tierzucht%20und%20tiergenetische%20Ressourcen/Bericht_Strategie_Tierzucht_2030_ deutsch.pdf.download.pdf/Bericht_Strategie_Tierzucht_2030_deutsch.pdf Proviande, 2020. Übersicht: Inlandproduktion, Aussenhandel und Verbrauch von Fleisch. Stand 20.04.2020 Zugang am 16.12.2020: https://www.proviande.ch/sites/proviande/files/2020-04/%C3%9Cbersicht_d.pdf
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Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Rassenvielfalt in der Schweiz
Diversität
Die Funktion und die Produktivität von landwirtschaftlichen Systemen werden massgeblich von der vorhandenen Biodiversität beeinflusst (BLW, 2018). Biodiversität bedeutet «biologische Vielfalt» oder «Vielfalt des Lebens». Wo unterschiedliche Organismen zusammen vorkommen, ist die Biodiversität gross. Wo sie alle sehr ähnlich sind, ist sie geringer. Eine grosse biologische Vielfalt wird als Indikator für eine gesunde Umwelt angesehen. Die Biodiversität kann in drei hierarchische Stufen eingeteilt werden: Ökosystem-Diversität, Arten-Diversität und genetische Diversität (Abbildung 4).
ÖkosystemDiversität
ArtenDiversität
Genetische Diversität
Abbildung 4: Die drei Stufen der Biodiversität in der Landwirtschaft (BLW, 2018)
Die Ökosystem-Diversität beinhaltet die Vielfalt an Lebensräumen und Ökosystemen. Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen und der Mensch übernehmen innerhalb eines Ökosystems verschiedene Rollen und Aufgaben. Sie haben einen Einfluss auf die Bestäubung, die Regulierung von Krankheiten und Schädlingen, den Wasser- und Nährstoffkreislauf, den Erosionsschutz, Waldbrände und das Klima. Die Biodiversität im tierischen Bereich umfasst die Vielfalt der Arten und die genetische Vielfalt von Tieren (tiergenetische Ressourcen), unabhängig davon, ob sie als landwirtschaftliche Nutztiere eingesetzt werden oder nicht. Darunter fallen zum Beispiel auch Fische und Insekten. Die genetische Diversität umfasst die Vielfalt der Gene und Allele innerhalb einer Art und bildet die Grundlage für die Anpassung von Arten und Rassen an Umweltbedingungen oder für die züchterische Veränderung von Rassen. Sie hängt somit stark mit der Rassenvielfalt zusammen (BLW, 2018). Der Teil der Biodiversität, der für unsere Ernährung und für die Landwirtschaft bedeutend ist, heisst Agrobiodi8
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
versität. Dazu gehören auch die tiergenetischen Ressourcen der Nutztiere. Der grossflächige Anbau von Monokulturen und die einseitige Förderung von Leistungsrassen verdrängen die Biodiversität sowohl in der Landwirtschaft als auch in den betroffenen Ökosystemen, wie zum Beispiel dem Regenwald. Damit hat der Mensch einen grossen Einfluss auf alle drei Ebenen der Biodiversität (Abbildung 4) inklusive der Agrobiodiversität. Quellen: BLW, 2018. Strategie Tierzucht 2030. Bundesamt für Landwirtschaft, 321.00-00005 \ COO.2101.101.4.1225875. https://www.blw.admin.ch/dam/blw/de/dokumente/Nachhaltige%20Produktion/Tierische%20Produkte%20 und%20Tierzucht/Tierzucht%20und%20tiergenetische%20Ressourcen/Bericht_Strategie_Tierzucht_2030_ deutsch.pdf.download.pdf/Bericht_Strategie_Tierzucht_2030_deutsch.pdf
Tiergenetische Ressourcen
Zu den tiergenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft gehören die Nutztiergattungen mit ihren Rassen, die landwirtschaftlich genutzt werden. 2018 zählten dazu: Rinder inklusive Büffel und Bisons, Schweine, Schafe, Ziegen, Equiden (Pferde, Ponys, Esel, Maultiere und Maulesel), Neuweltkameliden (Lamas, Alpakas), Geflügel, Kaninchen, in Gehege gehaltenes Wild sowie die Honigbienen (BLW, 2018). Innerhalb einer Gattung ist die Vielfalt der Rassen relevant. Gemäss FAO (2020) ist eine Rasse eine homogene Nutztiergruppe mit definierten und identifizierbaren Merkmalen in der äusseren Erscheinung, die es erlauben, sie aufgrund einer visuellen Beurteilung von einer anderen ähnlich definierten Gruppe innerhalb der gleichen Art zu unterscheiden; oder sie ist eine homogene Gruppe, deren geografische Trennung von phänotypisch ähnlichen Gruppen zu einer allgemeinen Akzeptanz ihrer eigenständigen Identität geführt hat. Die Rassen werden aufgrund ihrer Herkunftsgeschichte und den Beginn der Herdebuchführung unterteilt in Schweizer Rassen und ausländische Rassen. Gemäss Artikel 23 der Tierzuchtverordnung gilt eine Rasse als Schweizer Rasse: h die vor 1949 in der Schweiz ihren Ursprung hat; oder h für die seit mindestens 1949 ein Herdebuch in der Schweiz geführt wird. Schweizer Rassen sind gemäss Biodiversitätskonvention (Convention on Biological Diversity CBD, 1992) erhaltenswert (BLW, 2018). Mit über 80 registrierten Rinder-, Schweine-, Schaf-, Ziegen- und Bienenrassen verfügt die Schweiz über eine eindrückliche Vielfalt an landwirtschaftlichen Nutztieren (BLW, 2020a). Dazu kommen mehr als 40 Pferde-, 44 Kaninchen- und über 90 Hühnerrassen, die in der Schweiz gezüchtet werden. Aus dieser Vielfalt gelten heute 38 Rassen als Schweizer Rassen gemäss der oben erwähnten Definition. Diese Schweizer Rassen sind in Tabelle 2 unter Angabe der Anzahl Herdebuchtiere (Jahr 2019) und des Gefährdungsstatus aufgelistet. Diese Rassen sind bestens an die lokalen Gegebenheiten angepasst und eng mit der Geschichte und den Traditionen des Landes verbunden. Durch veränderte Rahmenbedingungen und den Strukturwandel wurde ein Grossteil der Rinder- und Pferderassen erst während der letzten 30 Jahre eingeführt. Ebenso wurden auch weitere Gattungen und Rassen als neue landwirtschaftliche Nutztiere entdeckt (Lamas, Hirsche, Büffel, etc.). Viele dieser Rassen weisen noch heute eine unbedeutende Populationsgrösse auf. Von den vielen in der Schweiz gezüchteten Pferde-, Kaninchen- und Hühnerrassen zählen lediglich eine Pferde- (Freiberger), zwei Kaninchen- (Fehkaninchen und Fuchskaninchen) und drei Hühnerrassen (Appenzeller Barthuhn, Appenzeller Spitzhaube und Schweizerhuhn) zu den Schweizer Rassen. Bei den Bienen ist von drei Rassen die Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera) als einheimisch zu betrachten (BLW, 2020a).
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Rind
Rind
Rind
Rind
Rind
Pferd
Schaf
Schaf
Schaf
Schaf
Eringer
Evolèner
Simmental
Rätisches Grauvieh
Freiberger
Braunköpfiges Fleischschaf
Bündner Oberländer Schaf
Engadinerschaf
Spiegelschaf
Gattung
Braunvieh - Zuchtrichtungen Original Braunvieh (OB) und Brown Swiss (BS)
Rasse
1986
1992
1984
1919
1960
1985
1890
1995
1920
1897
Herdebuch seit
1 800
2 441
621
6 144
11 265
1 400
19 824
350
5 630
OB: 11 012 BS: 128 793
Anzahl Herdebuchtiere weiblich (Jahr 2019)
185
176
84
570
5 214
51
306
31
488
OB: 226 BS: 256
Anzahl Herdebuchtiere männlich (Jahr 2019)
0
0
0
0
142 Hengste (4 513 Dosen)
18 Stiere (880 Dosen)
658 Stiere (28 410 Dosen)
16 Stiere (780 Dosen)
197 Stiere (8 660 Dosen)
OB: 334 Stiere (14 680 Dosen)
Kryokonserven (Jahr 2020)**
gefährdet
gefährdet
gefährdet
nicht gefährdet
gefährdet
nicht gefährdet
nicht gefährdet
gefährdet
gefährdet
OB: nicht gefährdet BS: nicht gefährdet
Gefährdungsstatus FAO 2019¹ (S.13)
Schaf
Schaf
Schaf
Schaf
Schaf
Schaf
Ziege
Ziege
Ziege
Ziege
Ziege
Ziege
Ziege
Saaser Mutte
Schwarzbraunes Bergschaf
Walliser Landschaf
Walliser Schwarznasenschaf
Weisses Alpenschaf
Appenzellerziege
Bünder Strahlenziege
Capra Grigia
Capra Sempione
Gämsfarbige Gebirgsziege
Grüenochte Geiss
Kupferhalsziege
Gattung
Ostfriesisches Milchschaf
Rasse
2006
2013
1900
2013
1997
1935
1900
1919
1919
1985
1919
2014
1943
Herdebuch seit
312
70
8 706
80
849
2 693
1 139
17 203
10 967
1 000
7 068
458*
1 309
Anzahl Herdebuchtiere weiblich (Jahr 2019)
84
29
474
32
70
214
104
2 279
1 526
150
967
83*
42
Anzahl Herdebuchtiere männlich (Jahr 2019)
0
0
0***
0
3 Böcke (301 Dosen)
11 Böcke (1 278 Dosen)
11 Böcke (1 253 Dosen)
0
0
0
0
0
0
Kryokonserven (Jahr 2020)**
NA
NA
nicht gefährdet
NA
gefährdet
gefährdet
gefährdet
nicht gefährdet
nicht gefährdet
gefährdet
nicht gefährdet
NA
gefährdet
Gefährdungsstatus FAO 2019¹ (S.13)
Schwein
Huhn
Huhn
Huhn
Appenzeller Barthuhn
Appenzeller Spitzhaube
Schweizerhuhn
Ziege
Walliser Schwarzhalsziege
Schweizer Landrasse
Ziege
Toggenburgerziege
Schwein
Ziege
Stiefelgeiss
Edelschwein Vaterlinie (PREMO)
Ziege
Saanenziege
Schwein
Ziege
Pfauenziege
Schweizer Edelschwein
Ziege
Gattung
Nera Verzasca
Rasse
2005
2005
2005
1911
1911/2002
1911
1920
1890
1993
1890
1992
1940
Herdebuch seit
568
243
334
1 417
189
8 190
1 603
3 236
464
5 829
1 093
706
Anzahl Herdebuchtiere weiblich (Jahr 2019)
344
153
205
60
316
160
157
186
43
283
113
82
Anzahl Herdebuchtiere männlich (Jahr 2019)
0
0
0
28 Eber (2 018 Dosen)
117 Eber (12 363 Dosen)
124 Eber (11 184 Dosen)
12 Böcke (1 047 Dosen)
0***
5 Böcke (685 Dosen)
0***
15 Böcke (1 431 Dosen)
11 Böcke (1 133 Dosen)
Kryokonserven (Jahr 2020)**
NA
NA
NA
gefährdet
gefährdet
nicht gefährdet
gefährdet
gefährdet
gefährdet
nicht gefährdet
gefährdet
gefährdet
Gefährdungsstatus FAO 2019¹ (S.13)
2009
Kein Herdebuch
Kein Herdebuch
Herdebuch seit
Ca. 1 000 Königinnen
Anzahl Herdebuchtiere weiblich (Jahr 2019)
Anzahl Herdebuchtiere männlich (Jahr 2019)
0
0
0
Kryokonserven (Jahr 2020)**
NA
NA
NA
Gefährdungsstatus FAO 2019¹ (S.13)
Für die Einteilung der Rassen in die verschiedenen Gefährdungskategorien berücksichtigt die FAO Angaben zur Populationsgrösse, der Anzahl männlicher und weiblicher Zuchttiere und die Entwicklung der Populationsgrösse (abnehmend, zunehmend, stabil). Gemäss FAO (2013a, https://360.articulate.com/review/content/f940acc0-29db-4431-a37a-870c91e17b77/review) gelten Rassen der Kategorien «kritisch» (critical), «vom Aussterben bedroht» (endangered) und «verletzlich» (vulnerable) als gefährdet. Als nicht gefährdet gelten alle Rassen, die nicht in eine der oben aufgezählten drei GefährdungsKategorien fallen. NA: die Herleitung des Gefährdungsstatus ist aufgrund der Datengrundlage nicht möglich (not applicable=nicht anwendbar).
1
* Zuchtbuch wird reorganisiert ** Bei allen Spezies wurde Tiefgefrier-Sperma kryokonserviert ***Viele Dosen vorhanden, jedoch nicht Bestandteil vom nationalen Genpool, da die Rassen nicht gefährdet sind
Tabelle 2: Übersicht über die 38 Schweizer Rassen gegliedert nach Gattung unter Angabe des Beginns der Herdebuchzucht, der Anzahl Herdebuchtiere, Stand der Kryokonservierung und Gefährdungsstatus gemäss FAO
Biene
Kaninchen
Schweizer Fuchskaninchen
Dunkle Biene
Kaninchen
Gattung
Schweizer Fehkaninchen
Rasse
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Gemäss FAO (2019) sind aktuell 18 Schweizer Rassen gefährdet, davon zwei Rinderrassen, die einzige Schweizer Pferderasse, fünf Schaf-, acht Ziegen- und zwei Schweinerassen. Zehn Rassen sind nicht gefährdet (drei Rinder-, vier Schaf-, zwei Ziegen- und eine Schweinerasse). Bei den sieben Rassen ohne Gefährdungsstatus handelt es sich einerseits um die Schafrasse Saaser Mutte und drei Ziegenrassen (Kupferhalsziege, Grüenochte Geiss und Capra Sempione) die erst 2020 als Schweizer Rasse anerkannt wurden, sowie die zwei Schweizer Kaninchenrassen und die einzige Bienenrasse der Schweiz. Weiter ist es für die drei Schweizer Hühnerrassen aufgrund von fehlenden Populationsdaten nicht möglich, einen Gefährdungsstatus nach FAO-Kriterien zu ermitteln. Quellen: BLW, 2018. Strategie Tierzucht 2030. Bundesamt für Landwirtschaft, 321.00-00005 \ COO.2101.101.4.1225875. https://www.blw.admin.ch/dam/blw/de/dokumente/Nachhaltige%20Produktion/Tierische%20Produkte%20 und%20Tierzucht/Tierzucht%20und%20tiergenetische%20Ressourcen/Bericht_Strategie_Tierzucht_2030_ deutsch.pdf.download.pdf/Bericht_Strategie_Tierzucht_2030_deutsch.pdf BLW, 2020a: Anerkannte Zuchtorganisationen in der Schweiz, 07.09.2020 https://www.blw.admin.ch/blw/de/ home/nachhaltige-produktion/tierische-produktion/tierzucht-und-tiergenetische-ressourcen.html ÒWeiterführende Informationen ÒDokumentation FAO, 2013a. Assigning Risk Categories in DAD-IS. Zugang am 16.12.2020: https://360.articulate.com/review/content/f940acc0-29db-4431-a37a-870c91e17b77/review FAO, 2013b. Guidelines In-Vivo Conservation of Animal Genetic Resources. Zugang am 16.12.2020: http://www.fao.org/3/i3327e/i3327e.pdf FAO, 2019. Domestic Animal Diversity Information System (DAD-IS). Zugang am 16.12.2020: http://www.fao.org/dad-is/browse-by-country-and-species/en/ FAO, 2020. What are animal genetic resources. Zugang am 16.12.2020: http://www.fao.org/animal-genetics/background/what-are-ag-resources/en/
Erhaltungsmassnahmen
Meilensteine in der Geschichte der tiergenetischen Ressourcen In der Abbildung 5 sind wichtige Meilensteine im Zusammenhang mit der Erhaltung tiergenetischer Ressourcen in der Schweiz dargestellt. Viele Rassen konnten nur durch das Engagement von Züchter*innen, ab 1982 dank den Aktivitäten der Stiftung ProSpecieRara (PSR) und seit 1999 mit Hilfe der Massnahmen des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) erhalten werden. Erfreulicherweise hat in den vergangenen Jahren das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Rassenerhaltung sowohl in der Gesellschaft als auch bei den Züchter*innen, in ihren Organisationen und bei der öffentlichen Hand zugenommen. 14
Rassenbildung in Europa
19. JH
Abbildung 5: Meilensteine der Rassenerhaltung
Domestikation
1900
Gründung Zuchtorganisation
1890
1920
Rassenbereinigung Schweiz
1940
1938
1960
2000
1999
Nagoya-Protokoll
2020
2022
2016
2. Weltzustandsbericht tiergenetische Ressourcen
Monitoringsystem GENMON
«Neue» Tierzuchtverordnung
Gründung ProSpecieRara
1980
1982
1992
Biodiversitätskonvention
2007
1. Weltzustandsbericht tiergenetische Ressourcen
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Meilensteine Domestikation Die Domestikation beschreibt den Prozess, aus Wildtieren Haustiere hervorzubringen. Vor rund 10 000 Jahren hat die Domestikation der wichtigsten Nutztiergattungen begonnen. Die Domestikation von Nutztieren bildet die Grundlage für die langjährige, durch den Menschen gesteuerte Entwicklung von angepassten und abgetrennten Nutztierrassen in den unterschiedlichsten Regionen und Kulturen dieser Welt. Rassenbildung in Europa In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts haben in England Pioniere wie z.B. Robert Bakewell gezeigt, dass die Leistungsfähigkeit von regionalen Rassen durch die Einführung von Zuchtbüchern (Herdebücher) in Kombination mit der Erhebung von Leistungsdaten und gezielten Anpaarungen gesteigert werden kann. Damit war der Grundstein für die heutige Tierzucht gelegt. Diese Grundlagen haben dann ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert Kontinentaleuropa erreicht und wurden auch in den Ländern Mitteleuropas zunehmend umgesetzt. Gründung Zuchtorganisationen und erste Herdebücher der Schweiz Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden in der Schweiz die ersten Zuchtorganisationen (zuerst bei Rindern und Pferden, dann bei Schafen und Ziegen) gegründet. Im Zuge dieser Gründungen wurden Herdebücher etabliert. Für die Rasse Simmental existierten bereits vor der Gründung des Fleckviehzuchtverbandes im Jahr 1890 zwei kantonale Herdebücher. Diese gehen auf das Jahr 1878 zurück. Es wird angenommen, dass es sich dabei um die ältesten Herdebücher der Schweiz handelt. Rassenbereinigung Schweiz Das Konzept der Rassenzucht hat sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend etabliert. Das Streben nach Zuchtfortschritt und effizienter Zuchtarbeit hat sich im Zuge der Industrialisierung und Mechanisierung verbreitet. Zu der Zeit war man überzeugt, dass das Zusammenführen der besten Tiere von verschiedenen Schlägen in einer Rasse eine wichtige Grundlage bildet für eine zukunftsgerichtete Zuchtarbeit. Deshalb wurde 1938 eine Rassenbereinigung durchgeführt und eine limitierte Anzahl zuchtwürdiger Rassen definiert. Durch diese Rassenbereinigung sind viele Schaf- und Ziegenschläge aus einzelnen Tälern stark unter Druck geraten. So waren zum Beispiel vor der Rassenbereinigung noch 16 verschiedene Schafrassen und -schläge dokumentiert. Nach der Rassenbereinigung gab es noch drei Landesrassen. Gründung ProSpecieRara Ende der 1970er Jahre ist die Rasse Freiburger Fleckvieh durch Verdrängungskreuzung mit Holsteingenetik stark unter Druck geraten und in der Folge ausgestorben. WWF-Mitarbeiter sind darauf aufmerksam geworden und haben 1982 die Stiftung ProSpecieRara (PSR) ins Leben gerufen mit dem Ziel, alte Pflanzensorten und Nutztierrassen zu fördern und mit entsprechenden Massnahmen vor dem Aussterben zu bewahren. Somit hat sich diese Stiftung gut zehn Jahre vor der Ratifikation der Biodiversitätskonvention für die Agrobiodiversität eingesetzt und die breite Bevölkerung auf deren Wichtigkeit aufmerksam gemacht. Biodiversitätskonvention 1992 fand die Umweltkonferenz (Global Summit) in Rio de Janeiro statt. Die daraus resultierende Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) ratifizierte 1994 auch die Schweiz. Damit hat sich die Schweiz zur Erhaltung der Biodiversität inklusive Agrobiodiversität verpflichtet. Neue Tierzuchtverordnung In der Folge der Ratifizierung der Biodiversitätskonvention erarbeitete eine vom BLW beauftragte Arbeitsgruppe 1998 ein Konzept zur Erhaltung der Rassenvielfalt bei landwirtschaftlichen Nutztieren in der Schweiz (BLW, 2018). Sämtliche vorkommende Rassen wurden inventarisiert, beschrieben und ein Gefährdungsgrad zugeteilt. Die Schweizer Rassen wurden definiert und ihr kultureller Wert und die wirtschaftliche Bedeutung festgestellt. Ebenso wurde ein eventueller Handlungsbedarf abgeklärt. 1999 wurden im Rahmen der Agrarpolitik AP 2002 im Landwirtschaftsgesetz (LwG, SR 910.1) die Voraussetzungen für die Förderung von tiergenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft geschaffen und mit der neuen Tierzuchtverordnung wurde die Grundlage für die finanzielle Unterstützung von Projekten zum Erhalt von Schweizer Rassen durch den Bund gelegt. 1999 wurde im BLW die Fachstelle tiergenetische Ressourcen eingerichtet. 16
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Erster Weltzustandsbericht / Interlaken-Konferenz: Die Verantwortung für die Koordination der internationalen Aktivitäten zur Erhaltung tiergenetischer Ressourcen liegt bei der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). 2007 hat die FAO in Zusammenarbeit mit dem BLW die erste Technische Konferenz zu tiergenetischen Ressourcen in Interlaken durchgeführt. Vertreter von 109 Ländern haben an dieser Tagung teilgenommen. Neben der Ratifizierung des Weltaktionsplans und der Interlaken-Deklaration wurde an dieser Tagung auch der erste Weltzustandsbericht zu tiergenetischen Ressourcen in der Landwirtschaft von der FAO vorgestellt. 2. Weltzustandsbericht 2016 hat die FAO den zweiten Weltzustandsbericht zu tiergenetischen Ressourcen in der Landwirtschaft vorgestellt (http://www.fao.org/publications/sowangr/en/). In diesem zweiten Bericht wurde die Information aus dem ersten Weltzustandsbericht überarbeitet und aktualisiert. Ein wichtiges Ziel war es, die relevanten Entwicklungen seit dem ersten Weltzustandsbericht aufzuzeigen. Auch für den zweiten Bericht hat die FAO 129 Länderberichte, 15 Berichte von internationalen Organisationen und Berichte von Experten berücksichtigt. Nagoya-Protokoll 2016 trat das Nagoya-Protokoll (Nagoya Protocol on Access to Genetic Resources and the Fair and Equitable Sharing of Benefits Arising from Their Utilization) in Kraft. Das Nagoya-Protokoll soll die Umsetzung des dritten Zieles des Übereinkommens über die biologische Vielfalt sicherstellen, nämlich den gerechten Vorteilausgleich bei der Nutzung der genetischen Ressourcen. Damit leistet es einen Beitrag zum globalen Erhalt der Biodiversität und der nachhaltigen Nutzung ihrer Bestandteile. Vor allem die von Entwicklungsländern angeprangerte Biopiraterie soll so eingedämmt werden (BAFU, 2020). Das Nagoya - Kuala Lumpur Supplementary Protocol on Liability and Redress (2018) regelt die Fragen der Haftung und der Wiedergutmachung für Schäden an der Biodiversität, die durch gentechnisch veränderte Organismen (GVO) hervorgerufen wurden (Bundesrat, 2011). AP22+: GENMON Das Monitoring für tiergenetische Ressourcen soll im Rahmen der Agrarpolitik ab dem Jahr 2022 im Auftrag des BLW von einer privaten Organisation eingerichtet werden. Das Tool erlaubt das regelmässige Monitoring der Schweizer Rassen. Für die Herleitung des Gefährdungsstatus werden neben genetischen Faktoren (Anzahl Zuchttiere, Trends Zuchttiere, mittlere Inzucht, Anteil nicht reinrassiger Nachkommen) auch die geografische Verbreitung der Zuchttiere, das Vorhandensein von Kryokonserven und sozio-ökonomische und kulturelle Werte berücksichtigt. Quellen: Simianer und Willam, Tierzucht, 2. Auflage, Verlag Eugen Ulmer, 2017 ProSpecieRara Festschriften verschiedener Zuchtorganisationen FAO
17
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Zusammenarbeit verschiedener Akteure
Die Koordination für tiergenetische Ressourcen in der Schweiz wird durch das BLW sichergestellt. Neben der Begutachtung und Förderung von Erhaltungsprojekten organisiert das BLW gemeinsam mit der Schweizerischen Vereinigung für Tierwissenschaften (SVT) Workshops zur Erhaltung von tiergenetischen Ressourcen. Zusammen mit den Zuchtorganisationen und der Stiftung PSR wird der Nationale Genpool (Ex-situ-Konservierung mittels Kryokonserve) für Rinder, Schweine, Pferde und Ziegen laufend erweitert (BLW, 2020b). Der Aufbau von Genbanken für Rassen der Gattungen Schaf, Kaninchen und Hühner ist auch vorgesehen. Damit der Gefährdungsstatus der erhaltenswerten Schweizer Rassen regelmässig definiert und überprüft werden kann, wird vom BLW im Rahmen der Agrarpolitik ab dem Jahr 2022 (AP22+) ein Monitoring zur Überwachung der genetischen Vielfalt der verschiedenen Rassen eingeführt (Schweizerische Eidgenossenschaft, 2020). Es ermöglicht dem BLW und den Zuchtorganisationen, Informationen über die Bedrohung und den Bestand von Schweizer Rassen zur Verfügung zu stellen. Neben genetischen Aspekten werden auch sozio-ökonomische Faktoren und die geografische Ausbreitung von Rassen berücksichtigt (Duruz et al. 2017). Ebenso ist die Sensibilisierung der Öffentlichkeit wichtig – hier leistet PSR einen sehr wichtigen Beitrag. Die Stiftung wurde im Jahr 1982 gegründet und setzt sich seit da unermüdlich für den Erhalt der Schweizer Nutztierrassen ein. Auf internationaler Ebene engagiert sich das BLW durch die aktive Mitarbeit im European Regional Focal Point, einem Verbund von über 45 europäischen Staaten, sowie in verschiedensten Kommissionen und Arbeitsgruppen der FAO und mehreren Multi-Stakeholder-Initiativen (BLW, 2020b). Unter anderem arbeitet das BLW mit der FAO und anderen Partnern an der globalen Agenda für nachhaltige Nutztierhaltung (Global Agenda for Sustainable Livestock, GASL), um eine langfristig nachhaltige Entwicklung des Nutztiersektors zu fördern.
Erhaltungsprojekte
Um auch in Zukunft auf neue Rahmenbedingungen wie Änderungen des Klimas, neue Krankheiten, andere Erwartungen der Gesellschaft oder sich ändernde Anforderungen an spezielle Produkte reagieren zu können, unterstützt das BLW Projekte zur Erhaltung und Förderung gefährdeter Schweizer Nutztierrassen (BLW, 2020b). Dafür können anerkannte Zuchtorganisationen und weitere anerkannte Organisationen einmal jährlich per Gesuch finanzielle Unterstützung beim BLW beantragen. In den letzten 21 Jahren (1999 bis 2020) wurden so insgesamt 65 Erhaltungsprojekte durchgeführt. Ein Drittel davon befasste sich mit der Erhaltung der Schweizer Ziegenrassen Stiefelgeiss, Capra Grigia, Nera Verzasca, Pfauen-, Bündner Strahlen-, Walliser Schwarzhals- und Appenzellerziege. Acht Schafprojekte kümmerten sich um die Erhaltung der Rassen Spiegelschaf, Engadinerschaf und Walliser Landschafe, um deren Parasitenresistenz und Fleischqualität sowie um den Aufbau und die Führung eines Widderzentrums. In weiteren zehn Projekten wurden die Rinderrassen Evolèner, Rätisches Grauvieh und die Zuchtrichtung Original Braunvieh der Rinderrasse Braunvieh unterstützt. Beim Freibergerpferd wurden Erhaltungsmassnahmen wie die Erfassung der Basislinien, das Monitoring der genetischen Vielfalt und die Optimierung des Zuchtprogramms durchgeführt. Sieben Projekte widmeten sich der Pflege und Erhaltung der Dunklen Biene. Vier Projekte beschäftigten sich mit dem Aufbau einer Kryokonserve für Schweine und der Förderung der Schweizer Landrasse und der Edelschwein Vaterlinie. Zwei Projekte befassten sich mit dem Erhalt der Schweizer Hühnerrassen. Die Erhaltung der Schweizer Kaninchenrassen war Ziel von einem Projekt. Generell wurden Herdebuchprogramme für verschiedene gefährdete Nutztierrassen gefördert und der Nationale Genpool (Kryokonserve) laufend erweitert.
Forschungsprojekte
Weiter unterstützt das BLW Forschungsprojekte über tiergenetische Ressourcen: Von 1999 bis 2020 waren dies 15 Projekte. In zwei Forschungsprojekten wurden die Grundlagen für das Monitoringsystem GENMON erarbeitet. Untersuchungen der genetischen Vielfalt und von bildgestützten Verfahren für die Beschreibung des Exterieurs und der Gänge in der Rasse Freibergerpferd waren Bestandteil von drei Forschungsprojekten. 2010 wurden genomweite Markerdaten unter Verwendung von rund 50 000 SNP (Single Nucleotide Polymorphism) für die wichtigsten Nutztierspezies verfügbar. In der Folge hat das BLW insgesamt neun Forschungsprojekte mit Untersuchungen zur genetischen Vielfalt innerhalb und zwischen Rassen mittels SNP-Genotypen gefördert. In den Abbildungen 6 und 7 sind die Ergebnisse aus einem dieser Projekte dargestellt. Ziel des Projekts war es, die Populationsstruktur, die genomische Inzucht und Verwandtschaft basierend auf allen verfügbaren Genotypen für die Schweizer Rassen zu bestimmen. Abbildung 6 zeigt die genetische Ähnlichkeit zwischen den zehn lokalen Schafrassen und Abbildung 7 zwischen den zehn lokalen Ziegenrassen für die ersten zwei Dimensionen aus dem multidimensional-scaling-plot (mds-plot). In diesen zwei Abbildungen steht jeder Punkt für ein Tier und die 18
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Farbe der Punkte gibt die Rassenzugehörigkeit des Tieres an. Liegen zwei Punktwolken unterschiedlicher Farbe nahe beieinander, sind diese Rassen genetisch ähnlich (z.B. WLS und SN in Abb. 6), während zwei weit auseinanderliegende Punktewolken unterschiedlicher Farbe auf zwei genetisch weniger ähnliche Rassen (z.B. SA und GG in Abb. 7) hinweisen.
Abkürzungen Schafrassen: WAS: Weisses Alpenschaf, SN: Walliser Schwarznasenschaf, SBS: Schwarzbraunes Bergschaf, BFS: Braunköpfiges Fleischschaf, ENS: Engadinerschaf, OFM: Ostfriesisches Milchschaf, SPS: Spiegelschaf, WLS: Walliser Landschaf, BOS: Bündner Oberländer Schaf, SM: Saaser Mutten.
Abbildung 6: Erste zwei Dimensionen der Populationsstruktur (multidimensional-scaling-plot, mds-plot) von zehn Schweizer Schafrassen hergeleitet basierend auf SNP-Daten. Liegen zwei Punktwolken unterschiedlicher Farbe nahe beieinander, sind diese Rassen genetisch ähnlich, während zwei weit auseinanderliegende Punktewolken unterschiedlicher Farbe auf zwei genetisch weniger ähnliche Rassen hinweisen.
19
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Abkürzungen Ziegenrassen: GG: Gämsfarbige Gebirgsziege, SA: Saanenziege, TO: Toggenburgerziege, BS: Bündner Strahlenziege, WZ: Walliser Ziege (beinhaltet Tiere der zwei Rassen Kupferhalsziege und Walliser Schwarzhalsziege), AP: Appenzellerziege, PF: Pfauenziege, NV: Nera Verzasca, ST: Stiefelgeiss, CG: Capra Grigia.
Abbildung 7: Erste zwei Dimensionen der Populationsstruktur (multidimensional-scaling-plot, mds-plot) von zehn Schweizer Ziegenrassen hergeleitet basierend auf SNP-Daten. Liegen zwei Punktwolken unterschiedlicher Farbe nahe beieinander, sind diese Rassen genetisch ähnlich, während zwei weit auseinanderliegende Punktewolken unterschiedlicher Farbe auf zwei genetisch weniger ähnliche Rassen hinweisen.
20
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Quellen: BAFU, 2020. Nagoya-Protokoll. Zugang am 16.12.2020: https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/biotechnologie/fachinformationen/nagoya-protokoll.html BLW, 2018. Strategie Tierzucht 2030. Bundesamt für Landwirtschaft, 321.00-00005 \ COO.2101.101.4.1225875. https://www.blw.admin.ch/dam/blw/de/dokumente/Nachhaltige%20Produktion/Tierische%20Produkte%20 und%20Tierzucht/Tierzucht%20und%20tiergenetische%20Ressourcen/Bericht_Strategie_Tierzucht_2030_ deutsch.pdf.download.pdf/Bericht_Strategie_Tierzucht_2030_deutsch.pdf BLW, 2020b. Tierzucht und tiergenetische Ressourcen. Zugang am 16.12.2020: https://www.blw.admin.ch/blw/ de/home/nachhaltige-produktion/tierische-produktion/tierzucht-und-tiergenetische-ressourcen.html Bundesrat, 2011. Schutz der Biodiversität: Die Schweiz unterzeichnet zwei Übereinkünfte. Zugang am 16.12.2020: https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-39115.html Duruz S, Flury C, Matasci G, Joerin F, Widmer I, Joost S, 2017. A WebGIS platform for the monitoring of Farm Animal Genetic Resources (GENMON). PlosONE, 12 (4), 1–24. Zugang am 25.03.2021: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0176362 Schweizerische Eidgenossenschaft, 2020. Botschaft zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik ab 2022 (AP22+). Ziff. 5.1.6.5. Zugang am 16.12.2020: https://www.blw.admin.ch/blw/de/home/politik/agrarpolitik/ap22plus.html
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Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Braunvieh - Zuchtrichtungen Original Braunvieh und Brown Swiss
Eine Kuh und ein Jungstier der Rasse Braunvieh - Zuchtrichtung Original Braunvieh - auf der Weide (Braunvieh Schweiz)
Herkunft und Entwicklung
Das schweizerische Braunvieh entwickelte sich vor allem in der Zentralschweiz (Kanton Schwyz), weshalb es noch bis vor hundert Jahren den Namen «Schwyzer Rasse» trug. Die harten Umweltbedingungen und die Haltung auf den Alpen prägten das Braunvieh. Dank der natürlichen Selektion und der züchterischen Arbeit der Berg- und Talbauern entwickelte sich das Braunvieh zu einer vorzüglichen Viehrasse. Die Zweinutzungsveranlagung (Milch- und Fleischleistung) ermöglichte es, jeder Produktionsrichtung gerecht zu werden. In den späteren 1960er Jahren wurden höhere Milchleistungen und grossrahmigere Tiere gefordert. Um dies rascher zu erreichen, griffen viele Braunviehzüchter*innen bei der Anpaarung zu Brown-Swiss-Genetik aus Amerika. Einige überzeugte Züchter*innen hingegen hielten am Original Braunvieh fest. Dank ihrer konsequenten Arbeit konnte die Milchleistung unter strikter Bewahrung der Fleischleistung innerhalb der Zuchtrichtung Original Braunvieh verbessert werden.
Beschreibung
Zuchtrichtung Original Braunvieh h Merkmale: Haarfarbe braun bis schiefergrau, Hornspitzen und Klauen schwarz h Widerristhöhe Kühe: 135 - 145 cm h Gewicht Kühe: 550 - 800 kg
Zuchtrichtung Brown Swiss h Merkmale: Alle Brauntöne und schwarze Klauen h Widerristhöhe Kuh: 140 - 152 cm h Lebendgewicht Kuh: 650 - 700 kg
22
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Eine Kuh der Rasse Braunvieh - Zuchtrichtung Brown Swiss - auf der Weide (Han Hopman)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (2019) Zuchtrichtung Original Braunvieh (7469 Standardabschlüsse) h 6307 kg Milch h 3,95 % Fett h 3,35 % Eiweiss
Zuchtrichtung Brown Swiss (102 943 Standardabschlüsse) h 7402 kg Milch h 4,04 % Fett h 3,44 % Eiweiss
Zuchtziele
Die Zuchtrichtung Original Braunvieh wird als Zweinutzungstyp, nämlich auf Milch und Fleisch, gezüchtet. Nebst einer guten und sicheren Milchleistung wird der Bemuskelung und der Fleischleistung eine grosse Bedeutung zugemessen. Ausgewachsene Kühe der Zuchtrichtung Brown Swiss sollen auf Betrieben mit guter Futtergrundlage 8500 kg Milch pro Standardlaktation leisten. Neben der hohen Milchleistung werden ein hoher Eiweissgehalt (3,5 % Eiweiss mit Kappa Kasein BB) und gute Fitnesseigenschaften (Serviceperiode unter 120 Tagen) angestrebt.
Referenzen
Braunvieh Schweiz (www.braunvieh.ch) Mutterkuh Schweiz (www.mutterkuh.ch) 23
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Eringer
Eringerkuh im Kanton Wallis (Adobe Stock)
Herkunft und Entwicklung
Die Vorfahren der Eringerrasse waren im Wallis bereits um das Jahr 3000 v. Chr. verbreitet. 1885 wurde die Zucht auf Einfarbigkeit eingeleitet, was zur Abspaltung der Evolènerkuh führte. Die Rasse Eringer ist vom Unterwallis bis zum unteren Teil des Oberwallis verbreitet. Dieser Rasse kommt neben der wirtschaftlichen Rolle auch eine bedeutende kulturelle Rolle zu, wird doch in vielen Betrieben die Zucht auf die Kampfeignung für die traditionellen Kuhkämpfe («Combats de reine») ausgerichtet. Die Rasse Eringer gilt deshalb auch als Dreinutzungsrasse: Kampf, Fleisch, Milch.
Beschreibung
Die Tiere sind mittelrahmig und haben einen breiten und stark bemuskelten Körper. Der Knochenbau ist fein und sehr solide. Der Kopf ist kurz und breit mit starker Behornung. Die Gliedmassen sind kurz mit trockenen Gelenken und sehr soliden Klauen. Die Fellfarbe ist uni und variiert von schwarz bis rehbraun. Die Schleimhäute, die Klauen und die Hornspitzen sind bleifarbig oder schwarz. 24
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Zwei Eringerkühe an einem traditionellen Walliser Kuhkampf (www.raceherens.ch)
Zuchtziele h h h h
Widerstandskraft, Gesundheit, Langlebigkeit, Lebhaftigkeit Geländegängigkeit, Trittsicherheit und hervorragende Alptüchtigkeit Gute Milchleistung Gutes Format und ausreichende Muskulatur als Grundlage für guten Schlachtkörperwert; gute Fleischleistung (Tageszuwachs 1100 g) h Leichte Geburten
Referenzen
Schweizerischer Eringerviehzuchtverband (www.raceherens.ch) 25
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Evolèner
Aufmerksame Evolènerkuh auf der Alp (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Herkunft und Entwicklung
1859 wurden die Evolènerkühe, die ihren Namen dem Dorf Evolène im Val d’Hérens verdanken, zum ersten Mal in einem Bericht des damaligen Walliser Staatsrates erwähnt. Der Name Evolèner wurde damals noch mit dem der Rasse Eringer gleichgestellt. Bei der Selektion auf Einfarbigkeit, die 1885 eingeleitet wurde, trennten sich die Wege der beiden Rassen. Die Züchter*innen, die an den gefleckten Tieren festhielten, selektionierten in der Folge nicht auf den Kuhkampf, sondern hielten am kleinen Zweinutzungsrind fest. Die Evolènerkuh widerspiegelt dabei den kleineren, auf Milch- und Fleischnutzung gezüchteten Zweinutzungstyp. Nur ein kleiner Bestand der gescheckten, leichteren und milchbetonteren Evolèner konnte in den Seitentälern der Rhone überleben. 1995 schlossen sich die Züchter*innen aus dem Oberwallis zusammen. Sie gründeten die Evolèner Viehzuchtgenossenschaft und das Evolèner Herdebuch.
Beschreibung
Die Evolèner sind genügsame, robuste und lebhafte Tiere. Die milchbetonte Zweinutzungsrasse soll im Verhältnis zu ihrer Körpergrösse eine gute Milchleistung aufweisen. Die Widerristhöhe liegt bei Kühen zwischen 115 und 125 cm und ihr Gewicht zwischen 400 und 600 kg. Die Grundfarbe ist rot, kastanienbraun oder schwarz. Das Fell weist am Bauch, am Schwanz und über dem Rücken weisse Flecken auf. Der weisse «Stern» soll als rassetypischer Fleck die Stirn der Tiere zieren. 26
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Zwei Evolènerkühe auf der Weide (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Zuchtziele h h h h h
Widerstandskraft, Gesundheit, Langlebigkeit Geländegängigkeit, Trittsicherheit und hervorragende Alptüchtigkeit Gute Milchleistung bei guter Melkbarkeit Mittlere Fleischleistung und gute Schlachtausbeute Leichte Geburten
Referenzen
Evolèner Zuchtverein (www.evolener-zuchtverein.ch) swissherdbook (www.swissherdbook.ch) Original Evolèner Viehzuchtgenossenschaft (www.original-evolener-rind.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 27
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Simmental
Simmentalkühe auf der Alp (Corina Burri / swissherdbook)
Herkunft und Entwicklung
Die Rasse Simmental entwickelte sich im Berner Oberland aus verschiedenen lokalen Schlägen. Die damalige Dreinutzungskuh war an die Familienlandwirtschaft angepasst, indem sie hervorragende Arbeit leistete und Milch und Fleisch bester Qualität produzierte. Mit dem Beginn der organisierten Herdebuchzucht kam es Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer Vereinheitlichung der Population. Die Rasse wird heute als Zweinutzungsrasse gezüchtet, weshalb sich die Tiere auch vorzüglich zur Fleischproduktion eignen. Exporte von Simmentaler Tieren haben in vielen Ländern Europas und weltweit die Rindviehzucht beeinflusst.
Beschreibung
Die Haarfarbe ist meist falb (gelb), selten rot, mit weissen Flecken. Weisser Kopf, weisser Bauch und Beine. Die mittelgrossen Kühe verfügen über einen kräftigen Körperbau, eine gute Bemuskelung sowie einen ruhigen Charakter.
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (2019, 14 797 Standardabschlüsse) h 5960 kg Milch h 3,97 % Fett h 3,35 % Eiweiss
Zuchtziele
Milchleistung unter günstigen Verhältnissen ab der 3. Laktation von 7500 kg Milch mit 4 % Fett und 3,5 % Eiweiss. Gute Fitnessmerkmale (Fruchtbarkeit, Eutergesundheit). Die ausgewachsene Kuh sollte zwischen 140 bis 148 cm gross und 650 bis 800 kg schwer sein. 28
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Simmentalkuh auf Waadtländer Alp (Corina Burri / swissherdbook)
Referenzen
swissherdbook (www.swissherdbook.ch) Mutterkuh Schweiz (www.mutterkuh.ch) 29
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Rätisches Grauvieh
Rätisches Grauvieh - Mutterkuh mit Kalb auf der Alp (Christian Schranz)
Herkunft und Entwicklung
Das Torfrind der Pfahlbauer, die silbergrauen Rinder der Rätier und das Vieh der Kelten, Alemannen und Walser formten diese alte Rasse mit. In der Abgeschiedenheit der Graubündner Täler entwickelten sich lokale Schläge, darunter das kleinere und leichtere Rätische Grauvieh – der so genannte Albula-Typ – und der etwas grössere und schwerere Oberländer-Schlag. Diese Tiere galten als ausgesprochene Dreinutzungstiere (Arbeit, Milch und Fleisch) und noch bis Ende des 19. Jahrhunderts war die Nachfrage nach Grauvieh im In- und Ausland gross. Durch die einseitige Förderung des auf Milchleistung gezüchteten Braunviehs wurde das Rätische Grauvieh bis 1920 verdrängt. Glücklicherweise konnte sich das Rätische Grauvieh im grenznahen Tirol halten. So gelang es 1985 engagierten Züchter*innen das kleine, dem Albula-Schlag ähnliche Rätische Grauvieh, aus Tiroler Beständen wieder in der Schweizer Kulturlandschaft anzusiedeln. Mit dem leichten Rätischen Grauvieh konnte der Berglandwirtschaft eine Rasse gesichert werden, die sich für extensive Weiden und extreme Lagen sehr gut eignet. Dank dem kleinen und leichten Rätischen Grauvieh können historische Ställe und unwegsames Gelände weiterhin genutzt werden.
Beschreibung
Das Rätische Grauvieh ist behornt und weist verschiedene Grautöne auf: von eisen- über silbergrau und dunkelgrau bis zu graugelb, zum Teil mit einem fuchsroten Stirnschopf. Es ist ein kleines, leichtes, robustes und langlebiges Zweinutzungsrind und punktet mit seiner Genügsamkeit. Angestrebt wird ein harmonisch ausgeglichener Körper mit guter Flankentiefe und guter Bemuskelung. Das Fundament soll kräftig und gesund sein mit trockenen Sprunggelenken, harten Klauen mit genügend Klauensatz, korrektem Vorderstand und zügigem Gang. 30
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Typischer Kopf mit fuchsrotem Stirnschopf beim Rätischen Grauvieh (Thomas Schmidlin)
Zuchtziele h h h h h
Milch- und Fleischleistung Widerstandsfähigkeit, Geländegängigkeit, Trittsicherheit Hohe Lebensdauer Gute Fruchtbarkeit und mittlere Frühreife Leichte Geburten
Referenzen
Braunvieh Schweiz (www.braunvieh.ch) Mutterkuh Schweiz (www.mutterkuh.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) Rätisches Grauvieh Schweiz (www.raetischesgrauvieh.ch) 31
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Freiberger
Der Freibergerhengst Navarino ist Hengst des Jahres 2019 (Martin Rindlisbacher)
Herkunft und Entwicklung
Die Heimat dieser einzigen, lokalen Pferderasse der Schweiz, ist der Schweizer Jura und im Besonderen die Hochebene der Freiberge. Als Vorgänger des heutigen Freibergerpferdes gilt das Jurapferd, ein zähes, anspruchsloses, trittsicheres und umgängliches Bergpferd. 1904 wurde mit der Festlegung der Zuchtziele das Startzeichen für die Freibergerzucht gelegt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts fanden Einkreuzungen mit Kaltblutund später mit Vollbluthengsten statt. Seit 1998 ist das Herdebuch der Freibergerrasse geschlossen und es finden aktuell keine Einkreuzungen mehr statt. Seit 2006 werden einmal jährlich Zuchtwerte für Merkmale des Exterieurs (äusseres Erscheinungsbild), der Fahr- und Reiteigenschaften und der weissen Abzeichen geschätzt und veröffentlicht.
Beschreibung
Die Freibergerpferde sind leichte Kaltblüter mit der Fellfarbe fuchs, braun oder schwarz (Rappen). Oft tragen die Tiere weisse Stirnflecken und weisse Fesseln (weisse Abzeichen). Sie sind vielseitig einsetzbar und bestechen durch ihr freundliches, ruhiges und ausgeglichenes Wesen sowie durch ihre Zuverlässigkeit. Der Freiberger hat eine Widerristhöhe von 150 bis 160 cm und ein Gewicht von 550 bis 650 kg. Die charakterstarken Pferde überzeugen durch einen trittsicheren und schwungvollen Gang. 32
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Stutfohlen Amelie (Hamlet des ronds Prés) an der Fohlenschau (Karin Rohrer)
Zuchtziele h h h h
Fruchtbarkeit, Robustheit und Frühreife Genügsamkeit Ausdrucksvoll, leistungsstark, umgänglich Trittsicherheit
Referenzen
Schweizerischer Freibergerverband (www.fm-ch.ch) Interessengemeinschaft zur Erhaltung des Original Freiberger Pferdes (www.originalfreiberger.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) Schweizer Nationalgestüt (https://www.agroscope.admin.ch/agroscope/de/home/ueber-uns/sng.html) 33
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Braunköpfiges Fleischschaf
Das Braunköpfige Fleischschaf ist ein grossrahmiges, vollfleischiges Schaf (Rudolf Lehmann / Schweizerischer Schafzuchtverband)
Herkunft und Entwicklung
Das heutige Braunköpfige Fleischschaf ist eine der schwersten Rassen in der Schweiz. Es entstand aus Einkreuzungen mit Oxfordschafen aus England und Schwarzköpfigen Fleischschafen aus Deutschland in unsere bereits im 19. Jahrhundert gezüchteten Grabserschafe. Seit dem Jahr 2010 werden einmal jährlich Zuchtwerte für die Merkmale Fruchtbarkeit und Zuwachs geschätzt.
Beschreibung
Grossrahmiges Schaf mit guten Muttereigenschaften, guter Milch- und Fleischleistung, widerstandsfähig, mit starkem Fundament. Kopf mittellang mit breitem Maul; Ohren mittellang, waagrecht getragen; hornlos; Vlies (Wolle) reinfarbig weiss; behaarte Körperteile braun bis schwarzbraun. Saisonal, in der Regel einmaliges Ablammen pro Jahr (Januar – Februar); erstmals mit ca. 14 Monaten. 34
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Junge Widder der Rasse Braunköpfiges Fleischschaf (Esther Zimmermann / Schweizerischer Schafzuchtverband)
Zuchtziele h h h h h
Widerstandskraft, Gesundheit, frei von Erbfehlern, gutes Anpassungsvermögen Langlebigkeit mit hohem Aufzuchtvermögen Durchschnittliche Produktionsdauer: 5 Jahre Fähigkeit hoher Raufutteraufnahme und -verwertung Qualitätslamm bis 42 kg Lebendgewicht bei der Schlachtreife, gute Fleischleistung (vollfleischig bis sehr vollfleischig) h Gute Berggängigkeit
Referenzen
Schweizerischer Schafzuchtverband (www.sszv.ch) 35
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Bündner Oberländer Schaf
Bündner-Oberländer-Widder auf der Weide (Ernst Oertle / Verein zur Erhaltung des Bündner Oberländer Schafes)
Herkunft und Entwicklung
Die Wurzeln des Bündner Oberländer Schafes gehen zurück auf das Tavetscherschaf (Val Nalps), das Medelserschaf (Val Medels), das Somvitgerschaf (Val Somvitg) und das Vrinerschaf (Lumnezia). Das Tavetscherschaf galt als Nachkomme des steinzeitlichen Torfschafes und ist aufgrund von Inzucht im Jahr 1954 ausgestorben. Ab 1984 wurde für die Rettung des genetischen Erbes der drei restlichen Schafschläge, mit 40 noch ursprünglich gebliebenen Tieren aus dem Medels eine Herdebuchzucht aufgebaut. Zusammen mit dem «Verein zur Erhaltung des Bündner Oberländer Schafes» versuchen die beteiligten Züchter*innen dem heutigen Bündner Oberländer Schaf eine Zukunft zu geben. Es ist zu hoffen, dass sich weitere Halter*innen für die Zucht dieser edlen Tiere gewinnen lassen.
Beschreibung
Es gibt weisse, braune, graue, schwarze und gämsfarbige Farbschläge. Ihr Aussehen wird geprägt durch Feingliedrigkeit, wenig ausgeprägte Fleischpartien und mischwolliges Vlies. Ihr Landschaf-Typus zeigt sich an den feinen Gesichtszügen und den unbewollten Köpfen. Die Widder haben mehrheitlich ein imposantes Schneckengehörn, bei den Auen kommen behornte und hornlose Tiere vor. Das Gewicht der weiblichen Tiere liegt zwischen 40 und 60 kg, die Widder können bis zu 85 kg wiegen. 36
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Zwei Bünder-Oberländer-Auen mit ihren Jungen (Ernst Oertle / Verein zur Erhaltung des Bündner Oberländer Schafes)
Zuchtziele h h h h h
Widerstandskraft, Langlebigkeit, Geländegängigkeit, Gesundheit, frei von Erbfehlern Leichter und feiner Körperbau mit edlem Kopf Gute Fruchtbarkeit und Aufzuchteigenschaften Mittlere bis gröbere Wolle Mageres, zartes und feinfaseriges Fleisch
Referenzen
Verein zur Erhaltung des Bündner Oberländer Schafes (www.bo-schaf.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 37
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Engadinerschaf
Widder mit ausgeprägter Ramsnase und Hängeohren (Christian Gazzarin)
Herkunft und Entwicklung
Das Engadinerschaf entstand, im damals schwer zugänglichen Engadin, aus dem Steinschaf der Ostalpen. Tiroler Wanderschafhirten nutzten die Alpweiden des Unterengadins und brachten mischfarbene und grossrahmigere Schafe mit, die vom Bergamaskerschaf beeinflusst waren und sich mit den lokalen Schlägen vermischten. Das Leben unter den harten Bedingungen im Gebirge selektierte über Jahrhunderte robuste und berggängige Schafe mit grosser Folgsamkeit, die sich heute in einer auffälligen Zutraulichkeit äussert. Die Entwicklung des Engadinerschafs und seiner Vorfahren war von der Mehrnutzung geprägt, d.h. Wolle, Fleisch und Milch waren gleichermassen bedeutend. Die Nachfrage nach brauner Wolle führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer verstärkten Selektion rotbrauner Tiere, die im Engadin auch Paterschafe, auf romanisch «besch da pader», genannt wurden.
Beschreibung
Auffällige Merkmale sind die Hängeohren und die Ramsnase (nach aussen gewölbte Kopf- oder Nasenpartie). Der Gang ist lebhaft und geräumig, die Klauen hart und weniger anfällig auf die Krankheit Moderhinke. Als Farben lassen sich mehrheitlich braun (diverse Brauntöne), aber auch schwarz unterscheiden. Die hohe Vitalität und Robustheit ermöglichen eine vergleichsweise problemlose Haltung. Der asaisonale Brunstzyklus ist sehr ausgeprägt mit kurzen Intervallen. Zusammen mit den häufigen Zwillingsgeburten ergeben sich hervorragende Fruchtbarkeitseigenschaften, und somit kann die Rasse auch für eine leistungsbetonte, wirtschaftliche Schafhaltung eingesetzt werden. Die Lämmer werden extensiv gemästet, wobei eine Verfettung bei höherem Alter nicht zu befürchten ist. Das feinfaserige und schmackhafte Fleisch wurde schon in früheren Zeitdokumenten lobend erwähnt und findet immer mehr Anhänger. Eine Besonderheit ist auch das ziegenähnliche Fressverhalten, das sich für eine effiziente Entbuschung eignet. 38
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Engadinerschafe haben häufig Zwillinge (Christian Gazzarin)
Zuchtziele
h Erhaltung der Widerstandskraft, hohe Lebensdauer h Erhaltung der hohen Fruchtbarkeit h Gute Aufzuchteigenschaften und Milchproduktion
Referenzen
Schweizerischer Engadinerschaf Zuchtverein (www.engadinerschaf.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 39
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Spiegelschaf
Spiegelschafaue kurz nach der Schur auf der Alp mit dem rassetypischen, unbewollten Bauch (Mariann Nauer / Spiegelschaf-Zuchtverein)
Herkunft und Entwicklung
Das Spiegelschaf stammt von alten Bündner Schafrassen wie dem Prättigauer Schaf ab und war vermutlich Einflüssen vom Seidenschaf und vom Luzeiner Schaf ausgesetzt. Im 17. und 18. Jahrhundert standen die Grenzen für Wanderschafe noch offen, weshalb auch österreichische Rassen wie das Montafoner- und das Brillenschaf an der Entstehung des Spiegelschafs mitgewirkt haben dürften. Ab 1985 konnte aus den letzten lebenden Spiegelschafen mit engagierten Züchter*innen wieder ein respektabler Bestand aufgebaut werden. Die Rasse wird heute in der ganzen Schweiz gehalten.
Beschreibung
Seinen Namen hat es von seiner hellen, glatten Stirn - dem «Spiegel». Bauch und Beine sind ebenfalls unbewollt. Sowohl die männlichen wie auch die weiblichen Tiere sind hornlos. Die Lämmer sind am ganzen Körper auffallend dunkel gefleckt und ziehen mit ihrer attraktiven Zeichnung an Körper und Kopf jeden Betrachter in ihren Bann. Charakteristisch für das Spiegelschaf ist die dunkle Zeichnung um das Maul und um die Augen – die sogenannte «Brille» – sowie die dunkel gefärbten Ohrspitzen, die mit zunehmendem Alter verblassen. Die Auen lammen ein- bis zweimal pro Jahr und bringen nicht selten Zwillinge zur Welt. 40
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Spiegelschaflämmer mit Jugendfärbung: auffällige, braune Körperflecken, die sie als ausgewachsene Tiere verlieren (Heinz Feldmann / Spiegelschaf-Zuchtverein)
Zuchtziele h h h h h
Widerstandskraft, Anpassungsfähigkeit, Gesundheit und frei von Erbfehlern Gute Aufzuchteigenschaften und Milchproduktion Gute Mastfähigkeit auf der Basis von Raufutter Hohe Lebensdauer Mittlere Wollequalität
Referenzen
Spiegelschaf-Zuchtverein (www.spiegelschaf.ch) Züchterverband für seltene Nutztierrassen (www.zvsnr.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 41
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Ostfriesisches Milchschaf
Zwei Ostfriesische-Milchschaf-Auen auf der Weide (Urs Mischler / Schweizerische Milchschafzucht Genossenschaft)
Herkunft und Entwicklung
Der Ursprung der Rasse liegt in Ostfriesland, wo um 1850 die zwei dort beheimateten Schläge des Marschschafs (Groninger- und Friesenschaf) zu einem einheitlichen Typ zusammengefasst wurden. Seit 1943 wird in der Schweiz ein Herdebuch für diese Rasse geführt. Bis in die 1990er Jahre war diese Rasse die einzige, reine Milchschafrasse der Schweiz. Seit 2016 werden einmal jährlich Zuchtwerte für die Merkmale der Milchleistung geschätzt.
Beschreibung
Die Leistungen des Ostfriesischen Milchschafs werden mit den berühmten «3 F» zusammengefasst: Frohwüchsigkeit, Frühreife und Fruchtbarkeit. Die Rasse ist jedoch stark saisonal. Der unbewollte Kopf ist länglich, mit edlem Ausdruck, hornlos und leicht ramsnasig. Die grossrahmigen Schafe haben schlanke und kräftige Beine. Die Wolle ist gleichmässig geschlossen und von mittlerer Feinheit. Das unbewollte Euter ist fest und breit aufgehängt und zeichnet sich durch ein weit, am Bauch auslaufendes Zentralband aus. Da es sowohl zum Saugen der Lämmer als auch zum Hand- und Maschinenmelken geeignet sein sollte, sollen die Zitzen kräftig und seitlich nach unten abstehend sein. Der häufigste Farbenschlag ist weiss, vereinzelt gibt es jedoch auch schwarze und gescheckte Ostfriesische Milchschafe. 42
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Ostfriesische Milchschafe beim täglichen Weidegang im Juni. Milchschafbetrieb: Haefele, Gossau SG (Margrit Gähler)
Zuchtziele h h h h
Hohe Fruchtbarkeit, jährlich Zwillinge Milchleistung zwischen 450 bis 600 kg pro Jahr Gute Wollleistung Gute Schlachtkörperqualität auch bei höherem Schlachtendgewicht
Referenzen
Schweizerische Milchschafzucht Genossenschaft (www.smg-milchschafe.ch) 43
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Saaser Mutte
Bei Jungtieren der Rasse Saaser Mutten wirken die Ohren besonders lang (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Herkunft und Entwicklung
Das Oberwallis gehört zu den nördlichen Ausläufern des Verbreitungsgebiets der Bergamaskerschafe. Während die Bergamaskerschafe in weiten Teilen des Wallis von anderen Schafrassen verdrängt wurden, entwickelten sie sich im Gebiet im und um das Saas- und Simplontal zu einem eigenständigen Lokalschlag – den heutigen Saaser Mutten. Die Schäferei mit diesen Schafen hat im Saastal Tradition und ist dort das vorherrschende Schaf. Dass es sich dabei um einen lokal angepassten Ökotyp handelt, bestätigen Aussagen heutiger Züchter*innen, die berichten, dass nur wenige Zuchttiere von auswärts eingesetzt wurden. Im Gegensatz zu den ausschliesslich reinweissen Bergamaskerschafen, ist rund die Hälfte der Saaser Mutten («Mutte» ist der Walliser Ausdruck für «Schaf» und kommt vom französischen «mouton») braun oder weiss-braun gescheckt. Ab 2015 hat sich die Rasse in der gesamten Schweiz verbreitet. Seit 2020 zählt die Rasse offiziell zu den Schweizer Rassen.
Beschreibung
Die Saaser Mutte ist eine Walliser Schafrasse, die aus einem eigenständigen Schlag der Bergamaskerschafe hervorgegangen ist. Es sind grosse, unbehornte Fleischschafe mit ausgeprägten Ramsnasen und auffälligen Hängeohren. Die Auen lammen asaisonal und bringen nicht selten Zwillinge zur Welt. Saaser Mutten zählen zu den grössten Schweizer Schafen und gelten als ruhig und sehr zutraulich.
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Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Vier ausgewachsene Auen der Rasse Saaser Mutte (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Zuchtziele h h h h h
Widerstandskraft, Anpassungsfähigkeit, Gesundheit und frei von Erbfehlern Gute Aufzuchteigenschaften Gute Mastfähigkeit auf der Basis von Raufutter Hohe Lebensdauer Mittlere Wollqualität
Referenzen
ProSpecieRara (www.prospecierara.ch/Saaser-Mutten) 45
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Schwarzbraunes Bergschaf
Das Schwarzbraune Bergschaf zeichnet sich durch seine hohe Fruchtbarkeit aus (Rudolf Lehmann / Schweizerischer Schafzuchtverband)
Herkunft und Entwicklung
Sehr alte, bereits im 14. Jahrhundert erwähnte Schweizer Rasse, hervorgegangen aus verschiedenen lokalen Landschlägen. Ursprünglich diente sie zur Produktion von dunkler, feiner Wolle von hoher Qualität. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts wurde eine Vereinheitlichung der Rasse angestrebt. Durch konsequente Selektion entstand eine frühreife und sehr fruchtbare Rasse. Die Zuchtfortschritte wurden ohne Einkreuzungen von anderen Rassen erarbeitet. Seit 2010 werden einmal jährlich Zuchtwerte für die Merkmale Fruchtbarkeit und Zuwachs geschätzt.
Beschreibung
Temperamentvolles, mittelgrosses und sehr fruchtbares Bergschaf in den Farbschlägen schwarz oder braun (elbfarben). Robuste, kräftige Konstitution, widerstandsfähig bei mässigen Futter- und Haltungsbedingungen, alptüchtig und standorttreu. Gute Muttereigenschaften, Milch- und Fleischleistung. Kopf mittellang, mit breitem Maul; gerade Nasenlinie erwünscht, besonders beim Mutterschaf; Ohren mittellang und getragen; hornlos; Kopf und Beine unbewollt; asaisonal, ist die fruchtbarste Rasse in der Schweiz. 46
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Eine Herde Schwarzbraune Bergschafe beweiden eine Obstanlage (Esther Zimmermann / Schweizerischer Schafzuchtverband)
Zuchtziele h h h h
Erhaltung und Verbesserung der Widerstandsfähigkeit und Berggängigkeit Langlebigkeit mit einer durchschnittlichen Produktionsdauer von 6 Jahren Gute Muttereigenschaften, hohe Milchleistung, frühreif, zuchtfähig im Alter von 10 Monaten Frohwüchsig und mastfähig, hohes Zuwachsvermögen der Lämmer, Qualitätslamm bei Schlachtreife (milchzahnig), mittelfleischig h Fehlerfreies Vlies, Feinheit 2–3, 3 cm in 180 Tagen h Förderung der Ressourceneffizienz
Referenzen
Schweizerischer Schafzuchtverband (www.sszv.ch) 47
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Walliser Landschaf
Die schwarz gefärbten Walliser Landschafe werden auch als «Lötschenschlag» bezeichnet (Oona Baumann/ Zuchtverein Walliser Landschaf)
Herkunft und Entwicklung
Das Walliser Landschaf ist ein ausgesprochenes Selbstversorgerschaf. Seine geografische Herkunft liegt im Oberund Mittelwallis. Traditionell wurde es hauptsächlich wegen seiner Wolle geschätzt, die als sehr warm galt. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts stand das Walliser Landschaf kurz vor dem Aussterben. 1985 entdeckte man die alte Rasse. 1989 zählte man im Oberwallis 120 Walliser Landschafe. Der Zuchtverein für das Walliser Landschaf wurde 1994 von Züchter*innen gegründet. Seit 1998 ist das Walliser Landschaf eine vom Bund anerkannte Schweizer Schafrasse. Das Interesse an dieser Rasse hat stark zugenommen und 2019 waren über 1100 Tiere in sämtlichen Regionen der Schweiz anzutreffen.
Beschreibung
Das Walliser Landschaf ist mittel- bis grossrahmig, hat etwas weniger ausgeprägte Fleischpartien und ist mittelschwer: Auen wiegen 50 bis 75, die Widder 60 bis 90 Kilogramm. Es ist ein genügsames Schaf, das für die extensive Haltung besonders geeignet ist. Dies macht das Walliser Landschaf auch interessant für die Landschaftspflege. Seine besonderen Merkmale sind die schneckenförmige Behornung beider Geschlechter, die Ramsnase und die rotbraune oder schwarze Wolle. Oft tragen die Schafe einen weissen Stern am Hinterkopf und auch die Schwanzspitze kann weiss gefärbt sein. Die eher grobe, lange und schnell wachsende Wolle fand früher breite Verwendung zur Herstellung von Kleidern. 48
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Eine Herde Walliser Landschafe in den Alpen (Christian Gazzarin)
Zuchtziele
In erster Linie wird die Erhaltung der ursprünglichen und speziellen Eigenschaften der Rasse verfolgt. Das Walliser Landschaf soll geringe Haltungskosten verursachen. Es ist insbesondere für die Bewirtschaftung von Grenzertragslagen und für die Landschaftspflege geeignet. h h h h h
Widerstandskraft, Geländegängigkeit, Langlebigkeit Erhalt der hohen Krankheitsresistenz Gute Fruchtbarkeit und Muttereigenschaften (Aufzuchtleistung) Mittlere Mastfähigkeit auf der Basis von Raufutter Schnelles Wollwachstum
Referenzen
Zuchtverein Walliser Landschaf (www.walliser-landschaf.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 49
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Walliser Schwarznasenschaf
Walliser Schwarznasenschaf auf dem Nufenenpass in den Walliser Alpen (Adobe Stock)
Herkunft und Entwicklung
Die Rasse der Schwarznasen wird bereits im 15. Jahrhundert erstmalig erwähnt. Ihre, in Jahrhunderten erworbenen Eigenschaften, wie Anpassungsfähigkeit an das raue Gebirgsklima, Futterverwertung, Fruchtbarkeit, Genügsamkeit und Standorttreue zeichnen diese Rasse aus. Seit 2010 werden einmal jährlich die Zuchtwerte für die Merkmale Fruchtbarkeit und Zuwachs geschätzt.
Beschreibung
Grossrahmiges, harmonisches Gebirgsschaf, mit guten Muttereigenschaften, guter Milch- und Fleischleistung, widerstandsfähig, mit starkem Fundament. Die Behornung und die Farbmerkmale an Kopf und Beinen prägen das Walliser Schwarznasenschaf. Kurzer, angezogener Kopf mit breitem Maul, breiter Stirn und Ramsnase; Ohren mittellang; behornt. Ausgeprägte Kopfform beim männlichen Tier. Ganzer Körper, inkl. Kopf und Beine ausgeglichen bewollt; Vlies einheitlich weiss; Nase bis zur Kopfmitte schwarz. Das Walliser Schwarznasenschaf reagiert empfindlich auf hohe Temperaturen, entsprechend passt es seine Nahrungsaufnahme an. Sie erfolgt bei natürlichem Weidegang morgens ab Dämmerung bis Sonnenaufgang und abends nach Sonnenuntergang bis in die Nacht hinein. 50
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Walliser Schwarznasenschafe auf der Weide (Esther Zimmermann / Schweizerischer Schafzuchtverband)
Zuchtziele h h h h h h h h
Erhaltung und Verbesserung der Widerstandskraft; frei von Erbfehlern Gutes Anpassungsvermögen an alpine Bedingungen Langlebigkeit mit einer durchschnittlichen Produktionsdauer von 5 Jahren Optimale graslandbasierende Futterverwertung Berggängigkeit, Standorttreue Mittelfleischig Korrekte Farbmerkmale bei weiblichen und männlichen Tieren Wolle Feinheitsklasse 4-5, frei von Stichelhaaren, Länge über 10 cm in 180 Tagen
Referenzen
Schweizerischer Schafzuchtverband (www.sszv.ch) 51
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Weisses Alpenschaf
Das Weisse Alpenschaf ist ein berggängiges, standorttreues Tier mit einem ausgeprägten Herdentrieb (Rudolf Lehmann / Schweizerischer Schafzuchtverband)
Herkunft und Entwicklung
Das Weisse Alpenschaf ging aus verschiedenen Landschlägen des Weissen Gebirgsschafs hervor. Mit Einkreuzungen von Merinolandschaf und Ile-de-France-Tieren wurde die Fleisch- und Wollleistung der ehemaligen, lokalen Landschläge nachhaltig verbessert. Seit 2010 werden einmal jährlich die Zuchtwerte für die Merkmale Fruchtbarkeit und Zuwachs geschätzt. Das Weisse Alpenschaf ist die Schafrasse mit den meisten Herdebuchtieren in der Schweiz.
Beschreibung
Grossrahmiges und fruchtbares Schaf mit guten Muttereigenschaften, Milch- und Fleischleistung; widerstandsfähig; mit korrektem Fundament. Kopf mittellang und gut bewollt, mit breitem Maul; Ohren mittellang, waagrecht getragen; hornlos. Vlies rein weiss. Asaisonal, angestrebt werden zwei bis drei Ablammungen in zwei Jahren. Erste Ablammung im Alter von 15 bis 18 Monate. 52
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Weisse Alpenschafe auf der Alp (Christian Aeschlimann / Schweizerischer Schafzuchtverband)
Zuchtziele h h h h h
Widerstandskraft, Gesundheit, frei von Erbfehlern, gutes Anpassungsvermögen Langlebigkeit mit hohem Aufzuchtvermögen Durchschnittliche Produktionsdauer: 5 Jahre Fähigkeit hoher Raufutteraufnahme und -verwertung Qualitätslamm (milchzahnig) bis 42 kg Lebendgewicht bei der Schlachtreife, gute Fleischleistung (vollfleischig bis sehr vollfleischig) h Gute Berggängigkeit h Beibehaltung der Asaisonalität
Referenzen
Schweizerischer Schafzuchtverband (www.sszv.ch) 53
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Appenzellerziege
Rassentypische Appenzellerziege (Bernhard Hollenstein)
Herkunft und Entwicklung
Wie ihr Name bereits verrät, stammt die Appenzellerziege aus den beiden Kantonen Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden. Dort ist sie bis heute ein fester Bestandteil der regionalen Tradition und Kultur. So ist sie treue Begleiterin bei Alpaufzügen. Die Milchleistung der Appenzellerziege kann sich sehen lassen, kommt sie doch aus einer von der Milchwirtschaft geprägten Gegend der Schweiz. Sie wird traditionell mit Glöckchen (Hautanhängsel an der Halsunterseite), auch Berlocken genannt, gezüchtet.
Beschreibung h h h h
Ein weisses, mittellanges bis langes Haarkleid Am Euter sind kleine Pigmentflecken möglich Leistungsfähige Milchrasse Behornte und hornlose Tiere 54
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Appenzeller-Gitzi trainieren ihre Kletterfähigkeiten (Melanie Weber / tiefblicke.ch)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (über 30 Monate, 2018, 355 Vollabschlüsse) h h h h h
746 kg Milch 2,79 % Fett 2,63 % Eiweiss 4,39 % Laktose 284 Tage Laktationsdauer
Referenzen
Schweizerischer Ziegenzuchtverband (www.szzv.ch) 55
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Bündner Strahlenziege
Bündner Strahlenziege während einer Ruhepause (Silvia Zahnd / Schweizerischer Ziegenzuchtverband)
Herkunft und Entwicklung
Der Name Bündner Strahlenziege setzt sich einerseits aus ihrer Herkunft, dem Kanton Graubünden, und andererseits aus ihrer Kopfzeichnung, den weissen Strahlen, zusammen. Obwohl sie noch immer zu den gefährdeten Rassen zählt, mausert sie sich zunehmend zu einer wirtschaftlichen Milchziege. Auf Grund ihrer Widerstandsfähigkeit und Robustheit kommt sie auch mit rauem Klima gut zurecht. Die Bündner Strahlenziege ist eine Gebirgsrasse und bewegt sich trittsicher in jedem Gelände.
Beschreibung h h h h h
Kurzes Haar Schwarz mit weissen Abzeichen an Kopf, Gliedmassen und Schwanz Dunkle Bauchdecke Vielseitige, geländegängige Rasse Behornte und hornlose Tiere 56
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Eine Gruppe Bündner Strahlenziege geniesst oberhalb des Silsersees bei Isola das Futterangebot aus vielfältigen Alpkräutern (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (über 30 Monate, 2018, 507 Vollabschlüsse) h h h h h
612 kg Milch 3,42 % Fett 2,96 % Eiweiss 4,49 % Laktose 258 Tage Laktationsdauer
Referenzen
Schweizerischer Ziegenzuchtverband (www.szzv.ch) 57
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Capra Grigia
Bock der Rasse Capra Grigia auf der Alp (Annina Staub / Capra Grigia Schweiz)
Herkunft und Entwicklung
Die graue Bergziege Capra Grigia stammt aus den Tälern des Tessins und Graubündens, wo ihre Existenz seit über 100 Jahren dokumentiert ist. Laut historischen Dokumenten von 1897 sind im Tessin drei graue Ziegenschläge belegt, die sich in Färbung und Grösse unterscheiden. Der allgemeine Rückgang der Ziegenbestände, das Nicht-Anerkennen der Tessiner Schläge während der Ziegenrassenbereinigung von 1938 und das CAE-Virus haben dazu beigetragen, dass diese grauen Ziegen beinahe ausgestorben sind. Ab 1997 wurden die letzten 30 grauen Ziegen gesammelt und in einer grauen Rasse – Capra Grigia – zusammengefasst. Seit 2006 ist die Capra Grigia wieder als offizielle Schweizer Rasse anerkannt. Trotz stetig wachsendem Tierbestand ist die Capra Grigia nach wie vor eine der gefährdetsten Ziegenrassen der Schweiz. Parallel zum wachsenden Bestand erfolgt die Zuchtauswahl mit Hilfe der Linearen Beschreibung und Einstufung (LBE) und weiteren Leistungsprüfungen sehr gezielt, aber nur so streng, dass eine ausreichende genetische Breite erhalten werden kann.
Beschreibung
Die Capra Grigia trifft man in allen Graustufen von silbergrau bis schwarzgrau an. Gemeinsam ist allen das melierte Fell, die schwarzen Stiefel und die kräftigen, nach aussen gebogenen Hörner. Dank ihrer harten Hufe, der hohen Trittsicherheit und der Vorliebe für verbuschtes und dorniges Gelände sind die schönen Ziegen optimal an das Leben in den südlichen Alpen angepasst. Robust, widerstandsfähig und anspruchslos: das Erfolgsrezept der stolzen Grauen! 58
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Gitzi der Rasse Capra Grigia beim Ausruhen im Stall (Martina Federer / Capra Grigia Schweiz)
Zuchtziele h h h h
Angestrebt wird eine robuste Mehrnutzungsziege (Fleisch, Milch und Landschaftspflege) Geländegängigkeit, Gesundheit, frei von Erbfehlern Gute Fruchtbarkeit mit guten Aufzuchteigenschaften und ausreichender Milchproduktion auch für Zwillinge Hohe Lebens- und Nutzungsdauer
Referenzen
Capra Grigia Schweiz (www.capragrigia.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 59
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Capra Sempione
Zuchtbock der Rasse Capra Sempione mit typischen, ausladenden Hörnern (Adrian Bär)
Herkunft und Entwicklung
Die Capra Sempione, im Walliserdialekt auch «Simplerziege» (Simplonziege) genannt, gehört in die Gruppe der Walliser Ziegen. Ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet war die Simplonregion, sowohl auf Schweizer wie auch auf italienischer Seite in die nördlichsten Regionen des Piemont hinein. Auch sie fiel bei der Rassenbereinigung 1938 durch die Maschen. Im Rahmen des Rettungsprojekts für die Kupferhalsziege konnten noch wenige Simplerziegen im Wallis und in anderen Regionen der Schweiz sowie in Süddeutschland ausfindig gemacht werden. Ab 2013 wurden alle bekannten Tiere in der Schweiz und in Deutschland gleichwertig im Zuchtbuch der Walliser Ziegen eingetragen. Das Zuchtbuch wird seit 2020 vom neu gegründeten «Züchterverein der Capra Sempione, Kupferhalsziege und Grüenochte Geiss» geführt.
Beschreibung
Wie es typisch für Walliser Ziegen ist, hat die Capra Sempione einen schlanken Körperbau, lange Haare und imposante Hörner, besonders die Böcke. Mit ihrem schneeweissen, langen Fell ist sie eine wunderschöne, faszinierende Erscheinung. 60
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Innerhalb der Schwarzhalsziegen-Herden überlebten zum Glück einige wenige Simplerziegen (Robert Schmid)
Zuchtziele h h h h
Rettung eines stark gefährdeten Farbtyps Nicht zu langes Haarkleid (Bodenfreiheit von min. 20 cm) Gute Mastfähigkeit Grosse, robuste Tiere
Referenzen
ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) Züchterverein der Capra Sempione, Kupferhalsziege und Grüenochte Geiss (www.zckg.ch) 61
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Gämsfarbige Gebirgsziege
Gämsfarbige Gebirgsziege beim Ausruhen im Schatten (Silvia Zahnd / Schweizerischer Ziegenzuchtverband)
Herkunft und Entwicklung
Ursprünglich entwickelte sich die Gämsfarbige Gebirgsziege aus zwei Regionalschlägen. Es sind dies: der hornlose Oberhasli-Brienzer- und der behornte Bündner-Schlag. Heute ist sie die Rasse mit den meisten Herdebuchtieren in der Schweiz. Dies nicht zuletzt dank der ansehnlichen Milchleistung und den überdurchschnittlichen Milchgehalten. Gämsfarbige Gebirgsziegen gelten zudem als sehr anpassungsfähige Tiere. So sind sie heute im Talgebiet genauso anzutreffen wie in den ursprünglichen Gebirgsregionen.
Beschreibung h h h h h h
Kurzes, glatt anliegendes, braunes Haar Schwarze Abzeichen am Kopf und an den Beinen Bauchdecke dunkel und feiner Aalstrich Milchspiegel hellbraun bis schwarz Wirtschaftliche Milchrasse Behornte und hornlose Tiere 62
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Gämsfarbige Gebirgsziegen auf der Weide (Schweizerischer Ziegenzuchtverband)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (über 30 Monate, 2018, 2395 Vollabschlüsse) h h h h h
786 kg Milch 3,39 % Fett 3,09 % Eiweiss 4,59 % Laktose 277 Tage Laktationsdauer
Referenzen
Schweizerischer Ziegenzuchtverband (www.szzv.ch) 63
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Grüenochte Geiss
Bock der Grüenochten Geiss mit heller Brust (Adrian Bär)
Herkunft und Entwicklung
Mit «Grüenochte Geiss» oder «Grüenochti» wird im Walliserdialekt die vorne grau-schwarz-weiss-meliert gezeichnete Walliser Ziegen bezeichnet. Es ist historisch belegt, dass sie früher im Wallis vorkam und ein Teil der genetischen Vielfalt innerhalb der Walliser Ziegen ist. Trotz langer Tradition wurde auch sie 1938 nicht als Rasse anerkannt. Im Laufe des Rettungsprojekts für die Kupferhalsziege stiess man sowohl auf die ganz weisse Capra Sempione als auch auf die Grüenochte Geiss. Ihre meist lebendig-meliert gefärbte Vorderhälfte verleiht den Tieren ein urchiges Äusseres, was ihre Robustheit optisch unterstreicht. Der Bestand wächst langsam an, dennoch gehört die Grüenochte Geiss noch immer zu den seltensten Ziegenrassen der Schweiz.
Beschreibung
Sie ist die graue Variante der vier farblichen Ausprägungen der Walliser Ziegen. Die Gitzi der Grüenochti sind häufig heller gezeichnet als die erwachsenen Tiere. Oft beobachtet man zudem, dass die graue Partie der adulten Tiere gegen vorne heller wird. Der schlanke Körperbau und die ausgeprägten Hörner sind wie bei den anderen Rassen der Walliser-Ziegen-Gruppe. Die Felllänge ist wie bei den Kupferhalsziegen und der Capra Sempione kürzer als bei den Schwarzhalsziegen. 64
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Eine Gruppe Grüenochte Geissen geniesst oberhalb von Adelboden vor dem Wintereinbruch die letzten Spätherbsttage auf der Weide (Sabina Bircher / Züchterverein der Capra Sempione, Kupferhalsziege und Grüenochte Geiss)
Zuchtziele h h h h
Rettung eines stark gefährdeten Farbtyps Nicht zu langes Haarkleid (Bodenfreiheit von min. 20 cm) Gute Mastfähigkeit Grosse, robuste Tiere
Referenzen
ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) Züchterverein der Capra Sempione, Kupferhalsziege und Grüenochte Geiss (www.zckg.ch) 65
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Kupferhalsziege
Zuchtbock der Kupferhalsziege mit typischen, ausladenden Hörner (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Herkunft und Entwicklung
Die Kupferhalsziege hat ihren Ursprung im Wallis gemeinsam mit den anderen drei Walliser-Ziegen-Rassen Schwarzhalsziege, Grüenochte Geiss und Capra Sempione. Durch die Rassenbereinigung 1938 geriet diese Rasse in Vergessenheit. Trotzdem tauchten die Tiere mit kupferfarbenem Vorderteil und weissem Hinterteil immer wieder in den Beständen der Schwarzhalsziegen auf. 2006 wurde man auf sie aufmerksam und konnte noch 28 Kupferhalsziegen im Berner Oberland und im Wallis ausfindig machen. Sie dienten als Basis für ein ambitioniertes Rettungsprojekt mit strengen Inzuchtkontrollen.
Beschreibung
Allen Walliser Ziegen gemeinsam ist der schlanke, lange Körperbau mit langem Haarkleid und starken Hörnern. Und so präsentiert sich auch die Kupferhalsziege. Da das Rettungsprojekt sich am alten Typus orientiert, steht eine etwas kürzere und damit auch pflegefreundlichere Haarpracht im Rassestandard. Das kommt der extensiven Haltung auf der Alp oder in Beweidungsprojekten zugute, wo sich die Tiere weniger im Buschwerk verfangen. Ebenfalls den historischen Bildern entsprechend und im Sinne der Erhaltung alter Eigenschaften, haben die Züchter*innen ein Idealtier vor Augen, dessen Farbwechsel – im Gegensatz zu den Schwarzhalsziegen – etwas vor der Körpermitte liegt. 66
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Jungtiere mit unterschiedlichen Varianten des Kupfer-Farbgens (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Zuchtziele h h h h
Rettung eines stark gefährdeten Farbtyps mit halswärts liegendem Farbwechsel Nicht zu langes Haarkleid (Bodenfreiheit von ca. 20 cm) Gute Mastfähigkeit Grosse, robuste Tiere
Referenzen
ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) Züchterverein der Capra Sempione, Kupferhalsziege und Grüenochte Geiss (www.zckg.ch) 67
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Nera Verzasca
Dieser grosse, kräftige Nera-Verzasca-Bock verkörpert seine Rasse ideal (Silvia Zahnd / Schweizerischer Ziegenzuchtverband)
Herkunft und Entwicklung
Die Wiege der Nera-Verzasca-Ziege liegt im Tessin, insbesondere dem Verzasca-Tal. Diese rein schwarze Ziegenrasse ist gefährdet und weist von allen Herdebuchrassen des Schweizerischen Ziegenzuchtverbands am wenigsten Tiere aus. Sie ist ausgesprochen temperamentvoll und ihre Anpassungsfähigkeit an hohe wie auch tiefe Temperaturen machen sie zu einer robusten Rasse. Viele Nera-Verzasca-Ziegen werden die meiste Zeit im Freien gehalten. Dort sorgen sie dafür, dass Büsche und Bäume zurückgedrängt werden und so die offene Landschaft erhalten bleibt.
Beschreibung h h h h
Kurzes und feines Haar Rein schwarz glänzend ohne anders farbige Flecken Charakterstarke Robustrasse Behornte Tiere 68
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Eine Herde Nera Verzasca in ihrer Heimat, dem Tessin (Ruedi Pulver)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (über 30 Monate, 2018, 151 Vollabschlüsse) h h h h h
398 kg Milch 3,47 % Fett 3,12 % Eiweiss 4,79 % Laktose 179 Tage Laktationsdauer
Referenzen
Schweizerischer Ziegenzuchtverband (www.szzv.ch) 69
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Pfauenziege
Diese Pfauenziegen-Herde bricht zu neuen Weidegründen auf (Melanie Weber / tiefblicke.ch)
Herkunft und Entwicklung
Die aus dem Kanton Graubünden stammende Pfauenziege hiess ursprünglich Pfavenziege. Als Pfaven werden die schwarzen Abzeichen entlang des Nasenrückens und über die Wange bezeichnet, die für diese Rasse typisch sind. Früher beinahe ausgestorben, zählt sie noch heute zu den gefährdeten Rassen. Züchter*innen schätzen ihre robuste und genügsame Art, durch die sie auch für eine extensive Haltung gut geeignet ist. Auch schwer zugängliche Flächen, die nicht maschinell bewirtschaftet werden können, stellen für sie kein Problem dar.
Beschreibung h h h h
Kurzes bis mittellanges Haar Weiss und schwarz Anpassungsfähige Robustrasse Behornte und hornlose Tiere 70
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Eine typische Gebirgsrasse: die Pfauenziege (Silvia Zahnd / Schweizerischer Ziegenzuchtverband)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (über 30 Monate, 2018, 199 Vollabschlüsse) h h h h h
520 kg Milch 3,67 % Fett 3,11 % Eiweiss 4,61 % Laktose 259 Tage Laktationsdauer
Referenzen
Schweizerischer Ziegenzuchtverband (www.szzv.ch) 71
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Saanenziege
Die Saanenziege ist eine exterieurstarke und milchbetonte Rasse (Franziska Schwab / Schweizerischer Ziegenzuchtverband)
Herkunft und Entwicklung
Ihren Ursprung hat die rein weisse Saanenziege im Saanenland und Obersimmental (Kanton Bern). In der Schweiz weist sie den zweithöchsten Herdebuchbestand auf. Die Saanenziege zeichnet sich durch ihre hohe Leistungsbereitschaft aus und ist daher bestens für die Milchproduktion geeignet. Zusammen mit ihren guten funktionellen Merkmalen macht sie dies zu einer wirtschaftlichen Rasse. Diese Eigenschaften werden auch von Züchter*innen im Ausland geschätzt, wo die Rasse in Reinzucht und auch als Veredlungsrasse anzutreffen ist.
Beschreibung h h h h
Kurzes, weisses, glatt anliegendes Haar Kleine Pigmentflecken möglich Milchleistungsbetonte Rasse Behornte und hornlose Tiere 72
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Dank ihrer auffallend weissen Farbe sind Saanenziegen auch im Gebirge leicht erkennbar (Robert Hess)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (über 30 Monate, 2018, 1519 Vollabschlüsse) h h h h h
890 kg Milch 3,17 % Fett 2,93 % Eiweiss 4,46 % Laktose 284 Tage Laktationsdauer
Referenzen
Schweizerischer Ziegenzuchtverband (www.szzv.ch) 73
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Stiefelgeiss
Jungbock der Rasse Stiefelgeiss mit braunen Stiefeln (Patrick Bräunninger / StiefelGeissen-Züchterverein Schweiz)
Herkunft und Entwicklung
Die Stiefelgeiss ist eine Gebirgsziege und stammt aus der Region St.Galler Oberland (Walensee – Flums – Weisstannental – Taminatal). Karge Futterbedingungen und extreme Witterungsverhältnisse formten eine Ziege, die dem rauen Leben in den Bergen angepasst ist. Vitalität und Berggängigkeit waren wichtig. Die Milchleistung kam erst an zweiter Stelle. Die Tiere weiden bei der Sömmerung auf der Alp oft in den höchsten Höhen und wurden bisweilen mit den Steinböcken beobachtet! Nach der Rassenbereinigung hielten nur noch wenige Züchter*innen der Stiefelgeiss die Treue. Die letzten Exemplare (27 Ziegen und 7 Böcke) konnten 1983 gerettet werden.
Beschreibung
Die Stiefelgeiss ist die Schweizer Ziegenrasse mit der grössten Farbvariabilität. Es werden zwei Typen unterschieden, der «Schwarzstiefel» und der «Braunstiefel». Beide Typen kommen als dunkle, helle oder silbergraue Farbschläge vor. Passend zu ihren Stiefeln weisen sie eine dunkle Gesichtszeichnung um Augen, Nasenrücken und Ohren auf. Jede Stiefelgeiss ist behornt. Typisch für die Stiefelgeissen sind die langen Grannenhaare auf dem Rücken, das «Mänteli», und an den Beinen die «Hösli». «Glöggli» und Bart sind erwünscht, kommen aber nicht bei allen Tieren vor. 74
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Aufmerksame Stiefelgeissen-Herde (Karin Schaub / StiefelGeissen-Züchterverein Schweiz)
Zuchtziele
h Gute Aufzuchteigenschaften h Gute Mastfähigkeit h Ausreichende Milchproduktion für Zwillingsgeburten
Referenzen
Züchterverband für seltene Nutztierrassen (www.zvsnr.ch) StiefelGeissen-Züchterverein Schweiz (www.stiefelgeiss.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 75
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Toggenburgerziege
Toggenburgerziege mit rassentypischem, langem Haar (Franziska Schwab / Schweizerischer Ziegenzuchtverband)
Herkunft und Entwicklung
Das Zuchtgebiet der Toggenburgerziege hat sich im Laufe der Zeit vom Ursprungsgebiet, dem Toggenburg (Kanton St. Gallen), auf die ganze Schweiz und das Ausland ausgeweitet. Im englischsprachigen Raum werden ihre typischen weissen Abzeichen «Swiss markings» genannt. Charakteristisch für diese Rasse sind die längeren Haare über den Rücken und die Schenkel, die als «Mäntelchen» bezeichnet werden. Züchter*innen schätzen an der milchbetonten Toggenburgerziege auch ihr gutes Fundament.
Beschreibung h h h h h
Kurzes bis langes Haar Hellbraun bis mausgrau, weisse Abzeichen an Kopf, Gliedmassen und Schwanz Leichtes Mäntelchen über Rücken und Schenkel Produktive Milchrasse Behornte und hornlose Tiere 76
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Eine Herde Toggenburgerziegen auf der Alp (Silvia Zahnd / Schweizerischer Ziegenzuchtverband)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (über 30 Monate, 2018, 768 Vollabschlüsse) h h h h h
777 kg Milch 3,30 % Fett 2,85 % Eiweiss 4,59 % Laktose 283 Tage Laktationsdauer
Referenzen
Schweizerischer Ziegenzuchtverband (www.szzv.ch) 77
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Walliser Schwarzhalsziege
Rassentypische Walliser Schwarzhalsziege (Edwin Eggel)
Herkunft und Entwicklung
Die Gebirge und Täler des Wallis sind die Heimat der Walliser Schwarzhalsziege. Durch das Beweiden von steilen Hängen leistet sie einen wertvollen Beitrag zur Landschaftspflege. Das lange Haarkleid und die klar getrennte schwarz-weisse Färbung sind ihre Markenzeichen, genauso wie die Hörner, die alle Ziegen und Böcke dieser Rasse tragen. Ihre Haare schützen sie vor Wind und Wetter, benötigen aber entsprechende Pflege. Meist werden Walliser Schwarzhalsziegen nicht gemolken, weshalb sie einer Aufzuchtleistungsprüfung (Schätzung der Tageszunahmen der Gitzi aus Geburtsgewicht und Gewicht am 40. Lebenstag) unterstellt werden.
Beschreibung h h h h h
Langes Haar Kopf und Vorderhand bis halber Mittelleib kohlschwarz, Hinterhand schneeweiss Vordere Klauen schwarz, hintere Klauen weiss Trittsichere Gebirgsrasse Behornte Tiere 78
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Während der Sömmerung legen Schwarzhalsziegen mit ihren Gitzi grosse Distanzen zurück (Silvia Zahnd / Schweizerischer Ziegenzuchtverband)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (über 30 Monate, 2018, 309 Würfe) h h h h
1,37 Gitzi pro Wurf 212 g Lebtageszunahme 3,46 kg Geburtsgewicht 11,81 kg 40-Tag-Gewicht
Referenzen
Schweizerischer Ziegenzuchtverband (www.szzv.ch) 79
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Schweizer Edelschwein
Jungsau der Rasse Edelschwein (SUISAG)
Herkunft und Entwicklung
Das Schweizer Edelschwein wird seit Anfang des 20. Jahrhunderts züchterisch bearbeitet. Es stammt von alten Landschlägen ab und wurde nach und nach mit der englischen Yorkshire-Rasse veredelt. Seit 2002 wird das Schweizer Edelschwein als typische Mutterlinie mit hervorragenden Reproduktionseigenschaften gezüchtet und ist die dominierende Schweizer Hauptrasse. Das Edelschwein eignet sich besonders zur Erzeugung von fruchtbaren und langlebigen Kreuzungssauen, wird aber auch als reinrassige Muttersau zur Erzeugung von Mastferkeln eingesetzt.
Beschreibung
Weisses Schwein mit Stehohren, guten Muttereigenschaften und durchschnittlich 16 Zitzen.
Zuchtziele
Optimale Wurfgrössen und wenig Saugferkelverluste. Wenig Leertage. Gute Lebensleistung mit regelmässigen Würfen und ausgeglichenen Ferkelgewichten. Optimaler Zuwachs bei guter Futterverwertung und mittlerer Fleischigkeit. Selektion auf E.-coli-Resistenzen. 80
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Edelschwein beim Säugen ihrer Ferkel (SUISAG)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (2019) Reproduktionsleistung h 13,1 lebend geborene Ferkel pro Wurf h 2,4 Würfe pro Sau und Jahr Feldprüfung Ultraschall (männliche Tiere) h 99,3 kg Gewicht bei Prüfende h 155 Tage Alter bei Prüfende h 640 g Lebendtageszuwachs
Feldprüfung Ultraschall (weibliche Tiere) h 97,5 Gewicht bei Prüfende (kg) h 158 Tage Alter bei Prüfende h 621 g Lebendtageszuwachs Stationsprüfung weibliche Tiere & Kastraten h 971 g Masttageszuwachs h 2,53 kg / kg Futterverwertung h 57 % Magerfleischanteil h 2,2 % Intramuskuläres Fett h 100 cm Schlachtkörperlänge
Referenzen
Suisseporcs (www.suisseporcs.ch) SUISAG (www.suisag.ch) 81
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Edelschwein Vaterlinie (PREMO)
Eber der Rasse Edelschwein Vaterlinie (SUISAG)
Herkunft und Entwicklung
Das Schweizer Edelschwein wird seit Anfang des 20. Jahrhundert züchterisch bearbeitet und wurde durch verschiedene Importe weiterentwickelt. 2002 wurde die Edelschwein Rasse in zwei Zuchtpopulationen - die Edelschwein Mutterlinie und die Edelschwein Vaterlinie - getrennt. Edelschwein-Vaterline-Eber werden seit 2009 unter dem Markennamen PREMO angeboten und sind die Väter der meisten Mastschweine in der Schweiz. Die Edelschwein Vaterlinie wird daher mit Fokus auf Gewichtszunahmen, Futterverwertung und Fleischqualität gezüchtet. Im Gegensatz zu Duroc und Pietrain ist die Edelschwein Vaterlinie, die einzige eigenständig in der Schweiz gezüchtete Vaterlinie.
Beschreibung
Weisse Schweine mit Stehohren.
Zuchtziele
Höhere Gewichtszunahmen und verbesserte Futterverwertung bei optimalem Magerfleischanteil. Hervorragende Fleisch- und Fettqualität im internationalen Vergleich. Selektion auf Resistenzen gegen Escherichia coli. 82
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Ferkel der Rasse Edelschwein Vaterlinie (SUISAG)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (2019) Reproduktionsleistung h 10,3 lebend geborene Ferkel pro Wurf h 2,4 Würfe pro Sau und Jahr Feldprüfung Ultraschall (männliche Tiere) h 91,6 kg Gewicht bei Prüfende h 143 Tage Alter bei Prüfende h 653 g Lebendtageszuwachs
Feldprüfung Ultraschall (weibliche Tiere) h 95,6 Gewicht bei Prüfende (kg) h 150 Tage Alter bei Prüfende h 645 g Lebendtageszuwachs Stationsprüfung weibliche Tiere & Kastraten h 1055 g Masttageszuwachs h 2,37 kg / kg Futterverwertung h 59,7 % Magerfleischanteil h 2,5 % Intramuskuläres Fett h 98,1 cm Schlachtkörperlänge
Referenzen
Suisseporcs (www.suisseporcs.ch) SUISAG (www.suisag.ch) 83
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Schweizer Landrasse
Eber der Schweizer Landrasse (SUISAG)
Herkunft und Entwicklung
Die Schweizer Landrasse wird seit Anfang des 20. Jahrhunderts züchterisch bearbeitet. Sie stammt von alten Landschlägen ab und Importe aus diversen Ländern trugen wesentlich zur Weiterentwicklung bei. Die Landrasse wird als Mutterlinie gezüchtet und eignet sich besonders zur Erzeugung von fruchtbaren und langlebigen Kreuzungssauen.
Beschreibung
Weisses Schwein mit hängenden Ohren und durchschnittlich 16 Zitzen.
Zuchtziele
Optimale Wurfgrössen und wenig Saugferkelverlusten. Wenig Leertage. Gute Lebensleistung mit regelmässigen Würfen und ausgeglichenen Ferkelgewichten. Optimaler Zuwachs bei guter Futterverwertung und mittlerer Fleischigkeit. Selektion auf Escherichia-coli-F18-Resistenz. 84
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Galtsauengruppe der Schweizer Landrasse (SUISAG)
Leistungsmerkmale der Herdebuchtiere (2019) Reproduktionsleistung h 12,9 lebend geborene Ferkel pro Wurf h 2,4 Würfe pro Sau und Jahr Feldprüfung Ultraschall (männliche Tiere) h 99,1 kg Gewicht bei Prüfende h 145 Tage Alter bei Prüfende h 681 g Lebendtageszuwachs
Feldprüfung Ultraschall (weibliche Tiere) h 98,2 kg Gewicht bei Prüfende h 159 Tage Alter bei Prüfende h 618 g Lebendtageszuwachs Stationsprüfung weibliche Tiere & Kastraten h 977 g Masttageszuwachs h 2,59 kg / kg Futterverwertung h 56,0 % Magerfleischanteil h 1,8 % Intramuskuläres Fett h 100,5 cm Schlachtkörperlänge
Referenzen
Suisseporcs (www.suisseporcs.ch) SUISAG (www.suisag.ch) 85
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Appenzeller Barthuhn
Stolz präsentiert das Appenzeller Barthuhn seinen Bart (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Herkunft und Entwicklung
Das Appenzeller Barthuhn ist Mitte des 19. Jahrhunderts im Ostschweizer Alpenraum entstanden. Bei der Zucht stand das damals bereits ausgestorbene, italienische «Polverara-Huhn» Modell. Um einen solchen kälteresistenten und legefreudigen Hühnertyp zu züchten, wurden Italienerhühner mit bart- und rosenkammtragenden Rassen gekreuzt. Daraus entstand das Appenzeller Barthuhn. Die Rasse teilte in der Nachkriegszeit das Schicksal vieler Landrassen: Sie gerieten im Laufe der Modernisierung der Landwirtschaft in Vergessenheit, weil sie nicht mit den Leistungen der Hühner aus Hybridzucht mithalten konnten. 1985 war der rebhuhnhalsige Farbschlag des Appenzeller Barthuhns sehr selten und deshalb starteten die letzten verbliebenen Züchter*innen ein Erhaltungszuchtprogramm.
Beschreibung
Das Appenzeller Barthuhn ist ein leichtes, temperamentvolles Huhn mit stolzer Haltung. Sowohl die Hähne wie die Hennen tragen kräftige Vollbärte, die von Federn geformt und schon an den Eintagesküken erkennbar sind. Barthühner liefern im ersten Jahr etwa 150 weissschalige Eier und können über mehrere Jahre legen. Der ursprüngliche Farbschlag war schwarz, daraus entstanden die rebhuhnhalsigen und später noch die blauen Barthühner. Allen Farbschlägen ist die blaue bis dunkelgraue Beinfarbe gemeinsam. Die aufgeweckten Barthühner sind, wie es sich für Alpenbewohner ziemt, wetterfest und widerstandsfähig und können problemlos das ganze Jahr über nach draussen gelassen werden. 86
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Eine Gruppe Appenzeller Barthühner mit ihren rassetypischen Bärten und frostsicheren Rosenkämmen auf der Herbstweide (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Zuchtziele h h h h
Gesundheit und Widerstandsfähigkeit Langlebigkeit Legeleistung Schöne Zeichnung
Referenzen
Züchterverein für ursprüngliches Nutzgeflügel (www.zun-schweiz.ch) Kleintiere Schweiz (www.kleintiere-schweiz.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 87
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Appenzeller Spitzhaube
Reinschwarze Appenzeller Spitzhaubenhenne (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Herkunft und Entwicklung
Die Spitzhaubenhühner sollen schon im 15. Jahrhundert in Klöstern des Schweizer Alpenraums aus französischen und niederländischen Haubenhühnern gezüchtet worden sein. 1935 wurden Appenzeller Spitzhauben an der nationalen Geflügelschau gezeigt, gerieten danach aber mehr und mehr in Vergessenheit. 1983 beschränkte sich die Haltung dieser rar gewordenen Rasse noch fast ausschliesslich auf das Appenzellerland und zusammen mit Züchter*innen wurde ein Erhaltungsprogramm aufgebaut. Der Bestand der lebhaften Hühner nahm wieder zu und heute kommt die Rasse in der ganzen Schweiz vor. Eine Hochburg der Spitzhauben ist aber immer noch die Ostschweiz, wo sie seit jeher liebevoll «Tschüpperli» genannt werden.
Beschreibung
Die Spitzhauben sind kleine bis mittelgrosse, zierlich gebaute Hühner. Beide Geschlechter tragen die schmale, nach vorn gerichtete Federhaube, die an die Haube der Appenzeller Sonntagstracht erinnert. Der Hörnerkamm ist bei den Hennen nur schwach ausgeprägt und häufig von der Haube verdeckt. Bei Jungtieren sind die Hähne an den kräftigeren Hörnchen und Kehllappen erkennbar, die im Alter von 8 bis 9 Wochen sichtbar werden. Von den ursprünglich zehn Farbschlägen haben leider nicht alle überlebt. Heute gibt es noch die Schläge «Gold», «Gold-Schwarz getupft», «Reinweiss», «Reinschwarz», «Silber-Schwarz getupft», «Blau» sowie «Chamoix-Weiss getupft». Spitzhauben legen pro Jahr gut 150 weissschalige Eier. 88
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Appenzeller Spitzhauben gibt es in mehreren Farbschlägen. Hier - passend im Schwarzbubenland - eine Gruppe der sehr seltenen, schwarzen Variation (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Zuchtziele h h h h h
Widerstandskraft und Wetterhärte Vitalität Langlebigkeit Legeleistung Saubere Zeichnung und schöne Spitzhaube
Referenzen
Züchterverein für ursprüngliches Nutzgeflügel (www.zun-schweiz.ch) Kleintiere Schweiz (www.kleintiere-schweiz.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 89
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Schweizerhuhn
Die Schweizerhuhnhenne trägt den für ihre Rasse typischen, kompakten Rosenkamm und ein schneeweisses Gefieder (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Herkunft und Entwicklung
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Schweizerhuhn als typisches Zweinutzungshuhn (Eier legen und Fleisch liefern) gezüchtet und erlangte grosse Bedeutung in einer Schweiz, in der Selbstversorgung der Normalfall war. Die genügsame Landrasse hatte ihre Blütezeit dementsprechend vor und während des Zweiten Weltkriegs. Mit fortlaufender Industrialisierung der Landwirtschaft geriet sie aber mehr und mehr in Vergessenheit, weil Hybridhühner (eine Nutzung) aufkamen, die entweder doppelt so viele Eier lieferten oder in viel kürzerer Zeit schlachtreif waren. Ende des 20. Jahrhunderts war die Rasse fast verschwunden, kaum mehr 50 Tiere waren noch aufzutreiben, als 1991 engagierte Züchter*innen die Rettung dieser wertvollen Landrasse in Angriff nahmen. Inzwischen werden Schweizerhühner wieder öfter gezüchtet und ihr Bestand entwickelt sich erfreulich positiv.
Beschreibung
In den Nationalfarben – schneeweisses Gefieder und kräftig roter Kamm – präsentiert sich das Schweizerhuhn als stolze Landrasse. Mit den kompakten, frostsicheren Rosenkämmen und den kleinen Kehllappen fühlen sich die Tiere in unseren Breitengraden wohl. Die Erscheinung passt gut zum Wesen dieser ruhigen und zutraulichen Hühner. Die Tiere fliegen weder gut noch besonders gerne. Schweizerhühner sind langlebige und robuste Tiere, die auch frostige Nächte gut überstehen. 90
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Ein Zuchtgruppe der robusten Schweizerhühner in den Nationalfarben rot-weiss auf der Alp de Lagh im Misox (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Zuchtziele h h h h
Widerstandsfähigkeit und Gesundheit Langlebigkeit Zweinutzung: Fleisch, Eier Frohwüchsigkeit
Referenzen
Züchterverein für ursprüngliches Nutzgeflügel (www.zun-schweiz.ch) Kleintiere Schweiz (www.kleintiere-schweiz.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 91
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Schweizer Fehkaninchen
Junges Schweizer Fehkaninchen beim Erkunden des Aussengeheges (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Herkunft und Entwicklung
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in verschiedenen Ländern versucht, das Fell des sibirischen Eichhörnchens in Kaninchen nachzuzüchten und so einfacher verfügbar zu machen. Dabei entstanden zahlreiche graue Kaninchenrassen. Anders als im Ausland konzentrierten sich die Züchter*innen in der Schweiz von Anfang an auf eine perfekte Perlung des Fells sowie auf nicht zu schwere Tiere. So entstand aus den ersten Zuchtpaarungen, die von 1918 überliefert sind, aus wildfarbigen und blauen Kaninchen ein eigenständiges Fehkaninchen in der Schweiz. Sein Name ist auf die alte Bezeichnung «Feh» für das graue Winterfell nordischer Eichhörnchen zurückzuführen. Bereits 1921 schlossen sich Schweizer Fehkaninchen-Züchter*innen zu einem Rasseclub zusammen, so dass die Rasse auf eine lange Vereinsgeschichte zurückblicken kann.
Beschreibung
Der sogenannten Perlung wird bei der Zucht dieser Rasse höchste Aufmerksamkeit geschenkt: Im blaugrauen Fell sollen gleichmässig verteilt kleine Büschel hellbrauner Deckhaare eine feine, gut erkennbare Struktur schaffen. Bauch, Brust und Kopfunterseite sind hellgrau bis weiss. Der Kopf sitzt dicht auf den Schultern, weist eine breite Stirn auf und trägt aufrechte, dicht behaarte Ohren. Fehkaninchen gibt es ausschliesslich im blauen Farbschlag, der reinerbig vererbt wird. Es wurde eine Zwergkaninchenvariante namens Farbenzwerg Feh herausgezüchtet. 92
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Wenn Schweizer Feh-Zuchtzibben aneinander gewöhnt sind, harmonieren sie gut und ziehen ihre Jungen manchmal sogar in einem gemeinsamen Nest auf (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Zuchtziele
h Kleine Rasse mit guter Körperhaltung und schön geformtem Körperbau h Rassetypische Fellstruktur und -farbe mit gleichmässiger Perlung h Gesundheit und Widerstandsfähigkeit
Referenzen
Schweizer Feh-Züchterklub (www.schweizer-feh.ch) Kleintiere Schweiz (www.kleintiere-schweiz.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 93
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Schweizer Fuchskaninchen
Ein havannafarbenes Fuchskaninchen, das an einer Klubschau präsentiert wird (Reto Stucki / Schweizer Fuchskaninchen-Züchter-Club)
Herkunft und Entwicklung
Die Rasse entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in Cham als ein Züchter versuchte, das Fell des in Alaska beheimateten blauen Polarfuchses möglichst gut zu imitieren. Dieser Züchter wollte dieses Ziel durch die Kombination einer langhaarigen (Angora) mit einer kurzhaarigen Rasse (Havanna) erreichen. Obwohl die Rasse nicht ganz dem ursprünglichen Zuchtziel entsprach, fanden die Tiere Liebhaber*innen und wurde anfänglich als «Schweizer Langhaar» geführt. Später erhielt die Rasse den heutigen Namen «Schweizer Fuchskaninchen». Seit 1949 sind die Schweizer Züchter*innen in einem eigenen Rasseklub mit zwei Regionalgruppen organisiert.
Beschreibung
Bei den Fuchskaninchen ist der Fellaufbau der zentrale Punkt bei der Selektion. Über einer dichten Unterwolle liegen 5-6 cm lange Deck- und Grannenhaare. Es liegt an den zwar langen, aber von der Struktur her weniger festen Grannenhaaren, dass die Optik nicht perfekt mit derjenigen des Polarfuchses übereinstimmt. Das Fuchskaninchen wirkt durch sein langes Fell, seinen nicht sichtbaren Hals und durch seine nur leicht aufgerichtete Körperhaltung kompakt. Sein Kopf und seine Ohren sind kurzbehaart und stehen im Kontrast zur übrigen Behaarung. Fuchskaninchen gibt es in mehreren Farbvarianten. Dem Polarfuchs farblich entsprechend waren die ersten Fuchskaninchen mauvefarbig (blau). Nach und nach kamen die Farbschläge chinchilla, havanna, schwarz sowie weiss mit roten Augen und weiss mit blauen Augen dazu. Ebenfalls gibt es unterdessen eine Zwergvariante namens Zwergfuchs.
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Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Schweizer Fuchskaninchen-Zibbe mit ihrem Nachwuchs (Philippe Ammann / ProSpecieRara)
Zuchtziele h h h h
Kleine Rasse mit guter Körperhaltung und schön geformtem Körperbau Rassetypische Fellstruktur und intensive Fellfarbe Gesundheit und Widerstandsfähigkeit Gutmütiges und ruhiges Kaninchen
Referenzen
Schweizerischer Fuchskaninchen - Züchter - Club (www.fuchskaninchen.ch) Kleintiere Schweiz (www.kleintiere-schweiz.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 95
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Dunkle Biene
Dunkle Biene beim Sammeln von Nektar (Daniel Wöcke / mellifera.ch, Verein Schweizerischer Mellifera Bienenfreunde)
Herkunft und Entwicklung
Die Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera) ist eine sehr alte Bienenrasse. Während der letzten Eiszeit, die vor gut 12 000 Jahren zu Ende ging, zog sich die Dunkle Biene in den wärmeren Mittelmeerraum zurück. Danach eroberte sie Nord- und Mitteleuropa zurück und lebte hier über Jahrtausende als einzige Honigbiene. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie durch den Import von südlichen Rassen wie der Carnica-Biene oder von Zuchtformen wie der Buckfast-Biene in Bedrängnis gebracht und ist heute als reine Rasse nicht mehr so häufig anzutreffen. Da Bienen zur Paarung auf Hochzeitsflug gehen, ist die kontrollierte Zucht schwierig, wenn Drohnen (männliche Bienen) anderer Rassen im Gebiet sind. Der Kanton Glarus löste dieses Problem politisch, indem er nur die Haltung der Dunklen Biene erlaubt. Eine Alternative sind abgeschiedene Gebiete, in denen nur mit einer Rasse geimkert wird.
Beschreibung
Kennzeichnend ist ihr dunkler, runder Hinterleib mit langen Überhaaren und ohne gelbe Segmente. Ihre dunkle Farbe ist im kälteren Gebirge vorteilhaft, denn diese lässt die Bienen in der Sonne rascher aufwärmen. In der Tat ist die Dunkle Biene dafür bekannt, dass sie kältetolerant und ausgesprochen winterhart ist. Wie alle Bienen liefert die Dunkle Biene nebst Honig aber auch Bienenwachs, Propolis-Harz (Kittharz) und Pollen, der als Ernährungszusatz beliebt ist. 96
Tiergenetische Ressourcen der Schweizer Landwirtschaft
Junge Königin der Dunklen Biene mit ihrem Volk und der Brut (Linus Kempter / mellifera.ch, Verein Schweizerischer Mellifera Bienenfreunde)
Zuchtziele
h Gesundheit h Sanftmut h Ertrag
Referenzen
mellifera.ch, Verein Schweizerischer Mellifera Bienenfreunde (www.mellifera.ch) apisuisse (www.bienen.ch) ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) 97