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Rhein-Neckar-Zeitung, Germany, May 2023

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REISE

Nr. 110 / RNZ Magazin / Rhein-Neckar-Zeitung

Reisen&Erleben

Samstag/Sonntag, 13./14. Mai 2023

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• Abtauchen: Im Great Barrier Reef Seite 10 • Paddeln: Auf dem Lake Ontario in Toronto Seite 11 • Durchlaufen: In einer belgischen Tropfsteinhöhle Seite 12 • Besuchen: Stippvisite in Rio de Janeiro Seite 14

Freizeitforscher bei einer Forschungsexpedition im Shan-Gebirge. Foto: srt

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uf einem eisigen Grat auf 3950 Metern Höhe balancieren drei Männer über das Schiefergestein. Dicht vor ihnen fällt das TienShan-Gebirge steil zum Ashutor-Gletscher ab. Auf einem Felsen darüber machen sie Halt. Aus seinem Rucksack zerrt einer der drei eine zehn mal 20 Zentimeter große Plastikbox. Mit einem Gummizug befestigt er sie an dem Felsen. Es ist eine Kamerafalle, funktionstüchtig bis minus 50 Grad. Im Visier: eine der geheimnisvollsten Raubkatzen der Erde. Willkommen im Reich des Schneeleoparden! Das Tien-Shan-Gebirge oder die Himmelsberge, wie sie die Einheimischen nennen, sind das ideale Terrain für eine der scheuesten Raubkatzen überhaupt. Das seltene Tier, das kaum ein Mensch je zu Gesicht bekommt, durchstreift eisige Höhen zwischen 3.000 und 5.500 Metern, um Murmeltieren, Sibirischen Steinböcken und Riesenwildschafen nachzustellen. Nur wie lange noch? Das ist die Frage, denn die näher rückende Zivilisation, illegale Jagd nach Fellen und Knochen, verzweifelte Hirten und die Klimaerwärmung machen der seltenen Raubkatze zu schaffen. Seit einiger Zeit schon können Hobbywissenschaftler helfen, das Leben der Tiere zu erforschen und dadurch dazu beitragen, sie zu schützen. Die gemeinnützige Organisation Biosphere Expeditions bietet Freizeitforschern Programme an, bei denen die Teilnehmer den Wissenschaftlern bei der Datenbeschaffung helfen. Und das ist wichtig, denn nur, wenn sie genügend Daten über das Leben der Tiere haben, können sie die Raubkatzen schützen, erläutern die Wissenschaftler immer wieder.

Dem Schneeleoparden auf den Fersen In Kirgistan können Hobbywissenschaftler helfen, die Tiere zu erforschen / Von Fabian von Poser Schneeleopard im Freigehege. Foto: srt

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napp zwei Wochen lang begleiten wir – eine Gruppe von zwölf Freiwilligen aus Deutschland, England und den USA – die Forscher bei ihrer Arbeit. Unser Camp besteht aus einigen Jurten. Wir schlafen dick eingemummelt in unsere Schlafsäcke in Zelten. Früh am Morgen starten wir unsere Erkundungstouren durch die menschenleeren Täler des Tien-Shan-Gebirges. Wir machen mit den Ferngläsern am Fuß der Felsgrate Schafe und Steinböcke aus und hören die Warnrufe der scheuen Murmeltiere. Bei unserer Arbeit erfassen wir jede erdenkliche Spur, nehmen Kotproben und stellen gemeinsam mit den Rangern Kamerafallen auf. Bereits seit mehr als 20 Jahren können Laien in zahlreichen Ländern der Erde gemeinsam mit Profis forschen. Gegründet wurde Biosphere Expeditions 1999 von Dr. Matthias Hammer. Sein Biologiestudium absolvierte Hammer an der Universität Oxford. Dort entdeckte er auch seine Leidenschaft für die Feldforschung. Heute bietet sein Unternehmen Expeditionen in knapp ein Dutzend Länder an – Wölfe in Deutschland, Meeresschildkröten in Costa Rica, Leoparden in Südafrika und Schneeleoparden in Kirgistan. Besondere Kenntnisse brau-

ein Gutachten über den SchneeleoparAn einem dieser Tage treffen wir Taden und seine Beutetiere zu erstellen. Je lantbek Bayaliev. Erst vor Kurzem hat größer die Datenbasis, desto aussage- ein Schneeleopard eines seiner Pferde kräftiger sind die Forschungen.“ gerissen. Für Bayaliev ist der Tod seines Jeden Morgen laben sich unsere Au- Tieres nicht nur ein emotionaler, songen beim Blick aus dem Zelt an den dern vor allem ein wirtschaftlicher Verschroffen Gipfeln und den grünen Wie- lust. Ein Pferd kostet 20 000 kirgisische sen darunter. Die Wanderungen über die Som, fast 210 Euro. Viel Geld in einem blumenbedeckten Hochweiden führen Land, in dem das monatliche Durchdurch grandiose Landschaften. Nur mit schnittseinkommen wenig mehr als 300 einer Schneeleoparden-Sichtung will es Euro beträgt. Auch deswegen betreiben nicht klappen. Kein Wunder: In Kirgis- die Wissenschaftler ihre Forschung, denn tan, wo Mitte der 1980er-Jahre noch bis sie arbeiten an Lösungen für die lokalen zu 1400 Schneeleoparden lebten, schät- Hirten. „Durch die auf unseren Expezen die Wissenschaftler die Population ditionen gewonnenen Erkenntnisse könheute auf nicht nen wir hoffentmehr als 350 Tiere. lich schon bald In den 13 Ländern, INFORMATIONEN Maßnahmen trefin denen Schneefen, die für beide ■ Anbieter: Es gibt mehrere Organisationen, leoparden leben, Seiten gut sind - für die Mitforscherreisen anbieten. Bei Biosoll es insgesamt Mensch und Tier“, sphere Expeditions kostet die 14-tägige nur noch 6600 Tiesagt Bars-Ranger Schneeleoparden-Expedition 2840 Euro. Der re geben. Talgartbek. Flug kommt dazu. Im Angebot sind drei TerMan kann womine im Juli und August 2023. as Problem: chenlang durch die Ein einziges menschenleeren ■ Weitere Infos: www.biosphere-expeditiFell bringt auf dem Täler des Tienons.org, www.earthwatch.org Schwarzmarkt Shan-Gebirges 20 000 Euro. Die stapfen, ohne einen Knochen sollen laut Schneeleoparden der traditionellen zu sehen. Irgendchinesischen Mewann findet man KIRGISTAN dizin helfen, Entvielleicht eine Spur, KASACHSTAN Tien-Shan-Gebirge zündungen zu mit etwas Glück hemmen und sogar etwas Kot. BISCHKEK Schmerzen zu linUnser Ergebnis dern. Dazu kommt: nach knapp zwei A USB. Es ist mühsam und Wochen FeldforIN CH langwierig, einen schung: einige unSteinbock oder ein scharfe Bilder von Riesenwildschaf zu Steinböcken, erbeuten. Stunden, Schafen und MurTADSCHIKISTAN ja manchmal tagemeltieren aus den 100 km lang sitzt ein LeoKamerafallen, eine Grafik: RNZ pard in seinem AnTüte voller Leositz – und nichts parden-Kot und die rührt sich. Wird der Fotos und GPSHunger zu groß, rücken die Lämmer, Käl- Daten einer Spur. „Sie ist verhältnismäber und Fohlen der Hirten in den Fokus. ßig frisch, vielleicht sogar von diesem Immer wieder besuchen wir auf unseren Sommer“, sagt Talgartbek, als wir zuWanderungen Hirten, die ihre Tiere auf rück ins Camp kommen. Das sagt eigentdie Sommerweiden getrieben haben, um lich alles über die seltene Raubkatze. Den ihre Sorgen anzuhören und Zwischen- Fund feiern Forscher und Hobbyforscher fälle in die vorgefertigten Bögen der Wis- am Abend dennoch ganz ausgelassen mit senschaftler einzutragen. reichlich kirgisischem Wodka.

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Oben: Biologe der gemeinnützigen Organisation Biosphere Expeditions bei einer Forschungs-Expedition. Unten: Ranger auf einem Grat im Tien-Shan-Gebirge. Fotos: srt

chen die Expeditionsteilnehmer nicht. Alles, was nötig ist, bekommen sie bei der Einführung vermittelt. In Kirgistan arbeitet Biosphere Expeditions eng mit der Naturschutzorganisation Nabu zusammen, die seit Jahren versucht, die seltenen Raubkatzen zu schützen. „Wir sind mit unserer Kennt-

nis über den Schneeleoparden und sein Verbreitungsgebiet erst am Anfang“, sagt Amantur Talgartbek, der die Freiwilligen-Expeditionen begleitet. Talgartbek gehört der Anti-Wilderer-Einheit Bars an, die um die Jahrtausendwende mithilfe des Nabu ins Leben gerufen wurde. „Ziel ist es, mit den gesammelten Daten


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