Die Presse, Austria, 14 November 2015

Page 1

Reisen

Perfect Moments www.kuoni.at

R1

SAMSTAG/SONNTAG, 14./15. NOVEMBER 2015

Indonesien. Wer im Dschungel als „Fußsoldat der Wissenschaft“ Daten über den Sumatra-Tiger sammelt, muss geduldig und ziemlich zäh sein. Täglich geht es bei hoher Luftfeuchtigkeit, erbarmungsloser Sonne und endlosen Regengüssen durch Bäche, Flüsse und über Stock und Stein durch üppige Vegetation.

Begegnungen der unliebsamen Art im malaysischen Dschungel: tropischer Tausendfüßler. Die Hobby-Naturschützer schlafen im Zelt oder auf der Veranda und quälen sich täglich durch den Regenwald.

[ Franz Lerchenmüller]

Malaienbär in Planquadrat AA 130 VON FRANZ LERCHENMÜLLER

E

s ist eine erbärmliche Schinderei. Matthias, der Architekt aus Hessen, keucht und schüttet gierig einen halben Liter Wasser in sich hinein. Michael aus Sidney, lehmverschmierter Inhaber einer Softwareschmiede, lässt sich fallen, wo er steht, und schläft erschöpft ein. Steve, der in Hongkong eine Zeitschrift herausgibt, fummelt ein paar Dornen aus seinem Finger, die beim Griff in einen Schlangenhautfruchtbaum steckengeblieben sind. Auf seinem Hemdärmel breitet sich ein kleiner Blutfleck aus: Offenbar hat er einen der lästigen, aber harmlosen Blutegel nicht rechtzeitig entdeckt. Allein Febri, der indonesische Biologe, der vorneweg mit der Machete die sperrigsten Äste wegschlug, wirkt völlig entspannt und unangestrengt. Von fern nervt das Geräusch einer Kettensäge und mischt sich mit dem rhythmischen Sägen der Zikaden und dem Gebrüll von Siamang-Affen. Drei Stunden lang haben sich die vier durch ein Durcheinander aus Wedeln, Strünken und Ästen von Bäumchen zu Bäumchen den steilen Hang hinaufgehangelt. Immer wieder sind sie auf schmierigen Blättern abgerutscht oder gestolpert, weil sie sich in einer der schlingenförmigen Lianen verheddert haben. Trotz aller Anstrengung versuchten sie, stets den Boden ringsum im Blick zu behalten: Hat vielleicht irgendwo ein Tier eine Spur hinterlassen? Und sie wurden fündig: In einer Baumrinde entdeckten sie Einschnitte, so präzise, als hätte jemand mit dem Messer hineingestochen. Steve holte den Auswertungsbogen heraus und notierte: „Zelle AA 130. Malaienbär. Kratzspuren.“ Allen läuft der Schweiß in Bächen über das Gesicht. Verstohlen sehen sie sich an. So kräftezehrend hat keiner von ihnen sich das Unternehmen „Tigerforschung in Sumatra“ vorgestellt. Aber sie haben sich freiwillig darauf eingelassen. Insgesamt fünf Frauen und Männer von drei Kontinenten opfern als „Fußsoldaten der Wissenschaft“

ihren Urlaub und leben zwei Wochen lang in einem luftigen Camp des World Wildlife Fund (WWF) am Subayang-Fluss an der nördlichen Grenze des Rimbang-BalingSchutzgebiets. Sie schlafen im Zelt oder auf der Veranda und steigen jeden Morgen in Hemden und Hosen, die in der schwülfeuchten Luft einfach nicht mehr trocknen wollen. 50 identifizierte Tiger Während der ersten beiden Tage haben sie mehr über das Projekt erfahren: Der Sumatra-Tiger ist vom Aussterben bedroht. Etwa 300 Exemplare, schätzt die indonesische Regierung, leben noch. Der WWF untersucht seit 2004 den Bestand und hat mit seinen Kamerafallen bisher rund 50 Einzeltiere identifiziert. Die Forscher haben ganz Sumatra in zwei mal zwei Kilometer große Zellen aufgeteilt. Diese Planquadrate werden zu Fuß nach Spuren von Tigern und ihren Beutetieren abgesucht. An geeigneten Stellen werden Kamerafallen angebracht, in den Dörfern Menschen nach ihren Erfahrungen mit Tigern befragt. Die gesammelten Daten münden am Ende in Vor-

schläge an die Regierung, welche Landschaftsteile besonders streng zu schützen sind und wie. Mit einem der Langboote geht es jeden Morgen über den Subayang zum Ausgangspunkt in ein neues Planquadrat. Das Material wurde schon am Vorabend zurechtgelegt: Karten, Kompass, GPS-Geräte. Tessa trägt heute das Schlangen-Notfallset, blauer Rucksack, Außentasche, hat das jeder verstanden? Wer ist diesmal für Notizen zuständig, wer packt die zwei Kamerafallen ein? Sticht an einem Tag die Sonne gnadenlos, prasselt am anderen ein tropisches Trommelfeuer vom Himmel. Die Hobbyforscher klettern über das Wurzelgewirr gestürzter Bäume und durch Felstunnel, in denen Hunderte von Fledermäusen aufflattern. In manchen Flüssen reicht das Wasser bis zum Knie, bis zur Hüfte, bis zur Brust. Und immer lautet die Tageslosung: Augen auf! Makaken toben durch die Bäume, Spuren von Tapiren, von Muntjakhirschen und Ottern werden gesichtet. Von dem aber, um den sich alles dreht, findet sich nicht das geringste Anzeichen. Mit 99-prozentiger Sicherheit, hatte Ex-

peditionsleiter Ronald schon am ersten Tag gewarnt, werde man keinen Tiger zu Gesicht bekommen. Und er behält Recht. Manchmal kommen den Teams in den Flüssen junge Männer entgegen, die an Seilen Dutzende von sorgfältig zurechtgesägten, rötlichen Holzplanken flussabwärts treideln. Auch auf dem Subayang sind immer wieder Boote unterwegs, Flöße aus 40, 50 Stämmen im Schlepptau. Die Begegnung mit dem illegalen Handel führt zu lebhaften Diskussionen. Wenn jede Woche allein hier einige Fußballfelder an Regenwald vernichtet werden, welchen Sinn hat dann die eigene Arbeit noch? Kühles „Tiger“-Bier Es ist ausgerechnet Febri, der oberste Naturschützer, der für Verständnis plädiert: Diese Leute seien keine Kriminellen. Sie schlügen Holz, um ihre Familien durchzubringen, denn nicht jeder hier besitze eine Kautschukplantage oder finde Arbeit. Ändern könne sich nur langfristig etwas, über Erziehung und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Die Besucher aus dem

Westen stellen ihr eigenes Tun trotz der deprimierenden Bilder nicht in Frage. Naturschützer seien die Ambulanz, die den Patienten am Leben erhalte, meint Biosphere-Gründer Matthias Hammer. Solange, bis die Ärzte, die Politiker den eigentlichen Heilungsprozess einläuteten. Über ihre Motivation reden die fünf wenig. Sie gehören zu denen, die noch am Tag vor dem Weltuntergang das berühmte Apfelbäumchen pflanzen würden. Und so fahren sie jeden Tag hinaus und kehren spätnachmittags zurück. Sie heften die vollgeschriebenen Formulare ab, Febri überträgt die Daten in den Computer. Dann pflastern die einen ihre Blasen zu oder waschen Hemden und Socken aus. Andere genießen ein kühles „Tiger“-Bier und schreiben Tagebuch. Um 19 Uhr kommt per Boot das fertige Abendessen aus dem Dorf. Anschließend berichten die Teams vom Verlauf ihrer Exkursion, der kommende Tag wird geplant. Um halb zehn geht der Generator aus, die Lichter erlöschen. Schließlich heißt es, um sechs wieder aufzustehen. Die Ambulanz muss früh auf dem Posten sein.

AUF DEN SPUREN DER SUMATRA-TIGER Anreise: Die Anreise nach Pekanbaru auf Sumatra organisiert und bezahlt jeder Teilnehmer selbst. Internationale Flüge gehen über Kuala Lumpur, Singapur oder Jakarta. Ab ca. 800 Euro. Das Visum für Indonesien kann am Flughafen von Pekanbaru erworben werden und kostet derzeit 35 US-Dollar. Reisezeit: Die Wissenschaftstouren dauern 13 Tage und kosten 1940 Englische Pfund, etwa 2670 Euro. Klima: Während des Expeditionszeitraums herrscht Trockenzeit auf Sumatra – was nicht bedeutet, dass es nicht regnet. Manche Teilnehmer haben zunächst Schwierigkeiten, mit der Schwüle und der hohen Luftfeuchtigkeit zurechtzukommen. Essen und Trinken: Die Verpflegung ist indonesisch und vegetarisch. Das Mittagessen für den Tag im Gelände füllt sich jeder Teilnehmer morgens in eine Lunchbox ab. Gekühlte Softdrinks und Bier in Dosen sind im Camp zu kaufen. Voraussetzungen: Voraussetzungen

sind körperliche Fitness und die Bereitschaft, sich auf einfache Lebensverhältnisse einzulassen. Die Gruppen sind international, die Sprache im Camp ist Englisch. Ausrüstung: Vor Beginn der Reise gibt es ein ausführliches Dossier über den wissenschaftlichen Hintergrund und die Methodik sowie eine Liste mit Ausrüstungsgegenständen. Lektüre: Lukas Straumann „Raubzug auf den Regenwald“, Salis Verlag 2014, 24.95. Veranstalter: Biosphere Expeditions ist eine eingetragene gemeinnützige Naturschutzorganisation und besteht seit 1999. Sie veranstaltet Touren zu elf verschiedenen Naturschutzprojekten in aller Welt. Am Ende jedes Jahres erscheint ein Report über die Ergebnisse jedes Projekts und die Verwendung der dafür eingenommenen Gelder. Kirchgasse 6, 97204 Höchberg, Tel.: 0931 4048 0500, www.biosphere-expeditions.org

Indonesien Bali Grand Balisani Suites ◆◆ ◆ ◆ 7 Nächte im DZ-Deluxe Garden/ÜF, Anreise z.B. 8./15. u. 22.2.16 Preis p. P., inkl. Flug ab Wien € 1.298 Verlängerungswoche p. P.: EUR 210 Veranstalter: DER Touristik. Es gelten die Reisebestimmungen von DER Touristik Frankfurt GmbH & Co.KG lt.: www.ruefa.at/veranstalter


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Issuu converts static files into: digital portfolios, online yearbooks, online catalogs, digital photo albums and more. Sign up and create your flipbook.
Die Presse, Austria, 14 November 2015 by Biosphere Expeditions - Issuu