frequenz 02/2025: Personzentrierte Versorgung: Notwendigkeit oder Ideal?

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frequenz

DasMagazindesDepartementsGesundheit 2|2025

Personzentrierte

Versorgung: Notwendigkeit oderIdeal?

Mitredenreichtnicht DiewichtigeRolleder Patientenorganisationen. Seite8

RespektvolleBetreuung

MitVRgegenStigmatisierung inderSchwangerschaft. Seite10

AlltagunterFatigue Wiepersonzentrierte Ansätzehelfenkönnen. Seite16

PersonzentrierteGesundheitsversorgung

4 «WirmüssensichereRäumefürmutigeGesprächeschaffen»

6 Person-centredCareinderSchweiz–wostehenwir?

8 Mitredenreichtnicht

10 ÜbenmitVR:SchwangeremitAdipositasrespektvollbetreuen

12 PersonzentrierteLehre:AufdemWegzurBefähigung

14 Wechseljahre:WeichenstellenfürdiezweiteLebenshälfte

16 FatiguebeiHerzinsuffizienz:DieunsichtbareErschöpfung

18 DasPotenzialdigitalerHilfenfürmehrAutonomieimAlter

20 ViszeraleAdipositasmessenundganzheitlichbehandeln

22 Interprofessionellzuweisen:EinPilotprojektinHausarztpraxen 24 PersonzentrierteVersorgung–vomPilotprojektindiePraxis?

26 «Patientenzentriert?»Betroffeneselbstsehendasoftanders

28 Chronifizierungverhindern:ErsteErgebnissedesProjektsPrePaC

30 FrauenimFokusderSportphysiotherapie 32 News

Impressum

Herausgeberin: BernerFachhochschuleBFH, DepartementGesundheit,ISSN2297-1084

Erscheinungsweise:zweimaljährlich

Auflage: 6200Ex

Redaktion:SandroNydegger,NicoleSchaffner,KatjaWey

Lektorat:KatjaWey

Bilder: BFH,sofernnichtandersvermerkt

Illustrationen: AdobeStocku.a.

Titelbild: KI-generiert(AdobeFirefly)

Layout:EtageEstGmbH Bern

Druck: merkurmedienag,Langenthal

Abonnement: bfh.ch/gesundheit/frequenz

Liebe Leser*innen

In der Diskussion um steigende Krankenkassenprämien stehen die AbläufeundKostenoptimierungenunseresGesundheitssystemsimmerwiederimMittelpunkt

DabeikönnendieindividuellenBedürfnissederMenschenleichtin den Hintergrund geraten. Eine personzentrierte Versorgung hingegen stellt die Person in den Mittelpunkt und bezieht Betroffene aktiv in Entscheidungen ein. Fachpersonen erarbeiten gemeinsam an Lösungen,diesowohlmedizinischeQualitätalsauchdieBedürfnissederMenschenberücksichtigen.

IndieserAusgabedes«frequenz»wirdgezeigt,wiederpersonzentrierte Ansatz in Forschung, Lehre und Praxis umgesetzt wird Ein Beitragbeschreibtbeispielhaft,wiePatientenorganisationensystematisch in die Versorgung eingebunden werden können, um Angebote noch besser an den Bedürfnissen der Betroffenen auszurichten.Sieerfahrenausserdem,wieStudierendevonBeginnanlernen, aufAugenhöhezukommunizierenundwelcheRolleeinepersonzentrierteLehredabeispielt

Forschungsprojekte unserer Fachhochschule verdeutlichen die vielfältigen Möglichkeiten der Umsetzung von Personzentrierung. Beispiele sind die Erfassung von Fatigue bei Herzinsuffizienz, die Prävention chronischer Schmerzen durch interprofessionelle Behandlungspfade,VR-TrainingszurrespektvollenBetreuungschwangererFrauen,digitaleHilfenfüreinselbstbestimmtesLebenälterer Menschen, neue Zuweisungsprozesse in hausärztlichen Praxen sowie personzentrierte Ernährungsberatung in den Wechseljahren. All dies zeigt, wie sich Versorgung und Betreuung individuell gestaltenlassen.

WirwünschenIhneneineanregendeLektüre.

DieTextediesesWerkessindlizenziertuntereiner Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell4.0InternationalLizenz BilderundGrafiken stehen gemäss Schweizer Urheberrechtsgesetz für nichtkommerzielleZweckefreizurVerfügung.

Prof Dr Klazine van der Horst

BrendanMcCormack: «WirmüssensichereRäume fürmutigeGesprächeschaffen»

BrendanMcCormack,führenderExpertefürpersonzentrierteVersorgung, erklärt im Interview, warum Personzentrierung mehr ist als ein Schlagwort,wie«HealthfulCultures»entstehenundweshalbnichtder Fachkräftemangel,sonderndiefehlendengutenArbeitsplätzedasKernproblemimGesundheitswesensind.

Herr McCormack, was ist personzentrierte Versorgung und warum brauchen wir sie?

UnsereGesundheitssystemesindimAllgemeinennach einem industriellen Modell aufgebaut Das heisst, sie sollenfinanziellmöglichsteffizientfunktionieren.Doch indiesemindustriellenGesundheitssystemkönnenPatient*innen als Personen aus dem Blick geraten Ein personzentrierterAnsatzstelltdaherdiePersoninden MittelpunktderEntscheidungsfindung,ohnedieKosteneffizienzausdenAugenzulassen.

Was ist das «Person-centred Practice Framework»?

Das«Person-centredPracticeFramework»wurdevonmir und meiner Kollegin Tanya McCance entwickelt (siehe Seite7).EshatsichvoneinempflegespezifischenKonzept zueinemmultidisziplinärenAnsatzfüralleGesundheitsberufe weiterentwickelt Beim Thema Personzentriertheit liegt der Fokus häufig auf Patient*innen und ihren Bedürfnissen. Wir betonen, dass Pflegende und andere GesundheitsfachpersonendieseWerteauchselbsterfahren müssen, um sie weiterzugeben. Darauf aufbauend haben wir ein Rahmenkonzept entworfen, welches das gesamteSystemderGesundheitsversorgungberücksichtigt.Esgehtdarum,«HealthfulCultures»zuentwickeln–inBezugaufdiePatient*innenebensowieinderZusammenarbeitvonFachleutenundTeams.

Was sind «Healthful Cultures»? «HealthfulCultures»sindKulturen,dieMenschenstärken. Sie respektieren alle als Personen, achten ihre Autonomie und sorgen dafür, dass Zusammenarbeit in einem evidenzbasierten, wirksamen und transformierenden Umfeld stattfindet So entsteht ein Raum, in dem Menschen wachsen, sich entwickeln und aufblühenkönnen.

Das klingt schön und gut. Aber können wir uns eine solche Kultur in einem chronisch unterfinanzierten Gesundheitssystem überhaupt leisten?

Die grössten Kosten im Gesundheitswesen sind Personalkosten. Wenn wir «Healthful Cultures» schaffen, in denen Mitarbeitende bleiben wollen, ihr Bestes geben unddurchihreArbeitmotiviertsind,sparenwirerheblicheKosten.WirmüssenwenigerauftemporäresPersonalzurückgreifenundwenigeroftaufwändigeRekrutierungs- und Einarbeitungsprozesse durchlaufen. Ich argumentiereseitvielenJahren,dasswirnichtnurüber einenglobalenFachkräftemangelsprechensollten,sondernübereinenMangelanattraktivenArbeitsplätzenim Gesundheitswesen DiesekulturellenFragenmüssenwir angehen,wennwirMitarbeitendehaltenunddiebesten Fachpersonengewinnenwollen.

Was sind die grössten Herausforderungen der personzentrierten Versorgung?

EinedergrösstenHerausforderungenist,dasswirunsals MitarbeitendeimGesundheitswesenoftangegriffenfühlen,wennesumunsereeigenePersonzentriertheitgeht NatürlichistesunsereAbsicht,personzentriertzuarbeiten,aberkomplexeSystemeermöglichendasnichtimmer. Wir brauchen Organisationen, Teams und Führungskräfte,dieverstehen,dassPersonzentrierungeinständiger Entwicklungsprozess ist Dafür müssen wir sichere Räume für mutige Gespräche schaffen, in denen Menschen ehrlich über ihre Alltagserfahrungen sprechen können.UnserModellkanndabeihelfen.

Interview: Sandro Nydegger, Kommunikation Departement Gesundheit

ZurPerson

Prof Dr BrendanMcCormackisteininternational führenderExpertefürpersonzentriertePflege und Versorgung Er hat massgeblich zur Entwicklung des Person-centred Practice Framework beigetragenundsichüberJahrzehntehinwegmit FragenderPflegepraxis,derKulturentwicklung imGesundheitswesenundderFörderungvonPersonzentrierungininterprofessionellenTeams beschäftigt.DergebürtigeIreleitetdieSusan Wakil School of Nursing and Midwifery und ist DekanderFacultyofMedicineandHealthan derUniversityofSydney.Zudemisterregelmässig GastamDepartementGesundheitderBFH.

SehenSiedasganzeInterview alsVideoaufunsererWebseite.

«WirbrauchenOrganisationen, in denen Menschen wachsen, sich entwickelnundaufblühenkönnen.»
BrendanMcCormack

Person-centredCareinderSchweiz–wostehenwir?

EingrosserTeilderBevölkerungfühltsichimSchweizer Gesundheitssystemrespektvollbehandelt.

86,3%

schätzendiepersönliche ZuwendungvonÄrzt*innen.

SpürbareUngleichheiten imGesundheitssystem

nichtangepasste Infrastruktur

ErMissachtungvon fahrungsexpertise abwertendeKommentare fehlendeEmpathie

BesondersMenschenmitspeziellengesundheitlichenHerausforderungen–zumBeispielmitAdipositasodermiteiner seltenenKrankheit–berichtenvonwenigergutenErfahrungen.

88,8%

fühlensichimSpital respektvoll behandelt

FormaleBeteiligungander Gesundheitspolitik

VerbesserungspotenzialhatdieSchweizbeiderpolitischen Mitsprache.

ZufriedenheitderBevölkerung mitderDigitalisierung

BesondersschlechtschneidetdieSchweizbeiderDigitalisierungab

Quelle: OSCE (2021)
Quelle: OSCE (2021)
Quelle: OSCE (2021)

DasPerson-centredPracticeFramework

DasPerson-centredPracticeFrameworkvisualisiertdasVerständnisvonMcCanceundMcCormack anhandmehrererEbenen,diezumZentrumhinaufeinanderaufbauen.Sowirdsichtbar,welche RahmenbedingungenvorausgesetztwerdenundwiesiesichaufdiedirekteInteraktionzwischen FachpersonenundPatient*innenauswirken

KONTEX

Stra teg isc hesLeadership Fachlichkompetent Entwickeltezwisc henmensc h l i c h e F ä h igk ei t en

Sichselbstkennen

Klar he it ü b e r W e r t e und Ü berzeugungen

AngemessenerKompetenzmix · PhysischeUmgebung

MitWertenund Überzeugungender Personarbeiten

·Gemeinsame En tsc he i dung s p r o z e s s e · Eff ek ti ve A rb eitsb eziehungen·UnterstützendeOrganisationsstrukturen·AusgeglicheneMachtver hältnisse · Innova t ionsp o te n t i a l u n d R i si k ob erei t sch aft

Ganzheitliches Arbeiten

PERSONZENTRIERTE ERGEBNISSE

Gesundheitsförderliche Kultur

Professionell sorgend präsentsein

Sich authentisch einbringen

PolitischeRahmenb ed i n gun g e n

Gemeinsam Entscheidungen treffen

StrategischeRahmenbedingung en B eruf sentwicklung

Quelle: McCormack & McCance (2010) Übersetzung aus: von Dach & Mayer (2024)

SichderAufgabeverpflichtetfühlen

Mitredenreichtnicht

PatientenorganisationenleisteneinenwichtigenBeitragimSchweizer Gesundheitssystem. Sie vertreten die Stimmen der Betroffenen, begleitenimAlltagundbringenihreExpertiseein.EineneueUntersuchung zeigt:DamiteinepersonzentrierteVersorgunggelingt,müssensiegezielt einbezogenundgestärktwerden.

Vanessa Grand lebt mit Osteogenesis imperfecta, der sogenannten Glasknochenkrankheit In der Schweiz betrifft diese Erkrankung rund vier bis sechs Neugeborene pro Jahr Bei einer so seltenen Diagnose ist Vernetzung entscheidend «Über unseren Hausarzt haben meine Eltern früh eine Familie kennengelernt, deren Kind mit derselben Krankheit lebt wie ich», erzählt Vanessa Grand. Über diesen Kontakt erfuhren sie von einer spezialisierten Klinik in Zürich, die schliesslich entscheidende medizinische Versorgung leisten konnte. Was damals der Initiative des Hausarztes zu verdanken war, findet heute innerhalb von Patientenorganisationen statt. Sie vertreten und vernetzen zehntausende Menschen mit spezifischen Krankheiten oder Behinderungen in der Schweiz Die Lungenliga, die Rheumaliga oder die Stiftung Pro Mente Sana sind einige bekannte Beispiele. Heute dürfte die Zahl der Patientenorganisationen in der Schweiz im dreistelligen Bereich liegen –eine Gesamtstatistik gibt es nicht

Akteur*innen Tätigkeitenvon Patientenorganisationen

–Bund –Kantone –Behörden

–Spitäler –Arztpraxen –Spitex-Dienste –Pflegeheime –Versicherungen

–Gesundheitsfachpersonen

–Patient*innen

–Teilnahme an Vernehmlassungen und Gesetzesrevisionen –Nationale Kampagnen

–Komitees und Gesprächsgruppen –Patient*innen- und Betroffenenräte –Ausbildung von Peers

–Telefonische Beratung

–Kontaktstellen

–Selbsthilfe- und Trialoggruppen –Peer-Angebote –Kurse und Workshops

Tätigkeiten von Patientenorganisationen im Schweizer Gesundheitswesen.

VonderSelbsthilfegruppebiszurpolitischen Mitbestimmung

Die Schweiz hat in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte bei der Involvierung von Patient*innen im Gesundheitssystem erzielt. Im internationalen Vergleich ist die Entwicklung jedoch weniger systematisch verankert Darum beauftragte die Eidgenössische Qualitätskommission (EQK) ein Forschungsteam unter der Leitung der BFH mit der Frage, wie Patient*innen, Angehörige und die Bevölkerung systematisch in die Versorgung eingebunden werden können. Für das Projekt wurden Patientenorganisationen eingeladen, die im Rahmen des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) tätig sind. Anlässlich von Dialogtagen diskutierten sie Herausforderungen und Lösungsvorschläge und beantworteten eine Online-Umfrage.

Im ersten Schritt analysierte das Forschungsteam die Tätigkeiten von Patientenorganisationen entlang dreier Ebenen des Gesundheitssystems Auf der Mikroebene gehtesumdendirektenKontaktzwischenPatient*inund Fachperson Patientenorganisationen bieten z.B. Beratung, Peer-Angebote, Selbsthilfegruppen oder SchulungenzumSelbstmanagementan.Zielistes,Patient*innen zu befähigen, informierte Entscheidungen zu treffen. Vanessa Grand beispielsweise ist Mitglied der SchweizerischenVereinigungOsteogenesisimperfecta(SVOI),die unter anderem Stammtische für Betroffene organisiert und eine Liste von spezialisierten Ärzt*innen und Zentren unterhält.

AufderMesoebenewirkenPatientenvertretungenz.B. inPatientenräten,QualitätsgremienoderSchulungenfür Fachpersonenmit.SobringensieihrePerspektiveinSpitäler, Heime oder Versicherungen ein und stärken die Patientenzentrierung strukturell. Ein Beispiel ist die Schweizerische Patientenorganisation, in der Vanessa Grand im Patientenbeirat ist.

AufdergesundheitspolitischenMakroebeneengagierensichPatientenorganisationeninVernehmlassungen, bei Gesetzesrevisionen oder Kampagnen. Sie fordern gesetzlicheGrundlagenfürBeteiligungundMitbestimmung

und kämpfen für eine gerechte Ressourcenverteilung im Gesundheitswesen Auf dieser Ebene war Vanessa Grand beispielsweise während der Behindertensession 2023 tätig

NochnichtaufAugenhöhe

DieAnalysedesForschungsteamszeigt:Patientenorganisationen leisten zwar einen aktiven Beitrag zur Versorgungsqualität, dies jedoch oft ohne strukturelle Verankerung oder finanzielle Entschädigung. Der Einbezug von Patient*innen erfolgt häufig nur auf der Stufe Information oder Konsultation. Die Organisationen fordern, dass Patient*innen als gleichwertige Partner*innen anerkannt und auf allen Ebenen systematisch beteiligt werden. «Gerade in der Politik fehlt meist der Blick der Betroffenen», sagt Vanessa Grand. «Das politische System entscheidet über uns, aber ohne uns.»

Ein zentrales Anliegen ist es, die Anerkennung der ErfahrungsexpertisevonPatient*innenimGesundheitswesen zu verankern. Diese soll nicht nur punktuell, sonderndauerhaftinEntscheidungsprozesseeinfliessen,sei es bei der Therapieplanung oder bei gesundheitspolitischen Weichenstellungen. Dazu braucht es neue Rollenprofile, etwa professionell ausgebildete Patientenvertreter*innen, sowie klare Beteiligungsstrukturen in Gremien. «Unsere Rolle ist für viele neu», beobachtet VanessaGrand.«MancheFachpersonenreagierendarum mit Zurückhaltung – dabei profitieren am Ende alle von echter Zusammenarbeit.»

Die aktuelle Praxis wird oft als symbolisch oder dekorativ kritisiert Auch die Beziehungsgestaltung zwischenPatient*innenundFachpersonenstehtimFokus:

Eine ausschliesslich ökonomische Orientierung behindere eine echte partnerschaftliche Zusammenarbeit

PatientenorganisationenfordernfaireRahmenbedingungen, gesetzliche Grundlagen und eine gerechte Ressourcenverteilung, jenseits von marktwirtschaftlichen Kriterien. Ein weiterer Punkt: Die Zusammenarbeit zwischen den vielen Organisationen müsse gestärkt werden. Synergien blieben bislang weitgehend ungenutzt.

IneinerweiterenZusammenarbeitentwickeltdieBFH mitPartnerorganisationenEmpfehlungen,wiePatient*innenunddieÖffentlichkeitsystematischinEntscheidungsprozesse im Gesundheitswesen eingebunden werden können. Dazu werden internationale Modelle geprüft, Workshops durchgeführt und Umsetzungsstrategien für dieSchweizerarbeitet Zielisteineverbindlicheundfaire VerankerungvonBeteiligungalsGrundlagefüreineechte personzentrierteVersorgung Bislangfokussiertediesevor allem auf die Fachpersonen und Organisationen Patient*innen müssen aber genauso gefördert werden, um eineaktiveRolleinderBehandlungübernehmenzukönnen. Für Vanessa Grand ist klar: «Wir bringen Erfahrung mit–nichtnurüberunsereErkrankung,sondernauchim UmgangmitdemSystem.DiesesPotenzialsolltenwirgemeinsam nutzen – auf allen Ebenen.»

ZumSchlussberichtfürdieEidgenössische QualitätskommissionEQK

Autor*innen:

Dr Caroline Gurtner-Zürcher, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Qualität im Gesundheitswesen Sandro Nydegger, Kommunikation Departement Gesundheit

Partizipation auf politischer Ebene: Vanessa Grand während der Behindertensession 2023 (Foto: Pro Infirmis)

ÜbenmitVirtualReality:

SchwangeremitAdipositasrespektvollbetreuen

VieleschwangereFrauenmitAdipositaserlebenimGesundheitssystem Stigmatisierung. Die BFH entwickeltein VR-Trainingsprogramm, dasFachpersonen dabei unterstützt, eine personzentrierte Betreuung zu gestalten,dienichtdasGewicht,sonderndieindividuellen Bedürfnisse,ErfahrungenundWertederFrauindenMittelpunktstellt.

InderSchweizistetwajedezehnteFrauimgebärfähigen Alter von Adipositas betroffen – mit steigender Tendenz (MonAM, BAG, 2024). Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Schwangere mit höherem Körpergewicht fachlich fundiert und zugleich stigmabewusst betreut werden können.

Erhöhte Risiken für Komplikationen wie Schwangerschaftsdiabetes oder Bluthochdruck sind nur ein Teil der Herausforderungen während der Perinatalzeit (Aubry et al.,2019).Vielgravierenderwirkenoftdiepsychosozialen Belastungen durch gewichtsbezogene Stigmatisierung –insbesondere, wenn sie von Fachpersonen ausgeht

StigmatisierungalsBarrierefürguteVersorgung Dabei sind mangelnd angepasste Infrastruktur, abwertende Kommentare im klinischen Alltag oder internalisierte Schuldgefühle für viele Frauen mit Adipositas leider Alltag Sie erleben häufig, dass ihre Beschwerden auf ihr Gewicht reduziert oder gar bagatellisiert werden. Sie berichten von fehlender Empathie, übertriebener Risikokommunikation und dem Gefühl, auf ihren Körper reduziertzuwerden(Aubryetal.,2024).DieseErfahrungen untergraben nicht nur das Vertrauen in das Gesundheitssystem,sondernkönnenauchzuVersorgungslücken führen–etwa,wennGesundheitsangeboteausAngstvor Abwertung gemieden werden. Das Erleben von Stigmatisierung geht ebenfalls einher mit einer erhöhten WahrscheinlichkeitfürmedizinischeInterventionenwährend derGeburtundschlechterengeburtshilflichenOutcomes (Schwenk et al., 2024).

Personzentriertstattgewichtsfixiert

WasbedeutetindiesemKontextpersonzentrierteVersorgung? Nicht das Körpergewicht der Frau oder pauschale Risikokategorien sollten in der Betreuung im Vordergrund stehen, sondern ihre individuellen Bedürfnisse, WerteundErfahrungen.BesondersbeiSchwangerenmit Adipositas ist ein solcher Ansatz zentral, um Zuschreibungen zu vermeiden und eine gleichwertige Betreuung zu ermöglichen. Eine solche Betreuung erkennt die vielfach dokumentierten Stigmatisierungserfahrungen dieser Frauen an und begegnet ihnen mit Respekt, EmpathieundOffenheit.SiefördertdieaktiveEinbeziehung der Frau in Entscheidungen, achtet ihre Autonomie und stärktihreHandlungskompetenz FrauenmitAdipositas fühlen sich dann am besten betreut, wenn sie wie jede andereSchwangerebehandeltwerden–mitzusätzlicher SensibilitätgegenüberihrenbisherigenErfahrungenmit Ausgrenzung und Diskriminierung (Aubry et al., 2024).

ErfahrungenausderPraxis

Eine Umfrage der BFH unter über 1300 Frauen, die in den letzten Jahren in der Schweiz geboren haben, zeigt: Stigmatisierende Erfahrungen in Schweizer GeburtsklinikenwarengeradebeiSchwangerenmitAdipositasweit verbreitet In manchen Fällen fehlte es an geeignetem Equipment wie ausreichend grossen Untersuchungsliegen oder geeigneten Waagen, in anderen an sensibilisiertem Personal Frauen beschrieben, dass sie sich nicht willkommen gefühlt hätten oder von Beginn an in eine Risikokategorie eingeordnet worden seien. Das Erleben von Stigmatisierung während der Geburt konnte mit einer erhöhten Kaiserschnittrate assoziiert werden (Schwenk et al., 2024).

StigmabewusstePraxis:Empfehlungenaus ForschungundVersorgung

Eine stigmabewusste, personzentrierte Betreuung beginnt mit der professionellen Selbstreflexion: Welche Vorstellungen habe ich selbst zu Gewicht und Gesundheit?WiebeeinflussendiesemeineKommunikationund meinVerhaltengegenüberSchwangerenmitAdipositas?

Hier setzt das BFH-Forschungsprojekt RESET an. Mithilfe einer virtuellen Realität (VR)-basierten Schulung werden realitätsnahe Beratungssituationen mit KI-gesteuerten Avataren simuliert. Fachpersonen üben darin einestigmabewussteGesprächsführungundreflektieren ihreHaltungenimgeschütztenRaum.Zielistes,personzentrierteKommunikationzustärkenundimklinischen Alltag zu verankern.

Fachpersonen sollten Empfehlungen zu Lebensstil undGesundheitkonsequentandenLebensrealitätender Frauenausrichten.Alltagsnahe,flexibleRatschlägestärken ihre Autonomie und fördern das Vertrauen in die Betreuung Statt einer defizitorientierten Risikorhetorik braucht es einen offenen Dialog, der gemeinsame Entscheidungsprozesse ermöglicht Das BFH-ForschungsprojektOPTIMAMunterstütztdiesenAnsatz,indemesein Rahmenkonzept für transparente, partizipative geburtshilfliche Entscheidungsfindung entwickelt – und so die Grundlage für eine qualitativ hochwertige, personzentrierteVersorgungvonFrauenmitAdipositasrundumdie Geburt schafft (Wyss et al., 2025).

Eine nachhaltige Veränderung gelingt nur, wenn personzentrierte, stigmafreie Betreuung auch strukturell verankert wird: in Aus- und Weiterbildungen, Leitlinien und Standards. Das interdisziplinäre Netzwerk Adipositas der BFH arbeitet daran, diese Haltung in Forschung, Lehre und Praxis zu fördern. Die gemeinsame Vision: EineVersorgung,diedieWürdejederPersonachtet,ihre individuellen Stärken erkennt und nicht auf das Körpergewicht reduziert

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Autorin: Dr Evelyne Aubry, Dozentin Geburtshilfe

PersonzentrierteLehre: AufdemWegzurBefähigung

PersonzentrierteLehrerücktStudierendeundLehrendealsganze Menschen in den Mittelpunkt. Aufbauend auf der Theorie der personzentriertenPraxiswirdLernenundLehrenzueinemgemeinsamen Prozess, der fordert, unterstützt und weiterentwickelt–vonderAusbildungbisindiePflegepraxis.

DieTheoriezurpersonzentriertenPraxisbeschreibt,wie Menschen im Gesundheitswesen so miteinander umgehen können, dass alle Beteiligten als Personen gesehen und ernst genommen werden – egal, ob Patient*innen, Angehörige oder Fachleute Sie wurde besonders von den Pflegewissenschaftler*innen Tanya McCance und Brendan McCormack über mehrere Jahre evidenzbasiert entwickelt(Interviewdazu aufS.4).DerFokus lagdabei auf der klinischen Pflegepraxis in unterschiedlichsten Settings. Dies wurde bereits mehrfach in der Praxis erprobt und integriert. In der Schweiz hat dies vornehmlich in Akutspitälern stattgefunden und fängt jetzt an, auch im Langzeitbereich Fuss zu fassen.

ZumAutor

Prof Dr.ChristophvonDachistDozentimMasterStudiengang Pflege und Forscher im Innovationsfeld Gesundheitsversorgung + Personalentwicklung an der BFH Er ist Projektleiter und Berater bei der Solothurner Spitäler AG mit den Schwerpunkten Advanced Nursing Practice, personzentrierte Praxisentwicklung + Qualitätsentwicklung in der Pflege.

Weil eine professionelle Haltung und das Pflegeverständnis schon während der Ausbildung entstehen, ist es naheliegend, die Prinzipien der Personzentriertheit auch in der Lehre zu verankern. Darum haben McCance und McCormack zusammen mit Kolleg*innen die Basis für ein personzentriertes Curriculum bei der Aus- und Weiterbildung von Gesundheitsfachpersonen geschaffen (Cook et al., 2022). Eine personzentrierte Ausbildung vermittelt nicht nur Inhalte zur entsprechenden Praxis, sondern soll diese Haltung auch im Umgang mit den Studierenden leben. Die personzentrierte Haltung der Lehrperson soll Studierende befähigen, in ihrem individuellen Lernprozess möglichst barrierefrei voranzukommen. Besonders in einer Lehre, die auf dem konstruktivistischen Ansatz basiert – also Lernen als aktivenProzessdurchdieStudierendenversteht–,passt dieTheoriederpersonzentriertenPraxis Sieunterstützt Lehrende und Studierende dabei, gemeinsam reflexiv und inklusiv zu arbeiten.

WiezeigtsichpersonzentrierteLehre?

Personzentrierte Lehre schliesst die Lehrperson mit ein. Damit begibt sie sich auf einen spannenden Weg der kontinuierlichen Weiterentwicklung – sowohl in ihren fachlichen Fähigkeiten als Lehrende als auch in ihren zwischenmenschlichen Kompetenzen. Das bedeutet, die Lehrperson muss ihr Verhalten und ihre Tätigkeit laufendreflektieren,undzwarfürsichundauchimAustausch mit ihren Studierenden. Sie muss lernen, auf Augenhöhe zu kommunizieren, befähigend zu vermitteln, authentisch und kompetent zu sein und dabei sich und die Studierenden als ganze Menschen wahrzunehmen. Damit wird sie nahbar, kann als Person wahrgenommen werden und wird zugleich zu einem Vorbild.

Im Unterricht zeigt sich personzentrierte Lehre in der Art und Weise, wie Inhalte vermittelt werden. Dafür gibt es Methoden und Instrumente (siehe Grafik), die sich

ReflektiveAnregungen füreinepersonzentrierteLehre

BezogenaufmichalsLehrperson

1. Kenne ich meine Werte und die Werte der Studierenden?

2. Wo und inwieweit lasse ich selbstbestimmtes Lernen zu?

3. Wie kann ich Studierende in Entscheidungen einbeziehen?

4. Reflektiere ich meine Lehre laufend und wo vermute ich meine blinden Flecken?

5. Wo kann ich authentisch sein und mich als ganzen Menschen einbringen?

6. Wie gelingt es mir inklusiv und empathisch zu sein?

besonders eignen. Ziel ist es, Studierende in ihrem individuellen Lernen optimal zu fördern – sowohl im Präsenz-alsauchimasynchronenOnline-Unterricht Gerade dieser kann so gestaltet sein, dass personzentrierte individuelle Fragestellungen und Aufträge an die Studierendengestelltwerdenkönnen.Weiterzeigtsicheinsolcher UnterrichtinkreativenElementen,beispielsweisebasierend auf «Critical Creativity» (McCormack & Titchen, 2006). Bei diesem Lernansatz werden Kreativität und kritisches Denken miteinander verbunden, um Neues auszuprobieren, das jedoch stets kritisch reflektiert und hinterfragt wird.

High Challenge – High Support

Ein Grundsatz der personzentrierten Praxis und Lehre besteht darin, hohe Anforderungen an die Person zu stellen und gleichzeitig die notwendige Unterstützung bereitzustellen. Ziel ist es nicht, Belastungen zu vermeiden, sondern herauszufordern – und diese Herausforderungen mit einem hohen Mass an Begleitung abzufedern. Studierende wie auch Lehrende benötigen eingesundesMassanHerausforderungunddamitauch eine ausgewogene Belastung, um im Gleichgewicht zu bleiben und ihre Gesundheit zu erhalten. Dieses Gleichgewicht zwischen Forderung und Unterstützung zu finden, kann als die hohe Schule der personzentrierten Lehre angesehen werden. Dann sind die Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen und Lehren gegeben

BezogenaufStudierende

1. Setzen sich Studierende mit ihren eigenen Werten in Bezug auf ihr Lernen auseinander?

2. Wie selbstbestimmt können Studierende lernen?

3. InwelchemAusmasskönnenStudierendesich selbstalsPersoninihrLerneneinbringen?

4. Wo und inwieweit können Studierende authentisch sein?

5. Inwieweit können sich Studierende in ihrem Lernen als ganze Menschen wahrnehmen?

6. Fühlen sich die Studierenden in ihren Anliegen und Bedenken genügend ernst genommen?

WaspersonzentrierteLehrebenötigt

In einem aktuellen dreijährigen Erasmus+-ForschungsprojektgehtauchdieBernerFachhochschuledieserFrage nach. Zusammen mit anderen Fachhochschulen aus Österreich,DeutschlandundItalienwirdeinKompetenzmodell für personzentrierte Lehre entwickelt, mit dem Ziel, personzentrierte Haltung bei Lehrperson und Studierendengleichermassenzuentwickelnundzufördern.

Im Rahmen eines spannenden, qualitativen Designs wirdanhandvonPflegegeschichten,FokusgruppeninterviewsundWorkshopseinKompetenzmodellunddaraus ein Toolkit mit Methoden und Instrumenten erarbeitet, das Lehrenden in der Praxis zur Verfügung gestellt werden soll. Gleichzeitig wird der Frage nachgegangen, wie personzentrierte Praxisentwicklung in der Lehre aussehenkönnte.DennwieinderklinischenPflegepraxisist personzentrierte Lehre ein kontinuierlicher Kulturentwicklungsprozess.

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Autor:

Prof Dr Christoph von Dach, Dozent MSc Pflege

Wechseljahre:Weichenstellen

fürdiezweiteLebenshälfte

DieWechseljahresindeinezentraleLebensphase,diemitbedeutenden gesundheitlichenVeränderungenverbundenist.Personzentrierte

ErnährungsberatungkannwesentlichzurPräventionundzurStabilisierungderLebensqualitätbeitragen.

DieWechseljahremarkierendasEndederreproduktiven Phase und zugleich den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, der heute länger dauert denn je. Frauen in der Schweiz haben mit 50 Jahren eine durchschnittliche Lebenserwartung von weiteren 36,8 Jahren. Rund 40 ProzentihresLebensverbringensiealsonachderMenopause. Fast 1,3 Millionen Frauen sind derzeit zwischen 40 und 60 Jahre alt (BFS, 2022), einer Phase, in der körperliche, hormonelle und psychische Veränderungen spürbar werden.

ObwohldiesePhasesoprägendist,wirdihrgesundheitlicher Stellenwert oft unterschätzt, individuell wie gesellschaftlich. Die Menopause ist nicht nur ein biologischer Übergang, sondern ein gesundheitlicher Wendepunkt Gerade jetzt lassen sich entscheidende Weichen stellen, umchronischenErkrankungenvorzubeugenunddieLebensqualität langfristig zu sichern.

EinkomplexerÜbergang:Körper,Psyche–und dieRollederErnährung

Die Herausforderungen betreffen Körper und Geist zugleich. Hormonelle Umstellungen können sich zum Beispiel in Hitzewallungen, Schlafstörungen, Gelenkschmerzen,StimmungsschwankungenoderGedächtnisproblemen zeigen Gleichzeitig verändert sich der Stoffwechsel: Es kann zu einer Gewichtszunahme kommen, insbesondere durch viszerales Fett, die Insulinempfindlichkeit sinkt und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt

Diese Veränderungen gehen oft mit psychosozialen Belastungeneinher FrauenerlebendiePhasealsbiografischen Einschnitt, konfrontiert mit dem Älterwerden, Rollenveränderungen in Familie und Beruf oder Unsicherheiten in der Partnerschaft. Viele stehen zwischen Erwerbs- und Care-Arbeit und finden kaum Zeit für ihr Wohlbefinden. In diesem komplexen Zusammenspiel gewinntdieErnährungeinebesondereBedeutung.Sieist physiologischzentralundengmitAlltagsstruktur,Selbstfürsorge,KörperbildundsozialenRessourcenverknüpft Ernährung in der Menopause ist damit weit mehr als Nährstoffoptimierung

Studien zeigen, dass Frauen auf die körperlichen und psychischen Veränderungen dieser Lebensphase unzureichend vorbereitet sind und eine negative Einstellung gegenüberdenWechseljahrenhaben(Tariqetal.,2023).

ObwohldasInteresseanLebensstilinterventionengenerell vorhanden ist, berichten viele Betroffene, dass sie sichmedizinischundgesellschaftlichnichternstgenommenfühlen–auchinErnährungsfragen.Einequalitative Master-Arbeit,inderFrauenausderDeutschschweizund dem Tessin auch zu ihren Informationsquellen befragt wurden, sowie ergänzende Workshops der Berner Fachhochschule mit Frauen in der Menopause machen deutlich, wie wenig Ernährung im medizinischen Setting thematisiert wird. Eine Teilnehmerin schilderte: «Ich habe das Thema Wechseljahre angesprochen. Die Gynäkologin hat nur gesagt: ‹Im Wartesaal hat es eine Broschüre›. Und in dieser Broschüre stand nichts über Ernährung.»GeradeindiesemBereichbleibenvieleFragen offen:WelcheErnährungsempfehlungensindevidenzbasiert?Wasmussichbeachten?WielässtsichdasimAlltag umsetzen? Die bisherige Forschung liefert darauf erst ansatzweise Antworten.

WasErnährungsberatungleistenkann–undsollte Eine fundierte, personzentrierte Ernährungsberatung könnte entscheidend unterstützen. In vielen Aus- und WeiterbildungenvonGesundheitsfachpersonensinddie Wechseljahre jedoch kaum ein Thema. Gynäkologische Betreuung fokussiert häufig auf Symptome oder Hormontherapie. Ernährungsberatung und andere Lebensstilinterventionenwerdenseltenangeboten,obwohlhier viel Potenzial besteht

Dabei gilt eine optimierte Ernährung zunehmend als Schlüsselfaktor für die Gesundheit von Frauen in den Wechseljahren. Besonders eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährung kann metabolische Veränderungen

DieBegriffekurzerklärt

DieWechseljahrebezeichnendiehormonelle UmstellungsphaseamEndederfruchtbaren Lebensphase.SieumfassendiePerimenopause unddieMenopause.Anschliessendfolgtdie Postmenopause.DiePerimenopausebeginntmit denerstenhormonellenVeränderungenund endetetwaeinJahrnachderletztenMonatsblutung DieMenopausebezeichnetdieletzte Monatsblutung,dieerstrückblickend,dasheisst nachmindestenseinemJahrohnePeriode, eindeutigfeststellbarist MitteleuropäischeFrauen erlebensieimDurchschnittmit52Jahren.

günstig beeinflussen, oxidativen Stress, Entzündungen undInsulinresistenzreduzieren(Silvaetal.,2021).Eine systematische Übersichtsarbeit zur Mediterranen Diät zeigt,dassihreEinhaltungsichinderMenopausepositiv auswirken kann – unter anderem auf Körpergewicht, Blutdruck und Blutlipide (Gonçalves et al., 2024).

In dieser Lebensphase kann es – unabhängig von einem gewollten Gewichtsverlust – zu einer Abnahme der Muskelmasse kommen. Deshalb sollten Körperzusammensetzung und Proteinzufuhr mehr Beachtung geschenkt werden. Dies auch mit Blick auf Sarkopenie, den VerlustvonMuskelmasse,-kraftund-funktionmitzunehmendemAlter.DarüberhinaussindFrauenüber50Jahre häufig unzufrieden mit Gewicht und Figur, insbesondere im Vergleich mit ihrem jüngeren Ich oder gesellschaftlichen Altersbildern. Das macht sie anfälliger für die Entwicklung von Essstörungen (Drobnjak et al., 2014).

Interprofessionellundpersonzentriertdenken Um Frauen in den Wechseljahren wirksam zu unterstützen, braucht es mehr als allgemeine Ernährungstipps. Gefragt sind Ernährungsberater*innen und andere Fachpersonen, die sie kontextsensibel begleiten. Ein personzentrierterAnsatzsollteüberreinbiologischeAspektehinausgehen. Es braucht interprofessionelle Angebote, die ErnährungmitanderengesundheitsförderndenAnsätzen verbinden,wieetwadieMind-Body-Medizin,einGesundheitskonzept, das den Menschen ganzheitlich sieht und Körper und Psyche in Balance bringt Solche Konzepte ermöglichen es, individuell passende Wege zu stärken. ErnährunginderMenopauseistkeinLifestyle-Thema, sonderneinunterschätzterHebelfürPräventionundLebensqualität. Sie verdient mehr Platz in der Beratungspraxis,aberauchinderForschungunddergesundheitspolitischen Diskussion.

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Autorin: Dr KarinHaas,Co-LeiterinInstitutAlter und Dozentin Ernährung und Diätetik

FatiguebeiHerzinsuffizienz: DieunsichtbareErschöpfung

FatigueistbeivielenMenschenmitchronischerHerzinsuffizienz einbelastendes,aberoftübersehenesSymptom.SieprägtdenAlltag körperlich, psychisch und sozial, bleibt aber in der Versorgung oftimHintergrund.PersonzentrierteAnsätzekönnenhelfen,Fatigue sichtbarzumachen.

«Mir sieht man [es] nicht an. Das ist vielfach ein Problem.» So beschreiben Betroffene ihre Fatigue. Rund 200000 Menschen in der Schweiz leben mit einer chronischen Herzinsuffizienz. Viele von ihnen leiden unter ständigerErschöpfungundhabenStrategienentwickelt, um den Alltag meistern zu können Dennoch bleibt die Belastung allgegenwärtig

Eine Ist-Analyse der Akademie-Praxis-Partnerschaft (APP) der BFH und der Insel Gruppe zeigte: Fatigue wird inKonsultationenseltensystematischerfasstundbislang oft nur am Rande berücksichtigt.

WennFatigueuntergeht

Zwar zeigen viele Fachpersonen eine Grundsensibilität undkenneneinzelneInstrumente,dochsiesetzendiese nicht routinemässig im Beratungsprozess ein. Das Thema bleibt im Gespräch zweitrangig Oft wird Fatigue auf mögliche Ursachen reduziert, ohne dass gezielte Unterstützung erfolgt

Für Betroffene wirkt das so, als würde ihr Erleben nicht ernst genommen Erst im Gespräch mit anderen wirdihnenklar,wieverbreitetdasSymptomist:«ImAustauschmitanderen[Betroffenen]habeichgemerkt,dass die anderen es auch haben.» Eine Person beschrieb, wie stark die Fatigue ihren Alltag bestimmt: «Ich plane meinen Tag um die Erschöpfung herum.»

Personzentrierung–mehralsSymptomkontrolle

Diese Aussagen verdeutlichen, wie sehr Fatigue die Lebensgestaltung, das Selbstbild und soziale Teilhabe beeinflussen. Fatigue ist also mehr als ein medizinisches Symptom. Ein personzentrierter Ansatz fragt unter anderem: Wie beeinflusst Fatigue den Alltag? Welche individuellen Strategien helfen den Betroffenen, um trotz Erschöpfung aktiv zu bleiben?

Studien zeigen, dass nicht-medikamentöse und personzentrierte Interventionen das Symptom Fatigue bei chronischer Herzinsuffizienz wirksam reduzieren können, wenn sie auf die Lebenssituation der Betroffenen zugeschnitten sind.

Teamarbeitwirkt

Wenn verschiedene Fachpersonen aus Medizin, Pflege, Physiotherapie oder Psychologie eng zusammenarbeiten, sinkt die Zahl der Spitaleinweisungen Gleichzeitig steigt die Lebensqualität, und auch das Sterberisiko von MenschenmitHerzinsuffizienzkannreduziertwerden–besonders, wenn weitere Erkrankungen vorliegen (Boulet et al., 2019).

Rehabilitation mitAlltagshilfe

Programme, die Energiemanagement und konkrete Problemlösungsstrategienvermitteln,sindinKliniken,aber auch per Video oder Telefon möglich. Sie helfen, Fatigue und Lebensqualität spürbar zu verbessern. Ergänzend können Methoden wie Entspannung, Bewegung oder auchMassagedieWirkungverstärken(Gedeetal.,2023).

MitEnergiehaushalten

Beim sogenannten Pacing lernen Betroffene, ihre Kräfte gezielt einzuteilen und Überlastung zu vermeiden (White et al., 2011). Auch moderate Bewegung und VeränderungenimLebensstilgehörenzurbewährtenBasisversorgung und haben nachweislich positive Effekte auf Gesundheit und Wohlbefinden (Ashley et al., 2023).

DigitaleUnterstützung

Zusätzliche telefonische Betreuung kann gezielt die Motivation steigern, wie Messungen mit dem Multidimensional Fatigue Inventory (MFI-20) zeigen. Aktuell werden auch digitale Plattformen getestet, die mit strukturiertem Telefon-Support kombiniert sind Dieser moderne E-Health-Ansatz soll eine personzentrierte Versorgung erleichtern(Alietal.,2020).

Potenzialnutzen,Praxisgestalten

Ein nächster Schritt ist, bestehende Angebote – etwa AdvancedPracticeNursesoderkardiologischeRehabilitation – um fatiguespezifische Inhalte zu erweitern. Digitale Tools können zusätzlich eingesetzt werden, um sogenannte Blended-Care-Modelle zu entwickeln, die Alltag undTherapieverbinden.EntscheidendsinddabeiPersonalisierungundKoordination,daFatiguesehrindividuell istundstarreProgrammezukurzgreifen.PersonzentrierungzeigtsichinderAnpassungderMassnahmenundin einem partizipativen Vorgehen, bei dem Betroffene aktiv mitentscheiden. Darüber hinaus benötigt es strukturelle Unterstützung durch Netzwerke sowie kontinuierliche Weiterbildung, um Fachpersonen zu sensibilisieren und ihre Handlungskompetenzen zu stärken.

KleineSchrittefürnachhaltigeWirkung

Die APP plant derzeit, digitale Fatigue-Module in bestehende Rehabilitationsprogramme zu integrieren und ihre Wirksamkeit zu evaluieren. Ziel ist, Versorgungslücken zu schliessen, Betroffene zu stärken und Fachpersonen im Alltag zu unterstützen. Bei diesem Vorhaben arbeiten Praxis und Forschung eng zusammen. Die BFH bringt wissenschaftliche Expertise und Evidenz ein, das Inselspital die Erfahrung aus der direkten Versorgung Besonders wichtig ist dabei die Zusammenarbeit von Pflege, Medizin, Psychologie und weiteren Disziplinen. Nur so kann Fatigue nicht allein als Symptom, sondern alskomplexesAlltagsphänomenverstandenundbehandelt werden.

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Autorin:

GescheGleichner,Wissenschaftliche MitarbeiterinAkademie-Praxis-PartnerschaftBFHundInselGruppe

DasPotenzialdigitalerHilfenfür mehrAutonomieimAlter

Apps und Wearables können das selbstbestimmte und gesunde Altern unterstützen–vorausgesetzt,siesindinhaltlichhochwertig,berücksichtigendieLebensrealitätenältererMenschenundschützenvorFehlinformationsowieDatenschutzverletzungen.

Den Wunsch, möglichst lange in der vertrauten Umgebung unabhängig und sicher zu altern, teilen die meisten Menschen. Hier bieten Apps und Wearables – etwa Smartwatches oder Fitnessarmbänder – viel Potenzial. SieunterstützenbeispielsweisesozialeKontakteoderdie täglicheBewegungunderhöhendurchAlarmfunktionen dieSicherheit Zudemsindsiekostengünstig,einfachzu bedienen und nicht stigmatisierend. Sie stärken nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch das Gefühl von Selbstbestimmung und Teilhabe – was zentrale Aspekte einer personzentrierten Versorgung sind InderSchweizfehlenverbindlicheRichtlinienfürdie Entwicklung,VeröffentlichungundVermarktungsolcher Technologien,solangesienichtalsMedizinproduktegelten. Es gibt keine Vorgaben zur inhaltlichen Qualität, Wirksamkeit oder Nachhaltigkeit Die Nutzenden entscheiden oft selbst, welche Tools sie für welchen Zweck einsetzen.AngesichtderkaumüberschaubarenVielzahl anAngebotenundderteilsunklarenQualitätistdaseine Herausforderung

SiebenThemenbereicheundunzähligeApps Das von der BFH und der ZHAW durchgeführte Forschungsprojekt «Digitale Alltagshilfen zur Unterstützung der Autonomie im Alter» hatte zum Ziel, aus Sicht derbetroffenenPersonenzuverstehen,welchedigitalen HilfenihrenAlltagtatsächlichverbessern.Dabeistanden folgendeFragenimZentrum:WiekönnenAppsundWearables ältere Menschen im Alltag unterstützen? Welche Vor- und Nachteile hat der Einsatz? Welche Voraussetzungensolltensieerfüllen?WiehochistdieQualitätvon Apps und Wearables in der Schweiz?

Die Forscher*innen führten Interviews und Fokusgruppen mit älteren Menschen, ihren Angehörigen, Gesundheitsfachpersonen und Expert*innen durch, um konkrete Bedürfnisse, Erfahrungen und Erwartungen

systematischzuerfassen Dabeiidentifiziertensiesieben zentrale Themenbereiche, in denen digitale Technologien älteren Menschen Unterstützung bieten können:

– Alltagsunterstützung

– Soziale Interaktion und Kommunikation

– Aktivität und Mobilität

– Sicherheit und Notfallmanagement

– Gesundheitsinformation

– Gesundheit und Wohlbefinden

– Früherkennung und Diagnostik

Als Hindernisse für die Nutzung dieser Hilfen wurden die niedrige inhaltliche Qualität, die fehlende Nutzerzentrierung und die ungenügende Bedienbarkeit genannt Auch gibt es verbreitete Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und der Datensicherheit Als weitere Spannungsfelder wurden die dynamische Entwicklung derTechnologienundderindividuelleAlterungsprozess identifiziert

Die Qualitätsanalyse der in der Schweiz kommerziell verfügbaren Apps und Wearables zeigte auch, dass die App-Stores eine kaum überschaubare Vielzahl an Apps anbieten.DochnureinsehrkleinerTeilisttatsächlichfür einselbstbestimmtesundgesundesAlternrelevant.Und es bestehen sehr grosse Unterschiede hinsichtlich der Inhalte, Qualität und Sicherheit dieser Apps und Wearables. Die gute Nachricht: Für jeden der sieben Themenbereiche ist mindestens eine App oder ein Wearable mit hoher Qualität verfügbar.

GeringeNachhaltigkeit

Während des Projekts wurde deutlich, wie schnell sich der Markt verändert Bereits innerhalb weniger Monate war ein Teil der analysierten Apps und Wearables nicht mehrverfügbar DieseUnbeständigkeitundverminderte NachhaltigkeitstelleneinegrosseHürdefürdieNutzung

1 Wearables können die Gesundheit fördern und die Sicherheit erhöhen.

2 Apps unterstützen ältere Menschen bei Organisation und Kommunikation.

3 Damit die Apps und Wearables hilfreich sind, müssen sie zuverlässig funktionieren. (Bilder: Adobe Stock)

dar. Damit Apps und Wearables zur Unterstützung des selbstbestimmten Alterns eingesetzt werden können, müssen sie zuverlässig funktionieren und beständig sein Auf eine App zur Medikationserinnerung oder ein Wearable zur Sturzerkennung muss man sich verlassen können.

Die fehlenden Richtlinien und die Vielzahl an AngebotenmachenesfürNutzendeschwierig,passendeApps und Wearables zu erkennen und auszuwählen. Eine der zentralenHandlungsempfehlungendesProjektsistdaher die Einführung verbindlicher Qualitätskriterien. Zudem brauchtesunabhängigeStellen,dieInhalteundNutzbarkeitprüfenunddieseInformationenzugänglichmachen Die Inhalte von Apps und Wearables sollten zudem auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und deren Nutzbarkeit sollte überprüft worden sein.

QualitätsansprücheältererMenschen Älteren Menschen ist es besonders wichtig, dass digitale Hilfen einfach und intuitiv zu bedienen sind. Die im ProjektformuliertenNutzungsempfehlungenzeigenauf, woraufbeiderAuswahlgeachtetwerdensollte–etwaanpassbareSchriftgrössen,eineübersichtlicheDarstellung

mit wenig Text, verständliche Datenschutzerklärungen undklareInformationenzurDatenspeicherung DieNutzenden müssen darüber entscheiden können, mit wem sie welche Daten teilen.

DaältereMenschenselbstambestenwissen,wofürsie digitaleHilfeneinsetzenmöchten,solltensievonBeginn an in den Entwicklungsprozess eingebunden werden DieserpersonzentrierteAnsatzstärktdiePassgenauigkeit derApps undstelltsicher,dassBarrierefreiheit,Zugänglichkeit und Alltagstauglichkeit berücksichtigt werden.

DieHandlungsempfehlungen sindaufderProjektseiteverlinkt

Dr MarinaBruderer,DozentinInstitutAlter und Leiterin Weiterbildung Physiotherapie

ViszeraleAdipositasmessen undganzheitlichbehandeln

Die viszerale Adipositas betrifft nicht nur den Stoffwechsel, sondern auchHaltungundBewegung.EinProjektderBFHzeigt,wiefunktionelleBeschwerdenerkanntundineinepatientenzentrierteVersorgung integriertwerdenkönnen.

Der Taillenumfang im Verhältnis zur Körpergrösse hat sich als verlässlicher Indikator für viszerale Adipositas erwiesen. (Bild: AdobeStock)

Viszerale Adipositas, also eine Fettansammlung im Bauchraum, gilt als bedeutender Risikofaktor für HerzKreislauf-Erkrankungen, Diabetes und andere Stoffwechselstörungen. Doch die mechanischen Folgen für HaltungundBewegungbleibenweitgehendunbeachtet. Dabei berichten betroffene Personen häufig über Haltungsbeschwerden, eingeschränkte Beweglichkeit und muskuläre Schmerzen.

DasForschungsprojektHaltungbeizentralerAdipositas der BFH untersucht, wie sich viszerales Fett auf die Körpermechanik auswirkt Ziel ist es, funktionelle Risikenfrühzeitigzuerkennen–alsTeileinerpatientenzen-

trierten Versorgung, die nicht nur Laborwerte, sondern auchLebensqualität,Selbstwahrnehmungundindividuelle Einschränkungen berücksichtigt.

WarumHaltungwichtigist Viele Gesundheitsfachpersonen beobachten bei Patient*innenmitviszeralerAdipositastypischeMusterwie einen veränderten Gang oder einen nach vorne verlagerten Körperschwerpunkt Häufig treten zudem ein PlattfussodereineX-Bein-StellungderKnieauf.Alldiesführt zueinerunphysiologischenBelastungdesBewegungsapparats und kann chronische Beschwerden begünstigen

Solche biomechanischen Veränderungen wirken sich nichtnuraufMobilitätundSchmerzempfinden,sondern auch auf Teilhabe und Lebensqualität aus – zentrale AspekteeinerganzheitlichenVersorgung Dennochexistieren bislang kaum Studien zu diesen Zusammenhängen. DasProjektderBFHwilldieseLückeschliessenundverfolgtdabeieinePerspektive,diefunktionelleEinschränkungen als Teil des Krankheitsbilds versteht

ErgebnisseunddiagnostischeHerausforderungen

Die bisherigen Ergebnisse zeigen: Menschen mit viszeraler Adipositas weisen spezifische Haltungs- und Gangrisiken auf. Weitere Forschung in grösseren und vielfältigeren Populationen ist notwendig, um diese Erkenntnisse zu validieren. Zugleich wird deutlich, wie uneinheitlichdieDefinitionvonviszeralerAdipositasist. So empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), den Taillenumfang in der Mitte zwischen der untersten Rippe und dem Beckenkamm zu messen, während das US-amerikanischeNationalInstitutesofHealth(NIH)die HöhedesBauchnabelsalsReferenzangibt Dabeigiltder Taillenumfang als zentraler Indikator für viszerale Adipositas in solchen Messungen Ethnische Unterschiede erschweren eine standardisierte Beurteilung zusätzlich. Obwohl CT und MRT als diagnostische Goldstandards gelten, sind sie für den klinischen Alltag unpraktikabel. Deshalb gewinnen anthropometrische Verfahren an Bedeutung (siehe Tabelle).

Besonders die Waist-to-Height Ratio (WHtR), also das VerhältnisvonTaillenumfangzurKörpergrösse,hatsich als verlässlicher Indikator für viszerale Adipositas erwiesen. Werte über 0,5 gelten als kritisch. Im Gegensatz dazuzeigtedieverbreiteteBioelektrischeImpedanzanalyse(BIA),beiderdieelektrischeLeitfähigkeitzurSchätzung des Körperfetts verwendet wird, deutliche Schwächen bei der Beurteilung des viszeralen Fettanteils. Ihre Anwendung, vor allem im Heimgebrauch, sollte daher kritisch hinterfragt werden.

Patientenzentrierungpraktischumgesetzt

Das Projekt der BFH orientiert sich an den Picker-Prinzipien der patientenzentrierten Versorgung. Es stellt die individuellenBedürfnisse,WerteundfunktionellenEinschränkungen der betroffenen Person ins Zentrum. Die ForschungsfragensinddirektausderPraxisentstanden: Patient*innenberichtetenüberHaltungsschmerzen,Bewegungseinschränkungen und eine sinkende Lebensqualität. Diese Symptome werden oft als nebensächlich abgetan, spielen für die Betroffenen aber eine zentrale Rolle im Alltag Indem diese Erfahrungen systematisch aufgenommenundwissenschaftlichuntersuchtwurden, leistet das Projekt einen Beitrag zu einer Versorgung, die auf Augenhöhe stattfindet und funktionelle Aspekte nicht länger ignoriert

Versorgungganzheitlichdenken WasbedeutetdasfürdiePraxis?Gesundheitsfachpersonen sind eingeladen, Haltung und Bewegung systematisch in die Anamnese und Therapieplanung einzubeziehen.DenneinepatientenzentrierteVersorgungendet nichtbeiBlutwertenoderBMI.Siefragt:Wiebewegtsich derMensch?Wasschränktihnein?UndwiekannTherapie helfen, diese Einschränkungen zu überwinden? Wer diebiomechanischenFolgenernstnimmt,erkennt,dass viszerale Adipositas nicht nur eine Stoffwechselstörung ist. Sie ist eine funktionelle Herausforderung – und eine Chance,dieVersorgungganzheitlichundandenBedürfnissen der Patient*innen ausgerichtet zu gestalten.

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Autorin:

Dr Anastasiia Nahorna, Post Doc Physiotherapie

WannsprichtmanvonviszeralerAdipositas?

MessmethodeMänner

Taillenumfang (WC) ≥ 94 cm

Frauen

Referenz

≥ 80 cm Internationale Diabetes Förderation (IDF)

Taille-Hüft-Verhältnis (WHR) ≥ 0,95 ≥ 0,80 Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Taille-Hüft-Verhältnis (WHR) ≥ 0,90

Taille-KörpergrösseVerhältnis (WHR)

≥ 0,50

≥ 0,80

National Institutes of Health (NIH)

≥ 0,50 Allgemeine Empfehlung (WHO)

Eine Übersicht international anerkannter Grenzwerte bietet Orientierung bei der Diagnose von viszeraler Adipositas.

Interprofessionellzuweisen: EinPilotprojektinHausarztpraxen

WiekönnenPatient*inneninhausärztlichenPraxenschnellerundgezielter andiepassendeFachpersonvermitteltwerden?EinPilotprojektder BFH hat untersucht, wie ein neuer Zuweisungsprozess die Grundversorgungeffizienterundpersonzentriertergestaltenkann.

Die Schweizer Grundversorgung steht unter Druck: Immer mehr Menschen leiden an chronischen und Mehrfacherkrankungen, die kontinuierliche pflegerische und medizinische Behandlung benötigen. Gleichzeitig gehen zahlreiche Hausärzt*innen in Pension. Angesichts steigender Gesundheitskosten rücken neue Rollen wie die der Advanced Practice Nurses (APN) in den Fokus. Heute werden Personen direkt den Hausärzt*innen zugewiesen Andere Fachpersonen kommen nachträglich auf ärztliche Anordnung zum Einsatz. Damit bleibt das Potenzial einer interprofessionellen, personzentrierten Versorgung ungenutzt.

Fragestellung: Wer ist die richtige erste Anlaufstelle?

Im Projekt «KI-Zuweisungstool in Hausarztpraxen mit neuen Berufsrollen» untersuchte ein Projektteam der BFH, wie ein Triage-Prozess aussehen müsste, damit Patient*inneninneuenVersorgungsmodellendirektzur passenden Fachperson gelangen. Im Zentrum stand die Frage, wie ein Zuweisungssystem zugleich die individuellen Bedürfnisse der Patient*innen berücksichtigt und die Kompetenzen der APN oder anderer Fachpersonen einbindet

DieStudiewurdeinfünfHausarztpraxeninderDeutschschweiz durchgeführt, drei in ländlichen und zwei in urbanen Regionen. Mit einem Mixed-Methods-Ansatz flossen verschiedene Perspektiven ein: Online-Befragungen

zur Veränderungsbereitschaft des Personals, Beobachtungen des bestehenden Triage-Prozesses vor Ort sowie zwei Vernehmlassungen mit beteiligten Berufsgruppen (sieheAbb 1).DakeineGesundheitsdatenerhobenwurden, war keine formale Ethikbewilligung notwendig

Ergebnisse:OffenheitfürVeränderung

Insgesamt nahmen 26 Mitarbeitende an der Untersuchung teil (davon 23 Frauen; Durchschnittsalter 33,9 Jahre). Während der Beobachtungstage wurden 113 Patient*innenkontakte in den fünf Praxen dokumentiert (69 Patientinnen und 44 Patienten, Durchschnittsalter 53 Jahre). 103 Patient*innen waren der Praxis bereits bekannt. In den meisten Fällen erfolgte die Kontaktaufnahmetelefonisch(n=67),mitnachfolgendemPraxisbesuch.DieGesundheitsproblemereichtenvonakutenBeschwerden wie Nasennebenhöhlenentzündungen oder Bauchschmerzen über Nachsorge nach einem Spitalaufenthalt bis hin zu Kontrollen chronischer Erkrankungen (z.B. Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen). AuchMedikamentenanpassungenwurdendurchgeführt

DieMitarbeitendenbewertetendenneuentwickelten Triage-Prozess(sieheAbb 2)positiv,mitRespektvorden Veränderungen. Betont wurde, dass die Gruppe der Patient*innen für den Einsatz von APN präziser definiert werden sollten – etwa Menschen mit chronischen und Mehrfacherkrankungen.InsgesamtwurdederProzessals interessant und umsetzbar bewertet

Praxen Online-Mitarbeitendenbefragung

Praxen Prozessbeobachtung

Zuweisungsprozess Entwicklung

Zuweisungsprozess Vernehmlassung

Abb 1: Verschiedene Perspektiven wurden mit einem Mixed-Methods-Ansatz erfasst: Online-Befragungen des Personals, Beobachtungen des Triage-Prozesses vor Ort und Rückmeldungen der Berufsgruppen zum neu entwickelten Zuweisungsprozess.

1 Kontaktaufnahme

Patient*in ruft in der Hausarztpraxis an/kommt persönlich vorbei.

2 Zuweisung

Patient*in schildert Anliegen. MPA weist Patient*in je nach Anliegen der jeweiligen Fachperson zu (APN, Hausärzt*in, MPA, MPK, etc.), die sich dem Anliegen gezielt widmet

3.Konsultation

Die Fachperson führt je nach Zuweisung die Behandlung, Beratung, Instruktion oder weiteres durch

Personen mit chronischen und Mehrfacherkrankungen

z.B. Personen mit hohen Blutzuckerschwankungen bei Diabetes mellitus

Personenmitdringlichen

Beschwerden

z.B. Personen mit Verdacht auf Herzinfarkt

4. Weitere Schritte

Am Ende der Konsultation bespricht die jeweilige Fachperson das weitere Vorgehen mit den Patient*innen, z.B. weitere Konsultation, Routineuntersuchungen, Überweisung etc. Alle Leistungen werden dokumentiert.

Personen, die als Patient*innen bereits bekannt sind

z.B. für Laboruntersuchungen

Personen, die als Patient*innen bereits bekannt sind

z.B. für Instruktion zur Anwendung des Blutzuckermessgeräts

5. Interprofessionelles Team

Täglicher interprofessioneller Austausch zur Klärung von Fragen, zum Ausstellen von Rezepten oder zu Weiterbildungszwecken.

Abb 2: Der neu entwickelte Zuweisungsprozess für die Grundversorgung: Von der Kontaktaufnahme bis zum interprofessionellen Austausch.

Diskussion:MehrNutzendurchinterprofessionelleZusammenarbeit

Der Zuweisungsprozess in hausärztlichen Praxen berücksichtigt sowohl die fachlichen Kompetenzen der Berufsgruppen als auch die Anliegen der Patient*innen. DamitwirddieinterprofessionelleZusammenarbeitausgewiesen und der Stellenwert von Rollen wie APN klar hervorgehoben (Eissler & Zumstein-Shaha, 2022; Gysin et al., 2019; Zumstein-Shaha et al., 2022). Der Prozess gilt als innovativ, erfordert aber eine sorgfältige Umsetzung im Praxisalltag.

Patient*innenprofitierendurchdenZuweisungsprozessvondenKompetenzenallerLeistungserbringenden. Wichtigist,dassihreBedürfnisseimZentrumstehen Da die Mehrheit der Praxisaufsuchenden an chronischen oder Mehrfacherkrankungen leidet, ist die Integration von APN zentral. Internationale Richtlinien weisen auf die Wirksamkeit interprofessioneller Teams bei Erkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Diabetes (Bundesärztekammer (BÄK) et al., 2023a, 2023b, 2023c; Powers et al., 2020). Der neue Zuweisungsprozess ist somit evidenzbasiertundpersonzentriert,mitdemZiel,Betroffeneschnellerundpassgenauerzuversorgen(Teuscheret al., 2023).

Die Studie zeigte, dass die Kontaktaufnahme weiterhin überwiegend telefonisch erfolgt – ein Hinweis auf die begrenzte Digitalisierung in vielen Praxen (ehealthsuisse,2018;Obsan,2020).DigitaleLösungenkönnten Prozesse vereinfachen und teilweise automatisieren, doch müssen dabei die digitale Gesundheitskompetenz derPatient*innensowiederWunschnachpersönlichem Austauschberücksichtigtwerden(ehealthsuisse,2018). Der direkte Dialog bleibt wesentlich: Patient*innen können ihre Bedürfnisse schildern und Fachpersonen gezielt nachhaken (Teuscher et al., 2023).

DigitalisierungundPersonzentrierungals

Schlüssel

Die Automatisierung der Terminvergabe und der Einsatz digitaler Hilfsmittel können den Zuweisungsprozess effizienter gestalten und den administrativen Aufwand – insbesondere in grösseren Praxen – reduzieren. Aber Mitarbeitende müssen geschult, Patient*innen adäquat informiert und Datenschutzrichtlinien eingehalten werden. Der neue Zuweisungsprozess bietet die Chance, Patient*innen passgenauer zu betreuen und die Hausärzt*innen zu entlasten. Entscheidend bleibt dabei, dass die Bedürfnisse der Patient*innen im Zentrum stehen. Nur so kann die Grundversorgung den steigenden Anforderungen einer älter werdenden Bevölkerung gerecht werden.

Referenzen:

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Erstautorin:

Prof Dr Maya Zumstein-Shaha, Dozentin MSc Pflege

Weitere Autorinnen:

Tanja Siegenthaler, Wissenschaftliche Assistentin Pflege

Sophie Karoline Brandt, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Pflege

PersonzentrierteVersorgung –vomPilotprojektindiePraxis?

Personzentrierte Gesundheitsversorgung istein Paradigmenwechsel, wegvonderBetrachtungeinzelnerKrankheiten.BeiderEntwicklung stelltsichdieFrage:SindpersonzentrierteModellesoskalierbar,dass sieüberlebensfähigsind?

Eine zentrale Herausforderung bei der Entwicklung von personzentrierten Modellen besteht darin, dass Interventionen zwar in kontrollierten Umgebungen gut funktionieren und erprobt werden können, ihre Wirkung jedoch verlieren, sobald sie in der breiten Versorgung eingesetzt werden. Die finanziellen Anreize stimmen nichtüberein,dieInfrastrukturistandersoderkulturelle Unterschiedeführendazu,dassneueTechnologiennicht zur Anwendung kommen. Das wirft die Frage auf: Können personzentrierte Versorgungsmodelle überhaupt langfristig überlebensfähig sein? Der Ökonom John List (2022) hat mit dem sogenannten Voltage-Effekt Prinzipienbeschrieben,dieentscheidenddafürsind,obIdeen und Geschäftsmodelle tragfähig sind. Mithilfe dieser Prinzipien können Skalierungsherausforderungen formuliert werden, die für skalierbare personzentrierte Versorgungsmodelle notwendig sind.

1. Wirksamkeit sichern: Statistische Fehler oder die AuswahlderPilotteilnehmer*innenkönnendazuführen, dass eine Intervention, die tatsächlich nicht wirksam ist, im Pilotversuch fälschlicherweise als wirksam eingeschätzt wird Ein Beispiel für einen solchen Irrtum war die Nutzung von Vitamin E nach Herzinfarkt (Marchioli et al., 2006). Wichtig ist, die Pilotteilnehmer*innen genau zu kennen, falsch-positive Ergebnisse nicht auszuschliessen und auch erwünschte Ergebnisse kritisch zu hinterfragen.

2 Vielfalt der Bevölkerung berücksichtigen: Menschen haben unterschiedliche kulturelle Hintergründe, Lebenslagen und Gesundheitsbedürfnisse. Ein skalierbares Versorgungsmodell muss breit aufgestellt sein, aber auchRaumfürindividuelleAnpassunglassen.Ergebnisse der personzentrierten Versorgung sind meist komplexer alsreinmedizinischeProdukte,weshalbpassendeRichtlinienundneueWirksamkeitsmessungenbenötigtwerden.

Skalierungsherausforderungen ForschungsbereichBeispielekonkreterAnsätze

Wirksamkeit sichern Experimente, klinische Versuche

Vielfalt der Bevölkerung berücksichtigen

Technik und Prozesse gut integrieren

Veränderungen im Verhalten mitdenken

Gutes Zusammenspiel im Team fördern

Adaptive Studiendesigns, Health Technology Assessments

Implementierungsforschung

Sozialwissenschaften

Organisationsforschung

3 Technik und Prozesse gut integrieren: Viele neue personzentrierte Versorgungsmodelle setzen auf digitale Lösungen, weil sie individualisierte Entscheidungen ermöglichen. Diese müssen in bestehende Systeme eingebunden werden, damit sie im Alltag funktionieren –besonders bei einer grossen Anzahl von Patient*innen. Fragen zu Datenschutz, Qualität und Finanzierung müssen frühzeitig geklärt werden, da der rechtliche Rahmen oft unklar ist.

4 Veränderungen im Verhalten mitdenken: Personzentrierte Versorgung verändert das individuelle Verhalten und die Rollen Fachpersonen werden zu Begleitenden, Patient*innen übernehmen mehr Verantwortung. DafürbrauchtesneueKompetenzenaufbeidenSeiten.

5. Gutes Zusammenspiel im Team fördern: Personzentrierte Versorgung ist Teamarbeit Verschiedene Berufsgruppen, Patient*innen und Angehörige müssen gut zusammenarbeiten,auchwennsieunterschiedlicheZiele und Werte haben.

6 Kosten und Nutzen im Blick behalten: NeueVersorgungsmodellesolltennichtnurbesser,sondernaucheffizientersein.DigitaleToolsundZusammenarbeitkönnen helfen, die Kosten pro Patient*in zu senken. Allerdings sindTarifsystemewieSwissDRGundTARMEDaufeinzelne Leistungsbereiche (Spital, ambulant, Langzeitpflege) ausgelegt und belohnen keine ganzheitliche Betreuung Hier braucht es Anpassungen, um langfristig Anreize für Personzentrierung zu schaffen.

Tests an verschiedenen Standorten (Weber et al., 2024), Wirksamkeitsstudien unter realen Bedingungen

Untersuchung verschiedener Bevölkerungsgruppen, Computer-Simulationen für unterschiedliche Patient*innengruppen (Meier et al 2024)

Analyse von Hindernissen und Erfolgsfaktoren, Untersuchung auf verschiedenen Organisationsebenen

Studien zu Präferenzen und Anpassungsverhalten von Patient*innen (Renggli et al 2025), Verhaltensökonomische Studien

Analyse benötigter Fähigkeiten, Bewertung von Schulungsmassnahmen

VerbindungvonForschung,PraxisundUnternehmertumimGesundheitswesen

DieGesundheitsforschungkanneinenwichtigenBeitrag dazu leisten, Skalierungsherausforderungen zu bewältigen. Sie stellt Methoden zur Verfügung, mit denen neue Ansätze systematisch bewertet werden können und prüft, ob sie auch bei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen wirken (siehe Tabelle). Die Implementierungsforschunguntersucht,welcheFaktoreneineerfolgreiche Skalierungfördernoderbehindern DieGesundheitsökonomie wiederum zeigt auf, ob ein Modell kosteneffizient istundwieeslangfristigfinanziertwerdenkann.Wichtig dabeiistdieinterdisziplinäreZusammenarbeitzwischen Gesundheitsfachpersonen,Regulierungsbehörden,Kostenträgern und Technologieentwicklern, denn nur so gelingt der Übergang von der Theorie in die Praxis.

Referenzen:

DieLiteraturzudiesemTextkönnen Sieonlineeinsehen

Autorin:

Prof Dr Katharina Blankart, Leiterin Institut für Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik und Entrepreneurship Facilitator am Departement Gesundheit

UnternehmerischeProjekteamDepartementGesundheit

DELIA Digitale Lebensstil-Intervention im Alter

DasProjektunterstütztMenschenab65Jahrenmithilfe einerAppbeiLebensstilveränderungenundzeigt,wie solcheInterventionenwissenschaftlichfundiert,flexibel undsystemübergreifendumgesetztwerdenkönnen.

ZurProjektseite

Bee Healthy Mobile App zur Unterstützung ukrainischer Kinder

DieApphilftukrainischenKindern,bessermitStress umzugehen,undverbessertdenZugangzuUnterstützung für besonders verletzliche Gruppen durch mehrsprachige,zielgruppenorientierteInhalte.

ZurProjektseite

«Patientenzentriert?»

Betroffeneselbstsehendasoftanders

Obwohl Fachpersonen ihre Arbeit oft als «patientenzentriert» bezeichnen,erlebenBetroffenedieRealitätanders:fehlendeMitspracheund keine Begegnung auf Augenhöhe. Personzentrierung ist keine Einbahnstrasse – sie gelingt nur, wenn Betroffene aktiv beteiligt werden.

Patientenzentrierung ist ein viel verwendeter Begriff, doch in der Praxis klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit Gemäss einer kanadischen Studie empfanden Patient*innen die Versorgung als weit weniger ganzheitlich und kooperativ als das Fachpersonal. Betroffene und ihre Angehörigen bemängeln oft, dass echte Personzentrierung häufig nicht gelebt wird und ihnen eine Mitgestaltung der Versorgung verwehrt wird Wir,ChantalBrittundVanessaGrandvomInstitutfür kollaborative Gesundheitsversorgung und Leadership, wollen uns in diesem Text kritisch-konstruktiv mit dem Versorgungsansatz der Patientenzentrierung auseinandersetzen,undzwarausPerspektiveerfahrenerBetroffener: Als Menschen mit einer Behinderung und einer chronischenErkrankung WirdiskutierengängigeBegriffe, Definitionen und Konzepte und illustrieren, welche Veränderungennötigsind,damitunsereIdealvorstellung einer echt personzentrierten Versorgung nicht für, sondern vielmehr gemeinsam mit den Betroffenen erfolgt

DieAutorinnen

ChantalBritt istMitgründerin und Präsidentin von Long Covid Schweiz. 2023 wurde sie mit demViktorAwardausgezeichnet

VanessaGrandistInteressensvertreterin von Patient*innen und Menschen mit BehinderungenindiversenOrganisationen und auf politischer Ebene.

DerSonntagsbratenwillmitwirken Bereits bei den Begrifflichkeiten bestehen subtile Diskrepanzen. Fachpersonen und Gesundheitseinrichtungen beschreiben ihre Leistungen gerne als patientenzentriert Betroffene empfinden diesen Begriff hingegen als unidirektional und passiv. Zum Patienten oder zur Patientin werden wir in der Regel nur in Kontakt mit Fachpersonen in einer konkreten Versorgungssituation. In dieser Rolle werden wir von Fachpersonen ins Zentrum gerückt, wie ein «Sonntagsbraten», um den sich die gesamteVerwandtschaftversammelt Wirwerdenbegutachtet und versorgt. Dabei steht der Braten zwar im Zentrum, er hat jedoch nur beschränkt Mitgestaltungs- und Mitentscheidungsmacht.

Nutzer*innen von Gesundheitsleistungen definieren sich zudem ungern als Patient*innen, wenn sie seit der Geburt,seitJahrenoderJahrzehntenineinerkomplexen gesundheitlichenSituationleben.DieseMenschenmöchtenalsPersonwahrgenommenwerden,ganzheitlich,mit all ihren Erfahrungen, Kenntnissen, Eigenheiten, Einschränkungen und Bedürfnissen – und nicht reduziert werdenaufdenFallX.DiekomplexeRealitätihrergelebtenErfahrungenweichtzudemoftsignifikantabvondem vondenFachpersonenvorgesehenentheoretischenVersorgungspfad.

Emanzipierte Bürger*innen mit Erfahrungen in der Nutzung der Versorgungsleistungen möchten deshalb aktiver mitwirken, in ihrer eigenen Behandlung mitentscheiden,VerantwortungtragenundEinflussnehmenin Institutionen und in der Gesundheitspolitik Als Patientenexpertinnen verwenden wir den Begriff Personzentrierung. Dieser rückt alle Menschen ins Zentrum und unterstreichtdasgemeinsame,respektvolle,multidirektionale Agieren auf Augenhöhe – egal ob Chefärztin, Hebamme, Reinigungskraft, Therapeutin, Pfleger, Patientin oder Angehöriger Erfahrungen und Bedürfnisse von allen werden berücksichtigt in der gemeinsamen Gestaltung der Versorgung

PerspektivederNutzer*innenbleibtaussenvor Ein bekanntes Modell ist das Person-centred Practice Framework von McCance und McCormack (2025). Gemäss den Autor*innen sind menschliche Erfahrungen, Mitgefühl, Würde und humanistische Prinzipien die Kernelemente der Pflege, wo Menschen als einzigartige Personen behandelt und vertrauensvolle Beziehungen zueinander aufgebaut werden. Die Umsetzung in der täglichen Praxis hinke jedoch aufgrund von Personalmangel, Zeitdruck oder hohen Personalfluktuationen hinterher FüreineganzheitlichePflegeundverbesserte PflegeerfahrungenfürPatient*innen,FamilienundPflegekräftesollengemässdemModellPflegefachkräfte,Umgebung,ProzesseundOutcomesentsprechendangepasst werden.MinutiösbeschreibenMcCanceundMcCormack Kompetenzen, Fähigkeiten und Wissen der Fachpersonen, damit diese authentisch mit Patient*innen umgehen und ihre Werte respektieren können.

DiebeschriebenenEigenschaftenbetreffendabeiausschliesslichFachpersonen,alshättenPatient*innenund AngehörigenkeinenEinfluss.Vergeblichsuchenwirnach Begriffen wie Partizipation, Befähigung und Selbstwirksamkeit der Patient*innen selbst. Zwar wird die Förderung von Autonomie und authentischer Entscheidungsfindung betont und eine Kluft zwischen Rhetorik der personzentrierten Pflege und gelebter Realität in der Praxiseingeräumt Aberunsfälltauf:DiePerspektiveder Nutzer*innenbleibtunerwähnt ZieldesModellsisteine Versorgung,diesichandenBedürfnissenvonPatient*innen und Angehörigen orientiert; eine personzentrierte Versorgung für Patient*innen und Familien.

EmpfehlungenfürdenbesserenEinbezug vonPatient*innenundAngehörigen

1

Klare Begriffsdefinition und -abgrenzung für den Einbezug von Patient*innen und Angehörigen

2

Überprüfung von Prozessen, Technologieintegrationund ZielabstimmungaufallenEbenen derOrganisation

3

Begleitung der Gesundheitsfachpersonen bei der Entwicklung von Initiativen für eine partnerschaftliche Kultur

Quelle: unimedsuisse 2025

4

Förderung der Aufgeschlossenheit der Patient*innen, Angehörigen und der Gesundheitsfachpersonen füreine partnerschaftliche Kultur

5

Integration einer Reflexion über das Partnerschaftskonzept in die Berufspraxis

6

Formalisierung des Einbezugs von Patient*innen und Angehörigen sowie Harmonisierung der partnerschaftsbezogenen Praktiken auf Ebene derGesundheitseinrichtungen

Als Betroffene möchten wir einen Schritt weitergehen: Wir engagieren uns für eine personzentrierte Versorgung, in der der Wert unserer Erfahrungen, unserer Kompetenzen und unseres Wissens anerkannt wird. Eine Versorgung, die gemeinsam und respektvoll mit Patient*innen und Familien gestaltet wird – nicht für sie.Unimedsuisse,derVerbandderUniversitätsspitäler, zeigt in einem Positionspapier auf, wie sich diese gemeinsame Vision in der Praxis umsetzen liesse

Partizipation – mitmachen, mitdenken, mitentscheiden,mitwirken–isteinewichtigeBedingungfüreinSystem, bei dem alle Menschen im Zentrum stehen. Für diesen Paradigmenwechsel, diese Haltungsänderung, werden Logiken und Strukturen hinterfragt und Hierarchien in Bewegung gebracht Denn ein systematischer Einbezug aller Akteur*innen und eine wertschätzende interprofessionelle und partizipative Zusammenarbeit müssen in einer Institution verankert und von allen –auch von ganz oben – gelebt werden.

Referenzen: DieLiteraturzudiesemTextkönnen Sieonlineeinsehen

Autorinnen: Vanessa Grand und Chantal Britt, Institut für kollaborative Gesundheitsversorgung und Leadership BFH

7

Gesundheitseinrichtungen regeln Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Rollen eines möglichen Patient*innenbeirats

8

Wertschätzung und finanzielle Anerkennung des offiziellen Beitrags der Patient*innen

9

Zulassen konstruktiver Meinungsverschiedenheiten in der Beziehung zwischen Patient*innen, Angehörigen und Fachkräften

10

GemeinsameProjektdurchführungmit den Patient*innen, Angehörigen gemäss den verschiedenen Ebenen der Partizipation des Montreal-Modells

11

VervielfachungderPartizipationsformenanverschiedenenStelleninnerhalbderGesundheitseinrichtungen

12

Unbedingte Berücksichtigung der Partnerschaft bei der Entwicklung und Anwendung elektronischer Gesundheitslösungen

Mehrdazu

Chronifizierungverhindern:

ErsteErgebnissedesProjektsPrePaC

WielassensichSchmerzenbehandeln,bevorsiechronischwerden?Das ProjektPrePaCderInselGruppe,derBernerFachhochschuleundder Fachhochschule Nordwestschweiz setzt auf einen interprofessionellen Gesundheitspfad.ErsteResultatezeigen:Früheundpersonzentrierte Präventionwirkt.

SeitderEinführungdesGesundheitspfadsfürPatient*innen mit muskuloskelettalen Schmerzen in der Notfallmedizin des Inselspitals zeigt sich ein ermutigender Trend. Insbesondere Patient*innen, die nach einer akutenSchmerzepisodebereitsinnerhalbdeserstenMonats Beratung erhielten und nach drei Monaten nochmals befragt wurden, weisen möglicherweise ein günstigeres RisikoprofilfüreineSchmerzchronifizierungauf.Obsich dieserTrendbestätigt,wirdjedocherstdieabschliessende Analyse aller Projektdaten zeigen. Neben den medizinischen Outcomes konnten auch organisatorische Abläufeerfolgreichetabliertwerden.Durchstandardisierte

Prozesse und klar geregelte Schnittstellen zwischen den Professionen konnte die Zusammenarbeit effizienter gestaltet werden. Ein Kernstück dabei: das auf Wunsch aktiveNachfragennachdemindividuellenVerlaufdurch telefonische Kontaktaufnahme zwei bis sechs Wochen nach dem Notfallaufenthalt «Viele Patient*innen fühlen sich dadurch gehört und ernst genommen», erklärt Balz Winteler, Co-Projektleiter und Schwerpunktleiter Physiotherapie. Dies stellt einen entscheidenden Faktor in der personzentrierten Versorgung dar, wie auch Schmerzbetroffene aus der Begleitgruppe des Projekts bestätigen.

–Ärztliche Abklärung

–Psychosoziales Screening

–Physiotherapie

–Spezialärztliche Abklärung

–Klinische Sozialarbeit

–Schmerzspezialist*in

–Interdiziplinäre/Interprofessionelle Abklärung

–Multimodale SchmerzRehabilitation

415Patient*innenimGesundheitspfad

SeitProjektstartwurden415Personenmitakutenmuskuloskelettalen Schmerzen aus der Notfallversorgung in den Gesundheitspfad aufgenommen. Sie erhielten eine Frühintervention mit edukativen Inhalten, die das Verständnis für die eigenen Schmerzen fördert und zur AktivierungpersönlicherRessourcenbeiträgt 50dieser Patient*innen haben einen Screening-Fragebogen zu psychosozialen Risikofaktoren ausgefüllt und werden über sechs Monate hinweg weiterhin eng begleitet Je nach Bedarf werden ihnen sozialmedizinische Sprechstunden, psychologische Unterstützung oder spezialisierteSchmerzmedizinvermittelt.ImVergleichzurherkömmlichenVersorgungbedeutetdies,dassderKontakt kontinuierlichüberverschiedeneZeiträumeundVersorgungsstufenhinwegstattfindetundnichtnurpunktuell.

PersonzentrierteVersorgungalsSchlüssel

EinzentralesElementdesPrePaC-PfadesistdieOrientierung an den individuellen Bedürfnissen. Patient*innen erhalten nicht nur Informationen, sondern auch passende Unterstützungsangebote, wenn sie sie brauchen InteressanterweisenehmenvieleBetroffenenurwenige Zusatzangebote in Anspruch. Winteler vermutet, dass dies nicht aus mangelndem Interesse geschieht, sondern weil das frühe personzentrierte Gespräch bereits Wirkung zeigt und eigene Bewältigungsstrategien aktiviert BeisozialarbeiterischenAngebotenkönntezudem die Angst vor Stigmatisierung eine Rolle spielen.

Qualitative Interviews zur vertieften Erfassung von Patient*innenerfahrungen mit der Versorgung sind für Anfang 2026 geplant. Bereits jetzt wird ein Fragebogen entwickelt,derRückmeldungenzuVerständlichkeit,Betreuung und Partizipation systematisch erfassen soll.

InterprofessionelleZusammenarbeitentlastet Fachpersonen

Am Pfad beteiligt sind Physiotherapeut*innen, Sozialarbeitende, Fach- und Hausärzt*innen, Psycholog*innen, IV-Berater*innen sowie weitere Schmerzspezialist*innen DererhöhteKoordinationsbedarfwirdaktuell durch eine Sozialarbeiterin im Case Management aufgefangen. Für die anderen Fachpersonen bedeutet dies eineEntlastung,dakoordinierendeAufgabengebündelt und standardisiert werden.

Auch die interprofessionelle Zusammenarbeit selbst wirdpositivbewertet «DieVernetzungzwischendenverschiedenen Berufsgruppen ist ein grosser Gewinn», so Winteler «Patient*innenprofitierendavon,dassdieVersorgung weniger fragmentiert wirkt und Informationen gezielt weitergegeben werden.» Regelmässige Meetings fördern den Austausch zwischen den Disziplinen und sicherndiekontinuierlicheWeiterentwicklungdesPfads. Zusätzlichistgeplant,Expert*innenausErfahrungfürdie VertretungderPatient*innenkünftignochstärkerinden Prozesseinzubinden.«DiesisteinweitererSchritthinzu echter Co-Creation im Gesundheitswesen», so Winteler

ChancenundHürdenbeiderGeneralisierung

DasModelldesPrePaC-PfadesistnichtnuraufSchmerzerkrankungenbeschränkt WintelersiehtPotenzial,ElementewiedasfrühzeitigeScreening,interprofessionelle

DerinterprofessionelleGesundheitspfadPrePaCzeigterstepositiveEffekte:Frühzeitige,personzentrierteBeratungkanndasRisikoeinerSchmerzchornifizierungsenken.

Präventionssprechstunden oder das Case Management auch in anderen klinischen Kontexten einzusetzen Allerdings bleibt die Finanzierung präventiver Strukturen die grösste Hürde. «Unser System ist nach wie vor stark auf akute und kurative Leistungen ausgerichtet und grundsätzlich nicht auf eine Verschränkung zwischen Sozial- und Gesundheitswesen ausgelegt», sagt er PräventionerforderedeshalbbesondereBeharrlichkeitund Überzeugungsarbeit

LehrenausPrePaC

Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Prävention funktioniert nicht «nebenbei». Sie verlangt eine konsequente personzentrierte Haltung, klare Strukturen und interprofessionelle Zusammenarbeit Gleichzeitig verdeutlicht PrePaC, dass schon einfache Interventionen, wie das systematische Nachfragen nach dem Befinden, grosse Wirkung entfalten können. Auch wenn endgültige Ergebnisse noch ausstehen, ist das Zwischenfazit positiv. Der Gesundheitspfad bietet Patient*innen mehr Partizipation und Fachpersonen bessere Koordination. Damit setzt PrePaC einen wichtigen Impuls für ein Gesundheitswesen, das weniger auf Reparatur und stärker auf Prävention ausgerichtet ist.

Referenz: Hutting,N. Caneiro,J.P. Ong’wen,O.M. Miciak M. &Roberts,L.(2022) Person-centeredcareformusculoskeletalpain:Puttingprinciples intopractice MusculoskeletalScience&Practice,62,102663

Autorin: Nicole Schaffner Kommunikation Departement Gesundheit

ZurPerson

BalzWinteleristCo-Projektleiter des Präventionsprojekts PrePaCsowieSchwerpunktleiterPhysiotherapieamInselspitalBern.

FrauenimFokus derSportphysiotherapie

ImmermehrFrauensindimBreiten-,Leistungs-undSpitzensportaktiv. DamitwächstderBedarfangeschlechtsspezifischerphysiotherapeutischer Betreuung. Wie können Physiotherapeut*innen das Wissen aus ForschungundPraxisnutzen,umSportlerinnenindividuellzubegleiten?

In den letzten Jahrzehnten nahm die Beteiligung von Mädchen und Frauen im Sport auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene exponentiell zu An den Olympischen Spielen in Paris 2024 betrug der Anteil an teilnehmenden Athletinnen zum ersten Mal 50Prozent DerAnstieghatdieForschungdazubewegt, sich gezielt mit den spezifischen Voraussetzungen des weiblichenGeschlechtsauseinanderzusetzen.Sosollen optimale Trainingsbedingungen geschaffen werden, um langfristig die Gesundheit und den sportlichen Erfolg von Frauen im Breiten- bis hin zum Spitzensport zu fördern.

FokusFrauinderSportphysiotherapie

Trotz des vielversprechenden Trends hin zu mehr geschlechtsspezifischer Forschung im Bereich der Physiotherapie und des Sports, werden die daraus gewonnenen Erkenntnisse bei der Planung und Ausführung der physiotherapeutischen Behandlung weiterhin vernachlässigt Dieser unspezifische Denkprozess lässt sich einerseits auf den mangelnden Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis zurückführen (Brown N. & Knight C.J., 2021) und andererseits auf inkongruente

Abb 1: Person-centred physiotherapy framework (Killingback et al., 2022) The environment

Person-physiotherapist interaction(s)

Physiotherapist characteristics

Ongoingunique journeyoftheperson

Forschungsergebnisse(PeterseE.&BollingC.,2025).Es stellt sich daher die Frage: Sollen Physiotherapeut*innen ihre Behandlung geschlechtsspezifisch anpassen und sich dieses Wissen aneignen?

PersonzentriertePraxisinderPhysiotherapie Ja, denn der weltweit zunehmende Ruf nach personzentrierter Versorgung verlangt von Therapeut*innen, Menschen als Individuen wahrzunehmen und ihre Bedürfnisse, Werte sowie ihren Lebenskontext in den Mittelpunkt therapeutischer Entscheidungen zu stellen.

Killingback et al. (2022) beschreiben dafür vier zentrale Bausteine. Neben den «Eigenschaften» der Physiotherapeut*innen (Fachwissen, Reflexionsfähigkeit, persönlicheHaltungetc.)undden«Interaktionen»zwischen Therapeut*in und Patient*in (Beziehung, Entscheidungsfindung und Förderung von Selbstmanagement) gehörenauchdie«Umgebung»(KulturundPraxisbedingungen) sowie die «Individualität» der Patient*innen (Ziele, Werte, Erfahrungen und Voraussetzungen) dazu. InderGrafikwirddieindividuelle,fortlaufendeReiseder Patient*innen dargestellt, die über die Behandlungszeit hinausgeht(sieheAbb.1).DieEigenschaftenderPhysiotherapeut*innen prägen den Weg der Patient*innen, die mit ihnen zusammen den Berg erklimmen. Die kontinuierlichen Interaktionen zwischen den beiden tragen wesentlich zum Therapieerfolg und zu einer vertrauensvollen Beziehung bei.

FörderungdesSelbstmanagementsinder Sportphysiotherapie

Die Unterschiede des biologischen Geschlechts und die hormonellen Fluktuationen innerhalb des Menstruationszyklus können sich auf viele Aspekte der aktiven Sportlerin auswirken. Dazu zählen die Leistungsfähigkeit, die Trainierbarkeit, die Körperzusammensetzung, die Verletzungsprävention, die Verletzungsmuster und die Rehabilitation nach Krankheit oder Unfall

Personzentrierte Praxis

Um den individuellen Voraussetzungen der Sportlerinnengerechtzuwerden,solltenTherapeut*innendieverschiedenenDimensioneneineseffektivenSelbstmanagementserfassenundindieAuswahlihrertherapeutischen Massnahmen einbeziehen (Hutting N. et al., 2022). Mit Selbstmanagement ist die Fähigkeit der Patient*innen gemeint, sich aktiv an ihrer Behandlung und RehabilitationzubeteiligenundVerantwortungzuübernehmen. NebendenphysiologischenDimensionen,wiebeispielsweisedasbiologischeGeschlecht,habenauchkulturelle und psychologische Faktoren einen Einfluss auf die unterschiedliche Ausprägung der einzelnen Dimensionen. Zu den Bereichen des Selbstmanagement gehören unter anderem das Ausdrücken von Bedürfnissen (Expressing Needs), Kognition und Vorstellungen (Cognition and Conceptions), Akzeptanz (Acceptance), der Umgang mit Emotionen (Emotions), der Lebensstil (Lifestyle) sowie der Umgang mit Problemen (Dealing with problems) –neben vielen weiteren.

FachkursFokusFrauinder

Sportphysiotherapie

ImZentrumdiesesFachkursesderBFHstehtder weiblicheKörperimSport.OptimierenSieIhre sportphysiotherapeutische Behandlung durch fundiertesWissenzugeschlechtsspezifischen UnterschiedeninderPhysiologieundderenEinflussaufdieRehabilitationundPrävention.

WeitereInformationen undAnmeldung

Standardisiertversusindividuell?

Standardisierte Protokolle, Präventionsprogramme und Best-Practice-Guidelines haben zum Ziel, Therapieprozesse zu vereinheitlichen und eine hohe Behandlungsqualität zu gewährleisten. Viele dieser Konzepte basieren jedoch auf Forschungsstudien mit männlichen Probandenoderberücksichtigengeschlechtsspezifische Merkmale von Frauen nicht ausreichend. Ein Blick auf die verschiedenen Dimensionen zeigt jedoch, dass auch bei Standards ein Bedarf an «Individualisierung» vorhanden ist.

BedeutungfürdiePraxis

Es geht nicht darum, Frauen und Männer miteinander zu vergleichen Vielmehr sollte die Anerkennung des Individuums im Fokus stehen. Es ist wichtig, Physiotherapeut*innenübergeschlechtsspezifischeUnterschiede undderenAuswirkungenaufsportlichaktiveFrauenrespektive Mädchen aufzuklären. Dazu gehört auch, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt in die Praxis zu transferieren. Auf diese Weise kann der physiotherapeutische Denkprozess geschärft und Interventionen können ganzheitlich sowie bedarfsgerecht angepasst werden. Dies trägt nicht nur zur Sensibilisierung und Professionalisierung des Umfelds von Sportlerinnen bei, sondern hilft auch dabei, das Versäumnis der vergangenenJahrzehnte–diemangelndeEinbeziehungvon Frauen in die Forschung – aktiv aufzuarbeiten.

Referenzen: DieLiteraturzudiesemTextkönnen Sieonlineeinsehen

Autorin: Stefanie Brefin, Studienleiterin Weiterbildung Physiotherapie

531neueGesundheits-Talente startenanderBFH

ImHerbst2025haben531StudierendeihrStudium amDepartementGesundheitderBFHaufgenommen.Das isteindeutlichesPlusgegenüber2024 Besonders starkwächstdiePflege:158neueBachelor-Studierende bedeuteneinenAnstiegvonüber13%gegenüber demVorjahr.AmCampusBildungGesundheitinBasel steigtdieZahlsogarumfast30%.DieBFHführt diesesWachstumaufMassnahmenderPflegeinitiative, wieSchnuppertage,gezielteKampagnenunddieWeiterentwicklungderStudiengänge,zurück.

bfh.ch/studienstart-g-2025

Kochenlernenfürmehr Selbstbestimmung

Im Rahmen des Forschungsprojekts «EssEntial» unterstützt die BFHjungeErwachsenemitkognitiverBeeinträchtigungdabei, gesünderundeigenständigerzuleben.EinpraxisnahesKoch-und Ernährungsprogramm,dasgemeinsammitBetroffenenentwickeltwurde,vermitteltihnenWissenundKompetenzenfürden

Alltag In einer Pilotphase in vier Kantonen wird das Programm erprobtundwissenschaftlichevaluiert.DasZielbestehtdarin, dasProgramminInstitutionenzuverankernundeinelangfristige Wirkungzuerzielen.

bfh.ch/gesundheit/essential

Café«Be-MORE»:Eingeschützter RaumfürgeflüchteteFrauen

MitdemPilotprojektCafé«Be-MORE»schafftderFachbereich Geburtshilfe der BFH einen Ort, an dem geflüchteteFrauenZugangzuInformationenundUnterstützungrundumsexuelleundreproduktiveGesundheiterhalten.ImNovember2025öffnetedasCafé inderKollektivunterkunftTiefenauderStadtBern undbietetniederschwelligeBeratung,Workshopsund Austausch.Zielistes,Selbstbestimmungzustärken, BarriereninderGesundheitsversorgungabzubauenund einModellfürandereRegionenzuschaffen

bfh.ch/Cafe-Be-More

Bild: AdobeStock
Bild: BFH
Bild: BFH

BFHerweitertMasterPflegeauf

120ECTS

AbHerbst2026bietetdieBFHalsersteFachhochschuleder SchweizdenMasterofScienceinPflegemit120ECTSan.Damit werdenklinischeKompetenzenvertieft,internationaleStandards integriert und Advanced-Practice-Nursing-Rollen gezielt vorbereitet DieStudierendenprofitierenzumBeispielvon mehrPraxisstunden,erweitertenModulenwieAdvancedPathophysiology oder Physical Assessment sowie zusätzlichem RaumfürForschung Anmeldungensindseitdem1 Oktober2025 möglich.

bfh.ch/master-pflege-120

Grundlagenpapierstärktdie ambulantepsychiatrischePflege

Die Expert*innengruppe «Psychiatriespitex» hat ein Grundlagenpapierveröffentlicht,dasdieRolleder ambulanten psychiatrischen Pflege (APP) definiert. DasPapiersolleingemeinsamesVerständnisbei Versicherern, Zuweisenden, Behörden und SpitexOrganisationenfördernundeineGrundlagefür Qualität, Anerkennung und eine faire Finanzierung schaffen. Die APP begleitet Menschen mit psychischenErkrankungeninihremZuhause,unterstützt sieunteranderembeiderStabilisierungundKrisenbewältigungundhilftihnen,ihreSelbstständigkeitzu erhalten.

bfh.ch/Psychiatriespitex

ErnährungsberatungistsystemrelevantfürNachhaltigkeit

EinneuesPositionspapier,dasimRahmeneinesBFH-Projekts erarbeitetundvomSVDEveröffentlichtwurde,definiertErnährungsberater*innenalsSchlüsselakteur*innenfüreinnachhaltiges ErnährungssysteminderSchweiz.Gefordertwirdeinerweitertes Berufsverständnis. Neben der individuellen Beratung sollen FachpersonenauchgesellschaftlicheDiskursemitgestalten.Zentrale KompetenzdabeiistdassystemischeDenken,daskünftigstärker in der Aus- und Weiterbildung an der BFH verankert werden soll.

bfh.ch/rolle-ernaehrungsberatung

Bild: AdobeStock
Bild: BFH
Bild: Spitex Schweiz, Anja Zurbrügg Photography

WiedieBFHdiePflegeinitiativeumsetzt

SeitSommer2024arbeitetdieBFHanderkonkretenUmsetzungderPflegeinitiative.AufeinerneuenWebseitesindkompakteEinblickeinaktuelle Projekte,PartnerschaftenundPlänezurWeiterentwicklungderPflegeausbildungzufinden.GezeigtwirdzumBeispiel,wiemehrStudienplätzegeschaffen,innovativeLehr-undPrüfungsformateentwickeltoderakademische Laufbahnengestärktwerden.AuchdieForschungzubesserenArbeitsbedingungen,etwamit«Strain2 0»,istTeilderMassnahmen.

bfh.ch/pflegeinitiative

Entrepreneurshipam DepartementGesundheit

DieBFHunterstütztFachpersonenundOrganisationen dabei,innovativeIdeenimGesundheitswesenzu entwickeln, zu prüfen und umzusetzen. Von Innovations-WorkshopsüberdieEvaluationneuerTechnologienbishinzurNutzungspezialisierterInfrastrukturbietetsieeinbreitesSpektrum,daspraxisnahe Lösungenfördert.ZudemstehenverschiedeneFördergefässebereit,umdenWegvonderIdeezurUmsetzungzuerleichtern

bfh.ch/entrepreneurship-gesundheit

StudiumanderBFH: Infoveranstaltungen

MasterofScienceinErnährungundDiätetik

20 Januar,17 März2026

18bis19Uhr Online

bfh.ch/msc-ernaehrung

MasterofScienceHebamme

18 Dezember2025 18bis19Uhr Online

13 Januar2026

17bis18Uhr Online

10 Februar2026

18bis19Uhr

VorOrt(Schwarztorstrasse48)

bfh.ch/msc-hebamme

MasterofScienceinPflege

15 Januar,24 Februar2026 1715bis1815Uhr Online

bfh.ch/msc-pflege

MasterofScienceinPhysiotherapie 11.Dezember2025,29.Januar2026 19bis20Uhr Online

bfh.ch/msc-physiotherapie

MasterofScienceinHealthcareLeadership 10 Dezember2025,13 Januar,4 Februar2026

18bis19Uhr Online

bfh.ch/msc-healthcare-leadership

Bild: BFH

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