Leitmedium für den Öffentlichen Dienst
ISSN 1437-8337
Nr. IX / 40. Jg / 37. Woche
Berlin und Bonn / September 2024
G 1805
www.behoerdenspiegel.de
In der Spur
Der Investitionsstau bei Bund, Ländern und Kommunen ist gewaltig und zeigt sich insbesondere im Bereich der Infrastruktur. Öffentlich-Private Partnerschaften (ÖPP) leisten hier – vielfach bereits in den 2000er Jahren angestoßen – heute einen Beitrag, um eine schnellere, effizientere und kostengünstigere Erledigung der öffentlichen Aufgaben zu gewährleisten. Diese Form der Kooperation zwischen Staat und Privat könnte – auch angesichts knapper öffentlicher Kassen – zukünftig wieder an Fahrt aufnehmen.
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Schulmäßig vernachlässigt Systemischen Stillstand im Bildungssystem beheben (BS/Dr. Eva-Charlotte Proll) Über 800.000 Kinder werden in diesem Sommer eingeschult. Sie kommen mit mangelhaften Zuständen in Berührung: materiell und personell gibt es von allem zu wenig. Die systemischen Probleme werden von den Lehrkräften ausgebadet.
A
n einer Brennpunktschule in Aachen starten drei der 23 Schüler der Klasse 5F in das neue Schuljahr, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Ihre Klassenlehrerin Lisa Neumann (Name geändert) ist froh, dass es für sie in diesem Jahr „nur“ drei sind. Die Gesamtzahl der nicht deutschsprachigen Kinder an der Schule übersteigt ebenjene aus dem vergangenen Jahr. So ist es Neumanns Schülern in diesem Jahr nur noch möglich, sechs Stunden pro Woche in einer internationalen Klasse Deutsch zu lernen. Für den Rest des Unterrichts müsse sie sich etwas anderes einfallen lassen. In anderen Bundesländern heißen die internationalen Klassen z. B. Willkommensklassen, aber die Lage sieht dort nicht anders aus: An Grundschulen in Niedersachsen sind es für die Kinder zwei bis drei Stunden Deutsch als Zweitsprache. Immerhin hat das Land den Weg dafür freigemacht, dass Grundschullehrer genauso entlohnt werden können wie Lehrerinnen und Lehrer an den weiterführenden Schulen. Fast überall im Land werden Kinder ohne jegliche Deutschkenntnis eingeschult. Der Pisa-Studie zufolge hat jedes vierte Schulkind einen Migrationshintergrund. Einzelne Kommunen, wie die Bundesstadt Bonn, versuchen dem entgegenzuwirken, indem sie für Vierjährige eine Vorabeinschätzung zur Sprachkompetenz verlangen. In
den meisten Fällen erfolgt dies über den Kindergarten. Auch Berlin geht einen ähnlichen Weg: Mit speziellen Lernmaterialien soll dem bisweilen defizitären Deutschkenntnisstand der eingeschulten Schülerinnen und Schüler entgegengewirkt werden. Mithilfe sogenannter LauBeHefte werden die sprachlichen und mathematischen Kompetenzen der Erstklässler erfasst. Daraufhin soll jedes Kind individuelle Unterstützung erhalten, so die Idealvorstellung, die die Senatsverwaltung für Bildung nach außen kommuniziert. Von 32.000 Vollzeit-Lehrkräften dienten 14.000 Stellen einer ebensolchen „strukturellen Unterstützung“. Ob das angesichts von immer mehr zusätzlich zu leistendem Arbeitsaufwand in der pädagogischen Praxis hinreichend realisiert werden kann, bleibt fraglich.
Schulalltag wie vor über 40 Jahren Zudem entsprechen die meisten Klassenräume hierzulande einem Schulalltag wie vor über 40 Jahren: Schreibtische, Stühle, Pausenhöfe, von der Technologie ganz abgesehen. Bei Letzterem hat der Digitalpakt Schule eine Grundausstattung an Schulen ermöglicht. Knapp werden in Zukunft auch die Räumlichkeiten, wenn wie in Nordrhein-Westfalen (NRW) 2026 wieder G9 eingeführt wird und dadurch unweigerlich mehr Kinder in die Schule gehen.
Allein die Bonner Verwaltung rechnet mit 1.000 Schülerinnen und Schülern mehr. Hinzu kommt der ab 2026 geltende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung (OGS). Auch deswegen wird mehr Platz benötigt. Kinder, die aber morgens von ihren Eltern gefragt werden, ob sie lieber den grünen statt den roten Pullover anziehen möchten, denen beigebracht wird, dass sie die Tante nicht küssen müssen, wenn sie nicht wollen, brauchen andere Lernansätze. Laut Lerncoach Caroline von St. Ange würden ebenjene Kinder nicht zwei Stunden repetitiv Buchstaben schreiben. Sie identifizierten sich nicht mit den Zielen des Unterrichtsplans, binnen drei Wochen eine bestimmte Anzahl an Vokabeln auswendig zu lernen. Sie müssen anders motiviert werden, brauchen flexiblere Lehrpläne und eine anregende Lernumgebung – insbesondere, wenn sie einen Großteil ihres Tages in der Schule verbringen. Um aber neue Bildungskonzepte vom Papier in den Alltag zu überführen, bedarf es größerer Freiräume für Lehrerinnen und Lehrer. Zeitlich scheint dies aufgrund des Lehrermangels utopisch: Allein in NRW fehlen laut Schulministerium 6.000 Lehrerinnen und Lehrer. Die meisten davon an Grundschulen. Das Ausprobieren neuer Ansätze wird zudem vielfach skeptisch beäugt. Teilweise fehlt der Mut, neue
Ansätze oder Technologien zu erproben. Folgekosten für neue Geräte sind ungeklärt, nicht genutzte Whiteboards mangels WLAN sind keine Ausnahme. Das Startchancen-Programm schafft zwar finanzielle Spielräume, aber sie beheben die Vielzahl der Probleme nicht flächendeckend. Zudem steigen Verwaltungs- und Organisationsaufwände für Lehrerinnen und Lehrer. Weniger Bürokratie und Dokumentation sind auch Wünsche von Lisa Neumann.
Vier-Tage-Post Diese Implikationen hat die Neuauflage des Postgesetzes für die Zustellung von Behördenbriefen. Seite 6
Sammelsurium von Lerninhalten Eklatant wird das Missverhältnis föderaler Verantwortlichkeiten aber, wenn der Lehrplan – früher bestimmt durch Lehrbücher – nun durch Apps ausgestaltet wird. Kommunen müssen laut Schwerins Oberbürgermeister Dr. Rico Badenschier auf NeueStadt.org nicht nur die technologische Nutzbarkeit dieser Apps prüfen, ihnen obliege es auch, über die fachliche Einsatzfähigkeit für den Unterricht zu entscheiden. Flächendeckend könne so ein Flickenteppich entstehen. Der Anspruch, dass Schulen Lernfreude vermitteln, Kinder individuell gefördert und Interessen qua Überzeugungskraft geweckt werden, steht und fällt mit dem Engagement einzelner Lehrerinnen oder Schulleiter. Dieser systemisch erzeugte Stillstand muss dringend behoben werden.
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Deep Fakes Der Bundesrat möchte bösartige Deep Fakes ins Strafgesetzbuch aufnehmen. Die Zustimmung von Bundestag und Bundesregierung steht aus. Seite 34