
In Wien begegnen einander Tradition und Moderne: Der Stephansdom spiegelt sich in der Fassade des 1990 eröffneten Hollein-Hauses.


Edgard Haid E r
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In Wien begegnen einander Tradition und Moderne: Der Stephansdom spiegelt sich in der Fassade des 1990 eröffneten Hollein-Hauses.


Edgard Haid E r

ViNdOBONa (15 V. CHr. – 400 N. CHr.)

diE FrÜHEN HaBSBUrgEr (1278 –1493)

dEr drEiSSigJÄHrigE KriEg (1618 –1648)

daS FrÜHE MiTTELaLTEr (400 – 976)

WiEN iN dEr rENaiSSaNCE (1490 –1590)

daS HOCHBarOCK (1648 –1740)

diE BaBENBErgEr UNd daS BÖHMiSCHE iNTErrEgNUM (976 –1278)

rEFOrM aTiON UNd gEgENrEFOrM aTiON (1520 –1590)

M aria THErESia UNd JOSEPH ii (1740 –1790)

diE ZEiT dEr
FraNZOSENKriEgE (1790 –1815)

WiEN iM ErSTEN WELTKriEg (1914 –1918)

WiEN iN dEr
BESaTZUNgSZEiT (1945 –1955)

WiEN iM
BiEdErMEiEr (1815 –1848)

„rOTES WiEN“ UNd STÄNdESTaaT (1919 –1938)

WiEN WiEdEr FrEi (1956 –1990)

diE Ära
KaiSEr FraNZ JOSEPHS (1848 –1916)

WiEN iM driTTEN rEiCH (1938 –1945)

WiEN SEiT 1990
ohnegleichen“

Berlin. 1000 Jahre Geschichte von Henry Werner folgt nun ein ähnliches Buch über Wien. Die zweitgrößte Stadt im deutschsprachigen Raum blickt allerdings auf 2000 Jahre Geschichte zurück. Als Berlin 1237 erstmals urkundlich erwähnt wurde, neigte sich in Wien die 270 Jahre währende Herrschaft der Babenberger ihrem Ende zu. Außer slawischen Wurzeln, wie sie auch Berlin aufweist, hat Wien mit Vindobona eine viel weiter zurückreichende römische Vorgeschichte, wie das auch bei London, Paris und Budapest der Fall ist. Die Zukunft als Metropole gehörte nicht der damals bedeutsameren, heute nur noch aus Ruinen bestehenden Provinzhauptstadt Carnuntum, sondern auf lange Sicht der Nachfolgesiedlung auf dem Boden des untergegangenen Vindobona. Die strategisch und wirtschaftlich günstige Lage an den Ausläufern der Alpen und am Schifffahrtsweg der Donau waren ausschlaggebend dafür, dass Wien zur Residenzstadt der Babenberger und der ihnen nachfolgenden Habsburger wurde. Als landesfürstliche Stadt war ihr Werdegang von den Unwägbarkeiten dynastischer Politik, von Kurzoder Langlebigkeit der jeweiligen Herrscher, ihrer mehr oder weniger ausgeprägten Zuneigung zu Wien, oder auch vom Aussterben einer Dynastie im Mannesstamm abhängig. Wien war im Laufe der Jahrhunderte vor große, für ganz Europa entscheidende Herausforderungen gestellt. Zweimal konnten die Türken mit Aufbietung aller Kräfte abgewehrt werden. Zweimal sah die Stadt den eroberungssüchtigen Napoleon in ihren Mauern, auch er konnte schließlich bezwungen werden. Der Wiener Kongress wurde zum glänzenden Ausdruck des Sieges über ihn und Grundlage für eine Neuordnung Europas im Sinne des Gleichgewichts der europäischen Mächte. Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Rolle Wiens von der Residenzstadt des Heiligen Römischen Reiches zur Hauptstadt des Kaisertums Österreich und schließlich zur erstrangigen Reichshaupt- und Residenzstadt der Doppelmonarchie
Österreich-Ungarn. Die größten Umbrüche ergaben sich dann im 20. Jahrhundert. Nach dem Untergang des Habsburgerreiches am Ende des Ersten Weltkrieges, der von Wien seinen Ausgang genommen hatte, wurde aus der Metropole die überdimensionierte Hauptstadt einer kleinen Republik. Keine der Hauptstädte Europas musste einen derartigen Absturz verkraften. Doch damit nicht genug, wurde Wien nach dem „Anschluss“ an Hitlerdeutschland zum Reichsgau herabgewürdigt. 1918 bloß verarmt, aber nicht zerstört, blieben Wien im Zweiten Weltkrieg Bombenhagel und die Kämpfe bei der Eroberung durch die Rote Armee nicht erspart. Zurück blieb eine aus Tausenden Wunden blutende Stadt. Doch schon nach zehn Jahren der Besatzung durch die vier alliierten Siegermächte feierte Wien Wiederauferstehung als Hauptstadt der wieder frei gewordenen Republik Österreich. Eine entscheidende Änderung ergab sich dann durch den Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Wien als „Endstation der freien Welt“ rückte wieder in die Mitte Europas.
Der wahre Charakter Wiens offenbart sich demjenigen, der den Touristenrummel von Kärntnerstraße, Graben und Kohlmarkt meidet. Er wird stille Gassen, kleine, stimmungsvolle Plätze, Pawlatschenhöfe mit Holzstöckelpflaster entdecken, in abgelegenen Kirchen den Geist der Wiener Gotik nachempfinden können. Bei seiner Spurensuche nach dem alten Wien wird er unweigerlich entdecken, dass Wien eine Stadt des Barock ist, die außer Schönbrunn und Belvedere eine Fülle an Palästen, Bürgerhäusern, Kirchen und Kapellen bis weit in die Vororte hinaus zu bieten hat. Auf der Mölkerbastei ist noch heute das Wien vor dem Fall der Stadtmauer stimmungsmäßig erhalten geblieben. Um den alten Stadtkern legt sich wie ein Collier die Ringstraße, die Via triumphalis, die nicht dem Kaiserhof und dem alten Adel, sondern dem reichen Bürgertum ihren imperialen Glanz verdankt. Wien wandelte sich damals von der überschaubaren Residenz-

stadt zur Millionenmetropole eines vor 100 Jahren untergegangenen großen Reiches. Dem „letzten Glanz der Märchenstadt“, repräsentiert durch florale Golddekors und die elegante Leichtigkeit des Jugendstils, folgte das legendäre „Rote Wien“ mit seinen weltweit aufsehenerregenden Kommunalbauten. Die sechs erhaltenen ehemaligen Flaktürme haben sich ins Gedächtnis der Stadt als Mahnmale des Schreckens, den der Zweite Weltkrieg über sie brachte, eingeprägt. So hat jede Epoche, abgesehen von der Römerzeit und dem Frühmittelalter, im Stadtbild Wiens markante Zeichen gesetzt; insgesamt ein roter Faden, an dem sich die Wechselfälle der Stadtgeschichte anhand der steinernen Zeugnisse zurückverfolgen lassen. Über die Magie dieser Stadt, über das typisch Wienerische sind unzählige Bücher, Feuilletons und Gedichte geschrieben worden, entweder lobpreisend oder von bissigem Spott.Vom „Wien, Wien nur du allein, sollst stets die Stadt meiner Träume sein“ bis hin zu „Wien bleibt Wien, die fürchterlichste aller Drohungen“, die Karl Kraus zugeschrieben wird. Für Wien, und nur für Wien, sei es typisch, dass hier die Legenden funktionieren und sich zur Wirklichkeit entwickelten, schrieb Friedrich Torberg. Die Oper, die Burg, die Lipizzaner, die Sängerknaben, der Demel, der Sacher, das Wiener Kaffeehaus, der Heurige, die Schrammeln etc. gehören dazu. Legenden bergen allerdings die Gefahr in sich, dass sie zum Klischee verkommen, also zum billigen Abklatsch. Was ist Wirklichkeit, und was ist Klischee? Manche Wien-Kenner hegen Zweifel, ob sie voneinander zu trennen sind. Ist die Wirklichkeit eine Form des Klischees und das Klischee eine Form der Wirklichkeit? Das zu beantworten, bleibt jedem selbst überlassen. Die Zeit mit ihren sozialen und geschmacklichen Veränderungen hat manches Klischee verblassen und schließlich absterben lassen. Die Wiener Operette, laut Friedrich Torberg einst „des Wien-Klischees liebstes Kind“, ist vom Musical verdrängt worden. Das „süße Wiener Mädel“ gibt es nur noch in den Theaterstücken Arthur Schnitzlers und in Filmen der 1930er- bis 1950er-Jahre. Die Emanzipation der Frau hat mit dem Typ des liebreizenden, auf männlichen Schutz angewiesenen „Tschapperls“ gründlich aufgeräumt. Auch Kaffeehäuser wie das zu neuem Leben erweckte Café Central oder das Hawelka leben vom Mythos, einst Künstlertreffs gewesen zu sein. Dass sie als „Must“ in den diversen Wien-Kulturführern eingetragen sind, lässt sich am Besucheransturm ablesen. Das spezielle Verhältnis des Wieners zum Tod, sein Hang zur
„schönen Leich“, zum pompes funèbres, ist ebenso längst Geschichte, offenbart sich nur noch in den „Nekropolen“ der Pomp liebenden Gründerzeit, vorzüglich am Zentralfriedhof.
Wien wurde durch die Jahrhunderte immer wieder zur „Wahlheimat der Genies“, wie Dietmar Grieser sein Buch betitelt. All ihre Namen aufzuzählen würde Seiten füllen. Sie alle waren der Magie dieser Stadt verfallen, denn sie besitze gleich einer Frau, in die man sich verliebt und ihr verfällt, „die sehr anonyme Kraft, aus den Menschen das zu machen, was sie eigentlich sind“, folgerte Willy Lorenz. Sie hat Genies zu Höchstleistungen in der Kultur und in der Wissenschaft angespornt, ohne die die Menschheit wesentlich ärmer wäre. Das Wien um 1900 war ein Zentrum neuer geistiger Strömungen. „Zwei- oder dreitausend Menschen sprechen hier Worte und denken hier Gedanken, die die Welt der nächsten Generation erschüttern werden. Wien ist ahnungslos“, schildert Otto Friedländer die damalige Situation. Dazu gehören Sigmund Freuds Psychoanalyse auf der Grundlage des Wiener Milieus seiner Zeit. Theodor Herzl hat aus dem Wiener Antisemitismus seine Schlüsse gezogen und hier die Idee des Zionismus entwickelt, der in letzter Konsequenz zur Gründung des Staates Israel führte. In Wien hat sich Bertha von Suttner bis zu ihrem letzten Atemzug knapp vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit ganzer Kraft für den Friedensgedanken eingesetzt, mit ihrem Roman Die Waffen nieder! weltweit Resonanz erzielt, letztendlich vergeblich. Die Erfahrungen im „Rassen-Babylon“ Wien waren prägend für den jungen Adolf Hitler, hier formte sich seine bizarre, von Hass und Vorurteilen erfüllte Weltanschauung, die später Millionen Menschen Elend und Vernichtung bringen und das alte Europa in den Abgrund reißen sollte.
Zahlen, Daten, Fakten: Ohne dieses Grundgerüst kommt kein historisches Werk aus. Das allein wäre nur eine trockene Chronik. Wirklich interessant und erlebbar wird Geschichte erst dann, wenn man in ihr die Menschen entdeckt – das, was sie in ihrer jeweiligen Epoche bewegt hat, ihre Freuden, ihre Leiden, ihre grandiosen Leistungen, aber auch ihre Irrtümer und ihre Schäbigkeit nachvollziehbar macht. Auf dieser Basis soll das vorliegende Buch die Geschichte Wiens in ihrer ganzen Vielfalt erzählen, vielleicht auch als Anregung, bei diesem oder jenem in die Tiefe zu gehen. Denn alles in allem ist Wien, wie Siegfried Weyr es formuliert hat, „eine Dichtung der Wirklichkeit ohnegleichen, ein ebenso makabres wie elementares Symbol des unerbittlichen Schicksals.“


Vindobona ist die Urmutter Wiens. Die günstige Lage auf einem Hochplateau oberhalb des südlichen Donauufers ist die beste Voraussetzung dafür, ein befestigtes Militärlager zum Schutz der Nordgrenze des Imperium Romanum zu errichten. Der Alltag spielt sich im Lager, in den
angrenzenden Vorstädten und in der Zivilstadt ab. Die Römer bringen ihre Hochkultur an die Donau, dazu gehören Thermen, Wasserleitung und Fußbodenheizung. Alle Höhen und Tiefen im Werdegang des römischen Reiches sind in dieser neuralgischen Zone besonders spürbar.
Zur Sicherung des Imperiums: die Römer an der Donau
„Patria nostra olim provincia romana erat –Unsere Heimat war einst eine römische Provinz“: Dies war der erste Satz im Latein-Lehrbuch an Österreichs Mittelschulen in den 1960er-Jahren. Österreich hat also römische Wurzeln, desgleichen Wien, das als Militärlager vor 2000 Jahren Vindobona hieß. Seine Geschichte beginnt im Zeitalter des Kaisers Augustus. Nach langen Bürgerkriegen hat Roms erster Kaiser den inneren Frieden im Reich hergestellt, den äußeren sucht er militärisch zu sichern. Tiberius, Augustus’ Stiefsohn und späterer Nachfolger, besetzt im Jahr 15 v. Chr. das keltische Königreich Noricum, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Es gelingt den Römern aber nicht, die nördlich der Donau siedelnden Markomannen zu unterwerfen. Die Expansion des Imperiums stößt an ihre Grenzen. Nach der katastrophalen Niederlage im Teutoburger Wald 9 n. Chr. hat die Sicherung des Erreichten Vorrang. Rhein und Donau als natürliche Grenzen sind einer Expansion in die undurchdringlichen Wälder östlich des Rheins und nördlich der Donau vorzuziehen. Durch Freundschaftsverträge werden Markomannen und Quaden Klientelvölker, die den Römern zu militärischem Beistand verpflichtet sind. Die Gefahr aus dem Norden ist vorerst gebannt.
Einen Vorgeschmack auf den kommenden Untergang bedeuten die Einfälle der Markomannen und Quaden, die von Kaiser Marc Aurel abgewehrt werden können. Nach einer Phase der Stabilisierung erliegt das Imperium dem Druck der Völkerwanderung, und mit ihm geht Vindobona unter.
Die Inbesitznahme des Ostalpenraumes verläuft weitgehend friedlich, die Römer lassen die bäuerlich-keltische Bevölkerung unbehelligt. Nur die keltischen Höhensiedlungen auf dem Leopoldsberg und dem Bisamberg werden geschleift. Diese als Zufluchtsorte angelegten Plätze, Oppida (Kleinstädte) genannt, stellen für die Römer ein Sicherheitsrisiko dar.Von der Höhenfestung auf dem Leopoldsberg dürften die Römer den Namen Vindobona übernommen haben. Er bedeutet so viel wie „weißer Boden“, „weißes Gut“. Der Name wird schließlich auf das römische Militärlager übertragen.Von Vindobona ist im ersten nachchristlichen Jahrhundert wenig bekannt. Weit wichtiger ist Carnuntum, 40 Kilometer östlich von Wien, heute im Gebiet von Petronell und Deutsch-Altenburg. Dort verläuft die Bernsteinstraße, über sie wickelt sich der Handelsverkehr und der Nachrichtenaustausch ab. Um 50 n. Chr. wird Carnuntum zum Legionslager ausgebaut, die Zivilstadt unter Kaiser Trajan Hauptstadt der Provinz Pannonia superior (Ober-Pannonien). Auf dem Boden Vindobonas werden zu dieser Zeit zwei römische Reiterregimenter stationiert, die Ala Sulpicia und die Ala Britannica. Von Reitern der Ala Britannica zeugen drei Grabstelen, die 1559 beim Bau der Stallburg entdeckt wurden. Aus den Inschriften lässt sich ablesen, dass es sich um eine etwa 1000 Mann starke Einheit gehandelt hat, die in einem von
Römischer Kelch mit Standfuß, Ende 1./Mitte 2. Jahrhundert n. Chr., gefunden bei Grabungen am Areal des ehemaligen Hauptpostamtes
Erdwällen geschützten Lager wahrscheinlich im Bereich des Schottenklosters stationiert war. Die Regimenter errichten am Südufer der Donau Befestigungsanlagen: eine Kette von Wachttürmen, steinernen Lagern für Legionäre und Erdlagern für Hilfstruppen.Verbunden sind die Stützpunkte durch eine Straße, die die rasche Verlegung von Truppeneinheiten ermöglicht. Als hervorragende Straßenbauingenieure und Landvermesser passen die Römer die Straßen den natürlichen Gegebenheiten an. Der Verlauf der sogenannten Limesstraße durch das heutige Wiener Stadtgebiet lässt sich gut dokumentieren: Döblinger Hauptstraße – Währingerstraße – Herrengasse – Michaelerplatz – Augustinerstraße –Technikerstraße – Rennweg – Simmeringer Hauptstraße.
Die Wacht an der Donau: das Militärlager Vindobona
Der Krieg gegen die Daker unter Trajan (98–117) gibt den Anstoß zum Bau eines ummauerten Militärlagers auf dem Boden Vindobonas, im Gebiet um den heutigen Hohen Markt.
Mächtige Steinquader von bis zu drei Metern Stärke und sechs Metern Höhe fassen ein etwa 22 Hektar großes Gelände ein. Es ist von drei Seiten natürlich geschützt: im Norden vom südlichsten Donauarm entlang dem Salzgries, im Westen vom Ottakringer Bach entlang dem Tiefen Graben, im Osten vom Möringbach entlang der heutigen Rotenturmstraße. Nur an der Südseite muss vor der Lagermauer ein Graben als künstlicher Schutz angelegt werden. Dies ist heute noch am abschüssigen Verlauf des Haarhofes unterhalb der Naglergasse erkennbar. Am Bau des Kastells sind drei Legionen beteiligt, zuletzt die Legio X. Gemina Pia Fidelis. Sie wird bis zur Zeit der Völkerwanderung gleichsam das Hausregiment Vindobonas bleiben.
In das Kastell führen vier Lagertore mit doppelter Durchfahrt, jedes ist von zwei Türmen flankiert. Durch ihre Höhe von 30 Metern und die Zinnen über dem Verbindungsgang zwischen den Türmen, gegliedert von Pilastern und mit Friesen geschmückt, machen sie auf den Ankommenden einen imposanten Eindruck. Alle vier Tore haben ihre eigenen Namen: Porta principalis sinistra an der Hohen Brücke, Porta principalis dextra bei der Kreuzung Ertlgasse/


h oher Standard am a ußenposten: römische Kultur in Vindobona

Kramergasse, Porta decumana an der Kreuzung Graben, Naglergasse und Tuchlauben und Porta praetortia am Ufer zum Donauarm, etwa dort, wo heute die Kirche Maria am Gestade steht. Von den Toren führen die Hauptstraßen ins Kastell: die Via principalis als innerstädtischer Bereich der Limesstraße, die Via decumana und die Via praetoria. Die Via sagularis läuft an der Innenseite der Wallmauer entlang. Am Schnittpunkt des Achsenkreuzes stehen die Hauptgebäude Vindobonas: der Legatenpalast und das Lagerkommando, heute etwa der Bereich von Kleeblattgasse, Jordangasse und Judenplatz. Die Straßen des Militärlagers sind etwa neun Meter breit, mit großen Steinplatten gepflastert und mit Entwässerungskanälen ausgestattet. Arkaden schützen vor Regen und Hitze. Hier reihen sich Schankstuben, Werkstätten und Lagerräume aneinander.Vor der Kastellmauer ist eine Sicherheitszone angelegt, im Abstand vor der südlichen Kastellmauer verläuft auf einer leichten Anhöhe die Strata alta, die Hochstraße (heute Herrengasse).Vor dem Lager, wo sich heute Stephansplatz, Michaelerplatz und Freyung befinden,
sind die canabae legionis, die Vorstadtsiedlungen, angelegt. Hier herrscht geschäftiges Treiben in Wirtshäusern, Garküchen,Verkaufsbuden und Handwerksbetrieben. Durch ihren regelmäßigen
Sold sind Soldaten für Händler eine gewinnversprechende Käuferschicht. In der Vorstadt wohnen auch Frauen, die einen Legionär als Lebensgefährten haben. Heiraten dürfen die Legionäre seit Augustus’ Zeiten nicht. Erst gegen Ende des zweiten Jahrhunderts wird das Eheverbot aufgehoben. Soldaten ohne ausgeprägten Familiensinn suchen ihr Vergnügen in Bordellen.
Hoher Standard am Außenposten: römische Kultur in Vindobona
Was das Leben in Vindobona einst ausmachte, liegt heute unter einer Schicht von etwa 3,5 Metern im Untergrund verborgen. Nachfolgende Generationen haben auf den Trümmern von Wiens ältestem Siedlungskern aufgebaut. Das Interesse an Vindobona ist erst ein Verdienst der Neuzeit. Es sind immer wieder Kanalbau-
Bei Grabungen am Michaelerplatz zwischen 1989 und 1991 freigelegte Reste der römischen Lagervorstadt
1948 wurden bei Grabungsarbeiten unter dem Hohen Markt Reste zweier Offiziershäuser aus der Römerzeit entdeckt, darunter eine Fußbodenheizung, die vom hohen Standard römischer Wohnkultur auf Wiener Boden zeugt. Diese Hypocaustum genannte Heizung basierte auf der Erkenntnis, dass erwärmte Luft nach oben steigt. Deshalb setzte man den Steinfußboden der Zimmer auf etwa ein Meter hohe Ziegelsäulen auf. In den Hohlraum dazwischen wurde erwärmte Luft eingeleitet und durch rechteckige Hohlziegel, die an den Wänden bis unter das Dach führten, weitergeführt. Durch die Zirkulation der Warmluft war eine angenehme Raumtemperatur garantiert. Um Rauchbelästigung zu vermeiden, wurden der Fußboden mit Estrich abgedichtet und die Zimmerwände verputzt. Der Heizungsofen, Praefurnium, befand sich in einem Nebenraum oder im Hof des jeweiligen Hauses. Mit dem
Fall des römischen Reiches ging das Wissen um die Vorteile der Fußbodenheizung verloren. Zu besichtigen sind die eindrucksvollen Überreste
der Hypocaustheizung im Römermuseum unter dem Hohen Markt im 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt.

arbeiten, durch die ein Lichtstrahl in eine längst versunkene Welt fällt. Jede Tonscherbe, jeder Ziegel, ja selbst Latrineninhalte sind für Archäologen Kostbarkeiten, die Aufschluss über das Alltagsleben der Menschen von damals geben. „Saxa loquntur – Steine sprechen“ sprichwörtlich, sind sie doch meist die einzige Quelle der Geschichtsforschung. So auch bei der Verlegung einer Fernkälteleitung 2019, bei denen Arbeiter auf Reste Vindobonas im Bereich Bognergasse/ Seitzergasse nahe der einstigen Porta decumana stießen. Hier wurden Außenmauern von Mannschaftsunterkünften und des Hauses eines römischen Offiziers, mehrere Innenmauern und Fußböden freigelegt. Auch wenn nur zwei Prozent der Überreste Vindobonas ausgegraben wurden, ist der fehlende Rest durch den Vergleich mit dem gängigen Schema anderer Legionslager
rekonstruierbar. Demnach bestand Vindobona aus etwa 60 langgestreckten Kasernen, in jeder von ihnen waren jeweils 80 bis 100 Soldaten untergebracht. Unterteilt war jede Kaserne in zehn bis 15 Wohneinheiten mit Vor- und Hauptraum. 40 bis 50 Quadratmeter standen acht Soldaten zur Verfügung, genutzt als Schlafstätte, Koch- und Essplatz. Ein größerer Wohnbereich war dem Centurio, dem Befehlshaber der 100 Mann umfassenden Centurie, vorbehalten. Seine Unterkunft befand sich jeweils am Kopfende der Kaserne. Die Waffen der Legionäre wurden in den fabricae (Werkstätten) produziert oder repariert. Eine weitläufige Anlage war im Bereich des Platzes Am Hof angesiedelt, 2007 hat man bei einer Grabung Reste von Metallverarbeitung und Malerwerkstätten sichergestellt. Die Römer verstanden sich meisterhaft auf die Konstruk-
tion mechanischer Kriegsgeräte: Geschossspitzen aus Eisen oder Bronze wurden in Katapulte mit einem komplizierten Spannmechanismus eingelegt und abgeschossen. Die Treffsicherheit über 100 Meter Distanz war hoch, die Pfeile durchdrangen selbst Rüstungen.
Die Römer in Vindobona verfügten über eine hochwertige Infrastruktur, die erst im 20. Jahrhundert zurückkehren wird: Fußbodenheizung, Badeanlagen, Aborte mit Wasserspülung, Lazarett zur gesundheitlichen Versorgung der Legionäre. Das Wasser hierfür stammte aus einer Quelle in Mauer im heutigen Bezirk Liesing und wurde über ein 17 Kilometer langes Aquädukt ins Lager geleitet. Reste dieser Wasserleitung lassen sich heute über einige Kilometer nachverfolgen.
Das luxuriöseste Gebäude Vindobonas war der Legatenpalast. Hier hatte der aus dem römischen Adel stammende Legionskommandant seinen Sitz. Das 3800 Quadratmeter umfassende Gebäude war mit römischen Villen vergleichbar, ausgestattet mit Mosaikfußböden und Wandmalereien. Außer den Privaträumen fanden sich hier Schreibstuben und Unterkünfte für das Personal, zu dem auch Sklaven und Sklavinnen gehörten. Aufwendig gestaltet war auch das Kommandound Verwaltungsgebäude. Mehrere Gebäudekomplexe umschlossen einen weitläufigen Innenhof mit Säulenumgang. Im Inneren befand sich die Basilica, die Versammlungshalle, in der das Fahnenheiligtum, die Feldzeichen und der Legionsadler aufbewahrt wurden.
In bürgerlicher Selbstverwaltung: die Zivilstadt
Entlang der Limesstraße, dem heutigen Rennweg im 3. Bezirk, legen die Römer auf keltischen Siedlungsresten zur gleichen Zeit eine Zivilstadt an. Sie umfasst ein Gebiet von 52 Hektar und reicht bis in den heutigen Bezirksteil Erdberg hinüber. Hier wohnen bis zu 10 000 Menschen. Diese Zivilstadt hat die Struktur eines Straßendorfes. Der Limesstraße entlang reihen sich Häuser mit weit nach hinten reichenden Höfen. Hier finden sich Werkstätten, Töpfereien, Verkaufsläden, Bäckereien, Gaststätten, aber auch Brunnen und Latrinen. Anders als Lager und Lagervorstadt herrscht in der Zivilstadt bürgerliche Selbstverwaltung. Die Entscheidungsgewalt liegt bei einem aus 100 Mitgliedern bestehenden Gemeinderat, der von den Bürgern gewählt wird. Um ihm anzugehören, muss man
g efahr aus dem n orden: Markomannen und Quaden
zu den Wohlhabenden zählen. Es wird erwartet, dass Gemeinderatsmitglieder aus eigener Tasche zu Infrastruktur und kulturellen Veranstaltungen beitragen. An der Spitze des Gemeinderates stehen Duumviri, zwei Magistrate, die dieses hochangesehene Amt ein Jahr lang ehrenamtlich ausüben. Sitz des Gemeinderates ist das Forum, das wirtschaftliche und religiöse Zentrum der Zivilstadt. Bisher konnte es nicht genau lokalisiert werden, aber höchstwahrscheinlich stand hier ein Gerichtsgebäude mit einer Apsis. Alles, was römisches Stadtleben ausmacht, ist in der Zivilstadt zu finden: Thermen mit Kalt- und Warmwasserbecken, Dampfbad und Schwimmhalle, Fitness- und Ruheräume, Freiluftterrasse für Sport. Reste der Thermen wurden um 1900 im Bereich Oberzellergasse freigelegt. Auch ein Amphitheater in Ovalform für Gladiatorenkämpfe, Tierhetzen und Komödien gehört zur Zivilstadt. Für die Bauten ist eine Massenproduktion von Ziegeln nötig. Bei archäologischen Grabungen im heutigen 17. Bezirk Hernals wurden die Reste einer Ziegelfabrik mit Öfen und Trockenhalle entdeckt, ihre Fläche umfasste drei Hektar. Die Toten werden außerhalb der Wohngebiete beigesetzt. Entlang der Ausfallstraßen reiht sich Grab an Grab, bei Reichen mit Reliefs geschmückt.
Jenseits von Lager und Zivilstadt breitet sich der Landbezirk, Ager Vindobonensis, aus; entlang der Donau bis Schwechat, am Wienerwaldkamm vermutlich bis Greifenstein, wo die Grenze zwischen den Provinzen Noricum und Pannonien verlief, im Süden bis Baden; den Römern wegen seiner Schwefelheilquellen bekannt und von ihnen Aquae genannt. In diesem Umland haben wohlhabende Römer ihre Villen. Jene von Unterlaa im Bezirk Favoriten ist die größte, die je auf österreichischem Territorium gefunden wurde. In der Blütezeit des Imperiums lebt es sich angenehm in dem fruchtbaren Gebiet mit seinen Weingärten, Bauerngehöften, Äckern, Wiesen und Wäldern, durchzogen von Bächen und Flüssen.
Gefahr aus dem Norden: Markomannen und Quaden
Kriege gegen die Parther zwingen die Römer um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, umfangreiche Truppen in den Osten zu verlegen. Die Markomannen nützen diese Chance, die römische Vorherrschaft abzuschütteln. Sie überrennen die Fortifikationsanlagen, verwüsten Vindobona
und Carnuntum und dringen südwärts bis Aquilea und Verona in Oberitalien vor. Ihnen haben sich auch die Quaden, die sarmatischen Jazygen und andere Stämme angeschlossen. Kaiser Marc Aurel übernimmt persönlich den Oberbefehl über die römischen Truppen und zieht an ihrer Spitze zur Donau. 172 n. Chr. wird das Marchfeld östlich von Wien erstmals in der Geschichte Österreichs zum Schauplatz einer Entscheidungsschlacht. Sie bringt den Römern den Sieg über die Quaden. Dabei waren die Legionäre vor Beginn der Schlacht durch große Hitze nahe am Verdursten. Die Rettung kommt durch einen plötzlichen Gewitterregen. Dieses Ereignis geht als „Regenwunder“ in die Geschichte ein. Schließlich wird Marc Aurel, unterstützt von seinem Sohn und späteren Nachfolger Commodus, in mehreren Feldzügen der Gefahr aus dem Norden Herr. Neben den militärischen Pflichten findet der „Philosoph auf dem Kaiserthron“ Zeit, in Carnuntum und Vindobona seine Selbstbetrachtungen zu schreiben. Am 17. März 180 n. Chr. stirbt er im Alter von 60 Jahren vermutlich an den Folgen einer Epidemie, die römische Soldaten aus dem Orient eingeschleppt haben. Die Seuche wird als „Antoninische Pest“ bezeichnet, vermutlich war es eine Pockenepidemie. Sie fordert zahlreiche Opfer unter den Legionären und der Zivilbevölkerung.
Wenn den Wienern ein Imperator außer Marc Aurel ein Begriff geblieben ist, dann ist es Kaiser Probus (276–82). Er betraut die Soldaten mit Friedensaufgaben; lässt sie Sümpfe trockenlegen, Ödland in Äcker verwandeln, Weinberge pflanzen. Außer in Spanien, Frankreich, an Rhein und Mosel erlebt damit auch der Weinbau rund um Vindobona eine Renaissance, bereits bekannte Weinreben werden veredelt. Probus gilt fälschlicherweise als Urvater des Wiener Heurigen. Weinbau gab es im Wiener Gebiet bereits in der Keltenzeit, danach wurde er aber vernachlässigt. Auch wenn Probus’ Maßnahmen der Selbstversorgung der Soldaten dienen sollen, sehen diese sich zu bäuerlichen Milizionären degradiert. Der Missmut schlägt in Empörung um, Probus wird von den eigenen Soldaten erschlagen.
Alte Götter, neue Kulte:
Religion im Wandel
Den Göttern zu opfern gehört zum Alltag der Römer. Im Tempel wie im Privathaus erfüllt ein eigener Schrein diese Aufgabe.Vor allem gegen
die Naturgewalten sollen die verschiedenen Gottheiten helfen. Davon zeugt der 1899 im ehemaligen Mündungsgebiet des Wienflusses in den Donaukanal gefundene Acaunus-Altar von 268 n. Chr. Er war nicht nur dem Jupiter Optimus Maximus, sondern auch anderen Göttern, Göttinnen und Nymphen geweiht, um Vindobona vor Überschwemmungen zu bewahren. Doch die Götter helfen nicht, Hochwasser führt zu einer Hangrutschung und reißt große Teile des Lagers mit sich.
Die Soldaten, die in Vindobona stationiert sind, bringen die Kulte der Götter ihrer Heimat mit, darunter den aus Persien stammenden Mithras-Kult. Er ist ein Sieg verheißender Gott, was ihn für Soldaten besonders attraktiv macht.
Auch das Christentum kommt an den Limes. Seine Lehre „Liebet eure Feinde!“ stellt den Lebenssinn eines Soldaten infrage, nimmt ihm genau genommen das Schwert aus der Hand. Zudem ist die Weigerung der Christen, dem Kaiser göttliche Ehren zu erweisen, ein hochbrisantes Politikum, gilt als Hochverrat am Imperium, Christen werden deshalb als Staatsfeinde eingestuft und verfolgt. Und doch dürften einige Legionäre den neuen Glauben angenommen haben, die das „Regenwunder“ in der Schlacht gegen die Quaden als Zeichen der Errettung durch Christus ansahen. Erste Spuren des Christentums auf Wiener Boden vom Beginn des vierten Jahrhunderts fanden sich unter der Johanneskirche in Unterlaa, heute ein Teil des 10. Bezirks Favoriten.
Im Sog der Reichskrisen: der Untergang Vindobonas
Die Lage am Donaulimes wird im Laufe des vierten Jahrhunderts immer unruhiger. Kaiser Valentinian I. versucht um 370 durch umfangreiche Verstärkungen der Befestigungsanlagen der Krise Herr zu werden. Doch die Zeit arbeitet gegen das Imperium. Die Besatzung am Limes wird zahlenmäßig immer geringer, der Sold bleibt immer öfter aus. Aus den Legionären werden mit der Zeit Wehrbauern, die sich selbst versorgen, weder fähig zu reiten, noch, das Kurzschwert zu führen. Vorstädte und Zivilstadt werden aufgegeben, ihre Bewohner suchen hinter der Lagermauer Zuflucht. Hier ersetzen regellos erstellte Behelfsbauten die in Rastern angelegten Kasernen. Räume großer Häuser werden unterteilt, um mehr Wohnraum zu schaffen.

Im Sog der r eichskrisen: der Untergang Vindobonas
Im Sog der r eichskrisen: der Untergang Vindobonas
Um die Wende zum fünften Jahrhundert setzt die Völkerwanderung ein, ausgelöst durch den Einfall des nomadischen Reitervolkes der Hunnen in Osteuropa. Die dort siedelnden Völker flüchten Richtung Westen. Ab 380 n. Chr. übernehmen Goten und Alanen als Foederaten den Grenzschutz in Pannonien, die römische Donauflottille wird nach Vindobona verlegt, nachdem die Sarmaten Carnuntum niedergebrannt hatten. 395 überrennen die Markomannen die Limesbefestigungen, Vindobona geht in Flammen auf. Das Ende des Legionslagers ist archäologisch nachweisbar anhand einer Brandschicht und von eingestürzten Kasernendächern; in der Schicht darüber fanden sich keine Spuren von späteren Bauten. Den Römern bleibt schließlich nichts anderes übrig, als den Markomannen Vindobona und sein Umland als Siedlungsgebiete zuzuweisen. Damit ist die Funktion des Limes hinfällig. Zum letzten Mal wird Vindobona in der Notitia dignitatum, einem römischen Staatshandbuch, erwähnt: ein Hinweis auf Markomannen unter einem römischen Tribun. Danach verschwindet Vindobona mitsamt der römischen Hochkultur aus der Geschichte und aus dem Gedächtnis der nachfolgenden Generationen.
1962 beim Abbruch des Hauses Sterngasse 5 entdeckte Riesenquader von der Badeanlage des Legionslagers.
Aufgestellt bei der Theodor-HerzlStiege

Auf die Vernichtung des römischen Militärlagers Vindobona folgen die „dunklen Jahrhunderte“. Zeitgenössische Quellen gibt es kaum, denn es ist eine lange Epoche der Analphabeten. Historiker hegten lange Zeit Zweifel, ob nach dem Ende des römischen Reiches und durch die Völkerwanderung das zerstörte Lager nicht auch als Wohnsied -
lung ein Ende fand und erst später neu besiedelt wurde. Inzwischen ist erwiesen, dass innerhalb der stehen gebliebenen Römermauer eine Art Restsiedlung zur Donau hin ununterbrochen weiterbestand. Sie wurde die Kernzone für einen langsamen Aufbau primitiven städtischen Lebens. Diese Siedlung, die einem kontinuierlichen Namens -
Im Strudel umherziehender Völker: die nachrömische Zeit
In dem von Brand und Verwüstung schwer gezeichneten einstigen Römerlager ist das Leben im fünften Jahrhundert denkbar primitiv geworden. Die hier verbliebene Bevölkerung haust in behelfsmäßig zusammengezimmerten Quartieren innerhalb der weitgehend stehen gebliebenen Lagermauer. Sie bietet einigermaßen Schutz vor den umherziehenden Völkern. Und ihrer sind im fünften Jahrhundert nicht wenige: zuerst die Vandalen, dann kommen die Westgoten unter ihrem König Alarich, der 410 n. Chr. Rom erobert, ein Fanal für das unaufhaltsame Ende des Imperiums. Zwei Jahrzehnte später dominieren die Hunnen, die wiederum von den Ostgoten abgelöst werden. Auch für sie ist das Wiener Becken kein dauerhafter Aufenthaltsort, sie ziehen sich 471 nach Noricum und Italien zurück. Die frei gewordenen Gebiete werden von Skiren, Herulern und Sueben eingenommen. Dann kontrollieren Rugier das Land zwischen Wien und Enns. Der Skire Odoaker, Mitglied der kaiserlichen Palastwache in Rom, wird von germanischen Anhängern zum König ausgerufen. Er setzt 476 Roms letzten Kai-
wechsel unterworfen ist, fällt im Laufe von sechs Jahrhunderten in den Machtbereich rasch aufsteigender und abrupt endender Reichsgebilde. Erst die bairische Landnahme und die christliche Missionierung sowie Siege auf dem Schlachtfeld unter Karl dem Großen und Otto dem Großen werden schicksalsentscheidend für den weiteren Werdegang der Stadt.
ser, Romulus Augustulus, ab. Damit ist das Ende des nach der Reichsteilung von 395 gebildeten Weströmischen Reiches besiegelt. Für den Wiener Raum wird Odoaker als „Patricius Romanus“ von entscheidender Bedeutung, denn er befiehlt 488 die Absiedelung der romanisierten Zivilbevölkerung des einstigen Römerlagers Vindobona nach Italien. Das ist der eigentliche Schlussakt in der Geschichte Vindobonas.
Im Zuge dieses organisierten Exodus werden die Gebeine eines Mannes mitgeführt, der im Chaos eines versinkenden Weltreiches segensreich gewirkt hatte: der Heilige Severin von Noricum. Er entstammte vermutlich einer römischen Adelsfamilie, wirkte 450 oder nach 460 als Eremit in Mautern (Favianis) bei Krems an der Donau, gründete dort ein Kloster, organisierte die Ablieferung des Zehnten, der ersten Kirchensteuer. In Wien wird der Name des Döblinger Bezirksteils Heiligenstadt auf Severin zurückgeführt. Er soll hier als Heidenapostel missioniert haben. Die Bekehrten nannten daraufhin den Ort Sanctus locus, heilige Stätte. Auch der Ortsname von Sievering wird in Zusammenhang mit Severin gebracht. Belegbar ist das alles nicht. Gesichert ist aber, dass Severin auch politisch
St. Ruprecht gilt als die älteste Kirche Wiens. Bildpostkarte nach einem Gemälde von Rudolf Preuss, um 1910
Funde aus dem 1977 entdeckten Awaren-Gräberfeld in der Csokorgasse in Wien-Simmering. Oben: Grab 217, Bestattung einer Frau, beim linken Oberarm ein Spinnwirtel, am Fußende Tierknochen und ein Tontopf; unten: Gürtelbeschläge aus Bronze und eine Riemenzunge aus einem Männergrab
tätig war, ohne dafür offiziell berufen worden zu sein. Neben der Seelsorge war es ihm ein Anliegen, der von den Wirren der Völkerwanderung schwer getroffenen Zivilbevölkerung Erleichterungen zu verschaffen. Er verhandelte erfolgreich mit den Rugiern jenseits der Donau, organisierte Lebensmittel und Kleidung.
Das einstige Lager Vindobona gerät um die Wende zum sechsten Jahrhundert unter die Herrschaft der Sueben, die bereits 526 von den Langobarden unterworfen werden. Auch sie bleiben nicht auf Dauer: Sie ziehen 568 unter ihrem König Alboin nach Italien ab.
Für Jahrhunderte dominierend:
Awaren und Slawen
Nach den Langobarden nehmen die Awaren vom Wiener Becken Besitz. Dieses aus Asien stammende nomadische Reitervolk unter Führung eines Großkönigs (Chagan) verbreitet überall Angst und Schrecken. Mit ihrer Gewandtheit als Reiter und ihren Stoßlanzen sind die Awaren anderen überlegen. Sie wohnen in ringförmig angelegten Zeltlagern, die sie mit Palisaden sichern. Auf Wiener Boden haben die Awaren Zeugnisse von unerwarteter Opulenz hinterlassen. In Simmering wurden etwa 700 Gräber ent-

deckt, die kostbar verzierte Schwerter und Säbel, Gürtelschnallen aus Edelmetall als Grabbeigaben enthielten.
Im Raum um Wien siedeln bereits Slawen, als die Awaren hier ihre Herrschaft aufrichten. Die Slawen müssen ihnen Tribut zahlen, den sie immer unwilliger leisten. Details über die Demütigung der Slawen durch die Awaren sind in der sogenannten Fredegar-Chronik anschaulich zu lesen. Der machtbewusste fränkische Fernhandelskaufmann Samo wird zum Befreiungshelden der Slawen. Er trägt entscheidend zum Erfolg ihres Aufstandes gegen die awarische Oberhoheit bei, wird zum König gekürt und gründet ein unabhängiges Slawenreich, das sich von Thüringen über Böhmen, den Raum um Wien bis nach Kärnten und Osttirol erstreckt. Begünstigt wird diese Reichsgründung durch eine schwere Niederlage, die die Awaren 626 vor Konstantinopel erleiden, was innere Unruhen bei ihnen auslöst. Gut 30 Jahre lang behauptet sich das von Samo geschaffene Mährische Reich. Mit seinem Tod zerfällt es, und die Awaren haben wieder die Oberhand. Die Slawen sind bereits weit in die Alpenländer eingewandert. Als Karantanen bezeichnet, ziehen sie es vor, die Oberhoheit des Herzogtums Bayern anzuerkennen. Für die Hilfe bei der Abwehr der Awaren müssen sie allerdings auch Heerfolge leisten. Diese Abhängigkeit wird





ihnen auf Dauer lästig und führt 772 zu einem letztlich erfolglosen Aufstand gegen Herzog Tassilo III. Damit wächst der Einfluss der Bayern im Donauraum kontinuierlich. Ihre Siedlungstätigkeit, als bairische Landnahme bezeichnet, dehnt sich schließlich bis zum Hauptkamm des Wienerwaldes aus.
Festigung fränkischer Staatsmacht: die Karolingische Mark

Festigung fränkischer Staatsmacht: die Karolingische Mark

Für den Werdegang des Wiener Gebietes wird der Frankenkönig Karl, uns als Karl der Große bekannt, von entscheidender Bedeutung. Ab 771 Alleinherrscher, unterwirft er zunächst das Langobardenreich. 788 wird das Herzogtum Bayern samt den Siedlungsgebieten im Osten Bestandteil des Fränkischen Reiches. Als neuer Landesherr geht Karl daran, die Gefahr für die bairischen Kolonisten durch die Awaren ein für alle Mal zu bannen. In drei Feldzügen brechen seine Truppen die ringförmigen Wehranlagen der Awaren am Kamp und im Wiener Becken. Karls Sieg führt das Ende des Awarenreiches herbei. Das Fränkische Reich hat seine Ostgrenze nun am Fluss Raab. Zur dauernden Sicherung der eroberten Gebiete werden Marken eingerichtet. In der ehemals römischen Provinz Pannonien entsteht die Karolingische Mark, unterteilt in drei Gebietsteile. Eine später vorgenommene Neueinteilung führt zur Bildung der Mark an der Donau, damals Marchia orientalis genannt, was im 20. Jahrhundert historisch inkorrekt zum Namen „Ostmark“ für Österreich führen wird. Die neuen Verhältnisse erlauben eine Wiederaufnahme der bairischen Siedlungspolitik. Geführt von Grundherren, nehmen Bauern Besitz von Grund und Boden. Die einheimischen Slawen werden weitgehend friedlich assimiliert. Mit den Kolonisten
kommen christliche Missionare ins Land. Kirchlich wird die Mark an der Donau dem Bistum Passau zugeteilt. Damit enden die „heidnischen“ Jahrhunderte für den Raum um Wien. Die bairische Landnahme ist an den heutigen Orts- und Bezirksnamen mit der Endsilbe „-ing“ abzulesen. In Wien haben sieben Bezirke solche Namen: Simmering Meidling, Hietzing Penzing, Ottakring, Döbling und Liesing. Die aus dem Althochdeutschen stammende Endsilbe deutet eine personelle Zugehörigkeit an, also zum Grundherrn oder zum Anführer der jeweiligen Siedler.
Eine Seite aus der Fredegar-Chronik, die als einzige unabhängige Quelle die Existenz des frühslawischen Samo-Reiches überliefert
Das Marmorrelief an der Ostseite der Peterskirche von Rudolf Weyr zeigt die legendäre Gründung der Kirche durch Karl den Großen.

Neues Leben innerhalb der Römermauer: die Siedlungskerne
Über die Entwicklung Wiens im Frühmittelalter fehlen schriftliche Belege, die Geschichtsforschung ist somit auf rare Hinweise angewiesen, die nur Vermutungen zulassen. Gesichert ist, dass sich in der Nordostecke des einstigen Römerlagers eine Kirchensiedlung herausgebildet hat, mit St. Ruprecht, die als älteste Kirche Wiens gilt, dem Kienmarkt und dem Berghof als Wehranlage. Die Siedlung um St. Ruprecht liegt auf dem Plateau über dem damaligen südlichen Donauufer. Hier legen die Kähne an, um Salz und Holz an Land zu bringen. Damit ist Wien ein – wenn auch bescheidener – Handelsplatz. Der Berghof als wehrhafte Burg gilt als ältestes profanes Bauwerk Wiens. Nach der Eingliederung der hier bestehenden Siedlung in das Reich Karls des Großen dürfte ein hoher fränkischer Amtsträger im Berghof seinen Sitz gehabt haben.
In die Zeit der Karolingischen Mark fällt auch der Bau der Peterskirche. Der Legende nach soll sie Karl der Große 792 gestiftet haben. Das große Relief des Bildhauers Rudolf Weyr an der Fassade der barocken Kirche, geschaffen 1906, stellt die Szene der Kirchengründung dar, verfestigt die Legende in Stein. Ein Aufenthalt Karls des Großen im Wiener Gebiet kann allerdings nicht nachgewiesen werden. Am wahrscheinlichsten dürfte St. Peter von einem Stadtherrn der Zeit vor den Babenbergern gegründet worden sein. Das Patrozinium St. Peter deutet auf einen Bezug zu Salzburg hin, das seit 739 Bistum ist. Hartnäckig hält sich die Überlieferung, auf dem Boden der Peterskirche wäre bereits in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts eine spätrömische Saalkirche gestanden, St. Peter somit als Wiens älteste Kirche anzusehen. Diese Theorie kann aber durch nichts belegt werden. Über dem Abladeplatz der Salzschiffer und Holzflößer an der Mündung des Ottakringerbaches in die Donau entsteht auf römischen Grundmauern ein kleiner befestigter Kirchweiler mit dem Namen Unsere liebe Frau an der G’stetten, später Maria Stiegen genannt. Heute heißt sie Maria am Gestade, sie ist Wiens erste Marienkirche. Der Legende nach soll der Mönch Alfried 880 den Auftrag zu ihrer Errichtung erhalten haben.
Der Schrecken ihrer Zeit: die Ungarneinfälle
Um die Wende vom neunten zum zehnten Jahrhundert brechen die Magyaren über die Karpaten in die Ebene zwischen Theiß und Donau ein. Dieses Reitervolk aus den Steppen Asiens trifft auf keinen Widerstand. Hier siedeln Slawen, die es nach Samos Tod nicht geschafft haben, einen eigenen Staat zu bilden. Dem Ansturm der Ungarn ist die älteste Erwähnung Wiens zu verdanken. In den Salzburger Annalen ist zum Jahr 881 der
er Schrecken ihrer Zeit: die Ungarneinfälle
er Schrecken ihrer Zeit: die Ungarneinfälle

Eintrag zu lesen: „primum bellum cum Ungaris ad Uueniam – erster Kampf mit den Ungarn bei Wien“. Wobei nicht geklärt ist, ob mit Uueniam die Siedlung oder der gleichnamige Fluss, der spätere Wienfluss, gemeint ist. Welche Verheerungen die Ungarn hier angerichtet haben, lässt sich unschwer ausdenken. Nichts kann ihnen Einhalt gebieten. Interessant ist, dass in den Salzburger Annalen das einstige Vindobona nun als Uuenia bezeichnet wird. Nach Ansicht der jüngsten Forschung dürfte sich nach dem Fall Vindobonas eine Lautverschiebung mundartlicher Natur zu Vindovona,Vindovina,Vindomina ergeben haben. Durch slawischen Einfluss wurde daraus Veidinia,Videnica,Vidunji,Viden, gefolgt vom althochdeutschen Uuenia, Venia, Wenia oder Wennia, um im Mittelhochdeutschen zu Wienne und schließlich zu Wien zu werden.
Die Ungarneinfälle offenbaren die Schwäche der Königsgewalt im Ostfränkischen Reich, das aus der Teilung nach dem Tod Karls des Großen hervorgegangen ist. Nur der Stärkste der Häupter der Stammesherzogtümer wird imstande sein, die Invasoren aufzuhalten. Die Wahl fällt 919 auf den Sachsenherzog, der als Heinrich I., genannt der Vogler, in die Geschichte eingeht. Er erringt den ersten Erfolg gegen die Magyaren. Ihm folgt 936 Otto I., der das Reich Karls des Großen machtvoll wiederauferstehen lassen möchte. In der Schlacht am Lechfeld südlich von Augsburg am 10. August 955 schlägt er die Ungarn in die Flucht. Man feiert den Sieg des Kreuzes über die heidnischen Götzen. Dieser Triumph ist von größter Bedeutung. Die Zeit der Plünderungszüge ist vorbei, die Ungarn werden über die Leitha zurückgedrängt, werden in der pannonischen Tiefebene sesshaft, bilden einen Staat und bekehren sich um die Wende zum zweiten Jahrtausend zum Christentum. Otto gelingt die Erneuerung der römischen Kaiserwürde, er geht als Otto der Große in die Geschichte ein. Die Stärkung der Reichsmacht ist für die weitere Entwicklung Österreichs und Wiens entscheidend. Aus der vormals Karolingischen Mark wird die Ottonische Mark, sie ist bayerisches Lehen.
Die sogenannte Heilige Lanze, die in der Kaiserlichen Schatzkammer in der Hofburg aufbewahrt wird, soll bei der Schlacht auf dem Lechfeld zum Einsatz gekommen sein.


Mit dem Jahr 976 beginnt die 270-jährige Herrschaft der Babenberger. Ihre Residenz verlegen sie etappenweise ostwärts, auf Melk und Tulln folgt Klosterneuburg. Erst 180 Jahre nach Beginn der BabenbergerHerrschaft wird Wien durch Heinrich II. Jasomirgott zur Residenzstadt des zum Herzogtum
erhobenen Österreich. Es folgt eine Blütezeit für Handel und Wirtschaft, der Hof der Babenberger wird zum Musenhof. Der Bau der neuen Stadtmauer wird für eine bedeutende Erweiterung des Stadtgebietes genützt. Das Aussterben der Babenberger verursacht ein Machtvakuum in Österreich. Der böhmische
Im Bann von Sieg und Niederlagen:
Wien um die Jahrtausendwende
Kaiser Otto II. belehnt seinen Gefolgsmann Luitpold (Leopold) aus dem altbairischen Herzogshaus der Luitpoldinger mit der Mark an der Donau. Die Urkunde ist mit 21. Juli 976 datiert. Der Tag der Namensgebung für die Markgrafschaft ist dann der 1. November 996. In einer Schenkungsurkunde Kaiser Ottos III. an die bischöfliche Kirche zu Freising liest man: „… regione vulgari vocabulo ostarrîchi – ... in einem Gebiet, das im Volksmund Ostarrîchi genannt wird“. Das Original des Dokuments gilt als Geburtsurkunde Österreichs. Das Geschlecht der Luitpoldinger wird in der Literatur ab dem 15. Jahrhundert als Babenberger bezeichnet. Das geht auf Bischof Otto von Freising, ein Sohn Herzog Leopolds des Heiligen, zurück, der sein
König Ottokar nutzt die Chance des auch im Reich herrschenden Interregnums und macht sich Österreich untertan. Wien verliert zwar seinen Status als Residenzstadt, profitiert aber von Ottokars städtefreundlicher Politik. Die Wahl Rudolfs von Habsburg zum römischen König wird für ihn und für Wien zur Schicksalswende.
Geschlecht auf Adalbert von Bamberg zurückführte, woraus sich im Laufe der Zeit schließlich der Name Babenberger entwickelte.
Die Abkehr vom Nomadentum und die Annahme des Christentums machen aus den Ungarn keineswegs eine friedfertige Nation. Machtbewusst versuchen sie, ihr Herrschaftsgebiet zu erweitern. Die Zeit um die Wende zum zweiten Jahrtausend ist gerade für das Wiener Becken von wechselhaften kriegerischen Konflikten geprägt. 984 besiegt Markgraf Leopold I. der Erlauchte eine ungarische Streitmacht. Dies ermöglicht die Erweiterung der Ostgrenze der Mark bis zum Ostrand des Wienerwaldes. Doch dann erleidet ein Heer unter Kaiser Konrad II. im Jahr 1030 eine empfindliche Niederlage – bei Vienni, wie es in den Niederaltaicher Annalen heißt. Die Ungarn nehmen Wien ein, können sich aber auf Dauer nicht halten. Her-
Mit dem Sieg Rudolfs I. über Ottokar II. von Böhmen im Marchfeld im Sommer 1278 beginnt die 640jährige Herrschaft der Habsburger.
Blick vom Leopoldsberg über die Weingärten am Nussberg auf Wien
zog Leopold III. dem Heiligen gelingt es, sein Herrschaftsgebiet über den Wienerwaldkamm auf das Wiener Becken auszudehnen. Auf dem Leopoldsberg, damals Kalenberg genannt, lässt er seine Pfalz erbauen, der ideale Ort, um das Wiener Becken zu überblicken. Kaiser Heinrich III. hält 1042 in Wien einen Hoftag ab, um eine Heerfahrt gegen die Ungarn zu beschließen, weiß die in Regenburg verfasste Kaiserchronik zu berichten. Mit Erfolg: 1044 macht Heinrich die Ungarn lehenspflichtig.
Die Stabilisierung der politischen Lage begünstigt die Entwicklung Wiens. So wie in der ganzen Mark verdichtet sich die Besiedlung. Innerhalb der Römermauer bildet sich zusätzlich eine kleine Marktsiedlung in Dreiecksform im Bereich der heutigen Tuchlauben, Kühfußgasse und Milchgasse heraus. Hier könnte die erste Schranne (Gerichtsgebäude) oder vielleicht auch Wiens erstes Rathaus gestanden sein.Vor den Stadttoren werden Vorstädte für den Fernhandel Richtung Westen, Osten und Süden immer bedeutsamer. Sie sind zu ihrem Schutz ummauert, wie etwa An der langen Mauer vor dem Peilertor am Ende der Tuchlauben, oder vor dem Ungartor beim Lichtensteg. Diese Vorstadt bildet einen sogenannten Linsenanger. Denkt man sich den Häuserblock zwischen Bäckerstraße und Sonnenfelsgasse weg, dann ist die Angerform zu erahnen. Mit der Anlage der Handelsvorstädte verschwinden die einstigen Viehweideplätze vor der Stadtmauer, der Name der Grünangergasse
erinnert heute noch an den einstigen landwirtschaftlichen Charakter dieser Gegend. Auch im weiteren Umfeld der sich formenden Stadt werden Siedlungen angelegt, einige davon sind urkundlich belegt.
So ist Wien um das Jahr 1000 ein ummauertes Handelszentrum mit den Grundstrukturen einer eigenen Verwaltung und Gerichtsbarkeit. Der „Burgfrieden“ ist die Rechtsgrundlage für das friedliche Miteinander der Bewohner der Stadt und der Vorstädte.Vom damaligen Wien ist nichts übrig geblieben. Wie das alles ausgesehen hat, wissen wir nicht. Nur eines lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen: Eine schöne Stadt war Wien damals nicht.
Frucht eines politischen Kompromisses: Wien wird Residenzstadt
Im 12. Jahrhundert ringen die Geschlechter der Staufer und der Welfen um die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich, mit unterschiedlichem Erfolg. Die Welfen verlieren durch Reichsacht ihre Herzogtümer Sachsen und Bayern. Bayern geht an den Babenberger Heinrich II. Jasomirgott, den Markgrafen von Österreich. 1152 wird der Staufer Friedrich zum deutschen König gewählt, der spätere Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Als oberster Lehensherr will er durch einen Kompromiss den Frieden im Reich wiederherstellen. Das ist nur möglich, wenn Heinrich auf Bayern


verzichtet. Dieser geht schließlich darauf ein, weil ihm großzügige Zugeständnisse gemacht werden. Durch das Privilegium minus, auch Kleiner Freiheitsbrief genannt, wird die Markgrafschaft Österreich 1156 in den Rang eines Herzogtums mit Sonderrechten erhoben.
Herzog Heinrich hat bereits 1145 als Markgraf von Österreich seine Residenz von Regensburg nach Wien verlagert. Auf der Hochfläche an der Westseite des damaligen Stadtgebiets wird eine Pfalz gebaut, etwa dort, wo heute die Kirche Am Hof steht. Wie sie ausgesehen hat, wissen wir leider nicht. Kein Stein, kein Plan, keine Abbildung, keine Beschreibung eines Zeitgenossen ist uns überliefert. Die Namen der Gassen rings um die einstige Herzogsresidenz zeugen davon, welche Gewerke hier einst ihren Standort hatten. In der Färbergasse und im Ledererhof werkten die Tuchfärber und Ledermacher, in der Bognergasse die Bogner, die die Bogen für die kämpfende Truppe herstellten. In der Naglergasse waren die Nagelschmiede ansässig. In dem steil zur Wallnerstraße abfallenden Haarhof wurde Flachs verarbeitet.
„ g ott will es!“: die Kreuzfahrer queren Wien
Über den Ottakringer Bach führte eine Zugbrücke zum sogenannten Steinfeld jenseits der Stadtmauer. Dort errichten iro-schottische Mönche eine dreischiffige romanische Pfeilerbasilika mit Querschiff. Es sind Mönche aus dem Kloster St. Jakob in Regensburg. Der Herzog hat sie nach Wien berufen.
„Gott will es!“: die Kreuzfahrer queren Wien
Im Mai 1189 kommt Friedrich Barbarossa nach Wien. Er folgt der Parole „Gott will es!“. Zum dritten Mal brechen Europas Kreuzfahrer ins Heilige Land auf. Wie auch schon 1096 und 1147 ist Wien ein wichtiger Etappenort der Kreuzfahrer. Diesmal heißt der Feind Sultan Saladin, Beherrscher Ägyptens und Syriens. Er hat 1187 dem christlichen Königreich Jerusalem ein Ende bereitet. In Wien machen die Kreuzfahrer Rast und werden verpflegt. Am Rande kommt es zu Belästigungen,Vergewaltigungen, Diebstählen und Alkoholexzessen. Etwa 500 Übeltäter müssen aus dem Kreuzfahrerheer ausscheiden. Dann ziehen die Kreuzfahrer weiter, Herzog Leopold V., Sohn des 1177 verstorbenen Heinrich II., folgt ihnen mit seiner Truppe im August 1190 nach. Dieser Dritte Kreuzzug ist von Unglück überschattet. Friedrich Barbarossa stirbt überraschend, die Kämpfe konzentrieren sich auf die Eroberung der Stadt Akkon, an der sich Kreuzfahrer Englands und Frankreichs beteiligen. Der ehrgeizige englische König Richard Löwenherz beansprucht den Siegerruhm für sich, lässt das Banner Herzog Leopolds von den Zinnen der Stadtmauer herabreißen – eine schwere Demütigung für den Babenberger. Ohne Jerusalem erobert zu haben, machen sich die Kreuzritter auf den Heimweg. Ende des Jahres 1191 ist Leopold wieder wohlbehalten in Wien zurück. Es vergeht kein ganzes Jahr, da befindet sich Richard Löwenherz in seiner Hand. Ein Schiffbruch hat den englischen König gezwungen, den Heimweg zu Lande fortzusetzen. Als Pilger verkleidet wollte er Österreich durchqueren. Im Vorort Erdberg wird er erkannt und gefangen genommen. Nach zweimonatiger Gefangenschaft auf der Burg Dürnstein in der Wachau wird der kostbare Gefangene an Kaiser Heinrich VI. übergeben. Um seinen König freizukaufen, muss England Lösegeld in Höhe von 22 000 Kilogramm Silber zahlen. Herzog Leopold erhält die Hälfte davon, die Barren treffen Ende 1193 in Wien ein.
Unter Heinrich II. Jasomirgott wird mit dem Bau der Schottenkirche begonnen.
An der Stelle des heutigen Deutschordenshauses
siedelte sich um 1222 der Deutsche Ritterorden an.
Stadterweiterung und Stadtrecht: das Aufblühen Wiens
Das Lösegeld wird zu einem Teil für den Bau einer neuen Stadtmauer verwendet. Sie umschließt eine Fläche, die fünfmal so groß ist wie das ehemalige Römerlager. Ein Umfang, den Wien bis ins 19. Jahrhundert beibehalten wird. Auf bisherigen Freiflächen entstehen neue Stadtviertel. Der Graben vor der südlichen römischen Stadtmauer wird eingeebnet und als schmaler, rechteckiger Straßenplatz gestaltet.Von ihm gehen Richtung Süden rippenartig Straßen vom Kohlmarkt bis zur Spiegelgasse ab. Im Nordosten nimmt das Viertel um den Fleischmarkt Gestalt an, im Südosten das Viertel östlich der Kärntnerstraße, im Südwesten das Minoritenviertel. Eingefügt werden große rechteckige Plätze wie der Hohe Markt und der Neue Markt. Unmittelbar an die neue Stadtmauer grenzend werden Klöster errichtet: die Minoriten im Westen, die Dominikaner im Osten. Der Orden der Johanniter siedelt sich in der Johannesgasse an, der Deutsche Ritterorden in der Singerstraße nächst
der Stephanskirche. Diese romanische Kirche, 1147 geweiht, steht nun nicht mehr vor dem einstigen Römerwall, sondern im Zentrum des neuen Stadtgebietes, direkt an der für den Handelsverkehr wichtigen Nord-Süd-Achse, gebildet aus Kärntnerstraße und der späteren Rotenturmstraße.
1221 gewährt Leopold VI. der Glorreiche Wien ein Stadtrecht. Es gilt als ältestes, das eine Bürgerschaft von seinem Landesfürsten zugestanden bekam. 56 Bestimmungen regeln Handels-, Privat- und Erbrecht, aber auch Ruhe und Ordnung. Die oberste Gewalt in Wien hat der vom Herzog ernannte Stadtrichter. Er führt den Vorsitz im Stadtrat als höchster Verwaltungsinstanz, dem 24 angesehene Bürger angehören. Aus 100 Mitgliedern besteht das Gremium der „Genannten“, das mit wichtigen Aufgaben der allgemeinen Verwaltung, der Finanzen und der Rechtsprechung betraut ist. Genannter auf Lebenszeit wird man, wenn man Patrizier, Gewerbetreibender, hausbesitzender Handwerker oder in sonstiger Hinsicht angesehener Bürger Wiens ist. Rechtsgeschäfte

h ochblüte ritterlicher Minne: der „wunnigliche h of ze Wienne“
bedürfen der Zeugenschaft von 23 Genannten, zwölf Genannte werden vom Stadtrichter als Beisitzer bei Gerichtsverhandlungen nominiert. Wien erhält 1194 eine eigene Münzstätte. Ihre Errichtung fällt zeitlich etwa zusammen mit dem Eintreffen des Lösegelds für Richard Löwenherz. Die Silberbarren sollen zu Münzen werden. Der Herzog macht den Bankier Schlom zum Münzmeister. Er ist der erste namentlich bekannte Jude in der Geschichte Wiens. Damit beginnt der Aufstieg des Wiener Pfennigs. Er verdrängt schon bald alle anderen Münzen im Herrschaftsbereich der Babenberger wie etwa den Kremser Pfennig. Ein ausgeklügeltes System von Autoritäten und Kontrollinstanzen sorgt für den korrekten Ablauf von Münzprägung, Edelmetallbeschaffung und Geldwechsel. Dafür zuständig ist die Körperschaft der Hausgenossen, die aus 48 kapitalkräftigen Bürgern besteht, an der Spitze der Münzmeister. Der Münzanwalt als besondere Vertrauensperson des Herzogs überwacht alle Abläufe. In der sogenannten Schlagstube am Hohen Markt werden die Münzen geprägt.
Zum Aufblühen Wiens als Handels- und Wirtschaftszentrum tragen die Einnahmen aus Binnenzöllen bei. Sie werden als Entgelt für die Benutzung der Handels- und Verkehrseinrichtungen eingehoben. Haupteinnahmequelle des Herzogs sind die Flusszölle an der Donau. An der Stadtgrenze Wiens wird eine Lebensmittelmaut eingehoben. Und auch dem Stapelrecht verdankt Wien seine Blüte als Handelsstadt. Fremde Kaufleute sind damit verpflichtet, Güter, die sie etwa von Bayern nach Ungarn exportieren wollen, Wiener Bürgern zum Kauf anzubieten. Das im Stadtrecht verankerte Stapelrecht sollte jahrhundertelang in Kraft bleiben. Die Kaufleute aus Köln richten in Wien ihre eigene Niederlassung mit Kontoren ein, woran der Name der Köllnerhofgasse noch heute erinnert. Ebenso die Regensburger Kaufleute mit dem Regensburger Hof am Lugeck.
Hochblüte ritterlicher Minne: der „wunnigliche Hof ze Wienne“
Unter Herzog Leopold VI. dem Glorreichen erlebt die Wiener Babenberger-Residenz ihre glanzvollste Zeit. Den Reigen der Festivitäten eröffnet die Schwertleite, die der junge Herzog zu Pfingsten 1200 erhält. Es ist ein farbenprächtiges Zeremoniell, in dem der Knappe zum Ritter

geschlagen wird.Von jetzt an führt er Wappen und Wahlspruch. Eine weit größere Prachtentfaltung bietet die Hochzeit des Herzogs zu Weihnachten 1203. Als Braut erwählt hat er die byzantinische Prinzessin Theodora. Die Stadt wimmelt von Fürstlichkeiten und Ehrengästen, ihr Gefolge muss auch außerhalb der Stadt untergebracht werden. 17 Tage lang gibt sich Wien den Festfreuden hin. Unter den Augenzeugen der Hochzeitsfeiern ist ein Mann, der das Geschehen literarisch aufbereitet. Seine Identität konnte nie geklärt werden. Er ist der Verfasser des Nibelungenliedes. 2397 vierzeilige Strophen umfasst dieses bedeutendste deutschsprachige Epos, worin sich Sage und historische Wahrheit vermischen.
Die Namen anderer Größen der höfisch-ritterlichen Dichtung sind uns bekannt: Reinmar von Hagenau, auch Reinmar der Alte genannt, huldigt dem übersteigerten Ideal der hohen Minne, verherrlicht „überhêre“ Damen der höfischen Gesellschaft. Walther von der Vogelweide lernt am Wiener Hof von Reinmar „singen und sagen“. Auch er ist einer der vielen Gäste der denkwürdigen herzoglichen Hochzeit. Als „bunter Vogel“ unter den Minnesängern gilt Ulrich
Ulrich von Liechtenstein als „Frau Venus“. Aus dem Codex Manesse, um 1310 – 1340
Der Stephansdom, Wiens Hauptkirche, ist ein Meisterwerk der Gotik. Seine ältesten Teile an der Westfassade stammen aus der Kunstepoche der Romanik, die für die Zeit der Babenberger prägend war. Obwohl die beiden Großbrände von 1258 und 1276 die Kirche schwer in Mitleidenschaft zogen, blieb von den steinernen
Mauern genügend erhalten, um sie rasch wiederherzustellen. Als die Gotik Eingang in die Baukunst fand, haben die Dombaumeister das Erbe der Romanik bewahrt und mit den gotischen Elementen verschmolzen. Diesem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass an der Westfassade auch heute noch das Riesentor,
romanische Plastiken wie „Greif“, „Samson und Löwe“, „Petrus“ und ein „Steinmetz“ zu sehen sind. Die als „Dornauszieher“ interpretierte Figur links oberhalb des Riesentores ist wahrscheinlich die Darstellung eines Richters. Vermauerte romanische Radfenster wurden bei Restaurierungsarbeiten nach 1945 freigelegt.

von Liechtenstein, der „Don Quijote“ des Frauendienstes, wie er seinen Versroman mit autobiografischen Zügen nennt. Spektakulär wird seine Reise von Venedig über Wien nach Böhmen. Als Frau Venus verkleidet reitet er inmitten eines zahlreichen Gefolges und zieht damit Menschenmassen in seinen Bann. Der adelige Minnesang geht allmählich in den bürgerlichen Meistergesang über, der dessen Tradition bis ins 17. Jahrhundert weiterführen wird.Vorerst wird höfische Verfeinerung ebenso karikiert wie täppisches Bauerntum. Neidhart von Reuenthal macht die reichen, aber ungebildeten Bauern zur Zielscheibe seines Spotts. Das derb Spaßhafte findet vor allem bei der Jugend Anklang.
Auf den Gloriosus folgt ein Bellicosus: Herzog Friedrich II. der Streitbare. Mit einem Schlag sind innerer und äußerer Frieden dahin. Größe strebt der kaum 20-Jährige wie sein Vater an, aber seine Unstetigkeit verstört die Nachbarn. Kriegerische Verwicklungen mit Bayern, Böhmen und Ungarn sind die Folge. Auch die Gunst der Wiener Bürger verscherzt sich der Herzog durch Steuerdruck und Willkürakte. Außerdem ist er als „Steiger“ verschrien, der selbst ehrbaren Ehefrauen ungeniert nachstellt. Das wollen sich die Bürger nicht länger gefallen lassen, sie
führen Klage bei Kaiser Friedrich II. Es ist die erste politische Eigeninitiative Wiener Bürger. Der Kaiser sieht die Klagen als berechtigt an und kommt persönlich nach Wien. Die Wiener bereiten ihm im Jänner 1237 einen herzlichen Empfang. Der Herzog wartet außerhalb der Stadt die weitere Entwicklung ab. Inzwischen hat sich der Kaiser in der Residenz Am Hof eingerichtet. Für nahezu vier Monate ist Wien Mittelpunkt des Reiches. Die Stadt sonnt sich in fürstlichem Glanz, denn mit dem Kaiser ist eine Schar von Reichsfürsten in die Stadt gekommen. Festliche Gelage und Turniere am Platz vor der Herzogsburg stehen auf der Tagesordnung – und hohe Politik. Im Februar 1237 wählen die Reichsfürsten Konrad IV., den achtjährigen Sohn des Kaisers, zum römischen König. Ein feierlicher Akt in Gegenwart des Kaisers und für Wien die einzige Königswahl, die je auf seinem Boden stattfindet. Im April 1237 verlässt der Kaiser Wien. Er sieht sich gezwungen, die aufständischen Städte in der Lombardei zu unterwerfen, die sich der kaiserlichen Herrschaft entwinden wollen. In Wien lässt er eine militärische Besatzung zurück und setzt einen Statthalter ein. Rechtlich abgesichert wird die kaiserliche Macht über Wien durch Ergänzungen zum Stadtrecht von 1221, damit wird Wien reichsunmittelbare Stadt. Herzog Friedrich, vom Kaiser in die Reichsacht erklärt, schließt ein Bündnis mit Herzog Otto von Bayern. Damit verfügt er über genügend Streitkräfte, um die ihm untreu gewordene Residenzstadt zu belagern. Friedrichs Aushungerungstaktik hat Erfolg, die Stadt öffnet ihm zu Weihnachten 1239 ihre Tore. Der Herzog verzichtet auf ein Strafgericht, gibt sich versöhnlich. Zwölf junge Bürger zieht er in den Dienst an seinen Hof. Der Kaiser hat unterdessen eingesehen, dass er den Herzog als Verbündeten braucht. Er hebt die gegen ihn verhängte Reichsacht auf und gestattet die Rückkehr zum landesfürstlichen Status Wiens.
Von Osten droht Wien Gefahr durch die Mongolen. Moskau und Kiew, Lublin und Krakau sind bereits in Flammen aufgegangen. In dieser Notsituation schließt Herzog Friedrich Abwehrbündnisse mit Böhmen und Ungarn. Nach einer Niederlage gegen die Mongolen flüchtet der ungarische König Béla IV. nach Wien, um Waffenhilfe zu erbitten. Schon tauchen mongolische Reiter vor Wiener Neustadt und Klosterneuburg auf. Doch nach dem plötzlichen Tod ihres Oberkhans Ögedei 1241 ziehen sich die Mongolen zurück. Böhmen und Ungarn hal-
ten die Lage für günstig, den allzu erfolgreichen Herzog in die Schranken zu weisen. Es kommt zum Krieg. Er bringt dem Herzog Siege über die Böhmen und dann über die Ungarn in der Schlacht an der Leitha bei Wiener Neustadt. Ein Sturz von seinem tödlich getroffenen Pferd wird Friedrich jedoch zum Verhängnis. Er wird von ihm nachsetzenden Ungarn erschlagen. Es ist der 15. Juni 1246, des Herzogs 35. Geburtstag. Mit ihm, dem zweimal Geschiedenen ohne Kinder, erlischt die Dynastie der Babenberger im Mannesstamm.
Im Machtbereich des Böhmenkönigs: das Ottokarische Wien
Kaiser Friedrich II. entsendet daraufhin provisorisch einen Statthalter nach Wien, die Stadt wird neuerlich reichsunmittelbar. Doch auch das Geschlecht der Staufer, dem der Kaiser entstammt, findet nach dessen Tod 1250 sein Ende. So sind Reich und Österreich zu gleicher Zeit von einem Machtvakuum betroffen. In Wien tragen Patrizier und der Rat der Stadt Ottokar, dem Sohn des böhmischen Königs Wenzel aus dem Geschlecht der P zemysliden, die Herrschaft an. Gegen Jahresende 1251 trifft er mit großem Gefolge in Wien ein. Er macht sich durch kostbare Geschenke und Verteilung von Geld bei einflussreichen Adeligen und Bürgern beliebt. Ottokar erreicht sein Ziel. Er wird Herzog von Österreich, dann auch der Steiermark, schließlich vermag er seine Herrschaft auf Kärnten und Krain auszudehnen. Auf die offizielle Belehnung durch den deutschen König glaubt er verzichten zu können. Seit 1253 König von Böhmen, machtbewusst, erprobt auf diversen Schlachtfeldern, scheint er der geeignete Mann zu sein, die Geschicke Österreichs mit starker Hand durch krisenhafte Zeiten zu lenken. Um seine Stellung zu festigen, ehelicht Ottokar Margarethe, die Schwester Friedrichs des Streitbaren, 25 Jahre älter als er. Mehrere Aufstände einheimischer Adeliger gegen seine Herrschaft unterdrückt er mit größter Härte. Städte und Märkte unterstützen den böhmischen König, weil er sie großzügig fördert, ebenso die Kirche bei Klostergründungen. Wien verliert allerdings seine Rolle als Residenzstadt, denn Ottokar hält glänzend Hof in Prag. Wirtschaftliche Blüte macht diesen Verlust wett. Österreichs Hauptstadt wird aber keinesfalls vernachlässigt. Nach dem Vorbild Prags soll sie
im Krisenfall besser verteidigt werden können. Beim Widmertor an der Westseite der Stadtmauer wird mit dem Bau einer Burg begonnen. Es ist ein mit vier Türmen bewehrter Vierkantbau, der älteste Teil der Hofburg, der heutige Schweizerhof.
In der Zeit Ottokars wird Wien von verheerenden Stadtbränden heimgesucht. Zunächst vernichtet im August 1258 eine Feuersbrunst zahlreiche der zumeist aus Holz gebauten Häuser, mehrere Klöster, ebenso die Pfarrkirche St. Stephan samt ihren Glocken. Der Gottesdienst muss für fünf Jahre in die Kirche des Schottenstiftes verlegt werden. Noch schlimmer kommt es im April
1262. Diesmal bleibt nicht einmal ein Zehntel des Stadtgebietes verschont, auch die Minoritenkirche und Maria am Gestade sowie sämtliche Kapellen werden ein Raub der Flammen. Im Frühjahr 1276 wird die Stadt gleich von drei aufeinanderfolgenden Großbränden verheert. Ottokar gewährt der Stadt daraufhin für fünf Jahre völlige Steuer- und Mautfreiheit, einen vierwöchigen Jahrmarkt und schenkt den Wienern ein Stück Wald, denn Holz für den Wiederaufbau der Stadt ist vorrangig. Die Handwerkszünfte müssen ihre Zugangsbeschränkungen lockern, um den Handel zu beflügeln. All diese Vergünstigungen machen den König bei den Wienern beliebt.
