
ZEITGESCHICHTE IM FOKUS
Schriftenreihe der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv
Bd. 8
MICHAEL C. BIENERT · ALEXANDER OLENIK (HRSG.)
UNTER MITARBEIT VON LEONIE STEGER
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Schriftenreihe der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv
Bd. 8
MICHAEL C. BIENERT · ALEXANDER OLENIK (HRSG.)
UNTER MITARBEIT VON LEONIE STEGER
Überlegungen zu einer Akteursgruppe zwischen Biografie und Institution
BeBra Wissenschaft Verlag
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Asternplatz 3, 12203 Berlin post@bebraverlag.de
Lektorat: Matthias Zimmermann, Potsdam Umschlag und Satz: typegerecht berlin Gedruckt in der EU
ISSN 2194-4318
ISBN 978-3-95410-334-8
www.bebra-wissenschaft.de
MICHAEL C. BIENERT UND ALEXANDER OLENIK
»Generalstabsoffiziere haben keinen Namen«?
Zum Forschungsproblem der Personen der »zweiten Reihe« 7
IMPULSE
GEORG ECKERT
Geheimräte und Günstlinge
Typen der zweiten Reihe 27
MARTIN SCHLEMMER
Personen der zweiten Reihe in der archivarischen Überlieferung
Eine Probebohrung zu einem »schwierigen« Thema 53
PERSONEN DER »ZWEITEN REIHE« IN DER EXEKUTIVE
IRINA STANGE
Zwischen Verwaltung und Politik
Hans Ritter von Lex im Bundesministerium des Innern 81
SVENJA SCHNEPEL
Im Schatten der Mächtigen?
Hans Neusel als indirekter Entscheider im Bundeskanzlerund Bundespräsidialamt 93
PERSONEN DER »ZWEITEN REIHE«
IM UMFELD POLITISCHER ORGANISATIONEN
BARBARA VON HINDENBURG
Akteurinnen der zweiten Reihe?
Die ersten Politikerinnen in den Parlamenten der Weimarer Republik 119
MARTIN OTTO
»Ein schlanker Herr ohne Uniform, der öffentlich weder ja noch nein sagt.«
Ulrich E. Biel – Schattenmann und Akteur des Kalten Krieges 147
TOBIAS KÜHNE
Solidarität und Eigensinn
Personen der zweiten Reihe in der gesellschaftspolitischen Linken 1918–1948 169
FLORIAN SCHIKOWSKI
Die »zweite Reihe« in der basisdemokratischen Bewegungspartei?
Politische Angestellte von Bündnis 90/Die Grünen als zeithistorische Akteure 197
PERSONEN DER »ZWEITEN REIHE« IN DER WIRTSCHAFT
ROUVEN JANNECK
Der Aufstieg der zweiten Reihe
Forschung bei der Bayer AG 1945–1984 211
ALEXANDER VON DEN BENKEN
»Anschnallen bitte!«
Generalsekretäre und Vorstandsassistenten als Co-Piloten deutscher Automobilmanager nach dem Boom 229
Anhang Literaturhinweise
Personenregister
Herausgeber, Autorinnen und Autoren
MICHAEL C. BIENERT UND ALEXANDER OLENIK
»Generalstabsoffiziere
Zum Forschungsproblem der Personen der »zweiten Reihe«
»Generalstabsoffiziere haben keinen Namen«, schrieb der spätere Chef der Heeresleitung Hans von Seeckt in einem Aufruf zur Übernahme der Generalstabsführung in der jungen republikanischen Armee im Juli 1919.1 Diese Aufforderung an die Angehörigen des Truppenamtes der Reichswehr stand im Kontext der Neuformation der Streitkräfte nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Revolution im Deutschen Reich. Seeckts Agenda verlangte nach Gefolgschaft und Pflichtgefühl.2 Ohne es zu ahnen, formulierte er damit aber gleichzeitig auch ein grundlegendes Forschungsproblem, das die Geschichtswissenschaft in besonderer Weise umtreibt und das ebenfalls auf den Kreis nicht-militärischer Akteure übertragen werden kann, die etwa als Abteilungsleiter, persönliche Referenten, mittlere Manager oder Funktionäre eine wesentliche Zuarbeit für die Spitze leisten: Wie kann sich diesem, auf den ersten Blick namenlosen Personenkreis, der in staatlichen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Körperschaften in der zweiten Reihe als Akteur auftritt, über das Zusammentragen und Auswerten von Quellenmaterial genähert werden? Mit dieser Leitfrage hat sich am 18. März 2021 ein digital veranstalteter Workshop der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv in Kooperation mit der Professur Geschichte des 19./20. Jahrhunderts der Universität Potsdam beschäftigt. Den grundlegend überarbeiteten Tagungsbeiträgen der Referentinnen und Referenten werden in dieser
1 General v. Seeckt an sämtliche Generalstabsoffiziere, 6. Juli 1919, in: Bundesarchiv (BArch), N 247/81, Bl. 2. Vgl. auch Friedrich von Rabenau (Hrsg.): Seeckt. Aus seinem Leben 1918–1936. Unter Verwendung des schriftlichen Nachlasses, Leipzig 1940, S. 193.
2 Die Anfangsjahre der Reichswehr in der Weimarer Republik werden detailreich geschildert bei Peter Keller: »Die Wehrmacht der Deutschen Republik ist die Reichswehr«. Die deutsche Armee 1918–1921 (= Krieg in der Geschichte, Bd. 82), Paderborn 2014.
»Generalstabsoffiziere haben keinen Namen«? 7
Generalleutnant
Hans von Seeckt (ganz rechts, im hellen Mantel) mit seinem Stab in der Türkei, 1917.

Einleitung Überlegungen zum Spannungsfeld zwischen Biografie und Institution vorangestellt, die sich mit der Leitfrage im Allgemeinen befassen.
Auf den nachfolgenden Seiten soll zunächst der Begriff »zweite Reihe« kulturgeschichtlich eingeordnet werden, um anschließend mittels eines Beispiels die historiografische Herausforderung zu schildern. Anhand des ausgewählten Falles wird der Forschungsstand abgeglichen. Auf dieser Grundlage schlägt der Text Vorannahmen und Arbeitshypothesen für die weitere Forschung und Anwendung vor.
Die Aufsätze des Sammelbandes, die abschließend kurz vorgestellt werden, geben Einblick in den Mehrwert der Fragestellung.
Der Begriff »zweite Reihe« ist in der politisch-publizistischen Sprache der Gegenwart geläufig. So beurteilte beispielsweise die Frankreich-Korrespondentin Michaela Wiegel Emmanuel Macrons erste Regierungsmannschaft aus dem Jahr 2017 als »Kabinett der zweiten Reihe«, aus dem es keiner mit dem Präsidenten inhaltlich aufnehmen könne. Anna Mayr und Robert Pausch von der Zeit wissen sogar, »›Uff‹ [sei] das Lebensgefühl der zweiten Reihe« innerhalb der Lindner-FDP. Einen »Rechtsruck in der zweiten Reihe« sah dieselbe Wochenzeitung bei der AfD. Für die Redaktion der Süddeutschen Zeitung sind die Staatssekretäre in Bayern und im Bund einmal »[d]ie Überflüssigen aus der zweiten Reihe« und dann wieder »Könige aus der zweiten Reihe«. Die Wirtschaft kennt den »Angriff aus der zweiten Reihe«, wie im Fall von Ex-Siemens-Vorstand Klaus Kleinfeld, der 2010 im Zuge
Michael C. Bienert und Alexander Olenik
einer Korruptionsaffäre von seinen Bereichsvorständen attackiert wurde. Gleichermaßen werden auch auf den ersten Blick unerwartete Individuen als »Person der zweiten Reihe« geadelt, etwa Heide Sommer, Langzeit-Sekretärin bei Spiegel und Zeit unter Rudolf Augstein und Theo Sommer.3 Der offene Umgang mit dem Begriff unterstreicht seine analytische Relevanz und Unschärfe zugleich. Er hat den Charakter einer Residualkategorie, die für die journalistische Analyse nicht hinterfragt wird.
In der englischen Sprache taucht der Begriff im politischen Kontext als Anleihe aus dem Militärischen auf, etwa im Sinne von Rückfallposition (»second line of defence«4). Personen werden auf diese Weise nicht gekennzeichnet. Eine Verwendung findet die »second line« zudem als Beschreibung der nicht-organisierten Jazzund Tanzkünstlerinnen und -künstler bei den Karnevals- und Trauerumzügen in Louisiana, die mit ihren Blasinstrumenten neben der Route mit paradieren. Das sinngleiche »second row« ist ebenfalls nur als fester Begriff im Rugby-Sport gebräuchlich. Die beiden Zweite-Reihe-Stürmer (second row) sorgen beim angeordneten Gedränge (scrum) für den Schub nach vorne. Das Französische kennt nicht nur eine »seconde ligne« aus dem Rugby, sondern auch die Einordnung der Regierenden in die »deuxième ligne« im politischen Kommentar.5 Gebräuchlicher ist es jedoch, Berufsgruppen, die im Hintergrund für das Funktionieren des Staatswesens in Frankreich wichtig sind (Krankenhauspersonal, Beschäftigte im Einzelhandel und in der Landwirtschaft usw.), und weniger Einzelpersonen als »zweite Reihe« zu
3 Vgl. in der Zitat-Reihenfolge Michaela Wiegel: Das Kabinett der zweiten Reihe, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Juni 2017, Nr. 143, S. 5; Anna Mayr/Robert Pausch: Die Unerhörten, in: Die Zeit vom 20. Mai 2020, Nr. 22/2020; Tillman Steffen: AfD-Vorstandswahl. Rechtsruck in der zweiten Reihe, in: Zeit Online vom 2. Dezember 2019, online unter: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-12/afd-vorstandswahl-parteitag-braunschweig-rechtsruck-abgrenzung (Stand: 16. August 2021); o. V.: Staatssekretäre. Die Überflüssigen aus der zweiten Reihe, in: SZ.de vom 17. Mai 2010, online unter: https://www.sueddeutsche.de/politik/staatssekretaere-die-ueberfluessigen-aus-der-zweiten-reihe-1.426335 (Stand: 16. August 2021); Thorsten Denkler: Staatssekretäre der großen Koalition. Könige der zweiten Reihe, in: SZ.de vom 16. Dezember 2013, online unter: https://www.sueddeutsche.de/politik/staatssekretaere-der-grossen-koalition-koenige-der-zweiten-reihe-1.1844680 (Stand: 16. August 2021); Markus Balser: Siemens-Korruptionsskandal. Angriff aus der zweiten Reihe, in: SZ.de vom 17. Mai 2010, online unter: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/siemens-korruptionsskandal-angriff-aus-der-zweiten-reihe-1.513610-0 (Stand: 16. August 2021); Markus Barth: Wir teilten das Wichtigste mit diesen Männern, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1. November 2019, Nr. 254, S. 10 (mit der Unterüberschrift »Glanz fiel auch auf die in der zweiten Reihe«).
4 Vgl. Philip Sherwell: South Korea puts safety first, privacy second to quash coronavirus cases, in: The Sunday Times vom 19. April 2020, online unter: https://www.thetimes.co.uk/article/south-koreaputs-safety-first-privacy-second-to-quash-coronavirus-cases-j6pwgnvfk (Stand: 21. Oktober 2021).
5 Vgl. z. B. Christine Ducros/Albert Zennou: Gouvernement. Comment les ministres de la »deuxième ligne» tentent d’exister, in: Le Figaro vom 25. Januar 2021, online unter: https://www.lefigaro.fr/ politique/gouvernement-comment-les-ministres-de-la-deuxieme-ligne-tentent-d-exister-20210125 (Stand: 30. Januar 2022).
»Generalstabsoffiziere haben keinen Namen«? 9
signieren.6 Der Begriff scheint aktuell somit vor allem ein Phänomen der deutschen Sprache zu sein.7 Neben diesen zeitgenössischen Konnotationen des Begriffs, die als wertneutral eingestuft werden können, wird im historiografischen Kontext mit dem Wortpaar »zweite Reihe« seltener operiert. In der Memoirenliteratur taucht die Einordnung der eigenen Biografie in eine »Reihe« bei verschiedenen Autorinnen und Autoren auf; wenngleich mancher – wie der FDJ- und SED/PDS-Funktionär Klaus Böttcher – sich bescheiden der »dritten Reihe« zuordnet.8 Die geschichtswissenschaftliche Fremdzuschreibung wird ebenfalls vorgenommen.9
Trotzdem lässt sich konstatieren, dass die »zweite Reihe« als Forschungsobjekt und historiografisches Format noch unterentwickelt ist. Das wird augenfällig, weil eine Begriffsgeschichte nicht existiert. Im engeren Sinn geht es um die Frage, ab wann das Wortpaar zur Kategorisierung von Macht benutzt wurde. Räumlich einordnend dürfte der Terminus schon immer gewesen sein (»zweite Häuserreihe« usw.). Zum historischen Grundbegriff ist die »zweite Reihe« bislang nicht eingestuft worden. Ebenso wenig ist die Bezeichnung ein fester Registerbegriff. Eine Untersuchung seiner Verwendung – und sei es nur durch eine stichprobenartige Volltextsuche in den Periodika der vergangenen Jahrhunderte – ist im Rahmen dieser Einführung nicht darstellbar. Trotz dieser Leerstelle ist es geboten, die »zweite Reihe« vom beschreibenden zum analytischen Begriff aufzuwerten.10 Die Beschäftigung drängt sich darüber hinaus aus gegenwartsspezifischen Gründen auf. In den vergangenen Jahren ist das Misstrauen gegen die etablierten Formen der politi-
6 Vgl. z. B. Michael Darmon: Emmanuel Macron en Bretagne, il remercie »les deuxièmes lignes«, in: Europe 1 vom 22. April 2020, online unter: https://www.europe1.fr/emissions/ledito-politiquede-michel-darmon/emmanuel-macron-en-bretagne-il-remercie-les-deuxiemes-lignes-3963584 (Stand: 30. Januar 2022).
7 Siehe auch Georg Eckerts Beitrag in diesem Band.
8 Siehe Klaus Böttcher: In der dritten Reihe. Erinnerungen eines Nomenklaturkaders, Berlin 2010; Gerhard Hecht: Politische Erfahrungen und Erkenntnisse aus der zweiten Reihe. Ein ostdeutscher Lebenslauf, Norderstedt 2007.
9 Zum Beispiel Gregor Holzinger: Die zweite Reihe. Täterbiografien aus dem Konzentrationslager Mauthausen (= Mauthausen-Studien, Bd. 10), Wien 2016; Eva-Maria Fredrich-Kihm: Akteure der zweiten Reihe. Die Rolle Frankreichs und der DDR im Verlauf der Zweiten Berlinkrise 1958–1963 (= Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 79), Hamburg 2011; Meik Woyke: Parteifunktionäre in der »zweiten Reihe«. Kontinuitäten und Brüche sozialdemokratischer Biografien im 20. Jahrhundert, in: Mitteilungsblatt des Instituts für Soziale Bewegungen 45 (2011), S. 129–144.
10 Bisher geschieht das vor allem in der frühneuzeitlichen Diplomatiegeschichte. Siehe Torben Schiedel: Tagungsbericht »Friedensmacher, Multiplikatoren und Profiteure. Akteure des Westfälischen Friedenskongresses, 12.–14.10.2023, in Osnabrück«, in: H-Soz-Kult, 13. März 2024, online unter: www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-142628 (Stand: 19. September 2024); oder vgl. mit besonderem Augenmerk auf der Entscheidungsfindung am Hof Marcus Stiebing: Regionale Entscheidungsfindung zum Krieg. Die Weimarer Herzöge zwischen fürstlicher Beratung und gelehrtem Diskurs (1603–1623) (= Schriftenreihe zur Neueren Geschichte N.F., Bd. 4), Münster 2023.
Michael C. Bienert und Alexander Olenik
schen Willensbildung in der transatlantischen Welt lautstark artikuliert worden. Die Rolle, welche Personen der »zweiten Reihe« in den westlichen Demokratien spielen, bedarf einer Offenlegung.
Zur Illustration des beschriebenen Forschungsproblems bietet es sich an, näher auf die alliierte Besatzung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg einzugehen.
Der Ausgangspunkt der Überlegungen sind die Biografien der Besatzungsbeamten.
Den Vorteil des biografischen Ansatzes für die Jahre 1945 bis 1949 hob Christopher Knowles in seiner Monografie über »The British in Occupied Germany« hervor. Anhand des Personals ließen sich »patterns and trends over the course of the occupation than examining policies, which may not have been implemented, or institutional structures, which changed rapidly as responsibility for the various aspects of government was transferred from the occupation authorities to newly established German administrations« herausarbeiten. Denn jede individuelle Laufbahn war in ihren historischen Kontext eingebettet, den Knowles anhand britischer Militärgouverneure, Zivilbeamter und junger Offiziere ausbreitet.11 Dieser Personenkreis und seine Wirkung sind pars pro toto in der Geschichte der Alliierten Kommandantur Berlin zu bestimmen. Die Alliierte Kommandantur, die Viermächte- und ab Dezember 1948 Dreimächtebesatzungsbehörde für Berlin, besaß eine dreistufige Struktur aus Stadtkommandanten an der Spitze, ihren Stellvertretern sowie einer breit gefächerten Arbeitsebene aus Komitees, Subkomitees und Arbeitsgruppen. Vor allem mit den letztgenannten Gremien kontrollierte die Kommandantur die Stadtverwaltung und ihre Dezernate. Die amerikanischen, britischen und französischen Mitglieder in den Komitees waren zugleich in ihrer Militärregierung für die dort korrespondierende Abteilung in führender Rolle tätig. Die Vertreter im Kommunalverwaltungskomitee, das als Schlüsselgremium gewertet werden kann, waren unter anderem an der Ausarbeitung der Vorläufigen Verfassung von Berlin (1946) und dem »kleinen Besatzungsstatut« (1949) maßgeblich beteiligt. Je tiefer in die Akten eingetaucht wird, desto mehr werden diese Besatzungsbeamten, die Namen wie Louis Glaser, Harold Hays oder Victor Ziegelmeyer tragen, zu »Schnittstellenmanagern«12 par excellence. Sie hielten wöchentliche diplomatische
11 Vgl. Christopher Knowles: Winning the Peace. The British in Occupied Germany, 1945–1948, London/New York 2017, S. 5 f.
12 Vgl. Peter Becker: Bürokratie, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte. Begriffe, Methoden und Debatten der zeithistorischen Forschung vom 30. August 2016, online unter: https://docupedia.de/ zg/Becker_buerokratie_v1_de_2016 (Stand: 19. September 2024).
»Generalstabsoffiziere haben keinen Namen«? 11

Vor dem Eingang der Alliierten Kommandantur in der Kaiserswerther Straße in Dahlem, 1. Mai 1946.
Runden in ihrem Format ab, verhandelten uni- sowie multilateral mit Berlins Politikerinnen und Politikern und berieten ihre Vorgesetzten, die als Stadtkommandanten letztinstanzlich über die Berlin-Politik entschieden. Sie betrieben, was der Maastrichter Assistenzprofessor Camilo Erlichman als »Moderation Through Expertise« bezeichnet, d. h. sie lösten interalliierte Meinungsverschiedenheiten und Konflikte mit den Deutschen anhand praktischer Gesichtspunkte und mehr auf fachlicher als auf allgemeinpolitischer Verhandlungsebene.13 Einen Eindruck hiervon vermitteln die editierten Briefe Edgar N. Johnsons, die der Amerikaner im Jahr 1946 aus Berlin an seine Ehefrau geschrieben hat. Johnson fungierte für mehrere Monate dieses Jahres als politischer Berater des amerikanischen Stadtkommandanten und war in dieser Funktion Mitglied des Kommunalverwaltungskomitees. Die Briefsammlung dokumentiert die verwaltungstechnischen Spielräume, politischen Handlungsfelder und persönlichen wie institutionellen Kommunikationskanäle ei-
13 Erlichman beschreibt diese Eigenschaft entlang der deutschen Führungsschicht in der britischen Besatzungszone, sie trifft aber ebenso auf die am Pragmatismus orientierte Arbeitsebene der alliierten Militärregierungen zu. Vgl. Camilo Erlichmann: Moderation Through Expertise. Functional Elites and the Politics of Moderation in Western Europe’s Mid-Twentieth Century, in: Ide de Haan/ Matthijs Lok (Hrsg.): The Politics of Moderation in Modern European History (= Palgrave Studies in Political History), Cham/CH 2019, S. 163–186.
Michael C. Bienert und Alexander Olenik
Vor über 25 Jahren hat der Erlanger Historiker Axel Gotthard seine Studie über den Diplomaten in württembergischen Diensten Benjamin Bouwinghausen von Wallmerode mit der Leitfrage verknüpft: »Wie bekommen wir die ›Männer im zweiten Glied‹ in den Griff?« Deren Biografie und Lebensleistung zu rekonstruieren, erfordere, so Gotthard, methodisch eine feinere Herangehensweise als die Historiografie gekrönter Häupter. Einige Grundannahmen lassen sich aus der Untersuchung für eine Biografie eines »Mannes der zweiten Reihe« in der Frühen Neuzeit entnehmen: 1. über das Subjekt liegt keine Literatur vor, seine Existenz ist ausschließlich über die Akten bekannt; 2. diese Akten sind institutionell-politischer Art und somit
14 Vgl. Fünf Monate in Berlin. Briefe von Edgar N. Johnson aus dem Jahre 1946, hrsg. v. Werner Breunig/Jürgen Wetzel (= Schriftenreihe des Landesarchivs Berlin, Bd. 18), München 2014.
15 Für den Sozialtypus des externen Experten siehe Felix Selgert: Externe Experten in Politik und Wirtschaft. Einleitung, in: ders. (Hrsg.): Externe Experten in Politik und Wirtschaft (= Historische Zeitschrift Beiheifte N.F., Bd. 78), Berlin/Boston 2020, S. 9–29.
16 Pars pro toto Karl F. Mautner: Willy Brandt Blows the Blues, 26. Oktober 1954, in: Landesarchiv Berlin (LAB), E Rep. 300-62, Nr. 3. In diesem Dokument aus seinem Nachlass schilderte Mautner Willy Brandts Gemütszustand hinsichtlich des Stillstands in der Berlinfrage. Seine knappe Empfehlung lautete: What Willy needs is a good 5c/ cigar! Seriously, now it really will be necessary to make Berlin into the West’s spearhead, the way Reuter saw it.
17 Jetzt dazu Alexander Olenik: Die Kommandantur. Die westlichen Alliierten und die Besatzungsverwaltung Berlins, 1945–1955 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 113), Berlin 2026.
»Generalstabsoffiziere haben keinen Namen«? 13 ner Person der »zweiten Reihe«.14 Johnson ist darüber hinaus die Figur eines externen Experten, der temporär in institutionelle Entscheidungsprozesse eingebunden wird. Über seine ursprüngliche »Rolle als Wissenszulieferer und Berater« in der Verfassungsgebung hinaus entfaltete er ein eigenständiges Profil.15 An einer anderen Schnittstelle saß der amerikanische Verbindungsoffizier beim Berliner Magistrat beziehungsweise später beim Senat von Berlin Karl F. Mautner. Der gebürtige Wiener diente über ein Jahrzehnt als erster Ansprechpartner für deutsche Politiker und als Seismograf für das Verhältnis von Alliierten und Deutschen in der Viersektorenstadt. Seinen mit spitzer Feder verfassten Memoranden lässt sich eine Vielzahl an Eindrücken zur Kultur und Praxis der alliierten Besatzung Berlins entnehmen.16 Die vorgestellten Menschen waren keine Prominenten ihrer Zeit und somit auch den wenigsten Berlin-Historikern vertraut, sodass sie in der wissenschaftlichen Untersuchung weitestgehend einen blinden Fleck darstellen.17 Aber ist diese Diskrepanz zu verallgemeinern? Hierzu muss der Blick in Richtung der zeitgeschichtlichen Forschung und ihrer Nachbardisziplinen geweitet werden.
Es kommt darauf an – so hat es Axel Schildt für das Verhältnis der Intellektuellen- zur Ideengeschichte formuliert –, dass die Akteurinnen und Akteure sowie deren Output in den Mittelpunkt der Untersuchung gestellt werden. Das Verhältnis zu ihrem Arbeitsumfeld/Schaffensbereich lässt sich erklären aus einer systematischen Erforschung ihres biografischen Hintergrunds, ihrer persönlichen Interessen und ihrer Stellung. Sie dürfen nicht »lediglich als Textproduzenten« begriffen werden.20
Um diese Konstellation begrifflich zu erfassen, kann von Mikropolitik gesprochen werden. Im Kontext der Patronage haben Jens Ivo Engels und Volker Köhler den Begriff zuletzt gewinnbringend verwendet. Sie meinen damit »personale Verbindungen im Rahmen politischer Prozesse« und orten den Ressourcentausch in vertikalen und horizontalen Beziehungen als zentrales Merkmal. Als Gesinnungspatronage sind mikropolitische Handlungen nach 1945 weiterhin Teil der politischen Kultur geblieben, z. B. im Kontext des Systemkonflikts zwischen Ost und West.21
Löst man den Begriff von seiner normativen Widersprüchlichkeit, dann finden sich Formen und Muster der Politikgestaltung abseits institutionalisierter Wege, wie sie Volker Köhler für die Weimarer Republik offengelegt hat.22 Wenngleich Köhler den
18 Vgl. Axel Gotthard: Benjamin Bouwinghausen. Wie bekommen wir die »Männer im zweiten Glied« in den Griff?, in: Helmut Altrichter (Hrsg.): Persönlichkeit und Geschichte (= Erlanger Studien zur Geschichte, Bd. 3), Erlangen 1997, S. 69–103, insbesondere S. 70 ff., 101 ff.
19 Ebd., S. 103.
20 Siehe Axel Schildt: Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik, hrsg. u. mit einem Nachwort versehen v. Gabiele Kandzora/Detlef Siegfried, Göttingen 2020, S. 19 f.
21 Vgl. Jens Ivo Engels/Volker Köhler: Moderne Patronage – Mikropolitik in der Moderne. Konturen und Herausforderungen eines neuen Forschungsfeldes, in: Historische Zeitschrift 309 (2019), S. 36–69. Siehe hierzu auch Ulrich von Alemann: Schattenpolitik. Streifzüge in die Grauzone der Politik, in: Claus Leggewie (Hrsg.): Wozu Politikwissenschaft? Über das Neue in der Politik, Darmstadt 1994, S. 135–144. Von Alemann umschreibt informelle Politik als »Schattenpolitik«, unterscheidet dabei aber zwischen »organisierter politischer Kriminalität« und legalen und legitimen politischen Aktivitäten im nicht-öffentlichen Bereich.
22 Vgl. Volker Köhler: Genossen – Freunde – Junker. Die Mikropolitik personaler Beziehungen im politischen Handeln während der Weimarer Republik, Göttingen 2018.
Michael C. Bienert und Alexander Olenik aussagekräftig für das Amt/den Beruf, jedoch weniger für die Persönlichkeit; 3. der Exkurs in das historische Umfeld, in das eine solche Biografie eingebettet ist, ist notwendig; sowie 4. es ist möglich, den Anteil einer einzelnen Person aus politischen Entscheidungen herauszufiltern.18 Mit dem Rahmen seiner Untersuchung, so schreibt Gotthard, wolle er »eine neue Tiefendimension«19 offengelegen, mit der die politische Geschichte der Frühen Neuzeit nachvollziehbar gemacht werden kann. Mit Blick auf die Alliierten im Berlin der Nachkriegszeit und Benjamin Bouwinghausen im konfessionellen Zeitalter wird die Überzeitlichkeit des Phänomens deutlich.
Begriff »zweite Reihe« nicht in den Mund nimmt, so beschreibt er einen Kreis von Mikropolitikern, die durch ihre »weak ties« soziale Reichweite in dem (der eigenen politischen, sozialen usw. Gruppe) fremden Milieu besitzen und diese – gewissermaßen als Kommunikationsdrehscheibe – für ihre Vorgesetzten nutzbar machen. Ein solcher »weak ties«-Akteur dient als Multiplikator für seine Institution, unter anderem dann, wenn er persönliche Kontakte etabliert, die Organisationshierarchien umgehen.23 Gleichwohl stellt die Informalität hinter dem Mikropolitischen eine quellentechnische Herausforderung dar.
Aus mehreren benachbarten Forschungsthemen können zudem Anleihen gewonnen werden; aber nicht ohne parallel eine Abgrenzung der Untersuchungsbereiche vorzunehmen: Das Verhältnis von Biografie und Institution ist eine zentrale Frage. Die Berliner Historikerin Christine Müller-Botsch hat sich dieser Beziehung akteurszentriert angenähert und gefragt, »was wir über Institutionen und Organisationen erfahren können, wenn wir biographisch arbeiten«. Ihr ging es dabei primär um Dokumente der Selbstrepräsentation im institutionellen Kontext; das waren in ihrem Fall Ego-Dokumente von NS-Funktionären, also Personalakten der NSDAP und Entnazifizierungsfragebögen. Auf dieser Quellengrundlage rekonstruierte Müller-Botsch anhand eines achtstufigen (!) Verfahrens eine singuläre Biografie, um anschließend Rückschlüsse über die gegenseitige Prägung von Biografie und Institution ziehen zu können. In ihrem Fall verspricht die Vorgehensweise, die Heterogenität der unteren NSDAP-Parteikader und ihre Interaktion im und mit dem Parteiapparat besser zu erklären und einzuordnen. Dass das Untersuchungsmaterial institutioneller Natur ist, lässt sich verallgemeinern – Müller-Botschs These zufolge sei dieser »Interaktionskontext in gewisser Hinsicht sogar […] besonders geeignet, um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft bereichsspezifisch zu rekonstruieren«.24 Um mit der Biografie »Geschichte zu dezentrieren«25, dürfte es hilfreich sein, das Verhältnis des Untersuchungsobjekts zu seinem Wirkungskreis neu zu bewerten – also es als eigenständig-verantwortlichen Akteur in seinem mikropolitischen Umfeld zu begreifen. Wird speziell die Verwaltung als eine solche institutionelle Sphäre betrachtet, lässt sich mit dem Soziologen Niklas Luhmann
23 Vgl. ebd., S. 302 f., 306. Der Begriff und das Konzept sind entliehen von Mark S. Granovetter: The Strength of Weak Ties, in: American Journal of Sociology 78 (1973), H. 6, S. 1360–1380.
24 Vgl. Christine Müller-Botsch: Biographie und Institution. Zur Interdependenz biographischer und institutioneller Entwicklung, in: Martin Dröge (Hrsg.): Die biographische Methode in der Regionalgeschichte (= Forum Regionalgeschichte, Bd. 17), Münster 2011, S. 59–74.
25 Vgl. Levke Harders: Historische Biografieforschung, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte. Begriffe, Methoden und Debatten der zeithistorischen Forschung vom 31. Oktober 2020, online unter: https://docupedia.de/zg/Harders_historische_Biografieforschung_v1_de_2020 (Stand: 19. September 2024).
»Generalstabsoffiziere haben keinen Namen«? 15
Eine Hilfestellung dazu kann der Typus der Funktionärin beziehungsweise des Funktionärs liefern. Wie komplex die Historisierung einer solchen Kategorie ist, belegt der Sammelband von Till Kössler und Helke Stadtland über »Organisationsmenschen«. In ihrer methodischen Hinführung skizzieren die beiden Sozialhistoriker eine Begriffsdefinition, die nicht als zeitgenössische Selbstreferenz existiert. Die Abgrenzung des Funktionärs von mit ihm verflochtenen Tätigkeiten wie Angestellter, Beamter, Manager usw. fällt Kössler und Stadtland schwer und die Autoren räumen begriffliche Überschneidungen und Unschärfen ein. Letztlich behelfen sie sich, den staatlichen Bereich auszuklammern und den Begriff nur für Menschen zu verwenden, »die, durch Auswahlverfahren rekrutiert, eine leitende oder leitungsvermittelnde, auf den politischen Raum bezogene Funktion innerhalb von nicht- beziehungsweise semistaatlichen bürokratisch strukturierten Organisationen übertragen bekommen haben, die sie haupt- oder ehrenamtlich ausüben, wobei sie oft im Spannungsfeld zwischen den Ansprüchen der Mitglieder und den Organisationszielen Interessen organisieren, die sie nicht notwendigerweise selbst besitzen«.27 Die Frage nach den hinreichenden Unterscheidungskriterien steht auch hinter dem in diesem Sammelband in den Blick genommenen Personenkreis der »zweiten Reihe«.
Ein benachbartes Forschungsobjekt sind die sogenannten Eliten in Politik, Staat und Wirtschaft. Morten Reitmayer, Historiker an der Universität Trier, liefert Anknüpfungspunkte für die Fragestellung des Workshops. So thematisiert sein Überblicksartikel neben der Karriere des Elitenbegriffs im Spannungsfeld von Akteur und Struktur die Eigenschaften der Randzone von »Führung«, die »Männer [und Frauen] an der Peripherie der Machtelite« (C. Wright Mills) sowie das Phänomen der personellen Beharrung.28 Das ist eine Lücke, die eine Betrachtung der »zweiten
26 Vgl. André Kieserling/Johannes F. K. Schmidt: Nachwort. Verwaltung als Milieu, in: Johannes F. K. Schmidt/Christoph Gesigora (Hrsg.): Niklas Luhmann. Die Grenzen der Verwaltung. Mit einem Nachwort v. André Kieserling und Johannes F. K. Schmidt, Berlin 2021, S. 223–249, hier S. 228–231.
27 Vgl. Till Köster/Heike Stadtland: »Organisationsmenschen«. Thesen zur Geschichte der Funktionäre im 20. Jahrhundert, in: dies. (Hrsg.): Vom Funktionieren der Funktionäre. Politische Interessenvertretung und gesellschaftliche Integration in Deutschland nach 1933 (= Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegung, Schriftenreihe A: Darstellungen, Bd. 30), Essen 2004, S. 7–36, insbesondere S. 15–19.
28 Vgl. Morten Reitmayer: Eliten, Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte. Begriffe, Methoden und Debatten der zeithistorischen Forschung vom 18. Februar 2022, online unter: https://docupedia.
Michael C. Bienert und Alexander Olenik von einem »Mehrgrenzensystem« sprechen, in dem sich die »zweite Reihe« bewegt. Im dauerhaften Kontakt zu verschiedenen Umwelten ist insbesondere von dieser Vertretergruppe Elastizität verlangt, damit sie politische Nebenfunktionen wahrnehmen kann.26
Ein weiterer Begriff aus der unmittelbaren Nachbarschaft unserer Personengruppe ist das Kriterium der »Epistemic Community«, das der amerikanische Politikwissenschaftler Peter M. Haas in die Forschung eingeführt hat. Eine solche erkenntnisbasierende Gemeinschaft habe eine gemeinsame Wertebasis für ihr Handeln sowie aus ihrer Problemanalyse eine gemeinsame Auffassung über das Aufklären zwischen »possible policy actions and desired outcomes«. Sie besitze zudem in ihrem Wissensgebiet eine vereinbarte Vorstellung von Gültigkeit. Eine solche Gemeinschaft sei schließlich eine politische Unternehmung unabhängig der sozialen Herkunft ihrer Akteure. Im modernen Verwaltungsstaat würden Entscheider bei komplexen beziehungsweise uneindeutigen Prozessen Epistemic Communities konsultieren.30 Scott H. Krause hat diesen Ansatz in seiner Dissertation angewendet, um zum einen in Form persönlicher Nachlässe neue Überlieferungsträger zu erschließen sowie zum anderen neue Nuancen und eine neue Gewichtung historischer Prozesse herzuleiten; in seinem Fall ein deutlicheres Bild vom Entstehen des West-Berlin-Narrativs im Kalten Krieg anhand eines gut vernetzten Aktivistenkreises, der sich leichtfüßig zwischen amerikanischer Militärregierung, SPD und amerikanisch-lizenzierten Medien in Berlin bewegte.31
de/zg/Reitmayer_eliten_v2_de_2022 (Stand: 19. September 2024). – Zur personellen Beharrung in einer Fachdisziplin siehe Mario Kessler: Geschichtswissenschaft nach 1945. Personelle Beharrung, Brüche und Neuanfang in beiden deutschen Staaten, in: Ulrich Pfeil (Hrsg.): Die Rückkehr der deutschen Geschichtswissenschaft in die »Ökumene der Historiker« (= Pariser Historische Studien, Bd. 89), München 2008, S. 267–285.
29 Vgl. Morten Reitmayer: Elite. Sozialgeschichte einer politisch-gesellschaftlichen Idee in der frühen Bundesrepublik (= Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, Bd. 28), München 2009, S. 44. – Die jüngste Auseinandersetzung mit der Elitenforschung in der neueren und neuesten Geschichte findet sich bei Thomas Kroll: Eliten und Elitenkritik als Forschung der Sozialgeschichte vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, in: Archiv für Sozialgeschichte 61 (2021), S. 9–30.
30 Vgl. Peter M. Haas: Introduction. Epistemic communities and international policy coordination, in: International Organization 46 (1992), H. 1, S. 1–35; ders.: Art. Epistemic Communities, in: Joel Krieger (Hrsg.): The Oxford Companion to Comparative Politics, Vol. 1: Abortion – Korea, Republic of, Oxford 2013, S. 351–359.
31 Siehe Scott H. Krause: Bringing Cold War Democracy to West Berlin. A Shared German-American Project, 1940–1972 (= Routledge Studies in Modern European History), London 2019, S. 6.
»Generalstabsoffiziere haben keinen Namen«? 17 Reihe« schließen kann. In Reitmayers Elitenforschung gibt es zudem den wichtigen Hinweis auf »die Orte der Debatten und des Austauschs von Ideen«; nicht nur für den Elitendiskurs ist das Wissen um die Schauplätze eine relevante Information, sondern auch für den Personenkreis der »zweiten Reihe«, der nicht zwangsläufig zur Elite gezählt wird, aber ebenfalls eine eigene räumliche Verortung besitzt.29
Aus diesen Gedankengängen lassen sich Annahmen und Hypothesen präsentieren, die im Folgenden vorgestellt und erläutert werden. Sie gelten für zwei unterschiedliche Herangehensweisen, über welche die Forschungsfrage entscheidet. Entweder interessiert primär die Institutionengeschichte, der sich über die Person(en) der »zweiten Reihe« behelfsmäßig genähert werden soll, oder die Biografie des Akteurs, wodurch der institutionelle Rahmen beweglich wird.
Erstens stellen die Personen der »zweiten Reihe« eine Akteursgruppe sui generis dar. Für diesen Personenkreis ist es kennzeichnend, den tatsächlichen Entscheidungsträgern eine wesentliche Zuarbeit zu leisten. Durch ihre Arbeitsweise nehmen sie Anteil an den Prozessen der Entscheidungsimplementierung in privatwirtschaftlichen, politischen und staatlichen Institutionen. In ihrem Betätigungsfeld finden sie mit ihrer Erfahrung und Expertise bei ihrer Führung Gehör beziehungsweise sie dringen institutionell bis in die Führung durch. Dabei stellt sich ihr Einfluss – in der Sprache der Sportberichterstattung – realtaktisch anders dar, als die formale Spielfeld- also Dienstposition vermuten lässt. Die Realformation der Personen der »zweiten Reihe« verschiebt sich kontextabhängig, also abhängig vom Spiel- beziehungsweise Karriereverlauf. So rücken die untersuchten Männer und Frauen mal weiter in die Sturmspitze, also Hierarchieebenen nach oben, oder sie verteidigen uneigennützig im Kollektiv, also arbeiten vergleichsweise still und namenlos im Apparat. Trotzdem lässt sich die »zweite Reihe« nach oben und unten abgrenzen. In den Kategorien Legitimation, Hierarchie und Sichtbarkeit unterscheidet sie sich von der Organisationsspitze, wenngleich »erste« und »zweite Reihe« im Bedarfsfall ein Tandem bilden, wodurch sich auch erklärt, warum Personen der »zweiten Reihe« mitunter als Elitenreservoir gelten. Ihnen untergeordnetes Personal wiederum besitzt keine Fähigkeiten, die über die eigene Organisationseinheit hinausgehen, geschweige findet es einen Zugang zur Spitze. Für die Reichweite ihres politischen Handelns dürften ferner die Kommunikationskanäle relevant sein. Aus ihnen ergibt sich eine vertikale und horizontale Scharnierfunktion, die sich durch kulturelle Übersetzungsleistungen innerhalb der Hierarchie abbildet. Insgesamt öffnet eine Beschäftigung mit der »zweiten Reihe« den Blick auf den Prozess der Ideengebung in Bürokratie und Wirtschaft. Zweitens ist davon auszugehen, dass die Personen der »zweiten Reihe« teilweise eine eigene Agenda verfolgen – unabhängig von der Institution, an die sie angegliedert sind. Persönliche Absichten hinsichtlich politischen Problembewusstseins, beruflichen Karrierezielen, privaten Verpflichtungen usw., generell eine individuelle Zielvorstellung, vermischen sich mit Konzeptions- und Koordinationsfunktionen, die eine Anforderung in ihrem Tätigkeitsbereich darstellen. Das eigene Selbstverständnis und die Durchlässigkeit der Organisationsstruktur beeinflussen den individuellen Handlungsspielraum. Diese Kombination macht diesen Kreis an In-
Michael C. Bienert und Alexander Olenik

dividuen zu einer Art Vorhut beziehungsweise Avantgarde von politischer Gestaltung.32 Einschränkend sei jedoch hinzugefügt, dass eine gewisse Ortsgebundenheit ihrer Mikropolitik angenommen werden muss.
Drittens sind die Personen der »zweiten Reihe« Indikatoren für die Geschichte, Kultur und Praxis einer Entität, wenn sie biografisch und handlungsgeschichtlich erforscht werden. Das heißt aus der Berufsbiografie eines Akteurs beziehungsweise einer Akteursgruppe lassen sich Rückschlüsse auf die Kulturgeschichte einer Einrichtung ziehen. Am individuellen Beispiel kann eine Neugewichtung der Geschichte einer Institution vorgenommen werden. Die Lebensläufe der Akteure geben dabei Auskunft über Sprünge, Stürze und Kipppunkte im Zustand der »zweiten Reihe«. Seine Wahl »von unten« oder Einsetzung »von oben« bestimmt das Verhältnis des Akteurs zur Institution beziehungsweise zur »ersten Reihe« (Amtsverständnis, Loyalität(en), Professionalität). Der Testfall, der dies sichtbar macht, wäre ein Wechsel in der Führungsebene. Das kulturelle, politische und soziale Gefüge innerhalb einer Behörde, einer Partei oder eines Unternehmens kann so hervorgehoben werden. Damit sind auch die »ungeschriebenen Regeln« gemeint,
Bundeskanzler
Ludwig Erhard (rechts) und Karl Carstens, Staatssekretär beim Bundesminister des Auswärtigen, nehmen im Zug eine Mahlzeit ein, 4. Mai 1964.
32 Für das Beispiel parlamentarische Geschäftsführer siehe Georg Eckert: Politische Führung. Eine Einführung (= Elemente der Politik), Wiesbaden 2019, S. 92.
Normierungen, die Auskunft über den Alltag in einer Institution geben. Die Auswahl der Fragestellung kann somit mit einem breiteren Ansatz erfolgen, als wenn sie nur von der Spitze gedacht würde.33
Viertens ist eine bloße Prosopografie, eine quantitative Verzeichnung des Personenkreises in der »zweiten Reihe«, nicht anzustreben, auch wenn eine solche Sammlungsabsicht ein Hilfsmittel sein kann. Infolge der schwer eingrenzbaren Quellenlage sollte vielmehr eine qualitative Annäherung gesucht werden. Hierzu kommen einerseits die administrativen Akten in den Archiven (und Registraturen) infrage, wo die jeweilige Person der »zweiten Reihe« beschäftigt war. Je bürokratischer/institutionalisierter der Arbeitgeber seine Geschäfte konstituiert, desto leichter lässt sich auf das Individuum anhand von Aktenzeichen, Paraphen o. ä. zugreifen. Neben einer institutionellen Überlieferung sind mit mehr detektivischer Arbeit idealerweise der Privatnachlass oder Ego-Dokumente aufzuspüren. Noch herausfordernder wird es, wenn über den Tellerrand hinaus die Hinterlassenschaft von Kolleginnen und Kollegen oder anderer Institutionen, mit denen die Person in Verbindung gestanden hat, erschlossen werden muss. Bei der Recherche sollte jedoch beachtet werden, überlieferungstechnische Vorbedingungen zu reflektieren. So veränderten die Archive mitunter ihre Überlieferungsstruktur und Sammlungsabsicht. Es ist ebenfalls beachtenswert, dass die Archivalien Prozesse nur statisch dokumentieren können. Oral History kann diesem Umstand situativ Rechnung tragen. Ein Quellenstudium unter solchen Gesichtspunkten bietet einen Mehrwert für die Erforschung einer Institution oder Führungsfigur, da sie sekundäre Abläufe und Verbindungen aufdeckt, die dem Gesamtbild Tiefenschärfe verleihen.
Um die »zweite Reihe« als Analysebegriff nutzbar zu machen, wird die folgende Definition vorgeschlagen: Im gouvernementalen, nicht-gouvernementalen und unternehmerischen Kontext sind Personen der »zweiten Reihe« semi-eigenständige Akteure, die durch Konzeption und Koordination Entscheidungsprozesse ihrer Vorgesetzten im Speziellen und ihres Arbeitgebers im Allgemeinen beeinflussen und somit einen Indikator für die Erforschung der gesamten Institution und deren Handeln darstellen.
33 Vgl. Dominik Geppert: Die ungeschriebenen Regeln der repräsentativen Demokratie. Neuere Ansätze in der historischen Parlamentarismusforschung, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 71 (2020), H. 5/6, S. 237–244.
Michael C. Bienert und Alexander Olenik
Die Gliederung des Sammelbandes orientiert sich an der Struktur des Workshops, sodass vier Themenblöcke abgebildet werden. Den Auftakt machen zwei Aufsätze, die als Impulse und Interventionen eingeholt worden sind. Georg Eckert (Wuppertal) macht den Anfang mit einem Essay über den Eintritt in und Austritt aus der »zweiten Reihe« durch die (Nicht-)Nominierung vonseiten der »ersten Reihe« im Längsschnitt vom 17. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart. Hinter der Kategorisierung in »Günstlinge« und »Geheimräte« verberge sich, so Eckert, die heuristische Annahme eines funktionalen und nicht statischen Rollenverständnis. Der anschließende Beitrag von Martin Schlemmer (Duisburg) wechselt die Perspektive von der Geschichts- zur Archivwissenschaft. Er lässt Archivarinnen und Archivare von Archiveinrichtungen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene in Deutschland und Österreich zu Wort kommen, die über ihre Sammlungsstrategie im Hinblick auf die Personen der »zweiten Reihe« aus der Werkstatt berichten. Für das Erwartungsmanagement der Forschenden seien Schlemmers qualitativ erhobenen Daten wärmstens empfohlen. Beide Beiträge fördern durch ihren informativen Überblick die Erkenntnis, sich der schwierigen Quellenlage bei einer personenbezogenen Fragestellung interdisziplinär und multiperspektivisch anzunähern.
Die übrigen Themenblöcke sind nach Untersuchungsgegenständen segmentiert, d. h. den Karrieren oder Kategorien von Personen der »zweiten Reihe« in der Exekutive, im Umfeld politischer Organisationen sowie in der deutschen Wirtschaft. Das Regierungshandeln der »zweiten Reihe« in der jungen Bundesrepublik ist der Schwerpunkt des zweiten Themenblocks. Irina Stange (Oranienburg) und Svenja Schnepel (Hamburg) wählen hierfür zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Während Stange in ihrem Beitrag über Hans Ritter von Lex, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, die Biografie und Machtausdehnung des Protagonisten in einem Längsschnitt beleuchtet, blickt Schnepel auf die Akteursgruppe der »indirekten Entscheider« im Bundeskanzleramt in den 1960er Jahren und erläutert insbesondere an der Person Hans Neusel deren Einfluss auf politische Entscheidungen.
Barbara von Hindenburg (Berlin) diskutiert zu Beginn der dritten Sektion, ob es sich bei den ersten Politikerinnen in deutschen Parlamenten um »Akteurinnen der zweiten Reihe« gehandelt hat. Es ist das Erkenntnisinteresse des geschlechtergeschichtlichen Blicks, in welcher Situation Parlamentarierinnen in der Weimarer Republik sich in den Hinterbänken der Plenarsäle oder als »Tokenwomen« am Rednerpult wiederfinden. Im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen ist die Forschung über diese Mandatsträgerinnen durch eine schlechtere Quellenlage erschwert. In Martin Ottos (Hagen) Aufsatz über Ulrich E. Biel wird das vielgestaltige Profil einer Person der »zweiten Reihe« sichtbar, die der Autor als »stiller
»Generalstabsoffiziere haben keinen Namen«? 21
Stratege«34 in Berlins Nachkriegspolitik bewertet. Biel war Captain der US-Armee im Zweiten Weltkrieg, Remigrant, Berater des amerikanischen Stadtkommandanten von Berlin und CDU-Mandatar im Abgeordnetenhaus. In diesem Themenblock werden auch zwei Parteien beziehungsweise parteiähnliche Strukturen nach ihrem Personal in der »zweiten Reihe« hin untersucht. Tobias Kühne (Bonn) nähert sich dem Thema anhand von drei regionalen Personenkreisen der gesellschaftspolitischen Linken in Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Besatzungszeit. Dabei handelt es sich um das Netzwerk »Neu Beginnen« in Berlin, die Kommunistische Partei Deutschlands in Bonn und Umgegend sowie die Sozialistische Arbeiterpartei im Regierungsbezirk Düsseldorf. Sein Aufsatz verweist auf die ortsgebundene Gestaltungskraft der hinter diesen Gruppen stehenden Akteure, die durch innere Kohäsion und gesellschaftliche Verflechtung an Kontur gewinnen. Florian Schikowski (Potsdam) beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den politischen Angestellten der Partei Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. An deren Einwirken auf die Fusion von Teilen der ostdeutschen Bürgerbewegung mit der westdeutschen Oppositionspartei zeigt sich die Hebelwirkung, welche »Berufspolitiker ohne Mandat« besitzen. Ungeachtet parteispezifischer Organisationsmuster sei, so Schikowski, der Blick in die »zweite Reihe« für die Parteiforschung ein zusätzlicher Ansatzpunkt.
Im letzten Abschnitt rückt die Verwaltung von bundesdeutschen Wirtschaftsgroßunternehmen in den Fokus. Anhand des Unternehmensbereichs Forschung bei der Bayer AG nach 1945 konkretisiert Rouven Janneck (München), in welcher Weise eine Unternehmensneuorganisation die Bedeutung der »zweiten Reihe« steigen ließ. Diese Akteure mit Leitungsfunktionen nutzten die neuen Kommunikationsabläufe in ihrem Sinne. Auf der Grundlage seiner Forschungen zur Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG schaut Alexander von den Benken (Köln) auf das Verhältnis von deutschen Automobilmanagern und ihren Generalsekretären beziehungsweise Vorstandsassistenten. Mit dem Wandel der Unternehmenskultur nach dem »Boom« wurden Letztere hinter der häufig wechselnden Führung ein eigenständiger Faktor. Allen Aufsätzen ist gemeinsam, dass sie den Eigenwert des Einbeziehens der Personen der »zweiten Reihe« in die historische Fragestellung bekräftigen. Die Interpretation der »zweiten Reihe« ist kein abgeschlossener Prozess. Im Titel, in der Einleitung und in den Gliederungselementen des Bandes wird der Terminus hervorgehoben, um seine analytische Qualität zu betonen. Die meisten Autorinnen und Autoren verwenden ihn ohne Anführungszeichen.
34 Siehe hierzu auch Martin Otto: »Ich hab die Stadt Berlin regiert«. Ulrich Biel, ein stiller Stratege auf der Weltbühne, Berlin 2022.
Michael C. Bienert und Alexander Olenik
Abschließend sei den Mitwirkenden an Workshop und Publikation Dank ausgesprochen. Zunächst ist die Mitarbeit der Moderatoren – Jens Schöne, Erik Schneeweis, Scott H. Krause und Bernhard Dietz – hervorzuheben, die auf dem Workshop die Sektionen umsichtig geleitet und die Vorträge mit großem Mehrwert kommentiert haben. Dominik Geppert hat das Vorhaben von Beginn an unterstützend begleitet und den Diskussionsteil unseres Workshops sehr bereichert. Ein herzlicher Dank gebührt ganz besonders Leonie Steger für die Hilfe bei der redaktionellen Arbeit. Als Publikationspartner danken wir dem BeBra Wissenschaft Verlag für die gewohnt sehr gute handwerkliche Arbeit. Schließlich wären die konzeptionellen Überlegungen zu den Personen der »zweiten Reihe« ohne unsere zehn Autorinnen und Autoren ein leeres Blatt Papier geblieben. Der nun vorliegende Sammelband ist vor allem ihr Werk.
GEORG ECKERT
Typen der zweiten Reihe
Das Thema der zweiten Reihe ist seit jeher aktuell – und bietet schon immer Stoff für große Erzählungen: kein Königsdrama ohne aufbegehrende Akteure, die fast, aber eben noch nicht ganz an der Spitze stehen, kein Grummeln über eine Bundesregierung ohne Verweis auf bisweilen rasch wechselnde »Reservekanzler«, kein politisches Geraune, das nicht über Eminenzen und Effizienzen tuschelte. Die Wahrnehmung derjenigen, die der Macht so nah und doch so fern zu stehen scheinen, verrät viel nicht nur über die zweite Reihe selbst, sondern auch über die erste Reihe und all die Reihen hinter ihr. Zuletzt hat unter anderem die Corona-Pandemie eine interessante, für unsere Zeit charakteristische Variante dieser Struktur dargestellt. Die Jahre 2020 und 2021 haben nämlich gezeigt, wie rasch Rollen, Rollenbeschreibungen und Rollenerwartungen sich wandeln können – binnen kurzer Frist sind ansonsten kaum wahrnehmbare und wahrgenommene Akteure ins Zentrum nicht nur der öffentlichen Diskussion, sondern auch des politischen sowie staatlichen Handelns gerückt: Gesundheitsminister von Bund und Ländern, die ansonsten nur selten solche Prominenz erlangen, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, diverse Virologen, lokal wiederum die Leiter von Ordnungsbehörden sowie Gesundheitsämtern und manche mehr, denen der pandemische Ausnahmezustand neue Autorität und Befugnisse verliehen hat. Sie alle sind plötzlich von der zweiten in die erste Reihe gelangt, jedenfalls für gewisse Zeit. Welche Geltung ganze Kollektive der zweiten Reihe und einzelne Akteure über eine Krise hinaus behaupten können, hängt erstens von individueller Wirkungsmacht und zweitens von Konjunkturen im weitesten Sinne ab. Beispielsweise hat das 20. Jahrhundert statt platonischer Philosophenkönige vielmehr »Ökonomenkönige«1 als vermeintlich unideologische
1 Peter F. Drucker: Auf dem Wege zur nächsten Wirtschaftstheorie, in: Daniel Bell/Irving Kristol (Hrsg.): Die Krise in der Wirtschaftstheorie, Berlin u. a. 1984, S. 1–19, hier S. 11.
Wenn die »erste« Reihe auf die »zweite« blickt: Pressekonferenz zur Corona-Lage mit dem Präsidenten des Robert-KochInstituts Prof. Dr. Lothar H. Wieler und dem geschäftsführenden Bundesminister für Gesundheit Jens Spahn, 26. November 2021.

Fachleute entdeckt – sie setzten sich in den 1960er Jahren auch in der zweiten Reihe fest,2 um dort zu bleiben oder ins erste Glied durchzumarschieren.
Eine zweite Reihe gibt es im Grunde immer, kein Regierungssystem kommt ohne sie aus – und auch keine Beschreibung von Regierungssystemen. Doch die Typen, die in der zweiten Reihe dominieren, ändern sich, wie schon diese kursorischen Andeutungen zeigen. Um eine Diskursgeschichte spezifischer Gruppen geht es hier indes nicht, sondern eher um eine erste Erkundung des Phänomens der »zweiten Reihe«, vornehmlich in Anwendung auf die (große) Politik. Insofern bietet der vorliegende Essay anstelle einer Fallstudie eine Untersuchung charakteristischer Fälle oder Konstellationen seit dem 17. Jahrhundert und konzentriert sich dabei auf einen besonders signifikanten Moment: nämlich denjenigen, in dem Akteure der »ersten« Reihe die Angehörigen der »zweiten« Reihe nominieren (wie weit auch immer dieser Prozess formalisiert sein mag). Diese Perspektive benötigt als Basis eine kurze begriffliche Besinnung auf den bislang eher metaphorischen als analytischen Begriff der »zweiten Reihe«, ehe zwei wesentliche Typen dieser Akteursgruppe er-
2 Zu den damit verbundenen Hoffnungen und den aus ihrer Nichterfüllung hervorgehenden Enttäuschungen am deutschen Beispiel: Tim Schanetzky: Die große Ernüchterung. Wirtschaftspolitik, Expertise und Gesellschaft in der Bundesrepublik 1966–1982 (= Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel, Bd. 17), Berlin 2007.
Georg Eckert
kennbar werden sollen – Günstlinge und Geheimräte. Beide unterscheiden sich in ihrer Funktion, mithin auch in der Motivation, aus der Akteure der ersten Reihe sie zu einem bestimmten Moment in einem konkreten Kontext rekrutieren. Inwiefern diese frühneuzeitlichen Kategorien auch unter Bedingungen späterer Epochen einen heuristischen Nutzen versprechen, bleibt abschließend darzulegen.
Wer oder was ist die zweite Reihe? Zur Basis einer Relation
Offenkundig besitzt die zweite Reihe als Kollektiv seit jeher eine wesentliche politische Bedeutung, der allerdings vielfach eine postulierte politische Bedeutungslosigkeit ihrer Individuen entspricht. Wirklich sichtbar wird die zweite Reihe nur im Ausnahmefall – in eklatanten Krisen (Helmut Schmidt galt wohl erst nach der Sturmflut des Jahres 1962 als Akteur der ersten Reihe), bei eklatantem Ausfall der ersten Reihe (ob nun durch deren Abtritt oder durch deren offenkundiges Versagen, beides schafft plötzlich Handlungsräume für die zweite Reihe), jedenfalls kaum im politischen Alltag.
Flapsig gesagt: Wenn die Öffentlichkeit über die zweite Reihe diskutiert, findet das im Regelfall in zwei Modi statt – entweder im Modus einer Kritik an einer ersten Reihe, die ihren Führungsanspruch nicht einlöse und deshalb die zweite Reihe zu frei agieren lasse respektive nicht auf sie höre, oder aber im Modus einer Kritik an einer zweiten Reihe, die ihre Kompetenzen überschreite. Beide Modi können das Handeln aus beiden Reihen desavouieren, weil sie die Frage nach Stärke und Schwäche der jeweiligen Akteure aufwerfen. Das gilt auch für die ultima ratio einer zweiten Reihe, nämlich mit Indiskretionen gravierende Fehlleistungen der ersten Reihe offenzulegen. Solches Whistleblowing, das sich oft hinter Zitaten »aus Regierungskreisen« oder dergleichen verbirgt, verstößt gegen das Verschwiegenheitsgebot der zweiten Reihe, deren Macht – so die basale Annahme – eben keine eigene, sondern eine bloß von der ersten Reihe abgeleitete sei. Dieses Postulat kann allerdings auch als Schutzbehauptung dienen: Inwiefern ostentative Machtlosigkeit sogar zum Fundament einer apologetischen Strategie werden kann, hat vielleicht kein Ereignis so klar illustriert wie der Jerusalemer Prozess gegen Adolf Eichmann. Dieser Mann der zweiten Reihe im Reichssicherheitshauptamt berief sich auf eine exkulpierende Bindung an Befehle der ersten Reihe. Die Frage, wer Verantwortung für sich abweisen oder beanspruchen dürfe, gehört wesentlich zum Miteinander, mitunter auch Gegeneinander der ersten und der zweiten Reihe. Beide haben in vielen Situationen einen Vorteil davon, sogar eine gewisse funktionale Verantwortungslosigkeit zu kultivieren. Das Beispiel des württembergischen Hofrates Benjamin Bouwinghausen von Wallmerode, der sich
Eine wesentliche Eigenschaft des Akteurs in der zweiten Reihe besteht darin, keine expliziten Ambitionen auf die erste Reihe zu zeigen. Darin liegt eine entscheidende Grenze und Voraussetzung seines Wirkens. Das Rampenlicht gehört prinzipiell der ersten Reihe, seit jeher, in den so unterschiedlichen Konfigurationen, in denen sich das Phänomen der zweiten Reihe seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden fassen lässt – vom Rat der Großen im Perserreich über die Curia regis, das Ratgebergremium mittelalterlicher Könige, aus dem sich in England die beiden Häuser des Parlaments entwickelt haben, bis zum informellen »kitchen cabinet«. In letzterem rief der amerikanische Präsident Andrew Jackson am Ende der 1820er Jahre handverlesene, ihm persönlich verbundene Berater zusammen, deren Einfluss denjenigen der nach parteipolitischem Kalkül und nicht aufgrund persönlichen Vertrauens ernannten Mitglieder des offiziellen, zutiefst zerstrittenen Kabinetts bei Weitem überstieg. Dieses Vorgehen blieb nicht ohne zeitgenössische Kritik: Der Begriff war ursprünglich nicht als Kompliment gemeint, sondern
3 Axel Gotthard: Benjamin Bouwinghausen. Wie bekommen wir die »Männer im zweiten Glied« in den Griff?, in: Helmut Altrichter (Hrsg.): Persönlichkeit und Geschichte (= Erlanger Studien zur Geschichte, Bd. 3), Erlangen/Jena 1997, S. 69–103, hier S. 78.
Georg Eckert im Jahre 1609 den Konfliktparteien im Jülisch-Klevischen Erbfolgestreit als »privater« Vermittler andiente,3 ist instruktiv. Sein Wirken wäre im Erfolgsfall zweifellos seinem Herzog zugerechnet worden, der sich so allerdings nicht einem potenziellen Misserfolg auszuliefern hatte. Gleiches gilt beispielsweise für Oberst Edward M. House, den engen diplomatischen Berater in Weltkriegszeiten, den der amerikanische Präsident Woodrow Wilson freilich abrupt entließ, als er bei den Pariser Friedensverhandlungen zu eigenmächtig agierte. Die zweite Reihe besitzt bisweilen größere Handlungsspielräume als die erste Reihe, sie vermag durchaus eigenmächtig Angebote zu unterbreiten, deren Unverbindlichkeit ihre gesichtswahrende Annahme oder Zurückweisung erst ermöglicht: zum Beispiel in Verhandlungen auf der »Arbeitsebene«, wo Akteure der zweiten Reihe aus verschiedenen Parteien leichter zueinander finden können als Akteure der unter genauer Beobachtung stehenden ersten Reihe, die am Ende entscheidungsbefugt bleibt. Platzt der Versuchsballon, ist die erste Reihe dafür nicht zu belangen; steigt er in die gewünschte Höhe auf, war er schon immer ihr Werk. Insofern ist die zweite Reihe ein heroisches Niemandsland, selbst dort, wo sie der ersten Reihe glänzende Erfolge sichert. Ihre sichtbarste Auszeichnung besteht darin, sich nicht sichtbar auszuzeichnen – die berühmte Proklamation »An mein Volk und die deutsche Nation« vom 21. März 1848 assoziieren wir beispielsweise mit König Friedrich Wilhelm IV., nicht mit ihrem eigentlichen Urheber, dem damaligen preußischen Außenminister Alexander von Arnim.