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Morde im braunen Berlin (Leseprobe)

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MORDE IM BRAUNEN BERLIN

Eine Kriminalitätsgeschichte 1933–1945

Vorwort

„Morde im Braunen Berlin“ weckt zwangsläu g düstere Assoziationen: millionenfacher Massenmord an Juden, an Sinti und Roma, an Kommunisten und politisch Andersdenkenden jeglicher Couleur, an Homosexuellen, psychisch Kranken sowie an den sogenannten Berufsverbrechern. Hier soll es indes nicht um den von einem verbrecherischen System legitimierten Mord im Namen eines verbrecherischen Regimes gehen, sondern um „Alltagskriminalität“, um Eifersucht, Habgier, Rache sowie um Lustmorde.

Die in diesem Buch geschilderten Mordfälle spiegeln die soziale und wirtscha liche Realität in Berlin zur Zeit der nationalsozialistischen Herrscha wider. Sie vermitteln einen Einblick in die Lebensverhältnisse der „kleinen Leute“, zeigen ihre Sorgen und Nöte fernab der politischen Realität auf.

Mit „Berufsverbrechern“ hat es die ehemalige Mordinspektion, die jetzt Kriminalgruppe M heißt, nur selten zu tun, denn von jeher werden die meisten Morde im Familien- und Bekanntenkreis verübt, sind also o mals reine Beziehungstaten. Vielfach handelt es sich um Familientragödien, ausgelöst durch widrige Lebensumstände, Eifersucht oder Alkoholismus.

Für die „kleinen Leute“ hat sich das Leben nach 1933 nicht verbessert. Die Behauptung, dass es in jenen Jahren den Menschen besser gegangen ist, dass die Arbeitslosigkeit überwunden war, erweist sich beim näheren Hinsehen als falsch. Viele Menschen hausen noch immer in umgebauten ehemaligen Läden, ohne Wasseranschluss und ohne Toilette. Oder in Kellerwohnungen, ebenfalls ohne ießendes Wasser und ohne elektrisches Licht.

Auch die Art der Verbrechen und ihre Motive haben sich kaum geändert: Alleinstehende, meist ältere Frauen, deren Männer im Ersten Weltkrieg gefallen sind, kämpfen ums

materielle Überleben, müssen Zimmer untervermieten, um ihre eigene Miete zahlen zu können oder sind gezwungen, kleine unrentable Kolonialwarenläden mehr schlecht als recht aufrechtzuerhalten, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht. Auch das zusätzliche Geld von der Wohlfahrt ändert daran nicht viel. Ihre Lebensbedingungen sind zum Teil trostlos.

Kneipenwirtinnen oder Inhaberinnen kleiner Geschä e werden auch zwischen 1933 und 1945 immer wieder Opfer von Raubüberfällen oder -morden. Die Täter, meist Jugendliche, gehen dabei o von der irrigen Annahme aus, dass diese Frauen keinen Widerstand leisten und zudem viel Geld haben müssen. In aller Regel erbeuten die Täter aber nur wenige Mark. Die Kripo jener Jahre hat es weniger mit spektakulären, ra niert eingefädelten Verbrechen zu tun, als vielmehr mit milieubedingten Taten, als das Resultat sozialer Desintegration, denn die sinkende Arbeitslosigkeit führt nicht zwangsläu g dazu, dass jeder von dem, was er verdient, auch leben kann. Die Fotos aus dieser Zeit von der strahlenden „deutschen“ Großfamilie sind nicht mehr und nicht weniger als Propaganda.

Das Nationalsozialistische Regime wendet 1933 viel Energie auf, um die Polizei unter seine Kontrolle zu bringen, was in Bezug auf die Schutzpolizei auch gelingt. Die altehrwürdige Kriminalpolizei aber, besonders die von Ernst Gennat gegründete Mordinspektion, arbeitet relativ unbehelligt weiter, denn sie wird kaum in den „Kampf gegen die Berufsverbrecher“ miteinbezogen – als diese werden die Einbrecher und Geldschrankknacker betrachtet, die immer wieder rückfällig werden. Ein Serieneinbrecher wird selten zum Mörder, sondern er plant seinen Coup so, dass er nicht erwischt wird. Einbrecher sind auch so gut wie nie bewa net.

Der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) obliegt die Verfolgung von Juden, Sinti und Roma, Regimegegnern und Homosexuellen. Dennoch gibt es immer wieder Konkurrenz zur Kriminalpolizei, denn häu g lassen sich „normale“ Delinquenz und Stra aten mit politischem Bezug nicht klar voneinander trennen. Auch die Verfolgung von „normalen“ Verbrechen durch die Kriminalpolizei hat politische Aspekte, soll es doch im totalitären Staat eigentlich kein Verbrechertum (mehr) geben. Das macht die Arbeit der Kripo zwischen 1933 und 1945 nicht leichter.

Dieses Buch ist in vier Kapitel eingeteilt:

Die Jahre von 1933 bis 1936 sind für weite Teile der Bevölkerung von vorsichtigem Optimismus geprägt. Vor den Olympischen Spielen gibt sich das Regime gemäßigt. Reichspropagandaminister Goebbels will der Welt ein „Land des Lächelns“ präsentieren. Der bösartige Mr. Hyde verwandelt sich vorübergehend in den gutmütigen Dr. Jekyll.

Die Zeit zwischen 1936 und 1939 ist von einer Verschärfung der Repressalien gegen unliebsame Bevölkerungsteile durch die Gestapo gekennzeichnet, und damit von zunehmender Unsicherheit. In den Reihen der Kriminalpolizei kommt es zu einer zweiten Säuberungswelle,

bei der nicht bedingungslos regimetreue Beamte entlassen werden. Jene Beamten werden der Korruption und der Bestechlichkeit beschuldigt und es kommt auch zu Verfahren. Einige landen im KZ, es gibt auch Selbstmorde. Auch gegen den berühmten Ernst Gennat wird ein Verfahren eingeleitet, vermutlich wegen Bestechlichkeit, es verläu aber im Sande. Kurz vor Beginn des Krieges stirbt Gennat eines natürlichen Todes.

Nach 1939 erlebt die Kripo eine der größten Krisen ihrer Geschichte. Ihre Reihen sind ohnehin schon ausgedünnt, aber immer mehr Polizeikrä e werden in die besetzten Gebiete geordert, sodass an der „Heimatfront“ sogar längst pensionierte Beamte in den Dienst zurückgeholt werden müssen.

Ab 1943 verschär sich die Lage sogar noch, die Kriminalitätsrate steigt, aber immer weniger Verbrechen werden aufgeklärt. Delikte wie Körperverletzung, Einbruch und Diebstahl werden nicht mehr bearbeitet. Die Kripo wird im zerstörten Berlin handlungsunfähig.

Jede Zeit hat ihre Verbrechen, aber die Verbrechen zur Zeit des Dritten Reiches in Berlin sind ohne die Bedingungen, unter denen die Ermittler zu dieser Zeit arbeiten mussten, nicht zu verstehen.

1933 bis 1936

Kriminalpolizei und Kriminalität

1933 bis 1936

Für die Berliner Polizei beginnt bereits gut ein halbes Jahr vor der sogenannten Machtergreifung ein neues Zeitalter: Am 30. Mai 1932 entlässt Reichspräsident Paul von Hindenburg den glücklosen Reichskanzler Heinrich Brüning und ernennt mit Franz von Papen einen erklärten Gegner der Weimarer Republik zum Kanzler. Von Papen hebt das unter Brüning durchgesetzte Verbot von SA und SS auf, entlässt am 20. Juli 1932 die von dem Sozialdemokraten Otto Braun geführte preußische Landesregierung und jagt gleichzeitig die Berliner Polizeiführung, den Polizeipräsidenten Albert Grzesinski, seinen von den Nazis – insbesondere in deren Kampforgan „Der Angri “ – immer wieder he ig attackierten jüdischen Vizepräsidenten Dr. Bernhard Weiß sowie den Kommandeur der Berliner Schutzpolizei, Magnus Heimannsberg, aus dem Amt. Von Papen sorgt auch dafür, dass bekennende Sozialdemokraten entweder in die Provinz versetzt oder nicht mehr befördert werden. Mit dem „Preußenschlag“ ist der Weg für die NSDAP geebnet und eine erste Säuberung in den Reihen der Polizei vorweggenommen.

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 hat für die Arbeit der Kriminalpolizei zunächst kaum einschneidende Konsequenzen, denn das Hauptaugenmerk der neuen Machthaber gilt zunächst der Schutzpolizei, die möglichst rasch gefügig gemacht werden soll. Als kommissarischer preußischer Innenminister und somit Herr über die Ordnungshüter legt Hermann Göring die Umstrukturierung der preußischen Polizei Anfang Februar 1933 in die Hände des ehe-

maligen Leiters der Berliner Müllabfuhr, Kurt Daluege. Diesem fehlt zwar jedwede Kenntnis der Polizeiarbeit, dafür hat er in der SS schnell Karriere gemacht. Seine Aufgabe wird es sein, die Schutzpolizei auf die neue Linie im Kampf für eine „Volksgemeinscha ohne Verbrecher“ einzuschwören. Neue Gesetze sollen „Recht und Ordnung“ wiederherstellen, denn nach Ansicht der Nationalsozialisten sind Polizei und Justiz in der „Systemzeit“, wie sie die Weimarer Republik abfällig nennen, zu milde vorgegangen.

Die nationalsozialistische Ideologie sieht den Menschen nicht als Individuum, sondern als „Glied der völkischen Gemeinscha “, als einen dem Staat gegenüber zur Treue verp ichteten „Volksgenossen“. Wer sich nicht gemeinscha skonform verhält, wird als „Volksschädling“ aus der „Volksgemeinscha “ ausgeschlossen. Das Individuum hat gegenüber dem Staat zwar viele P ichten, aber keine Rechte.

Die Grundlage für diese Rechtsau assung liefert die am 28. Februar 1933 erlassene „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“, die die Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kra setzt. Wenige Tage später erklärt Hermann Göring in einem Runderlass, dass mit eben dieser Verordnung auch alle Beschränkungen der Polizei durch Gesetze des Reiches und der Länder hinfällig sind, die der Durchführung der Verordnung im Wege stehen. Magnus von Levetzow, Berlins neuer Polizeipräsident, legt noch nach und fordert die Kriminalpolizei auf, das „gewerbsmäßige Berliner Verbrechertum zu vernichten“. Der Polizeiwillkür ist damit Tür und Tor geö net.

Kaum einen Monat nach der Machtergreifung ernennt Hermann Göring am 22. Februar 1933 Einheiten von SA, SS und Stahlhelm zur „Hilfspolizei“, kurz HiPo genannt, die schon bald eine unrühmliche Rolle spielen wird. Vor Selbstbewusstsein strotzend, marschieren SA­ und SS­Trupps, die zwar keinerlei Quali kation, dafür aber Wa en vorzuweisen haben, als Hilfspolizisten durch die Straßen und verbreiten Angst und Schrecken. Mit Schwarzen Listen ziehen die selbst ernannten Ordnungshüter vornehmlich in den von Kommunisten bevorzugten Gegenden in Gruppen von Haus zu Haus auf der Suche nach Andersdenkenden jedweder Couleur sowie nach Juden. Diejenigen, die sie nden, verschleppen sie in quasi illegale, meist in Kellern untergebrachte Konzentrationslager und Privatgefängnisse. Hier wird gedemütigt, gefoltert und gemordet. Doch die Hilfspolizei überspannt den Bogen und wird schon im August 1933 sukzessive aufgelöst. Dessen ungeachtet gehen SA­Trupps weiterhin auf Menschenjagd und unterhalten Privatgefängnisse.

Bei der Kriminalpolizei gibt es zunächst nur wenige Veränderungen. Auch wenn o zielle Zahlen fehlen, kann davon ausgegangen werden, dass kaum mehr als ein Dutzend Kriminalbeamte aus politischen Gründen entlassen werden. – Von Papen hat 1932 die Vorarbeit geleistet. Vor allem der SPD nahestehende Beamte werden versetzt, den Dienst quittieren müssen nur wenige. Der der SPD angehörende Rudolf Lissigkeit beispielsweise, einer der bekanntesten Kommissare der Mordinspektion, wird in die Provinz „befördert“. Beamte hingegen, die während der Weimarer Republik wegen ihrer Sympathien für die NSDAP den Dienst quittieren mussten, werden zum Teil wieder eingestellt. Zwar würden die neuen Machthaber die altgedienten Kriminalkommissare gerne loswerden, sie begreifen jedoch sehr schnell, dass sie auf die hochquali zierten Kriminalisten nicht verzichten können, denn

Von der Müllabfuhr zur Polizei: Polizeigeneral Kurt Daluege (links) mit SS-Führern. 3. von links Heinrich Himmler, 3. von rechts Reinhard Heydrich.

es fehlt an Ausbildern für die im Au au begriffene Geheime Staatspolizei (Gestapo), bringen doch die kün igen Gestapoleute keinerlei kriminalistische Vorkenntnisse mit.

Die Mehrheit der Kriminalisten begrüßt die „neue Zeit“ wohl eher und ho auf konkrete Verbesserungen. Eine Vielzahl der in den 1930er­Jahren aktiven Kriminalbeamten ist noch während der Kaiserzeit zur Kripo gekommen und hat sich mit der liberalen Rechtsau assung der Weimarer Republik nie ab nden können.

Hinzu kommt die Unzufriedenheit innerhalb der Kriminalpolizei mit schlechter Bezahlung und mangelnden Aufstiegschancen. Die ständige Finanznot, in der sich das Land Preußen zur Zeit der Weimarer Republik be ndet, lässt die Neuscha ung von Stellen für höhere Beamte nicht zu, was in der Praxis bedeutet, dass viele nicht einmal den Rang des Kriminalkommissars erreichen, sondern in der Position des Kriminalassistenten, eigentlich der Eingangsstufe in den höheren Dienst, das Pensionsalter erreichen.

Die Veränderungen innerhalb der Berliner Kripo beschränken sich auf den organisatorischen Bereich: Zwischen Mai und Dezember 1933 werden die früheren Inspektionen A bis G zu drei Kriminalgruppen zusammengefasst: Die Kriminalgruppe B (Betrug), die Kriminalgruppe E (Zentralinspektion zur Bekämpfung des gewerbsmäßigen Einbruchs und Diebstahls) und die Kriminalgruppe M (Gewaltverbrechen). Letztere ist aus der früheren Mordinspektion sowie den Inspektionen „Sittlichkeitsdelikte“ und „weibliche

Kriminalpolizei“ hervorgegangen. Chef der Kriminalgruppe M ist Ernst Gennat.

Auch im Arbeitsalltag der ehemaligen Mordinspektion, die unter ihrem Gründer Gennat über die Grenzen Berlins hinaus Berühmtheit erlangt hat, ändert sich unter dem Naziregime zunächst nur wenig. Die Kripobeamten waren schon in der Zeit der Weimarer Republik als äußerst sensible Individualisten berüchtigt, die sich nicht gerne in ihr Handwerk pfuschen lassen. Zunächst müssen sie noch bei Laune gehalten werden, denn ihr Fachwissen wird gebraucht.

Gennat ist davon überzeugt: „Die beste Kriminalitätsprävention ist gute Polizeiarbeit“. Nach knapp dreißig Jahren Berufserfahrung als Kriminalkommissar hält das Urgestein der Berliner Kripo nichts von Zwangsmaßnahmen. Gennat setzt auf schnelle Au lärung durch e ektive Arbeit. Die neuen Machthaber setzen weniger auf rasche Au lärung, als vielmehr auf „Ausmerzung des Verbrechertums“. Dabei ist die Debatte um den Umgang mit den „Gewohnheits­“ bzw. „Berufsverbrechern“ nicht neu. Die Debatte ins Rollen brachte bereits das 1926 erschienene umstrittene Buch „Der Berufsverbrecher. Ein Beitrag zur Strafrechtsreform“ des Kriminalisten Dr. Robert Heindl, den Kurt Tucholsky, selbst Jurist, als einen „Schädling der Kriminalistik“ bezeichnete. Dass die Studie des Geheimrats Heindl seinerzeit auf fruchtbaren Boden el, beweist die Tatsache, dass sie in drei Jahren sieben Au agen erreichte. Heindl stellte die ese auf, dass der weitaus größte Teil der Kriminalität auf das Konto von „Berufsverbrechern“ gehe. Diese Kriminellen gingen ihren Taten nach, wie andere Menschen einem normalen Beruf. Zu dieser Gruppe zählt Heindl vor allem die Einbrecher. In Deutschland, so meint

Die Berliner Mordinspektion zu Beginn der 1930er-Jahre. Vorne in der Mitte steht Ernst Gennat.

er, agierten etwa 8 000 solcher „Berufsverbrecher“. Gelänge es, diese in Vorbeugeha zu nehmen, so wäre damit der Löwenanteil an der Kriminalität bekämp .

Das „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ vom 24. November 1933 tritt am 1. Januar 1934 in Kra . Danach kann ein als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“ Verurteilter in zeitlich unbegrenzte Sicherungsverwahrung genommen werden. Schon am 13. November 1933 ergeht vom preußischen Innenministerium ein geheimer Erlass über die Anwendung vorbeugender Polizeiha gegen „Berufsverbrecher“, demzufolge Personen, die bereits mehrfach zu Gefängnisstrafen verurteilt worden sind und aller Wahrscheinlichkeit nach vom Erlös aus ihren Stra aten leben, in unbefristete Vorbeugeha genommen werden können. Sexualstra äter und Personen, die nicht als „Berufsverbrecher“ gelten, von denen die Polizei aber vermutet, dass sie in Zukun schwerere Stra aten begehen könnten, sollen ebenfalls interniert werden. Für diesen Personenkreis ndet man die Bezeichnung „Gewohnheitsverbrecher“. Vollstreckt wird die Ha vornehmlich in Konzentrationslagern.

Am 10. Februar 1934 ordnet das preußische Innenministerium die planmäßige Überwachung der auf freiem Fuß be ndlichen „Berufsverbrecher“ an. Danach können allen als „Berufsverbrecher“ betrachteten Personen Au agen gemacht werden, die ihre

Obwohl der Mörder von Erna Vogel bereits im Juni 1936 verurteilt wurde, erfolgte die Hinrichtung erst im November. Sollte eine Hinrichtung in der Zeit der Olympischen Spiele vermieden werden?

Bewegungsfreiheit und somit ihre Bürgerrechte weitgehend einschränkten, wie z. B. eine nächtliche Ausgangssperre, das Verbot, die Stadt zu verlassen oder sich an bestimmten Orten aufzuhalten, das Verbot, Autos oder Motorräder zu benutzen. Sogar das Halten von Hunden kann ihnen untersagt werden. Wer die Au agen nicht befolgt, dem droht Vorbeugeha .

Vor 1933 machten spektakuläre Verbrechen selbst in der Tagespresse Schlagzeilen und sorgten für steigende Au agen, die ermittelnden Kommissare wurden von der Ö entlichkeit verehrt wie Filmstars. Ab 1933 dur en die Ermitt­

ler in der Presse nicht mehr genannt werden, am liebsten hätte man die Berichterstattung über Verbrechen ganz unterbunden. Nachdem Propagandaminister Goebbels in den Morgenzeitungen von Überfällen auf Liebespärchen im Grunewald gelesen hatte, soll er einen Tobsuchtsanfall bekommen haben. Schließlich bemühe er sich um ein „sauberes Deutschland“ ohne Verbrechen und die „instinktlose“ Kripo mache ihm mit fast täglichen Pressemitteilungen über Verbrechen seine Arbeit zunichte. Von nun an müssen alle Pressemitteilungen des Polizeipräsidiums zuerst dem Propagandaministerium vorgelegt werden, das letztlich entscheidet, was verö entlicht werden darf.

Die Politik des Vertuschens und Verschweigens von Verbrechen lässt sich auf die Dauer jedoch nicht durchhalten. Das Propagandaministerium muss einsehen, dass die Kriminalpolizei auf die Unterstützung des Publikums angewiesen ist, besonders wenn es sich um Sexualverbrechen an Kindern handelt. Als im August 1935 die 12­jährige Erna Vogel verschwindet, bringen die Zeitungen ausführliche Beschreibungen und an allen bekannten Orten der Stadt hängen Fahndungsplakate, zudem ist eine hohe Belohnung ausgesetzt. Der Täter wird letztlich überführt, wenn auch durch Zufall.

Unmittelbar vor den Olympischen Sommerspielen möchte man dann aber doch von Mord und Totschlag lieber nichts hören. So wird über einen neuerlichen Frauenmord im Juli 1936 mit Rücksicht auf das am 1. August beginnende sportliche Großereignis nicht berichtet.

Eine weitere Umstrukturierung nach 1933 betri die Politische Polizei. Die Zuständigkeit hierfür obliegt zunächst der Politischen Polizei, der Abteilung IA des Polizeipräsidiums. Im April 1933 wird diese aus dem Polizeipräsidium herausgelöst und sie entsteht in Form der Gestapo neu.

Ob es sich bei einem Kapitalverbrechen um einen politischen Mord handelt, ist nicht immer klar und eine Sache der Interpretation. So wird der Mord an einem Kommunisten durch einen SA­Mann im März 1933 nicht als politischer Mord behandelt, sondern als „gemeiner“ Mord beziehungsweise Totschlag. Welches Motiv in diesem Fall schwerer wiegt, die politische Gegnerscha oder die Rache übereifriger Hilfspolizisten, ist schwer zu klären.

So ist die Polizeiarbeit in dieser Zeit stets vor dem politischen Hintergrund des Regimes zu sehen, das alle Lebensbereiche unter seine Kontrolle zu bringen versucht.

Der Kommunist und die „Hilfspolizei“

(1./2. März 1933)

Der Erlass, mit dem Hermann Göring SA- und SS-Angehörige zu „Hilfspolizisten“ befördert hat, ist noch keine zehn Tage alt, als es auf der Fischerinsel zu einer Mordtat kommt, deren Umstände nie vollständig geklärt werden. Obwohl der Fall offenbar politisch motiviert ist, nimmt die 2. Reservemordkommission die Ermittlungen auf.

In der Nacht vom 1. auf den 2. März 1933 ziehen fünf der neuen Polizeihelfer, die zwar keinerlei Quali kation, dafür aber Wa en vorzuweisen haben, durch eines der ältesten Viertel der Stadt. „In der jetzt bewegten Zeit ist es üblich“, so der 25-jährige Helmut Markus in der späteren Vernehmung, „dass von den Angehörigen der SA Streifen ausgeführt werden, da wiederholt Überfälle auf Parteigenossen und SA-Leute vorgekommen sind.“ Der Fall soll sich folgendermaßen abgespielt haben: Gegen 01.15 Uhr biegen die fünf „Hilfspolizisten“, Helmut Markus und Richard Schulz sowie die SA-Männer Hans Metelski, Johannes Wild und Max Lehmann von der Rittergasse in die Petristraße ein. Markus geht als Vorhut voraus und bemerkt vor dem Haus Nr. 8/9 einen Mann, der, als er die braune Uniform erblickt, in seine Tasche grei . Eine Wa e, vermutet Markus, und ru mit einem schrillen P auf zwei Fingern seine Kameraden herbei. Der Verdächtige verschwindet im Haus und schließt die Haustür hinter sich ab. Die

fünf uchen vor sich hin, klingeln den Mieter der Ladenwohnung im Erdgeschoss heraus und lassen sich die Haustür aufschließen. Es müssen einige Minuten vergangen sein, bis sie endlich im Haus ur des handtuchschmalen Hauses stehen. Angeblich hören sie, wie im dritten Stock eine Wohnungstür zugeschlagen wird. Im Licht einer Stablampe und mit gezogenen Wa en poltern sie die altersschwache, steile Treppe hinauf und bummern zuerst an der linken Tür: „Polizei! Sofort aufmachen!“ Der Mieter namens Köller ö net zögernd. Der späte Heimkehrer ist er o ensichtlich nicht, wie sein zerknitterter Schlafanzug verrät. „Wohnen auf der Etage Kommunisten?“, will der SA-Mann Metelski wissen. Wortlos zeigt Köller auf die Wohnung gegenüber, und schon hämmern die Fäuste an die gegenüberliegende Tür: „Aufmachen, Polizei!“ – doch niemand ö net. Stattdessen ru jemand aus dem Fenster der besagten Wohnung in den Hof: „Ist das wirklich Polizei?“ Köller bestätigt. „Ja, ja, das ist Polizei.“

„Weg vom Fenster!“ Die Stimme kommt vom Flurfenster eine halbe Treppe höher, und schon kracht ein Schuss, der haarscharf am Kopf des Mannes, der aus der Wohnung in den Hof gerufen hat, vorbeigeht. Holz splittert vom Fensterrahmen und bleibt im Mauerwerk stecken. Dann ö net sich die Tür doch noch einen Spalt. Hans Metelski glaubt im Licht der Stablampe den Lauf einer Wa e zu erkennen und schießt sofort in Richtung Tür. In dem Moment, in dem die Tür zugeschlagen wird, krachen weitere Schüsse. Wenigstens einer davon geht durch die geschlossene Tür. Richard

Der Kommunist und die „Hilfspolizei“

Schulze, der Schütze, wird später aussagen, er habe verhindern wollen, dass von drinnen auf seine Kameraden gefeuert wird. Da es ihnen nicht gelingt, die Tür aufzubrechen, benachrichtigt einer von ihnen das Polizeirevier, das auch gleich zwei Beamte schickt. Sie ö nen die Tür und nden dahinter den schwer verletzten Bernhard Wirsching. Er hat einen Brustschuss erlitten und stirbt auf dem Weg in die Rettungsstelle. Wer von den fünf SA­Leuten welchen Schuss abgegeben hat, bleibt unklar. Helmut Markus sagt später aus, dass er sich nicht schuldig fühle, da er der Überzeugung gewesen sei, dass es sich bei dem Mann um einen Kommunisten gehandelt habe. Das habe er aus dessen Verhalten vor der Haustür geschlossen. Die Möglichkeit, dass der Mann nur ein harmloser Mieter war, der seinen Schlüssel aus der Tasche ziehen und ins Haus gehen wollte, zieht er gar nicht erst in Betracht.

Der zweite Mann, Arthur Pannier, der sich in der Wohnung be ndet, ist unverletzt. Er ist der Mann, der aus dem Fenster gerufen hat. Er wird festgenommen. Hans Metelski behauptet, er habe mit der Stablampe vor der Tür gestanden, den Pistolenlauf gesehen und Pannier sofort wiedererkannt, denn am 31. November 1931 sei er von diesem in der Inselstraße angeschossen worden. Das Gericht habe Pannier im Februar 1932 dennoch freigesprochen. Aber wo ist die Wa e, die Metelski gesehen haben will? Bei der Durchsuchung der Wohnung, die nur aus der Küche, die man gleich durch die Wohnungstür betritt, und einem Zimmer besteht, werden keine Wa en gefunden.

Die Hauptmieterin der Wohnung, die 44­jährige Martha Preiss, kann über ihre

Görings Truppe: Im Frühling 1933 treten zu Hilfspolizisten ernannte Berliner SA-Leute zu einem „Waffenappell“ an.

Der Kommunist und die „Hilfspolizei“

beiden Untermieter, denen sie im Februar 1932 ihr einziges Zimmer vermietet hat, nicht viel sagen. Sie weiß nur, dass beide arbeitslos sind. Ob die beiden mit den Kommunisten sympathisieren, wisse sie nicht genau.

Arthur August Pannier, der 36­jährige gebürtige Hamburger, im Protokoll wird er als „Dissident“ bezeichnet, ist in der Tat kein Unschuldsengel, sondern wegen meist politisch motivierter Vergehen mehrfach vorbestra . Versuchte Gefangenenbefreiung, Landfriedensbruch, unerlaubter Wa enbesitz und sogar Mordversuch stehen auf der Liste. Die letzte Strafe hat er 1928 verbüßt. Stra aten kommen für ihn, betont er, heute nicht mehr infrage. Er sei weder der Mann gewesen, der in der Nacht schnell ins Haus gegangen sein soll, noch habe er eine Wa e. Panniers Aussage zufolge ist der Abend folgendermaßen verlaufen:

Gegen 18.00 Uhr kommt er mit höllischen Schmerzen vom Zahnarzt nach Hause. Seine Wirtin bietet ihm eine Tasse Ka ee an, doch er will nichts weiter als sich hinlegen. – Der später vernommene Zahnarzt wird eine schmerzha e Zahnoperation bestätigen und auch Martha Preiss kann die Richtigkeit von Panniers Angaben bezeugen.

Gegen 22.00 Uhr kommt, so Pannier, sein Zimmergenosse Bernhard Wirsching nach Hause. In der Wohnung gibt es Automatengas, und Wirsching hat nur zwei Sechser, also zwei 5­Pfennig­Stücke. Für den Automaten brauchen sie aber einen Groschen, ein 10­PfennigStück. Ihre Wirtin ist schon ausgegangen, und Wirsching hat keine Lust, noch einmal mach unten zu gehen. So klingelt er beim Nachbarn Köller, der tatsächlich wechseln kann.

Als das Gaslicht wieder brennt, legt Wirsching sich ebenfalls ins Bett, um zu lesen. Auch Pannier liest im Bett. Dann pocht und hämmert es mitten in der Nacht an der Tür. „Sofort aufmachen, Kriminalpolizei!“, brüllt jemand. – „Das ist bestimmt keine Kriminalpolizei, die haben viel zu junge Stimmen!“, konstatiert Pannier. Außerdem ist er sich keiner stra aren Handlung bewusst. Sie ziehen sich

provisorisch an und Wirsching geht barfuß zur Tür. Als Pannier aus dem Fenster nach dem Nachbarn ru , fällt ein Schuss und verfehlt ihn um Haaresbreite. Jetzt ist Pannier sicher. Das ist keine Kripo! Wirsching geht dennoch zur Tür und ö net sie einen Spalt, jetzt krachen gleich mehrere Schüsse. Wirsching kann die Tür noch zuschlagen, bricht dann aber zusammen.

Panniers Darstellung der Ereignisse unterscheidet sich von der der SA­Leute, stimmt mit den Aussagen der anderen Zeugen allerdings überein.

Pannier stürzt in sein Zimmer und ru aus dem Fenster um Hilfe, nach der Polizei und nach einem Rettungswagen. Wenig später hämmern wieder Männer an seiner Zimmertür. Diesmal ist es wirklich die Polizei. Während sie den schwer verletzten Wirsching zur Rettungsstelle in der Alexandrinenstraße transportieren, bringen sie Pannier in die Wohnung von Köller. Die SA­Leute bewachen ihn. Metelski stellt sich vor Pannier und hält ihm die ganze Zeit eine Wa e an die Brust.

„Woher kennen Sie Metelski?“, will der Ermittler wissen.

„Metelski ist im November 1931 angeschossen worden und hat mich als den Schützen bezichtigt, obwohl ich ein Alibi hatte. Im Prozess am 17. Februar 1932 bin ich freigesprochen worden. Der wirkliche Täter ist inzwischen ermittelt und zu zweieinhalb Jahren verurteilt. Metelski ist aber noch immer davon überzeugt, dass ich es war.“

„Kennen Sie noch mehr von den SA­Leuten von gestern?“

„Den Namen Markus habe ich gehört. Im Prozess hat ein SA­Mann namens Markus als angeblicher Zeuge ausgesagt.“

Auf die Frage, welcher politischen Richtung er angehöre, erklärt Pannier:

Die Fischerinsel ist keine „feine Wohngegend“. Heinrich Zille nahm dieses Foto der Köllnischen Straße um 1900 auf.

„Zurzeit keiner. Früher war ich in der KPD, zahle aber seit Juni 1932 keine Beiträge mehr. Im Juni 1932 bin ich in der Fischerstraße von einem SA­Mann angeschossen worden und war acht Wochen im Krankenhaus. Daher auch meine Gehbehinderung. Der Täter ist nie ermittelt worden.“

Die Kripo zweifelt an der Aussage Panniers. Vor allem die Angabe, sie hätten von 22.00 bis 01.15 Uhr gelesen, hält sie für unglaubwürdig.

„Lesen Sie abends immer so lange?“, will der Beamte wissen.

„Ja, solange das Gas brennt, lesen wir.“

Der 40­jährige Emil Köller ist von Beruf Nadler, er stellt Drahtobjekte wie Vogelkä ge oder Lampenschirmgestelle her. Köller bezeugt, dass die Männer „Aufmachen Kriminalpolizei“ gerufen haben, und nicht etwa „Hilfspolizei“ oder „Polizei“, wie sie in ihrer Vernehmung beteuern. Fünf SALeute seien dann in seine Wohnung gestürmt und hätten nach anwesenden Personen gesucht. Ob im Haus Kommunisten wohnen, sei er nicht gefragt worden. Er hätte die Frage auch nicht beantworten können.

Aus dem Gefängnis bittet Arthur Pannier einen Bekannten um einige persönliche Gegenstände.

Der Kommunist und die „Hilfspolizei“

Die Tür gegenüber habe sich auf das lautstarke Klopfen einen Spalt geö net und jemand habe nur gesagt: „Das sind Nazis!“ Im selben Augenblick elen die Schüsse. Pannier habe aus dem Fenster nach der Polizei und einem Rettungswagen gerufen. Weder Pannier noch Wirsching habe er am Abend weggehen sehen oder hören. Letzterer habe lediglich gegen 22.30 Uhr bei ihm geklingelt, um Geld für den Gasautomaten zu wechseln.

Margarete Wolf, die 31­jährige Untermieterin Köllers, bestätigt die Aussage und ergänzt noch: „Während der Angeschossene zur Rettungsstation transportiert wurde, hat die Polizei Pannier in Köllers Wohnung gebracht. Die SA­Leute stellten sich um ihn herum auf, und einer richtete seine Pistole direkt auf Panniers Brust, bis ein Polizeibeamter sagte: ‚Nun steck das Ding mal weg!‘“ Den Mann mit der Pistole kann sie nicht beschreiben, sie würde ihn auch bei einer Gegenüberstellung nicht wiedererkennen. Metelski weist die Behauptung, dass er in Köllers Wohnung Pannier mit der Wa e bedroht haben soll, entrüstet zurück. Das sei eine glatte Lüge!

Bei der Durchsuchung der Wohnung Preiss wird keine Wa e gefunden, auch nicht im Schornstein oder in den Lu schächten.

Zwei Hauptwachtmeister und zwei Oberwachtmeister des 14. Polizeireviers in der Niederwallstraße waren zwischen 11.00 und 02.00 Uhr auf Steife im „Fischerkietz“. Sie beobachteten vor dem Haus Petristraße 8/9 fünf oder sieben SA­Leute. Einer verabschiedet sich und verschwindet im Haus, die anderen gehen weiter. Als sie später wieder vorbeikommen, stehen zwei SA­Männer in der halb o enen Tür. Auf die Frage, was los sei, antworteten sie: „Es gab eine Schießerei, die Täter sind ins Haus ge üchtet.“ Einer habe durch den Türspalt geschossen, die SA habe zurückgeschossen.

Die Polizisten, die zum Tatort gerufen worden sind, bestätigen im Übrigen, dass Metelski Pannier in Köllers Wohnung seine Wa e auf die Brust gesetzt hat.

Metelskis Aussage, er habe seine Taschenlampe auf den Türspalt gerichtet und sie hätten den Kommunisten Pannier, der seit Jahren Nazigegner ist, mit einer Wa e in der Hand erkannt, bestätigen die SA­Leute Richard Schulz und Helmut Markus.

Der Fall wird auch an Ernst Gennat herangetragen. Er hat mit zu entscheiden, ob die Verhängung von Schutzha für Pannier „unter dem Gesichtspunkt der letzten Notverordnung gerechtfertigt bzw. notwendig“ erscheine.

Metelski hatte neben seiner „Arbeitspistole“ noch drei andere Wa en bei sich, aus allen hat er auch geschossen. Pannier wurde durchsucht, hatte aber keine. Im Verhör mit Gennat soll er geäußert haben: „Wenn ich eine Wa e gehabt hätte, hätte ich auch geballert“.

Gennat meint, Pannier könnte seine Wa e aus dem Fenster in den Hof geworfen haben, vielleicht sei sie von jemandem gefunden und nicht abgegeben worden. Er schlägt vor, auch noch die Mauern nach Hohlräumen absuchen zu lassen. Auch müssten die Dielen herausgerissen werden, um nach einem Versteck zu suchen.

„Die ganze Persönlichkeit des Pannier in Verbindung mit den Wahrnehmungen des Metelski begründet die Befürchtung, dass Pannier über kurz oder lang Rache an den hier infrage kommenden Personen (Personenkreis) nehmen wird. Seine oben zitierte eigene Äußerung spricht ja in dieser Beziehung eine ganz eindeutige Sprache.“

„Unter Berücksichtigung dieser ganzen Sachlage darf ich die oben aufgeworfene Frage hiermit der dortigen Entscheidung überlassen. […] Dankbar wäre ich, weiter, wenn von der hier zuständigen Stelle die Frage geprü wird, ob sich das Verhalten der Hilfspolizeibeamten im Rahmen der hierfür geltenden Bestimmungen gehalten hat. […] War Metelski nach dortiger Au assung zur Führung einer Wa e berechtigt? Bzw. konnte er sich für berechtigt halten?“

Pannier wird in Schutzha genommen. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Ob Metelski für den Mord zur Rechenscha gezogen worden ist, geht aus der Akte nicht hervor.

Die Seelentrösterin

(1. Januar / 14. Januar 1935)

Margarete Hiepler ist ein „Kellerkind“ im wahrsten Sinne des Wortes. Seit einigen Jahren bewohnt die 28-Jährige eine Kellerwohnung im Seitenflügel des Hauses Georgenkirchstraße 52 in Berlin-Friedrichshain – ohne fließendes Wasser, ohne elektrisches Licht. Dass sie zu niemandem im Haus Kontakt hat, kommt nicht von ungefähr, wird sie doch zu jedem immer gleich pampig, wenn man etwas zu ihr sagt.

Früher ist sie „anscha en“ gegangen, doch seit sie vor vier oder fünf Jahren schwer erkrankt ist – mit einem Darmleiden lag sie ein Dreivierteljahr im Krankenhaus und bekam einen künstlichen Darmausgang –, kann sie ihrem „Beruf“ nicht mehr nachgehen. Doch noch immer gehen die Männer bei ihr ein und aus. O enbar ist sie eine begehrte „Seelentrösterin“. Am Vormittag des 14. Januar 1942 ru Paul iel, der Portier des Hauses, die Revierpolizei, denn Margarete Hiepler ist schon seit etwa vierzehn Tagen nicht mehr gesehen worden, und da sie bekanntermaßen gesundheitliche Probleme hat, hält er es für angebracht, etwas zu unternehmen. Die Beamten ö nen die Wohnungstür, die vom Kellergang aus gleich in die fensterlose Küche führt. Vor ihnen auf dem Boden liegt eine vollständig bekleidete Frau auf dem Bauch, den Kopf in einer Blutlache, daneben die Scherben eines zerbrochenen Weißbierglases. Der Portier bestätigt: Das ist Margarete Hiepler.

Wenig später tri die Mordkommission unter der Leitung von Kommissar Werner Togotzes ein. Neben der Spurensicherung, der Stenotypistin und dem Fotografen ist auch der Gerichtsmediziner Dr. Waldemar Weimann vor Ort und stellt fest, dass die junge Frau mit einem schar antigen Gegenstand erschlagen worden ist. Mit ziemlicher Sicherheit ist das Weißbierglas, dessen Scherben Blutspuren aufweisen, die Tatwa e.

Die Wohnungstür, die ein spezielles Riegelschloss hat, das nur von außen abschließbar ist, war verschlossen, als die Polizei eintraf. Da auch das auf Hofebene liegende Fenster der Stube geschlossen war, muss der Täter von außen abgeschlossen und die Schlüssel mitgenommen haben.

Auf die Beamten macht die Wohnung einen ärmlichen, aber „verhältnismäßig sauberen“ Eindruck – mögen die Tatortfotos aus heutiger Sicht auch eine andere Sprache sprechen. Die Stube ist mit einem Sofa ausgestattet und einem Spiegel. In der Ecke rechts neben dem Sofa sind zwei Säcke mit Karto eln gelagert, darauf eine Zinkwanne zum Wäschewaschen und ein kleiner Weidenkorb. Auf dem Tisch vor dem Sofa steht noch ein „bunter Teller“ mit einigen Süßigkeiten von Weihnachten. Ein reichlich ramponiertes Metallbett, direkt am Durchgang zur Küche, scheint erst kürzlich benutzt worden zu sein. Darüber hängen eine gerahmte alte Kinderfotogra e und ein noch unbenutzter Abreißkalender für das Jahr 1935. Vor dem Bett ein Schemel, neben dem Bett ein Kleiderschrank. Auf dem Küchentisch steht unter anderem eine kleine Petroleumlampe, denn in der Wohnung gibt es zurzeit keinen Strom. Rätselha erscheinen

der Kripo die abgeschnittenen Haarsträhnen, die ebenfalls auf dem Küchentisch liegen. Ob sie eine Bedeutung haben, werden die Ermittler nicht in Erfahrung bringen können. Ein Raubmord scheint indes ausgeschlossen, denn nichts ist durchwühlt, weder Tür noch Fenster sind aufgebrochen. Kannte Margarete Hiepler ihren Mörder?

Im Haus wird über die mehr oder weniger zweifelha en „Herrenbesuche“ der Hiepler reichlich geklatscht und getratscht. Eine Mieterin weiß zu berichten, dass bis vor einem halben Jahr ein gewisser Herr Sperling bei der Hiepler gewohnt habe. Inzwischen sei er zwar im Zuchthaus, aber Margarete Hiepler habe einmal geäußert, sie habe Angst, wenn er wieder rauskomme. Beschreiben kann die vermeintliche Zeugin den Mann nicht, aber sie erinnert sich noch, dass vor einigen Monaten regelmäßig

ein Invalide zu ihr gekommen sei, ein Mann mit einem Holzbein, der sie sogar verprügelt haben soll. – Klatsch und Tratsch eben.

Margarete Hiepler bekommt eine kleine Rente, von der sie aber nicht leben kann, weshalb sie auch einen kleinen Nebenverdienst hat: Nachts zieht sie mit einem Bauchladen durch die Lokale und Kaschemmen der Gegend und verkau kleine Schokoladentäfelchen und andere Süßigkeiten. Wegen ihrer Krankheit kann sie allerdings nur sporadisch ihre Tour machen. Folglich gilt sie als Sozialfall und wird von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) betreut.

Auf dem Hof der Georgenkirchstraße 52 ist die geöffnete Tür zu sehen, die zur Wohnung von Margarethe Hiepler führt. Rechts befindet sich ihr Schlafzimmerfenster.

Längere Zeit soll bei Margarete Hiepler ein junger Mann gewohnt haben, über den sich die Nachbarn, insbesondere die Nachbarinnen, die Mäuler zerreißen: „Was will ein so adretter, gut aussehender, junger Mann mit dieser kranken Frau. Die kann doch einem Mann gar nichts mehr bieten“, wird getuschelt. Angeblich macht er für sie den Haushalt und erledigt die Einkäufe. Dafür bekommt er bei ihr Kost und Logis. Der Milchmann aus dem Nachbarhaus bestätigt die Aussagen der geschwätzigen Nachbarinnen und weiß darüber hinaus, dass der besagte junge Mann seit einigen Monaten bei der Reichsautobahn beschä igt ist. Er komme nur noch sporadisch in die Georgenkirchstraße und bleibe dann aber immer über ein Wochenende.

Als wichtiger Zeuge erweist sich der Portier Paul iel. An den letzten Abenden vor Aufndung der Leiche, gibt er zu Protokoll, habe

Auf dem Boden der Wohnung von Margarethe Hiepler sind Blutflecken mit Kreide eingekreist.

er nach 21.00 Uhr wiederholt einen nicht mehr ganz jungen Mann auf dem Hof beobachtet, der an das Ho enster der Hiepler geklop und ziemlich energisch nach „Grete“ gerufen habe. Auf Nachfrage habe er erklärt, dass er mit Margarete verabredet sei. Auch zwischen Weihnachten und Silvester habe er den Mann ö er über den Hof zur Hiepler gehen sehen. Beschreiben kann er ihn jedoch nicht.

Bei der Inspizierung der Wohnung fallen den Ermittlern zwei Briefe in die Hände. Der eine ist von einem gewissen August Matyssek, der für Weihnachten seinen Besuch ankündigt. Der zweite Brief ist an eben jenen August Matyssek in Glamberg bei Angermünde bei der Firma Habermann & Guckes gerichtet. Der Brief trägt den Vermerk: „Empfänger unbekannt“ und ist erst nach Margaretes Tod zurückgekommen. Sie schreibt darin, sie habe ihren alten Bekannten Fritz wiedergetro en und werde sich demnächst mit ihm verloben. Demzufolge beende sie die Beziehung zu ihm, August Matyssek. Letzterer

hat den Brief jedoch nie bekommen. Zum Zeitpunkt, als der Brief in Angermünde ankam, war er schon in Urlaub.

Erich Hiepler, Margaretes Bruder, bringt Klarheit in die Angelegenheit: Margarete hat den 31­jährigen August Matyssek etwa vor einem Jahr kennengelernt, und sie wollten in der Tat heiraten. Im August 1934 ndet Matyssek endlich Arbeit beim Autobahnbau in der Nähe von Angermünde, kommt aber alle 14 Tage nach Berlin zu Margarete. Anfang Dezember erzählt sie ihrem Bruder schwärmerisch, dass sie ihre einstige große Liebe Fritz wiedergetroffen habe. Erich nimmt die Sache aber nicht so ernst. Als er seine Schwester am 2. Weihnachtsfeiertag besucht, ist er mehr als überrascht: Während Erich in der Küche bleibt, liegt besagter Fritz in der Stube im Bett. Margarete hat gekocht und bringt ihm Schmorbraten. Er schimp über das angeblich versalzene Essen, und Margarte bringt ihm sofort etwas anderes.

Die Tatortskizze zeigt einmal mehr, wie beengt Margarethe Hiepler lebte.

„Sie scheint ihm hörig gewesen zu sein“, meint Erich kopfschüttelnd. Am 13. Januar 1935 will er nachsehen, wie es seiner Schwester geht, und klop ans Fenster. Sie ö net aber nicht.

Die Nachforschung in Angermünde ergibt: August Matyssek ist nach seinem Urlaub nicht mehr an seine Arbeitsstelle zurückgekehrt. Nun wird nach ihm die Fahndung eingeleitet.

Wenige Tage nach dem Mord tri Paul iel im Hof wieder einen Unbekannten, der an das Fenster der Hiepler klop . Der Mann stellt sich als Alfred Wladarz vor. Er suche seinen Freund August Matyssek. Erst jetzt erfährt Wladarz von dem Mord. Er geht sofort zur Polizei und berichtet: Am Weihnachtstag kommt August Matyssek völlig verzweifelt zu ihm. Er hat sich extra Urlaub genommen, um Margarete zu besuchen, sogar für eine Weihnachtsgans,

mit der er sie überraschen will, hat er gespart. Seinen Besuch hat er in einem Brief angekündigt, jammert er. Doch als er am 23. Dezember zu ihr kommt, ndet er einen anderen Mann in ihrem Bett. Margarete schwebt im siebten Himmel und verkündet freudestrahlend, dass Fritz, der Mann im Bett, ernste Absichten habe und sie heiraten wolle, die Verlobungsringe seien schon gekau . Matyssek ist am Boden zerstört. Wenigstens eine Nacht darf er auf einer Liege schlafen und muss mit anhören, „wie beide im Bett herumalbern“.

Am nächsten Tag geht er zu seinem Freund Alfred Wladarz, klagt ihm sein Leid und bittet ihn, die Weihnachtstage bei ihm und seiner Familie verbringen zu dürfen. Alfred erweist sich als echter Freund und gewährt ihm seine Gastfreundscha . Wladarzs Frau hingegen ist von der Idee, den weinerlichen Freund ausgerechnet über Weihnachten zu beherbergen, nicht besonders angetan. Sie fürchtet sogar, ihre Familie könne sich durch Matysseks Umgang „mit dieser kranken Frau“ mit irgendeiner Krankheit anstecken, oder er könne „Verunreinigungen“ ins Haus bringen. Sie wäre ihn lieber heute als morgen wieder los.

Den Silvestertag wollen sie dennoch zusammen feiern. Wladarz und Matyssek kaufen für den Abend Gebäck und eine Flasche Wein, die Matyssek, obwohl der Wein ihm nicht schmeckt, wie er sagt, noch am Nachmittag ganz allein austrinkt. Danach geht er mit Wladarzs siebenjähriger Tochter Scherzartikel für den Abend kaufen. Er bringt das Mädchen nach Hause und geht noch einmal weg, ohne zu sagen wohin, will aber um 19.00 Uhr wieder zurück sein. Aber Matyssek kommt nicht. Auch nicht am nächsten Tag, obwohl er alle seine persönlichen Sachen bei Wladarz zurückgelassen hat. Einige Tage nach Matysseks Verschwinden geht Wladarz in die Georgenkirchstraße 52 … Auch die Polizei hat keine Spur von Matyssek.

Am 24. Februar 1935 wird aus der Havel in der Nähe der Lehrter Eisenbahnbrücke in Spandau eine männliche Leiche geborgen. In seiner Hosentasche be nden sich eine Stem­

pelkarte auf den Namen August Matyssek, am 28. August 1903 in Rossberg (Rozbark) in Oberschlesien geboren, ein Fahrausweis für die BVG und neun Schlüssel. Drei davon sind Margarete Hieplers Schlüssel: Hausschlüssel, Kellerschlüssel und Wohnungsschlüssel. Die Obduktion wird ergeben, dass die Leiche mindestens vier Wochen im Wasser gelegen hat. Ein Fremdverschulden ist auszuschließen. Matyssek hat sich demnach das Leben genommen.

Der Bericht vermerkt: „Aus dem Besitz der Schlüssel ist ganz bestimmt zu schließen, dass Matyssek der Mann ist, der die Hiepler erschlagen und die Wohnungstür hinter sich zugeschlossen und die Schlüssel mitgenommen hat.“ – Sein Motiv: Eifersucht. Er hat seine Exfreundin im A ekt erschlagen.

Dennoch ist die Polizei nicht zufrieden. Zu viele Fragen sind noch o en. So fehlt beispielsweise noch immer jede Spur von dem Lehrer namens Fritz. Doch diesmal kommt „Kommissar Zufall“ zu Hilfe:

Am 15. April 1935 erkennt ein Mieter aus dem Haus Georgenkirchstraße 52 den ständigen Besucher der Hiepler. Wenig später wird dieser in der Münzstraße festgenommen. Es ist der 34­jährige arbeitslose Lehrer Fritz Witwer. Witwer beteuert, dass er sich erst nach Au lärung des Verbrechens bei der Polizei melden wollte, um nicht selbst in Verdacht zu geraten. Er kannte Margarete Hiepler seit 1928. Auch wenn sie der Prostitution nachgegangen ist, so hatte sie doch, wie er sagt, einen „anständigen Charakter“, und „sie war gebildet, wie es sonst in der Münzstraße nicht üblich ist“. Damals waren sie sehr ineinander verliebt, da er aber viel unterwegs war, um eine neue Anstellung zu suchen, hatten sie sich aus den Augen verloren. Erst kurz vor Weihnachten 1934 ist er ihr ganz zufällig in der Invalidenstraße begegnet und ihre Liebe ammte neu auf. Zu Weihnachten kam dann August Matyssek. Er war wütend und eifersüchtig, blieb eine Nacht und äußerte sogar versteckte Drohungen. So sagte er, dass er sich die Sache nicht mehr lange ansehe.

Es müsse endlich eine Entscheidung fallen. Witwer über Matyssek: „Auf mich machte er einen jähzornigen, primitiven Eindruck. Auf der anderen Seite schien er aber auch wieder gutmütig zu sein.“ Er selbst habe Margarete Hieplers Wohnung am 31. Dezember verlassen, um bei einem Freund Silvester zu feiern. Margarete wollte lieber zu Hause bleiben.

Fritz Witwer ist es gewesen, der seit dem 2. Januar immer wieder ans Fenster geklop hat. Auch in der Nacht vom 14. auf den 15. Januar. Er vermutet, dass Margarete wieder im

Krankenhaus ist. Als ihn der Portier von der Bluttat unterrichtet, verspricht er, sich bei der Polizei zu melden, taucht stattdessen aber unter, weil er fürchtet, verdächtigt zu werden.

Die Kripo geht davon aus, dass Margarete Hiepler am 1. Januar 1935 von August Matyssek getötet worden ist. Sein Selbstmord und die Schlüssel in seiner Tasche sprechen jedenfalls dafür. Gegen Fritz Witwer besteht keinerlei Verdacht mehr.

August Matyssek

Ein fast perfekter Mord

(Mitte Mai 1935 / 13. August 1935)

Geht man vom Moritzplatz aus die Prinzenstraße in Richtung Hochbahn, dann ist die erste Querstraße die Ritterstraße. Das zweite Haus auf der rechten Seite ist die Ritterstraße 20. „Die Häuser sind hier ältester Bauart“, schreibt der Kripobeamte in seinem Bericht und führt aus: „Hier wohnen neben kleinen Beamten und Angestellten vor allem Arbeiter. Die alten Häuser, mit ihren vielen Schlupfwinkeln in Form von Kellerwohnungen pp., bieten ferner vielen Dirnen und deren zweifelhaftem Anhang eine günstige Unterschlupfmöglichkeit.“

Neben den Wohnhäusern be nden sich hier in Berlin SO 36 viele große Geschä shäuser, wie z. B. das der Berliner Packetfahrt-Gesellscha , eines der größten und traditionsreichsten Speditionsunternehmen Berlins, und das sogenannte Pelikanhaus. Darüber hinaus sind hier zahlreiche Gewerbehöfe angesiedelt, welche die verschiedensten Produktionsstätten beherbergen, aber auch Wohnraum bieten. „Charakteristisch für diese Gegend ist eine verhältnismäßig große Anzahl von Lokalen, in denen überwiegend Dirnen, Zuhälter und sogenannte ‚Ganoven‘ verkehren. So ist es auch erklärlich, dass es einerseits in diesen Lokalen nachts sehr o zu Schlägereien kommt und andererseits in

dieser Gegend besonders viele Einbrüche verübt werden.“ Die Ritterstraße 20 ist „ein altes, verbautes Wohngebäude“, das die ConcordiaLebensversicherungs-Gesellscha im vergangenen Jahr im Zuge einer Zwangsversteigerung erworben hat. Es hat keine Seiten ügel, aber einen kleinen Hof, der vom Eckhaus Ritter-/ Ecke Prinzenstraße durch einen Bretterzaun getrennt ist. Rechts des torartigen Hauseingangs be ndet sich die Schankwirtscha Zum Schultheiss. Der Laden links vom Hauseingang beherbergte bis 1932 eine Fleischerei. Seither steht er leer. Die Nebenräume des Ladens bilden eine Art Seiten ügel und sind auch vom Hof aus zugänglich. Der Keller des Geschä s ist von denen der anderen Mieter vollständig isoliert und nur durch eine Falltür im Fußboden über eine steile Treppe zu erreichen. Eine Konstruktion, die bei Geschä sräumen durchaus üblich ist. Im gegenwärtigen Zustand sind die Räume jedoch nur schwer vermietbar und müssen umgebaut werden, besonders die zum Hof gelegenen Räumlichkeiten mit ihrer komplizierten architektonischen Konstruktion: Einst waren hier zwei übereinandergelegte Räume vorhanden, was zur Folge hatte, dass die Decke dieses Teils des Kellers, der somit über zwei Etagen ging, 1,15 Meter höher war als die der anderen Kellerräume und der Fußboden darüber. Der hintere Bereich bildete also keine einheitliche Fläche und man baute eine Treppe ein. Um alle Räume im Erdgeschoss auf ein Niveau zu bringen, musste zunächst die Decke entfernt und 70 Zentimeter über der alten Kellerdecke ein neuer Fußboden aus

Betonplatten eingezogen werden. Ursprünglich hatten die Bauarbeiten im Frühjahr 1934 begonnen, waren im August aber aus unbekannten Gründen wieder eingestellt worden.

Seither sind die Räume o enbar nicht mehr betreten worden und sowohl die Tür zum Hof als auch die Fenster sind mit Brettern vernagelt. Dahinter be ndet sich ein leerer Raum von vier mal fünf Metern Größe, wo bereits ein neuer Fußboden verlegt ist. In der linken vorderen Häl e fehlt jedoch noch die Betonplatte. An der Stelle, wo sich noch die alte Treppe be ndet, ist ein Hohlraum von ca. 70 cm. Kurz vor Abbruch der Arbeiten im vergangenen Jahr haben die Maurer – der Bequemlichkeit halber oder um Geld zu sparen – den Bauschutt kurzerhand in den Hohlraum geschüttet, der nun entfernt werden muss.

Am Morgen des 13. August 1935 soll eine andere Firma, die Firma Grandor , die Bauarbeiten übernehmen. Pünktlich um 8.00 Uhr tre en die Arbeiter mit ihrem Chef zur Ortsbesichtigung ein, und schon beim Betreten der ehemaligen Fleischerei schlägt ihnen ein bestialischer Gestank entgegen. Der Gestank kommt aus dem Hohlraum zwischen den beiden Kellerräumen, meint der 41­jährige Maurer Otto Brockmeier und witzelt: „Also Chef, mal ehrlich: Wer es in dem Keller aushalten soll, der braucht mindestens eine Flasche Schnaps und ein paar anständige Zigarren!“ Brockmeier glaubt, es handele sich um Verwesungsgeruch, während sein Chef meint,

Ritterstraße 20, Aufnahme aus den 1930erJahren

der Gestank komme von einer alten, o enen Sickergrube. Wie dem auch sei, Brockmeier muss in den Hohlraum hinunter. Später wird er zu Protokoll geben: „Die Wiederaufnahme der Arbeiten begann damit, dass erst einmal der Schutt aus dem Hohlraum geholt werden musste. Mit jeder Schippe, die ich weg hatte, wurde der Verwesungsgeruch schlimmer. Nachdem ich einen großen Teil gescha hatte, sehe ich auf einmal einen Schuh. Ich hab gedacht, den hat jemand weggeschmissen. Und als ich mit der Schippe daran ziehe, sehe ich, dass da noch ein Bein dran ist. Ich hab dann meinen Kollegen gerufen, wir haben noch ein

bisschen Schutt weggeschippt und dann die Leiche gefunden.“

Die Arbeiter alarmieren die Revierpolizei und gemeinsam mit den Beamten ziehen sie eine vollständig bekleidete männliche Leiche aus dem Geröll. Doch das ist nicht Sache der Revierpolizei. Umgehend wird die Kriminalgruppe M im Polizeipräsidium benachrichtigt. Wenig später tri die Mordkommission unter der Leitung von Kriminalrat Hans Lobbes ein, begleitet von der Spurensicherung und einem Fotografen. Die Arbeit am Tatort erfordert

Ein grausiger Fund

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Morde im braunen Berlin (Leseprobe) by BeBra Verlag - Issuu