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Kottan, Kreisky und kein Kabelfernsehen (Leseprobe)

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Kreisky Wiener Alltag um 1980

undK kein Kabelfernsehen ottan,

Harald Havas

Harald Havas wurde 1964 in Wien geboren, sieht sich aber eher als Kind der Siebzigerjahre. Denn, Hand aufs Herz, mit vier Jahren hat er von den großen Revolutionen der 68er-Bewegung noch nicht allzu viel mitbekommen. Jedoch durchaus deren Früchte in den Siebzigern und Achtzigern geerntet. Rund um ihn wurde die Welt bunter, größer und medial vielfältiger. Das hat ihn geprägt – von PixiBüchern, Comics, ersten Videospielen und Spielcomputern, Science-Fiction- und anderen Filmen und Videorekordern bis hin zu „Panoptikum“, „Reader’s Digest und „Das Guiness Buch der Rekorde“. Aus all dem hat er später für seine Berufe geschöpft und schöpft weiter: Journalist mit Schwerpunkt auf Filmen, Comics und Videospielen, Drehbuchautor, Spieleerfinder, Comictexter (unter anderem der erfolgreichen österreichischen Superheldencomics „ASH – Austrian Superheroes“) sowie Autor einer Vielzahl humoristischer Sachbücher wie zuletzt „Das kunterbunte Weihnachtsbuch“ (2020), „Kurioses Österreich – Orte“ (2021), „Das kunterbunte Liebesbuch“ (2021), „Kurioses Österreich –Musik“ (2021). Auch seiner Heimatstadt Wien ist er thematisch treu geblieben, erst kürzlich mit dem Elsengold-Buch „Die schönsten Wiener Grätzel“ (2022) und diesem hier, das gewissermaßen alles bisher Erwähnte in einer einzigen augenzwinkernden Rückschau vereint.

about.me/haraldhavas

Kund kein Kabelfernsehen ottan,

Kreisky Wiener Alltag um 1980

tadtbahn,Graufilm, Kalter Krieg

Epilog 172

Bildnachweis/ Impressum

Zeitzeugin

Felicitas Freise

Als ich 1983 mit 18 Jahren nach Wien kam, war mein Eindruck, dass ich als junger Mensch Teil einer Minderheit war. Das Leben war zugeschnitten auf Senioren und endete abends um 18 Uhr und samstags um 12 Uhr, wenn die Geschäfte geschlossen und die Gehsteige hochgeklappt wurden. Und im Hochsommer gehörte die Stadt sowieso den Touristen. Dinge wie Donauinselfest, Tanz- oder Filmfestivals steckten in den Kinderschuhen oder waren noch gar nicht geboren.

tadtbahn,Graufilm, Kalter Krieg S

Wien um 1980 – ein Lebensgefühl

Die Jahre zwischen 1975 und 1985 stellten in Wien eine Zeitenwende dar, die sich folgendermaßen kurz zusammenfassen lässt: Vor 1980 war Wien größtenteils grau, nach 1980 zunehmend bunt.

Damit könnte man dieses Buch auch schon wieder schließen, denn eigentlich ist damit fast alles gesagt. Allerdings wäre das schade, denn gerade die Rückerinnerung an die „gute alte Zeit“ der ausklingenden Wirtschaftswunderjahre und dem zweifelhaften Aufbruchsgeist des Neoliberalismus, zwischen Kreisky in der Regierung, dem T-Wagen und VW - Golf auf der Straße, Ilse Buck im Radio, „Joki“ Kirschner im Fernsehen

und den Faserschmeichlern in der Werbung ist es durchaus wert, eines ausgiebigen nostalgisch-ironischen Blicks gewürdigt zu werden. Das wollen wir im Folgenden tun.

Freilich war diese Zeitenwende nicht nur auf Wien beschränkt, sie galt im Wesentlichen für ganz Österreich und natürlich auch darüber hinaus. Allerdings teilweise zeitversetzt. Im nordwestlichen Europa wie in Amsterdam, Paris und vor allem der Pop-Metropole London setzte die Veränderung schon etwas früher ein, im europäischen Osten erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Ende der Achtzigerjahre. Dann dafür umso heftiger.

Das mit dem Grau und mit dem Bunt lässt sich auf vielen Ebenen stützen und damit die These des Wandels selbst. Man traf die Veränderung überall an – von den Gebäuden der Stadt über die Fotos in den Zeitungen bis zum alles dominierenden Hauptmedium der Zeit, dem Fernsehen. Diese Zeitenwende lässt sich auch anders formulieren. Würde man jemanden irgendwann in den Dreißigerjahren von der Straße pflücken und per Zeitmaschine in die frühen 1970er beamen, würde der sicher ein wenig staunen, sich aber weitestgehend zurechtfinden. Er würde sich wohl über die vielen Autos wundern, aber den öffentlichen Verkehr – Straßen-

bahnen, Busse, vielleicht etwas anders designt, aber in vielen Fällen mit den exakt gleichen Nummern – würde er im Wesentlichen wiedererkennen. Um zu telefonieren, würde er problemlos die nächste Telefonzelle aufsuchen. Hätte er Hunger, würde er in die nächste Bäckerei gehen oder zum Fleischhauer, um sich eine Wurstsemmel zu kaufen.

Um das Gedankenexperiment fortzusetzen: Würde man jemanden aus den späten Achtzigerjahren oder frühen Neunzigerjahren von der Straße picken und ihn heute absetzen, hätte der ebenfalls keine allzu großen Probleme. Er würde den Eingang zur nächsten U-Bahn finden und sich vielleicht über die vielen Leute mit den kleinen Geräten am Ohr oder in der Hand wundern, könnte sie sich aber durchaus erklären. Denn in den Achtzigerjahren gab es schon eine ganze Reihe von Kleinelektronik, die von den Leuten auf der Straße benutzt wurde. Für den Hunger würde er den nächsten Supermarkt aufsuchen.

Würde man jedoch jemanden aus den frühen Siebzigerjahren entführen und ihn heute absetzen, wäre der erst einmal rettungslos verloren, und zwar fast

Die Mode war schon vielfarbig, aber der Stephansdom war schwarz-grau: Straßenszene am Stephansplatz, 1980

im gleichen Maße wie jemand aus den Dreißigerjahren. Es ist zwar fast schon eine Binsenweisheit, wie rasant sich unsere Welt seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert weiterentwickelt hat, aber die letzten Jahrzehnte – Stichwort Computer und Digitalisierung – haben alles noch einmal extremst beschleunigt. Dazu im Detail in den folgenden Kapiteln.

Bleiben wir aber zuerst einmal in der Stadt und dem öffentlichen Leben. Wien war in den Siebzigerjahren tatsächlich grau. Nämlich wortwörtlich. Die meisten prunkvollen Sandsteingebäude wie der Stephansdom, die Oper, das Burgtheater, das Rathaus, die Votivkirche und viele andere mehr erstrahlten im schönsten Schwarz, an den Rändern der Steine manchmal ins Schmutziggraue changierend. Wer in den Siebzigern aufgewachsen ist, kennt das nicht anders. Bis heute sind Menschen 50+ immer wieder irritiert, wenn der Stephansdom oder das Rathaus gerade einmal wieder nach monatelanger Verhüllung geputzt in hellem Hellbeige bis fast schon Weiß erstrahlen. Schön, ja, aber im tiefsten Inneren stört einen etwas daran. Die Stephanskirche hat gefälligst schwarz zu sein!

Diese monochrome Anmutung bezog sich allerdings nicht nur auf die vom zunehmenden Autoverkehr geschwärzten Fassaden der Gebäude. Auch die Farben

Als die Autos bunt waren: Lagerplatz einer Citroën-Werkstatt mit alten Fahrzeugen des Modells 2CV

der Autos waren hauptsächlich schwarz oder weiß, unterbrochen gelegentlich von einem schüchternen hellblau oder hellgrün. Die Zeitungen vor den Auslagen der Trafiken und in der Hand der Kolporteure zierten schwarz-weiße Titelbilder. Sogar so manche Illustrierte war nicht nur im Inneren, sondern sogar noch am Cover schwarz-weiß. Bunt war wenig. Natürlich gab es die eine oder andere Leuchtreklame, das eine oder andere farbige Geschäftsschild, Werbungen auf Litfaßsäulen, aber insgesamt nicht viel.

All das änderte sich im Laufe der Siebzigerjahre und verstärkt noch nach 1980. Nicht umsonst nannte sich eine bekannte Punkband Anfang der Achtzigerjahre in Wien „Viele bunte Autos“, und Nina Hagen sang 1978 in „Ich glotz TV“ die Zeile: „Ich kann mich gar nicht entscheiden. Ist alles so schön bunt hier!“

Tatsächlich wich der weiße VW-Käfer dem VW-Golf in allen erdenklichen Far-

ben. Auch die guten alten Enten, Citroën 2CV, gab es auf einmal in polychrom. Was unter Jugendlichen zu einem teilweise schmerzhaften Spiel führte: Wenn man irgendwo eine grüne Ente sah, musste man seinen Begleiter, seine Begleiterin in den Oberarm zwicken, bei einer weißen Ente einen (hoffentlich) sanften Faustschlag an dieselbe Stelle –und sah man eine rote Ente, galt es, die begleitende Person zu küssen. Wenn man sich das nicht traute, galt auch ein Kuss auf die Hand oder ein zugeworfenes Küsschen. Das war das ganze Spiel. Angeblich brachte es Glück. Auch dem Empfänger der Aktion, zumindest wurde das versichert, um sich vor etwaigem Zurückschlagen oder Zurückzwicken zu schützen.

und langen Monstern und fahrbaren Computern, in die sich ehemalige Mittelklassewagen inzwischen verwandelt haben. Und wer damals den Führerschein machte, kam neben einer Bergfahrt auf die Höhenstraße nicht um einen Trip zum Gaußplatz herum – dem noch bis in die Achtzigerjahre bestehenden letzten echten Kreisverkehr ohne Einfahrtsregelung per Vorrangzeichen.

Die Farbexplosion galt auch für die Mode. War man noch in den Sechzigerjahren in Wien und ganz Österreich im Großen und Ganzen recht gesittet gekleidet, in

Apropos Autos: Die waren damals nicht nur deutlich bunter, sondern auch extrem vielgestaltig je nach Hersteller und Modell, viel kleiner und wiesen nur rudimentäre Elektrik auf. Im Gegensatz zu den gleichförmigen hohen, breiten

InderModeexplodierendie Farben: Freizeitmode aus der Kollektion des österreichischenSkirennfahrersFranzKlammer, Herbst 1986

meist eher gedeckten Farben, aus für mich unerfindlichen Gründen mit einem Faible für Beige sowie Hellbraun bis Dunkelbraun, gerne in Flanell oder Schnürlsamt, änderte sich das im Laufe der Siebzigerjahre brutal. Wer sich heute Fotos der Mode der Zeit ansieht, bekommt recht leicht den sprichwörtlichen Augenkrebs. Nicht nur wegen den Glockenhosen, deren Träger und Trägerinnen sich zu Hause das Aufkehren ersparen konnten. Alle Farben des Spektrums und noch ein paar dazu dominierten die Outfits. Je knalliger desto besser, je schockfarbiger desto gut. Diese überall aufbrechende Farbgewalt, etwa auf den von der rebellischen Jugend zum ersten Mal als reguläre Oberbekleidung getragenen TShirts – von der älteren Generation abfällig Ruderleiberl genannt und bis kurz davor nur als Unterwäsche toleriert –und auch bei den von der konservativeren Jugend bevorzugten Lacoste- oder Benetton-Polo-Shirts (die durch ihre kleinen Krägen immerhin noch die Anmutung eines ehrenwerten Hemdes besaßen) führte natürlich recht bald zu einer Gegenbewegung. Schon Ende der Siebzigerjahre brachte

die Punkbewegung Schwarz als dominierende Modefarbe hervor, wenn auch durchbrochen durch die eine oder andere Schock-Neonfarbe. Begleitet von „No Future“-Badges. Dieser heftige Wechsel der Farbspektren nivellierte sich erst in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre zu den gedeckten Pastelltönen, wie man sie etwa in Aerobic-Videos bewundern kann. Und von revolutionären zu sogenannten Sponti-Sprüchen wie „Nieder mit den Alpen! Freie Sicht aufs Mittelmeer!“ oder „Liberté, Fraternité, Vanilletee“auf Badges und Aufklebern.

Danach war Farbe kein großes Thema mehr, und seitdem gilt im Wesentlichen die Devise „anything goes“. Übrigens: Pelz war damals noch ganz normal und sogar durchaus ein Statussymbol. Aber auch der Protest dagegen aus Tierschutzgründen hatte damals seinen Ursprung. Haarige Moonboots trug man allerdings stets mit Kunstpelz.

Jeans wurden in den Siebzigern noch eher abwertend betrachtet, sie wurden nicht von vielen regelmäßig getragen und schon gar nicht die „echten“ Marken wie Levi’s. Dafür gab es sie auch in der Version Latzhose und (glücklicherweise) kaum ein Jahr lang in der Version mit weißen Streifen an der Naht („Nur Mädchen, die in der Pubertät nicht reifen, tragen Hosen mit weißen Streifen“).

Modische Fellmoonboots bestanden aus Kunstpelz.

Die markantesten Farben aus den Siebzigerjahren, ja fast schon sprichwörtlich für diese Zeit, waren natürlich das giftige Grün und das leuchtende Orange. Besonders diese beiden markierten das abrupte Ende der grauen (Da-)Vorzeit. Im öffentlichen Raum unter anderem deutlich sichtbar durch die sich an fast jeder Ecke gemächlich drehende orange Z-Kugel der Zentralsparkasse. Wie überhaupt der gesamte öffentliche Raum immer

In den Achtzigern wurde auch das Bauen bunter: das 1985 fertiggestellte Hundertwasserhaus an der Ecke Kegelgasse/Löwengasse

farbenprächtiger wurde. Außenwerbung mit oder ohne Leuchtmittel explodierte, bunte Gebäude (Stichwort Hundertwas-

ser) entstanden, andere wurden gesäubert und restauriert und entpuppten sich ebenfalls als unterschiedlich gefärbt. Ein

besonderer Gag dieser Zeit: Statt mehr oder weniger verschämt an den Seiten angebrachten Werbetafeln wurden auf einmal ganze Straßenbahnzüge zum Werbeträger. Das gesamte Fahrzeug wurde miteinbezogen, rund um die Fenster, manchmal halb-transparent sogar über diesen. Heute keine Besonderheit, damals eine Sensation!

Um beim öffentlichen Verkehr zu bleiben: Auch hier bahnte sich eine Zeitenwende an. Noch bis in die Siebzigerjahre hinein galt das Hauptaugenmerk der Stadtplaner der Verlagerung hin auf den Individualverkehr. Soll heißen, nachdem die Wirtschaftswunderzeit praktisch jedem Haushalt ein, wenn nicht sogar mehrere Autos bescherte, galt es, für diese Platz zu schaffen, sowohl zum Fahren als auch zum Stehen. Alte Entwicklungspläne aus dieser Zeit zeigen, dass ein massiver Ausbau der Stadtautobahnen geplant war. Neben der tatsächlich gebauten Südosttangente gab es einen Plan für eine Nordosttangente. Diese sollte vor allem aus einem zur Stadtautobahn ausgebauten Gürtel bestehen, der einerseits an eine bis zum Margaretengürtel weiterführende Westautobahn angeschlossen werden sollte und der andererseits über die Donau hinaus an die noch zu bauende Nordautobahn sowie den ebenfalls geplanten Autobahnring um Wien führen sollte. Ein Überrest dieser Planung ist heute die eher unmotiviert als Autobahnbrücke über die Donau reichende Brigittenauer Brücke. Eines der Zeichen, dass

Stadtbahn, Graufilm, Kalter Krieg

es so vermutlich nicht weitergehen würde, war die Energiekrise 1973/74 und die notfallmäßige Einführung der sogenannten Tages-Pickerl. Eine denkbar einfache Maßnahme: Jeder konnte einen autofreien Tag für sich selbst wählen und dokumentierte diesen dann mit einem Aufkleber an der Windschutzscheibe von „Mo“ bis „So“. An diesem Tag musste man sein Gefährt stehen lassen oder riskierte eine Strafe.

Nach diesen alten Plänen sollten Fußgänger jedenfalls so weit wie möglich unter die Erde verbannt werden. Was mit den zahlreichen Unterführungen, etwa beim Ring, begann, hätte mit bis zu 20 (!) U-Bahnlinien fortgesetzt werden sollen. Darum wurden auch nach und nach Straßenbahnlinien eingestellt und Gleise entfernt. Wer in den Siebzigerjahren aufwuchs oder erwachsen war, für den waren Straßenbahnen in allen Hauptverkehrsstraßen eine Selbstverständlichkeit. Auf der Landstraßer Hauptstraße fuhr der T-Wagen und auch der J, der beim Rochusmarkt auf die Erdbergstraße abbog, auf der Mariahilferstraße verkehrten die Straßenbahnlinien 52 und 58 ab Ring,

Der E2 gehörte zu den Straßenbahnen, die auf dem Wiener Lastenring verkehrten, der deswegen heute noch „Zweierlinie“ genannt wird.

auf der Praterstraße und über den Praterstern hinaus auf der Lasallestraße zur Donau die Linien A und B, die 60er-Linien auf der Wiedner Hauptstraße und der Favoritenstraße … Nicht zu vergessen die legendären Linien E2, G2 und H2, die dem auch Lastenring genannten Straßenzug von Landesgerichtsstraße bis Getreide-

markt auch den bis heute üblichen Namen „Zweierlinie“ einbrachten. An einer Stelle weckten diese Straßenbahnen sogar so etwas wie Wurstelpratergefühle: die scharfe 90-Grad-Kurve vor dem Stadtpark, dann ziemlich steil bergab am Hotel InterContinental entlang, gefolgt von einer weiteren scharfen 90-Grad-Kurve zum Heumarkt war, vor allem bei nassem oder Winterwetter, nichts für schwache Nerven. Als Schüler versuchte man sich bei diesem Streckenteil möglichst an die Haltegriffe an der Decke zu hängen und wurde, wenn beim Heumarkt die Ampel auf Grün stand, mit einem gehörigen Schwung zur Seite belohnt.

Andere bemerkenswerte Details des öffentlichen Verkehrs dieser Zeit: die noch vereinzelt auftretenden alten Straßenbahnzüge, oft bestehend aus Triebwagen und zwei Waggons, größtenteils aus Holz, manchmal sogar noch mit offenen Plattformen. Siehe auch Wolfgang Ambros’ „Zwickt’s mi“, dessen Textzeile „Gestern

Der erste Doppeldeckerbus der Linie 13A wurde 1961 in Betrieb genommen.

fohr’ I mit der Tramway Richtung Favoriten/Draußen regn’t’s und drinnen stinkt’s und i steh in der Mitt’n“ nur so Sinn ergibt. Dazu die nur kurz verkehrenden Doppeldecker-Autobusse, auch Stockautobusse genannt. Die fuhren im Laufe der Zeit auf über einem Dutzend Strecken. Den nachhaltigsten Eindruck machten sie allerdings auf der Linie 13A, die auch heute noch durch ihr zahlreiches Auf und Ab und Hin und Her eine rechte Abenteuerfahrt darstellt. Umso cooler, wenn man die vom ersten Stock aus direkt über dem Fahrer genießen konnte!

Übrigens damals sehr gefürchtet: die „blaue“, die letzte Bim! Verpasste man die nämlich – und das war oft recht früh –, dann konnte man nur ein teures Taxi nehmen oder zu Fuß gehen (und so ein großstädtischer Weg vom legendären „U4“ bis in die Innenstadt oder darüber hinaus war extrem lang, das kann ich selbst bezeugen). Bis nach Mitternacht

verkehrende U-Bahnen, am Wochenende rund um die Uhr, oder Ersatzverbindungen mit Nachtbussen gab es nicht. Auch keine Leihautos, Leihfahrräder, Leihscooter oder Leihroller.

Außerdem in jedem Bus und jeder Straßenbahn, wenn man Pech hatte, auch im Beiwagen: der Schaffner. Von einer echten Jugendfreifahrt war man weit entfernt. Als Kind oder Jugendlicher durfte man in den Siebzigerjahren den öffentlichen Verkehr zwar von zu Hause zur Schule und zurück gratis benutzen (und musste sich dafür um ein entsprechendes Dokument in der Rahlgasse anstellen), alle anderen Fahrten waren aber kostenpflichtig. Die Aufwertung der Freifahrtkarte zu einem vollwertigen Freifahrtschein für alle Verkehrsmittel mittels Monatspickerl gab es erst später und war auch

nicht für jeden leistbar. Exkurs: umso unverständlicher, dass damals fast niemand mit dem Fahrrad in die Schule fuhr. Wer das tat, galt als Exot. Coole Trendsetter benutzten eher schon das zum ersten Mal in den Siebzigerjahren zur Mode gewordenen Skateboard, bei den vielen Gehsteigen mit Pflastersteinen allerdings kein besonders großes Vergnügen. Tretroller waren nur etwas für Kleinkinder. Helikoptereltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule brachten und wieder abholten, gab es auch so gut wie keine. Wem diese

dieMitderSchülerstreckenfreikartekonnteman öffentlichenVerkehrsmittelvonzuHause biszurSchuleundzurückgratisbenutzen.

Stadtbahn, Graufilm, Kalter Krieg

Schmach zuteilwurde, der wurde – im günstigsten Falle milde – belächelt. All das galt natürlich auch für diverse Nachmittagsaktivitäten, weshalb Kindern und Jugendlichen eigentlich gar nichts anders übrigblieb, als den öffentlichen Verkehr zu benutzen. Kein Wunder, dass das Schwarzfahren blühte. Mit allerlei Tricks. Vor allem bei jeder Station Ausschau halten nach den berühmten „Schwarzkapplern“, den Kontrolleuren, die damals noch durch eine auffällige Montur recht leicht zu erkennen waren. Der Wechsel zu Zivilkontrolleuren machte das dann zwar etwas schwieriger, aber nicht unmöglich. Erspähte man zwischen weiblichen sowie sehr jungen und sehr alten männlichen Passagieren Männer im besten Alter, also solche, die eigentlich als natürlich stolze Autofahrer den öffentlichen Verkehr so gut wie nie benutzten, war erhöhte Alarmbereitschaft gegeben. Verstärkt dadurch, wenn die Herren dann auch auffällig unauffällig in Bluejeans und Jeansjacke gekleidet waren und am Armgelenk eine kleine Herrenhandtasche baumeln hatten. Wurde so jemand gesichtet, galt es, so schnell wie möglich auszusteigen! Eine clevere, wenn auch betrügerische Alternative war, einen Fahrschein unauffällig mit den damals neu aufkommenden Tixo-Streifen mit beschrift- und radierbarer Oberfläche zu versehen. Nach dem Entwerten im Stempelautomaten, konnte man die Tinte vorsichtig ausradieren und den

Stadtbahnzug in der Station Gumpendorfer Straße, 1980er-Jahre

Fahrschein so immer wieder verwenden. Das Vorzeigen empfahl sich allerdings nur in einer Brieftasche mit Sichtfenster, um den Betrug weniger offensichtlich zu machen.

Doch zurück zu den Schaffnern. Die saßen meist betont gelangweilt im hinteren Bereich jedes Busses und jeder Straßenbahn sowie deren Anhänger. Stieg man ein, musste man dort eine Karte kaufen oder

Mit beschriftbaren Tixo-Klebestreifen konnte man die Fahrkarte manipulieren.

seine im Vorverkauf erworbene Karte zwicken lassen. Weiter vorne einsteigen half zwar manchmal, aber meist wurde man nach hinten gewinkt, um seinen Fahrausweis vorzuzeigen. Diese magistralen Autoritäten wurden im Laufe der Siebzigerjahre und schließlich in den Achtzigerjahren komplett durch Fahrscheinautomaten

ersetzt. Anfangs war das noch eine Besonderheit, weshalb an der Außenseite von Straßenbahnen ohne Zugbegleiter das Schild „Schaffnerlos“ prangte.

Nachzuhören im gleichnamigen WolfgangAmbros-Lied von 1978.

Ein weiteres Symbol der Zeitenwende waren der Bau und die Inbetriebnahme der U-Bahnen, die ihre Rolle im Laufe der Zeit allerdings eklatant gewandelt haben. Ursprünglich wurden sie – siehe zuvor – dazu geplant, den gesamten nichtmotorisierten Verkehr unter die Straßen zu verlegen, um oben Platz für die Autos zu schaffen. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Inzwischen werden Straßen wieder für Menschen zurückgebaut,

EinschaffnerloserStraßenbahnwagenim Februar 1978 in Wien

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durch die Reduzierung von Fahrstreifen, durch die Verbreiterung von Gehsteigen, durch Fahrradwege und -streifen, durch Fußgängerzonen … Letztere kamen damals ebenfalls als Novum auf.

Autoverkehr auf der Kärntnerstaße und am Graben war selbstverständlich! Die Sache mit dem öffentlichen versus Autoverkehr ist in Wien ja bis heute noch nicht ideal, geht aber tendenziell in die richtige Richtung. Die U-Bahnen spielen in diesem Gesamtkonzept heute eine andere Rolle und gelten als moderne, urbane, bequeme und vor allem schnelle Alternative zum Auto quer durch die Stadt. Weshalb jede U-Bahn-Eröffnung von der Wiener Bevölkerung interessiert verfolgt und meist mit Begeisterung aufgenommen wurde und wird.

U-Bahn-Baustelle der Linie U1: Stadtrat Kurt Heller spricht am 20. November 1972 anlässlich des Tunneldurchstichs in der Station Favoritenstraße/Theresianumgasse.

Dabei hatte Wien bereits vor 1980 ein rudimentäres U- und Hochbahnnetz, bestehend aus Stadtbahnen und Schnellbahnen. Die beiden Stadtbahnlinien, die Gürtellinie G und die Wientallinie W, wurden zwar ursprünglich dafür errichtet, Truppen schneller zwischen den vielen Kopfbahnhöfen der Reichshauptstadt hin und her transportieren zu können, waren aber auch fast

80 Jahre nach ihrer Errichtung als Dampfstadtbahn noch ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Verkehrs. Und wurden folgerichtig im Laufe der Zeit in die UBahnlinien U4 und U6 umgewandelt. Die erste wirklich neue U-Bahn war aber die U1, die symbolträchtig quer durch die Innenstadt führte und noch symbol-

trächtiger eine Station mitten am Stephansplatz hatte. Also genauer unter dem Stephansplatz.

Die Errichtung des UBahnnetzes, das Design die sonstige Gestaltung, von Stationen über die Züge bis hin zu den Beschriftungen, sind einer der großen Meilensteine der hier beschriebenen Zeitenwende. Auch hier wurden die schwarzweißen StadtbahnNetzpläne durch bunte U-Bahnpläne, deren kräftige Farben auch als Orientierungshilfe und Leitlinie gedacht waren, ersetzt. Zusammen mit der Donauinsel kann man den Bau der U-Bahnen als das deutlichste Signal ansehen, dass sich die grau-triste de facto Ostblockästhetik des Nachkriegswiens in die bunte, moderne Metropole mit der seit Jahrzehnten in Toprankings geführten höchsten Lebensqualität verwandelte.

Untrennbar verbunden mit dieser Entwicklung: Bürgermeister Zilk. Zwar wurden viele der Weichen schon von seinen Vorgängern gestellt, insbesondere

Bürgermeister Helmut Zilk und seine Frau, die Sängerin und Schauspielerin Dagmar Koller, posieren 1982 in ihrer Wohnung.

von Leopold Gratz, aber Helmut Zilk verkörperte den neuen Wind besonders eindrucksvoll. Und setzte auch immer wieder erstaunliche Zeichen. So „verurteilte“ er zwei Schüler, die am Karlsplatz einen Hydranten bemalt hatten, dazu, alle Hydranten am Karlsplatz zu bemalen! Oder er schloss ein heiß umkämpftes Lokal der Wiener Jugendkultur, das „Flex“, nicht einfach, sondern bot ihm einen neuen Ort am Donaukanal, wo die Jugendlichen (bis heute) laut Musik hören und lustige Zigaretten rauchen können, ohne die Anrainer zu stören. Ebenso steckte er Jugendliche, die ab den späten Siebzigerjahren mit Spraydosen anrückten, um die Stadt auf ihre Weise bunter zu machen, nicht einfach in den Jugendknast, sondern sorgte dafür, dass sie Freiflächen erhielten, die sie nach Lust und Laune gestalten konnten. Etwa am gesamten Donaukanal,

der im Laufe der Zeit zu einer faszinierenden Graffiti-Freiluft-Galerie wurde, die heute sogar Ziel von Kunst- und Kulturinteressierten ist. In diesem Zusammenhang sollte man aber auch Erhard Busek nicht vergessen, Vizebürgermeister von 1978 bis 1987, der ebenfalls viel zu dieser Modernität beigetragen hat. Übrigens bemühte er sich auch um eine Erneuerung der (Wiener) ÖVP, der er mit der „Bunte Vögel“-Kampagne ein grüneres Image verleihen wollte. Im krassen Gegensatz zur sonstigen Wiener ÖVP, die im Laufe der Zeit gegen alles gestimmt hatte, was das heutige moderne Wien ausmacht – von Fußgängerzonen über UBahn-Bau, Donauinsel bis UNO-City. Apropos bunt: Auch die Menschen, die einem bis in die Siebzigerjahre auf der Straße entgegenkamen, waren recht einheitlich rosa in diversen Schattierungen. Soll heißen: Schwarze oder Asiaten waren im

Stadtbild praktisch unbekannt, maximal als Touristen oder tourende Musiker. Einer der Gründe dafür: Österreich hatte im Gegensatz zu England, Frankreich, Belgien oder den Niederlanden nie Kolonien, aus denen nun Menschen nach Europa strömten. Tatsächlich wirkten bereits die damals ins Land geholten Gastarbeiter aus dem Süden Italiens oder Jugoslawien als ungewöhnlich dunkel pigmentiert. Was Zilk für Wien war, war Bruno Kreisky bereits davor für Österreich. Bruno Kreisky führte, heute unvorstellbar, von 1970 bis 1979 mehrere Alleinregierungen. Soll heißen: ohne

Koalitionspartner. Und da ging, im Gegensatz zu den Proporzregierungen davor und vielen späteren Koalitionen, tatsächlich einiges weiter. Von Gratisbüchern in der Schule über Freifahrtschein für Schüler und einer umfassenden Entstaubung des Familien- und Sexualstrafrechts (dazu an geeigneter Stelle mehr) bis hin zu einer deutlichen Internationalisierung des kleinen, aber aufgrund seiner Neutralität recht besonderen Österreich – das alles ist ihm und seiner Regierung zu verdanken.

Dabei sollte man einen anderen Faktor auch noch erwähnen: den Kalten Krieg. Zwar war der Kalte Krieg in den Siebzigerjahren nicht mehr ganz so kriegerisch wie noch davor, aber Wien war sowohl im Norden als auch im Osten und im Süden jeweils kaum mehr als 50 Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt. Also geradezu umzingelt. Und obwohl die Wiener bereits in den Siebzigerjahren gerne nach Ungarn fuhren, um dort billig einzukaufen und andere Vorzüge des „Gulaschkommunismus“ zu genießen, war einem die la-

Bundeskanzler Bruno Kreisky besucht im Juli 1975 die Baustelle der zwischen 1973 und 1979 errichteten UNO City.

tente Bedrohung durch scharf bewachte Wachtürme, Stacheldrahtzäune und stählernen Grenzbalken, die sogar LKW aufhalten konnten, jederzeit bewusst. In den späteren Achtzigerjahren drehte sich der Konsumtourismus dann um, und die Ungarn kamen nach Wien, um hier

einzukaufen, vor allem Waschmaschinen, die auf den Dächern ihrer Ostblockautos festgezurrt wurden, dazu jede Menge elektronischen Kram und Bananen, bevorzugterweise in der Mariahilferstraße, die zeitweise sogar den Spottnamen „Magyarhilferstraße“ führte. Aber das war nach der (Zeiten-)Wende. Davor konnte man von der Türmerstube des Stephansdoms aus direkt in den Ostblock (Bratislava) hineinschauen, womit man arglose, vor allem amerikanische Touristen regelmäßig und regelrecht schockieren konnte. Die tendenzielle Bedrohung, unter anderem durch einen Atomkrieg, war jedem bewusst. Siehe auch das damals erschienene Bilderbuch für Erwachsene und den darauf basierenden Zeichentrickfilm mit dem Titel „Wenn der Wind weht“ von Raymond Briggs. Wer in den Siebzigerjahren in Wien lebte, wusste, dass er sich in einer

Am 1. August 1976 stürzte die Reichsbrücke, die meistbefahrene Straßenbrücke Wiens, unter mysteriösen Umständen ein.

befand, in dem ein Kalter Krieg jederzeit wieder heiß werden konnte. Dieses Gefühl schwand erst langsam im Laufe der Achtzigerjahre bis zum endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus,

dem Öffnen aller Grenzen und dem raschen Beitritt der Oststaaten zur EU (für mich persönlich endete der Kalte Krieg endgültig, als die Leningrad Cowboys zusammen mit dem Chor der russischen

Volksarmee ein Konzert gaben und gemeinsam „Stairway to Heaven“ intonierten). Gleichzeitig endete die Zeit des Wirtschaftsaufschwungs der Nachkriegszeit, die Ölkrise brachte erste Sprünge im Gefüge, und bald darauf begann der schleichende Rückbau des Wohlfahrtsstaates. Mit den Chefarchitekten Ronald Reagan und Margaret Thatcher (Reaganomics, Thatcherismus) und der der fleißigen Beteiligung anderer politischer Führer wie Helmut Kohl oder dem nicht nur in Österreich aufkommenden Nadelstreifsozialismus. Spitz könnte man formulieren: Nachdem der Ostblock mit seinem Gegenbild des Kommunismus nicht mehr vorhanden war, musste man die westliche Bevölkerung nicht länger mit geförderten Preisen und Sozialleistungen bei Laune halten, um ihr zu zeigen, dass im Westen alles besser wäre … Während also zum einen die Menschen des Ostens ihre Versklavung abschüttelten, wurden die Menschen des Westens langsam, schleichend und fast unmerklich zu Opfern des wirtschaftlichen Neoliberalismus. Wer Ohren hatte zu hören, konnte das bereits 1983 in dem fast schon prophetischen Lied „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug vorausahnen. Durchaus also auch eine Zeitenwende auf gleich mehreren politischen Ebenen. Ach ja, und 1976 stürzte die Reichsbrücke ein, aus bis heute nicht restlos geklärten Gründen und mit einigen mysteriösen Begleiterscheinungen.

Susanne Pleisnitzer Zeitzeugin

Das Geld war immer knapp. Genauer gesagt, das „Wirtschaftsgeld“, das mein Papa meiner Mama für den Haushalt gegeben hat. Er ist täglich in der Mittagspause von der Firma heimgekommen zum Essen und dann wieder gefahren. Irgendwann hat es nicht mehr gereicht, und meine Mama hat sich einen Job gesucht. Dann hielten die Packerlsuppen Einzug bei uns –der Favorit war die Knorr-SteinzpilzCremesuppe.

ausfrauen,Skifahren und Flokati H

Privates und Familiäres

Das Idealbild einer Familie war in Wien bis weit in die Siebzigerjahre das klassische Vater-Mutter-Kind-Modell. Wobei ein bis zwei Kinder als ideal galten. Mehr waren schon ein wenig dubios, schließlich war man ja nicht im 19. Jahrhundert oder am Land! Weniger, also keine Kinder, war auch ein wenig suspekt – wollten sie nicht oder konnten sie nicht? Auf jeden Fall, mit oder ohne Kinder und wenn wie viele, das Paar musste natürlich verheiratet sein und bestand unzweifelhaft aus einem Mann und einer Frau! Singles waren damals ausschließlich kleine Schallplatten.

Dass dieses Idealbild ein fiktives war, und zwar schon immer, war nur wenigen bewusst. Und es war auch nie die Regel. In früheren Zeiten, bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, dominierten Großfamilien – und da fast immer Patchworkfamilien! Vor allem, da die Lebenserwartung nicht sehr hoch war, einer der beiden Ehepartner sehr oft Witwer oder Witwe und daher die eigenen Kinder mit in die Ehe brachte. Dazu kamen manchmal auch noch adoptierte oder uneheliche Kinder, wovon bis heute der Ausdruck „mit Kind und Kegel“ zeugt (Etymologie

bitte selbst nachschlagen). Natürlich gab es dazu noch ein riesiges Heer an alleinerziehenden Müttern, manchmal ebenfalls Witwen, manchmal ledige. Und freilich existierten auch schon immer homosexuelle Partnerschaften, allerdings nur im Verborgenen, dazu Polyamorie und noch vieles andere mehr, das heute neumodisch klingt, aber schon immer irgendwo zumindest zeitweise praktiziert wurde. Wie etwa in einigen teilweise nudistischen Kommunen der „Lebensreformbewegung“ in Wien um 1900.

Alles das war aber auch noch in den Siebzigern offiziell tabu, sogar Scheidungen, die noch bis in die Achtzigerjahre als Schande empfunden wurden. Schuld daran war vor allem die nationalsozialistische Familienpolitik, an dieser Stelle sehr nah an einem christlich-konservativen Weltbild, die auch nach dem Krieg noch in den Köpfen herumspukte und insbesondere in der neuen Biedermeierzeit der Fünfzigerjahre wieder aufgegriffen und durch Filme, Schlager und glückliche Hausfrauen als Werbeträger für Haushaltsgeräte und Waschmittel gefestigt wurde. Irgendwann wurde diese Pseudo-HeileWelt jedoch unerträglich, und es kam zu den bekannten Jugendrevolten, heute gerne zusammengefasst unter dem Schlagwort „1968er“. In Österreich (und nicht nur hier) dauerte es allerdings noch die ganzen Siebzigerjahre hindurch und ein gutes Stück in die Achtzigerjahre hinein, bis man sich von diesen starren patriarchalischen Klischees, die ja durchaus bis heute noch nachwirken, einigermaßen entfernt hatte.

Die unrealistischen Idealbilder waren allerdings nicht nur breiter gesellschaftlichen Konsens, sondern spiegelten sich

Als Jausenbrot gab es in der Regel Schwarzbrot mit Wurst und/oder Käse –meistensinStanniolpapier,dasspäter als flachgetreteneKugelnindenSchulgängenlag.

bis in die Siebzigerjahre im gültigen Recht. Erst ab 1975 wurden Mann und Frau durch das Gleichbehandlungsgesetz tatsächlich gleichgestellt. Bis dahin galt der Mann als Oberhaupt der Familie, und Frauen durften etwa ohne Zustimmung des Mannes keine Verträge abschließen oder arbeiten gehen. Die Emanzipation der Frau war zu der Zeit in aller Munde,

aber bei Weitem noch nicht überall und schon gar nicht in jedem Haushalt durchgesetzt. Kurz davor – aber eben erst –1971 wurde in Österreich die Strafbarkeit von Homosexualität abgeschafft. Von da an war es zwar bekanntermaßen noch ein weiter Weg über weitere Gleichstellungsmaßnahmen bis hin zu einer Ehe für alle, aber immerhin. Doch zurück zur Familie. Die meisten Menschen in den Siebziger- und Achtzigerjahren versuchten immerhin, diesem Idealbild der Familie zu entsprechen oder es zumindest vorzutäuschen. Lassen wir das an dieser Stelle unhinterfragt und sehen uns ein solches Familienleben einmal genauer an … Frühmorgens stand die fleißige Hausfrau auf und bereitete ihrem Mann und ihren Kindern das Frühstück. Den Kindern wurden Schulbrote geschmiert, alles andere als fancy, meist Schwarzbrot mit Butter und Käse und/oder Wurst und dazu vielleicht ein Apfel oder eine Birne. Je nach Saison vielleicht auch ein paar

Hausfrau und Mutter war für viele Frauen noch der einzige Beruf, wenn auch nicht immer Berufung.

Zwetschken. Manchmal sogar, wenn auch außergewöhnlich, eine Orange, Mandarine oder Banane. Im Laufe der Zeit gesellte sich vielleicht, eine weitere Segnung der Zeitenwende, ein Saft im Tetra Pak dazu. Meistens Sunkist-Orange in Form einer dreiseitigen Pyramide – die dann gerne, im günstigsten Falle bereits leer, vor oder sogar in der Schule am Boden geräuschvoll zerplatzt oder mit dem kleinen Strohhalm als Lauf zum Spritzpistolenersatz wurde. Gegebenenfalls bekam auch der Gatte noch ein „Lunchpaket“, obwohl das nicht mehr sehr üblich war. Danach verließen Mann und Kinder das Haus. Die Frau blieb entweder zurück und kümmerte sich um den Haushalt –putzen, waschen, bügeln, Mittagessen kochen –, sie ging einkaufen oder jedoch, durchaus nicht völlig ungewöhnlich, ebenfalls zur Arbeit. Wenn auch oft nur Teilzeit, um die gerade genannte Hausarbeit erledigen zu können, denn die Kinder

kehrten mittags zurück. Außer die „armen Hortkinder“, die ihre Zeit aufgrund der arbeitstätigen Mütter auch nach der Schule in einer Nachmittagsbetreuung verbringen mussten. Noch viel „ärmer“ waren die sogenannten „Schlüsselkinder“, die allein in eine leere Wohnung zurückkehrten und sich das Essen selbst zubereiten oder warmmachen mussten. Ob sie sich alle tatsächlich selbst als arm empfanden, sei dahingestellt. Die Gesellschaft sah das jedenfalls so und rümpfte über die erwerbstätigen „Rabenmütter“ die Nase. Nach dem Mittagessen wurden die Hausübungen gemacht. Außer es gab Nachmittagsunterricht, in der Regel meist nur Schulturnen. Eine von vielen ungeliebte, weil aufwendige Angelegenheit, insbesondere in der schönen Jahreszeit, wenn das Turnen nicht im Schulgebäude, sondern auf irgendeinem entlegenen Sportplatz stattfand. Andere Nachmittagsaktivitäten für Kinder umfassten Pfadfinder, Jungschar, Sport und

seltener auch andere Fortbildungskurse. Mehr dazu im nächsten Kapitel. Am späten Nachmittag oder frühen Abend kehrte der Vater heim. Danach versammelte sich die Familie zum Abendessen, in vielen Fällen mit Fernsehbegleitung. Was quasi gleichbedeutend war mit „Zeit im Bild“. Die Sendung startete um 19.30 Uhr und war bis ins Jahr 2007 (!) durchgeschaltet. Das bedeutet, sie lief sowohl auf FS1 als auch auf FS2. Und wenn man gerade nicht am Rand von Österreich wohnte, hieß das in einer Zeit vor Videorekorder, Kabelfernsehen und

FürvielegingeseinmaldieWoche nachmittagszudenPfadfindern.

Satellitenschüssel, dass fast jeder, der um diese Zeit in Österreich fernsah, die „Zeit im Bild“ sah. In Wien sogar jeder – da die umliegenden Länder nicht nur zu weit entfernt waren, sondern noch dazu in einem anderen Sendeformat ausstrahlten, die von den üblichen Fernsehgeräten nicht decodiert werden konnten. Danach folgte je nach Alter der Kinder noch gemeinschaftliches Fernsehen, in fast allen Fällen eine Quizsendung oder ein Krimi, seltener ein Spielfilm. In einer Zeit vor den ersten Fernbedienungen, auch so eine Errungenschaft der Zeitenwende, fungierten die Kinder als solche. Da die Lautstärke allerdings nicht oft geregelt werden musste und es sowieso nur zwei Programme gab, hielt sich die Kilometerleistung meist in Grenzen.

Wenn das Fernsehprogramm (wieder einmal!) nichts hergab, war gemeinschaftliches Spielen angesagt (Karten, Würfel, Brettspiele). Gegen neun, spätestens zehn, hieß es für die Kinder ab ins Bett. Kleineren (für die natürlich schon um sechs, sieben oder acht Bettzeit war) wurde noch vorgelesen, Größere lasen selbst noch ein wenig, dann war Schluss. Auch die Eltern folgten bald, denn

meistens lief zu dieser Zeit nichts mehr im Fernsehen – und zwar nicht in dem Sinne von nichts Interessantes, sondern tatsächlich nichts. Zwar dehnte sich der Sendeabend im Laufe der Siebziger- und Achtzigerjahre immer weiter aus, aber spätestens um Mitternacht oder bald danach war Schluss. Wehende Fahne, Bundeshymne, Rauschen, aus.

Danach: Schlafen, Aufstehen, Repeat. Ein Wort zu den Wohnungen. Denn wenn wir von Wien sprechen, handelt es sich meistens um Wohnungen. Häuser, insbesondere Einfami-

lienhäuser, waren und sind im Stadtgebiet eher selten. Je nach Einkommensverhältnissen reichten Wiener Wohnungen (abgesehen von Substandard) üblicherweise von „Zimmer, Küche, Kabinett“ mit vielleicht 40 Quadratmetern bis zu altehrwürdigen Beletage-Wohnungen in der Größenordnung von 300 Quadratmetern. Um die Wohnungen zu erreichen, musste man übrigens in den meisten Fällen vor acht das Haus betreten oder einen Haustorschlüssel besitzen, Gegensprechanlagen gab es noch keine (dafür haben wir nicht selten Schlüssel in Zeitungspapier gewickelt aus dem Fenster geworfen), sonst war ein Sperrschilling beim Hausbesorger fällig. Wollte man den Aufzug benutzen, war ein weiterer Schilling fällig, außer man besaß wiederum den entsprechenden Schlüssel.

Am Wochenende schaute ganz Österreich fast geschlossen eine der großen Samstagabendshows.

In den kleinsten Wohnungen wurde jeden Abend fleißig umgebaut, weil die Kinder mangels eigenem Kinderzimmer meist auf einer Bettcouch schliefen. Oder auch auf Kinderbetten im elterlichen Schlafzimmer (wer auf sich hielt, hatte ein Joka-Bett), wie ein gewisser Max aus dem Werbefernsehen. Alternativ: Klappbetten im Wandschrank.

Die Einrichtung der Wohnung war der Zeit

Nach 20 Uhr ging nichts mehr ohne Haustürschlüssel oder Sperrschilling. Und auch der Lift kostete fast immer extra.

entsprechend meist einfach gehalten. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch, weil es einfach vieles noch gar

nicht gab. Die Waschmaschine stand in vielen Häusern, insbesondere Gemeindebauten, zur gemeinsamen Nutzung in der

Waschküche im Keller, Geschirrspüler fanden erst langsam einen Eingang in die Wohnungen. Gerade einmal ein Fernseher durfte nicht fehlen und nahm im Laufe der Zeit immer mehr Platz ein. Denn mit dem Wachstum der Röhrenbildschirme wuchs damals, in einer Zeit vor dem Flachbildschirm, das Gerät auch in die Tiefe! Grob gesagt war der Bildschirm nur eine Seitenfläche eines kompakten wohnraumeinschränkenden massiven Würfels.

Die Wohnungseinrichtungen waren entweder altvaterisch, mit echten oder imitierten Holzmöbeln im Rokoko- oder Barockstil, oft simpel, schlicht funktional im Fünfzigerjahre-Design oder modern. Modern hieß um 1980 herum in erster Linie: bunt. Statt weißer Wände oder beige gemusterter Tapeten gab es auf einmal eine Fülle von abstrakten Wandmustern in den diversesten Farben, bevorzugt in Grün- und/oder Orangeschattierungen. Auch Plastik zog nach und nach als Stilelement ein. Insbesondere bei den Beleuchtungskörpern, deren Formen und Farben mit dem fossilen Modematerial, das quasi alles ermöglichte, fantasievoll explodierten. Vielleicht stand auch irgendwo still vor sich hinwabernd eine Lavalampe. Wobei manche Wohnungen einige dieser Segnungen der Moderne nur in manchen Räumen oder in manchen Teilen eines Raumes aufnahmen, ohne gleich alles zu verändern. Besonders beliebt: der Hinauswurf des abgetretenen Perserteppichs und das Ersetzen durch den Flokati. Kaum eine Wohnung, wo

Hausfrauen, Skifahren und Flokati

nicht irgendwo und zumindest zeitweise ein auch Hirtenteppich genanntes riesiges Wollrechteck am Boden lag. Flauschig weich, aber extrem schwer zu reinigen und oft das schwarze Loch (oder zeitgemäß: Bermudadreieck) für diverse Kleingegenstände, die auf Nimmerwiedersehen zwischen den Fasern verschwanden.

Ebenfalls ein Hit dieser Zeit: Teppichboden statt Parkett. Gleichfalls gerne in bunt, wieder oft grün, wenn auch eher dunkel und gedeckt. „INKU – Sie müssen ihn fühlen“, säuselte dazu das Werbefernsehen. Übrigens galt es bis weit in die Achtzigerjahre hinein als unhöflich, Besucher beim Eintreten dazu aufzufordern, sich die Schuhe auszuziehen und in zu Verfügung gestellte Patschen oder Pantoffeln zu schlüpfen.

Immerhin war das Klo innerhalb der Wohnung bereits weitgehend Standard, und auch eine Badewanne durfte nicht fehlen, bei Platzmangel in Form einer Sitzbadewanne. Das Badewasser wurde übrigens durchaus manchmal von mehreren Familienmitgliedern hintereinander benutzt, um Wasser und Energie zu sparen. Apropos Badezimmer:

Auf der Baustelle einer Wochenendsiedlung, 1975

Wie auch in vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens zogen hier nach und nach immer mehr technische Geräte ein: elektrische Rasierapparate statt Nassrasierer, Fön, elektrische Zahnbürsten … „Nilfisk – Frisst den Staub und nicht den Teppich“, versprach die Werbung, während der extrastarke Sauger kleine hilflo-

se Cartoon-Schmutzwesen verschluckte. Doch zurück zum allgemeinen Familienleben. Neben dem bereits beschriebenen Tagesablauf gab es natürlich auch noch einen Wochenablauf und einen Jahresablauf. Zuerst zum Wochenende. Das begann für die meisten Leute tatsächlich erst Samstagmittag. Zwar mussten die meisten schon damals am Samstag nicht mehr arbeiten, aber die Kinder hatten in fast allen Fällen noch bis zwölf Uhr Schule! Wochenende in den Siebzigerjahren in Wien bedeutete für einen nicht unerheblichen

Teil der Bevölkerung, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen. Kind(er) und gegebenenfalls Haustiere ins Auto und ab zum Wochenendhaus! Denn aus irgendwelchen Gründen, die hier nicht näher erforscht und erörtert werden sollen, konnten sich ziemlich viele ein solches leisten. Wobei nur in den seltensten Fällen darunter so etwas wie eine Villa zu verstehen war, oft eher ein Schrebergartenhaus. Ganz Niederöster-

Mindestens einmal im Jahr fuhr man auf Skiurlaub.

reich, aber auch das angrenzende Burgenland, war das Einzugsgebiet der ExilWiener. Manchmal sogar Randgebiete der Steiermark. Bis zu 100 Kilometer Autofahrt hin und zurück am Wochenende war die Norm. Gründe dafür gab es viele: frische Luft, gesunde Gartenarbeit … und nicht zuletzt die Tatsache, dass Wien am Wochenende einfach tot war. Alle Geschäfte schlossen ebenfalls Samstag um zwölf Uhr. Zumindest in der schönen Jahreszeit, wo man auch im kleinsten Kleingarten recht kommod übernachten konnte, war Wien von Samstagmittag bis Sonntagabend de facto ausgestorben. Wer trotzdem da war, blieb entweder zu Hause oder machte Besuche bei Familie und Freunden. Es hätte damals kaum jemanden überrascht, wenn plötzlich wie in jedem zweiten Western durch eine verlassene Straße ein Tumbleweed-Busch gerollt wäre … Vorbei an den heruntergelassenen Rollläden.

Einzige Ausnahme: Touristen, die in nicht wenigen Fällen, vor allem wenn sie aus fortgeschritteneren westlichen Ländern stammten, verzweifelt herumirrten und sich fragten, wieso denn eigentlich alles zu sei, abgesehen von Museen und Restaurants?

All das änderte sich im Laufe der Achtzigerjahre ebenfalls. Abgesehen davon, dass vieles immer teurer wurde, auch Autos und Benzin, und der allgemeine Wohlstand trotz der Versprechungen des Neoliberalismus im Durchschnitt mehr zurückging als zunahm, wurde Wien selbst auch immer attraktiver. Stetig mehr Freizeitaktivitäten waren am Wochenende vorhanden –während die Geschäfte aufgrund einer heiligen Allianz zwischen Kirche und Gewerkschaften nach wie vor eisern verschlossen blieben. Und

warum auf der Autobahn an den eigenen Grund in der Nähe eines Baggersees fahren und am Sonntagabend auf den Stadteinfahrten stauen, wenn man auch einfach mit der U-Bahn auf die Donauinsel fahren konnte? Natürlich ist das mit den Wochenendhäusern bis heute nicht völlig ausgestorben und durch die schulfreien Samstage gibt es für viele Familien jedes Wochenende einen Miniurlaub, aber tatsächlich zieht es immer weniger Wiener am Wochenende hinaus, und leere sonntägliche Straßen gibt es kaum mehr.

ImSommerging‘smitdemAutoandie anAdriaundbalddaraufmitdemFlieger fernereStrände.

Hausfrauen, Skifahren und Flokati

So viel zu den Wochenenden. Nun zu den Urlauben im Jahreslauf. Natürlich war auch das eine Frage der finanziellen Lage der Familie. Aber einmal Skiurlaub im Winter und einmal Urlaub am Meer, an einem See und/oder in den Bergen war quasi als Standardprogramm gesetzt. Oft sogar zwei oder drei Skiurlaube. Denn besonders ambitionierte Familien montierten die Ski sowohl in den Weihnachtsferien, in der „Energiewoche“ (später Semesterferien) und zu Ostern auf ihr Auto. Und dann begaben sie sich ins Stubaital oder nach Zell am See, denn dort gab’s immer an leiwanden Schnee. Wobei es ein wenig darauf ankam, auf welchen Termin Ostern fiel, aber bei einem späten Termin musste man eben einfach ein bisschen weiter oder höher hinauffahren. Auch das eine Frage des (bescheidenen) Wohlstands. Fast jede Familie hatte zumindest ein billiges Auto, fast jeder in der Familie hatte ein Paar Ski (jetzt neu mit Skistoppern statt Fangriemen!) und Skischuhe (mit immer weniger Schnallen und sicher nicht mehr zum Schnüren), oft jedes oder jedes zweite Jahr ein neues, Liftkarten und Übernachtungen waren erschwinglich … Kaum mehr vorstellbar in einer Zeit, in der die bis ins gigantische ausgebauten Skischaukeln Österreichs hauptsächlich von Japanern, Chinesen, Russen, Indern, Arabern und wohlhabenden Bewohnern anderer EU-Staaten frequentiert werden. Für den durchschnittlichen Wiener ist ein ausge-

In den Siebzigern war der Skipass noch erschwinglich.

dehnter Skiurlaub mittlerweile einfach zu teuer. Oft bleibt es bei Tagesfahrten zum Semmering samt Ausborgen der Ausrüstung. Denn Ski und Skischuhe kosten heute, wie übrigens auch Fahrräder, in-

flationsbereinigt ein Vielfaches von dem, was sie in den Siebzigerjahren gekostet haben. In meiner Familie kam es mit der Zeit quasi zu einer Migration. Nachdem der Skiurlaub in Salzburg (Obertauern)

Skimode der Saison

1976/77

zu teuer wurde, fuhren wir in einen kleinen Ort in Tirol (Schwaz) und schließlich nach Südtirol. Heute wäre das alles zu teuer, und ein vergleichbarer Urlaub vielleicht noch an den sanften Hängen der Slowakei leistbar.

Damals jedoch war Skifahren wie gesagt Standard, wovon Dutzende völlig gleich aussehende Bilder von Kindern

und Eltern in bunten

Overalls, oft nur zu unterscheiden an den verschiedenfarbigen umgeschnallten

Bananentaschen, auf ebenso bunten Skiern auf weißem Schnee vor

blauen Himmel zeugen. Ich wette, dass so mancher bei den hier abgebildeten Fotos sicherheitshalber zweimal schaut, ob es sich dabei nicht um die eigene Familie handelt …

Ähnlich gleichförmig waren die Sommerurlaube. Wandern in den Bergen, Badeurlaub am See oder eben am nächstgelegenen Meer war bis in die Achtzigerjahre hinein das übliche Prozedere. Wobei Meer eigentlich nur zwei Sachen bedeuten konnte: Italien oder Jugoslawien. Später kamen auch noch Griechenland und

SommerurlaubindenBergen,Mitte der 1970er-Jahre

Hnoch später die Türkei als mögliche Destination dazu, aber eine Kindheit in den Siebzigerjahren bedeutete in den meisten Fällen im Sommer Badeurlaub an der Adria – neben dem Neusiedlersee, die andere sprichwörtliche Badewanne der Wiener. Rimini, Caorle, Bibione, Jesolo, Riccione auf der einen, Istrien bis Dubrovnik oder Inseln wie Krk auf der anderen Seite. Unverzichtbar dabei, vor allem im Hotelpool, eine Plastikbadehaube in knalligen Farben und gegebenenfalls mit wuscheligen Blumenimitaten. Auch hier gleichen sich die Urlaubsfotos enorm. Der Vorteil dieser Destinationen: Man konnte sie alle mit dem eigenen Auto erreichen, vollgestopft mit Kindern, eventuell Hund und im Falle von Camping Zelt, Gaskocher und haufenweise haltbaren Lebensmitteln. Der Nachteil: Wohin man auch kam, man musste sich den Strand und alles andere mit Deutschen teilen, die bereits in einer Zeit vor Pauschalurlaub in Hotelanlagen dazu neigten, früh genug aufzustehen, um sich eine Liege oder den besten Strandplatz mit dem eigenen Handtuch zu markieren. Immerhin konnte man allerdings auch Völkerallianzen schließen,

Interrail kam bei Jugendlichen als eine preisgünstige und beliebte Art, Urlaub zu machen, auf.

insbesondere Holländer und Schweizer erwiesen sich oft und gerne als Verbündete gegen die germanische Übermacht. Andere Arten des Reisens waren selten. Manchmal unternahm eine Familie eine Städtereise, wobei das meistens eher nur die Eltern taten und die Kinder in der Zwischenzeit irgendwo anders

untergebracht waren. Manche verschlug es auf die damals gerade aufkommenden Kreuzfahrtschiffe, natürlich fast nur im Mittelmeer, mit deren Hilfe man dann auch so exotische Orte wie Ägypten, Marokko, Tunesien oder Israel besichtigen konnten. Und dann vielleicht noch ein Schüleraustausch oder eine Sprachreise für den Nachwuchs, der partout Englisch oder Französisch nicht in sein Hirn bekam. Und für Jugendliche: Interrail. Eine ganz eigene Kategorie. Denn mit dem günstigen Monatsticket stand einem auf einmal ganz (West-)Europa offen. Geschlafen wurde im Zugabteil, in Jugendherbergen oder im Freien. Wobei der Witz darin bestand, dass man im eigenen Land sehr wohl fürs Ticket zahlen musste, wenn auch nur 50 Prozent. Was dazu führte, dass deutsche Interrailer, deren männliche Exemplare man unterwegs an ihren kurzen Hosen erkannte –

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