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Die e rfin D ung D er mor D inspektion


Kapitel II Kommissar
Kriminalität in der Weimarer Republik 50
Die Legende der Berliner Kripo 58
Gennat und seine Mordinspektion 62
III


Im Herbst 1998 erschien mein Buch „Der Kommissar vom Alexanderplatz“. Es war der erste Versuch, eine Biografie Ernst Gennats zu schreiben, des genialsten Kriminalisten Berlins und Deutschlands. Gennat hat die Arbeit der Kriminalpolizei in den Zwanzigerjahren revolutioniert und die 1926 von ihm ins Leben gerufene Mordinspektion im Berliner Polizeipräsidium am Alexanderplatz bis weit über die Grenzen Berlins und Deutschlands hinaus berühmt gemacht.
Bis zum Erscheinen dieses Buches war der im doppelten Wortsinn schwergewichtige Kommissar weitgehend in Vergessenheit geraten. Nur in historisch interessierten Kreisen der Kriminalpolizei und bei Polizeihistorikern war der Name Ernst Gennat noch ein Begriff. Seither hat sich eine ganze Armada von Autoren von dem wiederentdeckten Kommissar inspirieren lassen. In einer Vielzahl historischer Kriminalromane, die im Berlin der Zwanzigerjahre spielen, taucht Ernst Gennat in jüngster Zeit wieder auf, ebenso in Fernsehkrimis und Dokumentationen. Der erste Filmemacher, der sich von Gennat fasziniert zeigte, war der Regisseur Fritz Lang. In seinem Film „M“, der erst später den Untertitel „Eine Stadt sucht einen Mörder“ erhielt, diente Gennat als Vorbild für den von den Ganoven hoch geschätzten Kommissar Karl Lohmann, verkörpert von Otto Wernicke. Im Vorfeld


des Films soll Fritz Lang über längere Zeit in Gennats Mordinspektion recherchiert haben. Als reale Vorlage für den Fall des Kindermörders Hans Beckert, gespielt von Peter Lorre, diente indes kein Berliner Kriminalfall, sondern der Fall des Düsseldorfer Serienmörders Peter Kürten.
Die ersten Kriminalromane, die den Chef der legendären Mordinspektion zum Vorbild genommen haben, stammen aus der Feder des Journalisten und Schriftstellers Hans Georg Bentz (1902–1968). Bentz ging nach dem Abitur als Volontär zur „Vossischen Zeitung“ und begann, wie jeder Reporter, der seinerzeit „etwas werden“ wollte, als Polizeireporter. Er lernte Gennat kennen und ging schon bald in dessen Büro ein und aus. Bentz machte schnell Karriere: Schon mit 27 Jahren wurde er Chef redakteur der „Berliner Morgenpost“. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Journalist in München und machte sich einen Namen als Autor zahlreicher Unterhaltungsromane. Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre schrieb er auch vier Kriminalromane, in denen er seinem alten Freund ein Denkmal setzte: „Kriminaldirektor Türks schwerster Fall“, „Das fremde Gesicht“, „Schneller als der Tod“ und „Der Dicke und die Mafia“. Alle Romane tragen den Untertitel „Roman einer Mordkommission“. Protagonist der vier Romane ist der Chef der Mordinspektion, Kriminaldirektor Otto Edgar Türk, der unverkennbar die Züge Ernst Gennats trägt.
Für das vorliegende Buch habe ich die Texte von „Der Kommissar vom Alexanderplatz“ überarbeitet und neue Fälle hinzugefügt. Sie alle orientieren sich an den Polizeiakten, hier und da habe ich Details frei ergänzt. Dieses Buch enthält auch neue Bilder, darunter einige, die bisher noch nie veröffentlicht wurden. „Kommissar Gennat ermittelt“ zeigt die Arbeit des berühmtesten Berliner Mordermittlers unter drei Regimen: im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Legende Ernst Gennat lebt bis heute fort.
Regina Stürickow
Dreharbeiten 1931 zu Fritz Langs Film „M“: Otto Wernicke in seiner Rolle des Kriminalkommissars Karl Lohmann

Die Berliner Mordinspektion, vermutlich Anfang der Dreißigerjahre. Gennat steht in der Mitte, seine Sekretärin Trudchen Steiner sitzt vorne, 4. v. l.

Ein Schaukasten im Polizeipräsidium präsentiert Fotos unidentifizierter Leichen
Versetzen wir uns zurück in das Jahr 1921, in die feuchtkalte Nacht vom 6. auf den 7. Dezember. Ein Taxi hat uns soeben zu dem gewaltigen roten Backsteinbau des Polizeipräsidiums am Alexanderplatz gebracht, zur Gruner-/Ecke Dircksenstraße, dem einzigen der Öffentlichkeit zugänglichen Eingang. Wir wollen Anzeige erstatten. Hat man uns doch, während wir im „Kindl-Bräu“ am Kurfürstendamm zu Abend gespeist haben, unsere funkelnagelneue Horch-Limousine, die wir in der Joachimsthaler Straße geparkt hatten, geklaut. Seit einiger Zeit sind die Autoschieberbanden eine wahre Plage geworden!

Der Dicke von der Mordkommission
Zum ersten Mal betreten wir die „Zwingburg der Gerechtigkeit“, unseren Berliner „Scotland Yard“. Wir passieren eine Reihe von Schaukästen, die eine grausige Fotoausstellung präsentieren: unbekannte Tote, aufgespürt im Gestrüpp irgendeiner Parkanlage, in verwahrlosten Abrisshäusern, aus der Spree oder einem Kanal gefischt – erschossen, erdrosselt, vergiftet, manchmal bestialisch zerstückelt –, darunter unzählige, die niemand vermisst. „Das ist“, schreibt der Schriftsteller und Journalist Joseph Roth, „die grausame Ausstellung der grausamen Stadt, in deren asphaltierten Straßen, graubeschatteten Parks und blauen Kanälen der Tod lauert, mit Revolver, Knebel und betäubendem Chloroform.“
Obwohl uns der Portier den Weg zum zuständigen Dezernat genau beschrieben hat, verirren wir uns in den scheinbar endlosen, grau getünchten Gängen. Verunsichert blicken wir uns um. Wir stehen vor einer gläsernen Flügeltür mit der Aufschrift „Morddezernat“. Unvermittelt fällt unser Blick in einen langen Gang. Ein wohlbeleibter Mann im grauen Raglanmantel und mit schwarzer Melone kommt uns stampfenden Schrittes entgegen. Unter dem offenen Mantel ein zerknitterter Anzug, von dem man annehmen könnte, dass sein Träger ihn auch im Bett nicht ablegt. Eine Hand tief in der Hosentasche vergraben, in der anderen ein kleiner Koffer. Seinem Begleiter brummt er kurz etwas zu. Wir schnappen nur die Worte auf: „Wielandstraße 12 ... wohl ’n Raubmord ...“
Dieser Koloss von einem Mann ist Kriminalkommissar Ernst Gennat. Schon zu Lebzeiten gleichermaßen Legende und Original, entsprach er in keiner Weise dem Klischee des engstirnigen preußischen Beamten. Gennat war vielmehr eine „Type“ mit ausgeprägten Marotten und ein Berliner wie aus dem Bilderbuch. Der Journalist und Hobbykriminalist Franz von Schmidt beschrieb ihn wie folgt:
„Er sah die Welt nur vom kriminalistischen Standpunkt aus an, misstraute jedem – war deshalb auch Junggeselle –, kam aber auch jedem, ob Raubmörder oder Innenminister, mit der gleichen Jovialität entgegen. Seine Kollegen behandelte er gern mit der väterlichen Güte, die man leicht schwachsinnigen Kindern gegenüber anwendet. Und doch war er ein phantastischer Kamerad besonders denen gegenüber, die so taten, als sähen sie nicht, welche Mengen an Kuchen und Schlagsahne er sich so nebenbei heimlich aus der Schublade angelte und in seinem Amtszimmer, seiner wahren Heimat, zusammenaß. Damals hatte der Dicke schon mindestens ein Doppelkinn, später waren es derer drei oder vier.“
Gennat war die unumstrittene Nummer eins in der Mordkommission. Er hatte, wie ihm seine Kollegen anerkennend bescheinigten, die „unbestechliche Spürnase des geborenen Kriminalisten“, verfügte über eine geradezu „unheimliche Kenntnis jedweder Mörderpsychologie“ und galt als genialer Beobachter, der in jeder Situation die Ruhe bewahrte, nie aus der Fassung geriet und zudem, was seine Kollegen besonders schätzten, „bildhaft und launig“ erzählen konnte. Von den einen wurde er liebevoll „Papa Gennat“ genannt, von den anderen ehrfurchtsvoll „Buddha der Kriminalisten“ oder scherzhaft „der volle Ernst“.
Dabei fehlte ihm alles, was für die damalige Öffentlichkeit einen interessanten Kommissar ausmachte: Mit gutem Aussehen, imposanter Männlichkeit oder extravaganter Kleidung konnte er beim besten Willen nicht aufwarten. In den späten Jahren seiner Karriere war er wegen seines beträchtlichen Übergewichts nicht einmal mehr in der Lage, Treppen zu steigen, und ermittelte demzufolge ausschließlich aus seinem Dienstzimmer heraus.
Erich Frey, einer der prominentesten Strafverteidiger der Weimarer Republik, würdigte den Mordspezialisten Gennat als „einen der interessantesten Männer, die je in Deutschland Verbrechen verfolgt haben“. Den legendären Ruf als Ermittlungsbeamter verdankt Gennat seiner Ausdauer, seinem fantastischen Gedächtnis und seinem scharfen psychologischen Blick. Diese Eigenschaften ermöglichten es ihm, über 90 Prozent seiner Fälle aufzuklären.
Gennat selbst stellte sein Licht gern unter den Scheffel. Fragte ihn jemand nach seinem Erfolgsrezept, winkte er ab und erklärte lapidar, es sei keineswegs immer kriminalistisches Geschick, das zur Aufklärung eines Verbrechens führe, sondern vielfach nur eine gehörige Portion Glück.
Seine überaus profane Schwäche für Kuchen blieb niemandem – auch nicht seinen „Kunden“ – verborgen. So passierte es mehr als einmal, dass Gennat auf der Fahrt zum Tatort den schwarzen Wagen der Kriminalpolizei, „Mordauto“ genannt, vor einer Konditorei halten ließ und sich erst einmal verproviantierte. Der bereits erwähnte Franz von Schmidt erinnert sich in seinem 1955 erschienenen Buch „Vorgeführt erscheint. Erlebte Kriminalistik“: „Unser schwarzer Wagen sah wohl etwas unheimlich aus, aber als wir drei – der Chauffeur war auch in Zivil – jetzt friedlich Kuchen essend und die Finger leckend im Schneckentempo weiterfuhren, hat wohl keiner der uns nachgrinsenden Passanten Wesen und Ziel unserer Fahrt erraten.“ Ernst August Ferdinand Gennat wurde am 1. Januar 1880 in Plötzensee, seinerzeit noch ein Gutsbezirk im Kreis Niederbarnim, geboren. Im Jahr zuvor war hier das „Neue Strafgefängnis“ für 1400 Gefangene ergänzt mit komfortablen Wohnungen für das Gefängnispersonal und die Justizbeamten fertiggestellt worden. Zu den ersten Bewohnern der Anlage gehörten der Oberinspektor der Strafanstalt, August Gennat, und seine Frau Clara Luise, geborene Bergemann. Clara Luise war eine hervorragende Klavierspielerin und wäre gerne Konzertpianistin geworden, ihrer Familie zuliebe verzichtete sie jedoch auf eine eigene Karriere, gab aber Klavierstunden.
Über Ernst Gennats Kindheit und Jugend sind keine Einzelheiten überliefert. Bekannt ist nur, dass er nach der Volksschule das Königliche Luisen-Gymnasium in der Turmstraße 87 in Moabit besuchte: eine für ihre Zeit fortschrittliche Lehranstalt, die zu den ersten in Preußen gehörte, an der ab 1896 auch Frauen das Abitur ablegen konnten. Gennat machte hier im September 1898 sein Abitur. Noch im selben Jahr zog die Familie nach Charlottenburg in die Schloßstraße 35. In der Wohnung im ersten Stock wird Gennat – versorgt von Mariechen, der spindeldürren Haushälterin, die schon seinen Eltern den Haushalt führte – bis zu seinem Tode wohnen bleiben.
Erst im Oktober 1901 schrieb sich Gennat an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität für das Fach Jura ein. In den drei Jahren zwischen Abitur und Studium absolvierte er vermutlich seinen Militärdienst. Beruflich hatte er ursprünglich wohl eine militärische Karriere angestrebt, jedenfalls vermerkte er in der Universitätsmatrikel in der Rubrik „künftiger Beruf“: „Militär“. Nach acht Semestern, im Juli 1905, verließ er die Universität ohne Abschluss.
Über Gennats Eintritt in den Polizeidienst, der vermutlich 1904 erfolgte, lassen sich keine genauen Angaben machen. Am 30. Mai 1905 soll er seine Prüfung zum Kommissar abgelegt haben und schon am 1. August ernannte man ihn zum Kriminalkommissar. Wie die Prüfung aussah, ist ebenfalls nicht bekannt, denn eine geregelte Ausbildung gab es seinerzeit nicht.
Schon früh war Gennats Interesse an allem Kriminalistischen und Juristischen erwacht. Bereits als Primaner hatte er Gerichtsverhandlungen besucht, wann immer sich die Gelegenheit geboten hatte. Zudem war er in jungen Jahren durch die Tätigkeit seines Vaters in der Strafanstalt mit der sozialen

Blick in die Schloßstraße in Richtung Schloss Charlottenburg, um 1915
Ernst Gennat in seinem Büro im Polizeipräsidium am Alexanderplatz
und wirtschaftlichen Misere der untersten Bevölkerungsschichten vertraut geworden, mit den armseligen Lebensbedingungen in den Arbeiter- und Arme-Leute-Vierteln im Norden und Osten der Stadt. Jenes Wissen um die Not in der ständig wachsenden Metropole hatte sein soziales Gewissen geschärft und war zweifelsohne einer der Gründe, weshalb er als Kriminalkommissar seine „Kundschaft“ stets fair behandelte. Oft bildete sich zwischen ihm und seinen „Kunden“ ein geradezu vertrauliches Verhältnis. „Kriminalistik ist zu einem großen Teil Kunst der Menschenbehandlung“, pflegte er zu sagen, und diesem Grundsatz blieb er stets treu.
War er auch gewissermaßen ihr natürlicher Feind, so zollten sie ihm dennoch Achtung und Anerkennung. Ein ehemaliger Zuchthäusler, den Gennat schon mehrmals hinter Schloss und Riegel gebracht hatte, bekannte 1929 offenherzig: „Er versteht es, uns so zu fassen, dass wir ihm die Wahrheit sagen und statt verstockt zu sein, erzählt man bei einer Zigarette manches, was man vielleicht lieber für sich behielte.“


Der Dicke von der

Kleinkriminellen pflegte er ins Gewissen zu reden: „Glaube mir doch, mein Junge, Verbrechen lohnen sich nicht. Und wenn du komische Figur glaubst, du wärst für uns zu intelligent, dann denk daran, dass sämtliche Zuchthäuser voll sind von Leuten, die sich auch einmal für genau so klug hielten, wie du dir jetzt vorkommst.
Außerdem werden schon deine Bräute, Freunde und Hehler dafür sorgen, dass aus dir auf diese Art kein reicher Mann wird.“

Gennat sah den Täter immer auch als Opfer. So vermied er es, einem Delinquenten mit Vorwürfen zu begegnen. Einmal begrüßte er einen gerade festgenommenen Täter, der sein Überfallopfer mit einer Schlinge erdrosselt hatte, in seinem typischen freundlichen Ton, nahm dessen Arm und sagte: „Seh’n Se, schön, dass Se nu’ da sind. Nu’ erzähl’n Se mal, wie Se das mit der Schlinge gemacht haben. Se brauchen keine Angst vor uns zu haben, wir sind alle nette Leute, und Ihnen wird viel wohler sein, wenn Se sich ausgesprochen haben.“
Die Vernehmungen pflegte Gennat im freundlichen Plauderton zu führen, wobei er seine Ausdrucksweise, die vom gepflegten Hochdeutsch über schnoddriges Berlinisch bis hin zum ruppigen Gaunerjargon variieren konnte, seiner jeweiligen „Kundschaft“ anpasste. Der ihm gegenübersitzende Übeltäter vergaß so schon einmal, dass er verhört wurde, und erzählte Dinge, die er, wie der ehemalige Zuchthäusler versicherte, gar nicht hatte preisgeben wollen.
Gennats Bruder war übrigens Staatsanwalt in Moabit, weshalb er zu sagen pflegte: „Die Verbrecher, mit denen ich zu tun habe, bleiben sozusagen in der Familie. Ich fange sie ein, mein Bruder, der Staatsanwalt, verknackt sie, und schließlich heißt sie mein Vater in Plötzensee willkommen.“
Hatte Gennat einen Täter schließlich so weit, dass dieser ein Geständnis abzulegen bereit war, schickte er seine Sekretärin mit einem unauffälligen Fingerzeig aus dem Zimmer. Der Vernommene sollte volles Vertrauen haben können und sich durch nichts gehemmt fühlen.
Manchmal, so erinnert sich Bernd Wehner, einer der fähigsten Mitarbeiter Gennats in den Dreißigerjahren, brach „der Dicke“ bei einem Verhör mitten im Satz ab und schlief über seinen Papieren ein. Er fuhr dann aber beim Aufwachen mit seiner Frage an genau der Stelle fort, wo er aufgehört hatte. Die Vernommenen waren stets irritiert, wenn sie feststellen mussten, dass dem schlafenden Gennat die Geschichte, die sie ihm gerade erzählt hatten, keineswegs entgangen war. „Das ungeheure Gehirn des Dicken“, so Wehner, „registrierte auch, wenn er schlief.“
Seine Sekretärin, die mollige und stets freundliche Gertrud „Trudchen“ Steiner, war die gute Seele der Mordkommission, die nicht nur an ihrer Schreibmaschine saß, sondern auch Kaffee kochte, Portwein einschenkte und ihrem Chef die obligaten Kuchenberge auf den Tisch stellte. Fräulein Steiner, die Gennat gewichtsmäßig in nichts nachstand, aber eher eine Schwäche für Deftiges hatte und deshalb „Bockwurst-Trudchen“ genannt wurde, vergötterte ihren Chef.
Das Wort „Privatleben“ hatte Ernst Gennat längst aus seinem Vokabular gestrichen. Die Kriminalistik war für ihn Beruf und Leidenschaft zugleich. Für Frauen blieb in diesem Leben ebenso wenig Platz wie für andere Interessen. Allenfalls setzte er sich mal ans Klavier. Sein Büro war sein eigentliches Zuhause. Fast täglich saß er bis spät in die Nacht, einge-
Der Dicke von der Mordkommission

An Gennats
Sekretärin Gertrud „Trudchen“ Steiner (Bildmitte) kam kein Besucher vorbei.


hüllt in den blauen Qualm einer dicken Zigarre, auf seinem abgewetzten grünen Sofa vor einem Berg von Akten und einem nicht weniger imposanten Berg Kuchen. Wenn ihm dann plötzlich mitten in der Nacht bei der Lektüre einer Ermittlungsakte etwas mehr oder weniger Wichtiges einfiel, erhob er sich schwerfällig, ging an seinen Schreibtisch, griff zum Telefon und klingelte, als sei es selbstverständlich, einen seiner Kommissare aus den Federn. Doch niemand wäre je auf den Gedanken gekommen, ihm die nächtliche Ruhestörung übel zu nehmen. Im Gegenteil: War es nicht geradezu eine Ehre, von dem berühmten Gennat aus dem Bett geholt zu werden?


Ein Taucher sucht im Auftrag der Berliner Kriminalpolizei in der Spree nach gestohlenem Schmuck, 1914.
Man kann nur darüber spekulieren, warum Ernst Gennat sein Jurastudium nach acht Semestern abbrach und somit auf eine Karriere als Richter oder Staatsanwalt im Staatsdienst oder auch als Strafverteidiger verzichtete. Verließ er die Universität, weil er sich als jugendlicher „Prozessbeobachter“ und als Sohn des Direktors einer Strafanstalt ein Bild von der zum Teil stümperhaften Arbeit der Kriminalpolizei gemacht hatte? Und hatte er sich zu diesem Zeitpunkt bereits das Ziel gesetzt, die Kriminalpolizei, insbesondere die Mordermittlungen, von Grund auf zu reformieren und zu modernisieren? Fragen wie diese bleiben unbeantwortet, denn alle Versuche der Kriminalhistoriker, Gennats Personalakte aufzufinden, sind bisher erfolglos geblieben.
Es scheint jedoch festzustehen, dass Ernst Gennat 1904 mit 24 Jahren in den Polizeidienst eintrat, am 30. Mai 1905 als Kriminalanwärter seine Prüfung zum Kommissar ablegte, zwei Tage später zum Hilfskommissar und am 1. August 1906 zum Kriminalkommissar ernannt wurde.
Im Berliner Polizeipräsidium fand sich der junge Gennat unversehens in einer illustren Gesellschaft, nannte man doch den roten Backsteinkoloss am Alexanderplatz spöttisch „Adelsklub“.
In der Kaiserzeit gab es kaum einen Kriminalbeamten, der nicht von Adel war. Die überwiegende Mehrheit der Beamten im höheren Dienst rekrutierte sich zum einen aus Offizieren, die in der Regel aus finanziellen Gründen den Militärdienst quittiert hatten, sowie aus Abkömmlingen mehr oder weniger verarmter Adelsfamilien, die aufgrund ihrer misslichen wirtschaftlichen Lage ebenfalls eine Karriere im Staatsdienst anstrebten. Wenn auch das Gehalt eines Kriminalkommissars relativ bescheiden ausfiel, garantierte die Beamtenstellung wenigstens finanzielle Sicherheit. Der Werdegang des Kriminalkommissars Hans von Tresckow, einem der Lehrmeister Gennats, der sich mit seinen 1922 erschienenen Erinnerungen „Von Fürsten und anderen Sterblichen“ einen Namen machte, ist ein zeittypisches Beispiel: Nach dem Tod seines Vaters konnte der junge von Tresckow sein Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Königsberg nicht mehr finanzieren und bewarb sich, eher der Not als der Überzeugung gehorchend, im Januar 1889 für den höheren Polizeiexekutivdienst beim Polizeipräsidium in Berlin, das sich zu dieser Zeit noch am Molkenmarkt 1, unweit des Nikolaiviertels befand. Erst einige Monate später wurde das neue Präsidium am Alexanderplatz bezugsfertig.
Das Berliner Polizeipräsidium war erst im Zuge der preußischen Reformen entstanden, jenen Staats- und Verwaltungsreformen, mit denen das von Frankreich unterworfene Preußen seinen Wiederaufstieg einleitete. Die Berufung des ersten Berliner Polizeipräsidenten Karl-Justus von Gruner durch König Friedrich Wilhelm III. am 25. März 1809 gilt zwar als offizielles Gründungsdatum des Polizeipräsidiums, sein Domizil am Molkenmarkt bezog es jedoch erst 1822.

Ernst Gennat und die Kriminalpolizei im Kaiserreich Kriminalkommissars Hans von Tresckow, einer von Gennats Lehrmeistern in der Kaiserzeit

Rund fünfzig Jahre später, unmittelbar nach der deutschen Reichsgründung 1871, war das Präsidium der ehrgeizigen Kaiserstadt längst zu klein geworden. Ein neues repräsentatives und Ehrfurcht gebietendes Gebäude, möglichst in der Mitte der Stadt, musste her. Ein Grundstück war schnell gefunden: das Gelände einer nicht mehr genutzten Heilanstalt und des ehemaligen „Ochsenkopfes“, des einstmals berüchtigten Arbeitshauses am Alexanderplatz. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurden in dieses düstere Gemäuer Obdachlose, die des Nachts in die Fänge der Polizei geraten waren, zur Zwangsarbeit eingewiesen. 1877 verlegte man das Arbeitshaus dann nach Rummelsburg. Nach dem Abriss der nunmehr leer stehenden Gebäude begann die Stadt Berlin 1885 mit dem Neubau des Polizeipräsidiums nach den Plänen des Baustadtrates Hermann Blankenstein. In der zweiten Jahreshälfte 1889, nach nicht einmal vier Jahren, war es bezugsfertig. Der überdimensioniert wirkende vierstöckige Backsteinbau mit seinen acht Innenhöfen, einem glasüberdachten Mittelhof und einer überdachten Reitbahn für die berittene Schutzmannschaft hatte eine Grundfläche von ungefähr 16 000 Quadratmetern. Die Baukosten beliefen sich auf etwa 5,5 Millionen Mark. Eines der beiden großen Portale lag in der Alexanderstraße, das andere in der Dirck-
Das Polizeipräsidium am Alexanderplatz auf einem Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Holzstich
senstraße, die bis 1902 den Namen „An der Stadtbahn“ trug, gegenüber den Stadtbahnbögen. Hier befand sich auch der Haupteingang. Neben dem Polizeigefängnis, das für 328 Männer und 94 Frauen ausgelegt war, beherbergte der Komplex komfortable Dienstwohnungen mit Erkern und Balkonen, die einen Blick auf den Alexanderplatz boten. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Polizeipräsidium fast völlig zerstört. Nur die Kriminalpolizei fand in einem relativ unversehrt gebliebenen Gebäudeteil vorübergehend Platz, bis die Ruine in den Sechzigerjahren im Zuge der Verbreiterung der Grunerstraße abgerissen wurde. Etwa an der Stelle, an der sich das Polizeipräsidium befand, erhebt sich heute das Einkaufszentrum Alexa. Nur noch eine unscheinbare Gedenktafel auf dem Mittelstreifen der Grunerstraße erinnert an das alte Polizeipräsidium.
Als Gennat 1904 zur Kripo kam, gab es noch kein Morddezernat im eigentlichen Sinne. Zwei Jahre zuvor aber, im Sommer 1902, war bereits eine erste organisatorische Reform verwirklicht worden. Die uneffektive Arbeit der Kriminalpolizei besonders bei Kapitalverbrechen, also Mord oder Mordversuch, drängte nach Veränderungen.

Ernst
Gennat und die Kriminalpolizei im Kaiserreich
Mit dem Aufstieg Berlins zur Weltstadt war auch die Zahl der Verbrechen sprunghaft angestiegen. Doch die Polizei war den Verbrechern hoffnungslos unterlegen. So häuften sich nicht nur Diebstahl, Prostitution, Raub und Raubmord, auch die Vergehen an Kindern nahmen in beunruhigender Weise zu. Immer wieder wurden Leichen oder Leichenteile aus der Spree oder dem Landwehrkanal gefischt. Gewaltverbrecher hatten die besten Chancen, ungeschoren davonzukommen. Die Öffentlichkeit, durch die Presse bestens informiert, nahm regen Anteil. Die Zeitungen konkurrierten zum Teil mit zwei oder sogar drei Ausgaben täglich um die Leserschaft. Sensationsmeldungen und Berichte über Verbrechen steigerten die Auflagen.
Die Polizei hatte indes nur wenige Fahndungserfolge zu vermelden und erntete nicht selten Spott und Hohn. Polizeipräsident Ludwig von Windheim versuchte, mit einer Reihe von Dienstanweisungen gegenzusteuern: Die erste vom 3. Juli 1902 zur „Bearbeitung von Kapitalverbrechen“ sollte Organisatorisches regeln. Erstmals wurde innerhalb der Kriminalpolizei ein sogenannter Mordbereitschaftsdienst eingerichtet, um zu jeder Tages- und Nachtzeit sofort Beamte an den Tatort schicken zu können. Nach der neuen Dienstanweisung hatte der Reviervorstand im Falle eines Kapitalverbrechens umgehend die Kriminalpolizei zu alarmieren. Jedes Revier erhielt ein Verzeichnis von Kriminalbeamten, die in Bereitschaft waren. Je nach Bedarf wurde dann ad hoc eine Mordkommission gebildet. 1900 war es bereits gelungen, Gerichtsärzte für einen Bereitschaftsdienst heranzuziehen.
Bis dahin hatte die Kripoleitung immer erst im Bedarfsfall damit begonnen, geeignete Ermittler zu suchen, sodass es mitunter Stunden dauerte, bis die Kriminalpolizei am Tatort eintraf. Die Folge: Eine Reihe von Kapitalverbrechen blieb ungeklärt. Dass die Kriminalbeamten des Kaiserreichs keine Koryphäen waren, lässt sich auch mit ihrer mangelhaften Ausbildung erklären: Eine Polizeischule, das Polizeiinstitut Charlottenburg, wurde erst 1927 gegründet. Seinen Sitz hatte es im westlichen Stülerbau an der Schloßstraße, in dem heute das Museum Berggruen seine Schätze zeigt.
Die Aufklärung eines Falles scheiterte oftmals am unsachgemäßen Vorgehen der Beamten. Versteht es sich heute bereits für den Laien von selbst, am Tatort nichts anzurühren oder zu verändern, musste dies den damaligen Ermittlern noch eingeschärft werden. Immer wieder kam es vor, dass die Revierkriminalpolizei einen Tatort derart unsachgemäß behandelte, dass man zum Entsetzen der später eintreffenden Mordkommission von einer Verwüstung sprechen konnte. Wie es sich für brave preußische Polizisten gehörte, schafften sie erst einmal Ordnung: Lag der Tote auf einem kalten Fliesenboden, wurde er auf ein Sofa gelegt, vielleicht sogar noch benutzte Gläser weggeräumt und Möbelstücke, die in einem Kampf umgestoßen worden waren, wieder ordentlich hingestellt. Fand man einen Toten in einem Waldstück, suchten unzureichend ausgebildete Beamte die Umgebung planlos ab und vernichteten wertvolle Spuren. Mit einer Dienstanweisung allein war dieses stümperhafte Verhalten, das den sonst so besonnenen Gennat immer wieder zur Weißglut brachte, nicht zu beheben.
Theoretischer Unterricht in der Charlottenburger Polizeischule, 1931
Die Dienstanweisungen wurden ständig überarbeitet und erweitert. Seit Beginn seiner Laufbahn engagierte sich Ernst Gennat für die Verbesserung und Modernisierung des Mordbereitschaftsdienstes. So gehörte er auch der „Interessengemeinschaft der Kriminalbeamten von Groß-Berlin“ an. Diese Gemeinschaft war äußerst aktiv und legte dem Polizeipräsidium im April 1919 einen Entwurf über neue Richtlinien für den Mordbereitschaftsdienst vor. Gennats Handschrift ist hier bereits zu erkennen. In einer Verfügung vom 26. Juni 1919 zur „Regelung des Mordbereitschaftsdienstes“ nahm Kripochef Oberregierungsrat Hoppe die Vorschläge auf und verfügte unter anderem:

Ernst Gennat und die Kriminalpolizei im Kaiserreich
„Dem Mordbereitschaftsdienst gehören als ständige Vertreter an: a) der Leiter der Kriminalpolizei, b) der Leiter des Erkennungsdienstes mit Beamten, c) zwei Photographen, d) der Gerichtsarzt, e) der Polizeichemiker, f) der Vertreter der Staatsanwaltschaft. Dazu treten jeweils zur Bearbeitung der eigentlichen Kapitalsache g) zwei Kriminalkommissare, h) ein Kriminaloberwachtmeister (oder Bezirksoberwachtmeister), i) drei Kriminalwachtmeister, k) zwölf Beamte des Fahndungsdienstes (einschl. zwei Führern), von denen sich sechs an den Tatort und sechs zum nächsten Polizeirevier zu begeben haben, l) außerdem ein Beamter des Dauerdienstes mit der Utensilientasche und Lampe. Außer diesen Beamten werden bei Mordalarm noch die Vertreter der Presse durch das Wolff’sche Telegraphenbüro […] sowie der Polizeiberichterstatter Steinberg […] benachrichtigt.“

Darüber hinaus wurde festgelegt, wie der Tatort abzusichern war und wie sich die Beamten zu verhalten hatten. Demnach war „das Ablegen des Überziehers und sonstiger Gegenstände wie Hüte, Stöcke, Aktenmappen am Tatort selbst“ strengstens untersagt. Das Ablegen dieser Gegenstände hatte an einem besonderen Ort, notfalls unter Bewachung eines Beamten zu erfolgen.
Die polizeilichen Ermittlungen stießen auch noch an andere Grenzen: So waren – als ein Beispiel von vielen – Giftmorde zu einer regelrechten Modeerscheinung geworden, denn der Umgang mit Giftstoffen jeglicher Art wurde erschreckend sorglos gehandhabt. Buchstäblich jeder konnte problemlos starke Betäubungsmittel und tödliche Chemikalien, sogar arsen-, strychnin- und zyankalihaltige Schädlingsbekämpfungsmittel, in Drogerien erwerben. Andererseits war die Gerichtsmedizin noch nicht in der Lage, jeden Giftmord zweifelsfrei nachzuweisen. Auch Schusswaffen konnte man für relativ wenig Geld kaufen, sogar in Warenhäusern.
Eine „gute alte Zeit“, in der selbst in dunkler Nacht noch jedermann einsame Straßen durchstreifen konnte, ohne Gefahr zu laufen, überfallen zu werden, gab es nicht. Die vielgepriesenen idyllischen gesellschaftlichen Verhältnisse der Kaiserzeit, als lediglich kleine Gauner und Betrüger, respektive Hochstapler und Heiratsschwindler ihr Unwesen trieben, existieren allenfalls in den Köpfen nimmermüder Nostalgiker. Wenn auch die Kriminalität vor dem Ersten Weltkrieg nicht jene Dimensionen erreichte, die sie in den Zwanzigerjahren erlangen sollte, so unterschieden sich doch die Probleme, die die Kriminalpolizei zu bewältigen hatte, nur wenig von denen späterer Zeiten.
Vornehmlich war es die ständig wachsende Kinder- und Jugendkriminalität, die der Polizei ernsthafte Sorgen bereitete – eine Entwicklung, die hauptsächlich Großstädte und Industrieregionen betraf. Selbst erfahrene und hartgesottene Kriminalisten waren bisweilen über die Abgebrühtheit verblüfft, mit der Minderjährige Diebstähle und Einbrüche verübten.
Zu den Eigentumsdelikten kam die wachsende Zahl der von Kindern und Jugendlichen begangenen Rohheitsdelikte: Raubmorde, schwere Brandstiftungen und Anschläge auf Eisenbahnstrecken gingen immer häufiger auf ihr Konto. Eifrige Pädagogen meinten, die Hauptursache für die fortschreitende Verrohung der Jugend im sich rasch wandelnden Freizeitverhalten ausmachen zu können: in der Lektüre billiger Detektiv- und Abenteuerromane, die es in jeder Bahnhofsbuchhandlung in großer Auswahl für wenige Groschen zu kaufen gab, und mehr noch in dem neuen Medium Film, das gerade die Jugend wie ein Magnet anzog.
Immer wieder waren in zeitgenössischen Publikationen Berichte über den moralischen Verfall der „Kino-Kinder“ zu lesen, die einen beachtlichen Teil ihrer Freizeit in den wie Pilze aus dem Boden schießenden Lichtspielhäusern zubrachten. Die „Kinematographie“ galt als die jugendgefährdende Einrichtung schlechthin und wurde von ihren Kritikern als „Volksgefahr“ und Hauptursache für den allgemeinen Sittenverfall verteufelt.
War die Kriminalität seit der Jahrhundertwende wirklich so dramatisch angestiegen? Mangels verlässlicher Statistiken kann darüber nur spekuliert werden. Sicher ist jedoch, dass die Presse inzwischen auch in Deutschland die Publikumswirksamkeit von Sensationsmeldungen erkannt hatte. Die Leser verschlangen förmlich ausführliche Berichte über Verbrechen, beson-

ders über Mordtaten. Schon um die Jahrhundertwende erschienen die ersten sogenannten „Kriminalzeitschriften“, die ausschließlich über Kriminalfälle berichteten. Dabei waren Zweifel an der Authentizität der in diesen Publikationen geschilderten Fälle durchaus angebracht: Hier wurde bisweilen kräftig geflunkert und so mancher „spektakuläre Kriminalfall“ der vermeintlichen Sensation halber kurzerhand erfunden.
Gennats beruflicher Werdegang vollzog sich in einer Periode des sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Umbruchs. Die Folgen der fortschreitenden Industrialisierung stellten alle bis dahin gültigen Werte infrage. Ende des 19. Jahrhunderts war Berlin auf dem Weg zur Weltstadt. Der als Gründerkrach bekannte Einbruch der Finanzmärkte von 1873 und die anschließende Depression waren überwunden. Von 1849 bis 1871 hatte sich die Einwohnerzahl auf 826 000 verdoppelt, bis 1877 war sie auf eine Million und bis 1900 auf rund 2,7 Millionen angewachsen. Aus der verträumten Residenz war eine der modernsten Metropolen Europas geworden. Ab Oktober 1891 verbrachte der amerikanische Schriftsteller Mark Twain einige Monate in Berlin und schrieb: „Die Hauptmasse der Stadt macht den Eindruck, als sei sie erst vorige Woche erbaut worden, der Rest sieht aus, als wäre er sechs, vielleicht sogar acht Monate alt.“ In den Jahren 1895 bis 1913 boomte die Industrie, und in den Vororten entstanden immer neue Fabriken. Zuwanderer aus den nord- und ostdeutschen Provinzen strömten massenhaft in die Stadt und hofften, in den ständig expandierenden Industriebetrieben Arbeit zu finden. Diese Massenzuwanderung stellte die Stadt vor ungeheure Probleme.
Das Berlin von 1905 glich kaum noch dem der Jahrhundertwende, und schon 1910 hatte sich das Stadtbild erneut gewandelt. Besonders im Tiergartenviertel und im sogenannten Neuen Westen entstanden breite Straßen und Alleen, hochherrschaftliche Villen sowie Wohnhäuser mit prunkvollen
Blick in die Flucht der Hinterhöfe der berüchtigten Mietskaserne „Meyers Hof“ in der Ackerstraße im Wedding
Mit Plakaten ruft die Polizei die Bevölkerung zur Mitarbeit auf.
Fassaden und prächtigen, marmorverkleideten Treppenhäusern. Die komfortablen Wohnungen verfügten über allen nur erdenklichen Luxus, über elektrisches Licht und Zentralheizung. Hier etablierte sich eine neue Berliner Gesellschaft: die Neureichen, die millionenschweren Spekulanten, die den Bau der elenden Arbeiterviertel zu verantworten hatten.
Denn die ausufernde Bodenspekulation führte besonders in den nördlichen und östlichen Randgebieten der Stadt zu einer in Europa einzigartigen städtebaulichen Verdichtung. Um die schmalen, aber tiefen Grundstücke möglichst profitabel nutzen zu können, entstanden die berüchtigten Mietskasernen, die verrufenen „Schwindsuchthöhlen“ mit ihren Seitenflügeln, Quergebäuden und engen Höfen, deren Mau erwerk im Hochsommer unerträgliche Hitze ausströmte, im Winter hingegen die bittere Kälte speicherte. Erst die neue Bauordnung von 1925 führte eine hintere Baufluchtlinie ein, womit man dem Bauen in die Tiefe endlich Einhalt gebot.
Doch bis dahin waren längst gigantische Miets kasernenviertel aus dem Boden gestampft worden, die sich vom Schlesischen über den Stettiner Bahnhof bis weit nach Moabit und in den Wedding ausdehnten. In den Quergebäuden und Seitenflügeln bestanden diese licht- und luftlosen Wohnungen meist nur aus Stube und Küche. Die Toilette befand sich in der Regel zwischen zwei Etagen und wurde von allen Mietparteien des darüber und darunter liegenden Treppenabsatzes benutzt. Im schlimmsten Falle gab es für alle Mieter nur ein Plumpsklo auf dem Hof. In der Gegend um den Schlesischen Bahnhof waren viele Mietskasernen nicht einmal an die Kanalisation angeschlossen. Abends spendeten nur Petroleumlampen ein trübes Licht, Gasbeleuchtung galt hier noch als Luxus.


Oft hauste eine aus sechs oder mehr Personen bestehende Familie in solch einer Wohnung. Die wenigen Quadratmeter teilte sie dann noch mit Untermietern sowie Schlafburschen und Logiermädchen, jenen ungeliebten „Mitbewohnern“, denen man kein Zimmer, sondern nur eine „Schlafstelle“ für ein oder zwei Mark Miete in der Woche zur Verfügung stellte.
Das Zusammenleben zahlreicher Kinder und Erwachsener auf derart beengtem Raum hatte zum Teil verheerende Auswirkungen. Besonders die Schlafburschen, deren Geld so manche Familie dringend benötigte, waren nicht immer ehrliche und rechtschaffene Leute und vergingen sich nicht sel-
Ernst Gennat und die Kriminalpolizei im Kaiserreich


ten an den Kindern ihrer Wirtsleute. Anzeige zu erstatten wagte kaum jemand –sei es aus Angst vor Racheakten oder aus Sorge um finanzielle Einbußen, die der Hinauswurf des Schlafgängers zwangsläufig zur Folge gehabt hätte.
Tagtäglich spielten sich in diesem sozialen Umfeld unglaubliche Familientragödien ab, ausgelöst durch Gewalttätigkeit und Alkoholmissbrauch. Leidtragende waren stets Frauen und Kinder. Doch derartige Vorfälle blieben nicht ausschließlich auf die verrufenen Mietskasernenviertel beschränkt. Um sich und ihre Kinder vor ihrem gewalttätigen und ständig alkoholisierten Ehemann zu retten, hatte 1913 in Berlin-Steglitz eine Portiersfrau ihre fünf Kinder im Alter zwischen einem Monat und fünf Jahren nacheinander in der Badewanne ertränkt und anschließend versucht, sich auf die gleiche Weise das Leben zu nehmen.
Dieser Fall hatte zwar in der Öffentlichkeit eine lebhafte Diskussion darüber ausgelöst, wie eine Familie vor einem trunksüchtigen Vater zu schützen sei, eine Lösung des Problems brachte sie indes nicht.
Die widrigen Lebensverhältnisse in den heruntergekommenen Arbeiterbezirken ließen nicht nur soziale Unruheherde entstehen, die jeden Augenblick zu explodieren drohten, sondern bildeten auch den Nährboden für die ständig wachsende Kriminalität.
Die roten Fahndungsplakate gehörten zum Alltag, und die Berliner studierten sie eifrig. Diese sogenannten Mordplakate mit schwarzer Frakturschrift und weißer Umrandung ließ das Polizeipräsidium nach jedem Kapitalverbrechen an die Litfaßsäulen kleben, um so die Bevölkerung zur Mitarbeit an der Aufklärung aufzurufen.
Doch Kriminalfälle, ganz gleich, ob sie aus der Kaiserzeit, der Weimarer Republik oder aus den ersten Jahren des Nationalsozialismus herrühren, sind im Rückblick weitaus mehr als reine Sensationsgeschichten, denn sie spiegeln die Sozialgeschichte der Stadt in eindrucksvoller Weise wider. Namentlich die detaillierten Tatortberichte, die die Wohnverhältnisse bis ins kleinste Detail schildern, sowie die Tatortfotos – nicht etwa die grausigen Bilder verstümmelter Leichen, sondern die Fotografien der Wohnungen –bieten einen einzigartigen Einblick in die Lebensbedingungen der ärmeren Bevölkerungsschichten.
Vorder- und Rückseite einer Berliner Lebensmittelkarte von 1920
Mit welchen Fällen Ernst Gennat in seinen Anfangsjahren bei der Kriminalpolizei betraut war, ist nicht überliefert. Aus dem noch vorhandenen Aktenbestand gehen die Namen der Ermittler nicht immer hervor. Man darf aber spekulieren, dass er in den ersten Jahren nicht nur bei Tötungsdelikten ermittelte, sondern bei Verbrechen aller Art. Ob Morde, Raubüberfälle, Einbrüche, Diebstähle, Sexualdelikte oder Betrügereien, der junge Ernst Gennat sammelte auf allen Gebieten der Kriminalität Erfahrungen. Diese Kenntnisse verschärften aber auch seine Zweifel an der Effektivität der Polizeiarbeit in der bestehenden Form. So empörte er sich etwa 1906 über das dilettantische Vorgehen seiner Kollegen bei der Suche nach dem Raubmörder und Ausbrecherkönig Karl Rudolf Hennig, der vor den Augen der Beamten flüchtete und zunächst unauffindbar blieb. Wochenlang beherrschte dieser für die Kriminalpolizei äußerst peinliche Fall die Schlagzeilen und bot den Witzblät tern reichlich Stoff.
Viele Verbrechen folgten einem ähnlichen Muster. Immer wieder wurden Inhaber kleiner Geschäfte Opfer von Raubüberfällen oder gar Raubmorden. Einen besonders gefährdeten Personenkreis bildeten alleinstehende Frauen fortgeschrittenen Alters, in aller Regel Ladeninhaberinnen oder Zimmervermieterinnen. Darüber hinaus häuften sich Überfälle auf Geldboten. Hinzu kamen zahlreiche Vergewaltigungen und Lustmorde. Die Opfer waren in erster Linie unbedarfte Mädchen aus der Provinz, die in der Großstadt das große Glück suchten. Berlin galt zudem als Hochburg des Mädchenhandels. Unter großen Versprechungen wurden Mädchen nach Südamerika geschickt, wo sie nicht als Hausdamen in den luxuriösen Villen reicher Gutsbesitzer landeten, sondern allenfalls in billigen Bordellen.

Immer wieder wurde Gennat mit Leichen oder Leichenteilen konfrontiert, die man aus der Spree, dem Landwehr- oder einem anderen Kanal gefischt hatte. Nicht immer waren es Mordopfer, denn nicht selten geschah es, dass der Körper eines Selbstmörders in eine Schiffsschraube geriet. Mord oder Selbstmord? Eine Frage, die, wenn überhaupt, nur die Gerichtsmedizin beantworten konnte.