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Im Schatten unserer Birken (Leseprobe)

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Oliver Ohmann Im Schatten unserer Birken

200 Jahre Berliner Familiengeschichte

BeBra Verlag

Inhalt

7 WasbleibtinderFamilie?

11 Ankunft

Von Johann Peter, der ein Eifeldorf verlässt, nach Charlottenburg wandert und unseren Bürgereid schwört

23 Alltag

Von der guten Stiefmutter Marie, die alles für die Bildung ihrer Kinder tut und am Ende drei Kreuze macht

37 Beruf

Vom Schneidermeister Anton aus Alt-Berlin, der viele Leben lebt, bis zum Happy End in der Grünen Neune

53 Gründung

Von Adolph und Wilhelm, den verschollenen Söhnen, die Herzen brechen und Kanonen bauen

67 Amerika

Von denen, die in die Neue Welt ziehen und manchmal sogar ein überraschendes Comeback hinlegen

85 Reich

Von Amia und Emilie und einer duftenden Keksfabrik in Rixdorf, die ganz ohne Musike zum Liebesnest wird

95 Krieg

Von Landsturmmann Willi, der in Schützengräben mit Lutschbonbons handelt und für geistig beschränkt erklärt wird

109 Revolution

Von Klara, die im Petersburger Salon geboren wird und mit Hopse im Hinterhof zur Berlinerin wird

121 Tanz

Von der schönen Elsa, die Kurt verzaubert, der sich daraufhin ein Leben lang für sie zum Affen macht

131 Haltung

Von Willi, der sich mit der Diktatur arrangiert, sich aber nicht mit den Eskapaden seiner Tochter abfinden kann

145 Höllen

Von Bruno, der Hitler einen Lumpen nennt, und von Erwin, der ohne es zu wollen, in die Waffen-SS gerät

163 Wunder

Von Christa und Joachim, deren Jugendliebe mit einem grünen Fahrrad und einer Ohrfeige beginnt

177 Grenzen

Von den Mühen, die es eine Familie kostet, sich in den Mauerjahren nicht aus den Augen zu verlieren

189 Sehnsucht

Von der wilden Gerda, für die Gilberto die bedrückende Last des Heimwehs auf sich nimmt

199 Heimat

Von einem kleinen Garten, in dem Familie und Freunde zusammenkommen und so richtig aufblühen

208 SummasummarumundDank

210 Anmerkungen

Bild S. 2: Urgroßvater Willi Ohmann, Charlottenburg 1892

Der Autor im Kleingarten in Charlottenburg-Nord, Sommer 1972

»Kennst du Berlin schon?«

»Nein.«

»Na, da wirst du aber staunen.«

(Erich Kästner: »Emil und die Detektive«, 1929)

Was bleibt in der Familie?

Die Tür quietscht. Mein Vater kramt mal wieder im alten Schrank. ErnimmteinenOrdnerherausundverteiltdenInhaltaufdemEsszimmertisch. Meine Mutter setzt sich dazu, überschaut die ausgebreiteten Papiere und Fotografien und lächelt mir zu. »Eigentlich solltest du ja Willi heißen«, sagt sie. Willi, wieso Willi? So heißt doch der tollpatschige Freund der Biene Maja im Fernsehen. Ich wurde gerade eingeschult und bin sehr froh, dass ich nicht so heiße. Berliner Kinder können grausam sein und »Oh, Mann« sorgt für Ärger genug. Papa nimmt ein Foto vom Tisch. Es zeigt einen Mann, der freundlich aussieht. Er ist etwa so alt wie mein Vater und spaziert an einem Wagen voller Bücher vorbei. »Das ist Willi Ohmann, mein Opa und dein Uropa«, erklärt er. »Seinen Namen solltest du bekommen.« – »Konnte ich aber erfolgreich verhindern«, ruft Mama und lacht. Später erfahre ich noch, dass mir der Willi auch deshalb erspart blieb, weil der Urgroßvater bei meiner Geburt 1969 schon ein paar Jahre tot war. Zum Modenamen Oliver gesellte sich bei meiner Taufe dann Joachim, womöglich als Trost für meinen Vater. Meine Schwester Mailin hatte weniger Glück. Als sie 1962 geboren wurde, lebte die Urgroßmutter noch, und so bekam sie als dritten Vornamen Hedwig mit auf die Lebensreise. Kinder müssen tapfer sein, namentlich wenn es um Familientradition geht.

Der quietschende Schrank, ein Erbstück von Willi, öffnete sich oft in meiner Kindheit. Die Sammlung der Familiendokumente wuchs durch Todesfälle und Erbschaften. Dazu hörte ich bei vielen Gelegenheiten allerlei Geschichten, die Verwandte und

Was bleibt in der Familie? 7

Bekannte zum Besten gaben. Später lehrte mich meine Mutter, wie man alte Druck- und Handschriften entziffert. Wenn wir ratlos vor einem Foto im Album saßen, konnten spätestens meine Großmütter Klara und Feodora die Personen identifizieren und von ihnen erzählen. Ganz ohne Aufregung wurde die Erinnerung in der Familie aus Berlin lebendig gehalten.

Die ältesten Dokumente aus dem Schrank stammen aus dem frühen 19. Jahrhundert. Vor 200 Jahren kamen erste Vorfahren in die preußische Hauptstadt und umliegende Residenzen. Sie erlebten alle Kriege, Friedensschlüsse und Revolutionen seit Napoleon, waren Zeitgenossen aller Zeitalter und Zeitenwenden. Acht Generationen bis heute, Berlinerinnen und Berliner vom Vormärz bis zur »Gen Alpha«. Seit der Arbeit am Kaiserdamm-Buch erzählte ich meinem Verleger bisweilen aus der Familiengeschichte.

Dr. Dirk Palm war es schließlich auch, der mir dringend empfahl, den Inhalt des quietschenden Schrankes genauer zu erforschen. Wir haben keine prominenten Namen oder Gestalter der Geschichte zu bieten, gab ich zu bedenken. Im Gegenteil, das Schicksal jedes Einzelnen war geknüpft an das Schicksal Berlins. »Aber Ihre Familie steht für 200 Jahre Berliner Geschichte«, betonte der Verleger und ermutigte den Autor.

So begann meine private Forschungsreise als Reportage in eigener Sache. Dabei musste ich lernen, dass es für eine wahrhaftige Annäherung an die eigene Familienhistorie auch Mut braucht. Wer jemals ein Antwortschreiben der »Wehrmachtsauskunftstelle« in seiner Post fand, der weiß, wovon die Rede ist. Einige Geschichten aus dem Familienkreis erwiesen sich bei näherer Betrachtung als fromme Legende. Was gern und oft behauptet wird – im Guten wie im Schlechten –, muss nicht stimmen. In manchen Papieren fand ich Schilderungen von bedeutenden historischen Ereignissen. Nebensächliches und Flüchtiges hatte für mich jedoch denselben Reiz. Beim Nachforschen und Schreiben dachte ich oft: »Haben wir das wirklich alles erlebt?« – »Ja, haben wir.«

Die Eigenheiten der Urheber wurden bei Zitaten stets beibehalten, und die Erzählung folgt weitgehend der Chronologie. Einzelne Vorfahren erscheinen darin beispielhaft zum Thema der

Was bleibt in der Familie?

Kapitel. So allgemeingültig wie möglich und so intim wie nötig. Die Stadtnovellen aus 200 Jahren wollen etwas »Zeitbildliches« vorstellen. Dieses Fontane-Wort steht am Anfang seiner Kindheitserinnerungen, denen er den Untertitel »autobiografischer Roman« gab. Eine Vorsichtsmaßnahme, denn er wollte nicht »von einzelnen aus jener Zeit vielleicht noch Lebenden auf die Echtheitsfrage hin interpelliert werden«. Um dieser Erklärungsnot aus dem Weg zu gehen, schloss Fontane sein Vorwort mit: »Für etwaige Zweifler also sei es ein Roman!«

Womöglich wollte ich bei alledem auch etwas mehr über mich selbst erfahren. Man weiß ja nie, wie viel Willi am Ende doch in einem steckt, nicht wahr? Und schließlich wollte ich die Geschichte und Geschichten einer Berliner Familie für kommende Generationen überliefern. Lebhaft und anschaulich, nicht in Form lebloser Stammbuchdaten. Meine Tochter half dabei mit, was mich stolz und glücklich machte, und so ist mir um die Zukunft gar nicht bange. Auch in Elisas Ohren klingt die quietschende Tür, denn der alte Schrank steht heute in unserem Wohnzimmer. Die Fülle der Familiendokumente ist allerdings nicht mehr darin. Im Schrank bewahren wir unsere Beatles-Platten. Wenn die Tür quietscht, hört man wenig später vielleicht: »There are places I remember …«

Für Susanne – und die drei Christas

1829 kam Johann Peter Ohmann nach Charlottenburg. Um sich als Schuhmacher niederzulassen, musste er diesen Bürgerbrief erwerben.

Ankunft

Von Johann Peter, der ein Eifeldorf verlässt, nach Charlottenburg wandert und unseren Bürgereid schwört

Berlin-Geschichten beginnen fast nie in Berlin. Ich muss für den Anfang in die Vulkaneifel. Vor 9000 Jahren war hier die Hölle los. Hunderte Vulkane spuckten glühende Lava und bildeten eine ungewöhnliche Landschaft. Heute ist es beschaulicher. Im Mai 2025 stehe ich vor der Kirche von Kirchweiler. Rund um St. Peter das hübsche Dorf, darüber schöne Aussicht. Im Süden der Sendemast des Südwestrundfunks auf dem Scharteberg, das höchste Bauwerk von Rheinland-Pfalz, doppelt so hoch wie der Funkturm. An der Pfarrkirche gepflegte Gräber, nicht weit davon das Bürgerhaus, ein Briefkasten und der in Eifeldörfern obligatorische Zigarettenautomat. Die Gärten sind hübsch und tipptopp gepflegt, genau wie der Rasen auf dem Sportplatz des FC Kirchweiler. Eine Schautafel der Gemeinde gibt es noch, gleich bei der Bushaltestelle. Verbindung alle zwei Stunden, nach Daun und Gerolstein. Was es nicht gibt: Bahnhof, Hotel, Kneipe, Bäcker, Schule, Tankstelle und so weiter. In die 450-Seelengemeinde kommt kein Mensch zufällig. Ich fuhr 700 Kilometer quer durch die Republik, um weit in der Zeit zu reisen. Zu einer Spurensuche meines »Urberliners«. Irgendwo hier in Kirchweiler wurde Johann Peter Ohmann geboren, der vor 200 Jahren aus der Eifel über Rhein und Elbe nach Berlin wanderte.

Kirchweiler gehörte seit seiner mittelalterlichen Gründung (»Schön seit 1201«) sechs Jahrhunderte zum Erzstift Trier. Nach der Franzosenzeit wurde das Dorf durch den Wiener Kongress 1815 preußisch. Man ließ eine neue Kirche bauen und die Einwohner zählen. Es waren 280. Den Ortsnamen begleitete »bei Trier«, obwohl die antike Römerstadt mehr als 80 Kilometer entfernt ist. Der Hinweis war nicht örtlich zu verstehen, sondern verwies auf das Bistum. In Kirchweiler lebten ausschließlich Bauernfamilien;

sie bewirtschafteten seit Generationen die umliegenden Felder. Soweit die Onlinerecherche, eher unbefriedigend.

Ich bitte Bürgermeister Rainer Berlingen um »Amtshilfe« in Sachen Lokalhistorie. Er verweist mich postwendend an seinen Amtsvorgänger Erwin Görgen, der sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte von Kirchweiler beschäftigt. Wir telefonieren, und ich melde mich mit meinem Namen. »Es heißt nicht Ohmann, sondern Oehmen.« Bereits der erste Satz des Ortschronisten sitzt. Wer hätte geglaubt, dass ich gar nicht so heiße, wie ich immer dachte? Die gute Nachricht: »Die Oehmens sind eine alte Traditionsfamilie in Kirchweiler. Meine Großmutter war auch eine Oehmen«, sagt Görgen. Grund genug, dass er mir wenige EMails später das »Du« anbietet, schließlich sind wir ja über zig Ecken verwandt. Man müsste allerdings für den gemeinsamen Vorfahren etwa bis ins Jahr 1500 zurück, erklärt er. Damals waren die Dörfer nach einer Pestepidemie fast menschenleer. Die Oehmens gehörten zu den Neusiedlern, verteilten ihre Sippe jedoch auf die Dörfer Kirchweiler, Hinterweiler und Berlingen. »Meine Großmutter stammt von den Oehmens aus Berlingen, du gehörst zu den Kirchweiler Oehmens.«

Mein neuer Cousin ist 85 Jahre alt, ein Urgestein des Ortes. Gemeinsam erkunden wir die Heimat unserer Vorfahren. Kirchweiler ist ein typisches Eifeldorf. Die Höfe waren kleine Gebäude, an die sich direkt die Stallungen anschlossen. Im Dorf wird der Dialekt gesprochen, den auch mein Vorfahre sprach: Moselfränkisch. Der Klang erinnert an die niederrheinische Mundart von Professor Bömmel aus der »Feuerzangenbowle« (»Wo simmer denn dran?«), und darum mag ich ihn. Erwin sagt: »Nur zu Hause muss ich Hochdeutsch reden, meine Frau stammt nicht von hier.« Sie heißt Renate, kommt aus Frankfurt, und mit ihr bin ich vor der zweiten Tasse Kaffee per Du. »Wir sind hier unkompliziert«, sagt sie, und wenig später gibt es Schnittchen. Dann breitet Erwin seine Akten aus. Er hat die Orts- und Familiengeschichten dokumentiert, alle greifbaren Kirchenbücher mit Unterstützung weiterer Heimatforscher ausgewertet. »Es gab früher mehrere Oehmen-Höfe im Ort, ihre Felder lagen um das Dorf

verteilt«, berichtet er und zeigt mir Flurpläne von 1822, in denen sie eingezeichnet sind. Seit 1702 ist die Familie urkundlich fassbar, etwa durch Zahlung von Ehegulden und Pflugsteuer, was in Steuerlisten vermerkt wurde. In der Gegend waren sie – wie gehört – bereits seit dem späten Mittelalter. Johann Peters Vater hieß Matthias, genau wie dessen Vater. Beruf: Ackersmann. Ein Onkel wurde Nachtwächter, verraten die Aufzeichnungen. »Wichtiger Beruf im Dorf, schon allein wegen des Brandschutzes, eine Vertrauensstellung«, betont Erwin. Aus seinen Unterlagen erfährt man sogar die jährliche Nachtwächterbesoldung im Jahr 1869: 18 Scheffel Roggen.

Mit Erwin und dem Bürgermeister spaziere ich zu dem Hof, den mein Vorfahre vor 200 Jahren verließ. Man findet ihn dort, wo die Hauptstraße den Kirchweilerbach trifft. Die Einheimischen nennen es »Auf der Betz«. Die Hofgebäude wurden inzwischen umgebaut, aber eine Scheune ist noch erkennbar. Erwin erzählt mir, dass vor zwei Jahrzehnten eine ganze Oehmen-Sippe aus den USA nach Kirchweiler einflog, um den Hof zu besuchen. Sie hießen allerdings nicht mehr Oehmen und auch nicht

Reste des ehemaligen Oehmen-Hofes in Kirchweiler stehen heute noch.

Ohmann, sondern Ehman. Der Familienname hat eine mögliche Bedeutung »Mann von der Aue«, viel wahrscheinlicher ist jedoch die Ableitung von »Ohm« bzw. »Oheim«, dem Mutterbruder. Die Aussprache in Kirchweiler lautet tatsächlich »Ömen«. Im norddeutschen Sprachraum fungiert das e hinter dem o jedoch als Dehnungsvokal (wie in Soest oder Itzehoe). So wurde der gesprochene »Umlaut-Oehmen« vom Niederrhein im nördlicheren Berlin zum »O-Vokal-Ohmann«. Nomen est ömen!

Mein Urberliner Johann Peter kam kurz nach dem Weihnachtsfest 1798 zur Welt. Geburtstag war der 27. Dezember, Jahrestag des Evangelisten Johannes. Zwei Tage später die Taufe in St. Peter, natürlich katholisch. Der Vorname seiner Mutter fehlt in amtlichen Beurkundungen. Er wurde von Amtswegen nicht abgefragt. Kirchenbücher ignorierten die Frauen dagegen nicht und überlieferten: Veronika. Mit sechs Jahren begann die Volksschule, die es im Ort erst seit 1790 gab. Ein Lehrer unterrichtete in einem niedrigen Schulgebäude bis zu 80 Kinder. Auf dem Lehrplan: Schreiben, Lesen, ein wenig Rechnen und viel Beten. Die Schulpflicht betrug acht Jahre, doch nur etwa die Hälfte aller Kinder besuchte regelmäßig den Unterricht. Viele Familien konnten das Schulgeld nicht aufbringen (nicht einmal in Naturalien), und auf dem Land benötigte man die Arbeitskraft der Kinder auf dem Feld. Daher fand Unterricht im Sommer oft nur ein oder zwei Tage pro Woche statt, im Winter dafür täglich. Nach der Schule ließ der Vater den 14-jährigen Sohn ein Handwerk erlernen. Erwin deutet vom Oehmen-Hof quer über die Hauptstraße: »Dort drüben war die Werkstatt von Schuhmacher Backes, seinem Lehrmeister.« Nach bestandener Gesellenprüfung ging Johann Peter auf Wanderschaft. Drei Jahre und einen Tag, um sein Fachwissen zu erweitern und Lebenserfahrung aller Art zu sammeln. Mit 21 Jahren musste er zum Militär, wie Dokumente mitteilen. Die dreijährige Dienstzeit begann am 1. November 1819 beim 29. Infanterieregiment. Nach dem aktiven folgte ein passiver Militärdienst, ab 1824 im ersten und seit 1830 im zweiten Aufgebot. Erst mit 40 Jahren sollte er aus der Liste der Infanterie der 12. Compagnie gänzlich entlassen werden. Dem Entlassungs-

schreiben von 1839 verdanken wir den Hinweis auf seine sympathische Verwendung. Er diente als Tambour, war also derjenige, der beim Marschieren die große Trommel schlug.

Drei Jahre Lehre, drei Jahre Wanderung, drei Jahre preußische Armee. Dem folgte eine Zeitspanne Berufspraxis. Diese »Mutjahre« waren Voraussetzung, um Meister seiner Zunft zu werden. Tatsächlich erst im 30. Lebensjahr musste sich Johann Peter die konkrete Frage nach seiner Zukunft stellen. Sie betraf weniger den Beruf als vielmehr den Ort, wo er arbeiten und eine Familie gründen würde. Für ein Leben in Kirchweiler stand die Sache recht schlecht. Drei große Brüder ließen ein Hoferbe aussichtslos erscheinen. Jakob, Heinrich und Simon hatten ältere Rechte. Die Felder in der Gegend, allesamt karge Lehmböden, gaben nicht viel her. Im Winter gingen die Männer noch im Wald arbeiten, manche auch in Steinbrüchen. »Dort wurden Mühlsteine abgebaut«, erzählt Erwin beim gemeinsamen Erkunden des Berges. Es war ein hartes Leben, und jede Hofstelle ernährte nur eine kinderreiche Familie. Der Entschluss des noch unverheirateten vierten Sohnes, das Heimatdorf zu verlassen, war daher naheliegend und alles andere als ungewöhnlich. Doch wohin und wie weit?

Die Ortschronik von Kirchweiler verzeichnet für das 19. Jahrhundert eine ungewöhnlich große Auswanderung nach Amerika. Allein zwischen 1840 und 1880 schifften sich rund 170 Einwohner Richtung Vereinigte Staaten ein, fast das halbe Dorf, und darunter viele Oehmens. Es war zumeist existenzielle Not, die Einzelne oder ganze Familien in die Neue Welt trieb. Witterungsbedingte Missernten führten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu Hungersnöten und Teuerungen in ganz Europa. Besonders katastrophale Hungerjahre erlitten die Menschen 1816/17 und 1846/47. Ob der Schuhmachergeselle in Kirchweiler Hunger litt, um das Hoferbe stritt oder noch andere Gründe für seine Abreise vorlagen, ist unbekannt. Amerika kam offenbar nicht infrage, aber ein größerer Ort sollte es sein. Stadtluft machte nicht nur frei (»nach Jahr und Tag«), sondern auch satt. Das Dorf benötigt nur einen Schuhmacher, eine Stadt dagegen viele. Köln gehörte wie Kirchweiler seit 1815 zu Preußen und wäre mit seinen

60 000 Einwohnern infrage gekommen. Seine Brüder Jakob und Simon ließen sich tatsächlich dort nieder. Doch Johann Peter zog es nach Osten und in die unmittelbare Nähe der preußischen Hauptstadt. War er auf der Walz schon einmal dort? Hatten andere Wanderburschen über diese Stadt erzählt? Wie dem auch sei, mein Urururgroßvater packte im Alter von 30 Jahren seine sieben Sachen und ging nach Berlin. »Sieben Sachen« ist dabei wörtlich zu verstehen und »gehen« auch.

Was hatte er im Gepäck? Keine Bilder seiner Familie. Die Fotografie, eben erst erfunden, war im ländlichen Raum noch nicht angekommen, und romantische Miniaturportraits besaßen Adelshäuser, nicht aber Bauernfamilien. Im Bündel waren ein paar Wäschestücke, Seife und Rasiermesser, Proviant und Geld, Schuhmacherwerkzeug, Feder und Tinte, vielleicht ein Gebetbuch. Dazu kamen Taufschein, Gesellenbrief, Empfehlungsschreiben und ein Reisepass. Leider ist dieses Passdokument nicht erhalten. Es bestand aus einem Bogen Papier, darauf vermerkt eine Beschreibung der Gestalt des Inhabers, das Datum der Abreise und der Zielort, welcher innerhalb eines Jahres erreicht werden musste, denn nur so lange war der Reisepass gültig. Das Königreich Preußen bildete damals kein zusammenhängendes Staatsgebiet. Der Umsiedler musste einige Grenzen passieren, Königtümer und Kleinstaaten wie Nassau, Kurhessen, Sachsen und Anhalt durchqueren, um von der Rheinprovinz in die Mark Brandenburg zu gelangen. Wie lange er brauchte? Womöglich blieb er an dem einen oder anderen Ort länger und verdingte sich als Geselle. Seit der Antike rechnete man mit etwa 30 Kilometern für eine Tagesreise zu Fuß. Selbst wenn er stramm durchmarschiert wäre, hätte Johann Peter für die 86 preußischen Meilen (à 7,5 Kilometer) mehr als 20 Tage gebraucht. Vielleicht war er einen Monat unterwegs, vielleicht ein Jahr.

1829 landet er in Charlottenburg und damit unmittelbar vor den Toren Berlins, wo 250 000 Einwohner leben. Begleiten wir ihn bei seiner Ankunft. Die königliche Residenzstadt Charlottenburg bevölkern etwa 6000 Bürger (männlich und weiblich) und 150 Soldaten (nur männlich). Das Dörfchen Lützow war 1695

durch die Anlage eines Lustschlosses für Sophie Charlotte geadelt worden und machte Vorortkarriere. Nach dem frühen Tod der bemerkenswerten Königin taufte man Ort und Schloss »Charlottenburg« und verlieh 1705 das Stadtrecht. Friedrich Wilhelm II. und sein Sohn Friedrich Wilhelm III. schätzten und förderten die junge Stadt, die wie Berlin von 1806 bis 1808 die Unannehmlichkeiten der Besatzung napoleonischer Truppen erlebte. Wer sich um 1830 umschaut, sieht das Schloss bereits mit Flügelanbauten und Orangerie. In der Schloßstraße stehen einige herrschaftliche Palais, bescheidenere Häuser gehören Hofhandwerkern. Daneben gibt es Pferdeställe und ein kleines Rathaus. Blickt man aus dieser Unterstadt Richtung Sonnenaufgang, fällt in der Oberstadt der kürzlich eingeweihte Turm der Luisenkirche ins Auge, ein Werk Schinkels. Drum herum niedrige Ackerbürgerhäuser und etwas höhere Bürgerhäuser aus dem 18. Jahrhundert, zum großen Teil mit Werkstätten im Hofbereich. Vor den Toren der Stadt gibt es einige Obstgärten, 1836 eröffnet auf dem Tiergartenfeld eine Töpferei. An der Berliner Straße, der heutigen Otto-Suhr-Allee, haben sich zahlreiche Gaststätten ausgebreitet. Charlottenburg etabliert sich mehr und mehr als sommerliches Ausflugsziel der Berliner; zur gutbürgerlichen Großstadt wird es erst Jahrzehnte später. Noch 1850 zählt die Stadt nur 10 000 Einwohner, 1893 werden es zehnmal mehr sein, 1900 dann 182 000!

Erkannte Johann Peter Oehmen das Potenzial dieses Ortes, der bis Ende des Jahrhunderts zur reichsten Stadt Preußens aufsteigen wird? Wohl kaum. Er hat andere Sorgen, muss sich zunächst eine Bleibe suchen und ein berufliches Auskommen. Benötigt wird eine Wohnung oder ein Haus mit mindestens zwei Räumen. Wie bei vielen Handwerkern bildeten bei Schuhmachern Wohnung und Werkstatt eine Einheit. In seiner Heimat (er nennt Kirchweiler »Vaterstadt«) kannte er die Bewohner jedes Hauses. Hier kennt er niemanden, und niemand kennt ihn. Alles ist neu, alles anders, bald sogar sein eigener Name. Das Kirchengeläut klingt heller, die Sprache der Menschen härter, und das Bier im Wirtshaus schmeckt sauer. Er beobachtet die Schuhe der Menschen. Kann seine Handwerkskunst hier bestehen? Ja, si-

cher, auch hier schlägt man das Leder über den Leisten. Daheim im Dorf trat man Neuankömmlingen, so selten es sie gab, mit gastfreundlicher Neugierde entgegen. In einer Stadt schwankt die Behandlung Fremden gegenüber von Skepsis über Ablehnung bis zu schierer Nichtbeachtung. Der Neuling aus der Provinz muss sich bekannt machen, und dieses Kunststück gelingt.

Nur wenige Monate vergehen, und Johann Peter Ohmann wird vom Charlottenburger Magistrat das Bürgerrecht verliehen. Er musste es sich nicht verdienen, sondern erkaufen. Ein »Bürgerbrief« war die Voraussetzung, sich als Handwerker in der Stadt niederzulassen. Gesetzliche Grundlage dafür war die Städteordnung von 1808, welche die städtische Selbstverwaltung regelte. Nur wer das Bürgerrecht einer Stadt erwirbt, erhält die vollen bürgerlichen Rechte. Theoretisch kann jeder unbescholtene Mensch davon Gebrauch machen, sogar ledige Frauen und Tagelöhner. Faktisch bleibt ein ständisches Element erhalten, denn vor der Verleihung des Bürgerrechts war eine nicht geringe Summe Geldes an den Magistrat zu entrichten. Die Stadt verlangt 10 Taler »Einzugsgeld« und 6 Taler »Bürgerrechtsgeld«, um der »Zuwanderung unbemittelter Arbeiter zu wehren«, wie der Charlottenburger Historiker Wilhelm Gundlach 1905 betonte. Schließlich knöpft man dem Neubürger bei Aushändigung des Bürgerbriefs eine Stempelgebühr von 15 Groschen ab. Noch einmal ein halber Taler. Dies bedeutete in der Praxis, dass Männer und Frauen der Unterschicht von wichtigen Bürgerrechten ausgeschlossen bleiben. Ohne Bürgerrecht kein aktives und passives Wahlrecht für die Stadtverordnetenversammlung, kein Recht, Grundbesitz oder Hauseigentum zu erwerben, was wiederum Voraussetzung war für den Erwerb eines Gewerbescheins. Letzterer war für unseren Schuhmacher die Grundvoraussetzung, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Die Verleihung des Charlottenburger Bürgerrechts war ein unspektakulärer Verwaltungsakt. Feierliche »Schwörtage« wie in anderenStädtengabesnicht.Der32-JährigefindetsichimJanuar1831 im Rathaus an der Schloßstraße ein. Stadtregiment und Verwaltung waren etwas in Schieflage geraten, genau wie der marode Rathaus-

turm. Die Dienstwohnung des Bürgermeisters hatte die Stadt seit einigen Jahren vermietet, und zwar an eine Schankwirtschaft. Also nicht durch die rechte Tür in die Kneipe, sondern nach links. Im baufälligen Rathaus schwört der Schuhmacher aus der Eifel vor einem Magistratsmitglied mündlich den Bürgereid. Anschließend wird ihm der Bürgerbrief ausgehändigt, sein Name darauf in zittriger Handschrift von einem Kanzlisten vermerkt. Anschließend notiert der Beamte die Daten des Neu-Charlottenburgers noch ins Bürgerbuch, mit laufender Nummer 1302. Dann wankt er wohl wieder zu seinem Bierhumpen – durch die rechte Tür. Der geleistete Schwur auf die Bürgerschaft variierte von Stadt zu Stadt in der Formulierung, nicht aber im Sinngehalt. In Charlottenburg lautet er so:

»Ich, Johann Peter Ohmann, gelobe und schwöre, dass ich, nachdem ich von dem hiesigen Magistrat zum Bürger angenommen worden, Seiner Königlichen Majestät von Preußen, meinem allergnädigsten Könige und Herrn, getreu und unterthänig, auch dem Magistrat dieser Stadt gehorsam und gewärtig seyn will. Ferner schwöre ich, das Beste dieser Stadt und Bürgerschaft nach meinem Vermögen zu befördern, Schaden und Nachtheil abzuwenden, und alle mir als Bürger obliegenden Pflichten gewissenhaft zu erfüllen; insbesondere aber den Bestimmungen der allgemeinen Städte-Ordnung vom 19ten November 1808 mich unweigerlich zu unterwerfen.«

Als neuer Bürger soll er sich folglich allen Anordnungen des Magistrats fügen, sich nicht gleich wieder vom Acker machen und vor allem seine Steuern zahlen. Denn im Eid heißt es weiter: »Ingleichen will ich alle öffentliche und Stadt-Abgaben, Lasten und Dienste, sie haben Namen wie sie wollen, willig abtragen und übernehmen; überhaupt aber mich in allen Verhältnissen so zeigen, wie es einem getreuen Bürger eignet und gebühret.« Der Bauernsohn aus Kirchweiler lässt der vorgedruckten protestantischen Schlussformel »So wahr mir Gott helfe zur Seligkeit durch seinen

Sohn Jesum Christum« handschriftlich hinzufügen: »durch die Mutter Gottes, Jungfrau Maria und allen lieben Heiligen, Amen.« Er ist schließlich katholisch, damals eine Seltenheit in Berlin und Umgebung. Der Bürgerbrief trägt das Datum 24. Januar 1831 und ein kirschrotes Stadt-Insiegel. Für den Magistrat unterschreiben drei Herren, darunter der später wegen Unterschlagung suspendierte Bürgermeister Gustav Wilhelm Trautschold. Johann Peter wird sich an den Bürgereid halten und als gebürtiger Provinzler scheinbar mühelos zum Stadtbürger. Die Berliner Gegend verlässt er in seinem Leben nur noch einmal. Im Juli 1876 reist der 77-Jährige nach Kirchweiler und Köln, diesmal nicht per pedes, sondern bequem mit der Eisenbahn. Sein ältester Sohn Wilhelm schreibt ihm aus Charlottenburg:

»Lieber Vater! Soeben erhalten wir Ihren Brief, und freuen uns sehr, daß Sie munter und wohlbehalten in Ihre Heimath angelangt sind. Nur zu bedauern ist, daß Sie Ihren Bruder Simon nicht mehr am Leben getroffen haben. Es war gewiß recht schön nach so langer Trennung die Heimath und Alle lieben Angehörigen zu sehen, denn als Jüngling gingen Sie fort, und als Greis kamen sie wieder. Ich wünschte, Ich könnte auch dort sein und mich mit Ihnen freuen. Hier geht nun Alles seinen ruhigen Gang, Adolph besorgt den Garten und unterstützt Muttern in der Wirtschaft, und mir geht es immer noch nicht besser, auch Mutterns Füße sind wieder bei der Hitze recht schlimm geworden. Nun lieber Vater amüsieren Sie sich solange wie es Ihnen nur irgend gefällt; denn Sie versäumen zu Hause nichts, und werden gewiß dort mehr Anregungen haben als hier. Unsere kleine Anna wundert sich sehr, daß sie Sie nicht sieht und wenn man Ihr frägt wo ist denn Opapa so macht sie die Händchen weit auseinander und sagt weit fort in Kölln. Seien Sie uns nun herzlich gegrüßt von Muttern, Wilhelm, Adolph, Franziska und Anna und grüßen Sie uns vor Allem unsren Onkel und Tante alle Cousins und Cousinen in der Hoffnung daß Ihnen diese Zeilen bei der besten Gesundheit die

Ihnen der Himmel noch lange erhalten möge antreffen, verbleibt Ihr Sie liebender Sohn, Wilhelm.«

So weit die Lebensreise meines Urberliners, der die alte ferne Heimat wohl nie ganz vergaß. Hätte er sich sonst im hohen Alter aufgemacht, um sie noch einmal zu besuchen? Ich brauche aus der Vulkaneifel zurück nach Berlin nur acht Stunden mit dem Wagen. Was früher eine Lebensreise war, ist heute ein Katzensprung. So werde ich wieder nach Kirchweiler reisen und Renate und Erwin besuchen. Im Gepäck habe ich dann den fertigen Bericht und den Rest der Berliner Familie »Oehmen«.

Man hätte für den Beginn der Familiengeschichte auch andere Ankünfte in Berlin wählen können. Wir werden in Kürze einem Schneider aus Schlesien begegnen, der einem Balzac-Roman entstammen könnte. Doch Johann Peter Ohmann hinterließ die meisten Spuren und Erzählungen. Nicht zuletzt hat sein Familienname für den Autor eine gewisse Magie. Man fühlt sich dem eigenen Namen eng verbunden. Menschlich verständlich, faktisch natürlich Unsinn. Jeder besitzt 32 Urururgroßeltern, von denen 31 mit anderen Familiennamen geboren wurden und mit gleichem Recht und Rang in der Ahnenreihe stehen. In meinem Fall hießen sie beispielsweise (soweit bekannt): Barth, Bauer, Borchard, Bornemann, Dinger, Ebel, Groche, Guckel, Hansen, Hartwig, Heilscher, Hering, Hertlein, Hüttig, Lindner, Märtin, Neu, Rech, Roll, Rother, Schüler, Unnasch und Weingarth. Sie lebten in allen vier Himmelsrichtungen um Berlin verstreut und wussten zu Lebzeiten nichts von ihrem familiären Zusammenhang, der ja in der Zukunft lag. Ist es nicht atemberaubend, sich vorzustellen, wie viele Lebenswege das eigene Dasein existenziell bestimmten? Wäre nur eine einzige Verbindung in meinem Bericht nicht geschlossen worden, ein einziges Wägnis entscheidend verändert, so wäre ich nicht geboren, existierte nicht. Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind!

Das Ohmann-Haus, seit 1856 in der Schulstraße 8 (heute: Behaimstraße).

Auf dem Nachbargrundstück weihte man 1890 Charlottenburgs erste Synagoge.

Alltag

Von der guten Stiefmutter Marie, die alles für die Bildung ihrer Kinder tut und am Ende drei Kreuze macht

Das Alltagsleben im 19. Jahrhundert wurde oft geschildert, historisch und literarisch. Zeitgenössische Erzählungen bemühen sich um bürgerliche Idylle. Man blickt in eine »gute Stube«, in der ein Vater seine Tabakspfeife schmaucht und »Heimchen am Herd« steht. Drum herum eine Kinderschar (»wie die Orgelpfeifen«), die Familienverhältnisse sind geordnet. Halbgeschwister und Stiefmütter erscheinen nur in Märchen; sie sind böse. Feiertage begeht man fröhlich, aber mäßig. Alltagssorgen und Nöte bewältigt die Familie gemeinsam und mit Gottes Hilfe. Schillers »Glocke« gibt den Ton an: »Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis.« Erinnerungsberichte in Wort und Bild sind Legion mit Titeln wie »Mein liebes altes Berlin«, »Berlin, wie es früher war« oder schlicht »Alt-Berlin«. Neuere Darstellungen leugnen meist jede Idylle, betonen dagegen die sozialen Verwerfungen, welche der nimmermüde Fortschritt mit sich brachte. Kurz: Die einen lassen das Biedermeier direkt in die Restauration übergehen, liberale und demokratische Bewegungen wie die Revolution 1848 werden ausgeblendet. Die anderen stellen das 19. Jahrhundert als eine politische und soziale Achterbahnfahrt vor, die schließlich in den Weltenbrand des Weltkriegs rast.

Ich hätte gern die Meinung von Marie Ohmann dazu gehört. Sie lebte in diesem Zeitalter der Umbrüche. Neue Technologien veränderten Arbeits- und Lebenswelten im Eiltempo. Soziale Spannungen führten zu nie gekannter Politisierung, nationale und wirtschaftliche Erfolge zu Imperialismus und Kriegen. Kleine Städte wie Charlottenburg, Rixdorf und Schöneberg werden zu Großstädten, Berlin 1885 zur Millionenmetropole. Jeder Stadtmensch ist ein Mensch der Moderne – ob er will oder nicht. Wie sah Maries gute Stube aus? Was hatte sie für Sorgen? Ich stelle sie mir als eine starke Frau vor, nach allem, was ich über sie weiß. Sie

ist die letzte vorgestellte Vorfahrin, von der keine Fotografie erhalten ist. Das beflügelt die Fantasie!

Marie war eine geborene Groche aus Zedlitz in Niederschlesien. Wie ihr zukünftiger Gatte, war der Vater Schuhmacher. Das Angerdorf, in dem sie 1807 geboren wurde, lag 35 Kilometer südöstlich von Breslau und zählte 400 Seelen, neun Bauernstellen und eine Schule. Die Menschen sprachen schlesischen Dialekt, bauten »Dwak« (Tabak) an und etwas »Wien« (Wein). Die Familie verließ irgendwann das Dorf und ging nach Breslau, der Provinzhauptstadt von Schlesien. Was Marie 1838 nach Charlottenburg zog oder trieb, das ist zu erahnen. Vermutlich ging sie wie viele junge Mädchen »in Stellung«. In jedem Fall traf sie Johann Peter und heiratete ihn. Sie könnte auch über das erwähnte Thema »Stiefmutter« Auskunft geben – denn sie war eine. In den Familienunterlagen klafft eine deutliche Lücke.

Von Johann Peter Ohmann fehlen nicht nur Hinweise auf seinen Geburtsnamen Oehmen, sondern auch Informationen über seine ersten Jahre in Charlottenburg. Im Januar 1831 wurde er eingebürgert, im März 1839 schloss der 40-Jährige mit Marie Groche den Bund der Ehe. Das war’s. Was tat der Mann in seinem dritten Lebensjahrzehnt? Marie könnte es erzählen, denn sie wusste natürlich um die ganze Wahrheit. Die Nachwelt wurde darum geprellt. Aber diese biografische Wissenslücke konnte geschlossen werden. Die Zuverlässigkeit preußischer Kirchenbücher und Standesämter ist erstaunlich. Was einmal beurkundet und abgelegt wurde, bleibt erhalten und auffindbar, für Jahrzehnte, Jahrhunderte, wohl für immer. Mein Urgroßvater Willi korrespondierte noch mit Postkarten, die er an Pfarrämter sandte, um Informationen über Vorfahren zu sammeln. Die Digitalisierung des 21. Jahrhunderts erleichtert den Zugriff erheblich. Heute findet man Scans von faksimilierten Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden in Onlineportalen. So beginnt sich der Grauschleier von Johann Peters dunklem Jahrzehnt zu lüften – mit einer Heiratsurkunde aus Spandau.

Vor Marie hatte er nämlich Johanne geheiratet. Das war 1830, und er war noch gar nicht lange in Charlottenburg. Ein paar

Wochen oder Monate, jedenfalls noch kein Jahr. Johanne war 24 Jahre alt, eine geborene Herboth aus Ferbitz. Das Dorf in der Döberitzer Heide bei Spandau gibt es seit 90 Jahren nicht mehr. Eine sogenannte »Wüstung«, zuletzt bewohnt von 80 Menschen und heute vergessen. Die Trauung fand »außerhalb« statt, wie die Spandauer Urkunde vermerkt, nämlich in Charlottenburg. Dort lebte das Ehepaar dann am Stadtrand in der Wallstraße (heute: Zillestraße). Eine Stadtmauer, wie der Straßenname andeutet, gab es in Charlottenburg indes nie. Stattdessen gab man Anfang des 18. Jahrhunderts Grundstücke ab, wodurch eine Art zivile Stadtbefestigung aus Ackerbürgerhäusern entstand. Die Familie wohnte zunächst in Hausnummer 5, seit 1837 in der 10. Doch ein Gebäude sah wie das andere aus. Bemerkenswerter war die Lage. Johann und Johanne wohnten unweit der Berliner Straße, dem belebten Vergnügungsviertel Charlottenburgs. 17 Gastwirtschaften zählte man 1824, sie trugen Namen wie »Zum goldenen Hirsch«, »Weißer Schwan« und »Türkisches Zelt«. Dazu vermieteten Ackerbürger und Handwerker Zimmer an Sommergäste. Wohlhabende Berliner kauften oder bauten sich ab Mitte des Jahrhunderts auch selbst Sommerfrischen, unter ihnen Werner von Siemens und Theodor Mommsen. Längst hatten sich die üblichen Folgen des Fremdenverkehrs eingestellt. Einerseits Mehreinnahmen für Handel, Gewerbe und Handwerk (auch für Schuhmacher), andererseits »Unmoral« und »rufschädigendes Verhalten«. Dazu zählte neben der Prostitution auch Straßenbettelei, die mit zwei Tagen Gefängnis bei Wasser und Brot bestraft wurde.

Johanne wird bald schwanger. Der Sohn bekommt die Namen Johann Anton Friedrich und stirbt einen Monat und fünf Tage nach der Geburt. Das war keine Seltenheit, in vielen Aufzeichnungen wird der Tod eines Kindes eher lakonisch angemerkt. Dasselbe gilt für Geburten. Man wollte wohl auf Nummer sicher gehen, Freude und Stolz erst zeigen, wenn das Kind aus dem Gröbsten heraus war, ungefähr im Schulalter. Die Säuglingssterblichkeit in Preußen war enorm hoch, jedes dritte Kind überlebte das erste Lebensjahr nicht. Das blieb das ganze 19. Jahrhundert

so, bis Emil von Behring der häufigsten Todesursache Diphtherie den Schrecken nahm. 1835 kommt eine Tochter zur Welt. Auguste ist kräftig und gesund. Doch die junge Mutter stirbt nach der Geburt, wahrscheinlich am Kindbettfieber. Der Vater, nun mit 37 Jahren Witwer, steht allein mit dem Säugling da. Seine Familie lebt Hunderte Kilometer entfernt, in der Eifel. Mit den Eltern seiner verstorbenen Frau gibt es Streit um die Fürsorge für das Mädchen. Die Sache zieht sich über Monate hin, bis als Randnotiz auf einer Urkunde zu lesen ist: »Die gerichtliche Bescheinigung wegen Auseinandersetzung mit dem Kinde aus erster Ehe ist beigebracht.«

Johann Peter darf sein Kind behalten. Auguste Ohmann wird mit 19 Jahren einen Stellmacher namens Carl Müller heiraten, wozu der Vater seine Zustimmung gab. Sie lebte in der Spandauer Straße 1 in Pankow, der heutigen Wilhelm-Kuhr-Straße. Dort starb sie 1887 im Alter von 51 Jahren in ihrer Wohnung, ihr Sohn Gustav zeigte den Tod an. Die erste Liebe des Urberliners, seine erste Ehe und sogar die ersten Kinder wurden in der Erinnerung gelöscht. »Damnatio memoriae« hieß das im alten Rom, aber Verdammung des Andenkens funktionierte auch im jungen Berlin. Wer sortierte die Dokumente und Urkunden aus dem Familienarchiv aus? Johann Peter selbst, seine zweite Frau, die Söhne? So oder so liefert die Archivlücke einen Beweis für die manische Vorliebe bürgerlicher Familien für gerade Lebenswege. Ungemein weltfremd, wenn man bedenkt.

Der Witwer bleibt nicht lange allein, aus naheliegenden Gründen. Das Kind muss versorgt werden, und das war Frauensache. So wird Marie meine Urururgroßmutter. Man tritt den Eheleuten nicht zu nahe, wenn man ihre Verbindung als eine Vernunftehe par excellence bezeichnet. Er braucht eine Stiefmutter für sein Baby, je eher desto besser. Sie ist 32 Jahre alt und sucht einen Ehemann, bevor man sie als alte Jungfer abstempelt. Als Einzelkind hat sie die Aussicht auf ein Erbe als Mitgift im Gepäck. Ihrem Bräutigam muss sie vor der Eheschließung jedoch die Gretchenfrage stellen. Sie selbst ist, wie die überwiegende Mehrheit in der Mark Brandenburg, evangelisch, er dagegen katholisch. Konfes-

sionelle Mischehen waren nicht unproblematisch. Denn die Konfessionen wurden ja in Wahrheit nicht »gemischt«, sondern eine Seite stand bei der Geburt eines Kindes als Verlierer da. Ergebnis von Maries Befragung: Alle zukünftigen Kinder dieser Ehe werden katholisch getauft. Ihr Mann beharrt darauf, auch umzingelt von Protestanten. Auf Johann Peters Sterbeurkunde wird er 1877 als evangelisch bezeichnet werden. Bis der Sohn den Standesbeamten darauf aufmerksam macht und dieser an den Rand notiert: »Während der Verkündung wird noch berichtigend bemerkt, daß der Verstorbene nicht evangelischer Religion war, sondern katholischer.« Oh Mann, das war knapp. Eine Fußnote: Die Tochter aus erster Ehe wurde evangelisch getauft. Offenbar hielt es Johann Peter wenige Jahre zuvor noch nicht so streng mit der Religion, oder Johanne aus Spandau besaß mehr Überzeugungskraft. Man wird das Gefühl nicht los, in seiner ersten Ehe war mehr Liebe im Spiel.

Doch zurück zu Marie, jetzt Ehefrau und Stiefmutter der kleinen Auguste. Wieder ein Umzug, diesmal von der heutigen Zillestraße 10 in die 12. Ständig wird umgezogen in dieser Zeit, oft nur nach nebenan oder quer über die Straße. Denn bietet sich die Gelegenheit für eine Kammer mehr oder eine günstigere Lage, dann wird sie ergriffen. Was man besitzt, kann in wenigen Fuhren von A nach B geschafft werden. Tisch, Schemel, Wäschetruhe, Essgeschirr und Kochutensilien, Werkzeug, Öllampen und eine Familienbibel. Noch keine Bibliothek, kein Sofa, kein Kühlschrank, kein Piano. Größtes Möbelstück war das Ehebett. Heute sieht man an dieser Adresse einen verlassenen Neubau aus den 1960er-Jahren. Ein Investor versucht sich an einem »Redevelopment« und möchte das Gebäude »umfassend refurbishen«, sprich sanieren. Der »Zillecampus« soll ein »ökologischer Leuchtturm« werden und verspricht: »Gesundheit und Wohlbefinden – Steigerung der Produktivität und Kreativität – Hohe Flexibilität –Nachhaltige Community«. Etwa genau die Themen, mit denen auch Marie Ohmann vor mehr als 180 Jahren täglich zu tun hat. Gesundheit und Wohlbefinden? Am 19. Juli 1841 macht sie sich mit ihrem neugeborenen Sohn Adolph auf nach Berlin. Der

Pockenschutz-Impfattest für den Säugling Adolph Gustav Ohmann, Berlin 1841

drei Monate alte Säugling erhält eine Pockenschutzimpfung. Das »Impf-Attest« ist erhalten. Aber wie bringt sie in der Zeit eigentlich ihren Erstgeborenen Wilhelm unter, und wie kommt sie nach Berlin? Produktivität, Kreativität, hohe Flexibilität?

Marie kann das Lied davon singen. Zwei Söhne wird sie innerhalb von drei Jahren zur Welt bringen, dazu ihre Stieftochter versorgen. Der Ehemann wirtschaftet in seiner Schuhmacherwerkstatt und will bekocht werden. Sie muss für alle waschen und putzen, nähen und stopfen – sehr nachhaltige Community –, den Gemüsegarten hegen und dem Hauswirt pünktlich die Miete abliefern. Johann Peter, inzwischen Schuhmachermeister, verdient gar nicht schlecht. Was vor allem heißt: Marie wirtschaftet gut. Es werden Ersparnisse angelegt. Um 1850 schreibt ein auswärtiges Blatt, Charlottenburg sei »ein gar nicht kleiner, aber so dicht neben Berlin sehr kleinstädtisch aussehender Ort und macht einen überaus langweiligen Eindruck«. Die örtlichen Handwerker gelten als »unbehilflich und unzuverlässig«. Kein Wort über deren Frauen.

Marie nimmt ihre Söhne an die Hand und macht eine Partie, die Familie spaziert durch den prächtigen Schlosspark. Dies ist allen Bürgern »huldvoll gestattet«, sofern sie anständig gekleidet sind, egal ob König Friedrich Wilhelm IV. anwesend ist oder nicht. Zwischen Berlin und Charlottenburg verkehren ungefederte, dafür überdachte Torwagen. Diese ersten Berliner Pferdeomnibusse dienen seit 1825 vor allem dem Transport der

Vergnügungssuchenden. Ein Kutscher wohnt gleich nebenan. Man ist befreundet, so spart Marie das Fahrgeld von zweieinhalb Groschen für die Preußische Meile durch den Tiergarten. Auch zur Impfung in Berlin fährt sie mit der Pferdebahn die 7,5 Kilometer zum Brandenburger Tor. Ein gemeinsamer Kirchgang am Sonntag fällt für die Familie dagegen ins Wasser, der unterschiedlichen Konfessionen wegen. Vor allen anderen Dingen sorgt Marie dafür, dass die Brüder Wilhelm und Adolph regelmäßig die Gemeindeschule besuchen. Kurz, Marie knüpft das Familienband und hält es straff. 1870 schreibt der 30-jährige Wilhelm aus dem Krieg in Frankreich nach Hause: »Ich muss es gestehen, jetzt erst zu sehen, was Eltern und brüderliche Liebe werth sind, Gott gebe, daß ich es nie vergessen werde.« Wenige Tage später bekommt der Bruder noch eine Nachricht per Feldpost: »Lieber Adolph! Eine Bitte, bring unserer guten Mutter ein Boukett Blumen in meinem Namen, gewiss wird sie sich darüber freuen. Hier giebt es sehr viele Rosen und auch Blumen und daher denke ich so oft daran.«

Marie hatte den Sinn und Wert von Bildung erkannt. Sie spart am Fahrgeld, nicht am Schulgeld. Es beträgt zur Einschulung monatlich 10 Silbergroschen und steigert sich von Schuljahr zu Schuljahr auf einen Taler und 10 Silbergroschen. Unterricht wird im Schulgebäude in der Wilmersdorfer Straße erteilt, täglich sechs Stunden, von 8 bis 11 und von 13 bis 16 Uhr. Mittwoch und Sonnabend sind die Nachmittage frei. Der königliche Superintendent Theodor Mann setzte gegen viel Widerstand durch, dass in den letzten drei Schuljahren Französisch auf dem Stundenplan stand und im Abschlussjahr (der »ersten Klasse«) auch Latein. Turnen dagegen nicht. Der wortmächtige Superintendent und Oberprediger wettert auch nach Aufhebung der Turnsperre 1842 gegen die Einrichtung eines Turnplatzes und entgegnete dem Plan des Turnlehrers Rohlfs:

»Es scheint mir eine solche Einrichtung für einen Ort wie Charlottenburg, der überhaupt ein Turnplatz vieler Ausgelassenheiten für die Jugend ist und welcher wegen der

Nähe von Berlin ohnedies schon zu Zerstreuungen Anlass gibt, gar nicht wohl geeignet. Die verwahrloste Jugend und namentlich die Knaben haben hier noch so viel anderes Nützliches zu lernen, daß diese Übungen hier noch nicht an der Zeit zu sein scheinen.«

Erst 1852 wird die Turnerei eingeführt, Adolph kommt nur im letzten Schuljahr in den Genuss. Im Übrigen änderte sich das Schulsystem im 19. Jahrhundert ebenso häufig wie im 20. und 21. Jahrhundert. Bei alledem darf nicht vergessen werden, dass viele Kinder gar nicht zur Schule gingen. Obwohl Charlottenburger Eltern harte Strafen bis zum Arrest drohten, waren 1840 von 1290 schulpflichtigen Kindern nur 801 eingeschult! Marie droht keine Strafe, ihre Jungs gehen regelmäßig zum Unterricht und lernen mit Erfolg. Im Abschlusszeugnis schreibt Rektor Neumann:

»Adolph Gustav Ohmann, geb. 28. April 1841, besuchte vom 8. October 1847 bis 1. October 1854 die hiesige Bürgerschule, war in den letzten achtzehn Monaten Schüler der ersten Klasse und ist stets bemüht gewesen, sich in Rechnen, Schreiben, Lesen, im Deutschen, zu der Geschichte, Geographie und sonstigen Realien, die fürs bürgerliche Leben nötigen Kenntnisse zu erwerben. Im Lateinischen und Französischen tractierte er die Anfangsgründe verbunden mit Exercitien. Seine religiöse Bildung gab Zeugnis von gläubiger Hingebung zu seinem Herrn und Erlöser.«

Aufgrund dieses Zeugnisses schickt man den Jungen auf eine höhere Lehranstalt nach Berlin, die katholische St. Hedwigsschule. 1850 hatte die Pfarrschule gerade ein neues Schulhaus neben der St. Hedwigs-Kathedrale erhalten. 800 Kinder werden dort unterrichtet.

Im Dezember 1854 erhält Adolph sein erstes Zeugnis. Mit »recht guten« Leistungen in Latein, lobenswertem Betragen und vollkommen befriedigendem häuslichen Fleiß: »Hat 6-mal gefehlt, kam 4-mal zu spät und wurde 34-mal gelobt.« Das Fehlen

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