
Frank-Lothar Kroll
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Frank-Lothar Kroll
BeBra Wissenschaft Verlag
In dankbarer Erinnerung an Reiner Pommerin (1943–2024), den Förderer, Kollegen und Freund
IX. ABKEHR VON EUROPA
1. Ambivalenzen des Bolschewismus
2. Anti-Europa: Züchtung, Gewalt, Vernichtung
3. Anti-Westen: Kollektivismus, Massenmenschentum, Sowjethumanismus
1. Enttäuschte Zukunftshoffnungen und retrospektive Gegenwartsflucht
2. »Russische Idee« und »Russische
Dem spannungsreichen Beziehungsgeflecht zwischen Russland und Europa sind nicht erst in jüngster Zeit zahlreiche Untersuchungen gewidmet worden. Warum also dieses Essay, das sich erneut jenem turbulenten Wechselverhältnis zweier Geschehensräume zuwendet, die über viele Jahrhunderte hinweg aufeinander bezogen waren – sei es in naiver Bewunderung, in kritischer Distanz oder in unverhohlen artikulierter Abneigung?
Mancherlei Gründe können für ein solches Vorhaben angeführt werden. Zunächst ist festzuhalten, dass der europäische Westen für Russland und die Russen keineswegs erst seit seiner oftmals allzu verhaltenen Reaktion auf die Entfesselung des Ukraine-Krieges mit aller damit verbundenen geopolitischen und ideologischen Begleitmusik zu einer existenziellen Herausforderung geworden ist. Die Frage, ob man zu Europa gehört, ob man sich überhaupt auf die Werte des europäischen Westens einlassen und mit ihnen einen wie immer gearteten Einklang anstreben solle, gehört zu den konstanten Leitmotiven russischen Geschichtsdenkens und russischer Philosophie. Sie wurde immer wieder gestellt – und niemand hat sie bisher befriedigend beantworten können.
Die gegenwärtig in Russland tonangebende Führung gefällt sich ganz offensichtlich im Gestus einer demonstrativ bekundeten Abkehr von den Prinzipien der westlichen Wertegemeinschaft. Sie verwirft damit das lange Zeit vorherrschende Leitbild »Europa« durch ein neues Narrativ – sei dieses nun genuin »russisch«, »eurasisch« oder gar »asiatisch« imprägniert. Die Radikalität, mit der diese Abwendung von Europa in den vergangenen Jahren betrieben wurde, ist indes noch kein Beweis für deren Nachhaltigkeit – vor allem kein Indiz für die Sehnsuchtsziele der russischen Gesellschaft. Diese richten sich nicht etwa auf Pjöngjang, Teheran oder Caracas, sondern sie gelten nach wie vor dem europäischen Westen, seinen Metropolen, seinen Attraktionen, seinen von dort ausstrahlenden Lebensformen. Sie grundieren weiterhin das Gegenwartsgeschehen im Land, und sie schwingen im Horizont russischer Zukunftsperspektiven mit.
Und Europa? Für die meisten westlichen Beobachter war der große Nachbar im Osten von Anfang an rätselbehaftet und undurchschaubar. Er galt als eine niemals all ihrer Geheimnisse zu entkleidende »Sphinx«, als die sie einst der deutsche Historiker Gerhard Ritter (1888–1967) charakterisiert hatte.1 Sofern man sich in Europa überhaupt mit dem Schicksal Russlands auseinandersetzte, schwankte auch hier – gleichsam spiegelbildlich zur russischen Einstellung zum Westen – das Urteil zwischen unverhohlener Geringschätzung und heimlicher Faszination. Das galt besonders für den deutschsprachi-
Vorwort
gen Raum, in dem schon früh entsprechende Veröffentlichungen erschienen.2 Solche Wortmeldungen waren nicht selten begleitet von Bedrohungsszenarien und Überwältigungsängsten.3 Die mit derart heterogenen Wahrnehmungsebenen verbundenen Stereotype – Vorstellungen der Europäer von Russland ebenso wie Vorstellungen der Russen von Europa – wirken trotz aller derzeit von beiden Seiten bevorzugten Sprachlosigkeit unvermindert fort. Und sie prägen die Argumentationsmuster bis heute.
Indes: Es gibt noch weitere gute Gründe für eine erneute kritische Bilanz der in diesem Band erörterten
Thematik. Der Blick auf Russland hat seit dem 22. Februar 2022, dem Tag des Raubüberfalls auf die Ukraine, nicht nur bei ernstzunehmenden westlichen Politikern zu einem Umdenken in ihrer bisherigen Haltung gegenüber einer Macht geführt, deren imperialistisches
Potenzial sich nicht mit dem wohlfeilen Beklagen von Phantomschmerzen begnügte, sondern sich mit der Bereitschaft verband, solchen Phantomschmerzen mithilfe eines Eroberungskrieges konkrete Abhilfe zu verschaffen. Die Hinwendung zu Krieg und Gewalt war seit 2014 nicht völlig unvorhersehbar. Dennoch kam sie auch für die meisten Historiker überraschend. Viele von ihnen sahen sich daher zu einer Revision ihres Russlandbildes veranlasst, die nicht nur die jüngsten Ereignisse betrifft, sondern auch manche Weichenstellungen in der russischen Geschichte in ein neues Licht rückt und deren bisher übersehene oder übergangene Schatten-
Vor diesem aktuellen Hintergrund wird das Forschungsproblem »Russland und Europa« hier neu vermessen und bewertet. Das erfolgt vor einem bewusst weit gespannten historischen Horizont. Denn nur im Blick auf den geschichtlichen Entwicklungsbogen in seiner Gesamtheit eröffnen sich jene Kontinuitäten, Brüche und Formwandlungen, von denen die vielfach unternommenen Versuche einer »Europäisierung Russlands« geprägt waren. Der historische Befund, dass diese Versuche in letzter Konsequenz allesamt gescheitert sind, gewinnt angesichts der gegenwärtigen Politik Russlands ein besonderes Gewicht.
Das gilt auch für den Begriff »Europäisierung« selbst. Er hat sich eingebürgert und mag daher weiterhin seine Anwendung finden. Doch er beruht auf der Vorausset-
Vorwort seiten schärfer konturiert. Einem solchen Perspektivenwechsel musste sich auch der Verfasser dieses Buches unterziehen. Im Blick auf das gegenwärtige Geschehen hat er sich zu einer erheblichen Neujustierung seines früher gehegten, manchmal allzu positiv gezeichneten Bildes von der Geschichte des alten, 1917 für immer vernichteten Russlands veranlasst gesehen. Insoweit bietet dieses Essay auch ein Beispiel angewandter geschichtswissenschaftlicher Erkenntniskritik. Es zeigt, wie und in welchem Ausmaß sich für den Historiker die Maßstäbe des Urteils über vergangene Wirklichkeiten durch den Einbruch unvorhersehbarer Großereignisse in der Gegenwart ändern können und dadurch vielleicht sogar an Präzision gewinnen.
zung, dass Russland nicht, oder jedenfalls nicht vollgültig, zu Europa gehört. Andernfalls wäre der Begriff eine bloße Tautologie – so wie wohl niemand ernsthaft eine »Europäisierung Frankreichs« oder eine »Europäisierung Italiens« einfordern würde. Die mit alledem angedeutete begriffliche Problematik verweist jedenfalls auf die Mehrdeutigkeit des mit dem Begriff bezeichneten Sachverhalts. »Verwestlichung«, »Westernisierung« und »Modernisierung« sind Codewörter, die diesen Sachverhalt vielleicht angemessener umschreiben als der ideologisch eingefärbte Begriff der »Europäisierung«. Sie alle werden in der folgenden Darstellung fallweise Benutzung finden.
Als mehrdeutig und facettenreich erweist sich darüber hinaus der vielfach mit »Europa« gleichgesetzte Begriff des »Westens«. In diesem Essay werden beide Begriffe wenn auch nicht unbedingt miteinander identifiziert, so doch eng einander zugeordnet, insofern die prägenden Attribute von »Westlichkeit« – Rationalisierung und Säkularisierung, Pluralismus und Partizipation, Individualismus, Persönlichkeitsdenken und die bindende Verpflichtung des Einzelnen auf eine Daseinsgestaltung in Freiheit, Eigenverantwortung und sozialer Verpflichtung gegenüber den Mitmenschen –in hohem Maße normative Bedeutung für die Lebenswirklichkeit moderner europäischer Gesellschaften besitzen. Auch in Russland, dessen Selbstverständnis sich durchaus anderen Sinnstiftungen verdankt, wurde der Kollektivbegriff des »europäischen Westens« mit
solchen modernisierungstheoretischen Leitvorstellungen verbunden4 – und geriet damit von Anfang an in ein latentes Spannungsverhältnis zur Welt des »russischen Ostens«. Dass der Blick eines in diesem Sinne fest im europäischen Westen verwurzelten Verfassers auf die verschlungenen Wege und Wandlungen westöstlicher Beziehungsgeschichte aus einer »westlichen« Perspektive erfolgt, gehört zu jenen mental geprägten Vorbelastungen, die jedem Versuch einer ernsthaften Beschäftigung mit fernen und fremden Lebenswelten ihre hermeneutischen Grenzen setzen.
Selbstverständlich können hier nicht alle Aspekte der vielhundertjährigen Ost-West-Begegnungen und nicht alle relevanten beiderseitigen Äußerungen in ihrer ganzen Bandbreite mit gleicher Ausführlichkeit behandelt werden. Zeitlich stehen jene beiden Epochen im Mittelpunkt, die den russischen Europadiskurs und den europäischen Russlanddiskurs am intensivsten gepflegt haben: das Zeitalter der Aufklärung und das lange 19. Jahrhundert. Das waren jene Epochen, in denen zahlreiche Impulse aus dem Westen bei der Staatsführung des Imperiums die stärkste Resonanz fanden. Zugleich belebte sich daraufhin vor allem in der russischen Publizistik die Erörterung über die Kontakte des Zarenreiches mit Europa – sei es in wohlwollender oder in strikt gegnerischer Einstellung zu den Lebenswelten der westlichen Nachbarn. Daher bilden die Stimmen russischer Autoren und deren Einschätzungen der Stellung Russlands zu Europa einen Schwerpunkt in den
Vorwort
Darlegungen dieses Essays. Mit der Machtursupation der Bolschewisten im Oktober 1917 und der vollständigen Ausrottung der alten, weitgehend an Lebensentwürfen aus dem Westen orientierten Eliten, gerieten die Ost-West-Beziehungen dann in ein andauerndes Spannungsverhältnis, unter dessen Folgen beide Seiten bis heute leiden.
Ein letztes Wort noch zum Haupttitel dieses Essays. Manchen Lesern mag er auf den ersten Blick »sphinxhaft« erscheinen – um die von Gerhard Ritter einst mit Blick auf Russland geprägte Metapher noch einmal zu bemühen. Doch das Rätsel der Sphinx ist leicht gelöst. »Das Schattenreich« verweist auf die bereits skizzierte doppelgesichtige Einschätzung, die das Verhältnis Russlands zu Europa seit jeher charakterisierte. Zum einen lag Russland allzu oft im Schatten des Westens. Man wollte aufholen, versäumte Chancen wahrnehmen, Entwicklungsstandards erreichen, derer sich die meisten Europäer erfreuten, und deren Nichtvorhandensein im eigenen Land man umso schmerzlicher beklagte. Europa galt als Vorbild, das Bewunderung hervorrief und dessen Schatten man ertrug: »Das Schattenreich« –Russland im Schatten Europas.
Zum anderen jedoch warf das russische Imperium ebenso oft mancherlei Schatten auf den europäischen Westen. Der Schattenwurf entfaltete seine Wirkung spätestens seit der sprichwörtlich gewordenen »Sammlung russischer Erde«, mit der Iwan III. (1440–1505), Großfürst von Moskau, 1462 begann, sein Reich geo-
graphisch und territorialpolitisch dem Westen anzunähern. Der in seiner Machtfülle nun stetig anwachsende Koloss im Osten schien den Drang nach Expansion und Gebietserweiterung geradezu als Lebensgesetz in sich zu tragen. Er galt daher in den Augen nicht weniger westlicher Beobachter als permanente Gefahr. Russland wurde zum Schreckbild, zu einer Art Leviathan, vor dessen Kraftentfaltung man auf der Hut sein musste, und dessen Schatten den europäischen Himmel verfinsterten. »Das Schattenreich« – Europa im Schatten Russlands.
Der Verfasser dankt, einmal mehr, seinen bewährten Mitarbeiterinnen Antonia Sophia Baraniuk und Melissa Mehner für die gewohnt sorgfältige Texterfassung des Manuskriptes und Herrn Dr. Robert Zagolla für manch wertvolle Kritik und weiterweisende Anregung.
Chemnitz / Budapest, am 17. Dezember 2025
Russlands Verhältnis zu Europa ist seit dem Zeitalter der Aufklärung immer wieder Gegenstand gelehrter Analysen, wissenschaftlicher Erörterungen und tagespolitischer Debatten gewesen. Damals begannen sich in Europa jene Kräfte zu regen und Wirkungen zu entfalten, die man heute gemeinhin der Wertewelt des »Westens« zuzuordnen pflegt. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es zugleich die ersten ernsthaften Annäherungsversuche zwischen der Lebenswelt Russlands und den Lebenswelten dieses »Westens« in ihren vielfach differenzierten Erscheinungsformen. Russen und Europäer betrachteten einander dabei indes von Anfang an aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Die europäische Perspektive auf die lange Zeit weithin unbekannte und geheimnisvolle Macht im Osten wurde zumeist von einem mehr oder weniger deutlich artikulierten Überlegenheitsgestus bestimmt. Das Reich der Moskauer Großfürsten und russischen Zaren galt als ein Landstrich fernab von den Segnungen der europäischen Zivilisation, bewohnt von groben und wenig disziplinierten Völkerschaften, die ihrer rüde und rücksichtslos agierenden Obrigkeit in sklavischer Ergebenheit Gefolgschaft zu leisten bereit waren. Es waren
I. Problemaufriss: Geteilte Wahrnehmungswelten
I. Problemaufriss: Geteilte Wahrnehmungswelten vor allem europäische Gesandte und Handelsreisende, die seit dem 16. Jahrhundert das Moskowiter Reich besuchten und ihre dabei gesammelten Eindrücke in facettenreichen Schilderungen festhielten.5 Als Diplomat in habsburgischen Diensten führten den kaiserlichen Rat Siegmund von Herberstein (1486–1566) 1516 und 1525 zwei vielbeachtete Reisen an den großfürstlichen Hof nach Moskau. In deren Gefolge empfahlen sich seine 1549 erstmals erschienenen Rerum Moscoviticarum commentarii dem europäischen Publikum durch einen sachkundigen Berichtstil und ein erstaunlich hohes Maß an Ausgewogenheit.6 Vergleichbares galt, wenn auch getrübt durch das Spektrum gegenreformatorischen Eifers, für die 1587 erschienene Reiseschilderung Moscovia aus der Feder von Antonio Possevino (1533–1611), der sich 1582 in päpstlichem Auftrag als Friedensvermittler zwischen Schweden, Polen und Russland nach Moskau begeben hatte.7
Ein Jahrhundert nach Herberstein und Possevino reiste der gelehrte Rat Adam Olearius (1599–1671) als Gesandter des holstein-gottorfischen Hofes 1633 nach Moskau, um dort über günstigere Bedingungen für den zwischenstaatlichen Warenaustausch zu verhandeln. Dazu kam es dann zwar nicht, aber in seiner Newen Beschreibung Der Muscowitischen und Persischen Reyse von 16568 präsentierte der gescheiterte Unterhändler seinen interessierten Zeitgenossen eine ebenso realistische Erlebnisschilderung wie sie – wieder ein Jahrhundert später – der kurfürstlich hannoversche Gesandtschafts-

EIN FRÜHER RUSSLANDFAHRER
Siegmund von Herberstein in »moskowitischer Tracht«. Kolorierter Kupferstich, 1818
I. Problemaufriss: Geteilte Wahrnehmungswelten

ERSTE REISEBERICHTE »Moscowitische Reise« von Adam Olearius. Titelblatt, 1656
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sekretär Friedrich Christian Weber (gestorben 1739) vorlegte. Webers umfängliches Werk,9 das zwischen 1721 und 1739 in drei Teilen als literarische Frucht seines fünfjährigen Aufenthalts am Zarenhof erschien, bestach durch exakte und detaillierte Informationen über die russische Lebenswirklichkeit, die beim damaligen Publikum große Beachtung fanden und noch heute ihren kulturgeschichtlichen Wert besitzen.10
Doch solchen um Aufklärung und Wissensvermittlung bemühten Büchern traten im Westen schon früh die Erzeugnisse jener Reiseliteratur zur Seite, denen die Zustände im fernen und fremden Russland als eine Art Gegenbild zur Situation im zeitgenössischen Europa galten. Repräsentativ für diese Sichtweise war der 1591 gedruckte Bericht Of the Russe Common Wealth or manner of government by the Russe Emperour des Briten Giles Fletcher (1586–1623), der Erinnerungen des Autors an seinen mehrmonatigen Aufenthalt in Moskau 1588 festhielt. Fletcher war, wie sein holstein-gottorfischer Vorgänger Olearius, als eine Art Sondergesandter der englischen Krone nach Russland gekommen, um dort ein bilaterales Handelsabkommen zu vereinbaren. Obschon erfolgreicher als sein norddeutscher Kollege, blieb ihm das Land in denkbar schlechter Erinnerung. Die Allmacht des Zaren schien ihm durch keinerlei Schranken eingehegt. An persönlichen Freiheitsrechten der Untertanen mangle es ebenso wie an sittlichen und moralischen Werten. Und die orthodoxe Kirche nehme den Auftrag der Verkündigung des Evangeliums nicht ernst,
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I. Problemaufriss: Geteilte Wahrnehmungswelten sondern bereichere sich stattdessen im Verbund mit den verantwortungslos schmarotzenden Herrschaftseliten schamlos auf Kosten des einfachen Volkes. Demgegenüber betonte Fletcher die Vorteile, die das politisch-gesellschaftliche System seines eigenen Landes vor den ihm rückständig und despotisch anmutenden Zuständen im Reich der Moskowiter auszeichneten.11
Ein derart düster eingefärbtes Bild von Russland, zusätzlich verdunkelt durch die nicht unbedingt immer zuvorkommende Behandlung des jeweils Berichtenden durch seine russischen Gastgeber, sollte manch negativ konnotierte westliche Wahrnehmung des östlichen Imperiums über Jahrhunderte hinweg maßgeblich bestimmen. Nicht nur im britischen Russlandbild zeigten die damit verbundenen Stereotypen langanhaltende Wirkungen.12 Ein Vierteljahrtausend nach Fletcher, Anfang 1843, brachte der französische Schriftsteller Marquis Astolphe de Custine (1790–1857) einen Reisebericht La Russie en 1839 heraus.13 Das Buch fand in Frankreich und Deutschland rasch weite Verbreitung, vor allem in Kreisen ausgewiesener Russlandkritiker,14 denn seine negative Einschätzung des Zarenreiches glich vielfach bis ins Detail der Sichtweise Fletchers. Custine hatte sich im Sommer 1839 für einige Monate in Russland aufgehalten. Seine dabei gemachten Erfahrungen, die Eindrücke, die er von den Verhältnissen im Land gewann, waren niederschmetternd und verliehen seinem Bericht über weite Strecken den Charakter einer Generalabrechnung mit der russischen Lebenswelt. Dabei dienten auch ihm

VÖLKERPSYCHOLOGISCHE STEREOTYPE
Flugblatt mit Werbung für eine »Völkerschau«, 1873
I. Problemaufriss: Geteilte Wahrnehmungswelten
die Zustände in Europa, namentlich in seiner französischen Heimat, als probate Folie, vor deren Hintergrund das Gastland in vollendeter Düsternis versank. Herrscherliche Despotie, knechtische Untertanengesinnung und eine im Formelhaften erstarrte Kirchlichkeit – mit diesen drei »russischen Schatten« gab Custine, ähnlich wie Jahrhunderte vor ihm Giles Fletcher, jene Parameter vor, an denen sich in der Folgezeit die Urteile über das riesige Reich im Osten bei vielen westeuropäischen Beobachtern orientieren sollten.
In dieser Perspektive trat Russland in einen äußersten Gegensatz zum Westen. Seinen Bewohnern wurden die Eigenschaften von Barbaren unterstellt, die man so weit wie möglich von den Grenzen der ihnen so fern stehenden europäischen Zivilisation getrennt halten möge. Noch die ressentimentgeladene russophobe Publizistik eines David Urquhart (1805–1877) im Vorfeld der militärischen Auseinandersetzungen zwischen England, Frankreich und Russland während des Krimkriegs waren von solch schablonenhaften Negativ-Wertungen geprägt. Nun jedoch wurden sie politisch unmittelbar aufgeladen. Denn bei Urquhart, einem schottischen Reiseschriftsteller und zeitweiligen Parlamentsmitglied, der durch zahlreiche längere Russlandaufenthalte mit den Lebensverhältnissen im Zarenreich weitaus besser vertraut war als sein nur kurz in Russland weilender Zeit- und Zunftgenosse Custine, und der dabei die kaukasischen Stämme und Völker zum Aufstand gegen die russische Herrschaft aufwiegeln wollte, reichten die
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NEGATIVES RUSSLANDBILD
»Stabstrompeter des Zaren«. Karikatur aus den Lustigen Blättern, 1914
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I. Problemaufriss: Geteilte Wahrnehmungswelten anti-russischen Hassempfindungen bis zur unverhohlen vorgetragenen Forderung nach einer Zerstörung der russischen Großmachtstellung.15
In Russland war der Blick auf die europäischen Nachbarn stets zweigeteilt. Die einen folgten den im Westen vorherrschenden Überlegenheitsgestus, insofern sie dem Zustand Westeuropas eine vorbildhafte Bedeutung für die Fortentwicklung des eigenen Landes beimaßen. Für die anderen besaßen europäische Werte, Normen und Moralvorstellungen hingegen eine entschieden abschreckende Wirkung. Europa galt hier keinesfalls als Maßstab für die Gestaltung der eigenen Lebenswirklichkeit. Russisches Wesen und russische Werte repräsentierten vielmehr eigengeprägte Zivilisationsleistungen, die jenen des Westens zumindest gleichrangig, wenn nicht gar überlegen waren. In letzter Konsequenz mündete das damit verbundene Überlegenheitsgefühl in einen missionarischen Erlösungsgestus, in ein russisches Sendungsbewusstsein, das sich die Befreiung des Kontinents von allen vermeintlichen Gebrechen und zivilisatorischen Fehlleistungen zum Ziel setzte. Diese Zweiteilung des russischen Europabildes in eine »affirmative« und eine »negative« Komponente hat sich über die Jahrhunderte hinweg als eine Konstante im russischen Denken erhalten und war selbst in den trüben Zeiten der Sowjetherrschaft vernehmlich.16 Erst heute, angesichts einer auch propagandistisch mit allen Mitteln betriebenen anti-westlichen Stimmungsmache in Putins Reich, droht dort, zumindest offiziell,

»Die Deutsche reitet auf dem Russen«. Volkstümliche Karikatur, 18. Jahrhundert
die vollkommene Ausschaltung aller pro-europäischen Gesinnungen. Die Vorrangigkeit des »Russischen« steht dabei ebenso außer Frage wie die Überzeugung von der prinzipiellen Hinfälligkeit und Verworfenheit des Westens. Von den Formwandlungen dieser Anti-West-Gesinnung wird auf den folgenden Seiten noch häufig die Rede sein.
Es war der aus Russland stammende Soziologe Alexander von Schelting (1894–1963), der in zwei tiefschürfenden Untersuchungen das spannungsreiche Changieren des Landes zwischen Vorbild und Schreckbild in der
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Beurteilung Europas als eines der zentralen Probleme russischen Selbstbewusstseins und russischen Selbstverständnisses identifiziert hat.17 Für Schelting, einen in Nordamerika gestrandeten Emigranten, war dieses Changieren in der Epoche des Kalten Krieges die entscheidende Herausforderung des Westens im Umgang mit der Bedrohung durch den ideologischen und machtpolitischen Hauptgegner im Osten. Dass sich eine solche, nach 1989 vielfach überwunden geglaubte Frontstellung am Beginn des 21. Jahrhunderts erneut und in einem weitaus dramatischeren Ausmaß ergeben werde, dürften seinerzeit weder der Autor selbst – Scheltings Bücher erschienen 1948 bzw. postum 1989 – noch seine im Übrigen leider nicht sehr zahlreiche Leserschaft erwartet haben. Doch der russische Raubüberfall auf die Ukraine und die ihn begleitenden Hassgesänge der Moskauer Kriegsverbrecher auf »den Westen« und die europäisch-atlantische Wertegemeinschaft haben dem Thema »Russland und Europa« eine neue, ungeahnte Aktualität verschafft. Sie haben manche alten Deutungsschablonen hinfällig werden lassen18 – und sie fordern daher zu einer neuerlichen Erörterung der für beide Geschehensräume gleichermaßen brisanten Fragestellung heraus.
Ein solches Unterfangen darf freilich nicht erst mit den Europäisierungsversuchen Zar Peters des Großen beginnen, die sich seit Anfang des 18. Jahrhunderts zu einem weithin beachteten und immer wieder kontrovers diskutierten Schlüsselereignis in der russischen
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Geschichte entwickelt haben. Wer verstehen will, warum sich Russland – trotz seiner Verwurzelung im christlichen Glauben als dem unverrückbaren Fundament einer gemeinsamen europäischen Identität19 – niemals ohne Widersprüche, Reibungen und Konflikte im Einklang mit Europa zu finden vermocht hat, muss den Ursprüngen der Entfremdung auf den Grund gehen. Diese Ursprünge liegen mehr als 800 Jahre zurück.
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