
Andrea Rottmann
![]()

Andrea Rottmann
Queeres Leben im geteilten Berlin, 1945–1970
Aus dem Englischen von Josefine Haubold
BeBra Wissenschaft Verlag
Gefördert durch Mittel der hms – Stiftung für queere Bewegungen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Buch ist eine Open-Access-Publikation. Es ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de).
Zu Fragen der Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an herstellung@bebraverlag.de.
Der BeBra Wissenschaft Verlag ist ein Imprint des BeBra Verlags.
© 2026 BeBra Verlag GmbH
Asternplatz 3, 12203 Berlin post@bebraverlag.de
Lektorat: Lisa Wötzel
Umschlag: typegerecht berlin (Foto: Das feministische Archiv FFBIZ)
Satz: Zerosoft
Gedruckt in der EU
ISBN 978-3-95410-358-4
www.bebra-wissenschaft.de
der Repression
Die 1960er Jahre: Mauerbau, weitere Razzien und zunehmender Widerstand von Wirt*innen
Zusammenfassung
3 Öffentliche Räume: Durchgänge, Übergänge, (Grenz-)
Überschreitungen
Sex in der Öffentlichkeit
Die Überschreitung der normativen Geschlechtergrenzen
Die Teilung queerer Öffentlichkeit durch die Mauer
Queerer Tod: Die Mauer aus Ost-Perspektive
Fantasie: Die Mauer aus West-Perspektive
4 Hinter Gittern: Gefängnisse als queere Räume
Gefängnisse, Sex und Butch-Fem-Subjektivitäten
Exkurs: Queere Männer in West-Berliner Gefängnissen
Frauengefängnisse in Ost- und West-Berlin: Kriminologische Konzepte und Strafvollzugspraxis in der Nachkriegszeit
Queere Beziehungen und Subjektivitäten im Ost-Berliner Frauengefängnis
Queere Beziehungen und Subjektivitäten in West-Berliner Gefängnissen
Die »Lesbierin«-Akte
Die Bedeutung von Fotos im Gefängnis
Zusammenfassung
Schluss: Queere Konstellationen im Wandel
Anmerkungen
Quellen- und Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
Die Autorin / Die Übersetzerin
Dieses Buch ist die minimal überarbeitete Übersetzung meines Buches Queer Lives Across the Wall: Desire and Danger in Divided Berlin, 1945–1970, das 2023 bei der University of Toronto Press erschien und das wiederum eine revidierte Fassung meiner Dissertation Queer Home Berlin? Making Queer Selves and Spaces in the Divided City, 1945–1970 war, die ich 2019 an der University of Michigan in Ann Arbor abgeschlossen habe. Dass ich dieses Buch schreiben und sogar übersetzen lassen konnte, verdanke ich einigen Personen und Institutionen, die ich in der Danksagung würdige. Zunächst gehe ich jedoch auf einige Aspekte der Übersetzung ein.
Die Übersetzerin Josefine Haubold und ich haben uns um eine möglichst präzise, verständliche und inklusive Sprache bemüht. Dazu gehört es, geschlechtergerecht zu schreiben: eine Sprache zu finden, die alle Geschlechter abbildet. Auf Englisch ist das einfach, denn in der englischen Sprache haben Substantive kein grammatisches Geschlecht, Adjektive werden nicht nach Geschlecht flektiert und mit »they« steht ein weithin gebräuchliches geschlechtsneutrales Pronomen zu Verfügung. Auf Deutsch ist es etwas komplizierter. Wir haben uns für eine Mischung aus geschlechtsneutralen Formulierungen und mit Sternchen* gegenderten Ausdrücken entschieden. In einem Fall, dem im dritten Kapitel diskutierten Fall von Bettina Grundmann, haben wir als Pronomen die Schreibweise sie*er bzw. deren flektierte Formen gewählt, die eine weibliche, nicht-binäre oder männliche Identifikation abbildet, da von Grundmann unterschiedliche Selbstidentifikationen überliefert sind.
In der englischen Ausgabe dieses Buches habe ich die Zitate aus meinen Quellen ins Englische übersetzt. Damit ging oft eine Glättung einher, etwa bei Zitaten aus Oral-History-Interviews, die zum Teil in Dialekt gesprochen waren und die ich in englische Standardsprache übertragen habe, oder bei Rechtschreibfehlern in schriftlicher Kommunikation, die ich ebenfalls nicht übersetzen konnte. Durch die deutsche Veröffentlichung sind die Stimmen der im Buch zitierten Berliner*innen direkter hörbar geworden, was einerseits vielleicht eine größere Nähe zu den historischen Personen ermöglicht. Andererseits ist der Text damit uneinheitlicher geworden. Bei Oral-History-Interviews, die mir im Original zur Verfügung standen, zitiere ich entweder die von den Archiven produzierte Transkription, die mundartliche Ausdrücke wiedergibt und die teils auch emotionale Färbungen der gesprochenen Sprache dokumentiert, oder mein eigenes Hörverständnis. Bei Zitaten aus bereits veröffentlichten Oral-History-Interviews standen mir nur die zumeist geglätteten publizierten Versionen der Erzählun-
gen zur Verfügung. Das führt zu einer uneinheitlichen Leseerfahrung – zum Beispiel wenn historische Personen aus der Arbeiter*innenschicht einmal berlinern und einmal nicht –, ließ sich jedoch nicht anders umsetzen.
»Erinnern wir uns mal an jene rauschenden Ballnächte, die nach dem Zusammenbruch des unseligen Dritten Reiches, gewissermaßen als Anschluß an das Jahr 1933 fröhliche Urstätt feierten. Hunderte von unseren Freunden drängten sich nach den Tefi-Festsälen, wenn Mamita bitten ließ.«
O. Z., »Mamita läßt bitten!«1
Ein Aufruf zur Erinnerung an rauschende Ballnächte erscheint als passender Einstieg für ein Buch über die Geschichte des queeren Berlin. Geäußert wurde er 1962 in der westdeutschen Homophilen-Zeitschrift Der Weg in dem Beitrag »Mamita läßt bitten«, einem Nachruf auf die Unterhaltungskünstler*in und Veranstalter*in Mamita, der zugleich ein Abgesang auf eine unbeschwerte, inzwischen vergangene Zeit war. Darin wird an die Befreiung vom Nationalsozialismus erinnert, als »Hunderte von unseren Freunden« – die Begriffe »Freund« und »Freundin« wurden von queeren Männern und Frauen lange als Selbstbezeichnung verwendet – in den wiedererstandenen queeren Ballsälen der Stadt feierten und tanzten.2 Mit dem Verweis auf die Zeit vor der NS-Machtübernahme 1933 und der Klage über den in Berlin jüngst zu erlebenden Verlust von Toleranz umreißt der Artikel die zeitlichen Koordinaten, die auch den Rahmen für dieses Buch bilden: die queeren Öffentlichkeiten der Weimarer Republik, deren Zerstörung durch die Nazis, den Moment von Freiheit zwischen dem Kriegsende und der Gründung der beiden neuen deutschen Staaten 1949 sowie den zunehmenden gesellschaftlichen Konservatismus der 1950er und frühen 1960er Jahre.
Mamita bittet Sie auch in dieses Buch, weil ihre nicht-normative Verkörperung von Geschlecht eine meiner Hauptthesen illustriert: nämlich dass Geschlecht ein entscheidender Aspekt queeren Lebens in Deutschland um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war. In dem Nachruf wird Mamita, »[s]eines Zeichens ein fleißiger Kellner«, als »homophile[r]« Mann in Frauenkleidern beschrieben, der mit seinem »ungewöhnlichen« Crossdressing nicht wenige innerhalb der queeren Community provozierte und »vielen Anfeindungen« ausgesetzt war.3 Letzten Endes gelang es diesem »Freund« jedoch dank seines Charmes, alle für sich einzunehmen.
»Selbst die Ordnungshüter fanden sich mit Mamita ab wie sie nun mal war, und selbst die zynischen Kritiker standen zuletzt als Lacher auf ihrer Seite. Denn Mamita hat-
EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN« | 9
te Humor und sie zog nicht nur andere gehörig durch den Cacao, sondern auch sich selbst. Bei ihren Bällen empfing sie höchstpersönlich als Grande Dame an den Stufen zur Freitreppe all ihre Lieben und bot danach das Beste. Das Varietéprogramm hatte sich meist gewaschen und sie selbst war allemal die Glanznummer. Sie deklarierte als Gräfin Strachwitz, sie sang die Zarah Leander und sie tanzte den sterbenden Schwan und alles bog sich vor Lachen.«4
Autor*in O. Z. bewundert, zwischen weiblichen und männlichen Pronomen hin- und herwechselnd, nicht nur Mamitas Fähigkeiten als community organizer und ihre Standhaftigkeit angesichts von Anfeindungen, sondern erinnert auch an ihr Unterhaltungstalent. Die wehmütige Erinnerung an Mamita steht dabei in scharfem Kontrast zur veränderten Lage zur Zeit der Veröffentlichung des Artikels, der mit der traurigen Bemerkung schließt, dass ein Jahrzehnt nach Mamitas berühmten Bällen die »neugewonnene[.] Freiheit und Toleranz« wieder »Verbot[en]« und einer »verzerrte[n] Moral«5 gewichen sei. Dennoch sei Berlin, so O. Z., »allemal eine Reise wert, wenn auch eine stupide politische Konzeption die Stadt arg verstümmelt hat.«6 Diese »stupide politische Konzeption« meint selbstverständlich den Kalten Krieg, und die Verstümmelung, die er der Stadt aufgezwungen hat, die Berliner Mauer, die ein Jahr vor dem Erscheinen des Artikels errichtet worden war.
Gemeinsam mit Mamita, dem inzwischen in Vergessenheit geratenen nicht-binären Star der »wiedererstandene[n] Geselligkeit« im Nachkriegs-Berlin, lade ich Sie zur Erkundung der Subjektivitäten und Räume des queeren Berlin vom Ende des Nationalsozialismus bis zu den Anfängen der Schwulen- und Lesbenbewegungen in den frühen 1970er Jahren ein. »Subjektivität« meint hier den Prozess der Erschaffung des Selbst: wie queere Berliner*innen sich selbst verstanden, ihr Geschlecht, ihre Sexualität, ihre Beziehungen zu anderen, und wie sie sich durch ihre Aufmachung, durch Gesten und Bewegungen, in Fotografien oder Schriften Ausdruck verschafften. »Raum« bezieht sich auf die materiellen und immateriellen Orte, deren Bedeutung für queere Berliner*innen durch ihre eigenen Praktiken geschaffen wurde sowie die Praktiken derer, die sie zu kontrollieren und unterdrücken suchten, seien es nun Repräsentant*innen des Staates oder Berliner Mitbürger*innen. Ballsäle und die Berliner Mauer waren zwei Orte in dieser queeren Welt. Andere waren beispielsweise Bars und Kneipen, aber auch alltäglichere Räume wie Privatwohnungen, Straßen und Parks. Ein abschließendes Kapitel ist den Gefängnissen gewidmet, die, wie wir sehen werden, relevante Räume für queere Berliner*innen unterschiedlichen Geschlechts darstellten. Wenngleich »rauschende Ballnächte« ein wichtiger Aspekt der queeren Kultur Berlins waren und bis heute sind, will ich mit diesem Buch zeigen, dass auch die Beschäftigung mit Alltagsräumen durchaus lohnenswert sein kann.
| EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN«
Die Erweiterung des forscherischen Blicks über die gegenwärtige Konzentration auf Nachtleben und Politiken hinaus rückt queere Leben in den Fokus, zu denen Historiker*innen des queeren Berlin bislang wenig zu sagen hatten, insbesondere die von lesbischen Frauen und trans Menschen. Aber nur durch die gemeinsame Betrachtung lesbischer, schwuler und trans7 Leben und die genaue Untersuchung der Zusammenhänge von Geschlecht, Sexualität und Klasse können wir verstehen, wie die beiden deutschen Nachkriegsstaaten und Gesellschaften mit nicht-normativen Verkörperungen von Geschlecht und Sexualität umgegangen sind und welche Ausschlussprozesse bei der Konstruktion der ost- und westdeutschen Geschlechter- und Sexualnormen am Werk waren. Andere Identitätsmerkmale wie race, Ethnizität und Migration bleiben in diesem Buch weitgehend ausgespart, auch wenn allein schon Mamitas spanischer Name auf die vielfältigen und komplizierten Verflechtungen des queeren Nachkriegs-Berlin mit der Welt verweist. Sie sind es wert, gesondert untersucht zu werden. Diese und andere Aussparungen, auf die ich im Weiteren näher eingehen werde, zeigen, dass queere urbane und deutsche Geschichte bis heute auf unterschiedliche Weisen von archivarischen Lücken und Ungleichgewichten geprägt sind. Anstatt diese Lücken bloß zu reproduzieren, können an intersektionalen Analysen interessierte Historiker*innen diese auch thematisieren und so historische Ungerechtigkeiten sichtbar machen, die oft bis in die Gegenwart reichen.8
Dieses Buch befasst sich außerdem mit historiografischen Ungleichgewichten. Der Großteil der Forschung zu queerer Geschichte konzentriert sich auf die männliche Homosexualität, und besonders auffällig ist diese Konzentration in der queeren Stadtgeschichte und der queeren deutschen Geschichte. Klassische Studien über Queerness und die Stadt, wie etwa George Chaunceys Gay New York oder Matt Houlbrooks Queer London, lieferten zwar eine differenzierte Analyse der vielfältigen und sich wandelnden vergeschlechtlichten Subjektivitäten queerer Männer, aber keiner von beiden untersuchte lesbische Frauen in der Stadt.9 Das Gleiche gilt für jüngere Forschungen zu Queerness und Sexualität in Berlin, beispielsweise Robert Beachys Das andere Berlin: Sie ignorieren lesbische und trans Subjektivitäten und Beziehungen.10 In der queeren deutschen Geschichte ist der Forschungsrückstand über lesbische Lebensweisen nach wie vor dramatisch, um die trans Geschichte ist es sogar noch schlimmer bestellt.11 Angesichts der Tatsache, dass liberale wie konservative Stimmen über den Großteil des 20. Jahrhunderts ganz unterschiedliche nicht-normative Verkörperungen von Geschlecht und Sexualität als »Unsittlichkeit« zusammenfassten, hat dieses Ungleichgewicht in der Forschung unser Verständnis der historischen Bedeutung von Queerness stark verzerrt.12 Als sich um die Wende zum 20. Jahrhundert unter dem Einfluss von Sexualwissenschaften, sexuellen Subkulturen und Aktivismus in Berlin und anderswo die sexuellen Identitäten herausbildeten, die wir bis heute nutzen, entstanden nicht nur eine moderne schwule Identität, sondern auch lesbische und trans Identitäten.13 So er-
EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN« | 11
scheint es nur folgerichtig, diese unterschiedlichen queeren Subjektivitäten gemeinsam zu betrachten.
Eine solcherart konzipierte Untersuchung muss über eine Geschichte des § 175, der in Deutschland Sex zwischen Männern unter Strafe stellte, und ebenso über eine reine Rechtsgeschichte hinausgehen – wenngleich Gesetze zweifellos eine bedeutende Rolle in der Lebensgestaltung von schwulen cis Männern, aber auch von trans Menschen und lesbischen Frauen spielten. Wie wir sehen werden, ermöglicht der Blick über die Kriminalisierung hinaus eine Erzählung queerer Alltagsgeschichte, die sowohl von den Freuden queeren Lebens zu berichten weiß als auch von dessen Gefahren. Auch die schwule Geschichte wird von der Abkehr von einer überwiegend auf die Strafverfolgung konzentrierten Betrachtung profitieren. Zugleich werde ich in diesem Buch zeigen, dass die Konstruktion von Heterosexualität und Geschlechterbinarität im Nachkriegsdeutschland sich auf mehr gründete als nur auf die Kriminalisierung männlicher Homosexualität. Staatliche Praktiken, wie etwa die Aufnahme von Geschlechtseinträgen in Ausweisdokumente und die Maßregelung von femininen Männlichkeiten, nicht nur durch die Polizei, sondern auch durch Nachbarn und Jugendbanden, trugen zur Stabilisierung von normativer Sexualität und Geschlechterverhältnissen bei. Aus diesem Grund geht es in diesem Buch nicht um politischen Aktivismus für Gesetzesänderungen, sondern vielmehr um eine umfassendere politische Geschichte von Zugehörigkeiten und Ausschlüssen.
Mit der Erkundung queerer Räume in der Zeit vom Beginn des Kalten Krieges bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 und dem ersten Jahrzehnt der Berliner Teilung leistet diese Untersuchung auch einen Beitrag zur Historiografie Berlins als zugleich geteilter und verflochtener Stadt. In dem Abschnitt über die Bedeutung der Berliner Mauer für queere Ost- und West-Berliner*innen zeige ich, dass die Regierung der DDR homophobe Diskurse nutzte, um die eigenen Bürger*innen wie die Weltöffentlichkeit von ihrem mörderischen Grenzregime abzulenken, und beleuchte damit eine bisher vernachlässigte Dimension der Berliner Mauer und der politischen Instrumentalisierung von Homophobie in der deutschen Geschichte.14
In diesem Buch verwende ich den Begriff »queer«, um Menschen zu beschreiben, die sich entgegen, außerhalb oder abweichend von den sexuellen oder Geschlechternormen ihrer Zeit bewegten, sei es aufgrund ihres gleichgeschlechtlichen Begehrens oder weil sie »sich selbst als nicht den Geschlechternormen entsprechend wahrnahmen oder von ihren jeweiligen Gesellschaften so wahrgenommen wurden«.15 Auch wenn lesbische Frauen, trans Menschen, schwule Männer und Bisexuelle zuweilen mit sehr unterschiedlichen rechtlichen und gesellschaftlichen Situationen konfrontiert waren, wurden sie bei anderen Gelegenheiten dennoch im selben Raum von Kriminalisierung, Medikalisierung oder Stigmatisierung zusammengefasst. Meine Entscheidung, »queer« als Sammelbegriff zu nutzen, mag angesichts der langjährigen Kritik
| EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN«
von Trans-Wissenschaftler*innen an der »Auslöschung von Transgender-Subjektivität durch die Queer-Theorie« und neueren Theoretisierungen der Trans-Studien, die für einen »Bruch mit dem etablierten erkenntnistheoretischen Bezugssystem der Frauenforschung und der Queer Studies« plädieren, überholt erscheinen.16 Wie ich jedoch in diesem Buch zeigen werde, lassen sich nicht-normative Verkörperungen von Geschlecht und Sexualität in der neueren deutschen Geschichte analytisch nicht immer scharf voneinander trennen. Stattdessen folge ich in dieser Untersuchung Kadji Amin, der vorschlug, dass »kritische Transgenderforschung« auch darin bestehen könnte,
»untrennbar mit Homosexualität verbundene Formen der Geschlechtervarianz in den Vordergrund zu rücken; sich auf ein feministisches Verständnis von Geschlecht nicht bloß als neutrale Kategorie sozialer Differenz, sondern als Schauplatz von Machtverhältnissen zurückzubesinnen; die Assoziation von transgender mit öffentlichem Sex, ökonomischer Marginalität, rassifizierter Ungleichheit und polizeilicher Maßregelung zu nutzen, um statt Identitätspolitik eine Politik struktureller Veränderung voranzutreiben.«17
Wenngleich ich also »queer« im Rahmen dieser Untersuchung für einen angemessenen und hilfreichen Oberbegriff halte, bezeichne ich die Akteur*innen in den folgenden Kapiteln mit einer Vielzahl von Termini. Ich verwende »schwul« als analytischen Begriff für Männer, die Liebe und Sex mit Männern begehrten, und »lesbisch« für Frauen, die Liebe und Sex mit Frauen begehrten. »Trans« verwende ich für Personen nicht konformen Geschlechts, die sich nicht als schwul oder lesbisch identifizierten, sondern möglicherweise als transgeschlechtlich, oder vielmehr – in der damaligen Terminologie – als »Transvestiten«. Den Begriff prägte der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld 1910 zur Beschreibung »eines Spektrums von Eigenschaften und Begehren des anderen Geschlechts«.18 Seit den 1920er Jahren wurde er auch als Selbstbezeichnung genutzt. Wann immer möglich, verwende ich spezifische Termini aus meinen historischen Quellen, wie etwa Bubi (eine maskulin auftretende Frau/Butch), Freundin und Freund, Homophiler, Homosexueller, Lesbierin, Mäuschen (eine feminine Frau/ Fem), Schwuler, Strichjunge (ein junger Mann, der sexuelle Dienstleistungen verkauft), Transvestit (transgeschlechtliche Person) und Tunte (ein femininer schwuler Mann).19 In diesem Buch geht es unter anderem darum, die Bedeutungen zu entwirren, die all diese Begriffe für die jeweiligen Sprecher*innen besaßen. Die Vielzahl der Begriffe hängt mit der Geschichte zusammen, zu der ich mit diesem Buch beitragen will: der Geschichte von Sexualität und Geschlecht, insbesondere nicht-normativer Sexualitäten und Geschlechter, die als zentrale Schauplätze gesellschaftlicher Machtverhandlungen, oder, mit den Worten Michel Foucaults, als »besonders dichter Durchgangspunkt für die Machtbeziehungen« fungieren.20 Es gibt so viele Wörter, weil so viel geredet
EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN« | 13
wurde: unter Kneipenbekanntschaften, Freund*innen und Liebenden, in Homophilen-Zeitschriften und der Mainstream-Presse; in Gesprächen zwischen Sexualwissenschaftlern, Ärzt*innen, Psycholog*innen und ihren Patient*innen, von Abgeordneten, Politiker*innen, Verwaltungsbeamten und Polizisten; von Historiker*innen und ihren Subjekten. Die unterschiedlichen Begriffe verweisen auf all jene, die an den Verhandlungen über nicht-normative Geschlechter und Sexualitäten beteiligt waren; die Vielzahl der Begriffe spiegelt somit die Vielzahl der Stimmen wieder, die an diesen Debatten mitwirkten. Seit langem argumentieren Forscher*innen, dass Berlin ein zentraler Schauplatz dieser Verhandlungen war.
Berlin besitzt in der queeren Vorstellungswelt einen mythischen Status als Utopie, in der queere Subkulturen sich Jahrzehnte früher entfalten konnten als irgendwo anders. Christopher Isherwoods autobiografischer Roman Goodbye to Berlin und das darauf basierende Musical und der Film Cabaret haben diesen Mythos entscheidend geprägt, Serien wie Transparent und Babylon Berlin haben ihn zuletzt fortgeführt. Seit den 1970er Jahren hat die historische Forschung dieses populäre Image wissenschaftlich untermauert und zugleich relativiert.
Erste Untersuchungen zum queeren Berlin stammen von Forscher*innen, die in den Schwulen- und Lesbenbewegungen verwurzelt waren.21 Die von Student*innen initiierte Ausstellung Eldorado: Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850–1950 von 1984 bezeugte eindrücklich die besondere Rolle Berlins als Katalysator einer modernen homosexuellen Identität: dass sich in der rapide wachsenden Industriemetropole und Hauptstadt des Deutschen Reichs seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in engem gegenseitigen Zusammenhang eine große queere Subkultur, die neue Disziplin der Sexualforschung und eine politische Bewegung zur Abschaffung der Kriminalisierung von Sex zwischen Männern entwickelt hatten.22 Seit Eldorado wurde in zahlreichen Studien das queere Berlin in der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik erforscht: die Überwachung und Verfolgung queerer Räume und Personen durch die Polizei, das florierende Nachtleben, die enge Zusammenarbeit zwischen Sexualwissenschaftler*innen und Aktivist*innen für Entkriminalisierung und Emanzipation, die Entstehung schwuler, lesbischer und trans Identitäten, die Rolle von Skandalen bei der Verbreitung sexuellen Wissens, das 1919 in Berlin gegründete weltweit erste Institut für Sexualwissenschaft sowie die diversen queeren Öffentlichkeiten der Weimarer Republik. Dabei trat eine Stadt zutage, die zwar kein Eldorado war, aber tatsächlich eine diverse, wenngleich nicht unzensierte queere Öffentlichkeit hervorgebracht hatte. Jüngere Forschungen haben allerdings die Grenzen dieser queeren Öffentlichkeit herausgearbeitet und darauf
| EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN«
hingewiesen, dass mittels der »Weimarer Übereinkunft zur Sexualpolitik« »unmoralische« Sexualitäten aus der Sphäre der Öffentlichkeit herausgehalten wurden.23
Als die Nationalsozialisten Anfang 1933 an die Macht kamen, nahmen sie sehr bald das Institut für Sexualwissenschaft ins Visier und machten den queeren Lokalen und Tanzsälen sowie der queeren Presse ein Ende.24 1935 verschärften sie den § 175, der Sex zwischen Männern verbot, so weit, dass schon flüchtige Berührungen potenziell kriminell waren. Zudem führten sie den neuen § 175a ein, nach dem Sex zwischen einen Mann und einem zu ihm in einem Abhängigkeitsverhältnis Stehenden oder einem männlichen Minderjährigen, ebenso wie die homosexuelle Prostitution mit bis zu zehn Jahren Zuchthaus bestraft werden konnten.25 Lesbische Frauen waren vom § 175 nicht betroffen, und die Nationalsozialisten gingen auch nicht unmittelbar gegen sie vor, da sie der Ansicht waren, dass ihre Fruchtbarkeit der »Volksgemeinschaft« weiterhin zur Verfügung stünde – anders als bei schwulen Männern, deren Zeugungskraft dem Staat verlorengehe.26 Trotz der Risiken und Verfolgung trafen sich queere Berliner*innen weiterhin. Bars, die sich an schwule Männer richteten, taten dies in einigen Teilen der Stadt eher im Verborgenen. Auch Treffen in privaten Freundeskreisen fanden während der NS-Zeit nach wie vor statt.27 Der als Kegelverein getarnte lesbische Club »Lustige Neun« organisierte queere Tanzbälle, auf denen zumindest bis 1940 überwiegend lesbische Frauen, aber auch schwule Männer und »Transvestiten« zusammenkamen.28
Die bisherige Forschung zum queeren Berlin der frühen Nachkriegsjahrzehnte bis 1970 konzentrierte sich vor allem auf die Wiederentstehung des queeren Nachtlebens und dessen Überwachung durch die Polizei, auf die ambivalente Figur des »Strichjungen« sowie auf die Tatsache, dass man schwulen NS-Opfern eine Rehabilitierung und Wiedergutmachung verwehrte und sie stattdessen weiterhin kriminalisierte und verfolgte.29 Die Forschung zu lesbischen und trans Subjektivitäten im Berlin dieser Zeit ist nach wie vor äußerst spärlich.30
Sexualität und Geschlecht in den beiden deutschen Staaten der Nachkriegszeit Sexualität, Geschlecht und Familie waren in der Nachkriegszeit wesentliche Anliegen in beiden deutschen Staaten, die trotz ihrer grundlegenden politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Unterschiede in den 1950er und 1960er Jahren auf diesem Gebiet auffallend ähnliche Entwicklungen verzeichneten. In der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik griff ab den 1950er Jahren ein sexueller Konservatismus um sich, der zu einer zeitweise massiven Verfolgung derer führte, die vom Pfad der Normalität abwichen – seien es nun gleichgeschlechtlich begehrende Männer, Frauen, die Sex außerhalb der Ehe suchten, oder rebellierende Jugendliche, »Halbstarke« oder »Rowdies« genannt.31 Ost- und Westdeutschland teilten den »homophoben Konsens« – ein Begriff, den die Historikerin Susanne zur Nieden
für die deutschen Staaten vor 1945 geprägt hat –, auch wenn sich diese Homophobie in den jeweiligen Gesellschaften durchaus unterschiedlich manifestierte.32
Die unmittelbare Nachkriegszeit ist oft als eine Phase voller Gewalt, Chaos und Krisen beschrieben worden: die Massenvergewaltigungen von Frauen durch – insbesondere sowjetische – Besatzungssoldaten; Familien, die durch Tod, Flucht und Gefangenschaft auseinandergerissen waren; und, nachdem die Männer körperlich und psychisch versehrt aus dem Krieg heimkehrten, eine Krise der Männlichkeit.33 Zugleich erinnert man sich an die Jahre nach der deutschen Niederlage auch als eine Zeit von Offenheit und voller Möglichkeiten, als das Ende der alten und das Versprechen einer neuen Ordnung, die Realitäten jenseits traditioneller Familienmodelle möglich machten und Hoffnungen auf eine weniger restriktive Zukunft aufkeimen ließen.34 Durch die Abwesenheit von Vätern und Ehemännern veränderte sich das allgemeine Verständnis von Familie.35 Wie die Historikerin Elizabeth Heineman gezeigt hat, war in den »Krisenjahren« zwischen der Niederlage der deutschen Armee in Stalingrad 1942 und der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 die alleinstehende Frau, deren Mann entweder im Krieg, tot oder in Gefangenschaft war, eher die Regel als die Ausnahme.36 In Westdeutschland wurde die queere Nachkriegsrealität der »Frauenfamilien« – Familien, denen zwei alleinstehende Frauen vorstanden – sogar zum Gegenstand politischer Debatten: Während der Beratungen zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wurde zwischenzeitlich erwogen, die Definition von Familie so auszuweiten, dass sie auch solche »Frauenfamilien« einschloss.37
Die rechtlichen Rahmenbedingungen in Ost und West
Die Hoffnungen auf einen Neuanfang schwanden bald nach der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949. Anstatt die verschiedenen bestehenden Familien zu schützen, begünstigte das westdeutsche Grundgesetz das traditionelle Familienmodell und erklärte: »Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung«. Im Verlauf der 1950er Jahre verfestigten sich traditionelle Geschlechterrollen und Vorstellungen von Familie wieder zusehends. Unverheiratete Frauen wurden angesichts des Männermangels argwöhnisch beäugt, und Frauenpaare, die zuvor noch als unverdächtig galten, solange sie nicht öffentlich ihre Zuneigung zur Schau stellten, sah man zunehmend als nicht-normativ an.38 Verheiratete Frauen wurden als Bürgerinnen zweiter Klasse behandelt und brauchten zur Aufnahme einer Arbeit und zur Eröffnung eines Bankkontos die Erlaubnis ihres Ehemannes.
In Ost- und Westdeutschland wurde das im späten 19. Jahrhundert etablierte Strafgesetz wiedereingeführt. Beide Staaten übernahmen zudem einige Änderungen aus der NS-Zeit, jedoch mit bedeutenden Unterschieden in Hinblick auf Sex zwischen Männern. Versuche der Alliierten, das deutsche Strafgesetz zu entnazifizieren und den
| EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN«
§ 175 in der Fassung von vor 1935 wiederherzustellen, scheiterten bald an der Teilung Deutschlands im Kalten Krieg.39 1951 stellte die DDR den § 175 in seiner alten, weniger weitgreifenden Fassung wieder her.40 Mit dem neuen sozialistischen Strafgesetzbuch von 1968 wurde der § 175 abgeschafft, wobei der neue § 151 ein anderes Schutzalter für homo- als für heterosexuellen Sex festlegte, wodurch bestimmte gleichgeschlechtliche Beziehungen weiterhin kriminalisiert wurden.41 Die Zahl der nach dem § 175 verurteilten Männer in Ostdeutschland war bereits seit Ende der 1950er Jahre rückläufig. Im Gegensatz dazu blieb in der Bundesrepublik die NS-Version des § 175 bestehen, was einen Zeitzeugen zu der Bemerkung veranlasste, »[f]ür die Homosexuellen [sei] das Dritte Reich noch nicht zu Ende«.42 Westdeutsche Richter*innen, viele von ihnen ehemalige Nazis, bestritten wiederholt, dass das Gesetz ein NS-Unrecht darstellte, und verurteilten bis zur Großen Strafrechtsreform von 1969 rund 50.000 Männer nach dem § 175.43 Den während der NS-Zeit hinzugefügten § 175a, der die männliche Prostitution sowie Sex mit einem abhängigen oder minderjährigen Partner kriminalisierte, behielten sowohl die DDR als auch die Bundesrepublik bei, und Verurteilungen nach diesem Zusatz waren in beiden deutschen Staaten vergleichbar hoch.44
Neben den § 175 und § 175a betrafen auch die Gesetze zur Erregung öffentlichen Ärgernisses, die seit dem 19. Jahrhundert weitgehend unverändert geblieben waren, nicht-normative Geschlechter und Sexualitäten. § 183, »Erregung öffentlichen Ärgernisses«, bestrafte, wer »durch eine unzüchtige Handlung öffentlich ein Ärgernis gibt«, in beiden Staaten mit einer Geldstrafe oder bis zu zwei Jahren Gefängnis, zusätzlich konnte auch der Entzug der bürgerlichen Rechte angeordnet werden.45 § 360 belegte »groben Unfug« mit einer Geldstrafe von bis zu 150 Mark oder einer Gefängnisstrafe.46
Diese Gesetze blieben in beiden deutschen Nachkriegsstaaten bis zu den Gesetzesreformen der späten 1960er Jahre, dem neuen sozialistischen Strafgesetzbuch in der DDR von 1968 und der Großen Strafrechtsreform von 1969 in der BRD, in Kraft. Auch die DDR schuf neue Gesetze, die Abweichungen kriminalisierten und die polizeiliche Überwachung öffentlichen Raums ermöglichten. Die »Verordnung über die Aufenthaltsbeschränkung« von 1961 und § 249 des neuen Strafgesetzbuchs, »Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten«, ermöglichten es, Bürger*innen das Betreten bestimmter Gebiete zu untersagen und sie, sofern sie für »arbeitsscheu« befunden wurden, zur Arbeit zu zwingen. Diese Gesetze wurden gegen verschiedene Gruppen eingesetzt, die von der sozialistischen Norm abwichen, insbesondere gegen Personen ohne feste Arbeit, rebellische Jugendliche sowie Frauen, die sexuelle Dienstleistungen verkauften. Der Rechtswissenschaftler Sven Korzilius hat gezeigt, dass das Gesetz ganz allgemein auf abweichende Sexualitäten abzielte: »Neben den in § 249 StGB ausdrücklich mit Strafe bedrohten Prostituierten rückten zwei weitere Personengruppen aus der Sicht der staatlichen Organe und der Rechtswissenschaftler in die Nähe ›Asozialer‹: Homosexuelle und Geschlechtskranke.«47 Bei einer Verurteilung
RECHTLICHEN RAHMENBEDINGUNGEN IN OST UND WEST | 17
nach der Verordnung von 1961 oder dem Gesetz von 1968 drohte die Einweisung in sogenannte »Arbeitserziehungskommandos« und das Aufenthaltsverbot für bestimmte Gebiete – üblicherweise Städte, die von westlichen Tourist*innen frequentiert wurden. Auch Gefängnisstrafen waren nach dem § 249 möglich, und die Gerichte machten von dieser Möglichkeit während des gesamten Bestehens der DDR häufig Gebrauch.48
Trotz der fortgesetzten Repressionen gegen außereheliche Sexualität erlebten sowohl Ost- als auch Westdeutschland »sexuelle Revolutionen«, die grundlegende Veränderungen hinsichtlich der sexuellen Konventionen der Bevölkerung mit sich brachten.49 Die Historikerin Dagmar Herzog interpretierte den westdeutschen Wunsch nach moralischer Reinheit bekanntermaßen als Versuch, sich von der sexuellen Freizügigkeit der NS-Zeit zu distanzieren, um so einer Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen auszuweichen.50 Die Historikerin Sybille Steinbacher erkannte darüber hinaus in den Sexualitätsdebatten der 1950er Jahren ein Wiederaufleben der um die Jahrhundertwende aufgekommenen Diskurse über Sexualmoral oder »Sittlichkeit«.51 Entsprechend deutete sie die Nachkriegsdebatten als Fortsetzung des Ringens um das Wesen und die Bedeutung der Moderne. Dank des westdeutschen »Wirtschaftswunders« konnte sich die Bevölkerung an diesen Debatten auch als Konsument*innen beteiligen: Durch den Kauf von Erotikartikeln aus den Beate-Uhse-Versandkatalogen und später in Sexshops wurden sie vom Markt über verschiedene Spielarten von Sex aufgeklärt und »lernten Liberalismus anhand von Sexualität«.52 Einerseits blieben verschiedene Aspekte sexueller Repression in Westdeutschland in den 1950er und sogar bis weit in die 1960er Jahre bestehen: Verurteilungen von Männern wegen des Verstoßes gegen den § 175 waren weiterhin hoch, und die Zahl der Eheschließungen erreichte zuvor ungekannte Ausmaße, wodurch andere Formen des Zusammenlebens an Akzeptanz verloren und die »normale Familie« – das verheiratete Paar mit Kindern – als vorherrschendes Gesellschaftsmodell zementiert wurde.53 Andererseits waren die Meinungen und Einstellungen zu Sex einem rapiden Wandel unterworfen. So bestellte in den frühen 1960er Jahren die Hälfte der westdeutschen Haushalte Erotikartikel aus Versandkatalogen, seien es Selbsthilfeliteratur, Verhütungsmittel, Spielzeug oder pornografisches Material.54 Dementsprechend begann die sogenannte »sexuelle Revolution« der späten 1960er und frühen 1970er Jahre im Westdeutschland der Nachkriegszeit bereits viel eher, und es »handelte … sich nicht um einen schlagartigen, fundamentalen Umsturz sexueller Interessenartikulation und Verhaltensformen, sondern um einen lange andauernden, komplizierten Prozess.«55 In Ostdeutschland veränderten sich die Vorstellungen und Praktiken von Sexualität ähnlich tiefgreifend, zudem folgten die Veränderungen trotz der immensen Unterschiede zwischen den beiden politischen Systemen
| EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN«
einem ähnlichen Muster, was die Historikerin Josie McLellan dazu veranlasste, von einer »ostdeutschen sexuellen Revolution« zu sprechen.56 Auch im sozialistischen Staat waren die 1950er und die erste Hälfte der 1960er Jahre von sexuellem Konservatismus und der Besorgnis über abweichendes Verhalten geprägt, die zweite Hälfte der 1960er und die 1970er Jahre hingegen von einem Trend hin zur Liberalisierung.57 Bis zuletzt aber hatte Sex in der DDR seinen Platz in einer langfristigen heterosexuellen Liebesbeziehung. Praktiken jenseits der reproduktiven, monogamen Sexualität waren verpönt, und in sexualwissenschaftlichen Handbüchern wurden Masturbation, Analsex und sadomasochistische Praktiken verurteilt.58
Gleichgeschlechtlich begehrende Ostdeutsche befanden sich in einer widersprüchlichen Lage, die von Forscher*innen zuletzt als »beständige Ambivalenz« oder »schizophren« bezeichnet wurde.59 Wenngleich die DDR Sex zwischen Männern nie so vehement verfolgte wie die BRD und den § 175 im Strafgesetzbuch von 1968 abschaffte, wurden queere Lebensweisen durch die neuen Paragrafen 151 und 249 weiterhin kriminalisiert. Zudem bedeutete das Fehlen einer freien Öffentlichkeit, dass keine queeren Publikationen und Organisationen entstehen konnten, was die Möglichkeiten queerer Ostdeutscher, sich zu treffen, kennenzulernen oder zu organisieren, erheblich einschränkte. »Beständige Homophobie« erscheint daher als passendere Beschreibung für den Umgang von ostdeutschem Staat und Gesellschaft mit queeren Bürger*innen.
Theorien und Methoden
Dieses Buch leistet sowohl einen Beitrag zur Wiederentdeckung queerer Leben als auch zur Analyse der Mechanismen, mittels derer sexuelle »Normalität« und »Differenz« produziert wurden. Damit bezieht es eine Vermittlerposition in einer Debatte, die queere Historiker*innen seit Jahrzehnten führen: Geht es bei ihrer Arbeit um die Suche nach »vor der Geschichte verborgenen« lesbischen, schwulen, bisexuellen oder trans (LSBT) Vorfahren, die es wiederzuentdecken gilt, oder eher um die Erforschung der Produktion von Sexual- oder Geschlechternormen durch die Herstellung sexueller und vergeschlechtlichter Differenz?60 Die Historikerin Laura Doan hat diese beiden Strömungen als »die Geschichte von uns«, eine Ahnengeschichte oder Genealogie einerseits, und eine »kritische queere Geschichte« andererseits beschrieben, wobei erstere »Queerness als Wesen« zu erforschen suche und letztere »Queerness als Methode«.61 Auch wenn es sich bei dieser Unterscheidung zum Teil um eine falsche Dichotomie handelt – denn der Großteil der jüngeren Forschung verfolgt beide Ansätze – sehen viele Autor*innen neuerer Studien in der queeren Stadtgeschichte und Geschichte der Sexualität sich offenbar genötigt, ihre Arbeiten entsprechend zu verorten.62 In Anlehnung an David Halperin verfolge ich einen genealogischen Ansatz, der die modernen Konzepte von Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit zum Ausgangspunkt
nimmt und ihre jeweiligen Entwicklungen zurückverfolgt.63 Wie ich zeigen werde, ist dieser Weg durchaus gangbar, ohne ahistorisch heutige Identitäten auf Subjekte in der Vergangenheit zu projizieren, die uns ähnelten und zugleich anders waren als wir.
Laurie Marhoefers Werk ist zwar nicht als Beitrag zur Debatte um »Queerness als Wesen«/ »Queerness als Methode« angelegt, dennoch plädiert er auf ähnliche Weise für einen »queeren methodologischen Ansatz, der eine Geschichte der ›Unsittlichkeit‹ hervorbringt statt lediglich eine Geschichte nur eines Aspekts von ›Unsittlichkeit‹«.64 Marhoefer stellt fest, dass die Menschen in der Zeit der Weimarer Republik verschiedene sexuelle Phänomene, zwischen denen wir heute differenzieren würden –wie Homosexualität, Prostitution und Empfängnisverhütung –, im Grunde als »ein einziges, umfassendes Phänomen« begriffen. Zeitgenössische Beschreibungen von »Unsittlichkeit« oder »sittlichem Verfall« reflektierten Marhoefer zufolge die Verflechtung dieser unterschiedlichen Themen.65 Obwohl ich ihm in diesem Punkt zustimme, zeige ich in diesem Buch, dass auch die Frage nach queeren Subjektivitäten ein produktiver Ansatz für die Geschlechter- und Sexualitätsforschung ist. Wir wissen einfach nicht genug über queere Leben zwischen 1945 und den 1970er Jahren, um nicht danach zu fragen, wie lesbische Frauen, schwule Männer und trans Menschen in diesen Zeiten gelebt haben.
Wie Marhoefers Buch befasst sich auch Bedrohtes Begehren mit Frauen und Männern sowie Menschen, die wechselnde Geschlechter verkörperten. Dieser Ansatz unterscheidet es von der überwiegenden Mehrzahl der Werke queerer Geschichte, insbesondere queerer Stadtgeschichte. Matt Houlbrook begründete die Auslassung lesbischer Subjektivitäten in seiner Analyse in Queer London damit, dass »der Zugang zu öffentlichen Räumen für Frauen problematischer war« und »Lesbischsein vor dem Gesetz unsichtbar blieb«.66 Trotz des einschränkten Zugangs von Frauen zu Geld und öffentlichen Räumen existierten jedoch in Städten wie London, New York und Paris lesbische Öffentlichkeiten. Für Berlin können wir sogar von einer – wenn auch kleinen – trans Öffentlichkeit während der Zeit der Weimarer Republik sprechen. Überdies ist auch die wissenschaftliche Analyse privater städtischer Räume lohnenswert, wenngleich ihre Erforschung anderer Methoden und Archive bedarf als die öffentlicher Räume. Studien, die die Leben von Frauen in der Stadt ausblenden, reproduzieren die (scheinbare) Ignoranz des Staates und schreiben das Bild der Stadt als rein männlicher Ort weiter. Infolgedessen können ihre Analysen der vergeschlechtlichten Erfahrung urbanen Lebens nur unvollständig bleiben. Ich habe in diesem Buch versucht, weibliche und trans Stimmen zu priorisieren und besonders auf lesbische und trans Subjektivitäten sowie deren Praktiken bei der Produktion von Räumen zu achten, selbst wenn sie in öffentlichen Räumen oft nur flüchtige Spuren hinterlassen haben.
Diese Kurzlebigkeit von lesbischen und insbesondere von trans Räumen zwingt Forscher*innen dazu, alternative Methoden zur Theoretisierung der Raumproduktion
20 | EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN«
zu finden.67 Die feministische Theoretikerin Sara Ahmed hat festgestellt, dass lesbische Räume oft »mit dem Kommen und Gehen der Körper, die sie einnehmen, kommen und gehen«.68 In diesem Zusammenhang verweist sie auf die räumliche Herkunft des Worts »queer«:
»Betrachten wir die Etymologie des Wortes ›queer‹, das vom indoeuropäischen Wort für ›verdrehen‹ stammt. Letztendlich ist ›queer‹ ein räumlicher Begriff, der dann in einen sexuellen Begriff übersetzt wird, ein Wort für eine verdrehte Sexualität, die keiner ›geraden Linie‹ folgt, eine Sexualität, die verbogen und krumm ist. Die Räumlichkeit dieses Begriffs ist kein Zufall. Sexualität selbst kann als räumliche Anordnung gedacht werden, nicht nur in dem Sinn, dass Körper sexuelle Räume einnehmen, sondern auch insofern, als dass Körper durch die Art und Weise, wie sie Raum einnehmen, sexualisiert werden.«69
Ahmeds Rückgriff auf den semantischen Ursprung von »queer« regt die Lesenden dazu an, über die metaphorischen Bedeutungen der Begriffe nachzudenken, mit denen Räume und die Bewegungen von Körpern in ihnen beschrieben werden. Für eine queere Stadtgeschichte ist das eine hochproduktive Denkrichtung. Ahmeds Beschreibung queerer Sexualität als »keiner ›geraden Linie‹ folgend« erinnert an alle möglichen Arten von Linien: Linien auf Stadtplänen, die Straßen, Gebäude und Bahngleise darstellen; U-Bahn-Linien; die Wege von Stadtbewohner*innen von der Schlafstätte zur Schule, Arbeit, Freizeit und zurück. Ein Synonym für »Linie« ist im Deutschen das Wort »Strich«, ein Begriff, der auch für Orte im öffentlichen Raum steht, an dem sexuelle Dienstleistungen verkauft werden. »Auf den Strich gehen« heißt, sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen, und »Strichjunge« – eine Figur, die in vielen Kapiteln dieses Buches noch eine Rolle spielen wird – heißt, ein Jugendlicher oder ein junger Mann, der diese Dienstleistungen anbietet.
Linien spielen auch in Jack Jen Giesekings Theoretisierung der Praktiken, mittels derer lesbische und queere Räume produziert werden, eine Rolle. Der*die Geograf*in Gieseking vergleicht die Seltenheit und Unbeständigkeit lesbischer und queerer Orte mit »Sternen und anderen Himmelsobjekten«, die »verstreut und nur sichtbar sind, wenn man weiß, wo und wann man danach suchen muss«.70 Die Netzwerke und Linien, die lesbische und queere Stadtbewohner*innen bei ihren alltäglichen Bewegungen zeichnen, etwa von einer Bar zum LSBT-Zentrum zu ihrem Zuhause, bilden Gieseking zufolge Konstellationen: »Indem ich der kontingenten Produktion virtueller, physischer und imaginierter Orte sowie den Linien und Netzwerken zwischen ihnen nachspüre, demonstriere ich die Bildung von Konstellationen als alternative, queerfeministische Praxis … der Produktion urbaner Räume.«71 Diese Konstellationen präsentiert Gieseking als Alternative zu den eher statischen Praktiken queerer Raumproduktion, die im
Allgemeinen mit schwulen cis Männern assoziiert werden, nämlich die »gayborhood«; ein Stadtviertel, in dem sich über einen längeren Zeitraum Geschäfte, Lokale und Wohnstätten schwuler cis Männer ballen.72 Die Räume, um die es in diesen Buch gehen wird, gehören beiden Kategorien an: So beleuchtet das »Bar«-Kapitel Stadtviertel, in denen sich queeres Nachtleben oft über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten konzentrierte, wohingegen die Kapitel über Privatwohnungen und Gefängnisse Räume analysieren, deren potenzielle Queerness sich erst durch die Präsenz queerer Körper, die queere Dinge taten, verwirklichte.
Das Archivmaterial zu diesem Buch habe ich zum einen in den Archiven der feministischen und LSBTIQ*-Bewegungen gefunden, zum anderen in Quellen staatlicher Institutionen, die oft nicht als queerhistorische Zeugnisse katalogisiert sind. In letzteren Archiven werden queere Historiker*innen und Forscher*innen aus anderen marginalisierten Communities nur fündig, wenn sie gegen den Strich oder »que(e)r« lesen: also gegen die Intention derer, die die jeweiligen Dokumente verfasst und gesammelt haben. Im Fall Berlins stellt die Teilung der Stadt im Kalten Krieg Forscher*innen zudem vor weitere Schwierigkeiten: So haben zwei getrennte Verwaltungen auch zwei Archive hervorgebracht – und obwohl die Stadt nun schon seit mehr als drei Jahrzehnten wiedervereinigt ist, sind manche Ost-Berliner Akten nach wie vor schlechter zugänglich als die aus West-Berlin. Die sich daraus ergebenden archivarischen Ungleichgewichte sind Bestandteil dieses Buchs; ich habe versucht, sie innerhalb der einzelnen Kapitel jeweils sichtbar zu machen.
Da es mir wichtig war, in diesem Buch queere Stimmen gegenüber denen des Staates zu privilegieren, begann ich meine Quellensuche in den Archiven der feministischen und LSBTIQ*-Bewegung. Hier fand ich Oral-History-Interviews, Publikationen der Bewegung, Nachlässe, bestehend unter anderem aus Korrespondenzen, Kalendern, Tagebüchern, autobiografischen und fiktionalen Schriften und persönlichen Fotografien. Meine Darstellung stützt sich aber auch stark auf staatliche Quellen, wie etwa West-Berliner Polizeiakten, Gerichtsunterlagen und Akten der Ost-Berliner Staatssicherheit. Somit gibt die erste Gruppe von Quellen die Perspektive von Menschen wieder, die queere soziale Räume hergestellt haben, die zweite dagegen die staatlicher Akteur*innen, die erstere überwachten, kriminalisierten und sie einzuschränken suchten. Da beide deutsche Nachkriegsstaaten sich um die Bedrohung sorgten, die queere Begehren und Subjektivitäten für die »Fragilität der Heterosexualität« darstellten, überwachten sie queere Räume intensiv und dokumentierten diesen Prozess ausgiebig.73 Bei der Verwendung dieser Quellen konzentriere ich mich auf die von queeren Berliner*innen angewandten Praktiken der Raum-Produktion und der Selbst-Erschaffung, selbst wenn diese oft durch homophobe Sprache und Perspektiven zum Ausdruck kommen. Im Gegensatz dazu sind queere Stimmen aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten relativ rar, und zwar aus verschiedenen Gründen. Die Erforschung schwuler und les-
| EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN«
bischer Geschichte begann in Westdeutschland erst in den 1970er und 1980er Jahren und in Ostdeutschland in den 1980er Jahren, die trans Geschichte entstand erst in den 2000ern. Aufgrund intergenerationeller Spannungen herrschte zwischen queeren Berliner*innen der Vorkriegsgeneration und denen, die während der schwul-lesbischen Emanzipationsbewegungen sozialisiert wurden, nicht immer das für die Weitergabe persönlicher Geschichten und Dokumente nötige Vertrauen. Oft hatten Überlebende von Kriminalisierung, Stigmatisierung und Homophobie »Beweise« ihrer queeren Leben vernichtet, damit diese nicht gegen sie verwendet werden konnten. Und zu guter Letzt mögen den Betroffenen viele Aspekte ihres alltäglichen Lebens, der Produktion queerer Räume, der Erschaffung des Selbst sowie ihrer emotionalen und sexuellen Praktiken auch als trivial und nicht aufzeichnungswürdig erschienen sein.
Zusätzliche Ungleichgewichte in meinem Archiv ergeben sich aus der Tatsache, dass es mehr Quellen aus West-Berlin als aus Ost-Berlin gibt und mehr Material zu Sex zwischen Männern, nicht-normativen Männlichkeiten und trans Frauen als zu Sex zwischen Frauen, nicht-normativen Weiblichkeiten und trans Männern. Bei den von queeren Menschen produzierten Quellen lässt sich das Ost-West-Ungleichgewicht auf die Ost-West-Unterschiede sowohl beim schwulen und lesbischen Aktivismus als auch in der Forschung zurückführen. Während Aktivist*innen in West-Berlin in den 1970er Jahren begannen, »ihre« Geschichte zu erforschen, und diese Forschung im Laufe der 1980er Jahre durch die Gründung von Archiven, Bildungseinrichtungen und eines Museums institutionalisierten, hatten Ost-Berliner Aktivist*innen keinen Zugang zu Publikationsmöglichkeiten und anderen Ressourcen, auch wenn sie in den 1980er Jahren ganz ähnliche Arbeit leisteten. Von den Bewegungsarchiven, die ich besucht habe – das feministische Archiv FFBIZ, das Schwule Museum, die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, das Spinnboden Lesbenarchiv, der Nachlass von Kitty Kuse in Christiane von Lengerkes Privatarchiv, das Lili-Elbe-Archiv zur Inter, Trans und Queere Geschichte74 sowie das Archiv der anderen Erinnerungen der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld –wurden nur die beiden letzten nicht in West-Berlin vor dem Mauerfall gegründet. Die West-Berliner Archive sammelten auch Material aus Ost-Berlin, und manche, wie das Schwule Museum, haben seit der deutschen Wiedervereinigung ihre Sammlungen mit DDR-Bezug erheblich erweitert. Nichtsdestotrotz bleiben es überwiegend westdeutsche Archive. Was die Ost-Berliner Bewegungsarchive anbelangt, finden sich bei der Robert-Havemann-Gesellschaft, die sich der Geschichte der DDR-Opposition widmet, Unterlagen mit Bezug zu queeren Leben seit den 1980er Jahren, aber nicht aus der Zeit davor.75 Das Lila Archiv in Meiningen, das von der Ost-Berliner lesbischen Aktivistin Ursula Sillge gegründet wurde, um »frauenrelevantes Kulturgut zu erhalten«, besitzt keine Nachlässe von lesbischen Frauen.76
Staatliche Quellen aus Ostdeutschland sind selbst dreißig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung noch immer schwer zugänglich. So sind etwa in der Polizeihistori-
schen Sammlung Berlin, wo der Archivar Jens Dobler mich auf einige wichtige Quellen für West-Berlin hinwies, die Akten der Ost-Berliner Volkspolizei noch nicht einmal erschlossen. Da dieses Archiv von privater Finanzierung abhängig ist, verfügt es weder über das Personal noch über die Ressourcen, um die Erschließung in naher Zukunft umzusetzen. Im Stasi-Unterlagen-Archiv können Forscher*innen die Kataloge nicht selbst durchsuchen, sondern müssen sich an die Sachbearbeiter*innen wenden und darauf vertrauen, dass diese wissen, wie das betreffende Thema zu suchen ist. In meinem Fall lieferte mir mein zugewiesener Sachbearbeiter zwar Material zu schwulen Männern, meinte jedoch, es gebe für den fraglichen Zeitraum keine Akten zu lesbischen Frauen, was er damit erklärte, dass Sex zwischen Frauen nicht verboten gewesen sei. Erst gegen Ende meiner Recherchen traf ich die Leipziger Dokumentarfilmerin Barbara Wallbraun, die bei Recherchen auf Stasi-Akten über lesbische Frauen im Berlin der 1960er Jahre gestoßen war.77 Sie war so großzügig, mir die relevanten Signaturen mitzuteilen, die der Archivar mir dann heraussuchte. Diese Episode zeigt, wie verhängnisvoll ein auf die Kriminalisierung fokussierter Zugang zu queerer Geschichte sein kann. Der Mangel an Quellen zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen zwischen Frauen ist ein Problem, mit dem sich vor mir schon Generationen lesbischer Historikerinnen produktiv auseinandergesetzt haben. Bereits 1987 stellte Hanna Hacker fest: »Der Wunsch, ihre [der Frauen-liebenden Frauen] ›Realität‹ darzustellen, erfordert eine andere Methodik und eine andere Sprache als die Analyse der mann-männlichen Dialoge.«78 Später verwies Martha Vicinus in einem Resümee der unterschiedlichen Paradigmen in der lesbischen Geschichtsschreibung darauf, wie nützlich »die Betrachtung des ›nicht Gesagten‹ und des ›nicht Gesehenen‹ zur Aufdeckung der Sexualleben von Frauen in der Vergangenheit« sei, oder »mit anderen Worten: Schweigen ist nicht leer, ebenso wenig wie Abwesenheit unsichtbar ist.«79 Dementsprechend habe ich in meiner Analyse Schweigen markiert und Abwesenheiten beschrieben; nichtsdestotrotz haben im Nachkriegsberlin lesbische Leben ihre Spuren sowohl in den Bewegungs- als auch in Staatsarchiven hinterlassen. Für den untersuchten Zeitraum belegen die Bewegungs-Quellen, wie etwa Homophilen-Zeitschriften, eine schwache, wenn auch signifikante lesbische Präsenz. West-Berliner Lesbenaktivistinnen der 1970er und 1980er Jahre überbrückten die Generationenunterschiede und gründeten Vereine, die sich an ältere lesbische Frauen richteten, interviewten sie für Bücher und Dokumentarfilme und schufen Archive zur Aufbewahrung ihrer Nachlässe, aus denen Historiker*innen heute reichlich schöpfen können. Aber selbst in staatlichen Archiven sind lesbische Leben präsent, auch wenn Sex zwischen Frauen nicht explizit kriminalisiert war.80
Um den alleinigen Fokus auf schwule cis Männer zu überwinden, habe ich eine breit angelegte Archivrecherche durchgeführt, wobei ich oft Hinweisen von Archivar*innen und lesbischen Historikerinnen gefolgt bin.81 In den Bewegungsarchiven sichtete ich neben den homophilen Publikationen sämtliche verfügbare Nachlässe und Oral-Histo-
| EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN«
ry-Interviews von Menschen, die während des von mir untersuchten Zeitraums in Berlin gelebt hatten. Im Landesarchiv erstellte ich mithilfe der Archivarin eine Liste von Begriffen, die abweichende sexuelle Verhaltensweisen und Subjektivitäten beschrieben und die womöglich bei der Maßregelung queerer Subjektivitäten zum Einsatz kamen, sowie eine Auflistung der für die Regulierung von Geschlechter- und Sexualitätsnormen relevanten Abschnitte des deutschen Strafrechts. Diese Listen enthielten unter anderem Stichworte wie »lesb« für Varianten von Lesbe/Lesbierin/lesbisch, »homo« für homosexuell, »aso« für asozial, »kuppelei« für die Vermittlung/Förderung sogenannter Unzucht, »gekra« für Geschlechtskrankheiten, »lid« (liderlich), »erregung« (öffentlichen Ärgernisses) und »grober unfug«, »unzucht«, »sittl« (sittlich), »betrug«, »trans« und »strich« sowie die fraglichen Abschnitte des deutschen Strafrechts, § 175, § 181, § 181a, § 183, § 360, § 327 und § 361. Anschließend durchsuchte ich die Polizei-, Gefängnis- und Gerichtsakten nach diesen Begriffen, sondierte Stichproben und bohrte tiefer, wenn ich für queere Subjektivitäten relevantes Material fand.
Oral-History-Interviews bilden eine wichtige Quellenart für dieses Buch, so wie sie seit Beginn der Disziplin eine unverzichtbare Quelle für die queere Geschichte der jüngeren Vergangenheit waren.82 Angesichts der oben beschriebenen Problematiken queerer Archive haben Oral Historys das Potenzial, einige der Schieflagen traditioneller Archive aufzufangen und über das, was traditionell als archivierungswürdig angesehen wird, hinauszugehen. Dabei stellen Oral Historys die queere Geschichte jedoch auch vor signifikante Herausforderungen. So bemerkte Nan Alamilla Boyd, dass es »Erzähler*innen von Oral History bzw. ethnografischen Erzähler*innen fast unmöglich ist, eine Sprache zu verwenden, die sich außerhalb der Parameter moderner sexueller Identitäten bewegt«.83 Das Wissen um den Zweck der Interviews, nämlich deren Bewahrung in einem schwul-lesbischen historischen Archiv, veranlasse die Erzähler*innen nicht nur dazu, sich selbst den Kategorien dieses Archivs entsprechend zu identifizieren, sondern auch, Teile ihrer Lebensgeschichten und insbesondere Sexualpraktiken zu zensieren, von denen sie glaubten, sie könnten die Seriosität ihrer Community beschädigen.84 Diese Verzerrung stellt für eine queere Geschichte, deren Interesse nicht darauf gerichtet ist, stabile schwule und lesbische Identitäten in der Vergangenheit auszumachen, sondern darauf, zu analysieren, wie die Konstruktion normativer und nicht-normativer sexueller Subjektivitäten sich im Laufe der Zeit verändert hat, ein Problem dar. Das Oral-History-Archiv, mit dem ich überwiegend gearbeitet habe, das Archiv der anderen Erinnerungen in Berlin, entstand als Teil der Bemühungen der deutschen Bundesregierung zur Rehabilitierung von Männern, die nach dem § 175 verfolgt wurden.85 Das Wesen des Archivs als staatlich gefördertes Wiedergutmachungsprojekt kreiert jedoch seine eigenen Ungleichgewichte; so besteht die Gefahr, dass in den dort erzählten Narrativen womöglich Verfolgungsgeschichten stärker betont werden als Erfolgsgeschichten.86 Unter Berücksichtigung dieser metho-
dologischen Einschränkungen sind Oral Historys für diese Studie von zentraler Bedeutung. Ich zitiere ausführlich aus fünf Interviews des Archivs der anderen Erinnerungen, aus einem Interview, das ich selbst durchgeführt habe, sowie aus Passagen von Oral-History-Interviews, die in historischen Studien veröffentlicht wurden. Bei der Annäherung an diese Quellen interessierte mich besonders, wie die Erzähler*innen über Räume in Berlin sprachen, was diese Räume jeweils für sie bedeuteten und wie sie sie nutzten, außerdem wie die Erzähler*innen ihre sexuellen und geschlechtlichen Subjektivitäten beschrieben. Daher habe ich mir zwar die Interviews vollständig angehört, dabei aber nicht das gesamte Narrativ analysiert, sondern nur die Episoden, in denen es explizit um Berlin ging.
Kapitelübersicht
Das Buch beginnt mit der Befreiung Berlins vom Nationalsozialismus Anfang Mai 1945. Wir begleiten die lesbische Kommunistin Hilde Radusch und ihre Lebensgefährtin Eddy Klopsch, die von ihrem Versteck auf dem Land zurück ins Stadtzentrum marschieren. In Kapitel 1 (Zuhause) untersuche ich, wie sich die Realitäten der Wohnungssituation in der Nachkriegszeit für queere Berliner*innen gestalteten und welcher familiären, politischen, sozialen und sexuellen Praktiken sie sich bei der Schaffung queerer Häuslichkeiten bedienten. Anhand von Oral-History-Interviews, Fotos, Erzählungen und privaten Nachlässen untersuche ich, welche Herausforderungen und Chancen die materiellen Realitäten der unmittelbaren Nachkriegszeit, insbesondere die Wohnungsnot und die Abwesenheit von Männern, für queere Berliner*innen mit sich brachten. Meine Analyse folgt feministischen Theorien des Zuhauses als Raum des Widerstands und der Häuslichkeit als Basis für die Schaffung des Selbst. In meiner Untersuchung queerer Praktiken von Häuslichkeit betrachte ich die Wohnstätten queerer Berliner*innen ebenso wie ihre Körper als wichtige Schauplätze für die Ausbildung eines Selbstempfindens und Zugehörigkeitsgefühls.
Von der prekären Privatheit des Zuhauses führt das Kapitel 2 (Gefährdete Geselligkeit: Queere Bars) in einen halböffentlichen Raum, der oft auch als »zweites Zuhause« bezeichnet wird: die Bar. Das Kapitel eröffnet mit Party-Fotografien, die von der West-Berliner Polizei gesammelt und mit Beschreibungen versehen wurden, und ich untersuche darin Lokale als Räume überwachter Geselligkeit. Dabei erörtere ich persönliche Erzählungen über das Nachtleben in (West-)Berlin vor dem Hintergrund von Polizeiakten, die die ständige Überwachung, regelmäßige Razzien und die gezielte Verfolgung derer belegen, die von der Polizei als »Transvestiten« oder »Strichjungen« kategorisiert wurden. Anschließend zeichne ich die sich verändernden Reaktionen auf diese Schikanen nach und zeige, wie Gäste und Wirt*innen die Überwachung in den 1960er Jahren nicht nur kreativ unterliefen, sondern auch offen bekämpften. Außer-
| EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN«
dem beleuchte ich die widerstreitenden Interessen verschiedener Behörden bei der Regulierung des West-Berliner Nachtlebens, wobei die Moral gegenüber dem Auftrag, die isolierte Stadt touristisch zu vermarkten, allmählich unterlag. Schließlich diskutiere ich, wie sich die Teilung der Stadt auf queere Ost-Berliner*innen auswirkte, die von diesen Orten der Geselligkeit nach dem Mauerbau im August 1961 weitgehend abgeschnitten waren.
In Kapitel 3 (Öffentliche Räume: Durchgänge, Übergänge, (Grenz-)Überschreitungen) begebe ich mich auf die Straßen und in die Parkanlagen der Stadt und untersuche, was öffentliche Räume für queere Berliner*innen bedeuteten und wie ihre Anwesenheit in der Öffentlichkeit bewertet und verfolgt wurde. In persönlichen Erzählungen und Polizeiakten erscheinen Straßen und Parks als Orte von Sehen und Gesehenwerden, von Flirten, Cruisen und Sex, aber auch von Beschimpfungen, Beleidigungen und Überfällen, von Überwachung und Verhaftungen. Einen Schwerpunkt des Kapitels bildet die Maßregelung nicht-normativer Geschlechter durch die Polizei, aber auch durch Passant*innen. Ich untersuche die lebensgeschichtliche Erzählung eines femininen Mannes, der den schwierigen Prozess des Erlernens normativer Männlichkeit beschreibt, sowie eine Polizeiakte, die den Politikwandel bei der Regulierung von »Transvestiten« in Berlin dokumentiert. Ein anderer Schwerpunkt sind die »Strichjungen«, die erneut als zentrale Figur auftauchen und sowohl wegen des öffentlichen Anbietens sexueller Dienste als auch wegen Verbrechen an ihren Kunden ins Blickfeld der Polizei gerieten. Im dritten Teil des Kapitels analysiere ich, wie das ostdeutsche Regime die stigmatisierte Figur des »Strichjungen« dazu benutzte, vom gewaltsamen Tod Günter Litfins, dem ersten Menschen, der an der Berliner Mauer erschossen wurde, abzulenken. Ich stelle die These auf, dass durch Litfins Tod und die darauffolgende Rufmordkampagne gegen ihn die Mauer für die queere Community zum Symbol für den queeren Tod wurde. Aus der Distanz konnte die Mauer jedoch auch als Vorlage für erotische Fantasien dienen, wie eine Kurzgeschichte aus der schweizerischen Homophilen-Zeitschrift Der Kreis zeigt.
Im letzten Kapitel 4 (Hinter Gittern: Gefängnisse als queere Räume) untersuche ich die Erfahrungen queerer Gefangener in Ost- und West-Berlin, mit besonderem Augenmerk auf Frauengefängnissen. In Oral-History-Interviews und Gefangenenakten erscheinen Strafvollzugsanstalten als Orte, die queere Subjektivitäten regulierten und zugleich ermöglichten. In den Akten von Ost- wie West-Berliner Frauengefängnissen finden sich Spuren von lesbischen Beziehungen und nicht-normativen Geschlechtern. Ende der 1960er Jahre wurden von Ost-Berliner Gefängnisleitungen die erst seit kurzem kriminalisierten »asozialen« Frauen wiederholt mit »lesbischer Liebe« und weiblicher Maskulinität in Verbindung gebracht.87 Die Akte der*des Gefangenen Bettina Grundmann in West-Berlin dokumentiert die Möglichkeiten und Grenzen der Handlungsmacht von Gefangenen. Sie zeugt zudem von queeren Subjektivitäten der
Arbeiterklasse, die sich in den Bewegungsarchiven nur selten finden. In diesen Quellen erscheinen die Gefängnisse als Räume, deren relativ isoliertes gleichgeschlechtliches Umfeld erotische Beziehungen zwischen Frauen begünstigte, wodurch sie, obwohl ursprünglich dazu gedacht, Straftäterinnen soziale Normen zu vermitteln, zu Räumen queerer Möglichkeiten wurden.
| EINLEITUNG: »MAMITA LÄSST BITTEN«
»Schöneberg – alte Heimat!«, so begann Hilde Radusch ihren Tagebucheintrag für den 8. Mai 1945.1 Darin bekundete sie ihre Freude darüber, endlich nach Hause zurückzukehren und sich nach Jahren einer prekären Existenz als Kommunistin nicht länger verstecken zu müssen. Die 1903 geborene Radusch war als junge Erwachsene in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) eingetreten und hatte sich während der Zeit der Weimarer Republik partei- und gewerkschaftspolitisch betätigt. 1933 wurde sie verhaftet und für knapp ein halbes Jahr inhaftiert. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis setzte Radusch ihre politische Arbeit kurzzeitig im Untergrund fort und führte anschließend ein unauffälliges Leben. Als sie 1944 von einer Bekannten vor ihrer bevorstehenden erneuten Verhaftung gewarnt wurde, flohen sie und ihre Freundin Eddy Klopsch aus Berlin und lebten versteckt in einer Gartenlaube in Prieros südöstlich von Berlin. Nun kehrten sie an genau jenem Tag in die Stadt zurück, an dem die deutsche Wehrmacht kapitulierte. Berlin stand bereits seit einigen Tagen unter sowjetischer Kontrolle – die Sowjets hatten am 30. April die rote Fahne auf dem Reichstag gehisst, und am 2. Mai hatte die Wehrmacht in Berlin kapituliert. Schon am 28. April hatte die sowjetische Militärverwaltung ihren ersten Befehl erlassen und mit der Neuordnung des öffentlichen Lebens der Stadt begonnen. Aus dem sowjetischen Exil und aus den befreiten Konzentrationslagern zurückgekehrte deutsche Kommunist*innen übernahmen rasch die drängenden Aufgaben, für die Bevölkerung Lebensmittel und Unterkünfte bereitzustellen sowie die Infrastruktur der weitgehend zerstörten Stadt wiederaufzubauen.2
Klopsch und Radusch, beide von Hunger und Krankheit geschwächt, waren die fast fünfzig Kilometer von Prieros nach Schöneberg zu Fuß gegangen, hatten in der Wohnung einer Freundin vorübergehend Unterschlupf gefunden, sich beim Bezirksamt, wo sie zufällig auf kommunistische Genoss*innen trafen, angemeldet und sogar ihre Lebensmittelrationskarten erhalten – und das alles innerhalb von zwei Tagen. Nachdem diese ersten Notwendigkeiten erledigt waren, führte Raduschs nächster Gang zum Polizeirevier am Alexanderplatz. Hier wollte sie die Akten einsehen, die die Behörden über sie angelegt hatten, musste vor Ort jedoch feststellen, dass diese verbrannt worden waren.3 Also lief sie weiter Richtung Norden, nach Pankow, wo, wie man ihr gesagt hatte, der sowjetische Stadtkommandant seinen Sitz hatte. Als diese Information sich als falsch herausstellte, machte sie kehrt und lief zurück in Richtung Süden, zu ihrer ehemaligen Wohnung im Bezirk Mitte. Diese war bei einem Bombenangriff teilweise
zerstört worden, aber Radusch packte einen Überseekoffer mit ihren Habseligkeiten auf einen Handkarren und machte sich dann wieder auf den Weg nach Schöneberg. »Innenstadt völlig vernichtet – brennt noch. Staub, Leute stehlen was nur möglich«, notierte sie an diesem Tag.4 Fiebernd kam Radusch in ihrer vorübergehenden Bleibe an. Obwohl sie sich »3/4 tot« fühlte, verließ sie am nächsten Morgen wieder die Wohnung, um zunächst ihre Freundin in der Brotschlange abzulösen und anschließend in der sowjetischen Kommandantur Bericht darüber zu erstatten, wie sie das Kriegsende in Prieros erlebt hatte.5 In Raduschs Aufzeichnungen finden sich zwischen Beschreibungen ihrer Besorgungsgänge auch Anmerkungen über die ruinierte Stadt, die sie dabei durchquerte, über die Stimmung unter der Bevölkerung und Gespräche über die politische Zukunft, die sie mit anderen Kommunist*innen führte. Am 10. Mai endet ihr Kriegstagebuch mit zwei Fragen: »Wo soll ich mich zur Arbeit melden? Wie wird es mit einer eigenen Wohnung?«6
Das physische Überleben und die Schaffung einer neuen politischen Zukunft sind die Hauptthemen in Raduschs Tagebuch der unmittelbaren Nachkriegszeit. Brot, Arbeit, eine Wohnung, Polizeiakten und Politik erscheinen in ihren Aufzeichnungen als gleichwertig dringende Bedürfnisse. Aus diesem Grund befasse ich mich in diesem Kapitel mit dem Zuhause sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn. Ausgehend von den Realitäten der Wohnsituation in der Nachkriegszeit und Praktiken der Häuslichkeit gehe ich der Frage nach, welche Schwierigkeiten sich queeren Berliner*innen bei der Schaffung eines Zuhauses stellten – ob sie nun alleine lebten, mit Partner*in oder in anderen Konstellationen. Wie gestaltete sich die affektive Arbeit der Schaffung eines Zuhauses – oder, etwas altmodischer ausgedrückt, eines Heims? Welche Formen des Zuhauses imaginierten und schufen sich queere Berliner*innen? Für viele Berliner*innen, die sich dem Nationalsozialismus widersetzt hatten, ging es dabei auch um die Frage nach der politischen Zugehörigkeit, die oft als Fortsetzung der progressiven Politiken der Weimarer Republik verstanden wurde. Kommunist*innen wie Hilde Radusch hofften, dass Berlin nun, wo der Faschismus besiegt war und die Stadt unter der Kontrolle der sowjetischen Armee stand, von Sozialist*innen regiert werden würde – und damit unter anderem auch von ihr selbst. Anderen, wie etwa dem trans Mann und Aktivisten Gerd Katter, ging es darum, das Vermächtnis des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld zu retten und das Institut für Sexualwissenschaft wiederzubeleben. In diesem Kapitel dokumentiere ich die Bestrebungen queerer Berliner*innen – Radusch, Katter, der Hundefriseurin Rita »Tommy« Thomas und anderer –, sich im politischen wie im privaten Sinn ein Zuhause zu schaffen. Warum Raduschs und Katters Bemühungen um einen politischen Neuanfang in Ost- wie West-Berlin bald enttäuscht wurden und welche unterschiedlichen Kräfte dazu beigetragen haben, werde ich anhand einer gründlichen Analyse von Archivdokumenten aufzeigen. »Der private Bereich war weniger eine Zone der Immunität als eine soziale Behauptung oder