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Arm aber sexy (Leseprobe)

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STEFAN WOLLE

ARM ABER SEXY

Die

Geschichte Berlins seit 1990

BeBra Verlag

Prolog

„Lasst es krachen!“

Silvesterparty am Brandenburger Tor

Das Gewimmel war ungeheuer. Schon am Nachmittag des Silvestertages 1989 strömten die Menschen zum Brandenburger Tor. Am späteren Abend sollen es mehrere Hunderttausend gewesen sein. Der symbolträchtige Ort in Berlins alter und neuer Mitte besaß offenbar eine magische Anziehungskraft. Hier sollten das neue Jahr 1990 und das neue Jahrzehnt begrüßt werden. Aber es ging um noch viel mehr, um einen Zeitenwechsel, der bereits begonnen hatte. Er wirbelte das Leben jedes Einzelnen durcheinander und die Folgen waren noch nicht abzusehen. Es hätte für diese Jahrhundertparty in der Tat keinen besseren Ort geben können als den Platz rund um das Brandenburger Tor.

Berlin ist voller solcher magischer Erinnerungsorte, die der französische Historiker Pierre Nora „lieu de mémoire“ genannt hat. Solche Erinnerungsorte können Plätze im räumlichen Sinne sein, aber auch Gegenstände, Bücher, Filme, Gerüche, Farben, Melodien oder Liedtexte. Oder eben Gefühle, die an bestimmte Orte, Zeitpunkte und Ereignisse geknüpft sind. So beispielsweise an das Gefühl, ohnmächtig vor einem verschlossenen Tor zu stehen. Erfüllt von dem Bewusstsein, niemals die Welt dahinter betreten zu können, zumindest nicht bis zum Erreichen des gesetzlichen Rentenalters. Das Brandenburger Tor ist schon daher unter den vielen Erinnerungsorten Berlins zweifellos die Nummer eins. Er bildet im Liniennetz der magischen Orte den zentralen Schnittpunkt. Inso-

Silvesterparty am Brandenburger Tor

fern ist er auch ein geeigneter Ort, die Reise durch Raum und Zeit der Berliner Geschichte seit 1990 zu beginnen.

8 Nach Öffnung der DDR-Grenzen am 9./10. November 1989 feierten die Menschen auf der Mauer am Brandenburger Tor.

Achtundzwanzig Jahre lang hatte das Säulentor im Niemandsland zwischen Ost und West gestanden. Die Gebäude rechts und links des Tores, genauer gesagt die kläglichen Reste, die der Krieg hinterlassen hatte, waren von den Ostbehörden schrittweise beseitigt worden. Als letztes Gebäude sprengte man Anfang der Achtzigerjahre den noch intakten Seitenflügel des legendären Hotels Adlon. Man wollte für die Grenzposten ein übersichtliches und nachts gut ausgeleuchtetes Schussfeld schaffen. Übrig blieb eine riesige grasbewachsene Brache mit nur wenigen Reihen armseliger Bäumchen. Darunter befanden sich die Kelleranlagen und Luftschutzbunker, die man nach dem Adlon-Abriss nicht ordnungsgemäß mit Schutt aufgefüllt hatte. Hier war ein Paradies für Ratten entstanden, die sich in den teilweise unter Wasser stehenden Hohlräumen sehr wohl fühlten. Auch Karnickel, die unter der Erde ihre Gänge gegraben hatten, hoppelten zur Freude der Touristen über „Lasst es krachen!“

die weitläufige Rasenfläche, am Himmel zogen Vögel ihre Bahn, ohne sich um Ost und West zu kümmern. Für Menschen aber gab es hier kein Durchkommen. Wer es dennoch riskieren wollte, sein sozialistisches Vaterland für immer zu verlassen, war gut beraten, es an anderer Stelle zu versuchen.

Im Mittelpunkt dieser gespenstischen Leere stand ebenso prächtig wie verloren das offenbar für alle Zeiten geschlossene Tor mit der Quadriga. Über der Siegesgöttin flatterte die schwarz-rot-goldene Flagge der DDR mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz, dem Emblem der Arbeiter-und Bauernmacht. Die Staatsflagge war zu zwei Seiten flankiert von roten Fahnen auf den beiden Flügelbauten des klassizistischen Bauwerks.

Der durch moderne Gebäude ergänzte einstige Prachtboulevard Unter den Linden endete mit einer quer über die Straße reichenden hüfthohen Blumenrabatte. Davor standen weiß lackierte Gartenstühle, auf denen sich die Besucher niederlassen konnten. Die Mauer sah man von hier aus nicht. Sie machte hinter dem Tor einen kleinen Bogen. In einiger Entfernung sah man die Siegessäule mit der vergoldeten Victoria und die sich im Wind wiegenden Baumwipfel des Tiergartens. Rechterhand erblickte man das notdürftig wiederhergestellte Reichstagsgebäude. Auf dem Dach wehte ebenfalls eine schwarz-rot-goldene Fahne – diese allerdings ohne Emblem. Hier trafen zwei feindliche Welten aufeinander, die aber allein schon wegen der ähnlichen Symbolik ihre gemeinsamen Ursprünge nicht verleugnen konnten.

Nachts war es merkwürdig still an dieser Grenzscheide zwischen den Machtblöcken. Autoverkehr gab es auf der Ostseite kaum und die wenigen Gaststätten und Cafés schlossen früh. Reglos standen die Posten vor dem von Scheinwerfern angestrahlten Brandenburger Tor. Auch der Mauerstreifen rechts und links des Wahrzeichens war in kaltes Flutlicht getaucht. Das Licht der Grenzanlagen strahlte insbesondere in kalten Winternächten sehr hell. Wenn in OstBerlin in den Seitenstraßen die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet war, wie es wegen Energiemangels gelegentlich geschah, lag über der Stadt ein seltsamer Schein, der an das Nordlicht gemahnte.

Von Zeit zu Zeit hörte man Unter den Linden ein unterirdisches Rumpeln – die Nord-Süd-Linie der Berliner S-Bahn, die ohne Halt unter Ost-Berlin hinwegtauchte und nur am Bahnhof Friedrichstraße hielt. Drei der vier Eingänge des Geisterbahnhofs Unter den Linden waren zugemauert und die Zugänge unter dem Straßenpflaster verschwunden. Nur ein Eingang, verdeckt durch ein Wachhäuschen aus Aluminium, blieb offen. Über eine Leiter stiegen die Grenzsoldaten zum Wachwechsel in den Untergrund. Dort standen sie im Halbdunkel der menschenleeren Bahnhöfe, auch für die Fahrgäste aus West-Berlin unsichtbar. Die gespenstisch leeren Haltepunkte, an denen die S-Bahn-Züge vorbeirauschten, waren für die West-Berliner zur Normalität geworden. Im Osten konnte sich kaum noch jemand daran erinnern, dass hier unter dem Pflaster einmal ein Bahnhof gewesen war.

Symbol der Spaltung und der Einheit

Die Demarkationsline am Brandenburger Tor trennte zwei feindliche Militärpakte, zwei politische Systeme, zwei deutsche Staaten und die beiden Hälften Berlins – gleichzeitig aber schuf das symbolträchtige Tor eine unsichtbare Klammer für diese getrennten Welten. Alle anderen Bauwerke Berlins gehörten entweder zum Osten oder zum Westen. Das Schloss Charlottenburg oder der Funkturm standen für West-Berlin, die Staatsoper Unter den Linden oder der Fernsehturm für Ost-Berlin. Das Brandenburger Tor mit der vierspännigen Quadriga repräsentierte als einziges Bauwerk die ganze Stadt. Es wurde in Ost und West in der politischen Propaganda wie auch in der Fremdenverkehrswerbung verwendet. Es stand insofern auf merkwürdige Weise gleichzeitig für die Einheit und für die Spaltung Berlins. Für westliche Staatsmänner war es der gegebene Ort, die Unmenschlichkeit des Kommunismus anzuprangern. John F. Kennedy besuchte am 26. Juni 1963 zusammen mit Konrad Adenauer und Willy Brandt die Grenzanlagen am Brandenburger Tor. Von ei-

„Lasst es krachen!“

nem Holzpodest betrachteten sie das von den DDR-Behörden mit Stoffbahnen verhängte Tor. Kennedy fragte den britischen Stadtkommandanten nach dem Hotel Adlon, wo er 1939 übernachtet hatte, seinen Kommentar zu dem Gesehenen sparte er sich für die Rede vor dem Rathaus Schöneberg auf. In jener Rede, in der er sich mit den Worten „Ich bin ein Berliner“ zur Freiheit West-Berlins bekannte, sagte er auch: „Die Mauer ist die abscheulichste und die stärkste Demonstration für das Versagen des kommunistischen Systems.“ Die Beseitigung der Mauer forderte er damals wohlgemerkt nicht. Zwei Jahrzehnte später, am 12. Juni 1987, tat dies Ronald Reagan mit den Worten: „Mr. Gorbatchev, open this gate!“ Dieser als naiv oder weltfremd empfundene Satz rief weltweit Kopfschütteln hervor. Wer damals vorausgesagt hätte, dass das Tor binnen zweier Jahre und einiger Monate offen sein würde, wäre für verrückt erklärt worden.

Im Osten dagegen galt das Tor mit der Quadriga offiziell als Symbol für die Rettung des Weltfriedens durch den Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“ – so die absurde Bezeichnung, die die SED-Propaganda dem monströsen Bauwerk verliehen hatte. Die DDR feierte den Tag ihrer größten Niederlage, den 13. August 1961, als historischen Sieg. Zu runden Jahrestagen gab es Sonderbriefmarken, Propagandabroschüren und jede Menge „Sichtagitation“, oft mit dem Brandenburger Tor als Hintergrund. 1976 traten am 13. August sogar die Kampfgruppen der Arbeiterklasse, die 1961 eine wichtige Rolle gespielt hatten, in der Karl-Marx-Allee zur Parade an. Auch beim Festumzug zum 750. Jahrestag Berlins am 12. Juli 1987 fuhr an der Tribüne in der Karl-Liebknecht-Straße ein Themenwagen vorbei, auf dem ein aus Pappe nachgebildetes Brandenburger Tor zu sehen war. Davor standen Statisten in der grauen Montur der Kampfgruppen mit umgehängten Maschinenpistolen. Erich Honecker auf der Tribüne erfreute dies sichtlich, die Zuschauer am Straßenrand jubelten.

Die Symbolkraft des Ortes war in der ganzen Welt präsent. Das wurde in der Nacht des Mauerfalls erneut deutlich. Obwohl hier kein Grenzübergang war, strömten in der Nacht des 9. Novem-

Symbol der Spaltung und der Einheit

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ber 1989 viele Menschen zum Brandenburger Tor und erkletterten von westlicher Seite den Betonwall. Das amerikanische Fernsehen hatte hier seine Kameras aufgestellt und sendete die Bilder in die Welt. Die Aufnahmen von den Menschen auf der Mauer gehören zu den fotografischen Ikonen des 20. Jahrhunderts.

Am Brandenburger Tor fanden seit dem Mauerfall die staatstragenden Rituale statt. In Anwesenheit hoher Gäste aus Ost und West wurde bei strömenden Regen am 22. Dezember 1989 das Tor schließlich für den Fußgängerverkehr freigegeben. Verkehrstechnisch hatte das zwar keine Bedeutung, doch Tausende Berliner schnappten sich ihre Regenschirme und jubelten Bundeskanzler Helmut Kohl und dem Ministerpräsidenten der DDR, Hans Modrow, zu, die gemeinsam das Tor durchschritten, um dann schnell wieder in ihren Limousinen zu verschwinden.

Die Scherben einer Nacht

Es folgte der Silvesterabend des Jahres 1989. Sieben Wochen nach dem Mauerfall sollte rund um das Brandenburger Tor die Party des Jahrhunderts steigen. Nach der verregneten Toröffnung vom 22. Dezember war ruhiges und niederschlagsfreies Frostwetter angekündigt. Die Temperaturen sollten zwischen 9 Grad minus und einem Grad über null liegen. „Der Wind weht schwach bis mäßig aus Ost bis Südost“, hieß es im Wetterbericht vom 30. Dezember 1989. „Verbreitet kommt es zu Reifablagerungen mit örtlicher Glättebildung.“

Schon am frühen Abend des Silvestertages herrschte überschäumende Partylaune. „Lasst es krachen“, sagten sich manche allzu übermütige Teilnehmer der Jahrhundertsause. Mitten im Gedränge wurden jede Menge Blitzknaller und Feuerwerkskörper gezündet, massenhaft stiegen mitgebrachte Silvesterraketen in den Abendhimmel über Berlin. Auch die Sektkorken knallten und der Alkoholpegel stieg. Wegen des Massenandrangs hatte es die Polizei in Ost und West längst aufgegeben, das Getümmel zu kon-

„Lasst es krachen!“

trollieren. Die Volkspolizisten in ihren grünen Uniformen besaßen ohnehin kaum noch Autorität, die West-Berliner Polizei konnte nur auf ihrem Hoheitsgebiet tätig werden. Hier und da wurde die Stimmung aggressiv. War es das Gefühl, dass nun Freiheit herrscht und alles erlaubt ist? Gab es einen Überschwang an falsch verstandener Freiheitseuphorie? Oder war es einfach nur jener Hang zur Randale, die sich am Rande jeder Großveranstaltung zeigt?

Zunächst wurde die Mauer erklettert. Im Polizeibericht werden Verletzungen durch Abstürze von den Betonwällen und Verbrennungen durch den unsachgemäßen Gebrauch von Pyrotechnik erwähnt. Um 21 Uhr begann das Jugendfernsehen „Elf 99“ des Fernsehfunks der DDR mit seiner Liveübertragung, die auf eine riesige Videoleinwand projiziert wurde. Einzelne Partyteilnehmer begannen gegen 23 Uhr an den Blitzableitern auf das Brandenburger Tor zu klettern. Zeitweilig befanden sich etwa 520 zum großen Teil angetrunkene Menschen auf der Plattform des Tores. Weitere Personen versuchten, das Bauwerk über die Leichtmetallkonstruktion der Videowand zu erklimmen, bis diese um 1.30 Uhr zusammenbrach. Dabei verletzten sich zahlreiche Menschen, teilweise schwer. Ein West-Berliner wurde auf dem Mittelstreifen Unter den Linden tot aufgefunden; es blieb unklar, ob er von der Leichtmetallkonstruktion der Videowand oder einem Baum gestürzt war.

Am Neujahrstag teilte der amtierende Vizepräsident der OstBerliner Volkspolizei, Oberst Joachim Griebel, mit: „Die unverzüglich einsetzenden Rettungsarbeiten der Volkspolizei und der Westberliner Polizei, des Deutschen Roten Kreuzes und des Roten Kreuzes von Westberlin wurden durch die Massenhysterie und den Scherbenpunsch auf dem Pariser Platz erschwert. Randalierer behinderten den Zugang zum Unglücksort und den Abtransport der Verletzten.“ Die traurige Bilanz der Silvesternacht: ein Toter, 135 Verletzte, von denen 80 in Ost- und 55 in West-Berliner Krankenhäuser gebracht wurden. Am Neujahrstag befanden sich insgesamt noch 22 Personen in stationärer Behandlung. Hinzu kamen beträchtliche Beschädigungen und Graffiti an dem Baudenkmal,

insbesondere an der Quadriga. An der Ausrüstung und den Fahrzeugen des Adlershofer Fernsehens entstand ein Sachschaden in Höhe von 30 000 DM. Acht der zehn Fahrzeuge des Fernsehfunks waren schwer beschädigt.

Auf der Pressekonferenz der Ost-Berliner Polizei bemühten sich die Verantwortlichen, die gute Zusammenarbeit der Ost- und der Westpolizei und anderer Rettungskräfte hervorzuheben. Auch wurde die Besonnenheit vieler West-Berliner gelobt. Doch in den Ost-Berliner Zeitungs- und Fernsehberichten dagegen mangelte es nicht an Versuchen, die Silvesterkrawalle in einen politischen Zusammenhang zu stellen. Ein Kommentator der Berliner Zeitung, dem ehemaligen Bezirksorgan der SED, schrieb am 3. Januar 1990, man könne das Ausufern der Party nicht der Polizei anlasten. „Schon eher wohl denen … die die Euphorie über die Öffnung des Brandenburger Tores zum Dauerzustand zu erklären suchten und am Silvesterabend ‚in Sektlaune‘ ans Tor einluden. Das fatale Wort von der nationalen Besoffenheit war schon längst gefallen, als nun mehr Korken knallten als gewollt und auch ungebetene Gäste erschienen.“ Die kryptischen Andeutungen klingen nach Verschwörung und Komplott und sind nur zur verstehen, wenn man sich erinnert, dass die Anhänger des gestürzten Regimes versuchten, den Prozess der „Euphorie als Dauerzustand“ zu beenden, also den Weg in die Einheit des Landes und der Stadt zu stoppen.

Immerhin wird sich manch braver Bürger im Osten gefragt haben, ob das nun die vielgerühmte Freiheit sei – unkontrolliertes Getümmel, Krawall, Unordnung, Sachschaden und Berge von Müll auf den Straßen.

Die so fröhlich begonnene und chaotisch verlaufene Silvesterparty am Brandenburger Tor mag man als eine Art Vorzeichen betrachten für die Dinge, die sich auf dem Weg zur Einheit Berlins ereignen sollten. Vorzeichen werden oft erst im Rückblick als zukunftsweisend wahrgenommen. Doch spätestens am Neujahrsmorgen 1990 war klar, dass es nicht bei der Einheitseuphorie der ersten Tage bleiben würde. Der Alltag forderte seinen Preis und alle praktischen, verkehrstechnischen, selbst die außenpolitischen

„Lasst es krachen!“

und staatsrechtlichen Fragen bezüglich Berlins waren ungelöst. Genauso klar war aber auch: Berlin würde bleiben, wie es immer war – hektisch, verrückt, aufgedreht, ein bisschen aufsässig, auf jeden Fall respektlos, frech, selbstbewusst bis zur Arroganz und unbeeindruckt von der großen Politik. Die Scherben und die Reste der verballerten Pyrotechnik rund um den Pariser Platz würde man zusammenkehren oder andere zusammenkehren lassen. Die nächste Party konnte kommen.

Doch es gab auch gute Nachrichten am Neujahrstag. Eine Minute nach Mitternacht wurde in der Ost-Berliner Charité das erste Berliner Baby des neuen Jahrzehnts geboren. Der kleine Georg W. war 48 Zentimeter groß und wog, wie eine Zeitungsnotiz verriet, 2710 Gramm. Wenigstens im Wettlauf um das erste Baby hatte der Osten damals die Nase vorn.

Scherben einer Nacht

Der Umbruch

„Berlin, dein Herz kennt keine Mauer“

Zu Beginn des Jahres 1990 war noch vollkommen unklar, wie es mit Deutschland weitergehen sollte, und nirgendwo war diese offene Frage von so unmittelbarer Bedeutung wie in Berlin. Ohne Vorwarnung und vor allem ohne jede Vorbereitung waren in einer Stadt zwei Welten ineinandergekracht wie zwei Raumschiffe aus unterschiedlichen Umlaufbahnen. Die beiden Fluggeräte waren bisher nicht ohne Kontakt gewesen, im Gegenteil. Irgendwie hatten sie sich immer gegenseitig umkreist. Vor allem aber hatten sie sich jeweils durch den anderen definiert und legitimiert. Das Raumschiff West-Berlin wäre ohne sein Gegenstück nicht existent gewesen. Das Gleiche gilt umgekehrt für Ost-Berlin. Beide Hälften der Stadt waren als These und Antithese nicht getrennt voneinander zu denken. Ganz im Sinne der Hegel’schen Dialektik von Kampf und Einheit der Gegensätze war die Vereinigung zur Synthese geradezu gesetzmäßig. Die Geschichte hatte sich in diesem Falle rund vierzig Jahre Zeit genommen. Für ein Menschenleben ist das eine lange, aus der Perspektive der Ewigkeit nur eine recht kurze Zeitspanne.

West-Berlin war die „Insel der Freiheit im roten Meer“ – so lautete tatsächlich eine der häufig gebrauchten Floskeln in den Jahren der großen Berlin-Krisen. Man sprach auch von „Frontstadt“ und vom „Stachel im Fleisch des Kommunismus“. Die westliche Stadthälfte wurde seit den Monaten der legendären Luftbrücke

1948/49 von den Amerikanern nachhaltig unterstützt. Auch die Bundesrepublik tat viel für den bedrohten Vorposten des freien Westens. Ost-Berlin wurde parallel als Schaufenster des blühenden Sozialismus städtebaulich, kulturell und versorgungstechnisch aufgepäppelt.

Beide Hälften der Stadt waren in all den Jahren in traulicher Feindschaft miteinander verbunden. Das Böse, auch das moralisch Verruchte und Gefährliche lauerte stets auf der anderen Seite. Keine Verleumdung war zu dumm, keine Beschimpfung zu krass und keine Lüge zu dick, um sie nicht der Gegenseite anzuhängen. Obwohl der Tonfall seit dem Berlin-Abkommen von 1971 maßvoller wurde, sah man sich in Berlin in direkter Konfrontation mit dem Feind – ein neuralgischer Punkt der weltweiten Systemauseinandersetzung, wie es in der DDR hieß. An anderen Orten der globalen Frontlinie ging es dramatischer und vor allem gewaltsamer zu – in Südostasien, im Nahen Osten oder in Lateinamerika, aber nur in Berlin standen sich US-amerikanische und sowjetische Soldaten im buchstäblichen Sinne Auge in Auge gegenüber.

Natürlich wollte ein großer Teil der Bevölkerung in beiden Teilen der Stadt vom Kalten Krieg nichts wissen und nahm das propagandistische Trommelfeuer eher genervt zur Kenntnis. Man fühlte sich einander sogar nahe. Im Osten wachte man mit den Morgennachrichten des RIAS auf – einem unter US-amerikanischer Regie stehenden West-Berliner Sender, der sich selbst eine „Freie Stimme der freien Welt“ nannte. Man erfuhr am Vormittag staunend und nicht ohne Neid die aktuellen Lebensmittelpreise im Westen. Die Gurken und Tomaten kamen zwar aus dem Osten, waren dort aber selten zu kriegen, ganz abgesehen von Südfrüchten, die man in der DDR teilweise nicht einmal dem Namen nach kannte. Nachmittags dominierte in den Kinder- und Jugendzimmern und insbesondere bei den an den Straßenecken herumlungernden Halbstarken, wie sie damals hießen, ungeniert die Musik des Klassenfeindes. Aus den Kofferheulen tönten neben Radio Luxemburg die West-Berliner Sender RIAS, SFB oder der amerikanische Soldatensender AFN. „Schlager der Woche“ war extrem angesagt,

„Berlin, dein Herz kennt keine Mauer“ 17

später vor allem die täglichen Sendungen von „RIAS-Treffpunkt“ oder „SFBeat“. Zum Abendbrot sah die ganze Familie die „Berliner Abendschau“ oder andere Sendungen des SFB-Fernsehens. Viele Ost-Berliner wussten über die aktuelle Politik West-Berlins besser Bescheid als über den Osten.

Zudem erzählten die Rentner, die nach West-Berlin fahren durften, von Wunderdingen – von unbegrenzter Warenfülle und schick aufgemachten Auslagen in Warenhäusern, von höflichen Verkäuferinnen, die mit unendlicher Geduld auf die Wünsche ihrer Kunden eingingen, von freundlichen Markthändlern, die Kostproben anboten, und vielen anderen Dingen, die im staatlichen Einzelhandel der DDR nicht undenkbar, aber doch selten waren. Auch von einem weiteren Unterschied wussten die „reisemündigen“ Senioren zu berichten: Die West-Berliner Polizei wollte bei der Einreise nicht einmal den Ausweis sehen. Die Ostgrenzer dagegen vertieften sich in die Reisepapiere und durchbohrten die „Grenzgänger“ förmlich mit ihrem Röntgenblick. Sie stellten in scharfem Ton alle möglichen Fragen und durchwühlten bei der Rückkehr die Einkaufstaschen nach verbotener Schmuggelware wie Zeitschriften, Schallplatten oder Werbebroschüren. Das Einführen jeglicher Text- oder Tonträger war strengstens verboten. Doch der Ost-West-Verkehr war keineswegs einseitig. Manche West-Berliner fuhren gerne und seit dem Berlin-Abkommen 1971 ohne Behinderung in den Osten. Sie waren in den Tanzlokalen, Restaurants oder auch ganz privat mit ihrem Westgeld stets gern gesehene Gäste. Wer allerdings länger als bis Mitternacht bleiben wollte, musste zur Grenze fahren, jenseits des Übergangs eine Wendekurve drehen und dann zurückkehren, um den Höhepunkt der Party nicht zu verpassen. Er konnte natürlich auch zum Bahnhof Friedrichstraße gehen, die Kontrollen passieren und sich auf der anderen Seite wieder anstellen. Tatsächlich verzeichnet ein bereits 1988 unter dem Titel Plaste und Elaste im Westen erschienenes deutsch-deutsches Wörterbuch für diese Art mitternächtlicher Rückkehraktion den Begriff „die Wende machen“. Im gleichen Jahr 1988 wurde übrigens zwischen Ost- und West-Ber-

lin eine Zwei-Tage-Regelung vereinbart. Im folgenden Jahr hatten sich solche privaten Wendemanöver durch die weltgeschichtliche Wende ohnehin erledigt.

Die Verbindungen rissen niemals ab. „Berlin, Berlin. Dein Herz kennt keine Mauer“ sang 1987 die Schülergruppe „John F. und die Gropiuslerchen“. Das Lied wurde ein Hit. Willy Brandts Diktum aus dem Jahr 1961, „Die Mauer muss weg!“, das als Originalton in den Chorgesang eingefügt war, erhielt neue Popularität. Am 6./7. und 8. Juni 1987 strömten viele Ost-Berliner Jugendliche zum Brandenburger Tor, um dort einige akustische Fetzen des „Concert for Berlin“ zu erhaschen. David Bowie oder die Gruppen „Eurythmics“ und „Genesis“ hatten in Ost-Berlin nicht weniger Fans als in West-Berlin. Als die Volkspolizei mit Gummiknüppeln gegen die Zuhörer auf der Ostseite vorging, ertönten Sprechchöre „Die Mauer muss weg!“ Das war neu und kam unerwartet. Wer in dieser Sommernacht nicht dabei war, wird nicht ermessen können, was es bedeutete, dass junge Leute, die 1961 noch nicht geboren waren, dieses legendäre Zitat von Willy Brandt aufgriffen und den Volkspolizisten entgegenschleuderten. Damals zeigten sich im Beton der Mauer jene ersten feinen Risse, die man zwar zukleistern, aber nicht wieder schließen konnte.

Rasender Stillstand

Wie immer es um die Fremdheit oder Nähe zwischen den Ost- und West-Berlinern vor 1989 gestanden haben mag, seit dem Mauerfall existierte ganz objektiv ein entscheidender Unterschied. Im Westen hatte sich so gut wie nichts geändert, außer dass die Straßen, Verkehrsmittel und Supermärkte nun voll mit Fremdlingen waren, die sich teilweise ungewöhnlich benahmen. Im Osten dagegen befand sich die Gesellschaft im freien Fall. Es war eine gefährliche Gemengelage entstanden. Das SED-Regime stolperte dem Untergang entgegen, aber noch war es präsent, und es verfügte über alle Machtmittel, die ihm nur schrittweise aus der Hand genommen

werden konnten. In den Betrieben und Institutionen hatte ein heftiger Wandel eingesetzt und doch musste die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten bleiben. Von der Gesundheitsfürsorge über die Stromversorgung bis zu den Verkehrsbetrieben musste und sollte alles weiter funktionieren. Chaos und Anarchie hätten nur die Kräfte des ancien régime gestärkt. Deswegen waren die fast elf Monate zwischen Maueröffnung und staatlicher Vereinigung ein komplizierter Balanceakt, der mit echt deutschem Ordnungssinn und Verantwortungsbewusstsein gemeistert wurde. Politisch musste der Umbau rasch voranschreiten. Überall fanden eilige Umbenennungen statt. Die SED nannte sich nun Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), aber es war die alte Partei und sie verfügte über beträchtliche Geldmittel, eine landesweite Infrastruktur und eine zwar dahinschmelzende, aber immer noch aktive Anhängerschaft. Die sogenannten Blockparteien, eben noch eifrigste Stiefellecker des SED-Regimes, präsentierten sich plötzlich als Opposition und taten so, als seien sie dies schon immer gewesen. Neue Gruppen und Gruppierungen, die aus der Bürgerrechtsbewegung kamen, mühten sich um den Aufbau eigener Organisationsstrukturen. Zunächst standen ihnen weder Räumlichkeiten noch Vervielfältigungstechnik, oft nicht einmal ein Telefon, geschweige denn eines der damals modernen Faxgeräte zur Verfügung. Im Zweifelsfall verständigte man sich auf höchst altmodische Weise durch Fernschreiben, die dann der Telegrammbote handgeschrieben auf dem Fahrrad zur gewünschten Adresse brachte.

Man hatte also im Osten viel mit der Zerstörung des alten Machtsystems zu tun. Das war leichter gesagt als getan. Denn wenn alte Gemäuer einstürzen, wirbelt das nicht nur Staub auf, sondern es kommen auch die eingemauerten und niemals ordentlich begrabenen Untoten ans Tageslicht. Solange ihre Taten nicht gesühnt und vergeben sind, gehen die Wiedergänger um und drängen sich in die Welt der Lebenden. Die Zukunft beginnt immer mit der Vergangenheit. So war es nach der ersten Freude über die Öffnung der Mauer auch im Winter 1989/90.

Schändung des Ehrenmals

Als sich die Berliner im November 1989 jubelnd in die Arme fielen, bedachte kaum jemand, dass sie nur sehr eingeschränkt Herr ihres Schicksals waren. Berlin unterstand immer noch der VierMächte-Verantwortung. West-Berlin war völkerrechtlich kein Teil der BRD und auch Ost-Berlin formal kein Teil der DDR, obwohl es mit Unterstützung der sowjetischen Besatzungsmacht und unter stillschweigender Duldung der Westmächte bereits 1949 zur Hauptstadt des neuen Staates erklärt worden war. Beide deutsche Regierungen und der West-Berliner Senat hatten sich zwar seit Jahren bemüht, dieses aus der Zeit gefallene Berlin-Statut vergessen zu machen. West-Berlin betonte stets seine kulturellen und wirtschaftlichen „Bindungen“ zur Bundesrepublik, doch es gab eine Reihe von alliierten Vorbehaltsrechten. Beispielsweise wurden junge Männer nicht zur Bundeswehr einberufen. Die DDR überging solche staatsrechtlichen Feinheiten geflissentlich und ließ trotz des entmilitarisierten Status der Stadt einmal im Jahr die „Nationale Volksarmee“ mit schwerem Kriegsgerät zur großen Parade aufmarschieren. Sie scherte sich weder um die regelmäßig ins Haus flatternden Proteste der westlichen Schutzmächte, noch um die Schäden, die die Panzerketten im Straßenpflaster hinterließen. Doch als der Status Berlins durch die Ereignisse im Herbst 1989 ins Wanken geriet, wurde die überkommene Rechtslage zum letzten Strohhalm, an den sich jene klammerten, die die DDR retten wollten.

Schauplatz dieses Endkampfes wurde das sowjetische Ehrenmal im Volkspark Berlin-Treptow – ein magischer Erinnerungsort ganz besonderer Art. Der Bronzesoldat aus dem Treptower Park war in der DDR als politisches Symbol allgegenwärtig. Alljährlich zum Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus am 8. Mai erschienen die führenden Persönlichkeiten der DDR mitsamt den diplomatischen Vertretern der Sowjetunion und hohen Militärs, die unter der Last ihrer Orden fast zusammenbrachen. Dazu kamen Delegationen von Werktätigen und Schulklassen mit Pionierhalstuch

oder FDJ-Bluse. Sie legten Blumengebinde nieder und beschworen mit Gedichten und Liedern die unverbrüchliche Freundschaft zur Sowjetunion. In fast jeder Stadt der DDR existierten Heldenfriedhöfe, Gedenkstätten und Mahnmale für die Sowjetsoldaten. Auch in Berlin gab es zwei weitere Ehrenmale – im britischen Sektor am Rande des Tiergartens und in der Schönholzer Heide im Norden Ost-Berlins. Die zentrale Stätte des Gedenkens jedoch war das Ehrenmal in Berlin-Treptow.

Bereits 1946 hatte die sowjetische Militärverwaltung einen Wettbewerb zur Gestaltung des Denkmals ausgeschrieben. Die Wahl fiel auf den Entwurf des Bildhauers Jewgeni Wutschetitsch, der selbst als Soldat im Krieg gekämpft hatte. Die Anlage in Treptow ist ganz und gar im heroisierenden Stil der Stalinzeit gehalten, in ihrer strengen Symmetrie und der klassizistischen Formensprache atmet sie Erhabenheit, Monumentalität und Größe. Ehrfürchtig und ergriffen betritt der Besucher das geweihte Areal. Zunächst durchschreitet er einen antiken Triumphbogen und nähert sich auf einer breiten, von Edeltannen gesäumten Allee einer in Trauer versunkenen, knienden Statue der „Mutter Heimat“. An diesem Punkt öffnet sich ihm der weite Blick auf die Anlage. Zentral erhebt sich auf einem zehn Meter hohen Hügel die Bronzestatue eines sowjetischen Soldaten. In der Rechten hält er ein Schwert. Auf dem linken Arm trägt er ein kleines Mädchen. Unter seinem Stiefel liegt ein zerbrochenes Hakenkreuz. Es war sicher kein Zufall, dass die Heldengräber in den stillen Tagen zwischen Weihnachten und Silvester des Jahres 1989 geschändet wurden. Unbekannte Täter sprayten politisch alberne und orthografisch nicht ganz korrekte Losungen an die Steinsarkophage und den Sockel der Krypta. In ungelenken Großbuchstaben stand dort zu lesen: „Sprengt das letzte Völkergefängnis – Sprengt die UdSSR“ oder „Besatzer raus!“ Der Verdacht, dass mit dieser Denkmalschändung der im Winterschlaf liegende russische Bär wachgerüttelt werden sollte, lag nahe. Wollte die Sowjetunion wirklich die Resultate ihres historischen Sieges von 1945 preisgeben und den Wiederaufstieg des Faschismus in Deutschland dulden? So laute-

te die rhetorische Frage. Das Neue Deutschland jedenfalls überschlug sich vor Empörung und rief zu einer Kampfdemonstration am Abend des 3. Januar 1990 auf. Gregor Gysi, der Vorsitzende der frisch in SED-PDS umbenannten Partei, schlug eine gemeinsame Ehrenwache der Sowjetischen Armee und der Nationalen Volksarmee der DDR vor. Ganz offenbar sollte in der sowjetischen Öffentlichkeit das Gespenst einer neofaschistischen Gefahr an die Wand gemalt und innenpolitisch eine „Einheitsfront gegen rechts“ geschaffen werden. Im Zeichen des Antifaschismus wurde versucht, eine letzte Verteidigungslinie zur Rettung der DDR aufzubauen. Um die Einreise von „Republikanern“, Anhängern einer damals in der BRD zugelassenen rechtsradikalen Partei, zu verhindern, sollten sogar wieder Grenzkontrollen eingeführt werden. Wie auf Bestellung fanden auch in anderen Städten, wie zum Beispiel in Gera, Schändungen von sowjetischen Ehrenmalen statt.

So sammelte sich am frühen Abend des 3. Januar 1990 die Anhängerschaft des alten Systems zur letzten Schlacht. Angeblich waren es 250 000 Demonstranten, darunter auffallend viele junge Männer. Ihre Formationen wirkten merkwürdig diszipliniert und die Parolen wie eingeübt. Sie forderten einen Verfassungsschutz für die DDR, was nichts anderes hieß als eine Neuorganisation der Staatssicherheit.

Die Dunkelheit des Winterabends und die umherschweifenden Scheinwerfer verliehen der Szenerie im Treptower Park eine gespenstische Note; die Fernsehübertragung und die Berichte der immer noch parteihörigen Zeitungen verstärkten diesen Eindruck. Schlagartig wurde klar, dass die demokratische Revolution noch nicht gesiegt hatte. Und so war es nur folgerichtig, dass sich in der zweiten Januarwoche alle Blicke auf die Stasi richteten.

„Stasi raus!“

Wer heute mit dem Auto in Richtung Osten Berlin verlässt, erreicht kurz hinter dem S-Bahnhof Frankfurter Allee ein Viertel mit gesichtslosen Neubauten aus der DDR-Zeit. Linkerhand an

„Stasi raus!“ 23

der Ruschestraße erblickt man einen offenbar leerstehenden, hoch aufragenden Gebäudekomplex, der einer ungewissen Zukunft entgegensieht. Hier in Berlin-Lichtenberg residierte zu DDR-Zeiten das Ministerium für Staatssicherheit der DDR, offiziell abgekürzt MfS und landläufig Stasi genannt.

Die Fahnen mitsamt den hohen Masten an der Ecke Ruschestraße/Frankfurter Allee sind verschwunden, die Tore stehen weit offen und jeder kann einen Blick in den Innenhof werfen. Bis zum 15. Januar 1990 war das völlig anders. Das Gelände war ein von Geheimnissen umgebener, gut bewachter und für die Bevölkerung unzugänglicher Ort, fast möchte man sagen ein magischer Unort. Selten sah man hier Menschen und selbst die anliegenden Straßen wirkten auch tagsüber wie leergefegt. Wer hier nicht arbeitete oder wohnte, mied den Ort. Und diejenigen, die hier tätig waren, redeten nicht darüber. Um das Gebäude standen bewaffnete Posten des Wachregiments „Feliks E. Dzierżyńksi“, der militärischen Einheit der Staatssicherheit.

Selbst die Taxifahrer, deren respektlose Berliner Großschnauze legendär war, senkten beim Vorüberfahren unwillkürlich die Stimme. Und wenn ein Auswärtiger fragte, was sich hinter den hochaufragenden Fassaden mit den verspiegelten Fenstern verbirgt, murmelten sie bedeutungsvoll: „Stasi“, „VEB Mielke“ oder „Horch und Guck“. Wie der Teufel im Volksaberglauben hatte das MfS viele vertraulich-anbiedernde Spitznamen, die man gebrauchte, um das Böse nicht beim Namen zu nennen und dadurch herbeizurufen. Die Stasi war allgegenwärtig, nicht zuletzt in der Fantasie der Untertanen. Doch niemand wusste wirklich, was diese Organisation trieb, konkret was sich in der Verbotenen Stadt in Berlin-Lichtenberg abspielte.

Umso erstaunlicher sind die Ereignisse vom 15. Januar 1990. Das Neue Forum, damals noch die wichtigste Oppositionsbewegung, hatte mit Flugblättern dazu aufgerufen, die Tore der Stasi-Zentrale symbolisch zuzumauern. Einige Demonstranten erschienen tatsächlich mit Maurerkelle und einem Eimer Zement. Eine Baufirma schüttete eine Fuhre Ziegelsteine aufs Pflaster und

das angesagte Happening konnte beginnen. Doch der Masse der Demonstranten ging das nicht weit genug. Die Sprechchöre wurden lauter und aggressiver. Einige Übermütige erkletterten die schweren Eisentore, die Situation drohte zu eskalieren. Da öffnete sich wie von Geisterhand das große Tor in der Ruschestraße. Nach einer Schrecksekunde strömten die Demonstranten auf das Gelände. Was sich dann abspielte, ist als „Sturm auf die Stasi“ ins kollektive Gedächtnis eingegangen.

Scheiben splitterten, Glasscherben regneten auf das Pflaster des Innenhofs. Mit lautem Krachen zerschlug ein Hydrokultur-Pflanzkübel auf dem Hof und ein dünnes Rinnsal Blumenwasser floss über den Asphalt. Im Wind wirbelten Papiere, die aus dem Fenster geworfen wurden. Es waren keineswegs zerrissenen Akten, sondern Schreibmaschinenpapier und Agitationsbroschüren, die als Konfettiregen niedergingen und auf dem regennassen Boden von den Demonstranten achtlos in den Schmutz getreten wurden.

Auf der Straße vor dem nun geöffneten riesigen Metalltor des Gebäudekomplexes wurde immer noch im Sprechchor skandiert: „Stasi raus! Stasi raus! Stasi raus!“ Andere Demonstranten sangen nach der Melodie einer bekannten Fußballhymne: „Stasi in den Tagebau“ oder „Stasi auf den Sondermüll“. Der Lärm vor dem Tor war fast lauter als innerhalb des ummauerten Gebäudekomplexes. Immer mehr Menschen drängten an den hilflos wirkenden Wachposten der Bereitschaftspolizei vorbei. Einige Polizisten winkten den Demonstranten aus dem Fenster des Wachgebäudes zu und klatschten demonstrativ Beifall. Seltsamerweise hielten einige von ihnen schwarz-rot-goldene Deutschlandfähnchen in den Händen. Eine merkwürdige Geste – immerhin waren die Einheiten der Bereitschaftspolizei in den Fünfzigerjahren gebildet worden, um bei inneren Unruhen eingesetzt zu werden. Es handelte sich also um eine Art Bürgerkriegstruppe. Später las man, es hätte sich nur um 60 Polizisten gehandelt. Wie bei den Demonstrationen im Oktober und November riefen ihnen die Menschen im Sprechchor zu: „Zieht euch um und schließt euch an!“ So weit wollten die jungen Wehrpflichtigen dann freilich doch nicht gehen.

„Stasi raus!“

Währenddessen drangen die Demonstranten in Gebäude ein und bemalten die Wände mit Parolen. Manche wollten irgendetwas tun, um ihrer lange aufgestauten Wut Ausdruck zu verleihen. Sie strömten zum Versorgungstrakt, schlugen die Glastüren ein und zertrampelten ein überdimensionales Porträt von Erich Honecker, das offenbar schon vorher abgehängt worden war, um in die Besenkammer geschafft zu werden. Honecker war ja inzwischen von den eigenen Genossen in den Abgrund des Vergessens geschleudert worden. Diese Übergriffe gefielen durchaus nicht allen Bürgern, die nun in Massen durch das Stasi-Gelände strömten. Sie skandierten im Sprechchor: „Keine Gewalt!“, das eigentliche Motto der Friedlichen Revolution. Ein Demonstrant rief seiner eigenen Schilderung zufolge: „Lasst die Scheiben heil!“ Daraus machte das Neue Deutschland zwei Tage später, Demonstranten hätten „unter Heil-Rufen das Gebäude gestürmt“.

Doch wie man die Sache auch sehen will, einige entfesselte Radaubrüder ließen sich nicht abhalten, in das Versorgungsgebäude einzudringen. Sie verwüsteten den Frisiersalon und plünderten die Buchhandlung. Dort fanden sich einige Kostbarkeiten, die ansonsten im Volksbuchshandel nur schwer zu bekommen waren, wie die zwölfbändige Ausgabe der Memoiren von Giacomo Casanova aus dem Gustav Kiepenheuer Verlag zu Weimar und Leipzig. Manche ließen als Andenken sogar Bücher mitgehen, die sie früher kaum in die Hand genommen hätten. Die Biografie von Erich Honecker war einer der Renner des Abends. Jedenfalls war die Buchhandlung am späten Abend so gut wie leergeräumt und auf dem Fußboden lagen nur noch zerknüllte Verlagsanzeigen und Karteikarten mit Buchbestellungen, die nun niemand mehr abholen würde.

In den Tiefkühltruhen der betriebseigenen Verkaufsstelle entdeckten die Teilnehmer der Stasi-Erstürmung Seelachsfilet und andere Leckerbissen, die man in den heimischen Kaufhallen schon lange nicht mehr gesehen hatte. Das stachelte die Wut weiter an, suchten die Menschen doch nach konkreten Belegen für den Machtmissbrauch und die Privilegien, von denen damals viel die

Rede war. Dennoch waren die Reaktionen auf das vermeintlich satte Wohlleben der Stasi-Mitarbeiter teilweise nicht ohne Humor. Auf die Tafel der Betriebskantine mit der Aufschrift „Speiseangebot“ hatte jemand in großen Lettern geschrieben: „Wasser und Brot“.

Andere Demonstranten waren schlichtweg erstaunt über den eigenen Mut, vielleicht sogar verwundert, wie einfach es war, diesen Ort einzunehmen, der seit Jahrzehnten eine Art Verbotene Stadt gewesen war. „Das Drachennest ist erstürmt“, sagte im Abendkommentar ein westlicher Radioreporter. Doch die Bürger fanden in den leeren Gebäuden weder Drachen noch andere Ungeheuer, sondern Büroräume, die sich wenig von denen im Wohnungsamt oder der Kreisschulbehörde unterschieden. Wie Besuchergruppen liefen die Menschen durch die Gebäude, betrachteten aufmerksam und interessiert die Hinterlassenschaften der Sicherheitsbehörde und machten Fotos. Beliebte Motive waren aufgebrochene Türen und zertrümmertes Mobiliar. Im Konferenzsaal flegelten sich einige junge Leute auf den Sesseln und genossen die außergewöhnliche Situation. Ein Spaßvogel stellte sich hinter das Rednerpult und versuchte aus dem Stegreif eines jener phrasenhaften Parteireferate nachzuahmen, wie sie jedermann kannte. Das erwies sich als nicht so leicht, wie man hätte annehmen können. Trotzdem amüsierten sich die Anwesenden köstlich.

Was auf die Erstürmung der Stasi-Zentrale folgte, ist keine spezifisch Berliner Geschichte, aber das Gewicht der Ereignisse verlagerte sich von der „Heldenstadt Leipzig“ nach Berlin. In der ehemaligen Stasi-Zentrale tagte seit dem Morgen des 16. Januar 1990 die „Arbeitsgruppe Sicherheit“ des Zentralen Runden Tisches, die den Auflösungsprozess der Staatssicherheit in Zusammenarbeit mit der Regierung organisieren sollte. Das Zentrale MfS-Archiv wurde kurz vor dem Ende der DDR von Bürgerrechtlern besetzt, um den Verbleib der Akten an ihrem angestammten Ort zu erzwingen. Hier entstand schließlich ein Stasi-Museum mit einer Ausstellung und der „Mielke-Suite“, den originalen Arbeitsräumen des Ministers für Staatssicherheit Erich Mielke. Und hier harrt

„Stasi raus!“

heute nach der Auflösung der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen ein Demokratie-Campus seiner künftigen Bestimmung. Einige Aufarbeitungsinitiativen haben dort bereits ihren Standort. Auch die seit 2021 unter der Obhut des Bundesarchivs befindlichen Stasi-Akten sollen in dem früheren Archivtrakt des MfS verbleiben. Doch das Gelände selbst wirkt heute wie eine beliebige Ansammlung von leer geräumten Bürogebäuden und einigen Serviceeinrichtungen, so eine Bankfiliale und ein von Vietnamesen geführtes Bistro. Lediglich nachts entfaltet der in helles Licht getauchte Ort noch seine beklemmende und gespenstische Aura als Dienstsitz eines mächtigen Überwachungsapparates.

„Die

Mauer

muss weg!“

In den Tagen nach dem Mauerfall wurde die politische Sprache um einen neuen Begriff reicher. Der Mauerspecht war geboren, oder sollte man, um im Bild zu bleiben, sagen, dem Nest entschlüpft. Das neue Wort meinte Zeitgenossen, die sich wie Spechte an den Betonteilen der Sperranlagen abarbeiteten. Das metallische Klopfen der Arbeitsgeräte gehört zu der unverwechselbaren SoundHistory der Stadt und ist in Tondokumenten überliefert.

Angeblich wurden die ersten Mauerspechte bereits in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 gesichtet. Fest steht, dass es bald schon zum Volkssport wurde, mit Hammer und Meißel loszuziehen, um ein Stück Beton von der Mauer abzuschlagen. Manche brachten sogar ihre Handbohrmaschine mit, um die Effizienz der Mauerzerstörung zu erhöhen. Bald schon sahen die Betonsegmente des Antifaschistischen Schutzwalls aus wie von Mäusen angeknabberte Käsestücke. Bei dieser Volksbewegung ging es keineswegs nur darum, ein Souvenir mit nach Hause zu nehmen oder mit den Betonsplittern Handel zu treiben. Die Sperranlagen waren das Symbol der Unfreiheit und Unterdrückung gewesen. Die Berliner hatten die Absperrungen teils zustimmend, in der Mehrheit gleichgültig und manche mit viel Wut im Bauch 28 Jahre lang ak-

zeptiert. Wolf Biermann hatte 1976 gesungen: „Der Stacheldraht wächst langsam ein / Tief in die Haut, in Brust und Bein.“ Insofern war die wilde Hackerei auch eine Art Selbstheilung. Mit beträchtlicher Verspätung folgten die Mauerspechte der Aufforderung „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Die Zerstörung der Mauer hatte etwas Therapeutisches. Sie glich dem Fädenziehen nach erfolgreicher Operation, um in der klinischen Metaphorik Biermanns zu bleiben. Selbst der schnell erblühende Handel mit „garantiert echten“ Mauerstücken brachte neben dem rein kommerziellen Gewinn auch eine Art Entdämonisierung und eine radikale Banalisierung mit sich, wie man sie sich nicht schöner hätte vorstellen können. Auf Verkaufsständen rund um das Brandenburger Tor lagen nun neben Orden, Rangabzeichen und Pelzmützen der NVA und der Sowjetarmee auch die bunt bemalten Betonsplitter. Die DDR verwandelte sich in „Erichs Resterampe“, wie in Anlehnung an den Namen einer damals florierenden Ladenkette gespöttelt wurde. Gegenstände, die einst von einer nahezu heiligen Aura umgeben waren, wie das Parteibuch der SED, ein Ehrendolch, den jeder Offizier zur Paradeuniform zu tragen hatte, und andere Devotionalien wurden jetzt von fliegenden Händlern verramscht. Dieser Ausverkauf hatte in seiner elementaren Unmittelbarkeit etwas Vernichtendes, dadurch aber auch Heilendes. Eine radikalere Art der Abrechnung mit der Vergangenheit ist kaum denkbar. Das gilt auch für die Mauer, die so lange die Menschen bedrückt hatte. Ob alle angebotenen Mauerteile echt waren oder ob sie von anderen Bauteilen aus Landwirtschaft und Industrie stammten, war den Käufern gleichgültig. Eine Reliquie ist so echt wie der Glaube an seine Echtheit: Von dem Holzkreuz, an dem Jesus starb, waren schon im Mittelalter so viele Späne im Umlauf, dass es für hundert Kreuze oder mehr gereicht hätte. Um das Geschäft am Laufen zu halten, erklärten die frommen Brüder, die den Handel in Jerusalem betrieben, ein Wunder sei geschehen, das Marterinstrument aus dem Holz der Wurzel Jesse würde immer wieder nachwachsen. Ähnliches geschah mit der Berliner Mauer. Wenigstens als Mauer in den Köpfen wuchs sie immer wieder nach und der Handel

mit den bunten, in Plexiglas eingefassten Betonstückchen war ein kleiner, aber stabiler Faktor für den Berliner Andenkenhandel.

In dem Roman Stern 111 von Lutz Seiler berichtet einer der Protagonisten der Hausbesetzerszene über den Vertrieb von Mauerstücken: „Es gibt Anfragen von Firmen, sogar aus Übersee. Sie kaufen die richtig großen Teile, komplette Elemente, Meterware. Das steht dann vor irgendeiner Firmenzentrale in Cincinnati oder an einem Swimmingpool in Sacramento. Auch Privatleute werden beliefert, klar, Kleinvieh macht auch Mist. Manche wollen ihr Stück Mauer in einer besonderen Form, mehr sage ich nicht dazu. Wir fertigen das an, in unserer Werkstatt, diskret, schön geschliffen.“

Die Forderung „Die Mauer muss weg!“ wurde zur unausgesprochenen Richtlinie der Stadterneuerung. Erst als immer mehr junge Menschen und Besucher fragten: „Wo war denn eigentlich die Mauer?“, griff das Bedürfnis nach Erinnerungsstätten um sich. An vielen Stellen kennzeichnen seitdem in die Straße eingelassene Pflastersteine den früheren Mauerverlauf. Trotzdem reicht alle Fantasie nicht aus, sich an pulsierenden Orten wie dem Potsdamer Platz die tiefgestaffelten Sperranlagen in ihrer Brutalität vorzustellen. In der Bernauer Straße wurde eine Gedenkstätte geschaffen, ein 70 Meter langes Mauerstück wurde hier wiedererrichtet. Die Mauerteile dafür hat man von anderen Abschnitten hierherschaffen müssen. Zusätzlich gibt es ein Besucherzentrum und eine Kapelle der Versöhnung in ultramoderner Architektur, alles erst 2014 vollendet. So existiert nun immerhin ein offizieller Gedenkort für Kranzniederlegungen. Die latente Todesdrohung für jeden, der sich vom Osten her mit Fluchtabsichten diesem Ort näherte, können die Aufbauten nicht vermitteln, ebenso wenig das Gefühl, wie ein Zootier hinter Gittern zu leben. Rund um die Gedenkstätte Checkpoint Charly –auch dies ein international bekannter Erinnerungsort – hat sich ein skurriler Rummel aus Pommesbuden und Verkaufsständen mit Kitsch und Devotionalien etabliert. Offenbar entzieht sich die Mauer in ihrer komplexen Wirklichkeit der verdinglichten Erinnerung als Mahnmal, Gedenkstätte oder Museum. Bedrückend war ja nicht das Bauwerk als solches, sondern die nächtliche Stille mit-

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