Skip to main content

Wachstumsausblick Europa: Energiepreisschock belastet das Wachstum im Euroraum

Page 1


WACHSTUMSAUSBLICK EUROPA

Energiepreisschock belastet das Wachstum

im Euroraum

▪ Gedämpfte Wachstumsdynamik im Euroraum: Der durch den Iran-Konflikt ausgelöste Energiepreisschock belastet die wirtschaftliche Entwicklung spürbar. Die Wirtschaftsleistung dürfte im Jahr 2026 mit rund 0,7 Prozent nur verhalten zulegen. Der Konsum bleibt voraussichtlich die zentrale Stütze, während Investitionen kaum zulegen und der Außenhandel bremst

▪ Der Ausblick hängt maßgeblich von den Energiemärkten ab: Kommt es zu einer deutlichen und raschen Entspannung der Energiepreise, dürfte sich die Konjunktur nur begrenzt beleben. Bleiben Belastungen droht Stagnation; selbst eine Rezession ist nicht vom Tisch, sollte die Straße von Hormus das ganze Jahr blockiert bleiben.

▪ Stabilisierende Impulse bleiben begrenzt: Der Energiepreisschock treibt die Inflation, während sich die Konjunktur abschwächt – die Geldpolitik steht damit vor einem ausgeprägten Zielkonflikt. Entscheidend ist, ob sich der Preisdruck über Erwartungen und Zweitrundeneffekte verfestigt. Bislang sind nur moderate Zinserhöhungen zu erwarten. Fiskalpolitisch ist Maßhalten angezeigt, einschließlich sehr gezielter Entlastungen. Restriktivere Finanzierungsbedingungen sowie Belastungen aus Handelspolitik und globalem Wettbewerb wirken zusätzlich dämpfend.

▪ Strukturelle Wachstumsbedingungen stärken: Neben der kurzfristigen Entwicklung wird entscheidend sein, die Grundlagen für stärkeres Wachstum zu verbessern – insbesondere durch bessere Investitionsbedingungen und strukturelle Reformen. Fortschritte bei Binnenmarkt sowie die Diversifizierung von Handel und Lieferketten bleiben zentral, um die Wachstumsbasis zu verbreitern und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Einleitung

Der Euroraum ist mit einer schwachen, aber weiterhin positiven Wachstumsdynamik in das Jahr 2026 gestartet. Das Bruttoinlandsprodukt legte im ersten Quartal leicht zu, gleichzeitig hat sich die Dynamik im Vorjahresvergleich deutlich abgeschwächt und setzt damit den seit dem zweiten Halbjahr 2025 beobachteten Trend fort. Während der private Konsum die wirtschaftliche Entwicklung weiterhin stützt, zeigen sich in zentralen Bereichen – insbesondere in der Industrie, im Einzelhandel und in den Frühindikatoren – zunehmende Abschwächungstendenzen.

Der Ausblick für 2026 wird maßgeblich durch den eskalierenden Konflikt im Nahen Osten geprägt, der die zentrale Belastungsquelle für die europäische Wirtschaft darstellt. Die Transmission erfolgt vor allem über stark gestiegene Energiepreise, die die Kaufkraft der Haushalte belasten und die Kosten der Unternehmen erhöhen. Gleichzeitig führen erhöhte Unsicherheit, ungünstigere Finanzierungsbedingungen und eine schwächere globale Nachfrage zu einer spürbaren Zurückhaltung bei Investitionen und Konsum. Über den Außenhandel wirken zudem anhaltende handelspolitische Spannungen – insbesondere im Verhältnis zu den USA – sowie zunehmender internationaler Wettbewerbsdruck dämpfend auf die wirtschaftliche Entwicklung. Der Arbeitsmarkt zeigt sich zwar weiterhin robust, verliert jedoch an Dynamik und kann die konjunkturelle Abschwächung zunehmend weniger abfedern.

Die wirtschaftspolitische Reaktion bleibt in diesem Umfeld begrenzt: Die Geldpolitik sieht sich mit der Herausforderung konfrontiert, auf den energiegetriebenen Inflationsanstieg zu reagieren, während sich die Konjunktur gleichzeitig abschwächt. Entsprechend bleibt sie vorsichtig ausgerichtet. Auch von der Fiskalpolitik gehen lediglich moderate Impulse aus, da zusätzliche Ausgaben durch begrenzte fiskalische Spielräume eingeschränkt werden. Insgesamt dürften wirtschaftspolitische Maßnahmen die dämpfenden Effekte des Schocks daher nur teilweise ausgleichen.

Vor diesem Hintergrund erwarten wir im Basisszenario für 2026 ein Wachstum von rund 0,7 Prozent im Euroraum und damit eine Entwicklung deutlich unterhalb des Potenzialwachstums. Zugleich bleibt der Ausblick mit hoher Unsicherheit behaftet, weshalb wir ihn um eine Szenariospanne ergänzen: Während eine rasche Deeskalation zu einer leichten Belebung führen könnte, besteht im Falle eines anhaltenden oder eskalierenden Konflikts ein erhebliches Risiko einer weiteren Wachstumsabschwächung bis hin zu Stagnation. Die Risiken sind damit klar nach unten gerichtet.

Mit unserem Wachstumsausblick bieten wir einen kompakten Überblick über die wichtigsten makroökonomischen Entwicklungen im Euroraum. Wir beleuchten die maßgeblichen konjunkturellen Treiber und Risiken, ordnen die Rolle geld-, fiskal- und handelspolitischer Impulse in den europäischen Kontext ein. Unser Ziel ist es, Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eine fundierte Grundlage für strategische Einschätzungen und wirtschaftspolitische Weichenstellungen zu bieten. Konjunkturelles Lagebild im Euroraum

Der Euroraum ist mit einer insgesamt verhaltenen, aber stabilen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in das Jahr 2026 gestartet. Dabei haben sich die wirtschaftlichen Auswirkungen der seit Ende Februar andauernden militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA, Israel und dem Iran im ersten Quartal noch nicht vollumfänglich in den makroökonomischen Kennzahlen niedergeschlagen, da Belastungen insbesondere über höhere Energiepreise und mögliche Lieferkettenstörungen mit zeitlicher Verzögerung wirksam werden dürften.

Im ersten Quartal 2026 stieg das saisonbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euroraum laut Eurostat gegenüber dem Vorquartal um 0,1 Prozent. Im vierten Quartal 2025 hatte das BIP noch um 0,2 Prozent zugelegt. Im Vorjahresvergleich erhöhte sich das saisonbereinigte BIP im ersten Quartal 2026 im Euroraum um 0,8 Prozent, nachdem im Vorquartal noch ein Wachstum von 1,3 Prozent verzeichnet worden war.

Unter den Mitgliedstaaten, für die Daten für das erste Quartal 2026 vorliegen, verzeichnete Finnland mit einem Plus von 0,9 Prozent den stärksten Anstieg gegenüber dem Vorquartal. Es folgten Ungarn (+0,8 %) sowie Estland und Spanien (jeweils +0,6 %). Rückgänge wurden hingegen in Irland (-2,0 %), Litauen (-0,4 %) sowie Schweden und Rumänien (jeweils -0,2 %) registriert. Im Vergleich zum Vorjahresquartal wiesen 17 Mitgliedstaaten eine positive Wachstumsrate auf, während in zwei Ländern ein Rückgang zu verzeichnen war.

Wie die folgende Grafik zeigt, hat sich die Wachstumsdynamik im Euroraum (EWU-20) seit dem zweiten Halbjahr 2025 abgeschwächt, nachdem im ersten und zweiten Quartal 2025 im Vorjahresvergleich noch Wachstumsraten von rund 1,6 Prozent verzeichnet worden waren. Das Wirtschaftswachstum wird weiterhin maßgeblich vom privaten Konsum getragen. Positiv hervorzuheben ist zudem, dass im Jahr 2025 auch die Investitionen einen deutlich stärkeren Beitrag zum Wachstum geleistet haben. In einem Umfeld zunehmender handelspolitischer Spannungen und intensiveren internationalen Wettbewerbs ist festzustellen, dass die Nettoexporte zuletzt einen dämpfenden Wachstumsbeitrag geleistet haben.

BIP-Wachstumsbeiträge* im Euroraum (20), in Prozent

Private Konsumausgaben

Konsumausgaben des Staates

Vorratsveränderungen

Bruttoanlageinvestitionen

*Veränderung ggü. Vorjahr, kalender- und saisonbereinigt

Quellen: Macrobond, EZB

Handelsbilanz

Total

Reale Wirtschaftsindikatoren: Industrie schwächelt, Einzelhandel verliert an Dynamik

Nachdem die Industrieproduktion im weniger volatilen Zwei-Monats-Durchschnitt zwischen Mai 2023 und Januar 2025 rückläufig war – unter anderem belastet durch die im internationalen Vergleich hohen Energiepreise – zeichnete sich ab Februar 2025 eine Trendwende ab. In der Folge verzeichnete die Industrieproduktion bis Januar 2026 im betrachteten Jahreszeitraum ein durchschnittliches Wachstum von rund 1,6 Prozent. In den zuletzt verfügbaren Daten ist jedoch seit Februar erneut ein Produktionsrückgang zu beobachten. Ob es sich dabei um eine vorübergehende Schwäche oder den Beginn einer erneuten Abschwächung handelt, bleibt abzuwarten.

Industrieproduktion* im Euroraum, in Prozent

*Volumenindex, 2-Monats-Durchschnitt, saisonbereinigt

Quellen: Macrobond, Eurostat

Im Zuge der im Verlauf des Jahres 2025 wieder positiven Wachstumsraten der Industrieproduktion ist auch die Kapazitätsauslastung leicht gestiegen. Zu Beginn des zweiten Quartals 2026 belief sie sich saisonbereinigt auf 78,5 Prozent. Damit liegt sie jedoch weiterhin unter dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre von 80,3 Prozent, was auf eine insgesamt gedämpfte Industriekonjunktur hindeutet. Vor dem Hintergrund der jüngsten Schwächephase der Industrieproduktion ist zudem nicht von einem raschen Anstieg der Kapazitätsauslastung in naher Zukunft auszugehen.

Vor dem Hintergrund dieser zuletzt wieder abgeschwächten Industrieentwicklung lohnt sich ein Blick auf den Einzelhandel, der als wichtiger Indikator für die Konsumnachfrage und damit für die Stärke der Binnenkonjunktur gilt. Gerade in einer Phase, in der die industrielle Dynamik an Schwung verliert, kann der private Konsum eine zentrale Rolle für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung spielen.

Kapazitätsauslastung* im Euroraum, in Prozent

*saisonbereinigt

Quellen: Macrobond, DG ECFIN, Europäische Kommission

Wie im nachfolgenden Schaubild zu erkennen ist, verzeichnet der Einzelhandel im Euroraum bereits seit März 2024 – und damit deutlich früher als die Industrie – wieder Aufwärtsbewegungen. Besonders dynamisch entwickelte er sich zwischen August 2024 und Juli 2025 mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 2,6 Prozent. Seit August 2025 hat das Wachstum jedoch etwas nachgelassen: Zunächst lag es bei rund 1,7 Prozent und sank bis März 2026 weiter auf etwa 1,1 Prozent.

Einzelhandel* im Euroraum (20) (ohne Kraftfahrzeuge)

*Veränderung ggü. Vorjahr, kalender- und saisonbereinigt

Quellen: Macrobond, Eurostat

Preisentwicklung: Inflationsanstieg infolge steigender Energiepreise

Der durch den Iran Krieg ausgelöste Energiepreisschock schlägt sich inzwischen deutlich in den Inflationsdaten des Euroraums nieder. Laut Eurostat lag die jährliche Inflationsrate im April 2026 bei drei Prozent, nach 2,6 Prozent im März. Zu Jahresbeginn lag die Teuerung mit 1,7 Prozent im Januar und 1,9 Prozent im Februar noch spürbar unter dem Zielwert.

Der jüngste Inflationsanstieg ist dabei maßgeblich auf die Entwicklung der Energiepreise zurückzuführen. Die Energieinflation betrug im April 10,8 Prozent (nach 5,1 % im März und -3,1 % im Februar). Demgegenüber zeigen sich die übrigen Inflationskomponenten weiterhin vergleichsweise stabil: Die Preise für Dienstleistungen stiegen um 3,0 Prozent (nach 3,3 % im März und 3,4 % im Februar), Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak verteuerten sich um 2,4 Prozent (nach 2,4 % im März und 2,5 % im Februar), während Industriegüter ohne Energie mit 0,8 Prozent nur einen moderaten Preisauftrieb verzeichneten (nach 0,5 % im März und 0,7 % im Februar).

Diese Einordnung wird durch die Entwicklung der Kerninflation (ohne Energie) bestätigt. Sie ging im April auf 2,2 Prozent zurück (nach 2,3 % im März und 2,4 % im Februar) und deutet darauf hin, dass der zugrunde liegende binnenwirtschaftliche Preisdruck trotz der geopolitisch bedingten Belastungen weiter nachlässt.

Beiträge* zur Inflation im Euroraum

*Veränderung ggü. Vorjahr

Nicht-Energie-Industriegüter (Beiträge)

Energie (Beiträge)

Nahrungsmittel, alkoholische Getränke und Tabak (Beiträge)

Dienstleistungen (Beiträge)

Inflation

Kerninflation (ohne Lebensmittel und Energie)

Quellen: Macrobond, Europäische Zentralbank

Innerhalb des Euroraums bestehen weiterhin merkliche Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten. Die Inflationsraten im April reichten von sechs Prozent in Bulgarien und 5,4 Prozent in Kroatien bis zu 2,4 Prozent in Finnland. In den großen Volkswirtschaften belief sich die Inflation auf 2,5 Prozent in Frankreich, 2,8 Prozent in Italien, 2,9 Prozent in Deutschland sowie 3,5 Prozent in Spanien. Dies unterstreicht die heterogene Weitergabe des Energiepreisschocks auf nationaler Ebene und die daraus resultierenden unterschiedlichen Rahmenbedingungen für die kurzfristige wirtschaftliche Entwicklung.

Nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank (EZB, 2026a) haben sich die Indikatoren der zugrunde liegenden Inflation in den vergangenen Monaten insgesamt nur wenig verändert. Der EZB-Lohntracker sowie Umfragen zu den Lohnerwartungen deuten vorerst darauf hin, dass sich der Kostendruck am Arbeitsmarkt im weiteren Verlauf des Jahres 2026 abschwächen dürfte. Gleichzeitig lassen Unternehmensbefragungen auf einen Anstieg anderer Kostenkomponenten sowie auf höhere Verkaufspreiserwartungen schließen.

Die Inflationserwartungen haben sich insbesondere auf kurze Sicht deutlich erhöht und reflektieren die jüngsten Energiepreissteigerungen sowie die erhöhte geopolitische Unsicherheit. Die meisten Indikatoren für längerfristige Inflationserwartungen liegen jedoch weiterhin bei rund zwei Prozent und damit im Bereich des Zielwerts.

Frühindikatoren und Stimmungsbild: Abschwächende Dynamik bei zunehmender Unsicherheit

Die aktuellen Frühindikatoren deuten auf eine zunehmende Abschwächung der Wachstumsaussichten im Euroraum hin. Der von S&P Global erhobene Composite PMI fiel im Mai den zweiten Monat in Folge unter die Expansionsschwelle und sank auf 47,5 Punkte (von 48,8 im April) Damit erreichte der Index ein 31-Monats-Tief. Sowohl im Verarbeitenden Gewerbe als auch im Dienstleistungssektor kam es zu Rückgängen, wobei letztere weiterhin deutlich stärker ausfallen.

Gleichzeitig verschärfte sich der Preisdruck weiter: Die Inputpreise stiegen so stark wie seit dreieinhalb Jahren nicht mehr, während auch die Verkaufspreise deutlich zulegten. Da die Kosten jedoch stärker anstiegen als die Verkaufspreise, deutet dies auf zunehmenden Margendruck hin. Parallel dazu trübte sich das Geschäftsklima erneut ein und verharrt nahe eines mehrjährigen Tiefstands, während sich der Beschäftigungsabbau zuletzt ausweitete und nun auch den Dienstleistungssektor erfasste. Insgesamt weist dies auf ein Umfeld mit weiter nachlassender Wachstumsdynamik bei gleichzeitig anhaltend hohem Preisdruck hin und signalisiert damit zunehmende stagflationäre Tendenzen.

Auf Länderebene zeigt sich ein heterogenes Bild: Besonders ausgeprägt war die Eintrübung in Frankreich, wo der Composite PMI deutlich auf 43,5 Punkte einbrach und damit den niedrigsten Stand seit Ende 2020 erreichte. Rückgänge in Industrie und Dienstleistungen, sinkende Neuaufträge sowie deutlich gestiegene Kosten belasteten die Aktivität gleichermaßen. Allerdings könnte der Rückgang durch Kalendereffekte (viele Feiertage und Brückentage im Mai) temporär verstärkt worden sein (DB Research 2026e). Deutschland verharrt trotz einer leichten Verbesserung mit 48,6 Punkten im zweiten Monat in Folge im kontraktiven Bereich, wobei die schwache Nachfrage und rückläufige Auftragseingänge die Entwicklung prägen. Insgesamt bleibt das Bild in den großen Volkswirtschaften schwach und uneinheitlich.

Sektoral bleibt – im Einklang mit der Einschätzung von S&P Global – insbesondere der Dienstleistungssektor belastet, der im Mai den stärksten Rückgang seit Anfang 2021 verzeichnete. Ausschlaggebend ist vor allem die schwache Nachfrage infolge gestiegener Lebenshaltungs- und Energiekosten. Das Verarbeitende Gewerbe zeigt sich demgegenüber weiterhin vergleichsweise widerstandsfähig, verliert jedoch an Dynamik, da sich die zuvor stützenden Effekte aus Lageraufbau abschwächen und die Auftragseingänge mittlerweile ebenfalls rückläufig sind. Insgesamt deutet dies darauf hin, dass sich die Schwäche zunehmend breiter über beide Sektoren ausweitet.

Dieses durch die PMI-Daten gezeichnete Bild einer nachlassenden Dynamik wird auch durch weitere Stimmungsindikatoren bestätigt. So haben die von der Europäischen Kommission erhobenen

Indikatoren zuletzt insgesamt deutlich nachgegeben. Besonders ausgeprägt waren die Rückgänge im Einzelhandel und im Dienstleistungssektor, wo die Indikatoren zwischen Februar und April um 4,5 beziehungsweise 3,3 Punkte sanken. Auch in der Industrie trübte sich die Stimmung ein, wenn auch in moderaterem Ausmaß (-1,1 Punkte im gleichen Zeitraum). Demgegenüber zeigte sich der Bausektor vergleichsweise stabil, mit lediglich einem leichten Rückgang von 0,2 Punkten.

Indikatoren

*Salden, saisonbereinigt

Bauwesen Einzelhandel Dienstleistungen

Quellen: Macrobond, DG ECFIN, Europäische Kommission

In diesem von nachlassenden Stimmungs- und Frühindikatoren geprägten Umfeld hat sich die wirtschaftspolitische Unsicherheit in Europa zuletzt leicht erhöht, vor allem in Deutschland. Der Economic Policy Uncertainty Indikator legte im März merklich zu und zeigte im April eine leichte Gegenbewegung in den meisten großen europäischen Volkswirtschaften – Frankreich ausgenommen. Insgesamt bleibt das Unsicherheitsniveau damit erhöht, liegt jedoch unter den Extremwerten, die im Zuge des eskalierenden Zollkonflikts mit den USA erreicht wurden. Der zeitliche Gleichlauf mit der Eintrübung verschiedener Stimmungsindikatoren deutet auf ein insgesamt fragiler gewordenes konjunkturelles Umfeld hin. Neben den weiterhin bestehenden handelspolitischen Unsicherheiten dürften zuletzt auch die geopolitischen Spannungen im Zusammenhang mit dem Iran zu temporären Ausschlägen in der Unsicherheitswahrnehmung beigetragen haben.

Index* der wirtschaftspolitischen Unsicherheiten

*nachrichtenbasierte Indizies

Quellen: Macrobond, Economic Policy Uncertainty

Wachstumsausblick für den Euroraum

Basisszenario: Schwächeres Wachstum unterhalb des Potenzials

Für den Euroraum erwarten wir im Basisszenario eine deutliche Abschwächung der Wachstumsdynamik im Jahr 2026. Nach 1,4 Prozent im Jahr 2025 (EU: 1,5%) rechnen wir mit einem Wachstum von 0,7 Prozent (EU: 0,9%). Damit liegt unsere Prognose unter den internationalen Einschätzungen, die bereits im März und April veröffentlicht wurden und in ihren Baseline-Szenarien noch von vergleichsweise optimistischeren Annahmen hinsichtlich eines zeitnahen Endes des Iran-Konflikts sowie einer entsprechend moderateren Entwicklung der Energiepreise ausgehen. So beläuft sich die Prognose der OECD für den Euroraum auf 0,8 Prozent, jene der EZB auf 0,9 Prozent und die des IWF auf 1,1 Prozent.

Die Abschwächung zeigt sich sowohl in den Frühindikatoren als auch in den realwirtschaftlichen Daten. Das Unternehmensvertrauen hat sich zuletzt spürbar eingetrübt, und der von S&P erhobene Einkaufsmanagerindiz ist wieder in den kontraktiven Bereich gefallen. Gleichzeitig haben Industrieproduktion und Einzelhandel an Schwung verloren, was auf eine insgesamt nachlassende wirtschaftliche Aktivität hindeutet.

Auch die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen sprechen für eine verhaltene Entwicklung. Die Geldpolitik bewegt sich derzeit in einem weitgehend neutralen Bereich, dürfte im Zuge des jüngsten Inflationsanstiegs jedoch wieder etwas restriktiver ausgerichtet werden. In diesem Umfeld haben sich die Finanzierungsbedingungen bereits leicht eingetrübt und sind im Vergleich zur Prognose im Dezember etwas restriktiver geworden. Fiskalpolitisch ergibt sich ein differenziertes Bild: In einzelnen Ländern – insbesondere in Deutschland – wirken höhere Investitionen und steigende Verteidigungsausgaben tendenziell expansiv. Dem stehen jedoch in anderen großen Volkswirtschaften, etwa Frankreich und Italien, weiterhin Konsolidierungsbestrebungen gegenüber. Darüber hinaus wurden in mehreren Mitgliedstaaten Maßnahmen zur Abfederung der Energiepreisentwicklung ergriffen, deren gesamtwirtschaftlicher Impuls aufgrund begrenzter fiskalischer Spielräume jedoch insgesamt moderat bleiben dürfte. Der Arbeitsmarkt zeigt sich weiterhin robust, auch wenn im Prognosezeitraum mit einer leichten Abschwächung zu rechnen ist.

Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass der Energiepreisschock und die erhöhte Unsicherheit die konjunkturelle Dynamik im weiteren Jahresverlauf zusätzlich dämpfen. Gleichzeitig wird unterstellt, dass sich diese Effekte allmählich abschwächen, kurzfristig jedoch weiter nachwirken.

Insgesamt liegt das Wachstum im Jahr 2026 unter dem geschätzten Potenzialwachstum von rund 1,2 Prozent im Euroraum und deutet damit auf eine leichte Unterauslastung der Wirtschaft hin.

Wachstumstreiber: Gedämpfte Binnenimpulse und negativer Außenbeitrag

Die Wachstumsdynamik im Euroraum wird im Jahr 2026 voraussichtlich maßgeblich von der Binnenwirtschaft getragen werden, wobei die Impulse zunächst insgesamt verhalten ausfallen dürften.

Der private Konsum dürfte sich im Jahr 2026 insgesamt gedämpft entwickeln. Maßgeblich hierfür ist der Anstieg der Energiepreise, der die Kaufkraft der Haushalte spürbar belastet. Der weiterhin robuste Arbeitsmarkt wird diese Effekte zwar teilweise abfedern, kann den Rückgang jedoch nicht vollständig ausgleichen. Im Zuge der Kaufkraftverluste ist zu erwarten, dass Haushalte vermehrt auf ihre

Ersparnisse zurückgreifen, sodass die Sparquote leicht sinkt. Gleichzeitig dürfte die erhöhte Unsicherheit diesen Rückgang dämpfen und die Konsumdynamik zusätzlich belasten.

Auch die Investitionstätigkeit wird im Jahr 2026 voraussichtlich schwach bleiben. Die Unternehmensinvestitionen dürften weiterhin durch erhöhte Unsicherheit, eine verhaltene Nachfrage und restriktivere Finanzierungsbedingungen gedämpft werden, während sich die Bauinvestitionen nur langsam erholen. Stützend wirken vor allem höhere öffentliche Investitionen, insbesondere im Bereich Verteidigung und Infrastruktur, deren Impulse jedoch angesichts der bestehenden Belastungsfaktoren insgesamt begrenzt bleiben dürften.

Die öffentliche Nachfrage dürfte im Jahr 2026h einen moderaten Beitrag zum Wachstum leisten. Dieser wird vor allem durch höhere staatliche Konsumausgaben getragen, die in einzelnen Mitgliedstaaten neben steigenden Verteidigungsaufwendungen auch durch fiskalische Maßnahmen zur Abfederung der erhöhten Energiepreise zunehmen. Gleichzeitig begrenzen fortbestehende Konsolidierungsbestrebungen in mehreren großen Volkswirtschaften den gesamtwirtschaftlichen Impuls, sodass der Beitrag insgesamt moderat ausfallen dürfte.

Vom Außenhandel dürfte im Jahr 2026 ein leicht negativer Wachstumsbeitrag ausgehen. Die Exporte werden sich angesichts anhaltender Wettbewerbsprobleme und einer gedämpften Nachfrage nach Gütern aus dem Euroraum voraussichtlich nur schwach entwickeln. Die Importnachfrage dürfte dagegen nur leicht gedämpft sein und moderat zunehmen. Da die Exporte damit hinter der Entwicklung der Importe zurückbleiben, ergibt sich insgesamt ein negativer Beitrag der Nettoexporte zum Wachstum.

Iran-Konflikt: Szenarien und Implikationen für den Euroraum

Der anhaltende Konflikt mit Iran stellt die zentrale Unsicherheitsquelle für den europäischen Wachstumsausblick 2026 dar. Die Übertragung auf die Konjunktur erfolgt im Wesentlichen über drei Kanäle: (i) höhere Energiepreise infolge gestörter Öl- und Gasexporte, insbesondere über die Straße von Hormus, (ii) zunehmende geopolitische Unsicherheit sowie verschärfte Finanzierungsbedingungen und (iii) negative globale Spillover über Handel und Lieferketten. Zusätzlich können physische Angebotsstörungen und Engpässe die realwirtschaftlichen Effekte verstärken. Die Stärke dieser Effekte hängt maßgeblich von Dauer und Eskalationsgrad des Konflikts sowie von der Persistenz möglicher Angebotsstörungen ab.

Baseline-Annahmen und aktuelle Energiepreisentwicklung

Unsere Prognose für den Euroraum (0,7 % Wachstum im Jahr 2026) unterstellt einen spürbaren, aber nicht extremen Energiepreisschock, der jedoch persistenter ausfällt als in vielen internationalen Baselines. Während ein gradueller Rückgang der Energiepreise im Jahresverlauf angenommen wird, geht unsere Einschätzung davon aus, dass Unsicherheit, Energiepreise und dämpfende Effekte auf Investitionen und Konsum länger anhalten.

Die jüngsten Marktentwicklungen deuten bereits auf einen stärkeren und bislang persistenteren Energiepreisschub hin als in vielen internationalen Baselines angenommen. Wie die Abbildung zeigt, sind die Ölpreise seit Beginn des Konflikts deutlich gestiegen und liegen aktuell im Durchschnitt des zweiten Quartals 2026 (Stand: 21. Mai 2026) rund 50-55 Prozent über dem Durchschnitt des Jahres 2025. Auch die europäischen Gaspreise weisen einen klaren Aufwärtstrend auf und liegen derzeit etwa 30 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Preisentwicklung von Öl und Gas (Brent & LNG) (01.01.2025 – 21.05.2026)

Brent Crude Ölpreise in US-Dollar (linke Achse) LNG-Gaspreise in Euro (rechte Achse)

Quelle: Macrobond

Im Unterschied zu den Annahmen vieler Basisszenarien, die von einer raschen Normalisierung ausgehen, signalisiert die aktuelle Preisentwicklung bislang keine klare Entspannung. Vielmehr spricht die Kombination aus anhaltender Unsicherheit, angespannten Gasmärkten und begrenzten kurzfristigen Angebotsausweitungen dafür, dass der Preisdruck zumindest im laufenden Jahr deutlich erhöht bleibt. Vor diesem Hintergrund positioniert sich unsere Baseline zwischen den internationalen Baselines und moderat adversen Szenarien, tendenziell näher an letzteren.

Internationale Szenarien im Vergleich

1) EZB-Projektionen (März 2026)

Die Baseline-Projektionen der EZB basieren auf Energiepreisannahmen mit einem Peak von rund 90 USD pro Barrel und 50 €/MWh Gas im zweiten Quartal 2026, gefolgt von einem raschen Rückgang. Daraus ergibt sich ein Wachstum von etwa 0,9 Prozent im Euroraum im Jahr 2026.

Ergänzend analysiert die EZB alternative Szenarien:

• Adverses Szenario: temporäre Störung von etwa 40 Prozent der Energieflüsse durch die Straße von Hormus; Ölpreise nahe 120 USD, Gaspreise nahe 90 €/MWh. Das Wachstum im Jahr 2026 liegt hierbei rund 0,3 Prozentpunkte unter der Baseline

• Schweres Szenario: stärkere und länger anhaltende Angebotsstörungen einschließlich Infrastrukturschäden (bis zu 60 % der Energieflüsse betroffen); Ölpreise bis etwa 145 USD, Gaspreise über 100 €/MWh. Das Wachstum dürfte hierbei etwa 0,5 Prozentpunkte unter der Baseline liegen, und es wird eine temporär negative Quartalsdynamik erwartet

Ein milderes Szenario mit schneller Normalisierung impliziert leicht höhere Wachstumsraten (+0,1 Prozentpunkte). Im Basisszenario erwartet die EZB darüber hinaus eine Erholung der Wachstumsdynamik ab 2027, da die negativen Effekte des Energiepreisschocks und der erhöhten Unsicherheit im Zeitverlauf nachlassen.

2) OECD-Projektionen (März 2026)

Die OECD-Baseline geht davon aus, dass sich die Energiepreise ab Mitte 2026 entsprechend der Terminmarktannahmen schrittweise normalisieren. Explizite Preisniveaus werden dabei nicht ausgewiesen. Für den Euroraum ergibt sich daraus ein Wachstum von etwa 0,8 Prozent im Jahr 2026. Mittelfristig ist bei nachlassendem Energiepreisdruck eine graduelle Erholung zu erwarten, die jedoch bei anhaltend hohen Preisen oder Engpässen verzögert werden könnte.

Die Szenarioanalyse zeigt jedoch eine erhebliche Sensitivität:

▪ Downside-Szenario: Deutlich höhere Energiepreise mit Ölpreisen von rund 135 USD pro Barrel und Gaspreisen von etwa 77 €/MWh im zweiten Quartal 2026 führen zu einer spürbaren Belastung der globalen Nachfrage. Im Jahresdurchschnitt entsprechen diese Annahmen etwa 26 Prozent höheren Öl- und 17 Prozent höheren Gaspreisen gegenüber der Baseline. Das globale Bruttoinlandsprodukt liegt nach zwei Jahren rund 0,5 Prozent unter dem Basispfad von 2,9 Prozent; für Europa – hier: OECD-Europa und damit nicht deckungsgleich mit dem Euroraum – ergibt sich im ersten Jahr eine Abweichung von etwa minus 0,4 Prozent.

▪ Upside-Szenario: Rasche Deeskalation führt zu einem Rückgang der Energiepreise um etwa 20 Prozent gegenüber der Baseline im Durchschnitt des ersten Jahres nach dem Schock. Im Gegensatz zum Downside-Szenario werden hierfür keine expliziten Preisniveaus oder Quartalswerte ausgewiesen. Die Entlastungswirkung ergibt sich entsprechend über niedrigere Energiepreise und höhere Realeinkommen. Die OECD quantifiziert die Effekte auf globaler Ebene mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von rund 0,3 Prozent nach zwei Jahren.

3) IWF-Projektionen (April 2026)

Der IWF geht in seiner Referenzprognose von einem relativ rasch abklingenden Konflikt aus, bei dem sich Energieproduktion und Transport bis Mitte 2026 normalisieren. Entsprechend wird für 2026 ein durchschnittlicher Ölpreis von rund 82 USD je Barrel unterstellt. Für Gaspreise werden keine Preisniveaus ausgewiesen; der IWF hebt jedoch hervor, dass diese stärker auf den Schock reagieren als Ölpreise. Für den Euroraum ergibt sich unter diesen Annahmen ein Wachstum von etwa 1,1 Prozent im Jahr 2026.

Die Szenarioanalyse zeigt jedoch erhebliche Abwärtsrisiken:

▪ Adverses Szenario: Ein ausgeprägter Energieschock mit einem Anstieg der Ölpreise um rund 80 Prozent ab dem zweiten Quartal 2026 (entsprechend etwa 100 USD im Jahresdurchschnitt 2026) sowie Gaspreisanstiegen von rund 160 Prozent führt zu deutlich höherer Inflation und einer Verschärfung der Finanzierungsbedingungen. Das globale Wachstum fällt im Jahr 2026 um rund 0,8 Prozentpunkte niedriger aus (Baseline: 3,1 %)

▪ Schweres Szenario: Ein noch stärkerer und persistenter Energieschock mit Ölpreisen von über 110 USD im Jahr 2026 sowie Gaspreisanstiegen von rund 200 Prozent führt zu erheblichen realwirtschaftlichen Belastungen. Das globale Wachstum sinkt im Jahr 2026 um rund 1,3 Prozentpunkte, mit deutlichen Rezessionsrisiken.

Regionale Szenarien werden vom IWF nicht ausgewiesen; die quantifizierten Effekte beziehen sich ausschließlich auf die Weltwirtschaft. Für den Euroraum lassen sich daher keine direkten Szenarioeffekte ableiten, er ist jedoch als energieimportierende Volkswirtschaft besonders stark von den globalen Energiepreis- und Finanzmarktentwicklungen betroffen. Im Unterschied zu EZB und OECD betont der IWF stärker die Rolle von Inflationserwartungen, geldpolitischen Reaktionen und Finanzmarktkanälen als zentrale Verstärkungsmechanismen.

Einordnung unserer Prognose

Im Vergleich zu den internationalen Institutionen ist unsere Baseline aus drei Gründen vorsichtiger:

▪ Persistenterer Energieschock: Viele internationale Baselines unterstellen einen relativ raschen Rückgang der Energiepreise. Die aktuelle Marktentwicklung spricht jedoch eher für ein höheres und länger anhaltendes Preisniveau, insbesondere bei Gas.

▪ Stärkere Unsicherheitseffekte: Die dämpfenden Effekte auf Konsum und Investitionen erscheinen angesichts der anhaltenden geopolitischen Unsicherheit ausgeprägter und langlebiger.

▪ Größere Bedeutung von Engpässen und Spillovern: Risiken physischer Angebotsstörungen, Lieferkettenprobleme und globaler Spillover werden als stärker eingeschätzt, insbesondere für den Euroraum als energieimportierende Volkswirtschaft.

Insgesamt liegt unsere Baseline-Prognose damit unter den internationalen Baselines und implizit näher an einem moderat adversen Szenario, wie es insbesondere in den EZB- und OECD-Analysen dargestellt wird. Der IWF bestätigt dieses Risikoprofil, weist jedoch keine spezifischen Szenarien für den Euroraum aus.

Unsere Szenariospanne für den Euroraum

Ausgehend von unserer Baseline (0,7 % Wachstum 2026) ergibt sich folgende plausible Bandbreite:

▪ Positives Szenario (rasche Deeskalation): Bei einer schnellen Entspannung des Konflikts könnten sich Energieproduktion und Transport schrittweise normalisieren, unterstützt durch den Wiederaufbau beschädigter Infrastruktur im Nahen Osten und eine Stabilisierung der Lieferketten. In der Folge könnten die Energiepreise im Jahresverlauf deutlich zurückgehen, mit Ölpreisen klar unter dem aktuellen Niveau (deutlich unter 100 USD) und spürbar nachgebenden Gaspreisen. In Verbindung mit sinkender Unsicherheit und günstigeren Finanzierungsbedingungen könnte das Wachstum im Euroraum 2026 auf etwa 0,8 bis ein Prozent steigen.

▪ Negatives Szenario (langanhaltender Konflikt): Bei einer anhaltenden oder erneuten Zuspitzung des Konflikts könnten Energieproduktion und Transport längerfristig gestört bleiben, etwa durch anhaltende Einschränkungen zentraler Transportwege – insbesondere über die Straße von Hormus – oder verzögerte Reparaturen beschädigter Infrastruktur im Nahen Osten. In der Folge könnten die Energiepreise auf dem derzeit erhöhten Niveau verharren oder weiter steigen, insbesondere bei Gas. In Kombination mit erhöhter Unsicherheit und zunehmend restriktiven Finanzierungsbedingungen könnten Konsum und Investitionen deutlich gebremst werden. Das Wachstum im Euroraum 2026 könnte sich in diesem Fall auf etwa 0,2 bis 0,4 Prozent verlangsamen oder im ungünstigen Fall gegen Stagnation tendieren.

Fazit

Die Szenarien implizieren für 2026 eine Wachstumsbandbreite von etwa 0,2 bis rund 1 Prozent im Euroraum, mit zusätzlichen Risiken in Richtung Stagnation im Falle einer stärkeren Eskalation. Der Aufwärtsspielraum bei rascher Deeskalation bleibt begrenzt, während ein persistenter Energieschock das Wachstum deutlich stärker belasten würde. Vor diesem Hintergrund liegt unsere Baseline von 0,7 Prozent bereits näher an einem moderat adversen Verlauf positioniert. Die Risiken sind damit klar nach unten gerichtet.

Länderanalysen

Deutschland

Zum Jahresbeginn 2026 zeigte sich in Deutschland eine leichte konjunkturelle Belebung. Das preis-, saison- und kalenderbereinigte BIP stieg im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum Vorquartal um 0,3 Prozent. Treiber waren vor allem höhere private und staatliche Konsumausgaben sowie nach vorläufigen Erkenntnissen zunehmende Exporte. Im Vorjahresvergleich war die reale Wirtschaftsleistung 0,5 Prozent höher, was Hoffnungen auf eine vorsichtige Stabilisierung nährte. Vor diesem Hintergrund war zu Jahresbeginn – auch aufgrund der für den weiteren Jahresverlauf erwarteten fiskalischen Impulse – zunächst ein stärkerer Wachstumsverlauf plausibel. Mit der Eskalation im Nahen Osten hat sich das Umfeld jedoch deutlich verschlechtert: Höhere Energie- und Rohstoffpreise sowie anhaltend hohe Unsicherheit dürften vor allem die private Investitionstätigkeit dämpfen; zugleich ist aufgrund von Kaufkraftverlusten nur mit einem moderaten Zuwachs des privaten Konsums zu rechnen. Von der

Außenwirtschaft ist 2026 voraussichtlich kein Wachstumsimpuls zu erwarten: Die Exporte dürften allenfalls leicht zulegen, die Importe voraussichtlich stärker steigen. Damit leisten die Nettoexporte erneut einen negativen Wachstumsbeitrag. Unter Druck stehen insbesondere Ausfuhren in wichtige Drittstaatenmärkte wie die USA und China. Vor diesem Hintergrund haben wir unseren Wachstumsausblick nach unten angepasst. Im Basisszenario erwarten wir für Deutschland 2026 ein reales BIPWachstum von rund 0,4 Prozent.

Frankreich

Für Frankreich ist der Wachstumsausblick 2026 verhalten und von einer schwachen Ausgangslage geprägt. Nach der Stagnation des BIP im ersten Quartal (0,0 %) zeigt sich insbesondere die inländische Nachfrage schwach: Der private Konsum ging leicht zurück, und auch die Investitionen waren rückläufig, sodass von dieser Seite zunächst kein Wachstumsbeitrag ausging. Gleichzeitig belastet der Außenhandel die Entwicklung deutlich, da die Exporte stark einbrachen. Der positive Lagerbeitrag wirkt lediglich temporär stabilisierend. Im Jahresverlauf dürfte sich die Dynamik etwas verbessern. IWF (2026), OECD (2026) und Banque de France (2026) erwarten im Basisszenario ein Wachstum von rund 0,9 Prozent. Laut Banque de France wird dieses vor allem durch den privaten Konsum getragen, der 2026 von einem positiven Wachstumsüberhang zu Jahresbeginn profitiert. Dem stehen jedoch dämpfende Effekte aus dem geopolitischen Umfeld gegenüber, insbesondere in Form erhöhter Unsicherheit und gestiegener Energiepreise. Vor diesem Hintergrund erwarten wir ein BIP-Wachstum von 0,5 Prozent im Jahr 2026. Ausschlaggebend für die vorsichtigere Einschätzung sind die schwache Ausgangsdynamik sowie der deutlich negative Außenbeitrag, während wir im Vergleich zum Basisszenario von IWF, OECD und Banque de France, welche bereits im März und April 2026 erstellt wurden, von stärker anhaltenden Belastungen aus dem geopolitischen Umfeld ausgehen.

Italien

Für Italien zeigt sich zu Jahresbeginn 2026 eine moderate, aber fragile Dynamik. Im ersten Quartal wuchs das BIP laut Istat (2026) um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal, getragen von den Dienstleistungen, während die Wertschöpfung in der Industrie und in der Landwirtschaft zurückging. Auf der Nachfrageseite resultierte das Wachstum aus einem positiven Beitrag des Außenhandels, während die inländische Nachfrage dämpfte. Der statistische Wachstumsüberhang für 2026 liegt bei 0,5 Prozent. Im Basisszenario erwarten IWF (2026) und Banca d’Italia (2026) ein Wachstum von rund 0,5 Prozent, während die OECD (2026) mit 0,4 Prozent etwas verhaltener ist. Gleichzeitig verweist die Banca d’Italia auf eine schwache Entwicklung der inländischen Nachfrage, die insbesondere durch höhere Energiepreise, erhöhte Unsicherheit und eine gedämpfte wirtschaftliche Stimmung belastet wird. Entsprechend dürfte die Dynamik kurzfristig gedämpft bleiben, da sowohl Konsum als auch Investitionen schwach bleiben. Auch vom Außenhandel ist im weiteren Jahresverlauf nur ein begrenzter Wachstumsbeitrag zu erwarten, da die Exporte durch schwache globale Nachfrage belastet werden und der Beitrag der Nettoexporte insgesamt gering bleibt. Vor diesem Hintergrund erwarten wir ein BIP-Wachstum von 0,3 Prozent im Jahr 2026. Ausschlaggebend sind die anhaltende Schwäche der Binnennachfrage, die begrenzten außenwirtschaftlichen Impulse sowie die Annahme stärker anhaltender Belastungen aus dem geopolitischen Umfeld.

Spanien

Für Spanien bleibt die Wachstumsdynamik 2026 vergleichsweise robust, zeigt jedoch erste Anzeichen einer Abschwächung. Laut der spanischen Statistikbehörde INE wuchs das BIP im ersten Quartal um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal und lag damit leicht unter dem Tempo des Jahresendes 2025. Im Jahresvergleich ergibt sich weiterhin ein kräftiges Wachstum von 2,7 Prozent. Für das Gesamtjahr erwarten IWF (2026) und OECD (2026) ein Wachstum von jeweils 2,1 Prozent. Die Banco de España (2026) liegt mit 2,3 Prozent im Basisszenario darüber, hat ihre Prognose jedoch vor dem Hintergrund des Konflikts im Nahen Osten leicht nach unten revidiert. Dabei führen insbesondere Annahmen zu höheren Energiepreisen sowie zur schwächeren Entwicklung der Auslandsmärkte zu einer Belastung des Wachstumsausblicks, während fiskalische Maßnahmen den Effekt teilweise abfedern. Gleichzeitig basieren die Projektionen auf der Annahme einer relativ schnellen Normalisierung der Energiemärkte, entsprechend den zum Prognosezeitpunkt unterstellten Markterwartungen. Vor diesem Hintergrund erwarten wir ein BIP Wachstum von 1,8 Prozent im Jahr 2026. Ausschlaggebend für die leicht vorsichtigere Einschätzung sind die nachlassende Dynamik zum Jahresbeginn sowie vorsichtigere Annahmen in Bezug auf die Energiemärkte.

Prognoseübersicht

In der folgenden Grafik sowie der dazugehörigen Tabelle sind unsere Prognosen für den Euroraum und die vier größten Mitgliedstaaten (Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien) zusammengefasst.

Wachstumsprognose 2026 für den Euroraum

Unsere Prognose für den Euroraum und die vier größten EU-Länder wird in der folgenden Übersicht zusammengefasst

Land / Region Wachstum 2025 (in %)

Quellen: Eurostat. Prognosen: BDI

Makroökonomische Rahmenbedingungen

Globale Wirtschaft: Energiepreisschock schmälert Wachstumsaussichten

Die globale Wirtschaft befand sich bis Anfang 2026 auf einem soliden Wachstumskurs, trotz anhaltender handelspolitischer Spannungen. Getragen wurde die Entwicklung insbesondere durch eine robuste private Nachfrage und eine dynamische Investitionstätigkeit, vor allem in technologieintensiven Bereichen wie der Künstlichen Intelligenz sowie durch insgesamt unterstützende wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen (OECD 2026, IWF 2026, EZB 2026b). In der zweiten Jahreshälfte 2025 entwickelte sich die wirtschaftliche Aktivität in vielen Volkswirtschaften stärker als erwartet und auch zu Beginn des Jahres 2026 deuteten verfügbare Indikatoren auf eine anhaltend solide Dynamik hin (OECD 2026).

Vor diesem Hintergrund wäre für 2026 ohne zusätzliche Schocks eine Aufwärtsrevision der globalen Wachstumserwartungen zu erwarten gewesen. So zeigt eine Aktualisierung der OECD-Prognosen auf Basis der bis Ende Februar verfügbaren Daten, dass das globale Wachstum um rund 0,3 Prozentpunkte höher hätte ausfallen können (OECD 2026). Auch der IWF hebt hervor, dass die zugrunde liegende wirtschaftliche Dynamik vor Ausbruch des Konflikts eine Verbesserung des Wachstumsausblicks nahegelegt hätte (IWF 2026). Diese Entwicklung wurde jedoch durch die Eskalation des Konflikts im Nahen Osten seit Ende Februar 2026 überlagert. Der damit verbundene Anstieg der Energiepreise hat die zuvor erwarteten Aufwärtsrevisionen weitgehend neutralisiert und die Wachstumsaussichten insgesamt nach unten verschoben (OECD 2026, IWF 2026, EZB 2026b).

Im Basisszenario gehen die großen internationalen Institutionen weiterhin von einer moderaten Expansion der Weltwirtschaft aus. Für 2026 wird ein globales Wachstum von rund 2,9 Prozent (OECD) bzw. 3,1 Prozent (IWF) erwartet. Im Jahr 2025 lag das Wachstum nach vorläufigen Zahlen bei rund 3,3 Prozent bzw. 3,4 Prozent (OECD 2026, IWF 2026). Die Projektionen der EZB zeigen ebenfalls eine Abschwächung und sehen für die Weltwirtschaft ohne den Euroraum ein Wachstum von 3,3 Prozent im Jahr 2026 nach 3,6 Prozent im Jahr 2025 vor (EZB 2026b). Die Abschwächung gegenüber dem Vorjahr ist maßgeblich auf den Energiepreisschock zurückzuführen, der die Produktionskosten erhöht, die reale Kaufkraft mindert und den Inflationsdruck verstärkt (OECD 2026, IWF 2026). Über diesen direkten Kosten- und Einkommenskanal hinaus wirkt der Schock auch über erhöhte Unsicherheit und

die Finanzmärkte: Diese haben bereits mit höherer Volatilität, steigenden Risikoprämien und ungünstigeren Finanzierungsbedingungen reagiert, was Investitionen und Konsum zusätzlich belastet (OECD 2026, IWF 2026, ECB 2026b). Insgesamt ergibt sich daraus ein spürbarer dämpfender Effekt auf die wirtschaftliche Aktivität; so schätzt die EZB, dass der Konflikt das globale Wachstum im Basisszenario über zwei Jahre um rund 0,4 Prozentpunkte reduziert (EZB 2026b).

Den Projektionen liegt die Annahme zugrunde, dass sich die Energiepreise im Verlauf des Jahres 2026 schrittweise wieder verringern (OECD 2026, IWF 2026). Die Risiken für die weitere Entwicklung bleiben jedoch klar nach unten gerichtet. Modellrechnungen der OECD zeigen, dass ein stärkerer und anhaltender Energiepreisanstieg das globale Produktionsniveau innerhalb von zwei Jahren um rund 0,5 Prozent verringern könnte (OECD 2026). Szenarioanalysen des IWF zeigen darüber hinaus, dass das globale Wachstum in einem adversen Szenario auf rund 2,5 Prozent im Jahr 2026 sinken und in einem schwereren Szenario auf etwa zwei Prozent zurückgehen könnte. Letzteres unterstellt eine stärker anhaltende Störung der Energiemärkte, verbunden mit einem Anstieg der Inflationserwartungen und einer Verschärfung der Finanzierungsbedingungen, wodurch sich die Weltwirtschaft einer Rezession annähern würde (IWF 2026).

Handelspolitisches Umfeld: Belastungen durch Zölle, Unsicherheit und globalen Wettbewerb

Das handelspolitische Umfeld ist weiterhin durch erhöhte Unsicherheit und eine Vielzahl handelspolitischer Eingriffe geprägt, die die außenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die europäische Wirtschaft belasten. Dabei ergibt sich die Belastung nicht aus einzelnen Maßnahmen, sondern aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Ein wesentlicher Einflussfaktor ist die US Handelspolitik. Zwar wurden Zölle auf Basis des International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) durch den Supreme Court aufgehoben, jedoch wurde im Anschluss ein zunächst auf 150 Tage befristeter globaler Aufschlag von zehn Prozent im Rahmen von Section 122 eingeführt. Der U.S. Court of International Trade erklärte diese Zölle zwar für rechtswidrig und stoppte ihre Anwendung teilweise für einzelne Kläger; die Entscheidung wurde jedoch jüngst durch den U.S. Court of Appeals vorläufig ausgesetzt, sodass die Zölle aktuell weiter erhoben werden. Gleichzeitig verfolgt die US Regierung das Ziel, bestehende Zölle über alternative Instrumente wie Section 301 Untersuchungen gegenüber zentralen Handelspartnern – einschließlich der Europäischen Union – fortzuführen, während sektorale Zölle nach Section 232 etwa auf Stahl, Aluminium, Kupfer und deren Derivate weiterhin auf erhöhtem Niveau bestehen. Weitere Untersuchungen nach Section 232, etwa zu Drohnen, Windturbinen oder auch Robotik und Industriemaschinen, laufen aktuell noch. Damit bleibt die Belastung für europäische Unternehmen insgesamt hoch, begleitet von anhaltender Unsicherheit über die künftige Ausrichtung der US Handelspolitik. Jüngste Ankündigungen –darunter eine mögliche Anhebung der Zölle auf Automobileinfuhren aus der EU auf 25 Prozent sollten die EU-Zollsenkungen gegenüber den USA nicht bis zum 4. Juli 2026 umgesetzt werden – unterstreichen diese Unsicherheit zusätzlich. Am 19./20. Mai wurde allerdings im Trilog eine vorläufige Einigung über die EU-Zollsenkungen erzielt; die formelle Verabschiedung steht noch aus. Nach bisherigen Einschätzungen der Europäischen Zentralbank führen die erhöhten effektiven Zollsätze im transatlantischen Handel sowie die damit verbundene Unsicherheit zu einem kumulierten Wachstumsdämpfer von rund 0,7 Prozentpunkten im Zeitraum 2025 bis 2027, insbesondere über Belastungen von Exporten und Investitionen (EZB 2025a).

Gleichzeitig wird das handelspolitische Umfeld durch strukturelle Verschiebungen im globalen Wettbewerb geprägt, insbesondere durch die wirtschaftliche Entwicklung in China. Eine Kombination aus

schwacher Inlandsnachfrage, anhaltender – zuletzt jedoch etwas nachlassender – Produzentenpreisdeflation und industriepolitisch geförderten Kapazitätsausweitungen führt dazu, dass große Mengen preisgünstiger Industriegüter auf die Weltmärkte gelangen. Diese Entwicklung wird zusätzlich durch Kostenunterschiede und Wechselkursfaktoren verstärkt, wodurch sich die preisliche Wettbewerbsposition europäischer Unternehmen verschlechtert. In der Folge stehen zentrale Industriezweige wie Automobilindustrie, Maschinenbau und Chemiebranche verstärkt unter Druck, sowohl in Drittstaaten als auch auf dem europäischen Binnenmarkt (BDI 2026). Anders als bei handelspolitischen Maßnahmen wirkt dieser Wettbewerbsdruck nicht abrupt, sondern strukturell und persistenter über Zeit.

Diese Faktoren zeigen sich auch in der Entwicklung des Welthandels, allerdings nicht unmittelbar in Form eines entsprechenden Rückgangs. Trotz der beschriebenen handelspolitischen Spannungen entwickelte sich der Welthandel im Jahr 2025 insgesamt dynamisch und wuchs laut Internationalem Währungsfonds um rund 5,1 Prozent. Maßgeblich hierfür war, dass die dämpfenden Effekte von Handelsbarrieren und Unsicherheit durch eine robuste globale Nachfrage sowie durch einen starken Zuwachs technologiebezogener Handelsströme – insbesondere im Zusammenhang mit Investitionen in digitale und KI-bezogene Güter – teilweise kompensiert wurden. Zudem kam es zu einer merklichen Umstrukturierung internationaler Handelsströme, etwa durch die Umlenkung von Lieferbeziehungen zwischen wichtigen Wirtschaftsräumen, wie der Rückgang US-amerikanischer Importe aus China bei gleichzeitig steigenden Importen aus Ländern wie Vietnam oder Taiwan sowie einer verstärkten Umorientierung chinesischer Exporte in andere asiatische Volkswirtschaften und teilweise nach Europa. Diese stützenden Faktoren verlieren jedoch im weiteren Verlauf an Gewicht. Für das Jahr 2026 wird daher eine spürbare Abschwächung erwartet: Der IWF (2026) prognostiziert ein Wachstum des Welthandels von nur noch etwa 2,8 Prozent, auch die Berechnungen der EZB (2026b) bestätigen diese Verlangsamung. Ursächlich hierfür ist, dass belastende Faktoren wie steigende Energiepreise, zunehmende geopolitische Spannungen sowie anhaltende wirtschafts- und handelspolitische Unsicherheit die Dynamik von Nachfrage, Investitionen und internationalem Handel dämpfen und im Jahr 2026 weniger durch positive Nachfrageimpulse kompensiert werden als im Vorjahr.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die handelspolitische Diversifizierung zunehmend an Bedeutung. Die EU hat ihre Handelsagenda zuletzt vorangetrieben und mehrere wirtschaftlich relevante Abkommen abgeschlossen oder weiterentwickelt, darunter mit Indien, Australien und den Mercosur-Staaten. Solche Abkommen können dazu beitragen, Marktzugänge zu verbessern, Exportchancen zu sichern und die Abhängigkeit von einzelnen Handelspartnern zu reduzieren (BDI 2026). Kurzfristig überwiegen jedoch weiterhin die belastenden Effekte aus erhöhten Handelsbarrieren, anhaltender Unsicherheit und verschärftem internationalem Wettbewerb.

Fiskalpolitisches Umfeld: Nur leichte absehbare Impulse

Die Fiskalpolitik im Euroraum wirkt im Jahr 2026 insgesamt moderat unterstützend für das Wachstum. Der positive Impuls ergibt sich dabei vor allem aus höheren öffentlichen Investitionen und laufenden Programmen. Gleichzeitig bleibt die direkte fiskalische Reaktion auf den aktuellen Energieschock begrenzt und die bestehenden fiskalischen Regeln setzen dem Handlungsspielraum klare Leitplanken.

Fiskalischer Impuls und öffentliche Finanzen

Nach einer leichten Lockerung im Jahr 2025 verstärkt sich die expansive Ausrichtung der Fiskalpolitik im Jahr 2026. Der fiskalische Impuls liegt laut EZB (2026b) bei rund 0,3 Prozent des BIP und fällt damit spürbarer aus als im Vorjahr. Entscheidend hierfür sind insbesondere höhere öffentliche Investitionen

sowie zusätzliche Transfers. Ein wesentlicher Treiber ist dabei Deutschland, wo die Ausgaben insbesondere für Verteidigung und Infrastruktur deutlich ausgeweitet werden. Auch andere Mitgliedstaaten tragen zu dieser Entwicklung bei, wenn auch in geringerem Umfang. Ergänzend wirken weiterhin Investitionen, die über das europäische Aufbauprogramm NextGenerationEU finanziert werden.

Gleichzeitig verschlechtert sich die fiskalische Lage weiter. So dürfte das gesamtstaatliche Defizit im Jahr 2026 bei etwa 3,4 Prozent des BIP liegen, nachdem es im Jahr 2025 bei rund 3,1 Prozent lag. Für die folgenden Jahre wird ein weiterer Anstieg auf etwa 3,6 Prozent des BIP erwartet. Auch die Schuldenquote nimmt zu und erreicht im Jahr 2026 rund 88,3 Prozent des BIP. Im Zeitverlauf ist ein weiterer leichter Anstieg zu erwarten. Der Anstieg der Defizite ist laut EZB vor allem auf steigende Zinszahlungen sowie auf eine Verschlechterung der Haushaltslage jenseits konjunktureller Effekte zurückzuführen (konjunkturbereinigter Primärsaldo). Auch die Schuldenquote steigt vor allem deshalb weiter an, weil die laufenden Defizite nicht vollständig durch das Wirtschaftswachstum ausgeglichen werden können.

Energieschock und fiskalische Maßnahmen

Die fiskalischen Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Energieschock fallen bislang insgesamt begrenzt aus. Laut Berechnungen von Bruegel (2026) haben die EU-Mitgliedstaaten Stand 5. Mai 2026 Maßnahmen im Umfang von über elf Milliarden Euro beschlossen (siehe nachfolgende Abbildung). Ein großer Teil dieser Mittel konzentriert sich dabei auf wenige Länder: In absoluten Zahlen entfallen die höchsten Beträge auf Spanien (fast die Hälfte aller Beiträge) und Deutschland. Relativ zur Wirtschaftsleistung sind jedoch kleinere Volkswirtschaften wie Bulgarien, Griechenland und Portugal stark engagiert.

Zu beachten ist, dass der Bruegel-Tracker ausschließlich Maßnahmen mit klar quantifizierbarem Budget erfasst und damit nicht alle angekündigten oder indirekt wirkenden Instrumente abbildet.

Fiskalmaßnahmen nach Ländern in absoluten und relativen Zahlen

Gesamtbetrag in Milliarden Euro (linke Achse) Gesamtbetrag in % des BIP (rechte Achse) Quelle: Eurostat

Entscheidend für die wirtschaftliche Wirkung ist die Struktur der Maßnahmen. Rund 70 Prozent der Mittel entfallen laut Bruegel auf breit angelegte Instrumente, insbesondere Steuer- und Abgabensenkungen im Energiebereich. Diese stabilisieren kurzfristig die Kaufkraft, sind jedoch weniger effizient als stärker fokussierte Unterstützungsmaßnahmen, da sie ohne klare Zielgruppe oder Konditionalität ausgestaltet sind und damit auch weniger stark betroffene Haushalte und Unternehmen entlasten. Gleichzeitig liegt der Schwerpunkt klar auf fossilen Energieträgern, während Maßnahmen im Strombereich bislang nur eine untergeordnete Rolle spielen

Die gesamtwirtschaftlichen Effekte bleiben damit überschaubar. Im Vergleich zur Energiekrise 2022 fällt der Umfang der Maßnahmen deutlich geringer aus: Während damals fiskalische Unterstützung von rund 3,6 Prozent des BIP des Euroraums bereitgestellt wurde, beläuft sich das bislang tatsächlich beschlossene Volumen laut EZB auf etwa 0,1 Prozent des BIP. Hochgerechnete Schätzungen der Deutschen Bank liegen bei rund 0,3 Prozent des BIP (EZB 2026d, DB Research 2026c und 2026d).

Ein wesentlicher Grund hierfür liegt zum einen in der geringeren Größenordnung des aktuellen Energie- und Inflationsschocks. Zum anderen verweist die Deutsche Bank darauf, dass sich die fiskalische Ausgangslage im Vergleich zur Situation nach der Pandemie deutlich verschlechtert hat und damit den Spielraum für umfangreiche Unterstützungsmaßnahmen begrenzt (DB 2026d). Viele der Maßnahmen werden daher im Rahmen der bestehenden Haushalte umgesetzt, und die Mobilisierung zusätzlicher Mittel ist begrenzt, was insgesamt zu einer verhalteneren fiskalischen Reaktion führt (DB 2026c und 2026d)

Fiskalrahmen und Handlungsspielraum

Die zurückhaltende fiskalische Reaktion ist auch vor dem Hintergrund des europäischen Fiskalrahmens zu verstehen. Dieser sieht zwar Flexibilität in Ausnahmesituationen vor, die derzeit jedoch nur begrenzt genutzt wird.

Zentral ist dabei die Unterscheidung zwischen zwei Flexibilitätsmechanismen: der General Escape Clause (GEC) und der National Escape Clause (NEC). Die GEC ermöglicht eine umfassende Abweichung von den fiskalischen Vorgaben für alle Mitgliedstaaten, setzt jedoch eine schwere wirtschaftliche Abschwächung auf europäischer Ebene voraus. Sie wurde zuletzt während der Corona-Krise aktiviert, ist aktuell jedoch nicht in Kraft (DB 2026d). Die NEC erlaubt demgegenüber eine gezielte Abweichung für einzelne Mitgliedstaaten, sofern außergewöhnliche Umstände erhebliche Auswirkungen auf die öffentlichen Finanzen haben. Dieses Instrument steht damit im Zentrum der aktuellen Diskussion über zusätzliche fiskalische Spielräume.

In der praktischen Anwendung gewinnt die NEC derzeit an Bedeutung. Sie wird bereits im Bereich der Verteidigungsausgaben genutzt, wo Mitgliedstaaten ihre Ausgaben im Kontext der veränderten geopolitischen Lage deutlich erhöhen können. Konkret ermöglicht die geltende Auslegung, die Verteidigungsausgaben um bis zu etwa 1,5 Prozent des BIP pro Jahr bis 2028 auszuweiten, ohne dass daraus zusätzliche fiskalische Anpassungsanforderungen resultieren (DB 2026d). Dies verdeutlicht, dass der bestehende Fiskalrahmen gezielte Ausnahmen zulässt, ohne die fiskalischen Vorgaben insgesamt außer Kraft zu setzen.

Vor dem Hintergrund des aktuellen Energieschocks wird verstärkt über eine weitergehende Nutzung der bestehenden Flexibilitätsmechanismen diskutiert. Dabei beziehen sich entsprechende Forderungen sowohl auf eine breitere Anwendung der NEC als auch auf eine mögliche Aktivierung der GEC.

Letztere erscheint jedoch derzeit wenig wahrscheinlich, da die Voraussetzungen einer ausgeprägten gesamtwirtschaftlichen Abschwächung im Euroraum bislang nicht hinreichend erfüllt erscheinen (DB 2026d).

Gleichzeitig zeigt sich, dass eine weitergehende Lockerung der fiskalischen Regeln bislang auf europäischer Ebene nur begrenzte Unterstützung findet. Zwar drängen einzelne Mitgliedstaaten auf eine stärkere Nutzung der bestehenden Spielräume, wobei der Fokus im aktuellen Umfeld faktisch auf der NEC liegt. Die Resonanz auf entsprechende Vorschläge bleibt jedoch verhalten. Die Europäische Kommission hält an ihrer bisherigen Linie fest und betont, dass fiskalische Maßnahmen weiterhin primär temporär und begrenzt ausgestaltet werden sollten. Vor dem Hintergrund anhaltender inflationsseitiger Risiken wird zudem die Sorge hervorgehoben, dass eine breitere und längerfristige Nutzung fiskalischer Flexibilität zusätzliche Ausgabenanreize setzen und damit preistreibend wirken könnte (DB 2026d).

Insgesamt ergibt sich daraus ein begrenzter fiskalischer Handlungsspielraum. Zwar erlaubt der institutionelle Rahmen grundsätzlich Abweichungen, deren Nutzung bleibt jedoch selektiv und politisch umstritten. Dies trägt maßgeblich dazu bei, dass die fiskalische Unterstützung im aktuellen Umfeld vergleichsweise moderat ausfällt.

Preisentwicklung und Geldpolitik: Energiepreise führen zu geldpolitischem Zielkonflikt

Die Geldpolitik im Euroraum steht infolge des Energiepreisschocks vor einem ausgeprägten Zielkonflikt zwischen Preisstabilität und Konjunkturstützung. Während die Inflation zuletzt deutlich angestiegen ist, mehren sich gleichzeitig die Anzeichen einer konjunkturellen Abschwächung. Vor diesem Hintergrund verfolgt die EZB derzeit einen explizit datenabhängigen und von Sitzung zu Sitzung ausgerichteten Ansatz ohne Vorfestlegung auf einen festen Zinspfad (EZB 2026c).

Transmission des Energiepreisschocks

Für die geldpolitische Reaktion ist entscheidend, in welchem Ausmaß sich der Energiepreisschock über verschiedene Kanäle in die allgemeine Preisentwicklung überträgt. Die Literatur und Marktanalysen unterscheiden hierbei drei Mechanismen (DB Research 2026a):

▪ Direkte Effekte: Diese wirken unmittelbar über steigende Energiepreise auf den Verbraucherpreisindex (z. B. Kraftstoffe, Strom). Sie erklären den aktuellen Inflationsanstieg nahezu vollständig und folgen weitgehend mechanischen Zusammenhängen.

▪ Indirekte Effekte: Mit zeitlicher Verzögerung geben Unternehmen höhere Energiekosten an ihre Kunden weiter. Erste Indikatoren – etwa steigende Inputkosten und Verkaufspreiserwartungen in Unternehmensumfragen – deuten darauf hin, dass diese Effekte bereits an Bedeutung gewinnen und sich über Industriegüter und Dienstleistungen verbreiten könnten.

▪ Zweitrundeneffekte: Diese entstehen insbesondere über steigende Inflationserwartungen und Löhne. Sie sind für die Geldpolitik entscheidend, da sie zu einer Verstetigung des Inflationsdrucks führen können. Bislang sieht die EZB hierfür noch keine klaren Anzeichen, betont jedoch, dass diese Effekte typischerweise erst mit Verzögerung auftreten

Die EZB richtet ihre geldpolitische Strategie explizit auf diese Dynamik aus: Während direkte Effekte tendenziell „durchgesehen“ werden können, würden sich bei ausgeprägten indirekten oder insbesondere Zweitrundeneffekten deutlich stärkere geldpolitische Reaktionen ergeben.

Makroökonomische Ausgangslage und Bewertung durch die EZB

Die EZB betont, dass der Euroraum aus einer grundsätzlich robusten Ausgangssituation in den aktuellen Schock eingetreten ist: Die Inflation lag zuvor nahe dem Zielwert und die Wirtschaft zeigte eine gewisse Resilienz. Gleichzeitig haben sich die Rahmenbedingungen seit Ausbruch des Konflikts spürbar verschlechtert. Hohe Energiepreise belasten die real verfügbaren Einkommen und dämpfen Konsum und Investitionen, während Unsicherheit und schwächere externe Nachfrage zusätzlich auf die wirtschaftliche Aktivität wirken (EZB 2026c).

Auch die Finanzierungsbedingungen haben sich bereits verschärft – unter anderem durch steigende Risikoprämien und restriktivere Kreditvergabe – was einen Teil der geldpolitischen Straffung de facto vorwegnimmt (DB Research 2026b). Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, inwieweit zusätzliche Zinsschritte notwendig sind oder ob sich die restriktivere Wirkung bereits über die Finanzmärkte entfaltet.

Die Risikoeinschätzung des EZB Rates hat sich entsprechend verändert: Die Aufwärtsrisiken für die Inflation sowie die Abwärtsrisiken für das Wachstum haben sich intensiviert und werden nicht mehr nur als temporär betrachtet (EZB 2026c). Gleichzeitig herrscht erhebliche Unsicherheit über die Dauer und Intensität des Energiepreisschocks sowie über dessen Weitergabe in die Breite der Wirtschaft.

Ergebnisse der EZB-Sitzung im April 2026

Vor diesem Hintergrund hat der EZB-Rat am 30. April 2026 beschlossen, die Leitzinsen unverändert zu belassen (Einlagesatz: 2,0 %) (EZB 2026c). Die Entscheidung ist dabei weniger als Signal eines stabilen geldpolitischen Kurses zu verstehen, sondern als Ausdruck einer Übergangsphase, in der zentrale Einflussfaktoren noch nicht abschließend abschätzbar sind.

▪ Entscheidungsrelevant ist die noch unklare Weitergabe des Schocks: Für die EZB steht derzeit nicht die aktuelle Inflationsentwicklung im Vordergrund, sondern die Frage, wie stark und wie schnell sich der Energiepreisschock über indirekte Kanäle und potenzielle Zweitrundeneffekte in der Breite der Wirtschaft niederschlägt. Während erste indirekte Effekte erkennbar sind, fehlen bislang belastbare Hinweise auf eine breitere Verfestigung des Inflationsdrucks, insbesondere über Löhne. Damit ist die zentrale Unsicherheit nicht das Ausmaß des aktuellen Preisanstiegs, sondern dessen weitere Dynamik (EZB 2026d).

▪ Zunehmende Bedeutung der nächsten Datenrunde und Projektionen: Vor diesem Hintergrund richtet sich der geldpolitische Fokus explizit auf die kommenden Wochen. Die EZB erwartet zusätzliche Evidenz zur Entwicklung von Inflationserwartungen, Lohnabschlüssen sowie zur Preissetzung der Unternehmen, die Aufschluss über die Stärke der Transmission liefern dürfte. Entsprechend kommt der nächsten Sitzung – die auch aktualisierte Stabsprojektionen umfasst – eine entscheidende Rolle für die weitere geldpolitische Ausrichtung zu. Erst auf dieser Grundlage dürfte eine fundiertere – wenngleich weiterhin unvollständige – Einordnung des Inflationsausblicks und der geldpolitischen Reaktion möglich sein, da zentrale

Übertragungskanäle, insbesondere im Lohnbereich, erst mit zeitlicher Verzögerung sichtbar werden (EZB 2026d, DB Research 2026a).

Szenariobasierte Einordnung der geldpolitischen Reaktion

Die EZB-Stabsprojektionen liefern einen strukturierten Rahmen für mögliche geldpolitische Reaktionen:

▪ Basisszenario: Hier steigt die Inflation 2026 auf 2,6 Prozent und kehrt danach zum Zielwert zurück. In diesem Umfeld dürfte die EZB primär darauf abzielen, eine Entankerung der Inflationserwartungen zu verhindern. Dies spricht für eine moderate, vorsichtige Straffung, wie sie auch durch marktbasierte Zinserwartungen zur Zeit der EZB-Prognose impliziert wird (vgl. EZB 2026b, DB 2026b). Vor dem Hintergrund der anhaltenden Dauer des Iran-Konflikts und eines derzeit nicht absehbaren Endes erscheint es zunehmend fraglich, ob das Basisszenario –auch unter Berücksichtigung des 11. März als Stichtag der EZB-Projektionen – weiterhin Bestand haben kann. Stattdessen spricht einiges dafür, dass sich die Entwicklung eher in Richtung des adversen Szenarios verschiebt.

▪ Adverses Szenario: Laut der EZB liegt die Inflation im adversen Szenario im Jahr 2026 um 0,9 Prozentpunkte und im Jahr 2027 um 0,1 Prozentpunkte über dem Basisszenario, während sie 2028 um 0,5 Prozentpunkte darunterfällt. Gleichzeitig fällt das Wachstum leicht schwächer aus (um 0,3 bzw. 0,1 Prozentpunkte). Der stärkere Energiepreisschock erhöht nicht nur den kurzfristigen Inflationsdruck, sondern auch die Wahrscheinlichkeit indirekter Effekte und möglicher Zweitrundeneffekte. Dies spricht grundsätzlich für eine stärker restriktive geldpolitische Ausrichtung als im Basisszenario. Gleichzeitig begrenzen das schwächere Wachstum und bereits restriktivere Finanzierungsbedingungen den Spielraum für eine aggressive Straffung, sodass zusätzliche Zinsschritte zwar wahrscheinlicher werden, deren Ausmaß jedoch von der tatsächlichen Ausprägung der Zweitrundeneffekte abhängen dürfte

▪ Extremes Szenario: Hier liegt die Inflation im Jahr 2026 um 1,8 Prozentpunkte, im Jahr 2027 um 2,8 Prozentpunkte und im Jahr 2028 um 0,7 Prozentpunkte über dem Basisszenario, während das Wachstum deutlich einbricht und zeitweise leicht negativ ausfällt. Der anhaltend hohe Energiepreisschock führt zu ausgeprägten indirekten Effekten und deutlichen Zweitrundeneffekten, was grundsätzlich eine deutlich restriktivere geldpolitische Ausrichtung als im Basisszenario erfordern würde. Bei einem entsprechend starken Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität ist es jedoch plausibel, dass die Wachstumsrisiken überwiegen. Die resultierende Nachfrageschwäche würde den Inflationsdruck im mittelfristigen Horizont dämpfen, der für die EZB maßgeblich ist. In diesem Fall könnte die EZB trotz zunächst höherer Inflation ihre Geldpolitik lockern, um der konjunkturellen Abwärtsdynamik entgegenzuwirken

Einordnung

Insgesamt zeigt sich, dass die geldpolitische Reaktion entscheidend von der weiteren Transmission des Energiepreisschocks und deren Auswirkungen auf die mittelfristige Inflationsentwicklung abhängt. Während in einem Umfeld begrenzter und überwiegend direkter Effekte ein moderates und schrittweises Vorgehen ausreichend erscheint, erhöht eine breitere Weitergabe des Schocks über indirekte und Zweitrundeneffekte den geldpolitischen Handlungsdruck deutlich.

Gleichzeitig verdeutlicht die Szenarioanalyse, dass die geldpolitische Reaktion nicht linear verläuft. Mit zunehmender Intensität des Schocks verschärft sich der Zielkonflikt zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunkturstabilisierung. Während in moderaten Szenarien eine stärkere Straffung erforderlich sein kann, um die Inflationserwartungen zu stabilisieren, kann in einem extremen Szenario ein starker konjunktureller Einbruch die geldpolitische Reaktionsrichtung verändern. In diesem Fall können Wachstumsrisiken dominieren und – trotz höherer aktueller Inflation – eine Lockerung der Geldpolitik erforderlich machen, da die schwache Nachfrage den Preisdruck im mittelfristigen Horizont dämpft.

Finanzierungsbedingungen: Leichte Eintrübung im Zuge geopolitischer Spannungen

Seit unserer letzten Prognose im Dezember haben sich die Finanzierungsbedingungen im Euroraum etwas verschlechtert. Im Basisszenario der EZB werden sie zwar weiterhin als grundsätzlich unterstützend für die Konjunktur eingeschätzt, allerdings haben sich die Bedingungen zuletzt – insbesondere im Zuge der geopolitischen Spannungen – vorübergehend eingetrübt (EZB 2026b,c). So ist etwa der Zinssatz für marktbasierte Fremdfinanzierung zuletzt spürbar gestiegen.

Im Bankkreditkanal zeigt sich die Straffung deutlicher: Die Kreditstandards für Unternehmenskredite wurden im ersten Quartal 2026 erneut verschärft (netto plus 10 %), während die Kreditnachfrage leicht zurückging (netto minus 2 %). Bei Haushalten war die Entwicklung gemischt: Wohnungsbaukredite wurden nur leicht strenger vergeben, während Konsumentenkredite spürbar restriktiver wurden und die Nachfrage gleichzeitig nachließ.

Rendite 10-jähriger Staatsanleihen, in Prozent

Deutschland Griechenland Italien Frankreich Spanien

Quellen: Macrobond

Im Rahmen ihrer Szenarioanalyse weist die EZB (2026b) zudem darauf hin, dass eine Eskalation des Konflikts im Nahen Osten über steigende Unsicherheit zu höheren Risikoaufschlägen, sinkenden Aktienkursen und steigenden Finanzierungskosten für Banken und Unternehmen führen kann und damit die Finanzierungsbedingungen zusätzlich verschärft.

Solche Mechanismen waren nach der Eskalation im Iran-Konflikt auch tatsächlich an den Finanzmärkten zu beobachten. Anfang März reagierten die Märkte mit einer deutlichen „risk-off“-Bewegung: Die Aktienkurse gaben spürbar nach, während die Renditen von Staatsanleihen zunächst anzogen. In den darauffolgenden Wochen ließ diese Anspannung jedoch wieder etwas nach, da Hoffnungen auf eine Waffenruhe, diplomatische Fortschritte und eine Stabilisierung der Energieversorgung aufkamen. Entsprechend erholten sich die Aktienmärkte teilweise Auch am Anleihemarkt kam es zu einer Gegenbewegung, die jedoch nur leicht ausfiel.

Arbeitsmarkt: Stabil bei nachlassender Dynamik

Trotz des verhaltenen konjunkturellen Umfelds zeigt sich der Arbeitsmarkt im Euroraum weiterhin relativ stabil. Im März 2026 lag die saisonbereinigte Arbeitslosenquote bei 6,2 Prozent und damit leicht unter dem Niveau des Vorjahres. Auch die Zahl der Arbeitslosen ist im Jahresvergleich gesunken; gegenüber März 2025 waren rund 170 000 Personen weniger arbeitslos. Gleichzeitig bleibt die Jugendarbeitslosigkeit mit 14,9 Prozent weiterhin deutlich erhöht (Eurostat 2026).

Arbeitslosenquote* im Euroraum, in Prozent

Arbeitslosenquote Durchschnitt 1 Standardabweichung *saisonbereinigt

Quellen: Macrobond, Eurostat

Die Projektionen der EZB (2026b) deuten darauf hin, dass sich die Dynamik am Arbeitsmarkt im Prognosezeitraum weiter abschwächen dürfte. Nach mehreren Jahren kräftigen Beschäftigungsaufbaus hat sich das Beschäftigungswachstum bereits im Jahr 2025 verlangsamt und dürfte sich in den kommenden Jahren weiter abschwächen. Für das Jahr 2026 wird nur noch ein moderater Beschäftigungszuwachs von rund 0,5 Prozent erwartet, nachdem im Jahr 2025 ein Zuwachs von 0,7 Prozent verzeichnet wurde. Hintergrund ist die nachlassende wirtschaftliche Dynamik im Euroraum. Gleichzeitig geht die EZB davon aus, dass Unternehmen angesichts eines voraussichtlich temporären konjunkturellen Abschwungs tendenziell an ihren Beschäftigten festhalten werden („Labour Hoarding“). Dieser Effekt dürfte jedoch durch steigende Kostenbelastungen und den daraus resultierenden Druck auf die Gewinne begrenzt werden.

Vor diesem Hintergrund dürfte die Arbeitslosenquote zunächst leicht ansteigen, bevor sie ab 2027 wieder zurückgeht. Im Jahresdurchschnitt bleibt sie jedoch weitgehend stabil und bewegt sich in den Jahren 2025 bis 2027 bei rund 6,3 Prozent, bevor sie bis 2028 leicht auf etwa 6,2 Prozent sinkt (EZB 2026b). Trotz der insgesamt stabilen Entwicklung bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten, mit sehr niedrigen Arbeitslosenquoten in einigen mittel- und osteuropäischen Ländern wie Polen und Tschechien sowie vergleichsweise niedrigen Werten etwa in Deutschland. Demgegenüber weisen andere Volkswirtschaften, insbesondere Spanien und Griechenland, weiterhin strukturell höhere Arbeitslosenquoten auf.

Risikoanalyse

Trotz einzelner stabilisierender Entwicklungen – etwa Fortschritten in internationalen Handelsgesprächen sowie wachstumsstützender fiskalischer Maßnahmen in einzelnen Mitgliedstaaten – bleibt das wirtschaftliche Umfeld im Euroraum von hoher Unsicherheit geprägt. Geopolitische Spannungen, handelspolitische Risiken und anhaltende Verwundbarkeiten an den Finanzmärkten wirken weiterhin belastend auf die konjunkturelle Entwicklung. Die nachfolgenden Risiken und Chancen können daher zu Abweichungen vom prognostizierten Konjunkturverlauf führen. Risiken im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt werden dabei nicht gesondert ausgewiesen, da sie im Rahmen einer separaten Szenarioanalyse an anderer Stelle berücksichtigt werden.

Abwärtsrisiken

▪ Handelskonflikte und Unsicherheiten: Die aktuelle Entwicklung im transatlantischen Handelskonflikt verdeutlicht die weiterhin hohe Unsicherheit hinsichtlich der zukünftigen Ausgestaltung der Handelspolitik. Insbesondere bleibt unklar, wie sich die US-Zollpolitik nach Auslaufen temporärer Maßnahmen und Fristen – etwa im Zusammenhang mit den derzeit geltenden Basiszöllen – weiterentwickeln wird. Diese anhaltende Unsicherheit wirkt bereits dämpfend auf die wirtschaftliche Dynamik. Empirische Analysen zeigen, dass handelspolitische Unsicherheit Unternehmen zu einer abwartenden Haltung veranlasst, wodurch Investitionen zurückgestellt und internationale Wertschöpfungsketten angepasst werden. Gerade im stark exportorientierten Euroraum kann dies die Investitions- und Exportdynamik spürbar belasten. Darüber hinaus stellen auch die wirtschaftliche Entwicklung und die handelspolitische Rolle Chinas einen wesentlichen Risikofaktor dar. Eine schwächere Binnennachfrage in China sowie zunehmende Exportüberschüsse könnten sowohl die Nachfrage nach europäischen Gütern dämpfen als auch den Wettbewerbsdruck auf dem europäischen Binnenmarkt und in Drittstaaten deutlich erhöhen.

▪ Finanzmarktrisiken und systematische Verwundbarkeiten: Die Entwicklung an den internationalen Finanzmärkten zeigt sich trotz erhöhter Volatilität infolge geopolitischer Unsicherheiten bislang robust, gleichzeitig bestehen weiterhin erhebliche Verwundbarkeiten. Risiken ergeben sich insbesondere aus hohen Bewertungen an den Kapitalmärkten, die sich zunehmend auf technologie- und KI-getriebene Unternehmen konzentrieren. Eine Neubewertung dieser Erwartungen könnte zu abrupten Kurskorrekturen führen und über Vermögens- und Vertrauenseffekte sowie verschärfte Finanzierungsbedingungen auch auf den Euroraum übergreifen Strukturelle Risiken bestehen weiterhin im Bereich der nicht-banklichen Finanzintermediäre. Liquiditätsdiskrepanzen, erhöhte Verschuldung und eine zunehmend enge Verflechtungen mit dem Bankensystem können in Stressphasen Marktverwerfungen verstärken, während begrenzte Transparenz die Risikobewertung zusätzlich erschwert. Steigende Zinsen und

Refinanzierungsrisiken erhöhen den Druck auf hochverschuldete Staaten und private Akteure und können die Investitions- und Wachstumsaussichten belasten. Auch kryptobasierte Finanzinnovationen bleiben ein Risikofaktor, da Stresssituationen – insbesondere bei Stablecoins –zu Marktspannungen an Geld- und Anleihemärkten führen können.

▪ Konsum- und Investitionsrisiken: Aufgrund sinkender Realeinkommen im Zuge des IranKriegs und der steigenden Güterpreise bleibt die Konsumdynamik im Euroraum gedämpft. Ein weiterer wesentlicher Grund hierfür ist die weiterhin erhöhte Unsicherheit, insbesondere im Zusammenhang mit geopolitischen und handelspolitischen Risiken, die private Haushalte zu vorsichtigem Verhalten und einer erhöhten Sparneigung veranlasst. Empirische Analysen zeigen, dass Unsicherheit Haushalte und Unternehmen dazu veranlasst, Konsum- und Investitionsentscheidungen zu verschieben oder ganz auszusetzen. Ein Risiko besteht darin, dass sich Inflationserwartungen entankern und Zweitrundeneffekte zu einer nachhaltig höheren Inflation führen. In diesem Fall könnte eine restriktivere geldpolitische Ausrichtung erforderlich werden. Aufgrund der bekannten Verzögerungen im geldpolitischen Transmissionsmechanismus würden sich die realwirtschaftlichen Effekte jedoch vor allem mittelfristig entfalten Hinzu kommt, dass die Investitionsdynamik auch durch mögliche Korrekturen in technologiegetriebenen Investitionszyklen belastet werden könnte. Insbesondere eine Neubewertung der Erwartungen an KI-basierte Produktivitätsgewinne könnte zu einem Rückgang entsprechender Investitionen führen und die konjunkturelle Dynamik zusätzlich abschwächen.

Wachstumschancen

▪ Stärkere Produktivitätsgewinne durch KI: Eine schnellere als bislang erwartete Diffusion von KI könnte die Produktivität deutlich steigern und damit das Wachstum früher und stärker anheben als im Basisszenario angenommen. Insbesondere der aktuelle Anstieg KI-bezogener Investitionen und der zunehmende Einsatz in verschiedenen Sektoren eröffnen kurz- und mittelfristige Wachstumsimpulse. Voraussetzung hierfür sind jedoch flankierende Maßnahmen, etwa zur Sicherstellung ausreichender Energieversorgung, zur Bereitstellung notwendiger Vorleistungen sowie zur Unterstützung von Anpassungsprozessen am Arbeitsmarkt. Ohne solche Rahmenbedingungen könnten die positiven Effekte begrenzt bleiben oder ungleich verteilt ausfallen.

▪ Beschleunigung von Strukturreformen: Strukturreformen bergen angesichts aktueller Herausforderungen und technologischer Umbrüche ein großes Potenzial. Eine konsequente Umsetzung von Maßnahmen zum Abbau regulatorischer Hürden, zur Stärkung von Wettbewerb und Innovation sowie zur Qualifizierung von Arbeitskräften und Erhöhung der Arbeitsmobilität kann das Wachstumspotenzial nachhaltig erhöhen. Gleichzeitig verbessern solche Reformen die Anpassungsfähigkeit und Resilienz der Volkswirtschaften. Modellrechnungen des IWF (2026) zeigen, dass ein umfassendes Reformpaket in wichtigen Volkswirtschaften das globale Wachstum kurzfristig um mehr als 0,5 Prozentpunkte steigern könnte.

▪ Abbau von Handelsbarrieren und Ausbau von multilateraler Kooperation: Fortschritte in internationalen Handelsverhandlungen könnten durch niedrigere Zölle und mehr Planungssicherheit die globale Wirtschaftsaktivität deutlich stärken. Eine höhere Vorhersehbarkeit der Wirtschaftspolitik würde Investitionen erleichtern und bislang aufgeschobene Projekte freisetzen. Zusätzliche Wachstumsimpulse ergeben sich, wenn Kooperation über den Warenhandel hinausgeht und auch Dienstleistungen, Direktinvestitionen und internationale Steuerfragen

umfasst. Neue oder vertiefte Handelsabkommen können zudem Handelskosten senken und Anpassungsprozesse erleichtern.

▪ Stärkere binnenwirtschaftliche Resilienz und Anpassung: Unternehmen könnten sich als widerstandsfähiger und anpassungsfähiger erweisen als derzeit angenommen. In der Vergangenheit haben sie bereits auf höhere Handelsbarrieren, steigende Inflation und zunehmende Arbeitskräfteengpässe reagiert und dabei teils eine beachtliche Anpassungsfähigkeit erkennen lassen. Diese Anpassungsfähigkeit – etwa durch die Umgestaltung von Lieferketten und Geschäftsprozessen – könnte dazu beitragen, die negativen Auswirkungen geopolitischer Schocks stärker abzufedern als im Basisszenario erwartet.

Ausblick und wirtschaftspolitische Empfehlungen

Vor dem Hintergrund der dargestellten konjunkturellen Abschwächung, der erhöhten Unsicherheit sowie der strukturellen Herausforderungen ergibt sich ein insgesamt fragiles wirtschaftliches Umfeld im Euroraum. Die kurzfristige Entwicklung wird maßgeblich durch externe Schocks und deren Transmission über Energiepreise, Finanzierungsbedingungen und Erwartungen geprägt, während gleichzeitig die mittelfristigen Wachstumsperspektiven durch anhaltende strukturelle Schwächen begrenzt bleiben.

Aus dieser Gesamtlage ergeben sich klare übergeordnete Implikationen für die Wirtschaftspolitik: Neben einer stabilitätsorientierten Reaktion auf kurzfristige Belastungen rückt zunehmend die Notwendigkeit in den Fokus, die strukturellen Rahmenbedingungen für Wachstum, Investitionen und Anpassungsfähigkeit gezielt zu verbessern. Vor diesem Hintergrund gewinnt die wirtschaftspolitische Handlungsagenda weiter an Bedeutung.

Um das wirtschaftliche Wachstum im Euroraum langfristig zu sichern, besteht akuter Handlungsbedarf: Es braucht jetzt ein entschiedenes und deutlich beschleunigtes Vorantreiben gezielter Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, zur Mobilisierung von Investitionen und zur Erhöhung der wirtschaftlichen Resilienz. Die wirtschaftspolitische Handlungsnotwendigkeit hat sich durch die jüngsten Entwicklungen deutlich verschärft, insbesondere durch hohe und volatile Energiepreise sowie anhaltende Versorgungsunsicherheiten im Zuge des Nahostkonflikts, anhaltend hohe handelspolitische Unsicherheit im transatlantischen Verhältnis und strukturelle Schwächen innerhalb einzelner Mitgliedstaaten. Die zentralen Herausforderungen und Reformoptionen sind seit Jahren klar benannt, beispielsweise in den Berichten von Mario Draghi und Enrico Letta, im EU-Kompass für Wettbewerbsfähigkeit sowie im Clean Industrial Deal, ohne dass es bislang zu einer konsequenten Umsetzung gekommen ist. In einer zunehmend angespannten globalen Lage droht Europa, weiter an wirtschaftlicher Substanz und Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Entscheidend ist daher, jetzt endlich konkrete Fortschritte zu erzielen. Die folgenden Punkte markieren aus unserer Sicht die aktuell dringendsten und wesentlichsten wirtschaftspolitischen Handlungsfelder.

▪

Binnenmarkt vertiefen – insbesondere in den Bereichen Dienstleistungen, Energie und Digitalisierung: Ein stärker integrierter Binnenmarkt ist entscheidend für höhere Produktivität, wirtschaftliche Resilienz und die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas. Dazu zählen der zügige Ausbau grenzüberschreitender Energie- und Digitalinfrastrukturen sowie der Abbau fortbestehender regulatorischer und administrativer Barrieren, insbesondere im Dienstleistungsbereich. Analysen der EZB (2025b) und des IWF (2024) zeigen, dass die Handelskosten innerhalb Europas im internationalen Vergleich insgesamt hoch sind und in diesem Bereich

nochmals deutlich darüber liegen. Diese strukturellen Hemmnisse beschränken den Wettbewerb und verteuern wirtschaftliche Aktivitäten und sollten daher konsequent abgebaut werden.

▪ Strukturreformen auf EU- und nationaler Ebene vorantreiben: Zur nachhaltigen Stärkung des Wachstumspotenzials bedarf es einer deutlich beschleunigten Umsetzung von Strukturreformen. Auf EU-Ebene sind insbesondere der Abbau regulatorischer Komplexität, eine spürbare Reduktion administrativer Belastungen sowie die Vertiefung der Kapitalmarktunion („Savings and Investment Union“) entscheidend, um grenzüberschreitende Investitionen zu erleichtern und Fragmentierung abzubauen. Auf nationaler Ebene müssen Reformen in Arbeits- und Produktmärkten vorangetrieben, staatliche Strukturen modernisiert und Investitionshemmnisse konsequent reduziert werden. Angesichts des beschleunigten technologischen Wandels gewinnt zudem die Diffusion neuer Technologien, insbesondere Künstlicher Intelligenz, an Bedeutung und erfordert verlässliche, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen.

▪ Investitionsbedingungen verbessern und EU-Mittel strategisch ausrichten: Europa steht vor einer erheblichen Investitionslücke von über 1,2 Billionen Euro jährlich, insbesondere in den Bereichen Energie und Netzinfrastruktur, Digitalisierung, industrielle Transformation, Resilienz und Verteidigung. Um Wettbewerbsfähigkeit und strategische Handlungsfähigkeit langfristig zu sichern, müssen private und öffentliche Investitionen stärker mobilisiert und gezielter eingesetzt werden, insbesondere zur Stärkung von Forschung und Innovation. Der Mehrjährige Finanzrahmen (MFR) 2028 – 2034 sollte konsequent auf Investitionswirksamkeit, Bündelung und Vereinfachung ausgerichtet werden, einschließlich der Weiterentwicklung bestehender Instrumente wie InvestEU und IPCEI sowie der zielgerichteten Ausgestaltung und Umsetzung des Europäischen Wettbewerbsfähigkeitsfonds (ECF). Entscheidend sind zudem verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, Planungssicherheit sowie international wettbewerbsfähige Standortfaktoren, damit Investitionen europaweit schneller und wirksamer ausgelöst werden. Gleichzeitig gewinnt die Qualität der Investitionen an Bedeutung: Öffentliche Mittel sollten stärker auf produktivitätswirksame Vorhaben fokussiert werden, um knappe fiskalische Spielräume effizient zu nutzen.

▪ Offene Märkte sichern – strategische Handelsbeziehungen ausbauen: Die EU sollte den Abschluss weiterer Handelsabkommen gezielt vorantreiben und bestehende Vereinbarungen konsequent umsetzen. Diversifizierte Lieferketten, verbesserter Marktzugang sowie verlässliche Rahmenbedingungen für Handel und Investitionen sind zentrale Voraussetzungen für wirtschaftliche Resilienz. Gleichzeitig bedarf es einer koordinierten europäischen Strategie, um Handelsumlenkungen, Überkapazitäten und wettbewerbsverzerrende Subventionen wirksam zu adressieren. So kann Europa seine Wettbewerbsfähigkeit sichern und seine Interessen in der zunehmend fragmentierten und protektionistisch geprägten Weltwirtschaft behaupten.

▪ Fiskalpolitik im Umgang mit Schocks stabilitätsgerecht ausrichten: Fiskalische Maßnahmen sollten gezielt, temporär und wachstumsorientiert ausgestaltet werden, um wirtschaftliche Schocks – insbesondere energiepreisbedingte Angebotsschocks – abzufedern, ohne inflationäre Impulse zu verstärken oder die Geldpolitik zu konterkarieren. In einem Umfeld erhöhter Inflation ist Zurückhaltung geboten: Breite, nachfragewirksame Impulse sind zu vermeiden, da sie Preisdruck und Zinsniveau erhöhen können. Unterstützung sollte auf besonders betroffene Haushalte und Unternehmen begrenzt und klar befristet sein, wobei Preissignale erhalten bleiben müssen. Angesichts begrenzter fiskalischer Spielräume sind Maßnahmen konsequent zu priorisieren und mit mittelfristigen fiskalischen Zielsetzungen in Einklang zu bringen.

▪

Geldpolitik zwischen Inflations- und Wachstumsrisiken kalibrieren: Energiepreisschocks wirken primär als Angebotsschocks, erhöhen kurzfristig die Inflation und dämpfen zugleich die wirtschaftliche Dynamik. Maßgeblich ist daher weniger der unmittelbare Preisanstieg als die Gefahr steigender Inflationserwartungen und daraus resultierender Zweitrundeneffekte. Verfestigen sich diese, kann dies eine restriktivere geldpolitische Ausrichtung nach sich ziehen, was die konjunkturelle Entwicklung zusätzlich belastet; bleiben Inflationserwartungen stabil, können temporäre Preisschocks geldpolitisch eher durchschaut werden. Entscheidend ist daher eine sorgfältige, zustandsabhängige Abwägung zwischen Preisstabilität und Wachstum (vgl. OECD 2026; IWF 2026).

▪ Energiepolitik auf Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit ausrichten: Zentral hierfür ist, dass das energiewirtschaftliche Zieldreieck aus „Versorgungssicherheit – Wettbewerbsfähigkeit – Nachhaltigkeit“ wieder in Einklang gebracht werden muss. Dies bedeutet, dass der Ausbau Erneuerbarer Energien netzverträglicher stattfinden, Versorgungssicherheit erhalten bleiben und ein international wettbewerbsfähiges Preisniveau vor allem bei Strom und Gas wieder hergestellt werden muss. Zugleich sind die Diversifizierung der Energieversorgung sowie die Nutzung heimischer, klimafreundlicher Energiequellen wichtig, um Versorgungssicherheit zu erhöhen und Importabhängigkeiten zu reduzieren. Auch trägt eine stärkere internationale Koordination dazu bei, die Potenziale des europäischen Energiebinnenmarktes bestmöglich zu nutzen.

Quellenverzeichnis

Banco de España (2026). Macroeconomic projections and quarterly report on the Spanish economy. März. Madrid.

Banque de France (2026). Macroeconomic interim projections. März. Paris.

Banca D’Italia (2026). Macroeconomic projections for the Italian Economy. April. Rom.

Bruegel (2026). 2026 European energy crisis fiscal response tracker. Mai. Brüssel.

Destatis (2026). Bruttoinlandsprodukt im 1. Quartal 2026 um 0,3 % höher als im Vorquartal Pressemitteilung Nr. 153. April. Wiesbaden.

Deutsche Bank Research (2026a). Passthrough Playbook: Tracking the stages of energy transmission. Economics Europe Blog. Mai. Frankfurt am Main.

--(2026b). ECB Reaction: A rapidly narrowing window to avoid hikes. Economics Europe Blog. April Frankfurt am Main.

--(2026c). Iran shock and fiscal shielding: an update. Economics Europe Blog. April. Frankfurt am Main.

--(2026d). Iran Shock and the case for an Energy National Escape Clause. Economics Europe Blog. Mai. Frankfurt am Main.

--(2026e). France - A weakening economy in May, but not THAT weak. Economics Europe Blog. Mai. Frankfurt am Main.

Europäische Zentralbank (2026a). Monetary Policy Statement Press Conference. April. Frankfurt am Main.

--(2026b). ECB staff macroeconomic projections for the euro area. März. Frankfurt am Main.

--(2026c). Combined monetary policy decisions and statement April. Frankfurt am Main.

(2026d). Monetary Policy Statement. Press Conference Christine Lagarde, President of the ECB, Luis de Guindos, Vice-President of the ECB April. Frankfurt am Main.

(2025a). Staff macroeconomic projections for the euro area. September. Frankfurt am Main.

--(2025b). What is the untapped potential of the EU Single Market? Frankfurt.

Eurostat (2026). Unemployment statistics. März. Luxemburg.

Instituto Nacional de Estadística (2026). Quarterly National Spanish Accounts. First quarter 2026. Provisional. April. Madrid.

Istat (2026). Preliminary estimate of GDP - Q1 2026. April. Rom.

Internationaler Währungsfonds (2026). World Economic Outlook. Global Economy in the Shadow of War. April. Washington D.C.

--(2024). Europe's Choice: Policies for Growth and Resilience. Dezember. Washington, D.C.

OECD (2026). OECD Economic Outlook, Interim Report. März. Paris.

S&P Global (2026a). Global Eurozone Composite PMI Mai. New York City.

--(2026b). Global Flash France PMI. Mai. New York City.

(2026c). Global Flash Germany PMI. Mai. New York City.

Impressum

Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI)

Breite Straße 29 10178 Berlin

T: +49 30 2028-0 www.bdi.eu

Lobbyregisternummer R000534

Autor

Frederik Lange

T: +49 30 2028 1734 f.lange@bdi.eu

Redaktion / Grafiken

Dr. Klaus Günter Deutsch T: +49 30 2028 1591 k.deutsch@bdi.eu

Marta Gancarek T: +49 30 2028 1588 m.gancarek@bdi.eu

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Wachstumsausblick Europa: Energiepreisschock belastet das Wachstum im Euroraum by Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. - Issuu