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Gesundheit sichert Zukunft

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POSITION | GESUNDHEITSPOLITIK | SICHERHEIT

Gesundheit sichert Zukunft

Die industrielle Gesundheitswirtschaft (iGW) als Schlüssel für Resilienz, Souveränität und Verteidigungsfähigkeit

9. Juni 2026

Executive Summary: Gesundheit ist Sicherheits- und Standortpolitik

Die geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre, die Erfahrungen aus der COVID-19-Pandemie und neue Bedrohungsszenarien haben deutlich gemacht: Resilienz im Gesundheitssektor ist kein Spezialthema der Gefahrenabwehr – sie ist ein zentraler Bestandteil von Sicherheits-, Industrie- und Standortpolitik. Ein leistungsfähiges Gesundheitssystem ist Voraussetzung für den Schutz der Bevölkerung, die Funktionsfähigkeit kritischer Infrastrukturen und die Handlungsfähigkeit des Staates. Als logistisches Drehkreuz in Europa trägt Deutschland zudem besondere Verantwortung für die Verteidigungsfähigkeit, die internationale Kooperation und die Bündnisfähigkeit innerhalb der NATO.

Resilienz sichert die Grundlagen für Wohlstand, Sicherheit und Innovationsführerschaft. Sie beschreibt die Fähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft, externe Schocks abzufedern, sich schnell anzupassen und ihre Funktions- sowie Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu erhalten. Sichere und funktionierende kritische Infrastrukturen bilden dabei das Rückgrat staatlicher Stabilität und gesellschaftlicher Widerstandskraft. Während sich gesellschaftliche Resilienz vor allem an der Sicherstellung von Versorgungssicherheit und sozialer Stabilität bemisst, zielt wirtschaftliche Resilienz auf die Wahrung von Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und Wertschöpfung. Die industrielle Gesundheitswirtschaft (iGW) verbindet beide Dimensionen und ist damit ein zentraler Pfeiler gesamtstaatlicher Resilienz.

Zugleich ist Resilienz untrennbar mit technologischer Souveränität verbunden – also der Fähigkeit, in Schlüsseltechnologien unabhängig und handlungsfähig zu bleiben. Resilienz bedeutet daher: Souveränität durch Wettbewerbsfähigkeit. Die iGW spielt in diesem Kontext eine Schlüsselrolle. Mit ihrer Expertise in der Entwicklung und Produktion von Arzneimitteln, Medizinprodukten, Diagnostik, Biotechnologie und Gesundheits-IT ist sie ein strategischer Partner für Staat und Gesellschaft. Sie sichert nicht nur die Versorgung im Alltag, sondern gewährleistet auch die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems in Krisen- und Verteidigungssituationen.

Resilienz ist ein mehrdimensionales Konzept, das sich nach Ebenen, Bedrohungen und Mechanismen differenzieren lässt. Die folgende Übersicht verdeutlicht, wie gesellschaftliche und wirtschaftliche Resilienz zusammenwirken und welchen spezifischen Beitrag die industrielle Gesundheitswirtschaft hierzu leistet.

Dimension Gesellschaftliche Resilienz

Zielgrößen

Mechanismen

Belastungen/ Bedrohungen

Gesundheit, Lebensqualität, Versorgungssicherheit, soziale Stabilität, Skalierbarkeit der Versorgung im Krisenfall

Stabilisierung des Gesundheitssystems, Prävention, Krisenvorsorge, staatliche Koordination, Schutz kritischer Infrastrukturen

demografischer Wandel, Versorgungsengpässe, Pandemien, Cyberangriffe, Gesundheitskrisen, Naturkatastrophen, externe Schocks

Zeithorizont Kurz- bis mittelfristige Krisenbewältigung

Beitrag der iGW

Entwicklung und Bereitstellung von Arzneimitteln, Impfstoffen, Diagnostik, Medizinprodukten und digitalen Gesundheitslösungen zur Sicherstellung der Versorgung; Innovationen für Prävention, Diagnose & Therapie

Wirtschaftliche Resilienz

Wertschöpfung, Beschäftigung, Produktivität, Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit

F&E-Investitionen, industrielle Kapazitäten, diversifizierte Lieferketten, attraktive Standortbedingungen

Fachkräftemangel, Rohstoffmangel, Klimawandel, Geopolitische Spannungen & Konflikte, Cyberangriffe, Spionage, Handelskonflikte, Lieferkettenstörungen

Mittel- bis langfristige Anpassungsfähigkeit

Bereitstellung skalierbarer Produktionskapazitäten, industrielle Wertschöpfung & Wachstum, Sicherung hochqualifizierter Arbeitsplätze, Innovations- und Exportstärke durch intensive F&E, Stärkung technologischer Souveränität

Resilienz entsteht jedoch nicht im Krisenmodus. Sie wird im Normalbetrieb aufgebaut - durch starke Forschungs- und Innovationssysteme, wettbewerbsfähige Produktionsbedingungen, robuste Lieferketten, den Schutz geistigen Eigentums sowie durch leistungsfähige digitale Infrastrukturen. Die iGW ist damit weit mehr als ein Teil der Gesundheitsversorgung. Sie ist eine Leitbranche für wirtschaftliche Stärke, technologische Souveränität und gesellschaftliche Stabilität in Deutschland und Europa Bestätigt wird dies vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen: „Ein resilientes Gesundheitssystem sollte in der Lage sein, vorübergehende Lieferengpässe auszugleichen bzw. einen erhöhten oder speziellen Bedarf im Krisenfall kurzfristig zu decken. Damit dies im deutschen Gesundheitssystem gelingen kann, sollten bereits vor der Krisenzeit geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Dazu gehören nicht nur Strategien zur Stärkung der globalen Lieferketten, sondern auch zur Bevorratung mit besonders relevanten Produkten und zur Sicherung von Produktionskapazitäten. Zudem trägt die Förderung von Innovationen dazu bei, die Versorgung im Krisenfall zu gewährleisten.“1

Dieses Positionspapier zeigt auf, wie in und aus der iGW Resilienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette geschaffen wird. Es analysiert die aktuellen Herausforderungen und strukturellen Defizite und formuliert konkrete Ansätze, wie Politik und Industrie gemeinsam die Voraussetzungen für eine resiliente, wettbewerbsfähige und souveräne Gesundheitswirtschaft schaffen können. Ziel ist es, die industrielle Gesundheitswirtschaft als Schlüsselindustrie strategisch zu stärken – für ein widerstandsfähiges Deutschland und ein souveränes Europa.

1 „Resilienz im Gesundheitswesen - Wege zur Bewältigung künftiger Krisen“ Gutachten 2023, S. 389ff.

Kernbotschaften

(1) Gesundheit ist strategischer Produktions- und Sicherheitsfaktor: Gesundheit ist ein konditionales Gut, welches die Grundlage von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit in stabilen Zeiten sowie Resilienz und staatlicher Handlungsfähigkeit im Krisenfall bildet

Empfehlung: Gesundheitspolitik systematisch und ressortübergreifend mit Wirtschafts-, Industrie- und Sicherheitspolitik koordinieren

(2) Industriepolitische Ziele und Regulierung kohärent ausgestalten: Zusätzliche regulatorische Belastungen dürfen den Aufbau einer starken, resilienten Gesundheitswirtschaft nicht untergraben. Erforderlich ist daher eine konsequente Kohärenzprüfung, um Zielkonflikte zu vermeiden und verlässliche Investitionsbedingungen zu sichern.

(3) Resilienz beginnt vor der Krise: Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass robuste eigene Forschungs-, Innovations- und industrielle Kapazitäten die Handlungsfähigkeit in Krisenzeiten erhöhen

Empfehlung: Forschungssicherheit, Innovationsförderung und Schutz von Schlüsseltechnologien gezielt stärken.

(4) Industrielle Gesundheitswirtschaft als Schlüsselindustrie Europas positionieren: Die iGW vereint Innovationskraft, Exportstärke und sicherheitspolitische Relevanz und ist damit zentral für europäische Souveränität.

Empfehlung: iGW auf EU-Ebene als strategische Schlüsselindustrie verankern und industriepolitisch priorisieren.

(5) Produktionskapazitäten sichern und Abhängigkeiten reduzieren: Resilienz erfordert Mindestkapazitäten in Europa, Flexibilität der Produktionsanlagen (Umswitchen in Krisen) und gleichzeitig diversifizierte, belastbare Partnerschaften.

Empfehlung: Aufbau und Erhalt kritischer Produktionskapazitäten in Europa gezielt fördern und absichern sowie Lücken durch Abkommen mit verlässlichen Partnern schließen.

(6) Lieferketten resilient machen (Transparenz, Vorsorge, Koordination, Diversifizierung): Versorgungssicherheit scheitert oft an fehlender Transparenz und Koordination entlang der Wertschöpfungskette

Empfehlung: EU-weit abgestimmte Frühwarnsysteme, strategische Lagerhaltung und Public-Private-Partnerships etablieren.

(7) Genehmigungsprozesse beschleunigen, ohne Sicherheit zu gefährden: Langsame und komplexe Verfahren sind ein zentraler Standortnachteil im globalen Wettbewerb.

Empfehlung: adaptive Evidenzmodelle einführen und Nutzenbewertung innovationsfreundlich weiterentwickeln.

(8) Resilienz braucht klare Finanzierung und Governance: Ohne verbindliche Zuständigkeiten, Finanzierung und regelmäßige Überprüfung bleibt Resilienz sowohl in ihrer gesellschaftlichen wie in ihrer wirtschaftlichen Dimension Stückwerk.

Empfehlung: Nationalen Resilienzrahmen schaffen, inklusive Finanzierungsinstrumenten, klar zugeordneter Budgetverantwortung und verbindlicher Koordination auf nationaler und europäischer Ebene.

1. Lehren aus der Pandemie: Resilienz braucht industrielle Gesundheitskompetenz

Die COVID-19-Pandemie hat in aller Deutlichkeit gezeigt, wie entscheidend ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, wissenschaftliche Exzellenz und industrielle Produktionskapazitäten für die Handlungsfähigkeit eines Staates sind. Insbesondere die schnelle Entwicklung wirksamer Impfstoffe unterstreicht die zentrale Rolle von Innovationskraft aus einer starken industriellen Gesundheitswirtschaft. Wer über eigene Forschungskompetenz und skalierbare Produktionskapazitäten verfügt, kann in Krisensituationen schnell reagieren, Versorgung sichern und gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Stabilität gewährleisten. Diese Fähigkeit ist ein Kernbestandteil staatlicher Resilienz und strategischer Souveränität.

Als wesentliche Erkenntnis lässt sich aus heutiger Sicht festhalten, dass Resilienz mehr als ein Krisenthema ist, nämlich eine Standortfrage, die nicht nur einzelne Maßnahmen fordert, sondern eine sektorübergreifende Strategie und institutionelle Lernfähigkeit

Krisenbedingte Wertschöpfungsverluste in Milliarden Euro

Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/michael-groemling-735-milliarden-euro-schaden-durch-pandemie-und-krieg.html

Aktuell bestehen weiterhin strukturelle Defizite, die die Vorbereitung auf zukünftige Pandemien oder andere Krisen erschweren. Fragmentierte Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und EU verlangsamen Entscheidungsprozesse, während eine systematische Finanzierung von Resilienz und Vorsorge bislang fehlt. Komplexe und uneinheitliche regulatorische Verfahren bremsen Innovation und Skalierung Standortnachteile wie hohe Energie- und Produktionskosten sowie Fachkräftemangel beeinträchtigen die Wettbewerbsfähigkeit. Hinzu kommt, dass eine klare Priorisierung strategischer Gesundheitsgüter und kritischer Industrien weiterhin fehlt Problematisch ist auch der anhaltende Rückstand bei der Digitalisierung.

2. Gesundheit als strategischer Produktions- und Sicherheitsfaktor

2.1. iGW im Normalbetrieb: Fundament wirtschaftlicher Stabilität

Eine leistungsfähige industrielle Gesundheitswirtschaft ist nicht nur im Krisenfall relevant – sie bildet bereits im Normalbetrieb eine zentrale Grundlage für wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftliche Leistungsfähigkeit. Resilienz beginnt daher nicht erst in der akuten Krisenlage, sondern im Alltag eines funktionierenden Gesundheits- und Innovationssystems.

Kennzahlen der industriellen Gesundheitswirtschaft/Deutschland in Milliarden Euro

Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) (2026): Gesundheitswirtschaftliche Gesamtrechnung (GGR) 2025; Berechnungen: WifOR Institute; https://ggrdashboard.bundeswirtschaftsministerium.de/

Gesundheit ist eine wesentliche Voraussetzung für Wohlbefinden, Zufriedenheit, Produktivität und Wertschöpfung und damit schlussendlich auch für sozialen Frieden. Eine stabile Gesundheitsversorgung trägt dazu bei, Arbeitsfähigkeit zu erhalten, krankheitsbedingte Ausfälle zu reduzieren und die Fachkräftebasis langfristig zu sichern. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gewinnt dieser Aspekt zusätzlich an Bedeutung: Eine alternde Gesellschaft ist umso stärker auf ein leistungsfähiges Gesundheitssystem angewiesen, um ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit zu erhalten.

Zugleich ist die industrielle Gesundheitswirtschaft selbst ein wichtiger Wachstumstreiber. Sie steht für eine hohe Innovationsdynamik, enge Verzahnung von Forschung und industrieller Anwendung sowie starke Exportorientierung. Neben den abgebildeten direkten Effekten sind auch die Ausstrahleffekte der iGW bedeutsam: So wurde 2025 mit jedem erwirtschafteten Euro Bruttowertschöpfung in der

iGW ein weiterer Euro in der gesamten Volkswirtschaft generiert. Und mit jedem direkte Arbeitsplatz in der iGW sind 1,1 zusätzliche Stellen in der Gesamtwirtschaft Deutschlands verknüpft.2

Deutsche und europäische Unternehmen sind in vielen Bereichen des Gesundheitssektors tätig, oft international wettbewerbsfähig und leisten einen wichtigen Beitrag zur technologischen Souveränität. Neben innovativen Hochtechnologien bilden insbesondere kritische, breit eingesetzte Standardtherapien (z.B. Infusionsmedizin, Intensivversorgung oder essenzielle generische Arzneimittel) das Rückgrat der Versorgung. Diese Segmente sind durch hohe Volumina, geringe Margen und hohe Qualitätsanforderungen gekennzeichnet, sodass Marktmechanismen allein nicht in allen Fällen ausreichend resiliente Strukturen gewährleisten können. Resilienz erfordert daher einen eigenständigen politischen Ansatz für versorgungsrelevante Gesundheitsgüter. Die strategische Bedeutung der iGW wird auch auf politischer Ebene ausdrücklich anerkannt. So hebt der aktuelle Koalitionsvertrag der Bundesregierung die Gesundheitswirtschaft als zentrale Leit- und Zukunftsindustrie hervor und unterstreicht damit, dass Investitionen in diesem Sektor nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch industrie- und sicherheitspolitisch von grundlegender Bedeutung sind.3

Dieser Zusammenhang sollte konsequenterweise auch bei neuen Regulierungsvorhaben berücksichtigt werden. Gesundheitspolitische Maßnahmen wirken sowohl direkt auf Hersteller (z. B. über Preisregulierung und Erstattungsmechanismen) als auch indirekt über die Finanzierungsbedingungen der Leistungserbringer, insbesondere Krankenhäuser. Beide Ebenen bestimmen gemeinsam die Resilienz des Gesamtsystems und sollten systematisch zusammen betrachtet werden. Die Ende März 2026 von der Finanzkommission Gesundheit im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit vorgelegten Empfehlungen fokussieren jedoch stark auf kurzfristige Kostendämpfung, ohne die geopolitischen und sicherheitspolitischen Anforderungen an ein resilientes Gesundheitssystem ausreichend zu berücksichtigen.4 Weitere restriktive Sparpakete zur kurzfristigen GKV-Finanzstabilisierung entziehen der Industrie die Planungssicherheit, gefährden unmittelbar die wirtschaftliche Resilienz und treiben die Verlagerung von Forschung und Produktion ins Ausland voran. Notwendig ist daher ein Perspektivwechsel hin zu einer nachhaltigen Finanz- und Wirtschaftspolitikpolitik, die Investitionen in Versorgungssicherheit, Innovationsfähigkeit und industrielle Kapazitäten als Zukunftsinvestitionen in die gesamtstaatliche Handlungsfähigkeit versteht.

Das Spannungsfeld zwischen Kostendruck und Resilienz manifestiert sich gegenwärtig unter anderem im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (Beschluss des Bundeskabinetts vom 29. April 2026)5: Der Entwurf markiert einen Wendepunkt hin zu einer sehr restriktiven, budgetorientierten Ausgabenpolitik. Eine solche rein fiskalische Steuerung gefährdet Resilienz und Innovationskraft im Kern, denn der Aufbau einer resistenten Arzneimittelversorgung (weniger Lieferengpässe, Produktion in Europa, Bevorratung) erfordert massive Investitionen. Politische Kostendeckel wie der geplante dynamische Herstellerabschlag oder verlängerte Preismoratorien minimieren jedoch den dafür nötigen finanziellen Spielraum der Hersteller.

Zunehmend zeigen sich Zielkonflikte zwischen industriepolitischen Initiativen zur Stärkung der Gesundheitswirtschaft und weiteren regulatorischen Vorhaben mit erheblichen Kostenwirkungen. Zusätzliche Belastungen, etwa durch erweiterte Herstellerverantwortung oder komplexe sektorale

2 https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Downloads/F/Faktenblaetter/faktenblatt-igw.pdf?__blob=publicationFile&v=3

3 „Verantwortung für Deutschland“, Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, S. 108

4 Erster Bericht der FinanzKommission Gesundheit

5 Bundeskabinett beschließt GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz | BMG

Regulierungen, können die wirtschaftliche Tragfähigkeit von Produktion und Investitionen in Europa beeinträchtigen und damit den Aufbau resilienter Strukturen konterkarieren. Resilienz erfordert daher eine stärkere Kohärenzprüfung regulatorischer Vorhaben, um widersprüchliche Anreize zu vermeiden.

Einer Betrachtung der iGW als Kostenfaktor der GKV lässt sich entgegenhalten, dass die iGW nicht nur essenzieller Teil der Versorgung ist, sondern auch Lösungen für die Finanzierungsprobleme anbietet Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) belegt, dass die industrielle Gesundheitswirtschaft enorme Effizienzpotenziale im deutschen Gesundheitssystem birgt. Durch gezielte Innovationen lassen sich jährliche Einsparungen von über 20 Milliarden Euro realisieren, bei einer ambitionierten Umsetzung sogar bis zu 47 Milliarden Euro. Konkrete Einsparpotenziale liegen in den Bereichen Arzneimittel & Biotechnologie (schnellere Therapieverfügbarkeit, zielgenauere Behandlungen, Einsatz von Biosimilars), Medizintechnik (effizientere Diagnostik, ressourcenschonende Behandlungsverfahren), digitale Gesundheitslösungen bzw. E-Health (elektronische Patientenakten, Videosprechstunden, KI-gestützte Diagnostik, digitale Pflegeanwendungen) 6 Demgemäß können Investitionen in die iGW die gesamtwirtschaftliche Basis stärken, auf der auch die GKV ruht.

Exkurs: Prävention als volkswirtschaftliche Stabilitätsstrategie

Prävention ist ein zentraler, bislang jedoch häufig unterschätzter Hebel für gesamtwirtschaftliche Resilienz – sie entscheidet insbesondere vorm Hintergrund des demografischen Wandels mit über Arbeitskräftepotenzial, Produktivität und langfristige Tragfähigkeit des Standorts. Sie muss entsprechend priorisiert und strukturell gestärkt werden Investitionen in Prävention und Gesundheitsförderung wirken langfristig kostenmindernd, erhöhen die Erwerbsbeteiligung und stärken die Produktivität. Gleichzeitig entlasten sie die sozialen Sicherungssysteme und tragen dazu bei, die finanzielle Tragfähigkeit des Gesundheitssystems zu sichern. Prävention ist damit nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch industrie- und wirtschaftspolitisch von strategischer Bedeutung. Dem folgt auch der Health in All Policies (HiAP)-Ansatz, mit dem die WHO fordert, dass alle Politikbereiche systematisch die gesundheitlichen Auswirkungen ihrer Entscheidungen berücksichtigen sollen 7

Die aktuelle Polykrisenlage, geprägt durch die Nachwirkungen der COVID-19-Pandemie, anhaltende Fachkräfteengpässe, steigende Belastungen durch psychische Erkrankungen sowie die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels, unterstreicht die wirtschaftsstrategische Relevanz von Prävention zusätzlich. Aus mangelnder Prävention drohen unmittelbare Produktivitätsverluste Vor diesem Hintergrund sollte Prävention auch industriepolitisch konsequenter verankert werden – mit gezielten Anreizen für die Entwicklung, Erprobung und Skalierung präventionsorientierter Produkte, digitaler Anwendungen und Versorgungsmodelle sowie verbesserte Rahmenbedingungen für schnellere Zugänge in die Regelversorgung. Ein systematischer, ressortübergreifender Präventionsansatz stärkt die Fähigkeit von Individuen, Betrieben und Institutionen, Krisen zu bewältigen, sich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen und Leistungsfähigkeit auch unter Stressbedingungen aufrechtzuerhalten.

6 https://bdi.eu/de/publications/effizienzpotenziale-von-innovationen-fuer-das-gesundheitswesen

7 https://www.who.int/publications/i/item/9789241506908

▪ Gesundheit systematisch als Wirtschaftsfaktor verankern: Gesundheitspolitik stärker mit Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Industriepolitik verzahnen und die Bedeutung von Gesundheit für Produktivität, Wertschöpfung und Fachkräftesicherung in politischen Strategien berücksichtigen.

▪ Resilienz als Leitprinzip verankern: Reformen zur Stabilisierung der GKV-Finanzen sollten über kurzfristige Einsparziele hinausgehen und eine strategische Resilienzperspektive systematisch integrieren. Hierzu sollte ein verbindlicher Rahmen geschaffen werden, der resilienzrelevante Ausgaben klar identifiziert und vor kurzfristigem Kostendruck schützt.

▪ Wachstum der iGW gezielt fördern: Unter klarer politischer Prioritätensetzung innovationsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen und bürokratische Hemmnisse abbauen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit und Exportstärke der Branche auszubauen

▪ Effizienzpotenziale durch Innovationen und Digitalisierung heben: Forschung, Entwicklung und Markteinführung neuer Gesundheitslösungen unterstützen sowie digitale und datenbasierte Anwendungen stärker in die Versorgung integrieren, um das Gesundheitssystem langfristig leistungsfähig zu halten.

▪ Prävention als wirtschaftspolitischer Hebel nutzen: Präventive Leistungen systematisch stärken und durch datenbasierte Ansätze sowie digitale Lösungen effizienter gestalten (Etablierung der Prävention als eigenständige vierte Säule im Gesundheitssystem durch das neue Präventionsgesetz).

2.2. iGW im Krisen- und Verteidigungsfall: Partner für Versorgung

Im Krisen- und Verteidigungsfall wird die strategische Bedeutung der industriellen Gesundheitswirtschaft nochmals deutlich verschärft sichtbar. Die Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung ist integraler Bestandteil der nationalen Sicherheitsarchitektur und eng mit Fragen der Landes- und Bündnisverteidigung verknüpft. Sie steht damit exemplarisch für ein erweitertes Sicherheitsverständnis, in dem wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Versorgungssicherheit und kritische Infrastrukturen als Teil gesamtstaatlicher Resilienz begriffen werden 8

Die iGW nimmt hierbei eine Schlüsselposition als Anbieter von Innovationen, Produktionskapazitäten und logistischen Lösungen ein Sie ist nicht nur Zulieferer, sondern ein strategischer Partner für robuste, skalierbare und dual nutzbare Versorgungsstrukturen Dies bestätigt auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in seinem Gutachten „Resilienz im Gesundheitswesen“: „Ein resilientes Gesundheitssystem sollte in der Lage sein, vorübergehende Lieferengpässe auszugleichen bzw. einen erhöhten oder speziellen Bedarf im Krisenfall kurzfristig zu decken. Damit dies im deutschen Gesundheitssystem gelingen kann, sollten bereits vor der Krisenzeit geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Dazu gehören nicht nur Strategien zur Stärkung der globalen

8 Vgl. https://bdi.eu/de/publications/gesamtverteidigung-staerken Empfehlungen

Lieferketten, sondern auch zur Bevorratung mit besonders relevanten Produkten und zur Sicherung von Produktionskapazitäten. Zudem trägt die Förderung von Innovationen dazu bei, die Versorgung im Krisenfall zu gewährleisten.“9

Deutschland spielt aufgrund seiner geografischen Lage eine besondere Rolle als logistische Drehscheibe in Europa. Damit verbunden sind erhebliche Anforderungen an die medizinische Versorgung, die Verfügbarkeit von Arzneimitteln und Medizinprodukten, an Transport- und Versorgungsstrukturen sowie funktionierende zivil-militärische Kooperation

Ein zentrales Hemmnis für eine resiliente Gesundheitsversorgung sind Beschaffungs und Vergabeverfahren, die primär auf den Regelbetrieb ausgerichtet sind und in Krisensituationen zu langsam und unflexibel reagieren. Um schnelle und verlässliche Versorgung sicherzustellen, braucht es daher beschleunigte und standardisierte Verfahren für definierte Ausnahmelagen sowie klare rechtliche Grundlagen für Bevorratung, Reservekapazitäten und deren Finanzierung. Gleichzeitig muss die Finanzierung von Resilienzmaßnahmen dauerhaft abgesichert werden, damit Vorsorgestrukturen auch außerhalb akuter Krisen tragfähig bleiben.

Im Sinne einer resilienten Gesundheitsversorgung sollte der Dual Use Ansatz als Leitprinzip konsequent verfolgt werden. Gemeint ist die Ausgestaltung von Strukturen und Technologien, die bereits im zivilen Regelbetrieb effizient und wirtschaftlich genutzt werden und zugleich im Krisen , Katastrophenoder Verteidigungsfall kurzfristig hochskalierbar sind. Dies betrifft sowohl organisatorische Strukturen (u.a. flexibel einsetzbare Versorgungseinheiten, belastbare Lieferketten und vernetzte Versorgungsprozesse), als auch technologische Lösungen (digitale Infrastrukturen, Telemedizin oder energie- und IT basierte Medizintechnik). Gerade diese Systeme lassen sich im Alltag produktiv einsetzen und im Ernstfall schnell erweitern oder an veränderte Bedarfe anpassen. Ein solcher Dual Use Ansatz vermeidet kostenintensive Parallelstrukturen, erhöht die Effizienz im Normalbetrieb und stärkt zugleich die Einsatzbereitschaft und Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems in Krisensituationen.

Technische Resilienz kann ihre Wirkung nur im Zusammenspiel mit qualifiziertem Personal und eingespielten Abläufen entfalten. Entscheidend für die Einsatzfähigkeit im Krisenfall sind verfügbare Kompetenzen, flexible Personalstrukturen und praxiserprobte Prozesse. Dazu gehören insbesondere hybride Modelle wie Personalpools und Reservekapazitäten, die Einbindung von Fachkräften mit technischem Know-how sowie klare Regelungen für den temporären Einsatz. Flankierend stärken digitale Schulungs- und Trainingsformate sowie regelmäßige gemeinsame Übungen von Industrie, Anwendern und Behörden die Handlungssicherheit. Sie tragen dazu bei, Abläufe zu erproben, Schnittstellen zu verbessern und die Einsatzfähigkeit des Gesundheitssystems nachhaltig zu erhöhen.

Schließlich kommt der Koordination zwischen Bund und Ländern eine entscheidende Bedeutung zu. Klare Zuständigkeiten, abgestimmte Entscheidungsprozesse und belastbare Kommunikationsstrukturen sind Voraussetzung dafür, dass im Krisenfall schnell und wirksam gehandelt werden kann. Auf internationaler Ebene ist eine stärkere europäische Koordination notwendig.

Resilienz im Krisen- und Verteidigungsfall entsteht durch definierte Zuständigkeiten und eine gezielte Zusammenarbeit von Staat, Gesundheitssystem und iGW Die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung erfordert klare politische Prioritäten, belastbare Strukturen, eingespielte Kooperation und

9 „Resilienz im Gesundheitswesen - Wege zur Bewältigung künftiger Krisen“ Gutachten 2023, S. 389ff.

routinierte Abläufe. Entscheidend ist ein systematischer Ansatz, der staatliche Handlungsfähigkeit und industrielle Leistungsfähigkeit eng verzahnt

Empfehlungen

▪ Gesundheit sicherheitspolitisch verankern: Zügige Vorlage und anschließende Umsetzung eines kohärenten Gesundheitssicherstellungsgesetzes mit klar definierten Zuständigkeiten sowie verbindlichen und schnellen Übergängen vom Regel- in den Krisenmodus unter enger Einbindung der relevanten Akteure entlang der Versorgungsketten

▪ Industrie systematisch einbinden: Frühzeitige und verbindliche Einbindung der iGW in Planung, Krisenstäbe, Übungen und operative Umsetzung – auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.

▪ Krisenfeste Beschaffungs- und Finanzierungsstrukturen schaffen: Einführung beschleunigter Vergabe- und Beschaffungsverfahren für den Krisenfall, Absicherung und Finanzierung von Vorhaltekapazitäten sowie Aufbau langfristig verlässlicher Finanzierungsmechanismen für resilienzrelevante Maßnahmen (z. B. Lagerhaltung, Produktionskapazitäten, Lieferkettenabsicherung).

▪ Schutz kritischer Gesundheitsinfrastrukturen stärken: Umsetzung des KRITIS-Dachgesetzes im Gesundheitssektor durch zügige Ausgestaltung sektorspezifischer Rechtsverordnungen und klare Anforderungen an Betreiber kritischer Einrichtungen.

▪ Dual-Use-Ansätze konsequent fördern: Gezielte Unterstützung von Technologien und Strukturen, die sowohl im Regelbetrieb als auch im Krisen- und Verteidigungsfall nutzbar sind, um Parallelstrukturen zu vermeiden und Investitionen effizient einzusetzen.

▪ Personal und Kompetenzen stärken: Weiterentwicklung von Ausbildungs- und Personalmodellen, Aufbau von Reservekapazitäten sowie Durchführung regelmäßiger gemeinsamer Übungen, um technische Resilienz durch verfügbare Kompetenzen und eingeübte Abläufe abzusichern.

3. Resilienz entlang der Wertschöpfungskette

Resilienz in und aus der industriellen Gesundheitswirtschaft entsteht entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Forschung und Entwicklung über Produktion und Logistik bis hin zu Vertrieb und Versorgung Auch vorgelagerte industrielle Wertschöpfungsstufen bei Schlüssel-zulieferern der Gesundheitswirtschaft gehören dazu. Engpässe, Abhängigkeiten oder strukturelle Schwächen in einer dieser Stufen können die Versorgungssicherheit insgesamt gefährden. Eine ganzheitliche Resilienzstrategie muss daher alle Ebenen systematisch in den Blick nehmen und gezielt stärken. Entscheidend ist ein kohärenter Maßnahmenmix aus Innovationsförderung, industrieller Absicherung, Lieferkettenstabilität und digitaler Souveränität.

3.1. Forschungssicherheit & Innovationssouveränität

Der Ausgangspunkt jeder resilienten Gesundheitsversorgung liegt in einer starken Forschungs- und Innovationsbasis. Resilienz beginnt lange vor der Produktion bei der Fähigkeit, neue Technologien, Therapien, Wirkstoffe und Lösungen eigenständig zu entwickeln. Vereinfacht lässt sich sagen: Investitionen gibt es nur mit IP-Schutz, Innovationen nur mit Investitionen und Resilienz nur mit Innovationen

Zentrale Voraussetzung hierfür ist eine verlässliche und langfristig angelegte Förderung von Forschung und Entwicklung. Nur so können Innovationszyklen stabil gestaltet und technologische Führungspositionen gesichert werden. Dazu gehört auch Forschungssicherheit, also der Schutz von Forschungsergebnissen, Technologien und Infrastruktur vor Diebstahl, Spionage, unerwünschtem Abfluss oder missbräuchlicher Verwendung.

Gleichzeitig kommt dem Schutz geistigen Eigentums eine Schlüsselrolle zu: Er schafft die Grundlage für Investitionen, sichert Wettbewerbsvorteile und verhindert, dass strategisch relevantes Know-how unkontrolliert abfließt. Hierbei muss politisch anerkannt werden: Eine Aushöhlung des IP-Schutzes findet faktisch nicht nur durch Patentrechtsaufweichungen statt, sondern ebenso durch rigide Preisregulierungen im Rahmen von Sparpaketen. Wenn die Refinanzierung von Hochtechnologien auf dem europäischen Markt politisch gedeckelt wird, lassen sich diese nicht skalieren und absichern.

Der effektive Transfer von Forschungsergebnissen in die industrielle Anwendung bleibt ebenfalls ein kritischer Erfolgsfaktor. Innovationssouveränität entsteht erst dann, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse schnell und effizient in marktfähige Produkte und skalierbare Lösungen überführt werden können. Entscheidende Grundlage für die Innovationssouveränität hierzulande sind Planbarkeit und Verlässlichkeit

Eine nachhaltige Innovationsführerschaft, zum Beispiel im Bereich der Arzneimittel oder Medizinprodukte, wird maßgeblich durch Rahmenbedingungen erreicht, die Innovationskraft belohnen und nicht bestrafen. Gesetzgeberische Maßnahmen, wie etwa die Fokuslisten oder der dynamisierte Herstellerabschlag des GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes opfern langfristige Forschungskraft für kurzfristige Einsparpotenziale. Das schwächt den Standort Deutschland im internationalen Wettbewerb und untergräbt das Ziel einer resilienten Versorgung mit Medikamenten.

Zugleich ist internationale Forschungskooperation unverzichtbar, muss jedoch stärker strategisch ausgerichtet werden. Offene Zusammenarbeit und gezielter Schutz sensibler Technologien müssen dabei in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden.

3.2. Produktion & industrielle Kapazitäten

Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass vorhandene Innovationskraft nur dann wirksam wird, wenn sie durch industrielle Produktionskapazitäten ergänzt wird. Produktionssouveränität wiederum scheitert nicht an Technologie, sondern an Standortbedingungen. Resiliente Produktion erfordert wettbewerbsfähige Standorte, Mindestkapazitäten und strategische Diversifizierung.

Die Fähigkeit zur schnellen Skalierung ist entscheidend für die Versorgungssicherheit im Krisenfall. Besondere Bedeutung kommt dabei der Herstellung von Wirkstoffen, biotechnologischen Plattformtechnologien, Anwendung innovativer Therapien sowie der Medizintechnik zu. Auch digitale Gesundheitslösungen gewinnen zunehmend an Relevanz, etwa für Diagnostik, Versorgungsteuerung und Monitoring.

Eine resiliente Aufstellung erfordert, dass kritische Produktionskapazitäten zumindest in Teilen in Europa vorgehalten werden. Wettbewerbsfähige Energiepreise, planbare regulatorische Rahmenbedingungen und investitionsfreundliche Strukturen entscheiden maßgeblich darüber, ob industrielle Kapazitäten aufgebaut und gehalten werden können. Gleichzeitig bleibt eine internationale Arbeitsteilung sinnvoll und notwendig. Ziel ist daher eine strategisch ausbalancierte Diversifizierung mit verlässlichen Partnerländern.

3.3. Lieferketten, Rohstoffe und Logistik

Stabile Lieferketten sind das Rückgrat jeder funktionierenden Gesundheitsversorgung und benötigen dringend politische Flankierung. Die COVID-19-Pandemie hat offengelegt, wie anfällig global verzweigte Wertschöpfungsnetzwerke gegenüber externen Schocks sind Besonders deutlich wird dies am Beispiel sogenannter Primärpackmittel wie Ampullen, Fläschchen oder vorfüllbaren Spritzensystemen: Sie sind essenziell für die sichere Anwendung von Arzneimitteln, werden in der Versorgungssicherheitsdebatte jedoch häufig unterschätzt. Gerade in Krisensituationen erweisen sich diese Komponenten womöglich als kritischer Engpass, der die Verfügbarkeit essenzieller Medikamente unmittelbar begrenzen kann. Eine umfassende Resilienzstrategie muss daher neben Wirkstoffen und Endprodukten auch vorgelagerte Schlüsselkomponenten systematisch einbeziehen.

Ein zentrales Defizit besteht weiterhin in der unzureichenden Transparenz über kritische Abhängigkeiten, etwa bei Rohstoffen, Vorprodukten oder einzelnen Produktionsstandorten. Dies betrifft insbesondere auch energieintensive und rohstoffabhängige Produktionsstufen, deren strukturelle Verwundbarkeiten bislang nicht ausreichend berücksichtigt werden. Aufbauend darauf können Frühwarnsysteme etabliert werden, die potenzielle Engpässe frühzeitig identifizieren und Gegenmaßnahmen ermöglichen. Ergänzend sind gezielte industriepolitische Maßnahmen – wie wettbewerbsfähige Energiepreise und ein gesicherter Zugang zu kritischen oder spezifischen Rohstoffen – erforderlich, um die Produktionsbasis resilient abzusichern. Für kapitalintensive Vorstufenindustrien bleiben darüber hinaus verlässliche Nachfrageperspektiven entscheidend.

Strategische Lagerhaltung kann kurzfristige Versorgungsunterbrechungen abfedern, ersetzt jedoch keine strukturelle Resilienz. Entscheidend ist vielmehr eine Kombination aus Diversifizierung, redundanten Lieferstrukturen und einer engeren europäischen Koordination Public-Private-Partnership-Modelle (PPP) können hierbei eine wichtige Rolle spielen, um staatliche Vorsorgeziele mit industrieller Expertise und Effizienz zu verbinden.

3.4. Daten, Digitalisierung & Cyber-Resilienz

Datennutzung und Digitalisierung sind zentrale Voraussetzungen für Effizienz, Innovationsfähigkeit und Resilienz in der Gesundheitsversorgung. Ohne leistungsfähige Daten- und IT-Strukturen lassen sich weder Versorgungsprozesse optimal steuern noch Krisen effektiv bewältigen. Der Aufbau interoperabler Gesundheitsdatenräume ermöglicht eine bessere Nutzung von Daten für Forschung, Versorgung sowie Krisenreaktion und damit eine Optimierung der Gesundheitsversorgung auf allen Ebenen 10 Gleichzeitig eröffnen digitale Technologien, insbesondere KI-gestützte Diagnostik, neue Potenziale für Effizienzgewinne und Qualitätsverbesserungen Ziel ist eine digital gestützte, auch im Krisenfall steuerungsfähige Gesundheitsversorgung

Neben interoperablen Daten- und IT-Strukturen ist digitale Resilienz im Gesundheitssystem insbesondere auf souveräne Cloud- und Dateninfrastrukturen, sichere und hochverfügbare Festnetz- und Mobilfunkverbindungen, einen klarem Innovationspfad für 6G sowie IoT- (Internet of Things) und Telemonitoring-Infrastrukturen als Basisschicht für Telemedizin, Remote Patient Monitoring und mobile Versorgung angewiesen.

In starkem Spannungsverhältnis zu den gesundheitspolitischen Zielen von Effizienz und Resilienz stehen die im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (GKV-BStabG) geplanten Kürzungen im Digitalbereich (Innovationsfonds, ePA-Vergütung): Statt einer systemischen Stärkung droht ein Investitionsstau an entscheidender Stelle Dies konterkariert auch die Ziele der HighTech Agenda Deutschland (HTAD), die den Ausbau der Datennutzung und die Digitalisierung im Gesundheitswesen als zentrale Hebel für Innovation, Versorgungssicherheit und Resilienz hervorhebt.11 Digitalisierung darf nicht unter Sparvorbehalt stehen, da sie die notwendigen Effizienzgewinne für ein nachhaltiges System erst ermöglicht. Dies lässt sich nicht realisieren, wenn den Akteuren die nötigen Investitions- und Transformationsmittel entzogen werden.

Dagegen wäre ein umfassende Digitalisierungsoffensive notwendig, die über das Gesetz für Daten und digitale Innovationen im Gesundheitswesen (GeDIG) noch hinausgehen sollte. Während die Nutzung von Forschungsdaten auf dem Weg ist, fehlen wichtige Rahmenbedingungen für die Nutzung von Daten im Verlauf der Behandlung zum Beispiel für Digital Twin-Technologien sowie finanzielle Anreize für den Einsatz von qualitätsfördernder Künstlicher Intelligenz.

Mit der zunehmenden Digitalisierung steigt auch die Verwundbarkeit gegenüber Cyberangriffen Der Schutz kritischer IT-Infrastrukturen wird damit zu einer zentralen sicherheitspolitischen Aufgabe. Resilienz bedeutet in diesem Kontext auch, Systeme so auszugestalten, dass sie selbst bei Angriffen funktionsfähig bleiben. Interoperabilität ist dabei ein entscheidender Hebel: Nur wenn Systeme miteinander kommunizieren können, lassen sich Daten effizient nutzen und Versorgungsprozesse flexibel steuern.

10 Vgl. Initiative sphin-X („Secure platform for health information eXchange“), https://sphin-x.de/.

11 Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Hightech-Strategie 2025 – Forschung und Innovation für die Menschen, Berlin 2018, insbes. Handlungsfelder zur Digitalisierung und Nutzung von Gesundheitsdaten.

Empfehlungen

▪ Innovations- und Technologiesouveränität systematisch stärken: F&E-Förderung langfristig und planbar ausrichten, Transfer von Forschung in industrielle Anwendung beschleunigen und wirksame Schutzmechanismen für geistiges Eigentum sowie sicherheitsrelevantes Know-how etablieren Internationale Kooperationen strategisch so gestalten, dass Offenheit und Schutz sicherheitsrelevanter Technologien in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden.

▪ Industrielle Produktionskapazitäten in Europa absichern: Strategische Kapazitäten für Arzneimittel, Wirkstoffe, Therapien (z.B. Gen- und Telltherapien), Biotechnologie und Medizintechnik gezielt erhalten und ausbauen – durch wettbewerbsfähige Standortbedingungen, Förderinstrumente, Risikoabsicherungen und Diversifizierung mit verlässlichen Partnern.

▪ Lieferketten strukturell stabilisieren: EU-weit abgestimmte Monitoring- und Frühwarnsysteme für kritische Abhängigkeiten etablieren, Diversifizierung und Absicherung von Rohstoffen und Vorprodukten vorantreiben und strategische Lagerhaltung gezielt mit industriellen Strukturen verzahnen.

▪ Digitalisierung als Resilienztreiber nutzen: Interoperable und sichere Dateninfrastrukturen aufbauen, daten- und KI-gestützte Anwendungen fördern und verbindliche IT-Sicherheitsstandards für kritische Infrastrukturen etablieren zur Sicherstellung der Versorgung auch unter Krisenbedingungen

▪ Souveräne Cloud- und Plattforminfrastrukturen schaffen: um Datenhoheit, Betriebskontrolle, regulatorische Sicherheit und hochverfügbare Skalierung für resilienzrelevante Gesundheitsdaten und kritische digitale Versorgungsprozesse sicherzustellen

▪ Sichere Festnetz-, Mobilfunk- und 5G-Campusnetze als kritische Gesundheitsinfrastruktur aufbauen: resiliente Versorgung braucht hochverfügbare und sichere Konnektivität – insbesondere für Bilddaten, Telekonsile, mobile Geräte, Notfallprozesse und priorisierte Kommunikation

▪ Entwicklung und Nutzung von 6G Netzen als strategische Zukunftstechnologie vorantreiben: latenzfreie Echtzeit-Übertragungen heben als künftige Kommunikations- und Serviceplattform Telemedizin, mobile Versorgung, Monitoring und Krisenvorsorge auf ein neues Niveau Die Realisierung bedarf Testfeldern, Transfer-Hubs und Standardisierung

▪ IoT- und Telemonitoring-Infrastrukturen als Kernbaustein resilienter Versorgung etablieren: Das IoT (Internet of Things/Internet der Dinge) wird die Gesundheitsversorgung durch die Vernetzung medizinischer Geräte, Sensoren und Software revolutionieren, sofern die dafür notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden.

▪ Sparmaßnahmen im Digitalbereich unterlassen: Echte Effizienzsprünge und eine erhöhte Resilienz lassen sich nur realisieren, wenn den Akteuren die nötigen Investitionsund Transformationsmittel zur Verfügung stehen

4. industrielle Gesundheitswirtschaft als Schlüsselindustrie für europäische Souveränität

Die iGW ist weit mehr als ein Zulieferer für die Versorgung – sie ist eine sicherheitsrelevante Schlüsselindustrie für Europa. In einer geopolitisch fragmentierten Welt entscheidet die Fähigkeit, Gesundheitstechnologien eigenständig zu entwickeln und bereitzustellen, auch über strategische Handlungsfähigkeit, wirtschaftliche Stärke und politische Souveränität. Europa steht dabei im globalen Wettbewerb mit hochdynamischen Innovationsräumen wie den USA und China.

Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, muss die iGW als integraler Bestandteil der europäischen Souveränitätsstrategie gezielt positioniert und gestärkt werden. Fragmentierte nationale Strategien stoßen angesichts globaler Wettbewerbsdynamiken zunehmend an ihre Grenzen. Entscheidend ist eine stärkere Koordinierung auf EU-Ebene, von Forschungsförderung über Regulierung bis hin zu Industrie- und Standortpolitik Noch ist Europa führender weltweiter Hersteller und Exporteur von hochwertigen pharmazeutischen und medizintechnischen Produkten Allerdings treiben China und auch die USA die Lokalisierung der Pharmaproduktion mit hoher Geschwindigkeit voran. Schlussendlich geht es also auch darum, eigene Wertschöpfung in Europa zu halten.

Kennzahlen der industriellen Gesundheitswirtschaft/Europa in Milliarden Euro

Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) (2026): Gesundheitswirtschaftliche Gesamtrechnung (GGR) 2025; Berechnungen: WifOR Institute; https://ggrdashboard.bundeswirtschaftsministerium.de/

Notwendig sind auch auf der europäischen Ebene konsistente klare, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen für die iGW. Konkret muss zum Beispiel dem Beschluss des Europäischen Parlaments vom 26. März 2026 zum sogenannten KI-Omnibus folgend für KI-basierte Medizinprodukte der Vorrang der Medical Device Regulation (MDR) vor dem AI Act festgeschrieben werden, um eine Doppelregulierung und damit massive bürokratische Hürden und Rechtsunsicherheiten zu vermeiden. Ein anderes Beispiel betrifft die Pharmabranche: Einerseits will die EU mit dem Critical Medicines Act

(CMA) die Pharmaindustrie in Europa stärken, andererseits wird der Branche mit der geplanten "erweiterten Herstellerverantwortung“ durch die EU-Kommunalabwasserrichtlinie (KARL) eine enorme zusätzliche finanzielle Belastung zugemutet, was im direkten Widerspruch zum Ziel steht, die Produktion in Europa zu halten und krisenfest zu machen.

Solche Zielkonflikte schwächen Investitionen, Produktion und Innovationskraft im Binnenmarkt. Notwendig ist daher ein systematischer Kohärenz Check auf EU Ebene, der Folgen für Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und Resilienz frühzeitig bewertet und widersprüchliche Anreize vermeidet.

4.1. Innovationsmotor mit strategischer Tiefe

Die iGW gehört zu den forschungsintensivsten Industrien Europas. Sie verbindet exzellente Grundlagenforschung mit industrieller Anwendung und treibt zentrale Zukunftstechnologien voran – von Biotechnologie über Gen- und Zelltherapien bis hin zu datengetriebenen und KI-gestützten Lösungen.

Diese Innovationskraft ist nicht nur gesundheitspolitisch relevant, sondern bildet eine Grundlage für technologische Souveränität insgesamt. Wer in diesen Schlüsseltechnologien führend ist, setzt Standards, kontrolliert Wertschöpfung und sichert sich langfristige Wettbewerbsvorteile.

4.2. Beschäftigung, Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit

Die iGW sichert in auch Europa hochwertige und hochqualifizierte Beschäftigung entlang der gesamten Wertschöpfungskette Sie ist ein zentraler Bestandteil industrieller Wertschöpfung und trägt maßgeblich zur wirtschaftlichen Stabilität bei. Zugleich ist die Branche ein bedeutender Exporttreiber. Europäische Unternehmen sind in vielen Segmenten global führend und stärken durch ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit die wirtschaftliche Position Europas insgesamt.

In einem zunehmend verschärften Standortwettbewerb kommt es daher entscheidend darauf an, attraktive Rahmenbedingungen für Investitionen, Innovation und Produktion in Europa zu sichern. Dabei ist zu berücksichtigen, dass zentrale Teilbereiche oder Vorstufenindustrien (zum Beispiel Glasproduktion für Primärverpackungen) durch lange Investitions- und Qualifizierungszyklen geprägt sind. Der Ausbau von Kapazitäten erfordert hier mehrjährige Vorläufe und hohe Planungssicherheit. Resilienz setzt daher verlässliche, langfristige Perspektiven sowie gezielte industriepolitische Instrumente zur Absicherung kapitalintensiver Investitionen voraus.

4.3. Brücke zwischen ziviler und sicherheitspolitischer Dimension

Die industrielle Gesundheitswirtschaft nimmt eine besondere Rolle an der Schnittstelle zwischen ziviler Versorgung und sicherheitspolitischer Vorsorge ein. Viele ihrer Technologien und Produkte sind sowohl für den Gesundheitssektor als auch für Krisen- und Verteidigungsszenarien von zentraler Bedeutung. Die gezielte Förderung von Dual-Use-Potenzialen (zivile und militärische Nutzung) und deren Integration in gemeinsame europäische Planungs- und Beschaffungsstrukturen ist entscheidend, um die strategische Autonomie, Resilienz und technologische Souveränität Europas zu stärken. Vor diesem Hintergrund muss die iGW stärker in sicherheits- und industriepolitische Strategien auf europäischer Ebene integriert werden, insbesondere im Hinblick auf Krisenvorsorge und medizinische Versorgung im Verteidigungsfall.

Die Erfahrungen der vergangenen Krisen haben gezeigt, dass unterschiedliche nationale Verfahren und Standards die Handlungsfähigkeit Europas im Ernstfall erheblich verlangsamen können. Um künftig schneller und koordinierter handeln zu können, bedarf es einheitlicher europäischer Krisenstandards Dazu zählen insbesondere harmonisierte Verfahren für Beschaffung, Zulassung, Priorisierung und Verteilung medizinischer Güter, die eine schnelle, koordinierte und skalierbare Versorgung sicherstellen, Fragmentierung innerhalb des Binnenmarktes vermeiden und Planungssicherheit für alle beteiligten Akteure schaffen

4.4. Plattformtechnologien als Hebel für Souveränität

Besonders hervorzuheben ist die Rolle der iGW als Träger zentraler Plattformtechnologien Biotechnologische Verfahren, Gen- und Zelltherapien, Hightech- Automatisierungslösungen sowie KIbasierte Anwendungen entfalten Wirkung weit über den Gesundheitssektor hinaus und eröffnen neue industrielle Wertschöpfungspotenziale. Wer Plattformtechnologien beherrscht, sichert sich langfristig Souveränität und industrielle Führungspositionen.

Diese Technologien sind zugleich hochgradig wettbewerbs- und sicherheitsrelevant. Abhängigkeiten in diesen Bereichen können schnell zu strategischen Risiken werden, während technologische Führerschaft erhebliche geopolitische Vorteile bietet. Europa muss daher gezielt Kompetenzen entlang dieser Plattformtechnologien aufbauen, sichern und skalieren

Empfehlungen

▪ Innovationsführerschaft Europas gezielt sichern und ausbauen: Europäische Forschungs- und Innovationsprogramme konsequent auf Schlüsseltechnologien der iGW ausrichten, besser verzahnen und langfristig absichern, um technologische Führungspositionen in Bereichen wie Biotechnologie, Gen- und Zelltherapie sowie KI systematisch auszubauen und in industrielle Wertschöpfung zu überführen.

▪ Europa als wettbewerbsfähigen Gesundheitsstandort stärken: Attraktive, konsistente und verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen, Innovation und Produktion schaffen – durch koordinierte Standortpolitik, gezielte Förderung industrieller Wertschöpfung und den Abbau regulatorischer und administrativer Hürden im europäischen Binnenmarkt.

▪ iGW strategisch in Sicherheits- und Verteidigungspolitik integrieren: Die industrielle Gesundheitswirtschaft systematisch in europäische Sicherheitsstrategien einbinden und einheitliche europäische Krisenmechanik schaffen (gemeinsame Standards für Beschaffung, Zulassung und Verteilung definieren)

▪ Plattformtechnologien europäisch skalieren und absichern: Aufbau, Sicherung und Skalierung zentraler Plattformtechnologien durch koordinierte europäische Initiativen, strategische Investitionen und Schutzmechanismen gegen kritische Abhängigkeiten. Ziel ist es, technologische Souveränität zu stärken und Europa langfristig als führenden Innovations- und Produktionsstandort zu positionieren.

5. Politische Handlungsagenda für Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit

Die Stärkung der industriellen Gesundheitswirtschaft als resilienter und wettbewerbsfähiger Sektor erfordert konsistente und verlässliche politische Rahmenbedingungen. Entscheidend ist ein integrierter Ansatz, der Standortpolitik, Regulierung, Finanzierung und Governance systematisch zusammendenkt. Nur wenn diese Dimensionen ineinandergreifen, kann Resilienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette nachhaltig aufgebaut und gesichert werden.

Gute Rahmenbedingungen erfordern konkrete politische Entscheidungen. Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit müssen aktiv gestaltet werden – durch gezielte Maßnahmen auf nationaler und europäischer Ebene.

5.1. Standortpolitik: Wettbewerbsfähigkeit gezielt verbessern

Ein resilienter Gesundheitsstandort setzt international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen voraus. Deutschland und Europa stehen hier in direkter Konkurrenz mit anderen globalen Innovationsund Produktionsstandorten. Wettbewerbsfähigkeit entsteht durch konkrete Entlastung und Investitionsanreize

Zentrale Hebel sind wettbewerbsfähige Energiepreise sowie eine sichere Energieversorgung, die insbesondere für energieintensive Produktionsprozesse entscheidend sind. Gleichzeitig bleibt die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte ein kritischer Engpass – hier sind gezielte Maßnahmen zur Fachkräftesicherung und -gewinnung erforderlich.

Die steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung ist ein wichtiger Baustein, um private Investitionen zu mobilisieren und Innovationsdynamik zu stärken. Ergänzend dazu ist ein konsequenter Bürokratieabbau notwendig, um Planungs- und Investitionsprozesse zu beschleunigen und Unternehmen zu entlasten.

Ein weiterer entscheidender, branchenspezifischer Standortfaktor ist der Zugang zum eigenen Heimatmarkt. Ein Land, das durch restriktive Sparpakete den Zugang zu modernen Arzneimitteln oder Medizintechnik erschwert, verliert auch als Produktions- und Forschungsstandort an Attraktivität. Ein starker und aufnahmebereiter Heimatmarkt verknüpft dabei untrennbar die gesellschaftliche Resilienz (Versorgungssicherheit) mit der wirtschaftlichen Resilienz (Innovationskraft).

Maßnahmen

▪ Pharma- und Medizintechnikstrategie konsequent vorantreiben: ressortübergeifenden Dialog fortführen und Ergebnisse möglichst schnell umsetzen.

▪ Energiekosten senken und Planungssicherheit schaffen: Erhalt eines wettbewerbsfähigen Industriestrompreises sowie langfristige Absicherung energieintensiver Schlüsselindustrien.

▪ Fachkräftebasis stärken: Beschleunigte Anerkennung ausländischer Abschlüsse, gezielte Zuwanderungsprogramme für Gesundheits- und MINT-Berufe sowie Ausbau spezialisierter Ausbildungs- und Studienkapazitäten.

▪ Steuerliche F&E-Förderung ausbauen: Erhöhung der Förderdeckel, Ausweitung auf klinische Forschung und vereinfachte Antragsverfahren.

▪ Bürokratie gezielt abbauen: Einführung verbindlicher Fristen für Genehmigungs- und Verwaltungsverfahren („Genehmigungsfiktion“) sowie konsequente Digitalisierung von Behördenprozessen.

▪ Marktzugang innovativer Arzneimittel, Medizinprodukte, digitaler Gesundheitslösungen etc. politisch sicherstellen: Resilienz der Gesundheitsversorgung, Planungssicherheit und Investitionsattraktivität dürfen nicht durch kurzfristige Sparmaßnahmen konterkariert werden.

5.2. Regulierung: Innovation ermöglichen, Geschwindigkeit erhöhen

Regulatorische Rahmenbedingungen müssen so ausgestaltet sein, dass sie Innovation ermöglichen und gleichzeitig Sicherheit gewährleisten. Schnellere Verfahren bei gleicher Sicherheit sind ein entscheidender Standortfaktor. Derzeit bremsen komplexe und langwierige Verfahren häufig die schnelle Verfügbarkeit und Skalierung neuer Technologien. Regulatorische Prozesse müssen systematisch auf Geschwindigkeit und Innovationsfähigkeit ausgerichtet werden

Ein häufig unterschätzter Flaschenhals liegt zudem in den begleitenden Auslegungs- und Anwendungsvorgaben. Leitfäden, Aide Mémoires und Interpretationshilfen bestimmen maßgeblich, wie regulatorische Anforderungen konkret umgesetzt und geprüft werden. Werden diese Dokumente nicht zeitnah an technologische Entwicklungen angepasst, arbeiten Behörden und Unternehmen mit veralteten Maßstäben – was Verfahren verzögert und Innovationen erschwert. Eine deutlich schnellere und regelmäßige Aktualisierung ist daher notwendig, um neue Technologien überhaupt prüf- und zulassungsfähig zu machen und Prozesse spürbar zu beschleunigen.

Eine innovationsfreundliche Nutzenbewertung sollte stärker die Dynamik neuer Therapieformen und Technologien berücksichtigen. Innovationsfeindliche Markteingriffe im Rahmen von Regulierungsmaßnahmen müssen unterlassen werden. Der rasche Zugang zu Innovationen durch ein verlässliches AMNOG darf nicht durch neue Sparpakete ausgehöhlt werden. Ergänzend dazu können adaptive Evidenzmodelle dazu beitragen, Innovationen schneller in die Versorgung zu bringen, ohne Abstriche bei Qualität und Sicherheit zu machen.

Die Beschleunigung von Genehmigungs- und Zulassungsverfahren ist ein zentraler Hebel. Die in der COVID-19-Pandemie gewonnenen Erfahrungen haben gezeigt, dass schnellere Verfahren möglich sind, ohne regulatorische Standards zu gefährden.

Maßnahmen

▪ Nutzenbewertung reformieren: Stärkere Berücksichtigung von Innovationsgrad, Versorgungsrelevanz und Resilienzbeiträgen bei neuen Therapien und Technologien (verlässliche Erstattungssysteme; innovationsfreundliches AMNOG).

▪ Adaptive Evidenzmodelle etablieren: Einführung gestufter Zulassungs- und Erstattungsmodelle mit begleitender Datengenerierung („Access with Evidence Development“).

▪ Genehmigungsverfahren beschleunigen: Verbindliche maximale Bearbeitungszeiten für Zulassungs- und Studienverfahren sowie Ausbau spezialisierter Fast-Track-Verfahren für Schlüsseltechnologien (Erleichterungen bei klinischen Prüfungen, Bürokratieabbau im Bereich der Genehmigungen durch Ethik-Kommissionen, konsequente Digitalisierung, Datennutzung und Zugang zu Forschungsdaten).

▪ Regulatorische Harmonisierung in der EU vorantreiben: Abbau von Doppelstrukturen und divergierenden Anforderungen zwischen Mitgliedstaaten (HTA harmonisieren, Vorrang von MDR vor AI Act festschreiben).

5.3. Finanzierung strategischer Resilienz: Vorsorge ermöglichen

Resilienz entsteht nicht von selbst – sie setzt gezielte und langfristige Investitionen voraus. Bisher fehlt jedoch häufig eine systematische Finanzierung von Vorsorgekapazitäten und strategischen Reserven Der Aufbau resilienter Strukturen braucht gezielte finanzielle Instrumente und eine ausbalancierte Risikoteilung zwischen Staat und Wirtschaft

Denkbar sind spezifische Finanzierungsinstrumente, etwa in Form von Sonderfonds oder zweckgebundenen Programmen, die gezielt in resilienzrelevante Strukturen investieren. Auch bestehende europäische Instrumente sollten stärker auf die industrielle Gesundheitswirtschaft ausgerichtet werden. Darüber hinaus können Risikoabsicherungen dazu beitragen, Investitionen in kritische Produktionskapazitäten wirtschaftlich tragfähig zu machen. Public-Private-Partnership-Modelle bieten die Möglichkeit, staatliche Vorsorgeziele mit unternehmerischer Umsetzungskompetenz zu verbinden.

Zu strategischer Resilienz trägt auch der Verzicht auf bestrafende Markteingriffe bei. Die Ausgaben für Innovationen müssen als Zukunftsinvestitionen in die gesamtstaatliche Handlungsfähigkeit verstanden und entsprechend geschützt werden Kurzfristige Sparpakete laufen diesem Verständnis zuwider.

Maßnahmen

▪ Rechtsrahmen anpassen: Vergaberecht entbürokratisieren und Krisenvorsorge erleichtern; klare Investitionsanreize (z. B. steuerliche Vorteile) für Unternehmen schaffen, die in resiliente Strukturen investieren

▪ Europäische Förderinstrumente strategisch ausrichten: Bestehende Programme gezielt auf die iGW fokussieren und für resilienzrelevante Investitionen priorisieren. ➔ Aktive Mitgestaltung des EU Critical Medicines Act

▪ Investitionsrisiken absichern: Einführung von Garantien oder Abnahmezusagen (z. B. Advance Purchase Agreements) für kritische Produktionskapazitäten.

▪ Public-Private-Partnerships systematisch nutzen: Aufbau langfristiger Kooperationsmodelle zwischen Staat und Industrie zur gemeinsamen Vorsorge.

5.4. Governance & Koordination: Handlungsfähigkeit stärken

Effektive Resilienzpolitik erfordert klare Zuständigkeiten, abgestimmte Entscheidungsprozesse und eine funktionierende Koordination zwischen den relevanten Akteuren. Die Erfahrungen aus der COVID-19-Pandemie haben gezeigt, dass insbesondere fragmentierte Verantwortlichkeiten und unklare Abstimmungsmechanismen die Handlungsfähigkeit im Krisenfall erheblich einschränken können. Sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene besteht daher die Notwendigkeit, Governance-Strukturen verbindlicher, transparenter und operativer auszugestalten.

Dazu gehört auch, Krisenprozesse zu operationalisieren und verbindliche Abläufe für den Übergang vom Regel- in den Krisenmodus festzulegen. Nationale Maßnahmen sollten frühzeitig mit europäischen Strukturen abgestimmt und gemeinsame Koordinations- und Entscheidungsmechanismen weiterentwickelt werden Ziel muss es sein, Entscheidungswege zu verkürzen, Zuständigkeiten eindeutig zu klären und die Zusammenarbeit relevanter Akteure aus Staat, Gesundheitssystem und Industrie strukturell zu verankern. Nur so kann sichergestellt werden, dass im Krisenfall schnell, koordiniert und wirksam gehandelt wird.

Eine resiliente Gesundheitsversorgung hängt nicht nur von Strukturen und Ressourcen ab, sondern auch von Kommunikation und Vertrauen. Falschinformationen und Desinformationskampagnen können im Krisenfall erhebliche Schäden verursachen. Es ist daher sinnvoll, eine klare Krisen-kommunikation mit der Bevölkerung aufzubauen und aktiv gegen Fake News vorzugehen. Parallel sollten Programme zur Stärkung der Gesundheitskompetenz etabliert werden, um die Eigenverantwortung der Bevölkerung zu erhöhen.

Maßnahmen

▪ Klare Zuständigkeiten und Entscheidungsstrukturen festlegen: Verantwortlichkeiten zwischen Bund, Ländern und EU eindeutig definieren und verbindliche Entscheidungsmechanismen für den Krisenfall etablieren.

▪ Krisenprozesse und Koordination operationalisieren: Verbindliche, ressort- und ebenenübergreifende Abläufe etablieren, die staatliche Akteure, Leistungserbringer und Industrie systematisch einbinden.

▪ Bevölkerung einbinden: Gesundheitskompetenz und Krisenkommunikation stärken, Desinformation (Fake News) aktiv entgegenwirken.

Resümee

Resilienz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe - aber ohne die industrielle Gesundheitswirtschaft nicht realisierbar Die iGW bietet Lösungen, Technologien und Produktionskapazitäten, die für eine belastbare Gesundheitsversorgung im Normalzustand sowie im Krisenfall unverzichtbar sind. Darüber hinaus trägt die iGW als Schlüsselindustrie maßgeblich zu Wachstum, Wertschöpfung und Wohlbefinden bei.

Politik und iGW müssen auf nationaler und europäischer Ebene eng kooperieren, um Versorgungssicherheit und Innovationskraft nachhaltig zu sichern und Strukturen zu schaffen, die auch in Krisen Bestand haben. Dazu gehören klare Zuständigkeiten, verlässliche Finanzierung, abgesicherte Lieferketten und Produktionskapazitäten sowie digitale und organisatorische Vernetzung. Wer Gesundheit stärkt, sichert Zukunft, Resilienz und Souveränität.

Impressum

Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI)

Breite Straße 29, 10178 Berlin www.bdi.eu

T: +49 30 2028-0

Lobbyregisternummer: R000534

Redaktion

Cora Loh

Referentin Industrielle Gesundheitswirtschaft

Bereich Innovation, Sicherheit und Technologie

T: +49 30 2028-1790

C.Loh@bdi.eu

BDI Dokumentennummer: D 2287

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