Die EU zwischen Handelsrisiken und Wachstumschancen
Außenwirtschaftliche Belastungen und neue Chancen durch Binnenmarkt, Abkommen und langfristige Integrationsperspektiven
Executive Summary
20. April 2026
Die europäische Wirtschaft sieht sich Anfang 2026 einem globalen Umfeld gegenüber, das von handelspolitischer Unsicherheit, geopolitischer Volatilität, deutlich erhöhten Handelsbarrieren und verschärftem Wettbewerbsdruck geprägt ist. US-Zölle, der Wettbewerbsdruck aus China und der Nahostkrieg belasten den Außenhandel, aber der Binnenmarkt, neue Handelsabkommen und die Erweiterung der EU bieten mittelfristig Chancen.
Hohe US-Zölle belasten Exporte und Investitionen und mindern das Wachstum im Euroraum zwischen 2025 und 2027 kumuliert um rund 0,7 Prozentpunkte. Zudem verschärft sich der Wettbewerbsdruck aus China, der insbesondere exportorientierte Industriezweige trifft. Für Deutschland kann sich ein dämpfender Effekt von etwa einem halben Prozentpunkt ergeben. Hinzu kommen geopolitische Risiken im Energie- und Lieferkettenbereich, die die Kosten erhöhen und die kurzfristigen Wachstumsaussichten zusätzlich schwächen.
Deutschlands Außenhandel könnte jedoch mittelfristig von zwei Treibern profitieren: einer Vertiefung des Binnenmarkts und neuen Freihandelsabkommen. Die Vertiefung des Binnenmarkts bleibt dabei der zentrale Hebel: Bereits moderate Verbesserungen, etwa eine leichte Reduktion verbliebener Barrieren, könnten ausreichen, um die wachstumsdämpfenden Effekte der US-Zölle vollständig auszugleichen Darüber hinaus liefern neue Handelsabkommen – etwa mit Indien, Australien, Mercosur oder weiteren Partnern – zusätzliche Impulse. Die in der Analyse betrachteten Partnerländer stehen zusammen für rund 300 Milliarden Euro bzw. zwölf Prozent der Extra-EU Warenexporte – mehr als nach China und nahezu so viel wie ins Vereinigte Königreich. Hiervon entfallen rund 90 Milliarden Euro auf Deutschland. Auch eine EU-Erweiterung könnte darüber hinaus langfristig zusätzliche Potenziale eröffnen, unter der Voraussetzung tragfähiger Governance-Strukturen, weiterer Reformfortschritte und politischer Einigung
Vor diesem Hintergrund sollte die EU strukturelle Überkapazitäten und Wettbewerbsverzerrungen Chinas adressieren, stabile und planbare Handelsbedingungen im Verhältnis zu den USA sichern, zentrale Handelsabkommen zügig abschließen und umsetzen, die handelspolitische Agenda gegenüber weiteren Partnern weiterentwickeln, regulatorische Fragmentierung und verbleibende Binnenmarkthürden abbauen sowie Investitionen durch verlässliche Rahmenbedingungen erleichtern
Einleitung
Die EU-Wirtschaft startet 2026 in ein globales Umfeld, das von handelspolitischer Unsicherheit, geopolitischer Volatilität und verschärftem Wettbewerbsdruck geprägt ist. Zusätzliche Belastungen entstehen durch die weiterhin hohen US-Zölle auf zentrale Industrieprodukte und Vorleistungen (unter anderem Stahl und Aluminium sowie weitere betroffene Produktgruppen). Diese erhöhen die Kosten, dämpfen den Außenhandel und beeinflussen die Investitionsentscheidungen von Unternehmen negativ. Parallel dazu verschärft ein Preis- und Überkapazitätsdruck aus China den Wettbewerb in China, auf Drittstaatenmärkten und zunehmend auch im europäischen Markt, was spürbare Folgen für zentrale Industriezweige hat. Der Iran-Konflikt hat zudem die Verwundbarkeit globaler Handels- und Energieströme an maritimen Engpässen verdeutlicht und damit die Bedeutung robuster Lieferketten und stabiler Rahmenbedingungen noch einmal verstärkt.
Gleichzeitig zeigt sich, dass sich trotz dieses herausfordernden Umfelds auch wichtige Chancen eröffnen, um Wachstumsperspektiven zu stärken und die Resilienz des europäischen Wirtschaftsraums auszubauen. Die jüngsten Entwicklungen in der europäischen Handelsagenda – darunter der Abschluss der Verhandlungen mit Australien im März 2026, die politische Einigung mit Indien im Januar 2026 sowie die geplante vorläufige Anwendung des EU-Mercosur-Abkommens ab Mai 2026 – verdeutlichen, dass die EU ihre außenwirtschaftlichen Beziehungen weiterentwickelt und neue Ansatzpunkte für Diversifizierung und Markterschließung nutzt. Diese Initiativen tragen dazu bei, die internationale Aufstellung der europäischen Wirtschaft breiter abzusichern und in zentralen Regionen zusätzliche wirtschaftliche Spielräume zu schaffen.
Neben der Außenwirtschaftspolitik bestehen auch im europäischen Binnenmarkt erhebliche Wachstums- und Effizienzpotenziale. Eine stärkere Integration – insbesondere durch den Abbau verbleibender regulatorischer und administrativer Hürden – kann dazu beitragen, Produktivität zu steigern, Investitionen zu erleichtern und die Fähigkeit der EU zu erhöhen, externe Schocks besser zu absorbieren. Langfristig könnte zudem die europäische Erweiterungsperspektive an Bedeutung gewinnen und unter bestimmten Voraussetzungen zusätzliche Chancen eröffnen. Dies wäre jedoch abhängig von belastbaren Governance-Strukturen, weiteren Reformfortschritten in den Kandidatenländern sowie einer politischen Einigung auf EU-Ebene. Unter diesen Bedingungen ließe sich auf längere Sicht ein größerer und wirtschaftlich dynamischerer europäischer Raum denken.
Wie wirken die aktuellen externen Belastungen auf Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit? Welche Chancen ergeben sich zugleich aus neuen Handelsabkommen und einer vertieften Binnenmarktintegration? Welche wirtschaftspolitischen Prioritäten lassen sich daraus ableiten, um die Wachstums-, Wettbewerbs- und Resilienzpotenziale der EU in einem zunehmend anspruchsvollen globalen Umfeld zu stärken?
Externe Belastungen für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit in der EU
Die europäische Wirtschaft sieht sich derzeit einer Reihe externer Herausforderungen gegenüber, die sich zunehmend dämpfend auf Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit auswirken. Dazu zählt die anhaltende handelspolitische Unsicherheit im Verhältnis zu den USA, da wesentliche Zölle und globale Aufschläge fortbestehen und der weitere Kurs der US-Handelspolitik offenbleibt. Gleichzeitig verschärfen strukturelle Überkapazitäten, deutliche Kosten- und Preisunterschiede sowie industriepolitisch begünstigte Wettbewerbsbedingungen in China den internationalen Wettbewerbsdruck und belasten zentrale Industriebranchen der EU spürbar. Zusätzlich führen die jüngsten geopolitischen Spannungen
im Nahen Osten zu erhöhter Unsicherheit auf Energie- und Rohstoffmärkten sowie zu Störungen globaler Handelsströme, was die externen Belastungen für europäische Unternehmen insgesamt verstärkt.
US-Handelspolitik und transatlantische Unsicherheit
Die US-Handelspolitik bleibt ein spürbarer Belastungsfaktor für das europäische Wachstum. Zwar wurden die Zölle auf Basis des IEEPA durch eine Entscheidung des Supreme Court aufgehoben, doch wurde ein zunächst auf 150 Tage befristeter globaler Section-122-Aufschlag von zehn Prozent eingeführt Nach Ablauf dieser 150 Tage dürfte es das Ziel der US-Regierung sein, die früheren IEEPAZölle durch Zölle auf einer anderen rechtlichen Grundlage zu ersetzen: In Vorbereitung auf diesen Schritt leitete die US-Regierung im März zwei Untersuchungen auf Basis von Section 301 gegen zahlreiche Handelspartner, einschließlich der EU, ein Die Section-232-Zölle auf Stahl, Aluminium, Kupfer und zahlreiche Derivate wurden Anfang April modifiziert, liegen aber weiterhin auf einem hohen Niveau. Zudem gelten zahlreiche weitere Zölle auf Basis der Section 232 unverändert weiter
Damit bleibt die Belastung für europäische Unternehmen insgesamt nahe dem bisherigen Niveau. Die bereits vorliegenden Einschätzungen der Europäischen Zentralbank (2025) behalten damit unverändert Bestand: Für den Euroraum ist weiterhin von einem kumulierten Wachstumsdämpfer von rund 0,7 Prozentpunkten im Zeitraum 2025 – 2027 auszugehen, da sowohl die hohen effektiven Zollsätze als auch die anhaltende handelspolitische Unsicherheit die Exportaussichten und Investitionen belasten.
Chinas Überkapazitäten und verschärfter Wettbewerbsdruck
Chinas wirtschaftliche Entwicklung wirkt zunehmend belastend auf die europäische Industrie. Die Kombination aus schwacher Inlandsnachfrage, anhaltender Produzentenpreisdeflation und einer industriepolitisch getriebenen Ausweitung von Produktionskapazitäten führt dazu, dass große Mengen preisgünstiger Industrieerzeugnisse in den Weltmarkt drängen. Gleichzeitig sind die europäischen Produzentenpreise aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, stark gestiegener Energiepreise und des allgemeinen Inflationsschocks spürbar angestiegen. Dies lässt die preislichen Ausgangsbedingungen weiter auseinanderdriften. Hinzu kommt eine realwirtschaftliche Unterbewertung des Renminbi, die der IWF (2026) auf etwa 16 Prozent beziffert und die die Kostenvorteile chinesischer Anbieter zusätzlich verstärkt
Die Folgen für Europa sind erheblich. In den vergangenen 25 Jahren hat der Euroraum bei Nicht-Energiegütern rund elf Prozentpunkte an globalen Marktanteilen verloren: Der Anteil sank von gut 26 Prozent auf etwa 15 Prozent, während China seinen Anteil im selben Zeitraum von knapp sieben Prozent auf über 20 Prozent ausweiten konnte. Besonders betroffen sind zentrale Industriezweige wie Automobilindustrie, Chemie und Maschinenbau, die zunehmend in direktem Wettbewerb mit stark geförderten chinesischen Anbietern stehen und sowohl auf Dritt- als auch auf dem Binnenmarkt Marktanteile einbüßen. Für Deutschland zeigt sich dieser Druck besonders deutlich: Die Kombination aus rückläufigen Exporten und steigenden Importen gegenüber China belastet die Wirtschaftsleistung bereits spürbar und führt nach unseren Schätzungen zu einem dämpfenden Effekt von rund 0,5 Prozentpunkten auf das BIP. Damit bleibt der verstärkte Wettbewerbsdruck aus China ein zentraler externer Faktor, der Wachstum und industrielle Wettbewerbsfähigkeit in der EU nachhaltig beeinträchtigt.
Geopolitische Energie- und Lieferkettenrisiken
Die Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt haben die strukturelle Bedeutung der Golfregion für den globalen Energie- und Rohstoffhandel erneut deutlich gemacht. Insbesondere die Straße von Hormus, über die ein erheblicher Teil der weltweiten Öl-, LNG- und Rohstoffströme verläuft, bleibt ein zentraler maritimer Engpass. Beeinträchtigungen dieses Korridors betreffen nicht nur Energieträger, sondern auch wichtige Vorleistungen wie Schwefel und Stickstoffdünger, Helium sowie Aluminiumprodukte, die für zahlreiche industrielle und agrarische Wertschöpfungsstufen in Europa relevant sind.
Für die europäische Wirtschaft zeigen sich die Auswirkungen vor allem in deutlich höheren Energiepreisen, Störungen im internationalen Transport, verteuerten Rohstoff- und Vorleistungsimporten, gestiegenen Risiken von Versorgungsengpässen, insbesondere bei Kuppelprodukten der Gasförderung sowie bei Diesel und Kerosin und einer insgesamt erhöhten wirtschaftlichen Unsicherheit, die auch an den Finanzmärkten sichtbar wird. Vor diesem Hintergrund hat die EZB ihr Wachstum für 2026 bereits um 0,3 Prozentpunkte nach unten revidiert, da diese Faktoren Kaufkraft, Produktion und Investitionen merklich dämpfen. Bei länger anhaltenden Beeinträchtigungen – insbesondere im Umfeld der Straße von Hormus – kann sich der dämpfende Effekt laut EZB vorübergehend auf bis zu rund 0,5 Prozentpunkte verstärken. Auch für Deutschland wurden die Wachstumsprognosen zuletzt deutlich nach unten revidiert. Aufgrund der hohen energie- und exportseitigen Exponierung gegenüber den geopolitischen Spannungen hat sich das erwartete Wirtschaftswachstum bereits im Basisszenario teilweise deutlich reduziert und liegt in einzelnen Prognosen nur noch bei rund der Hälfte der zuvor erwarteten Dynamik.
Chancen und Wachstumsimpulse durch Handel, Binnenmarkt und Erweiterung
Trotz der derzeit erheblichen außenwirtschaftlichen Belastungen verfügt die EU über zentrale politische Hebel, mit denen sich die Wachstumsperspektiven nachhaltig verbessern lassen. Insbesondere neue Handelsabkommen, eine vertiefte Integration des Binnenmarkts und die Erweiterungsperspektive bieten Ansatzpunkte, um externe Risiken abzufedern, die Resilienz der europäischen Wirtschaft zu erhöhen und neue Wachstumsquellen zu erschließen. Dabei unterscheiden sich diese Hebel deutlich hinsichtlich Größenordnung, zeitlicher Wirkung und wirtschaftspolitischer Hebelwirkung. Die folgenden Abschnitte beleuchten diese Unterschiede im Einzelnen. Handelsabkommen als Wachstumsimpuls
Neue Handelsabkommen sind ein zentraler Ansatzpunkt, um den bestehenden außenwirtschaftlichen Belastungen wachstumsorientierte Impulse entgegenzusetzen. In einem globalen Umfeld, das zunehmend von handelspolitischen Eingriffen, höheren Barrieren und Unsicherheiten geprägt ist, können verbesserte Marktzugänge und verlässlichere Rahmenbedingungen dabei helfen, zusätzliche Nachfrage zu generieren und die internationale Einbindung der europäischen Wirtschaft zu stärken. Vor diesem Hintergrund hat die EU ihre Handelsagenda zuletzt sichtbar vorangebracht und mehrere Abkommen abgeschlossen oder in eine Phase konkreter Umsetzung überführt. Die folgenden Unterkapitel ordnen zunächst den aktuellen Stand dieser Handelsagenda ein und analysieren anschließend die wirtschaftlichen Potenziale.
Stand und Prioritäten der aktuellen EU-Handelsagenda
Die aktuelle EU-Handelsagenda ist durch eine Reihe von konkreten Fortschritten bei wirtschaftlich relevanten Abkommen geprägt. So wurde Anfang 2026 die politische Einigung über das Freihandelsabkommen mit Indien erzielt, die Verhandlungen mit Australien im März 2026 abgeschlossen und die vorläufige Anwendung des handelspolitischen Interimsabkommens mit den Mercosur-Staaten für Mai 2026 eingeleitet. Bereits im Jahr 2025 wurden zudem die Verhandlungen mit Indonesien abgeschlossen, während die Gespräche mit weiteren ASEAN-Partnern wie Malaysia, Thailand und den Philippinen zuletzt an Dynamik gewonnen haben.
Das folgende Schaubild gibt einen Überblick über jene Drittstaaten und Regionen, die derzeit im Fokus der EU-Handelspolitik stehen und ordnet sie nach ihrer Bedeutung für die EU-Warenexporte. Hervorgehoben (hellblau) sind Länder und Regionen, deren Handelsabkommen kürzlich abgeschlossen wurden oder kurz vor dem Abschluss stehen bzw. die aus handelspolitischer oder geopolitischer Sicht priorisiert werden. Die weiteren dargestellten Partner (orange) kennzeichnen Fälle, in denen die Gespräche voranschreiten, sich jedoch auf die Modernisierung bestehender Abkommen – etwa mit Mexiko und Chile – oder auf frühere Verhandlungsstadien wie im Fall der Vereinigten Arabischen Emirate beziehen. Die in der Abbildung hervorgehobenen Partnerländer (hellblau und orange) stehen zusammen für rund 300 Milliarden Euro bzw. knapp zwölf Prozent der Extra-EU-Warenexporte und erfassen damit einen wirtschaftlich relevanten Teil des bestehenden EU-Außenhandels. Im anschließenden Abschnitt werden die wirtschaftlichen Effekte der erstgenannten Gruppe ausgewählter Abkommen näher betrachtet.
Exporte außerhalb der EU nach Partnerländern im Jahr 2024
Quelle: Eurostat
Wirtschaftliche Potenziale für Wachstum, Diversifizierung und Resilienz

Neue Handelsabkommen eröffnen der europäischen Wirtschaft konkrete Wachstumschancen. Sie erschließen zusätzliche Absatz- und Beschaffungsmärkte, senken Handelskosten, erhöhen die Sicherheit von Direktinvestitionen im Partnerland und verbessern die Voraussetzungen für Exporte, Investitionen und grenzüberschreitende Wertschöpfung. Ihre wachstumsrelevante Wirkung entfaltet sich dabei insbesondere durch das Zusammenspiel mehrerer Abkommen, die sich auf unterschiedliche Regionen auswirken und somit zusätzliche Nachfrageimpulse in verschiedenen Märkten ermöglichen.
Modellbasierte Analysen zeigen, dass einzelne Handelsabkommen jeweils messbare positive Wachstumsimpulse entfalten. Für das EU-Indien-Abkommen werden mittelfristige BIP-Zuwächse von rund 0,12 bis 0,13 Prozent für beide Partner geschätzt (Hinz et al. 2026), während für das Mercosur-Abkommen Effekte in der Größenordnung von etwa 0,05 Prozent für die EU-Wirtschaft ausgewiesen werden (Europäische Kommission 2026). Für das Abkommen mit Australien liegen der Europäischen Kommission ältere modellbasierte Abschätzungen vor, die einen Anstieg des realen EU-BIP um rund 3,9 Milliarden Euro bis 2030 ausweisen, was etwa 0,03 Prozent entspricht (Europäische Kommission 2020). Für Indonesien sowie weitere ASEAN-Partner werden ebenfalls positive Effekte für die EU erwartet, die bislang jedoch nur teilweise quantifiziert vorliegen (z. B. Centre for Strategic and International Studies 2021). In der Summe tragen diese Abkommen zu spürbaren gesamtwirtschaftlichen Wachstumsimpulsen für die EU bei, auch wenn ihre Wirkung durch Übergangsfristen und eine schrittweise Liberalisierung zeitlich gestreckt einsetzt. Für Deutschland sind angesichts der ausgeprägten Exportorientierung und der starken Einbindung in globale Wertschöpfungsketten ähnliche, teils sogar etwas stärkere Wachstumsimpulse zu erwarten als im EU-Durchschnitt.
Über die direkt quantifizierbaren Wachstumseffekte hinaus entfalten Handelsabkommen zusätzliche strukturelle Wirkungen, die das Wachstum mittel- und langfristig unterstützen. Sie tragen zur Diversifizierung des Außenhandels bei, verringern einseitige Abhängigkeiten und verbessern den Zugang zu Vorleistungen und Rohstoffen. In diesem Zusammenhang sind Abkommen mit Partnern wie Australien oder den Mercosur-Staaten insbesondere mit Blick auf resilientere Lieferketten und die Versorgung
mit strategisch relevanten Rohstoffen von Bedeutung. Zudem umfassen moderne Handelsabkommen nicht nur den reinen Warenhandel, sondern auch Dienstleistungen, Investitionen sowie Elemente der regulatorischen Zusammenarbeit. Deren wirtschaftliche Effekte werden in klassischen Modellrechnungen nur unvollständig erfasst.
Der Binnenmarkt als zentraler Wachstumshebel
Der Europäische Binnenmarkt ist der zentrale endogene Wachstumshebel der EU. Er bestimmt maßgeblich, in welchem Umfang europäische Unternehmen Skaleneffekte realisieren, Investitionen tätigen und Produktivitätsgewinne erzielen können. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender externer Belastungen durch handelspolitische Unsicherheit, geopolitische Schocks und verschärftem globalen Wettbewerbsdruck kommt seiner Funktionsfähigkeit eine besondere Bedeutung zu. Ein leistungsfähiger Binnenmarkt stärkt nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, sondern erhöht auch die Fähigkeit der europäischen Wirtschaft, externe Schocks zu absorbieren und Wachstum aus eigener Kraft zu generieren.
Ökonomische Analysen unterstreichen die hohe Bedeutung des Binnenmarkts: Modellrechnungen der Europäischen Kommission (2019) zeigen, dass der Binnenmarkt das EU-BIP gegenüber einem Szenario reiner WTO-Regeln um rund acht bis neun Prozent erhöht. Gleichzeitig besteht weiterhin ein erhebliches ungenutztes Potenzial, da innereuropäische Handels-, Investitions- und Dienstleistungshemmnisse die wirtschaftliche Integration nach wie vor deutlich begrenzen (Europäische Kommission 2019, EZB 2025b).
Fortbestehende Hürden im Binnenmarkt
Trotz jahrzehntelanger Integration bestehen im europäischen Binnenmarkt weiterhin erhebliche regulatorische und administrative Hemmnisse. Schätzungen des IWF beziffern die verbleibenden innereuropäischen Barrieren im Warenhandel auf tarifäquivalente 44 Prozent, im Dienstleistungsbereich sogar auf bis zu 110 Prozent, wobei diese Angaben als indikative Größenordnungen zu verstehen sind. Auch die EZB kommt zu hohen Werten und schätzt die Fragmentierung auf rund 67 Prozent im Waren- und etwa 95 Prozent im Dienstleistungssektor (IWF 2024; EZB 2025b).
Diese Barrieren resultieren vor allem aus einer unvollständigen Harmonisierung und uneinheitlichen Anwendung des EU-Rechts, was zu einer Fragmentierung des Binnenmarktes führt. Weitere Ursachen sind unterschiedliche nationale Produkt- und Zulassungsanforderungen, komplizierte Verwaltungsverfahren und eine eingeschränkte gegenseitige Anerkennung von Qualifikationen, Zertifizierungen und Sicherheitsstandards. Besonders stark betroffen sind Dienstleistungen, digitale Geschäftsmodelle und wissensintensive Aktivitäten, bei denen regulatorische Unterschiede eine grenzüberschreitende Expansion und Skalierung erheblich erschweren. Die Folgen sind höhere Markteintrittskosten, eine geringere Wettbewerbsintensität, die das Innovationspotenzial bremst sowie ein geschwächtes Investitionsumfeld. Dies schränkt insbesondere die Fähigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen zur Expansion und Wettbewerbsfähigkeit stark ein.
Insgesamt bleibt der Binnenmarkt damit deutlich hinter seinem integrativen Anspruch zurück. Die bestehende Fragmentierung begrenzt Produktivitätsgewinne und schwächt die Fähigkeit der europäischen Wirtschaft, externe Belastungen intern auszugleichen.
Wachstumspotenziale einer vertieften Binnenmarktintegration
Eine weitergehende Integration des Binnenmarkts birgt erhebliche Wachstum- und Wohlfahrtpotenziale für die europäische Wirtschaft. Dabei ist weniger ein theoretisches Vollintegrationsszenario entscheidend als vielmehr die Frage, welche gesamtwirtschaftlichen Effekte bereits realistisch erreichbare Reduktionen bestehender Hemmnisse entfalten können.
Zur Quantifizierung dieses Potenzials greift die EZB (2025b) auf einen vergleichenden Ansatz zurück. Anstatt einen vollständigen Abbau aller Binnenmarkthürden zu unterstellen, wird analysiert, welche Effekte sich ergeben würden, wenn die bestehenden Barrieren EU-weit schrittweise auf ein stärker angeglichenes, niedrigeres Niveau reduziert würden. Als empirische Referenz dienen dabei Mitgliedstaaten mit vergleichsweise geringer regulatorischer und administrativer Fragmentierung. Die Analyse zeigt, dass eine Annäherung an dieses Benchmark-Niveau mit einer Reduktion der bestehenden Binnenmarkthürden um rund acht bis neun Prozentpunkte verbunden wäre.
Auf Basis dieser angenommenen Reduktion lassen sich die gesamtwirtschaftlichen Effekte quantifizieren. Unter der Annahme, dass die verbleibenden Hemmnisse im Warenbereich auf dieses niedrigere Benchmark-Niveau abgesenkt werden, ergeben sich reale Einkommensgewinne von rund 1,3 Prozent. Eine entsprechende Reduktion der bestehenden Barrieren im Dienstleistungsbereich würde reale Einkommensgewinne von etwa 1,8 Prozent ermöglichen. Diese Effekte ergeben sich aus niedrigeren Handels- und Marktzugangskosten, einer stärkeren Wettbewerbsintensität sowie Effizienzgewinnen durch eine bessere Nutzung grenzüberschreitender Arbeitsteilung und Skaleneffekte im Binnenmarkt (EZB 2025b). Deutschland würde von diesen Effekten besonders profitieren, da ein überdurchschnittlich großer Teil der heimischen Wertschöpfung auf grenzüberschreitend integrierten Industrie-, Zuliefer- und Dienstleistungsstrukturen im EU-Binnenmarkt beruht.
Die EZB-Analyse macht zudem deutlich, dass bereits vergleichsweise geringe Fortschritte bei der Reduzierung bestehender Binnenmarkthürden erhebliche makroökonomische Effekte entfalten können. Laut den Berechnungen der EZB würde eine Verringerung der verbleibenden Barrieren um lediglich rund zwei Prozentpunkte ausreichen, um die wachstumsdämpfenden Effekte der derzeitigen US-Zölle vollständig zu kompensieren. Damit wird deutlich, dass der Binnenmarkt neben seinem langfristigen Wachstumspotenzial auch eine zentrale Rolle bei der Begrenzung makroökonomischer Belastungen durch externe Handelsschocks spielen kann.
Die Ergebnisse verdeutlichen insgesamt das erhebliche Wachstumspotenzial des Binnenmarkts, das bislang nicht vollständig erschlossen ist. Durch den gezielten Abbau verbleibender Hemmnisse kann die EU ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aus eigener Stärke erhöhen und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber externen Handelsschocks stärken. Dies steht im Einklang mit dem Bericht von Mario Draghi zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Darin hebt er die Vertiefung des Binnenmarkts und die konsequente Umsetzung struktureller Reformen als zentrale Voraussetzungen für Produktivität, Skalierung und Investitionen hervor. Zugleich verweist der Draghi-Bericht auf die Notwendigkeit eines kohärenten Vorgehens in der Wirtschafts- und Handelspolitik angesichts staatlich subventionierter Konkurrenz, insbesondere aus China, um faire Wettbewerbsbedingungen im Binnenmarkt zu gewährleisten.
Erweiterung als wirtschaftliche Chance
Eine Erweiterung der Europäischen Union kann grundsätzlich auch potenzielle Wachstumschancen eröffnen. Entsprechende ökonomische Effekte wären jedoch – wenn überhaupt – allenfalls auf sehr langfristige Sicht zu erwarten und setzten voraus, dass tragfähige Governance Strukturen aufgebaut,
substanzielle strukturelle Reformen in den Kandidatenländern umgesetzt und eine politische Einigung innerhalb der EU über den weiteren Integrationspfad erzielt wird.
In ihrer jüngsten Erweiterungsmitteilung hebt die Europäische Kommission die Bedeutung der Vorbereitung auf eine größere Union hervor und stellt zugleich klar, dass der Beitrittsprozess weiterhin strikt merit-basiert entlang klar definierter Schritte erfolgt (Europäische Kommission, 2025).
Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Erweiterung vor allem deshalb relevant, weil ein EU-Beitritt über die bestehenden Handels- und Assoziierungsabkommen hinausgeht und einen qualitativ höheren Integrationsschritt darstellt. Die vollständige Übernahme des EU-Rechtsrahmens sowie die rechtlich verbindliche Einbindung neuer Mitgliedstaaten in den Binnenmarkt können unter geeigneten Rahmenbedingungen langfristig zusätzliche Impulse für Investitionen, Wertschöpfung und effizientere grenzüberschreitende Wertschöpfungsketten in der bestehenden EU begünstigen
Die folgenden Abschnitte ordnen zunächst die aktuelle Erweiterungsdynamik und zentrale Kandidatenländer ein und analysieren anschließend die wirtschaftlichen Perspektiven einer erweiterten Europäischen Union.
Aktuelle Dynamik der EU-Erweiterung und relevante Kandidatenländer
Zu Beginn des Jahres 2026 umfasst der Erweiterungsprozess der Europäischen Union neun offizielle Kandidatenländer: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Georgien, Moldau, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien, Türkei und die Ukraine. Das Kosovo besitzt weiterhin den Status eines potenziellen Kandidatenlandes. Die Kandidatenländer befinden sich in unterschiedlichen Stadien des Beitrittsprozesses und werden im Rahmen eigenständiger, voneinander unabhängiger Verfahren behandelt.
In den vergangenen Jahren ist die EU-Erweiterung insgesamt wieder stärker in den politischen Fokus gerückt. Seit 2022 wurden mehrere Beitrittsprozesse formal vorangebracht und zusätzliche Verfahrensschritte eingeleitet. Gleichzeitig zeigt sich eine zunehmende Differenzierung der Dynamik zwischen den einzelnen Kandidatenländern. Während einige Verfahren zuletzt an Sichtbarkeit und institutionellem Fortschritt gewonnen haben, bleiben andere durch politische Rahmenbedingungen, offene Reformfragen oder blockierende Entscheidungsprozesse auf EU-Ebene geprägt (zum Beispiel in Teilen des Westbalkans oder in den Beziehungen zur Türkei).
Der Erweiterungsprozess folgt dabei weiterhin einem schrittweisen und merit-basierten Ansatz. Fortschritte ergeben sich nicht aus einem einheitlichen Zeitplan, sondern aus den individuellen Entwicklungen der Kandidatenländer sowie aus Entscheidungen der EU-Mitgliedstaaten. Entsprechend ist die Erweiterungsperspektive derzeit mit einem hohen Maß an zeitlicher Unsicherheit verbunden und entfaltet ihre Bedeutung vor allem als langfristiger Integrationsprozess für die EU. Zugleich wird in der Diskussion darauf hingewiesen, dass eine erfolgreiche Erweiterung nicht nur Fortschritte in den Kandidatenländern voraussetzt, sondern auch eine ausreichende institutionelle und politische Handlungsfähigkeit der EU selbst erfordert. Vor diesem Hintergrund gewinnen Fragen der Governance Strukturen, der Entscheidungsmechanismen und möglicher institutioneller Anpassungen innerhalb der EU an Bedeutung für den langfristigen Erfolg des Erweiterungsprozesses.
Wachstumschancen einer größeren europäischen Wirtschaftszone
Ein EU-Beitritt könnte wirtschaftliche Wirkungen sowohl für die neu hinzukommenden Mitgliedstaaten als auch für die bestehende Europäische Union entfalten. Für die Beitrittsländer bedeutet die vollständige Integration in den Binnenmarkt einen verlässlichen Ordnungs- und Rechtsrahmen, einen
verbesserten Kapital- und Marktzugang sowie attraktivere Investitionsbedingungen. Die EU kann insbesondere von einer Ausweitung des Binnenmarkts, tieferen wirtschaftlichen Verflechtungen, Produktivitätsgewinnen und effizienteren grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten profitieren. Diese Effekte setzen in der Regel nicht kurzfristig ein, entfalten jedoch mit der Zeit eine entsprechende wirtschaftliche Breitenwirkung.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die wirtschaftliche Ausgangsgröße der Kandidaten- und potenziellen Kandidatenländer einordnen. Zusammengenommen entspricht ihr Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 rund 9,4 Prozent des EU-BIP. Innerhalb dieser Gruppe ist die Türkei mit einem Anteil von etwa 7,2 Prozent des EU-BIP die mit Abstand größte Volkswirtschaft. Es folgen die Ukraine mit rund ein Prozent sowie Serbien mit etwa 0,5 Prozent. Die übrigen Kandidatenländer weisen jeweils deutlich kleinere volkswirtschaftliche Größenordnungen auf.
Bruttoinlandsprodukt der zehn EU-Kandidaten- und potenziellen Kandidatenländer im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt der EU (Anteil am EU-BIP, 2025)
Türkei
Ukraine
in Milliarden Euro
Serbien
Georgien
Bosnien und Herzegowina
Albanien
Moldawien
Nordmazedonien
Kosovo
Montenegro
Quelle: IWF

Über ihre Wirtschaftsleistung hinaus sind die Kandidaten- und potenziellen Kandidatenländer für die EU jedoch bereits heute handelspolitisch relevant. Im Jahr 2025 entfielen rund 8,5 Prozent der Extra-EU-Warenexporte auf diese Ländergruppe. Auch hier konzentriert sich ein erheblicher Teil des Handelsvolumens auf wenige Partner: Die Türkei, die Ukraine und Serbien vereinen mit Anteilen von etwa 4,3 Prozent, 1,8 Prozent beziehungsweise 1,0 Prozent einen Großteil der EU-Exporte in diese Länder. Dies unterstreicht, dass die wirtschaftliche Verflechtung in Teilen bereits vor einem formalen EU-Beitritt weit fortgeschritten ist.
Welche wirtschaftlichen Effekte eine weitere Vertiefung dieser Integration entfalten kann, lässt sich anhand früherer Erweiterungsrunden abschätzen. Die empirische Forschung zur EU-Erweiterung im Jahr 2004 zeigt überwiegend starke Konvergenz- und Wachstumseffekte. Laut Berechnungen des IWF (2025) stehen die Einkommensgewinne aller damaligen Mitgliedstaaten in engem Zusammenhang mit dieser Erweiterungsrunde. Besonders ausgeprägt fielen die Effekte in Ländern aus, die sich wirtschaftlich stark mit den neuen Mitgliedstaaten verflochten hatten und zugleich weniger von der europäischen Schuldenkrise betroffen waren. Dazu zählen Deutschland, Österreich und mehrere skandinavische Länder. Gleichzeitig zeigen die längerfristigen BIP-Entwicklungen, dass auch Länder ohne unmittelbare geografische Nähe zu den neuen Mitgliedstaaten – etwa Portugal – positive Effekte
verzeichneten, unter anderem über Sektoren wie den Tourismus. Insgesamt konnten bestehende Mitgliedstaaten ihr Pro-Kopf-Einkommen im Durchschnitt um rund zehn Prozent steigern, während die neuen Mitglieder über mehrere Jahre deutlich höhere Wachstumsraten erzielten.
Überträgt man diese Erfahrungen auf die heutigen Beitrittskandidaten, sind aus Sicht der EU kurzfristig eher begrenzte direkte Wachstumseffekte zu erwarten. Dies liegt vor allem an der vergleichsweise geringen wirtschaftlichen Größe des Westbalkans sowie von Ländern wie der Ukraine und Moldau im Verhältnis zur bestehenden EU. Gleichzeitig könnte eine vertiefte Marktintegration langfristige Chancen eröffnen, die über unmittelbare Nachfrageeffekte hinausgehen. Dazu zählen insbesondere eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, der Ausbau wirtschaftlicher Verflechtungen in strategischen Bereichen wie grüne Technologien, Industrie, Energie und Logistik sowie resilientere Lieferketten und eine insgesamt verbesserte wirtschaftliche Konnektivität innerhalb Europas.
Aus ökonomischer Perspektive ist die EU-Erweiterung für die bestehenden Mitgliedstaaten somit weniger ein kurzfristiger Wachstumstreiber als vielmehr ein langfristiges Struktur-, Integrations- und Resilienzprojekt.
Schlussfolgerungen und wirtschaftspolitische Handlungsprioritäten
Fazit
In unserem Papier zeigen wir, dass die europäische Wirtschaft einerseits erheblichen außenwirtschaftlichen Belastungen ausgesetzt ist, andererseits aber auch über zentrale Hebel verfügt, mit denen sich diesen Entwicklungen entgegenwirken und die Wachstumsperspektiven verbessern lassen. Die Analyse veranschaulicht, wie sich diese Belastungen und die vorhandenen Chancen zur Stärkung des Wachstums zueinander verhalten. Der Fokus liegt dabei bewusst auf den außenwirtschaftlichen Faktoren sowie auf handelspolitischen und binnenmarktbezogenen Hebeln. Die strukturellen Herausforderungen der Wettbewerbs- und Investitionslücke, wie sie etwa in den Berichten von Draghi und Letta hervorgehoben werden, werden in diesem Rahmen nicht vertieft behandelt.
Auf der Belastungsseite wirken mehrere externe Faktoren klar wachstumsdämpfend. Die fortbestehenden US-Zölle führen im Euroraum in den Jahren 2025 bis 2027 zu einem kumulierten Wachstumsverlust von geschätzt rund 0,7 Prozentpunkten. Der preis- und überkapazitätsbedingte Wettbewerbsdruck aus China belastet vor allem exportorientierte Industriezweige. Für Deutschland ergibt sich nach unserer Einschätzung ein Effekt von etwa 0,5 Prozentpunkten. Hinzu kommt eine geopolitisch bedingte Abwärtskorrektur der kurzfristigen Wachstumsaussichten, die das konjunkturelle Umfeld zusätzlich einschränkt.
Dem stehen jedoch auch klare Chancen gegenüber, diesen Belastungen entgegenzuwirken und die Wachstumsperspektiven zu verbessern. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem Europäischen Binnenmarkt zu. Analysen zeigen, dass der Binnenmarkt das EU-BIP heute bereits um acht bis neun Prozent erhöht, jedoch weiterhin unter erheblichen innereuropäischen Hemmnissen leidet. Bereits moderate Verbesserungen, etwa eine Reduktion der Barrieren um wenige Prozentpunkte, würden ausreichen, um die wachstumsdämpfenden Effekte der US-Zölle vollständig zu neutralisieren. Ein Aufschließen an die leistungsfähigsten Mitgliedstaaten könnte zudem reale Einkommenszuwächse von ein bis zwei Prozent ermöglichen. Somit bleibt die Vertiefung des Binnenmarkts der zentrale Hebel, um die Produktivität, Effizienz und Anpassungsfähigkeit der europäischen Wirtschaft zu stärken.
Ergänzend können die aktuellen und geplanten Handelsabkommen zu weiterem Wachstum beitragen. Die modellierten direkten Effekte – etwa +0,12 bis +0,13 Prozent im Fall des EU-Indien-Abkommens oder +0,05 Prozent im Fall von Mercosur – reichen zwar nicht aus, um die externen Belastungen vollständig auszugleichen. Sie verbessern jedoch die Marktzugänge, stärken die Diversifizierung des Außenhandels und erhöhen die Robustheit der europäischen Wirtschaft. Die Wachstumsrelevanz dieser Abkommen wird dadurch unterstrichen, dass die betrachteten Partnerländer zusammen rund 300 Milliarden Euro und damit knapp zwölf Prozent der EU-Warenexporte ausmachen – mehr als die Exporte der EU nach China und nahezu so viel wie nach dem Vereinigten Königreich. Hiervon entfallen rund 90 Milliarden Euro auf Deutschland
Schließlich bietet die EU Erweiterung eine langfristige wachstumsorientierte Perspektive. Sie kann den europäischen Wirtschaftsraum verbreitern, Wertschöpfung vertiefen und die strategische Position der EU stärken – ein Ansatz, der angesichts geopolitischer Fragmentierung weiter an Bedeutung gewinnt.
Damit wird entscheidend sein, ob die EU die im Papier dargestellten vorhandenen Hebel – insbesondere die weitere Vertiefung des Binnenmarkts sowie den Ausbau handelspolitischer Beziehungen –konsequent nutzt, um die externen Belastungen zu begrenzen und neue Wachstumsquellen zu erschließen. Dies setzt klare wirtschaftspolitische Prioritäten voraus, die in den folgenden Empfehlungen aufgezeigt werden.
Wirtschaftspolitische Empfehlungen
Vor diesem Hintergrund sollte die EU jene wirtschaftspolitischen Maßnahmen priorisieren, die geeignet sind, externe Belastungen wirksam zu begrenzen und gleichzeitig die wichtigsten außenwirtschaftlichen und binnenmarktbezogenen Hebel für mehr Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und wirtschaftliche Resilienz zu nutzen. Entscheidend ist ein wirtschaftspolitischer Kurs, der Planungs und Investitionssicherheit stärkt, regulatorische Komplexität reduziert und internationale Offenheit mit einer widerstandsfähigen industriellen Basis verbindet und zugleich den zunehmenden internationalen wirtschaftlichen Herausforderungen angemessen Rechnung trägt. Die folgenden Punkte markieren die zentralen Handlungsschwerpunkte.
▪ Angesichts des anhaltenden Wettbewerbsdrucks aus China müssen die relevanten wirtschaftlichen Herausforderungen klar adressiert werden. Dazu zählen strukturelle Überkapazitäten, massive Subventionen, eine verzerrende Wechselkurspolitik sowie Exportkontrollen auf kritische Rohstoffe mit intransparenten Genehmigungs- und Lizenzverfahren, von denen europäische Unternehmen stark betroffen sind. Das Ziel besteht darin, fairere Wettbewerbsbedingungen herzustellen und bestehenden Marktverzerrungen entgegenzuwirken, ohne die wirtschaftliche Zusammenarbeit grundsätzlich infrage zu stellen. Ein konsequenter Derisking-Ansatz, der die Verringerung strategischer Abhängigkeiten mit der Erschließung alternativer Lieferquellen und dem Erhalt bzw. Aufbau von Wertschöpfung in kritische Sektoren in Europa verbindet, ist dafür weiterhin zentral. Die europäische China-Politik sollte unter den Mitgliedstaaten kohärent und wirtschaftsorientiert ausgestaltet werden, geprägt von Zusammenarbeit dort, wo gemeinsame Interessen bestehen, und robusten Schutzmaßnahmen dort, wo wirtschaftliche und nationale Sicherheitsrisiken zunehmen.
▪ Im Verhältnis zu den USA sollte die EU darauf hinwirken, stabile und planbare Rahmenbedingungen zu schaffen, um die anhaltende Unsicherheit im Zusammenhang mit den US-Zöllen zu verringern. Das jüngste Votum des Europäischen Parlaments zu den Umsetzungsvorschlägen des EU-US-Zollabkommens ist ein wichtiger Schritt, um die transatlantischen
Handelsbeziehungen zu stabilisieren. Nun sollten auch die Trilog-Verhandlungen zügig abgeschlossen werden. Vor dem Hintergrund des jüngsten Urteils des Obersten Gerichtshofs der USA sollten mögliche Folgen für das EU-US-Zollabkommen und die künftige Ausgestaltung der Zölle rasch geklärt werden, damit Unternehmen wieder über verlässliche Planungs- und Entscheidungsgrundlagen verfügen. Im Stahl- und Aluminiumbereich bleibt eine langfristig tragfähige Lösung für beide Seiten besonders wichtig.
▪ Um zusätzliche Wachstumschancen zu erschließen und die außenwirtschaftliche Resilienz Europas zu stärken, sollte die EU ihre laufenden Handelsabkommen zügig abschließen und konsequent umsetzen. Die politische Einigung mit Australien zeigt, dass substanzielle Fortschritte möglich sind, und eröffnet wichtige Perspektiven für den Marktzugang, die Wertschöpfung und den Zugang zu strategischen Rohstoffen. Auch der Abschluss der Verhandlungen mit Indien schafft neue Diversifizierungs- und Exportmöglichkeiten für europäische Unternehmen. Die EU sollte laufende Gespräche mit weiteren Partnern ambitioniert vorantreiben, um zusätzliche Märkte zu erschließen, Abhängigkeiten zu reduzieren und die Verlässlichkeit im europäischen Außenhandel zu stärken.
▪ Darüber hinaus sollte die EU zentrale binnenmarktbezogene Hebel besser nutzen, um die Wettbewerbsfähigkeit und die Investitionen zu stärken. Vorrang haben der Abbau regulatorischer Fragmentierung und eine einheitlichere sowie verlässlichere Anwendung des bestehenden EU-Rechts, damit Unternehmen EU-weit unter vergleichbaren Voraussetzungen agieren können. Unterschiedliche nationale Anforderungen, beispielsweise im Unternehmensrecht, bei Verwaltungsprozessen oder bei produktbezogenen Vorgaben, erschweren grenzüberschreitende Aktivitäten nach wie vor erheblich und sollten durch klarere Regeln und eine stärkere gegenseitige Anerkennung spürbar reduziert werden. Ergänzend sind binnenmarktbezogene Rahmenbedingungen erforderlich, die Investitionen in Forschung, neue Technologien und digitale Lösungen erleichtern. Denn erst ein funktionierender und weniger fragmentierter Binnenmarkt ermöglicht es Unternehmen, Innovationen EU-weit auszurollen und Skaleneffekte zu realisieren. Initiativen wie „EU Inc.“ können hierzu wichtige Impulse geben, sofern sie kohärent ausgestaltet sind und Unternehmen tatsächlich entlasten.
Quellenverzeichnis
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