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APOLLON XIV

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Denn sie wissen

Der Kampf geht weiter

Und sie wissen

Die Wahrheit wird siegen!

Ton Steine Scherben

4 Der Wert von nichts

Micah Nacht

10 Unnecessary Struggles

Lili Ruge

16 Everything is alive

Ian Chillag

24 Ein Opernhaus in Bagdad

Arnon Grunberg

32 Guten Flug!

Christian Gottwalt

42 Der Kampf geht weiter

Werner Herzog

48 Das Ende des Endes der Geschichte

Benedikt Herber

56 The People vs. ICE

Isabelle Brourman

72 Geschlechterkampf

Vera Schröder

78 Anziehendes Leiden

Julia Werner

86 Und vergiss dabei nicht, zu leben

Danijela Pilić

94 Nicht von schlechten Eltern

Thomas Mailaender: Parental Advisory

106 Vierzig

Ella Carina Werner

Der Wert von nichts

Gloria wusste auch nicht warum, aber sie rief ihm hinterher. »Hallo«, und ihre Füße setzten sich wie automatisch in den dummen Timberlands in Bewegung. Dabei – sie hatte doch das Geld in ihrer Hand. Dreihundert Euro, ohne Mehrwertsteuer und ohne Gegenleistung. Und trotzdem. Sie lief die Treppe hinunter, rief laut: »Warte, warte doch«. Warum tat sie das nur? Wahrscheinlich war sie einfach nicht ganz bei Sinnen. Es musste an der Aufregung liegen, über diese neue Situation, und an den Schmerztabletten, die sie sich momentan in rauen Mengen zuführte wegen der Entzündung an ihrem Schneidezahn. Was hatte die Zahnärztin gestern gesagt? »Wir überweisen Sie an einen Experten, aber das ist privat, da kostet das Erstgespräch fünfhundert Euro«, und Gloria hatte nur genickt wie ein Schaf. Sie wusste ja, dass Schafe gar nicht mit dem Kopf nickten, aber würden sie es tun, dann eben genauso wie Gloria in dem Zahnarztstuhl, den Blick stirnrunzelnd auf das Röntgenbild gerichtet, und eben brav nickend, als ob sie auch nur ansatzweise irgendetwas von dem verstünde, was die Ärztin ihr dort zeigte. Dabei konnte sie natürlich nichts erkennen, und was für die Ärztin »gut« aussah, ein ordentlich behandelter Wurzelkanal, war für Gloria ein heller Streifen, und der kleine, dunkle Punkt, den die Ärztin wiederum »nicht ganz so beruhigend« fand, war für Gloria nichts, nicht mal ein Schatten. Gloria hörte die Haustür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen und mit einmal Mal wurde sie träge. Ihr Körper fühlte sich bleischwer an und sie stieg laut atmend die Treppen wieder nach oben. Sie seufzte und schloss die Wohnungstür hinter sich. Warum seufzte sie? Das war nun wirklich leicht verdientes Geld, aber aus irgendeinem Grund war sie trotzdem enttäuscht, obwohl, enttäuscht vielleicht nicht, aber sie fühlte sich leer. Sie wollte sofort Anna schreiben, gleichzeitig hatte sie Angst vor Annas Urteil. Anna würde nicht verstehen, wie sie sich leer fühlen konnte, obwohl das eben doch wirklich das Best-Case-Szenario gewesen war. In Wahrheit hätte sie sowieso nicht gewusst, was sie dem hübschen Mann hätte

sagen sollen. Sicher, sie hatte sich bei Amazon diese schlecht bedruckten Tarotkarten bestellt und mit einem Stück Holz die Wohnung ausgeräuchert. Sie hatte sich ein Video auf Instagram über das keltische Kreuz angeschaut, wie man die Karten richtig legen musste. Aber sie war so wenig spirituell, dass sie tief in sich drin gedacht hatte: Das muss doch auffallen, dass ich der größte Scam bin, seit »Hallo Mama, ich habe mein Handy verloren«, und auch wenn Anna ihr weismachen wollte, dass genau darin eben der Reiz läge, »eine komplett nichtspirituelle spirituelle Beratung, verstehst du?«, war es ihr trotzdem falsch vorgekommen. Dabei war Gloria wirklich niemand, der das Leben in richtig oder falsch einteilte. Es klingelte an der Tür und weil Gloria so nah an ihr stand, oder weil sie so in Gedanken versunken war, ganz genau konnte sie es später auch nicht mehr sagen, drückte sie ohne lange nachzudenken auf den Öffner, nur um sich eine Sekunde später panisch zu fragen, warum sie das gemacht hatte. Wer könnte das sein? Anna arbeitete und sonst kam niemand einfach so vorbei. Sie waren alle ein Haufen Millenials, die nicht erwachsen werden wollten. Sie warnten sich sogar gegenseitig, bevor sie einander anriefen, und natürlich würden sie auf gar keinen Fall einfach so spontan vorbeikommen. Konnte es Xavi sein? Bitte nicht, lieber Gott, bitte nicht Xavi, kam es Gloria in den Kopf und wenn sie schon den lieben Gott mit hineinzog, dann war ja klar, wie absurd wichtig ihre Bitte war. Gott wurde natürlich auch deshalb mit hineingezogen, weil ein Teil in Gloria ganz laut: »bitte nicht Xavi« rief, aber ein anderer Teil, vielleicht der größere sogar, ausrief: »Hoffentlich ist es Xavi.« Und wann sollte man sich sonst an Gott wenden, dachte sich Gloria, wenn nicht in dieser Situation, wo man sich das eine wünscht, aber weiß, das andere ist das Vernünftigere?

Schwungvoll und so elegant wie möglich (Gloria war sich jetzt sicher, es konnte nur Xavi sein) öffnete sie die Türe. Was sie dann sah, erstaunte sie. Es erstaunte sie vor allem, weil es sie nicht hätte erstaunen sollen. Er war wieder da.

»Na gut«, sagte der junge, hübsche Mann, der ihr noch vor ein paar Minuten die dreihundert Euro in die Hand gedrückt hatte, »ich bin’s wieder«.

Und Gloria nickte, dabei war es natürlich komplett unnötig, dass er das sagte, »ich bin’s wieder«. Genauso unnötig war allerdings auch, dass sie nickte.

»Komm doch rein«, sagte sie und machte eine ausladende, eine Spur zu ausladende Handbewegung, wobei sie mit ihrer Hand die Lampe am Eingangstisch umstieß, die laut klirrend zu Boden fiel. Der junge, hübsche Mann sah einen Moment so aus, als würde er überlegen, sein Geld zurückzuverlangen. Vielleicht war ihm die Beratung einer so tollpatschigen Esoterikerin nun doch etwas zu weltlich. Gloria merkte das sofort, räusperte sich und sprach mit ihrer tiefsten, rauchigsten Stimme (dem gelben Pueblo-Tabak sei Dank):

»Willkommen. In meiner Scherbenwelt«.

»Danke«, sagte der junge, sehr hübsche Mann, und wenn es ihm zuvor zu wenig Esoterik war, dann war es ihm nun, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wahrscheinlich zu viel, dachte Gloria. Sie hatte immer schon Schwierigkeiten damit gehabt, die Dinge, das Leben, in Balance zu halten. Es war entweder tief oder hoch, schwarz oder weiß, aber nichts, dachte sie sich jetzt, was eine Tasse Kaffee nicht würde richten können.

»Setz dich«, sagte sie. »Ich mach uns erst mal einen Kaffee.« Er sah sich in ihrer Wohnung um.

»Das habe ich mir ganz anders vorgestellt«, sagte er, »so dunkler und weniger ...«

»Weniger?«, hakte sie nach, während sie Kaffee in den Filter schüttete.

»Naja«, sagte er, »weniger Ikea, weißt du«. Sie lachte hektisch. »Ja, ja«, sagte sie, »das geht allen erst mal so«. Allen? Das geht allen so? Seit wann konnte sie so gut lügen? »Milch, Zucker?«, fragte sie schnell.

»Schuss Milch gerne«, sagt er, ohne sich umzudrehen. Sie kam mit den zwei Tassen in der Hand aus der Küche und

konnte ihre Augen nicht von ihm abwenden, während sie auf ihn zuging. Er war groß, fast sah es so aus, als würde er in einem Puppenhaus sitzen. Sein Rücken, ihr zugewandt, war stark, sein Nacken, in dem sich blonde Locken zwirbelten, war leicht über den Tisch gebeugt und genau dort im Nacken, sie konnte es kaum glauben. Dort im Nacken hatte er. Oder hatte er nicht? Doch, sie konnte es jetzt genau sehen, je näher sie ihm kam. Und als sie fast hinter ihm war, einen Moment stehen blieb, da sah sie es jetzt. Ganz deutlich. Ja, da im Nacken, da war es, ganz klein, so klein, dass es einem vielleicht gar nicht auffiel, wenn man nicht darauf achtete. Aber es war da, ein Feuermal, genauso wie Xavi eines hatte, ein Feuermal in Form einer ...

»Ich weiß gar nicht, was ich hier überhaupt mache«, begann der junge Mann zu sprechen und drehte sich jetzt mit einem Schwung um.

»Ah«, schrie er erschrocken auf, und weil er sich erschreckte, erschreckte sich auch Gloria, »Ah«, machte sie. Sie sahen sich einen Moment lang an. Und dann geschah etwas ganz und gar Seltsames.

Unnecessary Struggles

Die Welt, die wir zu akzeptieren scheinen, ist eine seltsame. Keiner wundert sich zum Beispiel mehr darüber, dass gute Freunde auf die Frage »Wie geht’s?« im Grunde immer mit »uff, echt viel gerade« antworten und dass sich an diesem Zustand auch seit Langem nichts ändert. Der Überlebensmodus, der alltägliche Kampf ist zur Normalität geworden. Ja mehr noch: Er scheint der einzige Zustand zu sein, in dem man mit absoluter Sicherheit vor der Tatsachte gefeit ist, sich nutzlos zu fühlen.

So kann das aber nicht weitergehen. Ja, das Leben ist kompliziert, aber wir haben einen komischen Reflex, Komplexität strategisch überwinden zu wollen, und machen damit alles noch schlimmer. Ich meine, sich beispielsweise vorzunehmen, endlich ein Buch über ein einfacheres Leben zu lesen und damit den sich mahnend stapelnden ungelesenen Bücher noch eins hinzuzufügen. Wem soll das was bringen? Wir müssen aussortieren. Kampffreie Zonen in unserem Alltag schaffen. Choose your battles. Und die hier können weg:

DAS UNNÖTIG DURCHKURATIERTE

Gehörst du auch zu den Leuten, die nicht in den Urlaub fahren können, ohne zehn bis zwölf näher und entfernte Bekannte nach Tipps zu fragen? Ja sorry, da geht es schon los. Der Drang, immer das Beste erleben zu wollen, ist nahvollziehbar, macht aber unnötig Arbeit. Zumindest kann mir keiner erzählen, dass es was mit Genuss zu tun hat, mit knurrendem Magen Bewertungen für Restaurants in der Gegend durchzulesen oder nachts wertvollen Schlaf zu opfern, um am Handy

den perfekten Sneaker zu suchen. Wir müssen aufhören, all diese Dinge zu einer Art Persönlichkeitstest zu machen. Nein, ich war noch nicht bei Uncle Chen oder im Umi. Ist zwar sicher lecker und wer kann was gegen Hand-pulled-Nudeln sagen? Aber kein Spiral-Gurken salat dieser Welt ist es wert, sich ewig in eine Schlange zu stellen. Macht mich das zu einem schlechteren Menschen? Nein. Erspart es mir den Struggle, jeden Erlebnis-Mikrotrend mitmachen zu müssen? Ja, mein Gott! Können wir uns also bitte darauf einigen, dass wir erstens auch mal mittelmäßige

Dinge anziehen, erleben, weitererzählen (I mean, ich will nicht wissen, wie perfekt du bist, ich will wissen, wie du einen durchschnittlichen Mittwoch ver bringst. Ehrlich!) und zweitens andere nicht immer fragen, ob sie auch schon den neuen Strawberry Mat cha probiert, das wirklich ALLERBESTE beste Hotel in Südfrankreich gebucht oder irgendeinen dämlichen Sneaker Drop mitbekommen haben. Das macht es nämlich für alle entspannter, danke!

SELBSTOPTIMIERUNG MY ASS

Ja es stimmt, es ist beeindruckend, was aus einem Menschenleben herauszuholen ist, wenn man jeden Morgen um fünf Uhr auf steht, sich nur von Rohkostbowls ernährt und sechsmal die Woche zum Eisbaden geht, um sich so richtig fit zu halten für einen Job, der einen täglich aus der Comfort-Zone holt und einfach wahnsinnig viel Space auch für Personal Growth bietet. Aber mal ehrlich, wenn es wirklich der Sinn des Lebens wäre, auch noch jede letzte Se kunde möglichst effizient zu nutzen, warum funk tioniert das nicht, ohne ständig gegen innere Widerstände anzukämpfen? Klar kann man

argumentieren, was so ein Bauchgefühl schon wert ist gegen die Möglichkeit,

liche möglich ist: Das Leben bleibt nämlich auch dann lebenswert, wenn wir uns statt des ewigen Struggles

MORALISCHE PERFEKTION ODER: DER KAMPF AM FALSCHEN SCHAUPLATZ

Es ist eine komische Blüte der Gegenwart, dass wir innerlich erbittertste Kämpfe ausfechten, während wir gleichzeitig seelenruhig einen Einkaufswagen vor uns herschieben. Welcher Kaffee darf gekauft werden, welcher Honig geht noch klar und welches Müsli ist am umweltfreundlichsten verpackt? Was als reine Notwendigkeit, nämlich der Versorgung mit Lebensmitteln beginnt, kann in jedem x-beliebigen Supermarkt schon binnen Minuten zu Schweißausbrüchen und einem Nervenzusammenbruch führen. Denn im Grunde ist es wahr: Am besten für den Planeten wäre es, hier

Das kann aber natürlich nicht die Lösung sein. Das Problem, das uns hierbei in die Knie zu zwingen droht, entsteht dadurch, dass wir ganz oft den

schlechte Gewissen hinterher. Wir sollten hier die Waffen strecken. Uns der puren Überforderung des Streams hingeben. ProductTestings, Hot Takes, dreihunderttausend verschiedene Varianten der Zubereitung von Sauerteigbrot. Ist es nicht auch niedlich, dass es am Ende das ist, was wir Menschen mit den schier unendlichen technischen Möglichkeiten des Internets gemacht haben? Bekämpfe nicht deine Social-Media-Sucht, verschenke deine Aufmerksamkeit! Wirf sie mit vollen Händen aus dem Fenster. Das löst zwar nicht das Problem, aber du wirst dich großzügig und spendabel fühlen.

Ein viel erhabenerer Modus als das olle, abgestandene Schuldgefühl. Und einen Kampf, den man aufgegeben hat, den muss man nicht

Wir können uns viele unnötige Struggles ersparen, wenn wir aufhören, Probleme zu erschaffen, wo keine sind. Nicht jeden Restaurantbesuch zu einer Charakterfrage machen. Die Sneaker von voriger Saison auftragen. Nicht jede kleine Entscheidung an eine höhere Moral knüpfen und uns nicht dafür verurteilen, wenn wir mal wieder zu lange die Feeds durchgescrollt haben. Wir müssen nicht alles optimieren, was sich uns anbietet. Manchmal reicht es, einfach dazusitzen, in einem Restaurant mit voll solidem Essen und einer mittelguten Playlist und dann einfach kein Foto zu machen.

T Ian Chillag

K Fred Lahache

V Ich bin Vinny und ich bin ein Snackautomat.

I Hi Vinny, erzähl mir doch, wo du wohnst.

V Ja, also ich wohne in einem kleinen Büro, in einem Eck. Es ist quasi ein Ableger des Pausenraums. Dort wohne ich mit zwei anderen Automaten zusammen.

I Was ist das für ein Büro?

V Ich hab’s noch nie gesehen. Ich habe meine Vermutungen. Ich höre Computer, ich höre einen Drucker. Ab und zu gibt es eine Geburtstagsfeier, und ich höre ein gedämpftes »Happy Birthday« durch die Wände, was ganz nett ist. Ich vermute, sie betreiben hauptsächlich Business.

I Business?

V Reines Business. Es ist kein Vergnügen. Definitiv Business.

I Sprechen wir doch mal über die Leute im Büro. Die Leute, die dich benutzen, sind die …

V Nein, tut mir leid, aber das Wort geht gar nicht.

I Es hat sich auch falsch angefühlt. Was wäre der richtige Begriff?

V Das Ganze ist weniger eine Benutzung als vielmehr eine Transaktion. Ich betrachte sie als meine Stammkund:innen.

I Verstehe.

Der alltägliche Kampf

Ein Snackautomat ist schon durch einiges durchgegangen. Und vieles durch ihn.

V Da ist etwa Nancy, die manchmal schwierige Telefonate führen muss. Wegen der aktuellen Wirtschaftslage musste sie leider einige Mitarbeiter:innen entlassen. Danach kommt sie in der Regel in den Pausenraum und steht minutenlang vor mir und überlegt – A1, A2, A3, A4, es gibt verschiedene Snacks zur Auswahl –, aber sie nimmt immer dasselbe: Cheetos. Sie holt sich eine ganze Tüte Cheetos, isst einen oder zwei und wirft den Rest weg. Jedes Mal. Ich sehe in ihren leeren Augen, dass sie eigentlich

V Ian V Vinny

nicht dort sein will. Nancy will woanders sein, aber sie ist an dieses Büro gefesselt, genau wie ich.

I Vielleicht ist es dir unangenehm, darüber zu reden – aber kannst du mir beschreiben, wie es ist, wenn ein Snack in dir stecken bleibt?

V Natürlich. Ist mir auch gar nicht unangenehm, eigentlich eine sehr ursprüngliche Sache. Du musst es so sehen: Jemand kauft einen Snack, der stecken bleibt. Während die Person mich schüttelt, entsteht ein Spannungsfeld zwischen mir, dem Automaten, und der Person, dem Kunden beziehungsweise der Kundin. Es ist ein Kampf. Wer wird die Oberhand gewinnen? Wer wird sich als Alphatier herausstellen? Wer bekommt die Belohnung? Ich lebe für den Kampf, diesen Nervenkitzel! Es passiert viel zu wenig. Ich brauche die Reibung, die Aufregung, um mich zu spüren. Wenn es passiert, genieße ich es in vollen Zügen. Und mal ehrlich: Wenn der Snack am Ende stecken bleibt und die Person geschlagen das Schlachtfeld verlässt, hatte sie ihn auch nicht wirklich verdient. Denn man darf den Kampf nie aufgeben.

I Verstehe ich dich richtig, es geht dir dabei um die Dominanz der Maschine gegenüber dem Menschen, wenn ein Snack feststeckt?

V Wir sind euch von Natur aus überlegen. Es ist kein fairer Kampf, aber ich freue mich trotzdem jedes Mal aufs Neue, wenn ein Snack feststeckt. Man darf es allerdings auch nicht übertreiben. Einen Vorfall gab es, bei dem ich tatsächlich auf jemanden gefallen bin.

I Du meinst, auf ihn reingefallen? Was ist passiert?

V Nein, ich bin auf diese Person gefallen. Der Snack hatte sich verklemmt, und dann schüttelte man mich hin und her. Und es überkam mich: »Nein, nein, nein! Den Leckerbissen kriegst du nicht.« Ich kippelte nach hinten und wieder nach vorn. Und wieder nach hinten. Und dann, mit einer Wucht, kippte ich ganz nach vorn. Dieser arme Kerl erlag mir und quiekte wie ein

Meerschweinchen unter meinem Gewicht. Und das alles nur wegen Chips. Beide Beine hat er sich gebrochen. Fühlte sich danach nicht mehr so funny-frisch.

I Ist er ...?

V Ja. O ja. Er ist zurückgekehrt. Aber er war vorsichtiger. Wird es zwischen uns jemals wieder klemmen? Vielleicht. Und dann weiß ich, dass er alles riskieren würde. Ich sehe es in seinen Augen.

I Wie fühlt es sich an, wenn deine Knöpfe gedrückt werden?

V Aufregend. Pure Anspannung. Ab dem ersten Knopf bin ich gespannt wie ein Flitzebogen, man braucht ja mindestens zwei Knopfdrücke bis zur Auswahl. Ein echter Cliffhanger ist es, darauf zu warten, welcher Snack gewählt wird. Ich mag das sehr gern.

I Das ist wie wenn ich ein Buch lese, das ich wirklich liebe! Dann habe ich dieses paradoxe Gefühl, unbedingt das Ende wissen zu wollen, und gleichzeitig möchte ich nicht, dass die Geschichte aufhört.

V Mhm.

I Aber mir ist auch bewusst, dass es vorbei sein wird, wenn ich das Ende erreiche, und ich dann nicht mehr in der Welt des Buches leben werde – es ist also ein ständiges Hin und Her zwischen dem, was ich will und was nicht.

V Was runtergeht, muss auch wieder runterkommen. Wenn es aus mir herauspurzelt, ist die Interaktion vorbei. Der Verkauf ist abgeschlossen und meine Rolle erfüllt. Ich weiß, sie kommen wieder, unweigerlich kommen sie alle wieder. In dieser kurzen Zeit bin ich alles, worauf sie sich konzentrieren.

I Der Spruch lautet doch eigentlich: »Was hochgeht, muss auch wieder runterkommen.«

V Das macht doch keinen Sinn. Wie soll man seinen Snack essen,

wenn er hochgeht? Er muss logischerweise runterkommen.

Die Snacks sind ja schon oben. Es geht nur nach unten.

I Vinny, du hast so viele verschiedene Dinge in dir.

V Tja.

I Was ist das Wichtigste, was du verkaufst?

V Seien wir mal ehrlich: Das meiste ist nicht besonders wichtig. Wer braucht denn wirklich Nachos mit Sourcream- und Zwiebelgeschmack? Ich verstehe nicht, wieso man uns so limitiert. Man könnte alles verkaufen. Zukünftig, nach meiner Generalüberholung, möchte ich das Leben selbst verkaufen.

I Wie bitte?

V Ja. Ich würde gerne Säuglinge verkaufen.

I Babys aus dem Automaten.

V So eine Auswahl an Babys, aber eine kleine, feine. Die Babys selber würden auch klein sein und ich würde gut auf sie aufpassen. In Kochsalzbeuteln würden sie länger halten. Und sorgfältig beschriften würde ich sie: Das wird ein fröhliches Kind. Das wird eher ein mürrisches Kind. Dies ist ein fieses Baby. Alle unterschiedlich. Und man kann sich aussuchen, welche Art Baby man möchte.

I Wenn jemand also beschließt, ein Baby haben zu wollen, gibt es ja verschiedene Wege dorthin. Einer wäre demnach zukünftig, mit seinem Kinderwunsch und etwas Kleingeld auf dich zukommen?

V Klar! Es sollte schon erschwinglich bleiben.

I Vinny, woher kommen Babys?

V Von mir.

I Tatsache?

V Ich will mich da gar nicht festlegen. Es könnten auch kleine

Rentner:innen sein. Nicht jede:r will schließlich Kinder haben. Aber vielleicht hat man ja mal Lust auf einen klitzekleinen Opi. Ich würde alles und jeden verkaufen, solange es in mich reinpasst. Aber um deine ursprüngliche Frage zu beantworten: Auf der ganzen Welt gibt es keinen Automaten, der etwas wirklich Wichtiges in sich trägt.

I Einmal ist jemand mit seinem Arm in dir stecken geblieben, stimmt das?

V Ich muss immer wieder mit Opportunist:innen klarkommen, die mich ausbeuten möchten. Ein besonders gewieftes Kerlchen ist tatsächlich in meine Öffnung eingedrungen, hat einfach so meine Klappe aufgerissen und reingefasst. Nicht schön. Was mir aber doch daran gefallen hat, ist, dass sein Arm im Neunzig-Grad-Winkel stecken blieb. Im Kampf muss man einen klaren Kopf bewahren. Die Intelligenz siegt immer, und er, nun ja, hat das am Feierabend versucht, an einem Freitag: nicht sehr intelligent. Zwei Tage später wurde er geborgen.

I Er saß da zwei Tage lang mit seinem Arm, …

V Ja.

I … bis man ihn gefunden hat?

V Zuerst kam der Durst. Ich sah das Leuchten des Getränkeautomaten in seinen Augen gespiegelt, es mischte sich mit einem unglaublichen Verlangen. Ehe er sich versah, hing er mit beiden Armen in zwei separaten Automaten. Als ob er Drei-D-Twister spielen würde. Er war das ganze Wochenende im Büro eingespannt. So ein Tag ohne Wasser und man fängt an zu halluzinieren. Er sprach mit seiner Mutter, mit toten Filmstars. Irgendwann fragte er laut, ob er seinen Arm einfach abschneiden sollte, ging aber nicht, weil er dafür keine Hand frei hatte. Haha.

I Er hatte noch zwei Beine frei.

V Mit denen hat er auch um sich getreten wie ein Wilder. Einen

Rabatz hat er gemacht. Als man ihn aber endlich entdeckte, tat er ganz entspannt. Als ob er gerade seinen Arme reingesteckt hätte. Allerdings war es schon sehr offensichtlich, dass er länger dort hing. Sein insgesamtes Aussehen war … schwierig. Hohle Augen, volle Hosen. Er hat auf dem Teppich Bremsspuren hinterlassen. Die konnte er nicht so einfach leugnen.

I Du leuchtest richtig, wenn du darüber redest. Also dein Display leuchtet.

V Alles ist markiert, alles hat seinen Platz. Man nennt das Grid Culture.

I Grid Culture?

V Genau. Unter Grid Culture versteht man die Methode, sich selbst und die Umwelt durch die objektiven Filter von Mathematik zu betrachten. Man dekliniert die Welt durch Buchstaben und Zahlen. So hat alles einen Sinn und alles seinen Platz. Alles ist leicht auffindbar durch eine simple Buchstaben-ZahlenKombination.

I Kennst du das T-Shirt von Francis Ford Coppola?

V Francis Ford Coppola?

I Dem Filmemacher.

V Nein.

I Er hat nicht nur unglaubliche tolle Filme gemacht, sondern eben auch ein T-Shirt mit einem Raster auf dem Rücken. So konnte er ganz klar definieren, wo es ihn juckte. »A6«, anstatt »weiter nach links, nein zurück, nein, ah jaaaaa«.

V Unglaublich, dass er das als Mensch so genau definieren konnte, ohne das Raster zu sehen.

I Naja – das T-Shirt hatte ein korrespondierendes Raster vorne aufgedruckt.

I Francis Ford Coppola wird wohl ein sehr verjuckter Mensch sein. Es muss einen doch unglaublich jucken, wenn man sich dafür ein T-Shirt ausdenkt.

V Womöglich. Womöglich hatte er aber auch ein besonderes Interesse daran, von anderen gekratzt zu werden, denn soweit ich es verstehe, könnt ihr Menschen euch eigentlich selbst kratzen.

I Manche Stellen sind leichter als andere.

V Aber ihr habt dafür auch Hilfsmittel: Äste, kleine Hände aus Holz oder Plastik an einem langen Stab. Mit genügend Flexibilität reichen aber sicherlich auch die Hände. Insofern musste es ihm ein besonderes Anliegen gewesen sein, von fremden Händen gekratzt zu werden. Er wollte diese Dienstleistung. Er wollte, dass jemand auf sein Raster eingeht. So geht es mir auch. Meine Bedienoberfläche, meine Grid Culture, macht erst Sinn, wenn sie von anderen aktiviert wird.

I Und wenn du alleine bist? Was macht man als Automat, wenn keine Konsument:innen da sind?

V Es gibt Motten. Wenn es dunkel wird und meine Lichter noch brennen, kommen die Motten. Sie sind so unglaublich dumm. Sie dotzen immer wieder an meine Scheibe. Es ist ein wunderschöner, wilder Teufelskreis. Immer und immer wieder. Ein komisches Gefühl, so begehrt zu werden. Ihr Begehren treibt sie in den Wahnsinn, und letztendlich in den Tod.

I Anders als die Menschen wollen sie nicht an deine Inhalte. Sie wollen dich, dein inneres Leuchten.

V Manchmal wünsche ich mir schon mehr als eine einfache Transaktion.

V Trotzdem sehr beeindruckend. Ein erster Schritt. Irgendwann wird er diese Stütze nicht mehr brauchen, er wird dann innerhalb seines einfachen Systems handeln können. Instinktiv wird er sagen können, ob er ein furchtbares Jucken in seinem F5 hat, oder es langsam in sein F6 wandert.

Ein Opernhaus in Bagdad

Aus »Der Mann, der nie krank war«

Früher waren Sams Eltern mindestens einmal pro Monat in die Oper oder ins Theater gegangen. Vor allem seine Mutter glaubte an Kultur. Die Stelle, die früher einmal Gott eingenommen hatte, nahm jetzt die Kunst ein; ein zahnloser Gott, wie Sam fand, aber mit einem liebevollen Lächeln. Kunst beißt nicht.

Die Bodenstewardess reicht ihm zwei Bordkarten. Eine für den Flug nach Wien und eine für den Anschlussflug nach Arbil. Sein Ticket ist vom World Wide Design Consortium in London bezahlt worden, abgekürzt WWDC.

In seinem Handgepäck, einer ledernen Umhängetasche, stecken sein Notebook, ein Plot seiner Bauzeichnung, zwei Zeichenstifte, ein Bleistift, eine Rolle Skizzenpapier und Ninas Geschenk. Nach seiner Diplomarbeit – der Entwurf eines Klosters, cum laude, kein Grund zu besonderem Stolz, sein Vater hätte nichts anderes von ihm erwartet und wäre von weniger enttäuscht gewesen –, hat er zusammen mit einem Kommilitonen ein Architekturbüro gegründet, in einer umgebauten Wohnung in der Innenstadt von Zürich. Sein Praktikum hatte er bei dem berühmten Büro Fehmer & Geverelli gemacht. Geverelli war bereits tot. Er hatte sich das Leben genommen und nur einen Zettel hinterlassen: »Meine Arbeit ist getan.« Der weltberühmte Max Fehmer aber lebte noch. Aus Pietät hatte er den Namen des Büros unverändert gelassen. Für viele junge Architekten wie Sam war Fehmer ein leuchtendes Vorbild, ein Prophet, ein Idol. Fehmer hatte gesagt: »In unserer Kultur ist Identität Fastfood. Architektur muss aber mehr sein als die Gurkenscheibe auf dem Hamburger – vielmehr die Küche, in der man die Hamburger brät. Der Architekt prägt die Identität der Nutzer seiner Gebäude, seiner Brücken, Wohn- und Bürotürme. Die Aufgabe des Architekten erschöpft sich nicht darin, den Leuten ein Dach überm Kopf zu geben, dafür genügt auch ein Zelt, dazu brauchen sie keine Architektur.« Wer Fehmer aus der Nähe kannte, wusste, dass sein Charisma mehr

war als bloß ein sorgfältig gepflegter Mythos. Er war so berühmt, dass selbst Leute außerhalb seines Fachs ihn kannten. Regelmäßig erschien sein Foto in Hochglanzmagazinen. Zweimal hatte man ihn zum Weltwirtschaftsforum nach Davos eingeladen, um vor Staatsoberhäuptern und Milliardären zu sprechen.

Fehmer vertrat die Meinung, dass nicht Philosophie oder Soziologie die Aufgabe hätten, die Welt zu verändern, sondern die Architektur.

In einem Interview hatte er einmal geäußert: »Nur wenige kommen jemals mit Philosophie oder Soziologie in Berührung, aber jeder wird täglich mit Architektur konfrontiert. In gewissem Sinne ist jeder Mensch Architekt. Das muss dem Architekten bewusst sein, diese Verantwortung darf er nie aus den Augen verlieren.«

Sam machte es nichts aus, dass sein Praktikum zunächst vor allem daraus bestand, Fehmers Anzüge in die Reinigung zu schaffen. Ein anderer Praktikant holte sie dann wieder ab. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, das wusste er, für Max Fehmer war er bereit, vieles auf sich zu nehmen, und nach einiger Zeit bekam er zum Glück auch anspruchsvollere Aufträge.

Beim Zahnarzt hatte er einmal in einer Zeitschrift etwas über Fehmers Tochter gelesen, die mit ihrem Vater gebrochen hatte und nach Kambodscha gegangen war.

Als er Fehmers Sekretärin aus Neugier einmal fragte: »Was macht seine Tochter da eigentlich?«, sagte die nur: »Über die Tochter wird hier nicht gesprochen«, und warf ihm einen Blick zu, der hätte töten können. Noch am selben Tag musste er wieder mit einem Anzug in die Reinigung, obwohl er gehofft hatte, diese Stufe des Praktikums endlich hinter sich zu haben. Die Sekretärinnen lebender Mythen waren selten angenehme Menschen.

Das kleine Architekturbüro, das Sam mit seinem ehemaligen Kommilitonen betreibt, konnte schon einige bescheidene Erfolge verbuchen, der weitaus größte davon der Entwurf eines buddhistischen Begegnungs- zentrums in Winterthur. Für jeden neuen Auftrag muss der Architekt das jeweilige soziohistorische Umfeld betrachten. Sam hatte eine ausführliche Studie erstellt, sowohl über das Verhältnis der buddhistischen Nutzer zum Zentrum als auch der Begegnungsstätte selbst zur Stadt Winterthur. Er hatte das soziohistorische Umfeld dabei gleichsam aus buddhistischer Perspektive analysiert. So war er: engagiert und kundenorientiert, ein Architekt, der seine Aufgabe vor allem als dienend begriff. Mühelos konnte sich Sam in die Perspektive eines jeden beliebigen Auftraggebers versetzen.

Vor ein paar Monaten hat er auf einer Architekturwebsite einen Aufruf entdeckt, Entwürfe für eine Oper in Bagdad einzureichen. Der Wettbewerb wurde ausgelobt von einem gewissen World Wide Design Consortium.

Die Website machte einen seriösen Eindruck, enthielt aber wenig konkrete Informationen, weshalb er kurzerhand bei der Organisation anrief. Sam wurde ein paarmal weiterverbunden und bekam zuletzt Hamid Shakir Mahmoud an den Apparat, einen der Gründer des WWDCs. Mahmoud war Iraker, 1983 vor Saddam geflohen und lebte seither in seinem Londoner Exil. Jetzt,

nach dem Tod des Diktators, hatte Hamid Shakir Mahmoud einen Traum: Die irakische Hauptstadt sollte eine Oper bekommen. Was das WWDC genau machte, war Sam auch nach der ausführlichen Erklärung Mahmouds nicht recht klar. Sicher war nur, dass der Mann steinreich war. Doch er war nicht nur reich, er hatte auch eine Vision: »Weißt du, Sam«, sagte er, »ich war dreimal verheiratet, ich habe fünf Kinder, zu vier davon habe ich keinen Kontakt mehr, und ich bin Kettenraucher. Ich habe nur noch einen Wunsch: Wenn die Menschen in Bagdad in die Oper gehen können, wissen wir, dass der Krieg nicht umsonst war. Puccini ist meine große Liebe, er ist kein Mozart, aber er bleibt meine große Passion. Von Wagner bekomme ich Kopfschmerzen, Mozart finde ich ergreifend, aber Puccini – Puccini rührt mich zu Tränen.«

Sam hörte, wie Hamid Shakir Mahmoud sich eine Zigarette anzündete. »Ja«, sagte Sam. »Das kann ich mir vorstellen.« Seine Mutter hörte ab und zu Puccini. Er begann sich zu fragen, ob er das Verhältnis von Opernbesucher und Gebäude nun aus Puccinis Perspektive analysieren müsse, oder ob die Perspektive des Krieges vielleicht die bessere wäre. Über Krieg hatte Sam bisher nicht allzu oft nachgedacht, doch wenn es nötig wäre, könnte er sich auch in dieses Thema vertiefen.

Hamid Shakir Mahmoud wollte den Menschen in Bagdad etwas ästhetisch Wertvolles schenken, einen Beitrag leisten zur Wiederherstellung der Einheit seines Landes. Schönheit war ein

gemeinschaftsförderndes Ideal, und Oper hatte etwas Unvergängliches, das einen das Elend des Krieges, der alltäglichen Korruption und schmutzigen Machtpolitik vergessen zu lassen vermochte.

Er, Samarendra Ambani, würde diesem großherzigen Wunsch eine Gestalt geben. Unentgeltlich zunächst, was die Bewerbung anging, weil wahre Schönheit nicht mit eigennützigen Zwecken verbunden sein durfte.

Sam hatte das Kriegsgeschehen im Irak grob mitverfolgt, er las relativ pflichtbewusst Zeitung, doch er hatte sich nie der Illusion hingegeben, dort irgendetwas bewirken zu können oder mit den Geschehnissen etwas zu tun zu haben. Das Gespräch mit Hamid

Shakir Mahmoud aber öffnete ihm die Augen: Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, tatsächlich etwas zu einer positiven Entwicklung beitragen zu können.

Kriege zerstören Menschen und Häuser. Architekten bauen Häuser, ihr Verhältnis zum Krieg ist vergleichbar mit dem des Arztes zum Tod.

Kunst beißt nicht.

Kunst beißt nicht.

Guten

A Guten Morgen, wir kommen aus München, von Apollon, dem Magazin der Bayerischen Staatsoper. Dürfen wir Ihnen einige Fragen stellen?

G Bin beschäftigt, seh’n Sie doch. Ich hab zu tun, hab zu tun. Muss Futter suchen, Futter. Bin noch nicht fett genug. Fett, Fett, Fett, wichtig! Kaum Zeit, es geht bald los, geht bald los. Weiter, weiter!

A Aber vielleicht …

G Wenig Zeit, wenig Zeit, fragen Sie wen anders, die da drüben.

A Die da drüben? Okay, dann mal dorthin. Guten Tag, wir schreiben für Apollon, das Magazin der Bayerischen Staatsoper, und …

G Hach, ist das nicht köstlich? Hier ist ein besonderer Schlamm, es gibt Schnecken und Würmer. Also nicht nur Schnecken oder Würmer, wie anderswo, sondern tatsächlich beides, Schnecken und Würmer. Die Würmer und die Schnecken leben am gleichen Ort, aber in unterschiedlichen Tiefen, also oben die Schnecken und unten die Würmer. Und mein Schnabel ist lang genug für beide, also für Schnecken und Würmer. Ich muss nur unterschiedlich tief in den Schlamm, ist das nicht praktisch? Und ich futtere sie mal so, mal so, also erst eine Schnecke und dann einen Wurm oder erst einen Wurm und dann eine Schnecke, oder manchmal auch eine Schnecke und dann noch eine Schnecke oder erst einen Wurm und dann noch einen Wurm, Hauptsache ist doch frisch, sodass sie zappeln, wenn ich sie rausziehe. Vielleicht wollen Sie mal einen Wurm probieren, die sind lecker, oder doch eine Schnecke? Es gibt um diese Zeit ja auch Sandflöhe, ich glaube, da drüben könnte eine Stelle sein, da gibt es Flöhe und Würmer und Schnecken, das ist gar köstlich. Nur noch zwei Flöhe für den kurzen Hops an die andere Stelle. Flöhe sind auch gut für die Verdauung, wissen Sie? Und jetzt entschuldigen Sie mich.

A Apollon G Godwit
Eine Fabel von Christian Gottwalt
K Jul Quanouai
Flug!

A Aber vielleicht …

G Natürlich, natürlich! Ein Floh, eine Schnecke, ein Wurm.

A Hach je! Wie wäre es mit Ihnen, hätten Sie Zeit für ein Interview?

G Ja.

A Das ist ja toll! Wie geht es Ihnen? Sind Sie aufgeregt vor dem großen Flug?

G Ja.

A Freuen Sie sich schon auf das Ziel der Reise?

G Ja.

A Wie lange wird der Flug dauern?

G Ja.

A Wie – ja?

G Ja!

(Ein anderer Vogel mischt sich ein.)

G Nun hören Sie doch auf, den Jungvogel zu belästigen. Er ist doch erst ein paar Wochen alt. Was soll er Ihnen denn sagen?

A Fliegt er etwa auch mit?

G Er ist recht spät geschlüpft. Vielleicht wird er mitfliegen, vielleicht auch hierbleiben und verhungern.

A Das ist ja schrecklich!

G So ist sie, unsere Natur.

A Und Sie? Werden Sie ebenfalls mitfliegen?

G Ich fühle mich eigentlich schon zu alt dafür, aber ja, ich bin auch wieder dabei. Schon meine zehnte Reise.

A Dann dürfen wir vielleicht Sie befragen? Wir arbeiten nämlich für Apollon, das Magazin …

G Es hat sich bereits herumgesprochen, wer Sie sind und was Sie hier wollen. Zur Abwechslung mal kein Wissenschaftler, der uns Ringe an die Krallen klemmt oder Sensoren für die Satellitenortung ins Gefieder fisselt.

A Das heißt ...?

G Ja doch, fragen Sie.

A Sie meinten gerade, dass der Jungvogel die Reise vielleicht nicht überlebt. Ist das normal? Wie viele kommen nicht an?

G Bisschen depressive Frage zum Einstieg in unser Gespräch, finden Sie nicht?

A ’Tschuldigung.

G Natürlich überleben nicht alle. Die Reise ist anstrengend und sie ist lang. Aber wie viele nicht ankommen, wissen wir nicht. Wir führen darüber nicht Buch. Wir sind Zugvögel, keine Vogelzähler.

A Also keine Angst davor, loszufliegen? Keine Überwindung?

G So etwas wie Furcht spüren wir nur bei unmittelbarer Gefahr. Dann flüchten wir. Angst vor einem potenziellen Ereignis in der Zukunft scheint mir ein menschliches Phänomen zu sein. Aber lassen Sie uns hier nicht in die Tiefe gehen.

A Wie entscheiden Sie, wann die Zeit für den Abflug gekommen ist?

G Die Entscheidung liegt nicht bei einem Einzelnen, sie wird kollektiv getroffen. Manchmal fliegen Einzelne los, weil sie aufgeregt sind, während der Rest der Kolonie noch am Boden bleibt.

A Wissenschaftler fragen sich, wie es euch gelingt, gerade dann nicht loszufliegen, wenn tausende von Kilometern weiter südlich ein Taifun den Weg versperren würde.

G Ich kann euren Wissenschaftlern da auch nicht weiterhelfen. Irgendwann sind es genug, die fliegen wollen. Und dann geht es halt los. Es ist eine gemeinschaftliche Intuition, anders kann ich es nicht beschreiben.

A Es heißt, ihr nutzt günstige Winde, um möglichst energiesparend in den Süden zu kommen.

G Da wissen Sie mehr als ich. Ich persönlich fliege einfach nur den anderen hinterher.

A Warum verirrt ihr euch nicht? Im Pazifik gibt es ja nicht allzu viele Punkte, an denen man sich orientieren könnte.

G Doch, die gibt es. Hawaii. Wenn ich die Insel überfliege, weiß ich: Jetzt ist das erste Drittel geschafft. Aber im Ernst: Es kommt durchaus vor, dass jemand vom Weg abkommt. Ein Bekannter von mir landete versehentlich in Westaustralien. Nach der Zwischenlandung waren es dann tausendfünfhundert Flugmeilen extra bis zu unseren Überwinterungsplätzen in Neuseeland. Umwege sind immer unangenehm. Besonders, wenn man sich bereits am Ziel wähnt und dann noch mal losmuss.

A Warum überwintert ihr nicht einfach auf Hawaii?

G Seltsame Frage.

A Wollen Sie eine Antwort versuchen?

G Wir fliegen der Sonne hinterher, schon seit Urzeiten. Deshalb stellt sich uns die Frage nach einem anderen Ziel nicht. Dank unserer Flugstrategie erleben wir zwei sehr helle Jahreszeiten pro Jahr. Licht ohne Ende, endless summer. Hawaii liegt in der Nähe des Äquators. Das bedeutet zwölf Stunden Tag und zwölf Stunden Nacht, sommers wie winters. Deshalb lassen wir Hawaii links liegen: weil es uns da zu dunkel ist.

A Stimmt es, dass ihr nicht mal landet, um Wasser zu trinken?

G Korrekt. Und es gibt während des Fluges auch keinen Tomatensaft.

A Haha, lustig. Woher kennen Sie die menschliche Welt so gut?

G Wollen Sie nicht wissen.

A Doch!

G Dann will ich es nicht sagen.

A Wie ist es, durch die Dunkelheit zu fliegen?

G Sehen Sie, an Land oder auf dem Wasser kann einem alles Mögliche passieren. Man fällt in eine Kuhle, wird von einer Welle überspült, fängt sich einen Virus ein oder trifft auf einen Fressfeind. In der Luft ist nur Weite.

A Schwer vorstellbar. Unsereiner wird schon unsicher, wenn in der Wohnung kurz das Licht nicht geht.

G Weil einer wie Sie Angst hat, irgendwo dagegen zu stoßen. In der Luft kann das nicht passieren. Wobei, stimmt nicht: Mir fällt die Geschichte einer Artgenossin ein, die über Island im Dunkeln gegen ein Radioteleskop gestoßen ist. Schauerlich. Willst du nicht erleben.

A Hat sie überlebt?

G Natürlich nicht. Wir reisen mit über sechzig Stundenkilometern. Da bist du schneller tot, als du den Aufprall registrieren kannst. Diese Geschichte bleibt aber bitte unter uns. Ich möchte nicht, dass sie sich im Kopf irgendeines Jungvogels festsetzt. Wäre lebensbedrohlich für ihn, so ein Gedanke, über dem Pazifik.

A Eure Art gilt als Weltrekordhalter im Langstreckenflug. Online ist zu lesen, dass vor dreieinhalb Jahren, also im Herbst 2022, ein Jungtier …

G Großartig, nicht wahr? Von hier, dem Delta des Yukon, bis in die Ansons Bay von Tasmanien. Dreizehntausendfünfhundertsechzig Kilometer oder achttausendvierhundertfünfundzwanzig Meilen. Elf Tage und eine Stunde dauerte der Flug. Selbstredend ohne Zwischenlandung.

A Noch unglaublicher war sein Alter.

G Ihr Alter. Sie ist ein Weibchen. Und war zur Zeit der Messung vier Monate alt.

A Das ist schier unglaublich. Würde man die Lebenserwartung von euch und uns rechnerisch angleichen, müsste ein zweijähriges

Kleinkind einen Marathon laufen!

G Einen? Sie scherzen. Aber – ja, das ist das Wunder der Evolution. Habt ihr Menschen eigentlich schon mal überlegt, was ihr erreichen könntet, wenn ihr euch ein paar Millionen Jahre lang ein bisschen mehr anstrengen würdet?

A Es gibt einen Menschen namens Jonas Deichmann, der absolvierte hundertzwanzig Triathlons in hundertzwanzig Tagen.

G Nicht schlecht! Aber ein Einzelfall. Bei uns können das alle. Wollen Sie mit Zwei-drei-vier-sechs-acht-vier sprechen?

A Bitte, mit wem?

G So haben eure Ornithologen sie genannt. Unsere Rekordhalterin. Die da hinten, das ist sie. Sie ist inzwischen dreieinhalb Jahre alt.

A Ja, sehr gerne!

(Ein paar Schritte durchs Watt)

A Guten Tag! Wir kommen von Apollon …

G Lassen Sie das. Das interessiert sie nicht. Stellen Sie ihr einfach Ihre Fragen.

A Okay. Wie haben Sie sich auf den Rekordflug vorbereitet?

G Wir fressen, was geht. Brustmuskel und Fettreserven wachsen stark an, dafür bilden sich die Verdauungsorgane zurück, weil sie während des Flugs nicht gebraucht werden.

A Wie war die Reise? Welche Route haben Sie genommen?

G Ich startete am 13. Oktober mit den anderen Jungvögeln Richtung Süden. Wir passierten Hawaii westlich und überflogen Kiribati am 19. Oktober. Zwei Tage später ging es über Vanuatu, dann zwischen Neuseeland und Australien entlang, bis wir am 25. Oktober in Tasmanien landeten.

A Ende Oktober ist recht spät im Jahr, da wird es doch schon dunkel in Alaska.

G Wir Jungvögel müssen uns erst die Fettreserven anfressen, deshalb der späte Start. Alle anderen fliegen früher.

A Wie bitte? Sie sind alleine geflogen, ohne Eltern?

G Ja, natürlich. Als Nestflüchter tragen uns früh die eigenen Flügel.

A Der Sender, der die Route aufzeichnet, sieht aus wie selbstgebauter USB-Stick mit Antennen. Stört er sehr beim Fliegen?

G Selbstverständlich tut er das. Er wiegt zwar nur ein paar Gramm, aber bei uns kommt es wirklich auf jedes einzelne an.

A Ihr Startgewicht liegt zwischen fünfhundertfünzig und sechshundert Gramm.

G Sechshundert ist das Maximalgewicht älterer Weibchen. Ich war leichter. Aber bei der Landung im Süden bleibt so oder so noch etwa die Hälfte übrig. Beim Start bestehen fünfundfünfzig Prozent unseres Körpergewichts aus Fett. Daraus ziehen wir Energie und Wasser. Wir verbrauchen davon etwas mehr als ein Gramm pro Flugstunde. Am Ende greifen wir die letzte Reserve an: das Fleisch der Brustmuskeln.

A Menschliche Extremsportler berichten von Halluzinationen, wenn sie nicht mehr können. Wie erleben Sie das?

G Hören Sie, Ihre Fragen werden jetzt ein bisschen zu speziell für die junge Dame. Ich könnte sie auch nicht beantworten, obwohl ich der Chronist und Geschichtenerzähler dieser Kolonie bin. Lassen Sie …

A Ach, dann sind wir quasi Kollegen?

G Lassen Sie mich mal nachdenken. Vielleicht bringe ich Sie zu unserer Philosophin. Sie lebte zeitweise in einem Versuchslabor unter Menschen und weiß wirklich alles. Aber: Stellen Sie keine Fragen. Sie hören einfach nur zu, okay?

A Okay.

G Von der Nacht wollten Sie hören, ist das wahr?

Nun, sie ist kein Hindernis. Die Nacht ist der eigentliche Zustand. Bei Tag fliegt man durch die Welt, bei Nacht fliegt man in ihr. Da ist kein Horizont mehr, der Luft und Wasser trennt, oben und unten werden zu Erinnerungen, die klanglos aufgekündigt wurden. Auch die Sterne sind nicht zur Orientierung da; das glauben nur die, die ihnen nie wirklich zugehört haben. Sie sind zur Gesellschaft da. Und die Furcht, gegen ein Hindernis zu fliegen, ist die Furcht der Landtiere, die an Felsen denken und an Türme, an all die harten Oberflächen der Dinge. Aber über dem Ozean gibt es nur Luft und die Luft fühlt sich weich und flüssig an. Wasser und Luft sind sich so ähnlich. Sie sind das Großzügigste, das ich kenne. Was ich fürchte – wenn ich es Furcht nennen darf –, ist etwas anderes. Es ist der Moment, in dem ich zu denken beginne. In dem ich frage: wozu? In der Stille der dritten Nacht kommt diese Frage manchmal. Sie hat keine Form, sie hat keinen Klang, sie ist einfach plötzlich da, so wie Kälte da ist. Dann fliege ich ein wenig schneller. Nicht aus Angst, sondern weil Bewegung die hilfreichste Antwort ist, die ich kenne. Fett zu werden und wieder ganz mager zu sein, mag anstrengend sein, ist aber normal. Sie sind ein Säugetier, nicht wahr? Ihre Jungen wachsen in ihren Körpern heran, richtig? Für uns, die wir das Eierlegen verinnerlicht haben, klingt so ein Vorgang außerordentlich. Aber darauf will ich nicht hinaus: Wenn ihr eine Schwangerschaft durchlebt, dann verändert sich euer Körper doch auch. Dieses wird größer, jenes kleiner. Und es geschieht von ganz alleine. Ihr nehmt es hin, aber konzentriert euch nicht darauf. Ihr denkt an das Ergebnis, dass euer Jungtier bald schlüpft. So ist es auch bei uns: Wir nehmen es wahr, aber konzentrieren uns auf das Ziel der Reise. Ich glaube, ihr nennt es Neuseeland, oder Tasmanien, oder wie auch immer. Vom Erleben des Fluges wolltet ihr wissen, vom Schlaf auch und von den Halluzinationen, die kommen, während wir uns selbst verdauen. Nun, wie soll ich wissen, ob ich schlafe oder wache oder träume oder meditiere oder irgendwas dazwischen? Ich weiß nur, dass es sich normal anfühlt, auch wenn der Schmerz am ganzen Körper reißt. Es ist normal, es ist Natur. Wie soll ich wissen, was du siehst? Wie soll ich denken, was du fühlst?

A Erlauben Sie mir eine Frage: Wie gelingt es Ihnen, Taifune zu spüren, die tausende Kilometer weit weg sind und Ihren Flug behindern würden?

G Ich höre deine Neugier, aber darauf kann ich nicht antworten. Vielleicht mögen Sie das Ihre Heiligkeit fragen?

A Wie? Ihre Heiligkeit?

G Sehen Sie, dort drüben? Sie hat gut gefuttert und macht gerade eine Pause. Gehen Sie ruhig hin.

A O, okay, danke!

(Höchst respektvolle Annäherung, schwierig, stapfend im Schlamm.)

A Darf ich mich Ihnen nähern?

G Ja.

A Sie sind eine Heiligkeit und alle Vögel dieser Kolonie verehren Sie?

G Ja.

A Und Sie können einen Taifun am anderen Ende der Welt erspüren?

G Ja.

G Tatsächlich? Und wie machen Sie das?

G Ja, ja.

G Wie – ja, ja?

G Tja ja, tja ja, tja ja.

Aus dem Buch »Das Dämmern der Welt« von Werner Herzog

Zum ersten Mal sehen wir einen Anflug von Lächeln in Onodas Gesicht. Er nickt Suzuki zu, weiter, erzählen Sie weiter. Suzuki fühlt sich ermutigt. »Der Krieg ist vor neunundzwanzig Jahren zu Ende gegangen.«

Regloses, nacktes Unverständnis in Onodas Gesicht.

»Das kann nicht sein.«

»Japan hat im August 1945 kapituliert.«

»Der Krieg ist nicht zu Ende. Vor ein paar Tagen habe ich einen amerikanischen Flugzeugträger gesehen, begleitet von einem Zerstörer und einer Fregatte.«

»Richtung Osten«, vermutet Suzuki. »Versuchen Sie nicht, mich zu täuschen. Ich sehe, was ich sehe.«

Suzuki bleibt unbeirrt. »Leutnant. Die USA haben ihren größten Flottenstützpunkt im Pazifik in der Subic-Bucht. Alle Kriegsschiffe werden dort gewartet.«

»Bei der Bucht von Manila? Nur neunzig Kilometer entfernt.«

»Ja.«

»Diese Basis bestand schon zu Beginn des Krieges. Wie sollten dort amerikanische Schiffe Zugang bekommen?«

»Die USA und die Philippinen sind Alliierte.«

»Und Kampfflugzeuge, Bomber; ich sehe sie dauernd.«

»Die fliegen die Clark Air Base an, nördlich von der Bucht von Manila. Warum, darf ich Sie fragen, Leutnant, würden Einheiten von derart enormen Ausmaßen nicht die Insel Lubang hier angreifen und überrennen? Immerhin kontrolliert Lubang den Zugang zur Bucht von Manila.«

»Ich habe keinen Einblick in die Pläne des Feindes.«

»Es gibt keine Pläne, denn der Krieg ist vorüber.«

Onoda kämpft einen Moment mit sich selbst. Dann steht er langsam auf, tritt

einen Schritt auf Suzuki zu und drückt ihm die Mündung seines Gewehrs zwischen die Augenbrauen.

»Sagen Sie mir die Wahrheit. Jetzt ist die Zeit gekommen.«

»Leutnant, ich fürchte mich nicht vor dem Tod. Ich fände es nur deprimierend, zu sterben, wenn ich doch die Wahrheit sage.«

Diese Nacht wird zur längsten aller Nächte, im Schock für Onoda, der von Zweifeln und Einsichten hin­ und hergerissen ist. Nach außen aber zeigt er keine Bewegung, sein Gesicht bleibt versteinert. Atombomben auf zwei japanische Städte, hunderttausend Tote auf einmal? Eine Waffe, die irgendetwas mit freiwerdender Energie bei der Spaltung von Atomen zu tun hat. Wie denn das? Suzuki fehlt das technische Wissen, es zu erklären. Andere Länder hätten sie inzwischen auch, diese Bombe. Das vorhandene Arsenal sei so machtvoll, dass es jeden Bewohner unseres Planeten nicht einmal oder zweimal töten könnte, sondern tausendzweihundertvierzigmal. Für Onoda ist das mit der Logik des Krieges, mit der Logik jedes denkbaren Krieges, auch denen der Zukunft, unvereinbar. Was denn geschehen sei, nachdem angeblich die Bomben auf Japan geworfen wurden, will Onoda wissen. Das sei wie gesagt 1945 gewesen, August 1945. Japan habe bedingungslos kapituliert. Der Kaiser habe über das Radio eine Ansprache an das Volk gehalten. Niemand habe bis dahin jemals seine Stimme gehört. Er habe auch erklärt, kein lebender Gott zu sein. Diese Aussage ist so undenkbar für Onoda, dass er sie als Beweis dafür nimmt, dass Suzuki mit dem Auftrag hier sein muss, ihn zu täuschen. Er bohrt seine Gewehrmündung wieder zwischen Suzukis Augen.

»Die Wahrheit ist, dass der Krieg niemals aufgehört hat. Die Schauplätze haben sich nur verlagert.«

Aber Suzuki bleibt unbeirrt. »Im Westen hat Deutschland den Krieg verloren. Die Kapitulation dort kam sogar schon Monate vor der Japans.«

»Nein«, sagt Onoda, »der Krieg ging weiter, er ging im Westen weiter. Was ich gesehen habe, ist mein Beweis.«

»Beweis. Welcher Beweis?«

»Ich sah Welle über Welle von amerikanischen Kriegsflugzeugen über mich fliegen. Genau hier, genau in diese Richtung. Nach Westen.«

»Wann war das?«

»Es hat Jahre gedauert.«

»Beginnend wann?«

»1950. Bomber und auch Truppentransporter, Kriegsschiffe.«

»Das war der Koreakrieg.«

»Koreakrieg? Was für ein Koreakrieg? Korea gehört uns.«

»Die Kommunisten warfen Japan hinaus. Dann begannen die USA einen Krieg gegen die Kommunisten.«

»Und Amerika hat offensichtlich den Krieg verloren.«

»Halb verloren, halb gewonnen. Korea ist heute in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden geteilt.«

Onoda hat Mühe, so viel auf einmal zu verarbeiten.

»Aber die Bewegungen der Kampfflugzeuge, sie hörten nie auf.«

»Was für Flugzeuge? Wann?«

»Immer mit Zielen weiter im Westen. Amerikanische Bomber direkt über meinem Kopf. Es wurden immer mehr, ab 1965 in gewaltigen Formationen. Dazu noch ganze Flottenverbände, immer größer, immer mehr. Und Sie wollen mir einreden, dass der Krieg eines Tages zu Ende war?«

»Das war der Vietnamkrieg.«

»Der was?«

Onoda lehnt sich zurück. Die Nacht wird lang. Die Zikaden, gleichgültig darüber, was Krieg ist und was Frieden, wie und von wem welche Namen den

Kriegen gegeben werden, verstärken wieder ihr monotones Schreien, dies jetzt ist ihr Krieg, vielleicht auch ihre Friedensverhandlung, die wir ebenso wenig verstehen. Der Mond. Das frühe Licht des heraufziehenden Tages macht ihn noch blasser, ein Gestirn ohne tieferen Sinn, und das seit Ewigkeiten, bevor es Menschen gab.

Als sei es eine Verschwörung ohne Absprache, blicken Onoda und Suzuki gleichzeitig zu ihm hinauf. »Menschen waren auf dem Mond«, sagt Suzuki leise, als wolle er behutsam nicht zu viel Schockierendes auf einmal preisgeben. »Wann? Wie?«

»Das ist weniger als fünf Jahre her. Man hat Raketen und Raumkapseln verwendet, zum Schutz der fliegenden Astronauten. Ich sage es nicht gern, aber es waren Astronauten der Amerikaner, unseres früheren Feindes.«

»Amerika ist noch immer unser Feind.«

»Nicht mehr wirklich. Sie kamen sogar zu unseren Olympischen Spielen.«

»Ich weiß von den Spielen«, sagt Onoda. »Wie das?«, wundert sich Suzuki.

»Feindliche Agenten haben an mehreren Stellen, verstreut über die gesamte Insel, sorgfältig fabrizierte japanische Zeitungen ausgelegt. Manches davon sah glaubwürdig aus, aber es hatte nur den Zweck, mich aus dem Dschungel zu locken.«

Onoda schweigt für einen langen Moment. »Ich werde meinen Krieg fortsetzen. Ich habe jetzt dreißig Jahre gekämpft und habe noch viele Jahre mehr in mir.«

Das Ende des Endes der Geschichte

Das Ende des Endes der Geschichte

Das Ende des Endes der Geschichte

K Alexander Coggin

K Alexander Coggin

T Benedikt Herber
K Alexander Coggin
T Benedikt Herber
T Benedikt Herber

Wann immer der Name Francis Fukuyama fiel, stets legte sich ein spöttisches Lächeln auf die Gesichter meiner Kommilitonen. Es war vor etwa zehn Jahren, studierte Politikwissenschaft am Geschwister-Scholl-Institut diesem unprätentiösen

Zweckbau im Herzen des Gartens, von dem aus einst Radio Free Europe gesendet hatte und dessen Seminarräume immer dunkel waren. Für meine Kommilitonen war der Politologe Fukuyama, der nach dem Eisernen Vorhangs das Ende der Geschichte verkündete, historisch lächerliche Figur, vergleichbar mit einem Guru einer der den Untergang der Welt voraussagte und nach Verstreichen des Datums von niemandem mehr ernst genommen wurde. Was könnte in Anbetracht der ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen, die sich schon damals in allen westlichen Staaten hochschaukelten, falscher sein als die Idee, die liberale Demokratie stehe vor ihrem Sieg?

Wann immer der Name Francis Fukuyama fiel, stets legte sich ein spöttisches Lächeln auf die Gesichter meiner Kommilitonen. Es war vor etwa zehn Jahren, ich studierte Politikwissenschaft am Geschwister-Scholl-Institut in München, diesem unprätentiösen Zweckbau im Herzen des Englischen Gartens, von dem aus einst Radio Free Europe gesendet hatte und dessen Seminarräume immer dunkel waren. Für meine Kommilitonen war der Politologe Fukuyama, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs das Ende der Geschichte verkündete, eine geradezu historisch lächerliche Figur, vergleichbar mit einem Guru einer Sekte, der den Untergang der Welt voraussagte und nach Verstreichen des Datums von niemandem mehr ernst genommen wurde. Was könnte in Anbetracht der ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen, die sich schon damals in allen westlichen Staaten hochschaukelten, falscher sein als die Idee, die liberale Demokratie stehe vor ihrem Sieg?

Wann immer der Name Francis Fukuyama fiel, stets legte sich ein spöttisches Lächeln auf die Gesichter meiner Kommilitonen. Es war vor etwa zehn Jahren, ich studierte Politikwissenschaft am Geschwister-Scholl-Institut in München, diesem unprätentiösen Zweckbau im Herzen des Englischen Gartens, von dem aus einst Radio Free Europe gesendet hatte und dessen Seminarräume immer dunkel waren. Für meine Kommilitonen war der Politologe Fukuyama, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs das Ende der Geschichte verkündete, eine geradezu historisch lächerliche Figur, vergleichbar mit einem Guru einer Sekte, der den Untergang der Welt voraussagte und nach Verstreichen des Datums von niemandem mehr ernst genommen wurde. Was könnte in Anbetracht der ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen, die sich schon damals in allen westlichen Staaten hochschaukelten, falscher sein als die Idee, die liberale Demokratie stehe vor ihrem Sieg?

In Wirklichkeit hatte Fukuyama natürlich niemals behauptet, dass jeglicher Konflikt aus der Welt verschwinden würde; die Menschheit würde schlicht die Überlegenheit von Demokratie und Marktwirtschaft erkennen, womit die »wirklich großen Fragen endgültig geklärt« seien. Und doch deutete auch ich Fukuyama als allgemeine Fortschrittserzählung, stellte mich aber auf seine Seite: Sah man mal von der Klimaerwärmung ab, argumentierte ich, dann zeigten alle relevanten Graphen der Weltgeschichte nach oben: Die Lebenserwartung stieg, die globale Armut sank und mit dem exponentiellen Wachstum an Wissen, das die Forschung produzierte, waren alle Voraussetzungen vorhanden, die Probleme der Welt zukünftig zu lösen. Jeder Fortschritt wurde entscheidend von liberalen Demokratien vorangetrieben, denn diese Staatsform brachte Bürger hervor, die freier, klüger und aufgeklärter waren als alle Menschen jemals zuvor. Dass die Welt besser würde, war quasi ein Naturgesetz. Ja, das Ende der Geschichte war noch nicht eingetreten, überall kam es zu Regression, zu irrationalen Gegenschlägen, Islamismus, Rechtsextremismus; doch sei das nicht der liberalen Demokratie anzukreiden, sondern jenen, die den Fortschritt schlechtredeten – so wie es meine Kommilitonen machten.

In Wirklichkeit hatte Fukuyama natürlich niemals behauptet, dass jeglicher Konflikt aus der Welt verschwinden würde; die Menschheit würde schlicht die Überlegenheit von Demokratie und Marktwirtschaft erkennen, womit die »wirklich großen Fragen endgültig geklärt« seien. Und doch deutete auch ich Fukuyama als allgemeine Fortschrittserzählung, stellte mich aber auf seine Seite: Sah man mal von der Klimaerwärmung ab, argumentierte ich, dann zeigten alle relevanten Graphen der Weltgeschichte nach oben: Die Lebenserwartung stieg, die globale Armut sank und mit dem exponentiellen Wachstum an Wissen, das die Forschung produzierte, waren alle Voraussetzungen vorhanden, die Probleme der Welt zukünftig zu lösen. Jeder Fortschritt wurde entscheidend von liberalen Demokratien vorangetrieben, denn diese Staatsform brachte Bürger hervor, die freier, klüger und aufgeklärter waren als alle Menschen jemals zuvor. Dass die Welt besser würde, war quasi ein Naturgesetz. Ja, das Ende der Geschichte war noch nicht eingetreten, überall kam es zu Regression, zu irrationalen Gegenschlägen, Islamismus, Rechtsextremismus; doch sei das nicht der liberalen Demokratie anzukreiden, sondern jenen, die den Fortschritt schlechtredeten – so wie es meine Kommilitonen machten.

In Wirklichkeit hatte Fukuyama natürlich niemals behauptet, dass jeglicher Konflikt aus der Welt verschwinden würde; die Menschheit würde schlicht die Überlegenheit von Demokratie und Marktwirtschaft erkennen, womit die »wirklich großen Fragen endgültig geklärt« seien. Und doch deutete auch ich Fukuyama als allgemeine Fortschrittserzählung, stellte mich aber auf seine Seite: Sah man mal von der Klimaerwärmung ab, argumentierte ich, dann zeigten alle relevanten Graphen der Weltgeschichte nach oben: Die Lebenserwartung stieg, die globale Armut sank und mit dem exponentiellen Wachstum an Wissen, das die Forschung produzierte, waren alle Voraussetzungen vorhanden, die Probleme der Welt zukünftig zu lösen. Jeder Fortschritt wurde entscheidend von liberalen Demokratien vorangetrieben, denn diese Staatsform brachte Bürger hervor, die freier, klüger und aufgeklärter waren als alle Menschen jemals zuvor. Dass die Welt besser würde, war quasi ein Naturgesetz. Ja, das Ende der Geschichte war noch nicht eingetreten, überall kam es zu Regression, zu irrationalen Gegenschlägen, Islamismus, Rechtsextremismus; doch sei das nicht der liberalen Demokratie anzukreiden, sondern jenen, die den Fortschritt schlechtredeten – so wie es meine Kommilitonen machten.

Heute, ein Jahrzehnt später, ist es dieser Weltgemeinschaft nicht gelungen, die Klimakrise auch nur im Ansatz zu bewältigen; im Gegenteil, sie gerät zunehmend aus dem Blick, viele neue Krisenherde haben sich aufgetan. Die Staaten weltweit werden immer unfreier und undemokratischer. Rechtsextreme Parteien streben in allen Ländern des Westens an die Macht, das Internet quillt über vor Hass und Fake News, China und Russland positionieren sich als Alternativen zum westlichen Modell, und in den USA, der einstigen Vorzeigedemokratie, wurde mit Donald Trump ein Rowdy zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt, der alle Prinzipien verachtet, die für diese Staatsform maßgeblich sind: die freie Presse, die Unabhängigkeit der Gerichte und die regelbasierte Weltordnung. Statt dem Ende der Geschichte droht nun das Ende der liberalen Demokratie. Hatte es die Menschheit also einfach nicht kapiert? Würgte sie die Kräfte des Fortschritts ab, aus reiner Dummheit? So hätte wohl noch vor kurzem mein Urteil gelautet. Doch hatte auch ich mich verändert: Ich studierte nicht mehr, dachte nicht mehr aus sicherer Entfernung über Gesellschaft nach, sondern war nun berufstätig. Nach der Journalistenschule, die ich an mein Studium anhängte, machte ich mich als freiberuflicher Reporter selbstständig. Jeden Monat musste ich durch Schreiben nun ausreichend Geld verdienen, um Miete, Sozialversicherung und Steuern zu bezahlen. Es wurde härter, als ich das je für möglich gehalten hatte: Während die Lebenskosten steigen, kann ich froh sein, wenn die Honorare gleich bleiben. Die verinnerlichte Idee jedenfalls, dass nicht nur die Weltgeschichte, sondern auch mein Leben sich stets Richtung Verbesserung bewegte, wurde mit der bitteren Realität konfrontiert. Nicht nur mir geht es so. Ein Graph, der leider nicht nach oben zeigt: die Reallöhne in Deutschland. Die stagnieren seit Beginn der 1990er weitestgehend, obwohl das Real-Bruttoinlandsprodukt seitdem deutlich gestiegen ist. Ich glaube, wenn man den Erfolg der AfD verstehen will, dann kommt man an dieser – leider noch viel zu wenig bekannten – Tatsache nicht vorbei. Klar, Rechtspopulisten punkten nicht durch Wirtschaftsthemen, sie befeuern den Kulturkampf. Und doch macht es wohl etwas mit einer Gesellschaft, wenn seit Jahrzehnten die Mehrheit das Gefühl hat, dass es nicht vorangeht. Dass man froh Heute, ein Jahrzehnt später, ist es dieser Weltgemeinschaft nicht gelungen, die Klimakrise auch nur im Ansatz zu bewältigen; im Gegenteil, sie gerät zunehmend aus dem Blick, viele neue Krisenherde haben sich aufgetan. Die Staaten weltweit werden immer unfreier und undemokratischer. Rechtsextreme Parteien streben in allen Ländern des Westens an die Macht, das Internet quillt über vor Hass und Fake News, China und Russland positionieren sich als Alternativen zum westlichen Modell, und in den USA, der einstigen Vorzeigedemokratie, wurde mit Donald Trump ein Rowdy zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt, der alle Prinzipien verachtet, die für diese Staatsform maßgeblich sind: die freie Presse, die Unabhängigkeit der Gerichte und die regelbasierte Weltordnung. Statt dem Ende der Geschichte droht nun das Ende der liberalen Demokratie. Hatte es die Menschheit also einfach nicht kapiert? Würgte sie die Kräfte des Fortschritts ab, aus reiner Dummheit? So hätte wohl noch vor kurzem mein Urteil gelautet. Doch hatte auch ich mich verändert: Ich studierte nicht mehr, dachte nicht mehr aus sicherer Entfernung über Gesellschaft nach, sondern war nun berufstätig. Nach der Journalistenschule, die ich an mein Studium anhängte, machte ich mich als freiberuflicher Reporter selbstständig. Jeden Monat musste ich durch Schreiben nun ausreichend Geld verdienen, um Miete, Sozialversicherung und Steuern zu bezahlen. Es wurde härter, als ich das je für möglich gehalten hatte: Während die Lebenskosten steigen, kann ich froh sein, wenn die Honorare gleich bleiben. Die verinnerlichte Idee jedenfalls, dass nicht nur die Weltgeschichte, sondern auch mein Leben sich stets Richtung Verbesserung bewegte, wurde mit der bitteren Realität konfrontiert.

Nicht nur mir geht es so. Ein Graph, der leider nicht nach oben zeigt: die Reallöhne in Deutschland. Die stagnieren seit Beginn der 1990er weitestgehend, obwohl das Real-Bruttoinlandsprodukt seitdem deutlich gestiegen ist. Ich glaube, wenn man den Erfolg der AfD verstehen will, dann kommt man an dieser – leider noch viel zu wenig bekannten – Tatsache nicht vorbei. Klar, Rechtspopulisten punkten nicht durch Wirtschaftsthemen, sie befeuern den Kulturkampf. Und doch macht es wohl etwas mit einer Gesellschaft, wenn seit Jahrzehnten die Mehrheit das Gefühl hat, dass es nicht vorangeht. Dass man froh

Heute, ein Jahrzehnt später, ist es dieser Weltgemeinschaft nicht gelungen, die Klimakrise auch nur im Ansatz zu bewältigen; im Gegenteil, sie gerät zunehmend aus dem Blick, viele neue Krisenherde haben sich aufgetan. Die Staaten weltweit werden immer unfreier und undemokratischer. Rechtsextreme Parteien streben in allen Ländern des Westens an die Macht, das Internet quillt über vor Hass und Fake News, China und Russland positionieren sich als Alternativen zum westlichen Modell, und in den USA, der einstigen Vorzeigedemokratie, wurde mit Donald Trump ein Rowdy zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt, der alle Prinzipien verachtet, die für diese Staatsform maßgeblich sind: die freie Presse, die Unabhängigkeit der Gerichte und die regelbasierte Weltordnung. Statt dem Ende der Geschichte droht nun das Ende der liberalen Demokratie. Hatte es die Menschheit also einfach nicht kapiert? Würgte sie die Kräfte des Fortschritts ab, aus reiner Dummheit? So hätte wohl noch vor kurzem mein Urteil gelautet. Doch hatte auch ich mich verändert: Ich studierte nicht mehr, dachte nicht mehr aus sicherer Entfernung über Gesellschaft nach, sondern war nun berufstätig. Nach der Journalistenschule, die ich an mein Studium anhängte, machte ich mich als freiberuflicher Reporter selbstständig. Jeden Monat musste ich durch Schreiben nun ausreichend Geld verdienen, um Miete, Sozialversicherung und Steuern zu bezahlen. Es wurde härter, als ich das je für möglich gehalten hatte: Während die Lebenskosten steigen, kann ich froh sein, wenn die Honorare gleich bleiben. Die verinnerlichte Idee jedenfalls, dass nicht nur die Weltgeschichte, sondern auch mein Leben sich stets Richtung Verbesserung bewegte, wurde mit der bitteren Realität konfrontiert. Nicht nur mir geht es so. Ein Graph, der leider nicht nach oben zeigt: die Reallöhne in Deutschland. Die stagnieren seit Beginn der 1990er weitestgehend, obwohl das Real-Bruttoinlandsprodukt seitdem deutlich gestiegen ist. Ich glaube, wenn man den Erfolg der AfD verstehen will, dann kommt man an dieser – leider noch viel zu wenig bekannten – Tatsache nicht vorbei. Klar, Rechtspopulisten punkten nicht durch Wirtschaftsthemen, sie befeuern den Kulturkampf. Und doch macht es wohl etwas mit einer Gesellschaft, wenn seit Jahrzehnten die Mehrheit das Gefühl hat, dass es nicht vorangeht. Dass man froh

sein kann, wenn man seinen Lebensstandard irgendwie aufrechterhalten kann.

sein kann, wenn man seinen Lebensstandard irgendwie aufrechterhalten kann.

Nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung weckte Zweifel: Kürzlich las ich die »Dialektik der Aufklärung« wieder, jenes Buch von Theodor Adorno und Max Horkheimer, das meine Kommilitonen so gerne zitierten. Ich las es nun mit neuer Offenheit, gerade das Kulturindustrie-Kapitel erschien mir jetzt frappierend aktuell: Neue Erfindungen in Film oder Musik hätten diese Kunstformen nicht innovativer gemacht, sondern dazu geführt, dass immer jene Muster reproduziert werden, die sich ökonomisch bewähren – bis sich niemand mehr eine andere Welt vorstellen kann. »Ewig grinsen die gleichen Babies aus den Magazinen, ewig stampft die Jazzmaschine«, schrieben die Autoren 1944.

Und heute? Ich dachte nicht nur an KI-Musik oder Netflix-Serien, deren Plots sich penibel an Aufmerksamkeitskurven ausrichten. Ich dachte auch an die Diskussionskultur im Internet, die sich in den vergangenen Jahren herausgebildet hat: die immer gleichen, floskelhaften Argumente, die der Algorithmus mit Aufmerksamkeit belohnt und die sich durch permanente Wiederholung in unserer kollektiven Großhirnrinde eingebrannt haben. Diese schematische Aufteilung in zwei Lager: die Rechten, die sich über das Gendern, Veganer oder Transmenschen lustig machen, und deren Beiträge so generisch klingen, dass man meinen könnte, sie stammen von einer Künstlichen Intelligenz. Und die Linken, die die Welt viel zu häufig in gute und schlechte Identitäten einteilen. Wie intellektuell öde war all das geworden, und wie weit entfernt vom Verwirklichen des deliberativen Ideals eines Jürgen Habermas, das dieser uns einst in Bezug auf das Internet versprochen hatte? Die technologischen Innovationen haben seitdem offenbar mehr Probleme produziert als Lösungen. Wahrscheinlich ist es mit dem Fortschritt so, wie Adorno und Horkheimer es behaupten, dachte ich: Er ist dialektisch, er erzeugt Widersprüche. Dennoch wollte ich meinen Fortschrittsoptimismus nicht durch einen Untergangsfatalismus ersetzen. Wenn es Widersprüche gibt, dann müssen doch auch gesellschaftliche Lösungen existieren, diese zu versöhnen?

Nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung weckte Zweifel: Kürzlich las ich die »Dialektik der Aufklärung« wieder, jenes Buch von Theodor Adorno und Max Horkheimer, das meine Kommilitonen so gerne zitierten. Ich las es nun mit neuer Offenheit, gerade das Kulturindustrie-Kapitel erschien mir jetzt frappierend aktuell: Neue Erfindungen in Film oder Musik hätten diese Kunstformen nicht innovativer gemacht, sondern dazu geführt, dass immer jene Muster reproduziert werden, die sich ökonomisch bewähren – bis sich niemand mehr eine andere Welt vorstellen kann. »Ewig grinsen die gleichen Babies aus den Magazinen, ewig stampft die Jazzmaschine«, schrieben die Autoren 1944. Und heute? Ich dachte nicht nur an KI-Musik oder Netflix-Serien, deren Plots sich penibel an Aufmerksamkeitskurven ausrichten. Ich dachte auch an die Diskussionskultur im Internet, die sich in den vergangenen Jahren herausgebildet hat: die immer gleichen, floskelhaften Argumente, die der Algorithmus mit Aufmerksamkeit belohnt und die sich durch permanente Wiederholung in unserer kollektiven Großhirnrinde eingebrannt haben. Diese schematische Aufteilung in zwei Lager: die Rechten, die sich über das Gendern, Veganer oder Transmenschen lustig machen, und deren Beiträge so generisch klingen, dass man meinen könnte, sie stammen von einer Künstlichen Intelligenz. Und die Linken, die die Welt viel zu häufig in gute und schlechte Identitäten einteilen. Wie intellektuell öde war all das geworden, und wie weit entfernt vom Verwirklichen des deliberativen Ideals eines Jürgen Habermas, das dieser uns einst in Bezug auf das Internet versprochen hatte? Die technologischen Innovationen haben seitdem offenbar mehr Probleme produziert als Lösungen. Wahrscheinlich ist es mit dem Fortschritt so, wie Adorno und Horkheimer es behaupten, dachte ich: Er ist dialektisch, er erzeugt Widersprüche. Dennoch wollte ich meinen Fortschrittsoptimismus nicht durch einen Untergangsfatalismus ersetzen. Wenn es Widersprüche gibt, dann müssen doch auch gesellschaftliche Lösungen existieren, diese zu versöhnen?

Nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung weckte Zweifel: Kürzlich las ich die »Dialektik der Aufklärung« wieder, jenes Buch von Theodor Adorno und Max Horkheimer, das meine Kommilitonen so gerne zitierten. Ich las es nun mit neuer Offenheit, gerade das Kulturindustrie-Kapitel erschien mir jetzt frappierend aktuell: Neue Erfindungen in Film oder Musik hätten diese Kunstformen nicht innovativer gemacht, sondern dazu geführt, dass immer jene Muster reproduziert werden, die sich ökonomisch bewähren – bis sich niemand mehr eine andere Welt vorstellen kann. »Ewig grinsen die gleichen Babies aus den Magazinen, ewig stampft die Jazzmaschine«, schrieben die Autoren 1944. Und heute? Ich dachte nicht nur an KI-Musik oder Netflix-Serien, deren Plots sich penibel an Aufmerksamkeitskurven ausrichten. Ich dachte auch an die Diskussionskultur im Internet, die sich in den vergangenen Jahren herausgebildet hat: die immer gleichen, floskelhaften Argumente, die der Algorithmus mit Aufmerksamkeit belohnt und die sich durch permanente Wiederholung in unserer kollektiven Großhirnrinde eingebrannt haben. Diese schematische Aufteilung in zwei Lager: die Rechten, die sich über das Gendern, Veganer oder Transmenschen lustig machen, und deren Beiträge so generisch klingen, dass man meinen könnte, sie stammen von einer Künstlichen Intelligenz. Und die Linken, die die Welt viel zu häufig in gute und schlechte Identitäten einteilen. Wie intellektuell öde war all das geworden, und wie weit entfernt vom Verwirklichen des deliberativen Ideals eines Jürgen Habermas, das dieser uns einst in Bezug auf das Internet versprochen hatte? Die technologischen Innovationen haben seitdem offenbar mehr Probleme produziert als Lösungen. Wahrscheinlich ist es mit dem Fortschritt so, wie Adorno und Horkheimer es behaupten, dachte ich: Er ist dialektisch, er erzeugt Widersprüche. Dennoch wollte ich meinen Fortschrittsoptimismus nicht durch einen Untergangsfatalismus ersetzen. Wenn es Widersprüche gibt, dann müssen doch auch gesellschaftliche Lösungen existieren, diese zu versöhnen?

Der Soziologe Steffen Mau und seine Co-Autoren zeigen in dem Buch »Triggerpunkte«, dass die deutsche Gesellschaft gar nicht so polarisiert ist, wie wir angesichts von Netzdebatten häufig annehmen.

Der Soziologe Steffen Mau und seine Co-Autoren zeigen in dem Buch »Triggerpunkte«, dass die deutsche Gesellschaft gar nicht so polarisiert ist, wie wir angesichts von Netzdebatten häufig annehmen.

Der Soziologe Steffen Mau und seine Co-Autoren zeigen in dem Buch »Triggerpunkte«, dass die deutsche Gesellschaft gar nicht so polarisiert ist, wie wir angesichts von Netzdebatten häufig annehmen.

In den meisten Fragen der sozialen Gerechtigkeit und des Klimaschutzes herrscht überraschender Konsens. Nur wenn es um spezifische Triggerpunkte geht, um Themen wie Gendersprache oder arabische Clans, dann wird es schnell unversöhnlich. Was auch heißt: Um wieder konstruktiv miteinander reden zu können, müssen wir Wege finden, uns aus diesem Framing-Korsett zu befreien.

In den meisten Fragen der sozialen Gerechtigkeit und des Klimaschutzes herrscht überraschender Konsens. Nur wenn es um spezifische Triggerpunkte geht, um Themen wie Gendersprache oder arabische Clans, dann wird es schnell unversöhnlich. Was auch heißt: Um wieder konstruktiv miteinander reden zu können, müssen wir Wege finden, uns aus diesem Framing-Korsett zu befreien.

In den meisten Fragen der sozialen Gerechtigkeit und des Klimaschutzes herrscht überraschender Konsens. Nur wenn es um spezifische Triggerpunkte geht, um Themen wie Gendersprache oder arabische Clans, dann wird es schnell unversöhnlich. Was auch heißt: Um wieder konstruktiv miteinander reden zu können, müssen wir Wege finden, uns aus diesem Framing-Korsett zu befreien.

Wie aber kann das gelingen? In einem Essay für das Magazin The Atlantic schildert die US-amerikanische Journalistin Hanna Rosin, wie in ihrer Nachbarschaft radikale Trump-Anhänger einziehen. Zunächst ist sie wenig erfreut. Doch mit der Zeit gelingt es ihr, sich mit einer Frau anzufreunden. Es stellt sich heraus, dass diese die Mutter einer Anführerin ist, die beim Sturm auf das Kapitol ihr Leben verlor.

Wie aber kann das gelingen? In einem Essay für das Magazin The Atlantic schildert die US-amerikanische Journalistin Hanna Rosin, wie in ihrer Nachbarschaft radikale Trump-Anhänger einziehen. Zunächst ist sie wenig erfreut. Doch mit der Zeit gelingt es ihr, sich mit einer Frau anzufreunden. Es stellt sich heraus, dass diese die Mutter einer Anführerin ist, die beim Sturm auf das Kapitol ihr Leben verlor.

Wie aber kann das gelingen? In einem Essay für das Magazin The Atlantic schildert die US-amerikanische Journalistin Hanna Rosin, wie in ihrer Nachbarschaft radikale Trump-Anhänger einziehen. Zunächst ist sie wenig erfreut. Doch mit der Zeit gelingt es ihr, sich mit einer Frau anzufreunden. Es stellt sich heraus, dass diese die Mutter einer Anführerin ist, die beim Sturm auf das Kapitol ihr Leben verlor.

Die Autorin erkennt das Leid der Mutter – und begreift, welchen Halt ihr der politische Aktivismus liefert. Die Erkenntnisse aus ihren Gesprächen fasst sie so zusammen: »Versuche in Diskussionen nicht, den anderen von seiner Meinung abzubringen. Höre einfach zu und hoffe, dass das Eis irgendwann ein wenig schmilzt.« Das, schreibt sie, sei vielleicht der einzige Weg, auf lange Sicht einen Bürgerkrieg zu verhindern.

Die Autorin erkennt das Leid der Mutter – und begreift, welchen Halt ihr der politische Aktivismus liefert. Die Erkenntnisse aus ihren Gesprächen fasst sie so zusammen: »Versuche in Diskussionen nicht, den anderen von seiner Meinung abzubringen. Höre einfach zu und hoffe, dass das Eis irgendwann ein wenig schmilzt.« Das, schreibt sie, sei vielleicht der einzige Weg, auf lange Sicht einen Bürgerkrieg zu verhindern.

Die Autorin erkennt das Leid der Mutter – und begreift, welchen Halt ihr der politische Aktivismus liefert. Die Erkenntnisse aus ihren Gesprächen fasst sie so zusammen: »Versuche in Diskussionen nicht, den anderen von seiner Meinung abzubringen. Höre einfach zu und hoffe, dass das Eis irgendwann ein wenig schmilzt.« Das, schreibt sie, sei vielleicht der einzige Weg, auf lange Sicht einen Bürgerkrieg zu verhindern.

Es klingt kitschig, aber: Um ideologische Gräben zu überwinden, müssen wir uns wieder häufiger als Menschen begegnen. Und wir brauchen die Erfahrung der Selbstwirksamkeit, das Gefühl, gestalten zu können. Heute glaube ich, dass der naive Fortschrittsglaube ab den 1990er Jahren wohl seine Mitschuld trägt: Die irrige Annahme, Fortschritt sei ein Automatismus, die Welt würde sich von selbst zum Besten entwickeln, hat dazu geführt, dass wir uns zurücklehnten. Dass wir glaubten, es reiche aus, alle paar Jahre wählen zu gehen.

Es klingt kitschig, aber: Um ideologische Gräben zu überwinden, müssen wir uns wieder häufiger als Menschen begegnen. Und wir brauchen die Erfahrung der Selbstwirksamkeit, das Gefühl, gestalten zu können. Heute glaube ich, dass der naive Fortschrittsglaube ab den 1990er Jahren wohl seine Mitschuld trägt: Die irrige Annahme, Fortschritt sei ein Automatismus, die Welt würde sich von selbst zum Besten entwickeln, hat dazu geführt, dass wir uns zurücklehnten. Dass wir glaubten, es reiche aus, alle paar Jahre wählen zu gehen.

Es klingt kitschig, aber: Um ideologische Gräben zu überwinden, müssen wir uns wieder häufiger als Menschen begegnen. Und wir brauchen die Erfahrung der Selbstwirksamkeit, das Gefühl, gestalten zu können. Heute glaube ich, dass der naive Fortschrittsglaube ab den 1990er Jahren wohl seine Mitschuld trägt: Die irrige Annahme, Fortschritt sei ein Automatismus, die Welt würde sich von selbst zum Besten entwickeln, hat dazu geführt, dass wir uns zurücklehnten. Dass wir glaubten, es reiche aus, alle paar Jahre wählen zu gehen.

Francis Fukuyama selbst hat seine »Ende der Geschichte«-These mittlerweile revidiert – und erkennt Fehler auch aufseiten der liberalen Demokratie: In »Der Liberalismus und seine Feinde« von 2022 erklärt er, dass Politik zunehmend als Kampf zwischen partikularen Identitäten wahrgenommen werde – und gemeinsame Normen, auf die Demokratie eigentlich angewiesen ist, verschwinden.

Francis Fukuyama selbst hat seine »Ende der Geschichte«-These mittlerweile revidiert – und erkennt Fehler auch aufseiten der liberalen Demokratie: In »Der Liberalismus und seine Feinde« von 2022 erklärt er, dass Politik zunehmend als Kampf zwischen partikularen Identitäten wahrgenommen werde – und gemeinsame Normen, auf die Demokratie eigentlich angewiesen ist, verschwinden. sein kann, wenn man seinen Lebensstandard irgendwie aufrechterhalten kann.

Francis Fukuyama selbst hat seine »Ende der Geschichte«-These mittlerweile revidiert – und erkennt Fehler auch aufseiten der liberalen Demokratie: In »Der Liberalismus und seine Feinde« von 2022 erklärt er, dass Politik zunehmend als Kampf zwischen partikularen Identitäten wahrgenommen werde – und gemeinsame Normen, auf die Demokratie eigentlich angewiesen ist, verschwinden.

Wie entdecken wir unser demokratisches Gemeinschaftsgefühl wieder? Durch neue (analoge wie digitale) Begegnungsräume? Durch erweiterte Formen der Mitbestimmung? Wie auch immer eine Antwort lauten mag: Solange sich nicht nur die Geschichte weiterentwickelt, sondern die liberale Demokratie mit ihr – solange ist sie nicht an ihr Ende gekommen.

Wie entdecken wir unser demokratisches Gemeinschaftsgefühl wieder? Durch neue (analoge wie digitale) Begegnungsräume? Durch erweiterte Formen der Mitbestimmung? Wie auch immer eine Antwort lauten mag: Solange sich nicht nur die Geschichte weiterentwickelt, sondern die liberale Demokratie mit ihr – solange ist sie nicht an ihr Ende gekommen.

Wie entdecken wir unser demokratisches Gemeinschaftsgefühl wieder? Durch neue (analoge wie digitale) Begegnungsräume? Durch erweiterte Formen der Mitbestimmung? Wie auch immer eine Antwort lauten mag: Solange sich nicht nur die Geschichte weiterentwickelt, sondern die liberale Demokratie mit ihr – solange ist sie nicht an ihr Ende gekommen.

The People vs. ICE

Isabelle Brourman

In ihren Bildern dokumentiert die Künstlerin Isabelle Brourman hochkarätige amerikanische Gerichtsverfahren wie Depp vs. Heard, The People vs. Donald Trump und The People vs. Danny Masterson als offizielle Skizzenzeichnerin vor Ort. Brourman löst die Gerichtsskizze von ihrer früheren Funktion als Ersatz für Fotografie und erhebt ihre Inhalte über die reine Dokumentation hinaus in die Welt der bildenden Kunst. Seit August 2025 dokumentiert Brourman die verschärften Einwanderungsmaßnahmen der TrumpRegierung, ein Projekt, das sie als fortlaufendes Porträt von Präsident Trump versteht. Brourmans Bilder aus den New Yorker Einwanderungsgerichten sind der erste und bislang einzige künstlerische Bericht, der aus den Wartezimmern und Gerichtssälen des 26 Federal Plaza in New York hervorgegangen ist. Anders als die meisten Gerichtszeichner:innen richtet sich Brourmans Arbeit nicht strikt an den Beschränkungen journalistischer

Ethik oder an redaktionellen Vorgaben aus. Sie füllt die Leerräume ihrer Skizzen mit eigenen Interpretationen, eine Methodik, die sie als »kreative Sachliteratur« bezeichnet. In ihren Bildern überlagern sich Raum, Zeit und Ausdrucksformen; Ursache und Wirkung erscheinen gleichzeitig, Täter und Opfer verschmelzen zu einem gemeinsamen Porträt. Für die Betrachtenden entsteht ein fertiges Bühnenbild mit allen wesentlichen Akteur:innen. Nun lenkt Brourman den Blick ihres Publikums weg von den Geschehnissen im Gerichtssaal hin zu den Straßen von Minnesota und Chicago, um die sozialen Unruhen als Reaktion auf die Einsätze der US-Behörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) unter der Trump-Regierung in diesen Bundesstaaten zu dokumentieren. Dort waren auch Fotograf:innen zugegen, doch gelingt es Brourman wie keiner Kamera, die jüngste Tragödie der Vereinigten Staaten von Amerika zu reflektieren.

Suzuki fehlt das technische Wissen,

Suzuki fehlt das technische Wissen,

es zu erklären.
es zu erklären.

GESCHLECHTERKAMPF

An: Apollon

Auf Instagram gab es eine »Feminismus-Checkliste« und die habe ich, so war es wohl gedacht, an meinen Freund geschickt. Die Liste bestand aus Fragen, für die man sich Punkte geben konnte oder eben nicht. Von »Mental Load« (in der Schule oder Kita als primäre Kontaktperson registriert zu sein) über »Emotio- nales« (schwierige Gespräche eher aktiv zu initiieren, als das ihr zu überlassen), »Berufliches« (Einsatz für familienfreundliche Policies und diese selbst nutzen), »Bewusstsein« (Verwendest du Sprache, die alle Menschen sichtbar macht?) bis »Raum geben« (Kennst du die Fünf-D-Methode, um bei Belästigung sicher einzugreifen?) ging es da.

Mein Freund hatte insgesamt vier Punkte (seine Zählung) bezie- hungsweise zwei Punkte (meine Zählung) von zwanzig mögli- chen. Darüber war er beleidigt. Ich muss dazu sagen, dass er ein guter Freund ist, auch einer, der viel Care macht, sehr viel, jeden Tag. Viele Kinder müssen bei uns zu Hause bekümmert und bekocht werden. Und im Kern bin ich die Faule bei uns daheim. Aber der Test war schwer, schwer fortgeschritten. Und fürs Beleidigtsein, weil die Liste nicht gut genug ausging für ihn, dafür müsste man ihm dann eigentlich trotzdem nochmal zwei Punkte zusätzlich abziehen.

»Männliche Kränkung« – ist ja auch so ein Ausdruck, den man eigentlich, wir leben im Backlash, in die Tonne treten kann. »Toxi- sche Männlichkeit«, »Fragile Masculinity«, »Manosphere«, »Bro- Culture«. All die Worte und Kampfbegriffe, wo man bzw. Durch- schnittsmann das Internet fragen muss, was sie eigentlich wirklich bedeuten. Aber ob Durchschnittsmann das macht, also das Internet fragen, bleibt fraglich, weil dafür bräuchte er ja einen Punkt bei Feminismuscheck-Frage sechzehn (Informierst du dich eigenständig über Feminismus, statt Frauen die Bildungsarbeit zu überlassen?), und ob er den hat, diesen Punkt, der Durch- schnittsmann, das weiß ich nicht. Und ob er den überhaupt noch braucht, das weiß ich auch nicht, jetzt, wo alles wieder in die Eh-vorne-Richtung zurückläuft.

Wobei das eben auch so eine Frage ist, warum sich eigentlich vor allem Feministinnen mit den Kosten traditioneller Männlich-

keitsbilder und Geschlechterstereotype beschäftigen, und damit auch mit all diesen Begriffen. Also warum sich für Probleme von Männlichkeit vor allem Frauen interessieren oder Männer immer nur ganz kurz, wenn was Großes los ist wie Jeffrey Epstein oder Gisèle Pelicot oder Harvey-»Einige Frauen wussten genau, was sie erwartete«-Weinstein. Oder was ist los mit Christian Ulmen? Dann ein Aufschrei. Ein Fragezeichen. Ein paar Männernewsletter und Leitartikelmänner und Podcast-Männer, die sich wundern. Und dann wenden sie sich wieder Wichtigerem zu. Also zum Beispiel Trump oder Putin oder Netanjahu oder den Mullahs oder der Fossilität oder der Straße von Hormus oder dem lieben Gott, dem wichtigsten Mann von allen. Aber was das alles mit dem zu tun hat – wer will das schon wissen. Dreiundachtzig Prozent der Verursacher von Unfällen mit Getöteten im Straßen- verkehr in Deutschland sind männlich. Dreiundneunzig Prozent der Menschen im Gefängnis in Deutschland sind männlich. Achtzig Prozent der Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland sind weiblich. Alle drei Tage passiert in Deutschland ein Femizid. Wenn ich als Frau zum Fall Pelicot lese, oder über den 27-jährigen Studenten, genannt Yong T., dem in München gerade der Prozess gemacht wird, weil er seine Freundin über mehrere Monate hinweg mit Schlaftabletten und Narkosemitteln missbraucht und verge- waltigt hat und die Bilder davon jetzt in Chatgruppen für Gleichge- sinnte und im Internet stehen – wenn ich als Frau das lese, dann lerne ich, dass ich auf Hinweise achten soll. Hinweise wie eine abnorme Müdigkeit zum Beispiel, einen sogenannten Overhang. Oder auf körperliche Spuren von mechanischen Reizungen, für die man faktisch keine Erklärung und keine Erinnerung hat. Ich stelle mir das vor wie Kratzer oder Schmerzen oder wunde Stellen im Intimbereich oder dass alles irgendwie trocken ist und dumpf und schmerzt. Ich lerne das und ich vergesse es nie wieder. Oft frage ich mich, was Männer lernen, wenn sie von Pelicot lesen, oder von dem in München angeklagten Studenten, der im Prozess sagt, dass er schlafende Frauen schon immer schön gefunden habe. Ich frage mich das und ich frage sie auch, also die Männer, die um mich herum sind. Und die, die ich frage, gute Männer,

meine Männer, antworten dann, dass das krass ist und schlimm und nicht zu glauben. Also wirklich schrecklich. Und dann schauen sie mich skeptisch an, als hätten sie Angst, dass ich will, dass jetzt noch was kommt. Als hätten sie Sorge, dass ich verlange, dass sie mir erklären, ob das was mit ihnen selbst zu tun haben kann. Ob sie das sind, die Männer, das Aber ich frage das nicht und ich verlange es auch nicht, weil das ja jeder nur von sich selbst verlangen muss. Weil, ganz genau nämlich, sie das sind, das . Aber ich bin es auch. Wir sind es ja, verdammt noch mal, alle.

Stattdessen sage ich »natürlich nicht alle Männer«, wenn ich etwas sage, »not all men«, wie mich das ankotzt, »not all men«. Aber man muss es sagen, dass habe ich gelernt, sonst schaltet die Kränkung alles aus, die Hutschnur geht hoch und die Ohren gehen zu und es ist kein Weiterreden. »Not all men« sage ich, um zu betonen, dass wirklich nicht alle gemeint sind, als sei das nicht eh klar in einem System wie dem , dem niemand entkommt, keine Frau, kein Mann, keine trans Person, keiner dazwischen – und jeder und jede für sich dann doch auch immer, wenn er/sie/hen will und so frei ist.

Für Männer aber ist das das Heimatressort. Wenn sie möchten, können sie sich da im Kern sicher fühlen. Und das ist es ja doch, worum es geht im Leben: sich sicher zu fühlen. Dem zu entkommen ist für einen Mann im also sauviel schwerer als für alle anderen und das muss man jetzt auch erst mal anerkennen. Es ist gegen seine Komfortzone, raus aus dem Land »Ich bin halt so«, dem Naturschutzgebiet der Nichtveränderung.

Also ich erkenne an, dass es schwer für Männer ist, den Vorzügen des zu entsagen. Ich würde mich freuen, wenn Männer im Gegenzug anerkennen könnten, dass sie sich in der Tendenz noch immer recht wenig bemühen. »München. Reiter. Passt.« steht auf den Plakaten, mit denen Dieter Reiter von der SPD in München für seine Wiederwahl geworben hat. Und ich könnte jedes Mal reintreten in dieses Plakat. Nix passt. So wahnsinnig gar nix.

Sex sei immer eine hochkomplexe Art der Kommunikation, sagt die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh aus Münster in der Süddeutschen Zeitung. Das gilt auch für sexualisierte Gewalt. Wer jemanden ausschaltet, um dann zu vergewaltigen, macht eine Person wie einen Gegenstand verfügbar. Um diese Macht von Männern gegenüber Frauen geht es im Und im Kern, das hätte ich gern, dass alle das endlich verstünden, all die Erstaunten und Überraschten und Erschrockenen, im Kern ist das doch schon die ganz simple Verbindung: Das ist ein strukturelles System, in dem männliches Dominanz verhalten und Kontrolle historisch bevorzugt werden. Gewalt, Besitz und Sexualität sind Mittel, um den sozialen Status abzusichern. Fürsorge und Verletzlichkeit wiederum werden bei Männern abgewertet. Dieses System wirkt unbewusst. Es steckt in Kinderehen wie im Ehegattensplitting, in den Hörspielen von den drei ??? genauso wie in hellblauen Babybodys, auf denen »Kleiner Kämpfer« steht, oder einer Sprache, in der Frauen Tussis sind und humorlos und Männer an jede Ecke einen Penis malen können, aber nicht mal im Traum eine Klitoris. Und wie jetzt weiter? Iran lockt Fussballerinnen mit Prinzessinnen-Versprechen zur Rückkehr. Auf dem Bild liegen Mädchen mit geschwärzten Gesichtern auf dem Boden und um sie herum steht der ehemalige Prinz Andrew vom britischen Königshaus mit anderen Männern in den Armen und lacht. Eine Freundin erzählt, dass ihre Tochter von einem Lehrer »rassiges Kätzchen« genannt wird. In Cherson in der Ukraine wird bei massivem Artillerieangriff eine Entbindungsklinik zerstört. »Ich bin nicht mehr Marius, ich bin ein Monster«, sagt Marius Borg Hoiby, Sohn der norwegischen Kronprinzessin, unter Tränen vor Gericht. »Ich habe achtundneunzig Prozent meines sozialen Netzwerks verloren, und die wenigen, die ich noch habe, trauen sich nicht, mit mir auszugehen und in einem Restaurant zu essen – sie wollen nicht mit mir gesehen werden.« Im südiranischen Minab sterben über hundert Kinder und Lehrerinnen bei einem tödlichen Bombenangriff in einer Schule. Das ist jetzt. Wenn man alle und alles Jetzt in einen Topf schmeißen und kräftig

umrühren würde – welche Farbe hätte die Flüssigkeit in diesem Topf? Oder wäre es eine Steinsuppe? Irgendwas blubbernd kochend Schleimiges? Jedenfalls würde es, das vermute ich leider, nach Mann riechen. Ich weiß das, dass Männer speziell riechen, besonders wenn das Testosteron um sich schießt. Ich habe drei Söhne und es gibt eine Minutenregel bei uns zu Hause, wie lange man in benutzten Sportklamotten in der Wohnung herumtigern darf, bevor man in die Dusche muss. Ich weiß, das klingt grausam, aber es ist eng bei uns daheim. Mein Vier-Punkte- feministischer-Freund übrigens, der riecht toll, der hat eine neue Gesichtscreme von Vichy und die duftet nach irgendwas mit Blumen und ich empfehle allen Männern über, sagen wir, drei- zehneinhalb, keine Männercremes zu benutzen, sondern weib- liche Düfte, vielleicht macht das ja auf Dauer was mit der Hirn- struktur, also ich zumindest würde es mögen. Statt Tabac Original. Unverkennbare Männlichkeit & spritzige Frische. Seit 1959. Aber klar und beim Lesen nicht vergessen: not all men. Auch das mit den Gerüchen: not all men. Educate your sons« steht wieder auf den Plakaten, die von den Frauen wieder in die Luft gehalten werden, die zum Weltfrauen- tag wieder demonstrieren gehen. Männer sind wieder nur wenige da. Da steht also »Educate your sons« aber dann erziehen sich die Frauen doch seit jeher nur immer weiter selbst, weil das ja eigentlich nicht geht: die Männer zu erziehen in einem . Weil sie, die Männer, das ja eigentlich immer noch nur selbst hinkriegen dürfen. Weil sie das ja eigentlich schon lange hätten machen können, wenn sie gewollt hätten. Es ist ja alles da, es steht alles da, es ist alles geklärt. Sogar auf Instagram.

Anziehendes

Leiden

Mode ist ein Diktator. Sie foltert. Der Unterschied zu den anderen Despoten der Welt ist, dass ihr Volk eines von Masochisten ist. Menschen zwängen sich in absurde Silhouetten und balancieren unter allergrößten Schmerzen auf unlaufbaren High Heels. Sie geben oft auch noch Unsummen, die sie gar nicht haben, für diese Disziplinierung aus. Sie hungern, wenn jetzt auch etwas weniger, weil Spritzen ihnen dabei helfen. Als Demi Moore bei der letzten Gucci Fashion Show als Gast aufschlug, in einem engen Schwitz-LederCatsuit, da sah sie so schwach aus, dass man dachte, jemand müsse ihr über den roten Teppich helfen. Es schien, als sei kein Muskel mehr an ihrem Körper übrig. Dabei gibt es Mode, die sanft und schön ist, die den Körper umweht oder durch einen perfekten Schnitt so gut einrahmt, dass man sie einfach vergisst. Mode, die gütig ist. Wieso also wollte Demi in einem Sado-Entwurf von Gucci verschwinden – und warum ist sie dabei nicht die einzige?

Die Antwort ist einfach: Mode und der Umgang mit ihr müssen ein never ending struggle sein. Mode muss sich ständig selbst zerfleischen, um relevant zu bleiben. Und ihr Träger auch.

Der Leser wird jetzt vielleicht mit dem Kopf schütteln und an bequeme High-Waist-Hosen, Oversize-Jacken, Corona-Trackpants und

den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg des Turnschuhs denken. Stimmt, die letzten Jahre waren gechillt. Aber leider tendieren wir dazu, solche kleinen Vogelschisse der Modegeschichte, um mal in Diktatorendenke zu bleiben, als Befreiung der Frau zu interpretieren. Dabei sind das nur kurze Dehnphasen, bevor das unbarmherzige Korsett, das Mode heißt, wieder ein paar Zentimeter enger geschnürt wird. Motto: happy Schnappatmung since 1555! Mit dem Korsett nämlich beginnt ja eigentlich die Geschichte der modernen Mode. Und des eingepreisten weiblichen Struggles. Das Korsett ist ein textiles Symbol für gesellschaftlichen Wandel, für erzwungene Körperideale und für die Geschichte der Selbstbestimmung. Alles begann mit dem Wunsch nach Struktur. Während in der Antike noch einfache Bänder die Brust stützten, entwickelte sich im 16. Jahrhundert aus weichem Mieder die versteifte »Schnürbrust«. Hier wurde der weibliche Oberkörper erstmals konsequent in eine geometrische Form gezwungen – ein Ausdruck aristokratischer Haltung und Disziplin. Das Korsett war in dieser Ära ein Panzer, der soziale Distanz und Status markierte. Mit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert erreichte der Kult um die Wespentaille seinen Zenit. Dank neuer Techniken wie Metallösen und industriell gefertigter Stäbe wurde das Korsett zum Massenprodukt. Es war nun kein exklusives Privileg des Adels mehr, sondern ein moralisches Muss für jede »anständige« Frau. Doch genau diese extreme Zuspitzung führte zum Umbruch: Die Medizin warnte vor Organschäden, und die Frauenbewegung forderte die Befreiung. Anfang des 20. Jahrhunderts löste sich der feste Griff des Korsetts schließlich auf. Designer wie Paul Poiret und die Erfindung des modernen BHs beendeten die Ära des geschnürten Gefängnisses. Man sieht: Wenn Leiden kein Privileg mehr ist, wird es uninteressant. So beschreibt Roland Barthes 1967 Mode als ein Zeichensystem, also eines, in dem es nicht um Funktion geht, sondern nur um Kommunikationscodes und Symbole: »Ein Kleidungsstück ist ein Träger einer sozialen Bedeutung«. Es ist also kein Wunder, dass fürs Volk immer neue Zumutungen geschaffen werden müssen. Aber nicht immer geht es um Schmerzen oder Einengung. Manchmal lautet die Frage schlicht und ergreifend: Wollt ihr die totale

Unpraktikabilität? Und die Massen schreien Ja. Ein Beispiel dafür sind die Miniaturversionen von It-Bags, die die zehner Jahre dominierten. Taschen wurden plötzlich immer kleiner, bis sie beim Franzosen Jacquemus plötzlich nur noch zwischen Fingerspitzen passten. Wenn man noch nicht mal ein Handy oder eine Kreditkarte transportieren kann, wenn also der demonstrative Verzicht auf Funktion das Zepter übernimmt, dann denken normale Menschen natürlich: Ja, seid’s ihr deppert? Aber nicht die feinen Leute, also jene, die des Soziologen Thorstein Veblen liebstes Forschungsfeld waren. In seiner »Theorie der feinen Leute« aus dem Jahr 1899 konstatiert er: »Kleidung soll nicht nur teuer sein – sie soll auch sichtbar machen, dass ihr Träger keiner produktiven Arbeit nachgeht.«

Das Label Matières Fécales darf nun seit seiner letzten Herbst-Winter-Show als Nachfolger Veblens gelten, die Kollektion heißt »The One Percent« und beschäftigt sich mit den Codes der Eliten. Da werden viel zu enge Bouclé-Kostüme zerfetzt, der New Look von Dior grotesk aufgeblasen (genauso wie Wangenknochen) und die Models in so hohe Plateauschuhe ohne Absatz über den Laufsteg geschickt, dass allein das Zuschauen bei diesem demonstrativen Leiden zur Qual wird. Das Starmodel der Show, Modesammlerin und Brauerei-Erbin Daphne Guinness, berühmt für ihre stets unlaufbaren Schuhe und untragbaren Outfits, stolperte. Legendäre Struggle-Momente auf Türmen lieferte auch schon 1993 Naomi Campbell, die bei einer Vivienne Westwood-Show auf unlaufbaren Plateau-Schuhen einfach umkippte wie eine Statue. Und Lee (alias Alexander) McQueens letzte Kollektion mit dem Titel »Plato’s Atlantis«. Die futuristischen Plattform-Schuhe erinnerten in ihrer stark gebogenen Form eher an Gürteltiere oder Skulpturen. Einige Models weigerten sich, sie zu tragen. Der Körper musste hier nicht nur laufen, sondern architektonische Konstruktionen balancieren, der Fuß steckte quasi vertikal in ihnen. Nichts ist eine größere Zumutung als ein extrem hoher Absatz, nichts steht gleichzeitig mehr für Nichtstun, also Glamour und Macht. Vom gleichen Label, also Alexander McQueen, kamen übrigens auch in den neunziger Jahren die berüchtigten superengen Bumster-Hosen, deren Bund so tief saß, dass sie den Beginn der Gesäßfalte freilegten.

Die Hose begründete die Logik der Low-Rise-Ära der späten neunziger und frühen 2000er Jahre. Man trug Kleidung, die nur dann funktionierte, wenn man seinen Körper permanent kontrollierte, und zwar im Multitask-Modus. Essen war verboten. Sitzen und Bücken. Und Atmen auch.

Es ist mehr als interessant, dass diese Hosen nun wieder da sind (in Demna Gvasalias nächster Winterkollektion für Gucci). Wie überhaupt so viele Zumutungen aus den neunziger Jahren. Damals begann eine Phase, in der das Unwohlsein nicht länger nur Mittel zum Zweck war, sondern zum zentralen Bestandteil modischer Ästhetik wurde; der Heroin-Chic machte es zum ultimativen Ideal, sich nicht nur miserabel zu fühlen, sondern auch so auszusehen. Das Ergebnis war das Streben nach ultimativer Blass- und Dünnheit und eine nie gekannte kollektive Magersucht. Körper, die nicht in Sample Size passten, hatten gefälligst im stinkenden Heroinrauch aufzugehen. Körper hatten sich der Kleidung anzupassen, nicht umgekehrt. Damit verlangte die Mode erstmals eine Form von Disziplin, die weit über die Einengung eines Kleidungsstücks hinausging. Mode schaffte es erstmals, nicht nur den Körper, sondern sogar den Geist zu kontrollieren.

Und die Avantgarde trieb diese Zumutungen unerbittlich weiter. 1997 präsentierte Rei Kawakubo für Comme des Garçons eine Kollektion mit gepolsterten Quasimodo-Kleidern, die den Körper an unerwarteten Stellen verformten. Hüften, Rücken und Bauch wölbten sich plötzlich nach außen. Mode hörte auf, den Körper ins beste Licht zu rücken; sie begann, ihn bewusst zu verfremden. Drei Jahre später ließ Hussein Chalayan Möbelstücke zu Kleidern werden: Ein Tisch verwandelte sich auf dem Laufsteg in einen Rock, Stuhlbezüge wurden zu Kleidern. Kleidung war plötzlich schwer, sperrig und skulptural. Aber natürlich war das von vornherein nicht zum Tragen gedacht, sondern als bissiger Kommentar. Diese Designer sind wahrscheinlich bis heute heimliches Vorbild von Demna Gvasalia, der den Leuten mit seinem Balenciaga ja auch einiges zumutete, zum Beispiel ein Kleid komplett aus Klebeband gefertigt, in das er die dralle Kim Kardashian einwickelte, die sich darin wirklich nur noch sehr langsam bewegte.

Nicht nur Low-Rise-Jeans, Bodycon-Dresses und unlaufbare Schuhe sind nun wieder im modischen Symbolvokabular der Gen Z zu finden. Diese Rückkehr des Struggles ist alles andere als Zufall. Ein banaler Grund ist, dass Mode von Spannung lebt, deren Erzfeind bekanntlich der Komfort ist. Wie der große Lagerfeld sagte, wer eine Jogginghose in der Öffentlichkeit trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Ein Outfit, das sich auf reine Funktion beschränkt, erzeugt selten starke Bilder, vor allem nicht in Zeiten von Social Media und KI. Erst wenn ein Körper kämpfen muss, entsteht die Reibung, von der die Mode sich nährt und mit der sie alle Kanäle bespielt. Und wer bereit ist, Schmerzen zu akzeptieren, signalisiert heute, in einer Welt, in der die Zumutung der Normalzustand ist, Kontrolle. Auch der modische Kommentar in Form körperlich herausfordernder Objekte ist übrigens zurück auf den Laufstegen. Ein besonders drastisches Beispiel lieferte jüngst die Sommer-Show von Maison Margiela, bei der Models metallische Mundstücke trugen, die ihre Lippen offen hielten und ein mechanisches Lächeln erzeugten. Die Mundstücke hatten die Form des legendären Margiela Stitchings, das bis heute als Labelersatz fungiert, und verzerrten die schönen Modelgesichter zu schmerzerfüllten Fratzen. Pieter Mulier hingegen steckte bei Alaia Frauen in Kleider ohne Öffnung für die Arme. Oder zumindest sah es so aus. Und der Newcomer Duran Lantink, jetzt Chefdesigner bei Jean Paul Gaultier, ernannte den nackten, skulpturalen Plastikoberkörper kurzerhand zum tragbaren Top. Der Modekritikerin Vanessa Friedman platzte daraufhin in einem langen Artikel über diese Formen modischen Frauenhasses der Kragen. Mit dem Frauenhass hat sie einen Punkt. Allerdings kommt der nicht von den Designern oder der Mode an sich. Solange Frauen sich selbst hassen, solange sie nach ihnen nicht gegebenen Körper- und Gesichtsidealen streben und dabei die schlimmsten Hässlichkeitsvernichtungswaffen einsetzen – solange wird ihnen die Mode mit größter sadistischer Freude den Spiegel vorhalten. Keine Diktatur ließe sich friedlicher zu Fall bringen, schließlich sind wir das Volk! Leider ein masochistisches.

Longevity ist ein Trend und das neueste Buzzword der Health-Industrie. Gemeint ist damit nicht nur ein längeres Leben, sondern vor allem mehr gesunde Jahre. Während Tech-Milliardäre in die Idee investieren, das Altern aufzuhalten, und dabei mit ihren eigenen Körpern experimentieren, stellt sich die Frage: zu welchem Preis eigentlich?

T Danijela Pilić
K Alex Valentina

Bryan Johnsons Lebensmotto lautet: »Don’t Die«. Dafür gibt der amerikanische Unternehmer jährlich zwei Millionen Dollar aus, schluckt täglich einhundertundelf Kapseln, sammelt Stuhlproben, trägt eine Mütze, die rotes Licht auf seine Kopfhaut strahlt, schläft mit einem winzigen Jetpack am Penis, um seine nächtlichen Erektionen zu überwachen, treibt sieben Tage die Woche Sport, lässt sich per Bluttransfusion Plasma von seinem Sohn injizieren, ernährt sich strikt vegan – und das ist noch lange nicht alles. Dreißig Mitarbeiter begleiten ihn bei diesem 2021 ins Leben gerufenen Projekt namens »Blueprint«. Jede Minute seines Tages ist durchgetaktet. All das mit einem einzigen Ziel: seinen 48-jährigen Körper einem Anti-Aging-Algorithmus zu unterwerfen und seine Organe auf den biologischen Stand eines 18-Jährigen zu bringen. Johnson, ein Self-made-Tech-Millionär, glaubt nämlich, dass der Tod inzwischen keine Notwendigkeit mehr ist, sondern ein technisches Problem, das sich lösen lässt. Er bezeichnet sich als »Rejuvenation Athlete«, also Verjüngungsathlet, und betont, das alles nicht nur für sich zu tun, sondern für die Menschheit im Allgemeinen. Nun muss man keine Zynikerin sein, um zu vermuten, dass ein TechMillionär nicht komplett uneigennützig handelt. Tatsächlich verkauft sein Longevity-Start-up Blueprint eine ganze Reihe von Nahrungsergänzungsmitteln, Haut- und Haarpflegeprodukten sowie Olivenöl (siebenhundertfünfzig Milliliter für fündundreißig US-Dollar!), die angeblich dabei helfen sollen, »gesunde Entzündungswerte aufrechtzuerhalten«.

Soll er natürlich machen, wie er will. Aber zwei Fragen drängen sich auf: Wenn er so gesund ist (seine biometrischen Daten und das Alter seiner einzelnen Organe sind alle auf seiner Website nachzulesen), warum sieht er dann so blass und wächsern aus? Und noch eine Frage: Wie viel hat er eigentlich von seinem Leben? Hat er Spaß und Lebensfreude auch auf dem Plan? Machen die nicht irgendwie auch das Leben aus? Was bedeutet es, lange zu leben, wenn dieses Leben vor allem aus Optimierungsroutinen, Gesundheitsdaten, Tabellen und strikten Regeln besteht?

Bryan Johnson ist natürlich ein Extremfall, aber allein ist er mit seinem Ansatz nicht. Er hat mit einigen anderen bekannten Biohackern, die alle an ihren eigenen Körpern experimentieren, zwei Dinge gemein: erstens sehr viel Geld und zweitens keine Lust, zu sterben. Der Autor Dave Asprey etwa gilt als einer der Väter des modernen Biohackings. Er ist bekannt für seinen mit Butter versetzten »Bulletproof Coffee«, hat angeblich bereits über eine Million Dollar in seinen Körper investiert und will hundertachtzig Jahre alt werden. PaypalMitgründer Peter Thiel finanziert Forschung zur Lebensverlängerung und soll sich Blutplasma von jungen Spendern transfundieren lassen. Neurowissenschaftler und Podcaster Andrew Huberman wiederum betreibt einen, wie er sagt, detaillierten wissenschaftsbasierten Ansatz: Morgensonne, Kältebäder, präzise Schlaf- und Trainingsroutinen sowie ein umfangreiches Supplement-Protokoll. Und OpenAI-Chef Sam Altman investiert in Start-up-Unternehmen, die auf Langlebigkeit und Verjüngung von Menschen setzen.

Man merkt schnell, woher der Wind weht: aus dem Silicon Valley, dessen technische Errungenschaften uns so einige moderne körperliche und geistige Malaisen beschert haben: verbrutzelte Gehirne vom Dauerscrollen, zerschossene Aufmerksamkeitsspannen, Karpaltunnelsyndrome und verspannte Nacken vom Starren aufs Smartphone. Nun konzentrieren sich dieselben Köpfe darauf, uns möglichst lange leben zu lassen. Rund dreizehn Milliarden Dollar flossen inzwischen aus dem Silicon Valley in Start-ups, die Alterungsprozesse verlangsamen oder sogar umkehren wollen. Tech-Milliardäre wollen Longevity, und was Tech-Milliardäre wollen, wollen wir irgendwann alle. Dafür wird der Algorithmus schon sorgen.

Der Begriff Longevity, zu deutsch: Langlebigkeit, tauchte im Englischen bereits im 17. Jahrhundert auf und stand zunächst einfach für ein hohes Alter oder eine hohe Lebenserwartung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich daraus ein wissenschaftliches Forschungsfeld. Mit der Gerontologie (Altersforschung) begannen Wissenschaftler systematisch zu untersuchen, warum Menschen altern und welche biologischen Prozesse dahinterstehen. Heute geht es dabei nicht nur um ein längeres Leben, sondern vor allem um eine längere »Healthspan«, also möglichst viele Jahre bei guter Gesundheit.

Studien zeigen, dass die Lebensdauer zu etwa zwanzig bis dreißig Prozent von der Genetik abhängt und zu rund siebzig bis achtzig Prozent von anderen Faktoren wie Lebensstil, Umwelt und psychosozialen Bedingungen. Was den Lebensstil betrifft, dürfte sich herumgesprochen haben, dass nährstoffreich und kalorienarm Essen, sich regelmäßig Bewegen, nicht Rauchen, Alkohol eher sparsam Trinken und ausreichend Schlafen zu empfehlen sind. Hinzu kommen stabile soziale Beziehungen und möglichst wenig chronischer Stress. Wer so lebt, hat zwar keine Garantie auf ein langes Leben, aber die Chancen stehen deutlich besser, ein hohes Alter zu erreichen und über viele Jahre gesund zu bleiben

Parallel zur medizinischen Forschung hat sich eine Art LongevityLifestyle entwickelt. Immer mehr Menschen versuchen heute, wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in ihren Alltag zu integrieren: Intervallfasten, pflanzenbasierte Ernährung, Kraft- und Ausdauertraining sowie optimierte Schlafroutinen gehören dazu. Hinzu kommt eine wachsende Vermessung des eigenen Körpers. Wearables und Fitnesstracker messen Schlafqualität, Herzfrequenzvariabilität, Stresslevel und Blutzuckerwerte und liefern ständig neue Daten über den eigenen Organismus. Und genau hier offenbart sich die Schattenseite: Denn je messbarer und optimierbarer die eigene Gesundheit erscheint, desto größer kann der Druck werden, permanent alles »richtig« machen zu wollen. Wer eine Nacht schlecht geschlafen hat und keinen Bericht darüber bekommt (man spürt es ja), kann das eventuell leichter wegstecken als jemand, der obsessiv seine Schlafmuster trackt und dem das den Durchschnitt versaut. Manche Menschen überwachen Schlaf, Ernährung und Bewegung so obsessiv, dass aus dem Wunsch nach Gesundheit eine Art Dauerprojekt wird. Und ausgerechnet chronischer Stress gilt selbst als Risikofaktor für zahlreiche Krankheiten. Wer jede Mahlzeit, jede Trainingseinheit und jede Schlafphase bewertet, lebt sicher nicht entspannter und freudvoller. In »Die Kürze des Lebens« (»De Brevitae Vitae«) schreibt der antike Philosoph und Dichter Seneca (ca. 4 v. Chr. bis 65 n. Chr.): »Das Leben, das uns gegeben ist, ist lang genug und völlig ausreichend zur Vollführung auch der herrlichsten Taten, wenn es nur von Anfang bis Ende gut verwendet würde.« Und weiter: »So ist es nun einmal: Wir haben kein kurzes Leben empfangen, sondern es kurz gemacht, keinen Mangel an Lebenszeit haben wir, sondern gehen verschwenderisch damit um.«

Ist es also Verschwendung der Lebenszeit, die Lebenszeit verlängern zu wollen? Einerseits ist der Traum nach dem langen Leben, oder gar nach dem ewigen, so alt wie die Menschheit selbst. All die Früchte, Brunnen und Quellen in der griechischen Mythologie, die ewiges Leben versprachen, hatten, wie man weiß, einen ziemlich großen Haken. Auch wenn heute das Altern zunehmend als lösbares biologisches Problem gilt und die Forschung in den vergangenen Jahrzehnten sehr viele Durchbrüche hervorbringen konnte, bleibt die schwierigere Frage nicht wie lange leben, sondern wie leben. Lohnt sich das Leiden, das man in Kauf nimmt, um länger zu leben? Ist der Kampf gegen das Altern und die Biologie es wert, in Angriff genommen zu werden? Wie weit geht man dabei, mal ausgegangen von dem Fall, kein Tech-Milliardär zu sein? Ist Biohacking Unfug, oder kann man von den Erkenntnissen der Experimente durchaus etwas in sein Leben integrieren? Sind Wearables eine gute Methode, den Überblick über die eigenen biometrischen Daten zu behalten, oder stressen sie mehr, als sie helfen? Ist ein striktes Programm die beste Investition in ein langes Leben, oder verdirbt der Selbstoptimierungsdruck selbiges? Oder ist, um noch einmal auf Seneca zu sprechen zu kommen, das Leben eigentlich lang genug, wenn man es nur richtig zu nutzen wüsste? Die Antworten auf diese Fragen sind wohl so individuell wie die Person, der sie gestellt werden, und, nicht ohne eine gewisse Ironie des Schicksals anzumerken, auch so individuell wie ihre Lebenserwartung.

Nicht von schlechten Eltern

Der Struggle ist real für Eltern. So richtig deep, wie mein Teenie sagen würde. Natürlich ist die Geburt selbst kein Zuckerschlecken. Aber man wird durch Hebammen und Vorbereitungskurse schon sehr betreut auf die möglichen Schmerzen, Dauer und Unvorhersehbarkeiten einer Geburt herangeleitet, sodass es weniger ein struggle als vielmehr unangenehm ist. Auf das, was danach kommt, sind wir allerdings überhaupt nicht vorbereitet. Klar, es gibt Bücher. Schließlich lebt eine ganze Industrie von dem kleinen Zweifel, der ab der Geburt im Hinterkopf nistet: Werde ich es verkacken? Zweifellos, das kann passieren. Vielleicht ist es schon passiert. Und sicher wird es noch passieren. Wir sind fehlerhaft, und so werden wir auch als Eltern einiges verfehlen. Das liegt in unserer Natur. Das wird auch kein Soft-Parenting oder Ähnliches retten können. So kann man getrost die Bücher mit dem Bade ausschütten und sich kopfüber ins Abenteuer »Eltern« stürzen. Was kann schon Schlimmes passieren?

Ella CarinaWerner Vierzig

Gut, dass ich bald vierzig bin. Mit vierzig kann man Dinge tun, die man sich mit zwanzig nicht traut. Zum Beispiel Tassen mit passenden Untertassen kaufen. Ich liebe Tassen mit passenden Untertassen, aber sag das mal mit zwanzig den Leuten in deiner verranzten WG-Küche.

Mit vierzig kann man sich um die Rente sorgen.

Den ganzen Tag um die Rente sorgen, herrlich.

Mit zwanzig kann man das nicht, da wäre man sogar aus der Jungen Union rausgeflogen.

Mit vierzig kann man unbehelligt seine Träume träumen, von einer Karriere als Primaballerina oder Klaviervirtuosin, und niemand ruft:

»

Ja geil, mach doch! Die Welt steht dir offen.

«

Mit vierzig steht dir die Welt überhaupt nicht mehr offen, das ist das Gute. Das nimmt den Druck raus, entspannt. Mit vierzig muss man nicht mehr »fuckable « sein. Verflucht, war das anstrengend, immer dieses »fuckable « sein, in den Schulpausen, in der Uni-Mensa, auch wenn es das Wort früher noch gar nicht gab. »Bums- kompatibel « hieß das damals, wenn ich mich recht erinnere:

»Ella, du musst bumskompatibel sein «, lagen mir meine

Tanten in den Ohren, jeden Tag.

Mit vierzig muss man als Frau nicht mehr andauernd nach einem Stift suchen. Den kann man sich jetzt unter die Brust klemmen und er fällt nicht mehr herunter. Das ist praktisch.

Alternativ geht auch eine Filterzigarette oder ein Schokoriegel. Man kann auch zwei Stifte nehmen, um sich von anderen abzugrenzen. »O, da kommt Ella Carina Werner, die mit den zwei Stiften «, wird es von überall tönen.

Mit vierzig kann man Foxtrott tanzen und makellos Bridge spielen.

Dafür braucht man keinen Kurs zu belegen, das kann man dann von selbst.

Mit vierzig kann man sich einen Jahrzehnte jüngeren Partner angeln, so wie diese coole Sau Brigitte Macron. Mit zwanzig ist das nach unten hin begrenzt. Zwanzig war schlimm. Ich darf gar nicht dran denken. Mit zwanzig musste man immer Tomate-Mozzarella zu Partys mitbringen, sonst kam man gar nicht rein. Tablettweise aufgeschichtetes Tomate-Mozzarella, balanciert auf dem Gepäckträger des klapprigen Hollandrads. Fiel das Tablett auf halber Strecke herunter, galt 107

es, die balsamicodurchtränkten Scheiben vom Bordstein zu kratzen, neu zu platzieren und die schwarzen Geröllsteinchen als grobkörnigen Pfeffer auszugeben.

Mit zwanzig muss man Sachen sagen wie: »Portugal

schön sein «, »Schon

»Wie geil ist das denn

mal

soll echt

Rucola gegessen?« oder

«. Mit vierzig muss man überhaupt nichts mehr sagen. Mit vierzig sitzt man einfach da, schädelt einen Eierlikör nach dem anderen, studiert die ZEIT-Bildungsreisen-Angebote und wartet auf den Tod. Das habe ich zwar auch schon mit zwanzig gemacht, aber jetzt ist es legitimiert.

Mit vierzig sind viele große Fragen oftmals schon gelöst. Zum Beispiel die Verhütungsfrage.

»Pille? Spirale? «, fragt mein fünfundzwanzigjähriger Fantasie-Verehrer.

»Nee, FUB. Finale Unfruchtbarkeit. «

»Wie geil ist das denn«, ruft der Grünschnabel. »By the way, hast du schon mal Rucola gegessen?«

Mit vierzig muss man nicht mehr seine Eltern brauchen. Die brauchen jetzt dich. Guter Egoschub.

Mit vierzig kriegt man die ganzen guten Charakterrollen, in Spielfilmen und auf Familienfeiern.

Mit vierzig darf man die Dinge verniedlichen, darf »Stößchen« sagen und »Weinchen« und »Noch ein Weinchen« und »Klimawandelchen«.

Mit vierzig kann man alles, aber wirklich alles auf die nahenden Wechseljahre schieben, auch die neue SPD-Mitgliedschaft.

Mit vierzig kann man einen Platz im Seniorenstift vorreservieren. Das ist albern, aber immer noch weniger albern, als ungeborene Kinder in Kitas anzumelden.

Ab vierzig ist jede Geburtstagsfeier ein Bergfest.

Mit vierzig kann man in der Schweiz Sterbehilfe beantragen. Mit vierzig bin ich so alt, wie Marilyn Monroe nie war.

Mit vierzig kann man zu Fasching als Ursula von der Leyen gehen oder Ulrike Meinhof.

Mit vierzig muss man nicht mehr Cola-Rum trinken. Mit vierzig lässt

man die Cola einfach weg.

»Ella,

was wünschst du dir eigentlich zum Geburts-

tag?«, fragt meine Schwester.

Meine Schwester ist noch jung, sechsunddreißig.

»Stifte. Nur Stifte«, sage ich gedankenschwer.

»Und Schokoriegel. Eine Filterzigarette, zwei silberne Füllfederhalter, eine Meinhof-Perücke und ein Fläschchen Rumchen.«

Herrlich. Ich freue mich darauf. Nur noch ein paar Tage.

Dafür wird der Algorithmus schon sorgen.

Dafür wird der Algorithmus schon sorgen.

ISABELLE BROURMAN, S. 56–68

Die Künstlerin Isabelle Brourman, Jahrgang 1993, erhielt ihren Bachelor of Fine Arts (BFA) in Kunstgeschichte an der University of Michigan, ihren Master of Fine Arts (MFA) in Malerei und Zeichnung am Pratt Institute. Bekannt wurde sie für ihre ausdrucksvollen Gerichtsskizzen bei Prozessen gegen prominente Angeklagte wie Donald Trump. Sie lebt in New York.

IAN CHILLAG, S. 16–23

Ian Chillag arbeitet als Podcastproduzent und Autor. »Everything is alive« ist eine Interviewserie ohne Drehbuch, in der alle Gesprächspartner:innen leblose Objekte sind. Abgesehen davon, dass die Dinge sprechen können, ist es wie ein Sachbuch: Alles, was uns die Objekte sagen, ist wahr.

ALEXANDER COGGIN, S. 48/49

Alexander Coggin ist ein queerer amerikanischer Künstler, der derzeit in New York lebt. Er wurde im Theater ausgebildet und ist Autodidakt in der Fotografie. Coggin beschreibt sich selbst als »engagierten magischen Realisten«.

BETH FREY, S. 78–82

Beth Frey, Jahrgang 1980, ist eine kanadische interdisziplinäre Künstlerin, deren Praxis Zeichnung, Malerei, Video, Skulptur und Installation umfasst. Ihre Arbeiten erzeugen eine unheimliche Bildsprache zwischen Absurdem und Groteskem und hinterfragen Darstellungen von Geschlecht, Körper und dem Menschlichen. Frey hat einen Masterabschluss in Malen und Zeichnen von der Concordia University sowie einen Bachelor of Fine Arts von der University of Victoria. Sie lebt in Montreal und Mexiko-Stadt.

FROMM STUDIO (JESS MILLER & VINCE IBAY), S. 10–15

Fromm Studio sind Jess Miller und Vince Ibay. Seit 2022 arbeiten die beiden britischen Künstler:innen in ihrem 3D-Illustrations- und Animationsstudio. Sie schaffen farbenfrohe, romantisch-irrelevante Welten, die alte englische Ästhetik mit modernen Technologien wie 3D-Scanning und AI-Motion-Capture verbinden. Die beiden lernten sich an der University of the Arts London kennen. Jess Miller erhielt ihren Bachelor of Arts in Grafikdesign-Kommunikation 2021 am Chelsea College of Arts, Vince Ibay schloss sein Bachelor-Studium in Drawing with Creative Computing am Camberwell College of Arts gleichfalls 2021 ab.

CHRISTIAN GOTTWALT, S. 32–41

Christian Gottwalt, Jahrgang 1968, hat sich als Journalist auf die kurze Form konzentriert. Für das SZ-Magazin konzipierte er einst »Gemischtes Doppel« und »Sagen Sie jetzt nichts«. Für Apollon begann er, Fabeln zu schreiben.

ARNON GRUNBERG, S. 24–29

Arnon Grunberg ist ein niederländischer Autor mit scharfem Blick für Abgründe und Absurditäten. Seine Texte verbinden schwarzen Humor mit schonungsloser Präzision. Er schreibt über Einsamkeit, Macht und die fragile Konstruktion von Identität. Für seinen Roman »Der Mann, der nie krank war« (Kiepenheuer und Witsch, 2014) beriet ihn unter anderem der niederländische Architekt Rem Koolhaas in seinen Recherchen.

BENEDIKT HERBER, S. 48–55

Benedikt Herber wuchs in Oberbayern auf und lebt als Reporter und Literaturkritiker in Hamburg. Seine Reportagen sind in Medien wie der ZEIT, dem Schweizer Magazin oder dem Deutschlandfunk erschienen und reichen von Kriminalfällen bis zur Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte. Er ist Gründungsmitglied von Hermes Baby, der Agentur für Erzähljournalismus.

WERNER HERZOG, S. 42–47

Werner Herzog ist Regisseur, Autor und Chronist des Extremen. Mit unverwechselbarer Stimme kreisen seine Arbeiten um Obsession, Naturgewalt und die »Eroberung des Nutzlosen« (Hanser 2004).

Kurz nachdem der japanische Soldat Hiroo Onoda 1974 aus dem Dschungel kam, wohin die Nachricht, dass Jahrzehnte zuvor der Zweite Weltkrieg geendet hatte, nicht vorgedrungen war, traf Herzog ihn persönlich und verarbeitete dessen Geschichte in »Das Dämmern der Welt« (Hanser 2021) – ein radikales Bild für Ausdauer und Sinnsuche.

FRED LAHACHE, S. 16

Fred Lahache, geboren 1981, ist ein autodidaktischer Fotograf mit Sitz in Paris. Seine hybride Praxis umfasst Porträts, Landschaften, Beobachtungen und Stillleben, die zu narrativen Bildfolgen arrangiert werden und dokumentarische Elemente mit zeitgenössischen Kunstformen verbinden.

THOMAS MAILAENDER, S. 94–104

Thomas Mailaender, Jahrgang 1979, ist ein französischer Multimedia-Künstler, der in Paris und Marseille lebt und arbeitet. Er ist bekannt für den Einsatz vielfältiger Techniken, darunter Keramik, Fotografie, Collage und Installation. Mailaender sammelt Artefakte der Netzkultur – anonyme Amateurfotografien, Internet-Memes und Netztrash –, die er archiviert, weiterverarbeitet und in den Kontext der Hochkultur überführt.

MICAH NACHT, S. 4–9

Micah Nacht wurde 1986 in Niederbayern geboren und ist in der sozialen Arbeit tätig. Der Politikwissenschaftler schreibt Prosa und arbeitet gerade an seinem ersten Theaterstück. Privat beschäftigt er sich mit Botanik und verbringt viel Zeit im Wald.

DANIJELA PILIĆ, S. 86–93

Danijela Pilić ist Autorin, Journalistin und Kolumnistin. Sie schreibt über Mode, Beauty, Zeitgeist, Astrologie und Popkultur, unter anderem für Glamour, Vogue, Cosmopolitan, SZ Magazin und Playboy. Sie wurde in Split an der dalmatinischen Küste geboren und zog, als sie zehn Jahre alt war, mit ihrer Familie nach München, wo sie heute wieder lebt und arbeitet. Bisher hat sie drei Bücher veröffentlicht, zurzeit schreibt sie ihren ersten Roman.

S. 32

Jul Quanouai ist ein französischer Künstler und Illustrator. Er kommt ursprünglich aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Bordeaux und verbrachte seine Kindheit mit französischen und belgischen Comics, bevor er nach Paris ging, um Grafikdesign zu studieren. Seine Werke wurden im Zeit Magazin, Brick Magazine, Baffler, Kapsel Magazin, Lagon Revue, bei Pli Éditions und Drag City Records veröffentlicht und in der RFI Gallery, Galerie m, Colorama, Super-structure und bei Éditions Matière ausgestellt. Er lebt und arbeitet in Toulouse.

LILI RUGE, S. 10–15

Lili Ruge ist Kulturjournalistin und struggelt mit Deadlines, aber nicht mit der Frage, was ihr Urlaubsziel über ihre Identität aussagt. Andersrum wäre es vielleicht einfacher.

VERA SCHRÖDER, S. 72–77

Vera Schröder ist Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung und hat ihren Text für Apollon gerade abgegeben, als die Causa Christian Ulmen platzte.

ALEX VALENTINA, S. 86/87

Alex Valentina ist ein in Mailand ansässiger visueller Künstler und Grafikdesigner. Er ist bekannt für die Verbindung von 3D-Digitalkunst und Fotografie zu surrealen, naturinspirierten und fluid wirkenden Bildwelten. Ursprünglich stammt er aus dem italienischen Forlì und hat einen Hintergrund im Editorial Design und in der Musikproduktion. Seine Arbeiten erschienen unter anderem in Vogue und wurden von verschiedenen Modehäusern in Auftrag gegeben.

ELLA CARINA WERNER, S. 106–109

Ella Carina Werner ist Mitherausgeberin und Kolumnistin des Satiremagazins Titanic. 2020 und 2023 erschienen ihre gefeierten Geschichtenbände »Der Untergang des Abendkleides« (Satyr Verlag) und »Man kann auch ohne Kinder keine Karriere machen« (Rowohlt) sowie 2025 ihr Buch »Der Hahn erläutert unentwegt der Henne, wie man Eier legt« (Verlag Antje Kunstmann) mit feministischen Tiergedichten.

JULIA WERNER, S. 78–85

Julia Werner ist Journalistin und Buchautorin. Sie konzentriert sich auf zeitgenössische Kultur im Allgemeinen und schreibt regelmäßig eine Modekolumne für die Süddeutsche Zeitung.

IMPRESSUM: Apollon der Bayerischen Staatsoper, apollon-dossier.de

HERAUSGEBER

Staatsintendant Serge Dorny (V. i. S. d. P.)

Bayerische Staatsoper, Max-Joseph-Platz 2, 80539 München

KONZEPT & REDAKTION

Martina Borsche, Lukas Kubina, Olaf Roth, Michael Wuerges

PROJEKTMANAGEMENT

Lukas Kubina

LEKTORAT

Katja Strube

ÜBERSETZUNGEN

Martina Borsche (»Everything is alive«)

BILDDRAMATURGIE

Martina Borsche

MITARBEIT

Dramaturgie der Bayerischen Staatsoper

GESTALTUNG

Grid Identity GmbH –

Robert Börsting, Moritz Fuhrmann, Stefan Mader

ANZEIGENLEITUNG

Victoria Jara-Pfister

DRUCK UND HERSTELLUNG

Gotteswinter und Fibo Druck- und Verlags GmbH, München

BILDNACHWEIS

S. 10–15: Fromm Studio

S. 16: Fred Lahache / Connected Archives

S. 32: Jul Quanouai

S. 43/44: Alamy

S. 47: Getty Images / Hulton Archive

S. 48/49: Alexander Coggin

S. 56–68: Isabelle Brourman, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

S. 78–82: Beth Frey, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, »Meg can’t catch a break«, 2025;»mater maris mater terrae«, 2023; »Sister Kathy Blue Dukes«, 2022

S. 86/87: Alex Valentina

S. 94–104: Thomas Mailaender aus seiner Serie »Parental Advisory«

S. 113, Cover, Rückcover: istock

TEXTNACHWEIS

»Ein Opernhaus in Bagdad« ist ein Textauszug aus Arnon Grunbergs Roman »Der Mann, der nie krank war« © 2014 Kiepenheuer & Witsch, Köln. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten.

»Der Kampf geht weiter« ist ein Textauszug aus Werner Herzogs Roman »Das Dämmern der Welt« © 2021 Hanser, München.

»Vierzig« ist ein Text aus Ella Carina Werners Buch »Der Untergang des Abendkleides« © Satyr Verlag, Berlin 2020.

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