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Olten, Donnerstag, 17. August 2023 | Nr. 33 | 91. Jahrgang | Auflage 34 383 | Post CH AG
Finja Basan
Ein Märchen
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Finja Basan, Wahloltnerin und Kommunikationsmitarbeiterin.
(Bild: Remo Buess)
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liebe « Ich meine Mutter… …aber ich kann ihr nicht immer helfen.
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Die im Pfarreiheim ankommenden Lebensmittel müssen sortiert und portioniert werden. (Bild: Achim Günter)
Armut bekämpfen und Food Waste minimieren
TISCHLEIN DECK DICH Seit 20 Jahren gibt der Verein Tischlein deck dich in Olten einmal pro Woche Esswaren an Armutsbetroffene ab – und schlägt damit zwei Fliegen auf einen Streich. ACHIM GÜNTER
H #Alleinerziehend GemeinsamStark Beratung unter: Tel. 031 351 77 71 . info@svamv.ch
ektisch geht es zu und her. Das Stimmengewirr ebbt erst ab, als Mario Schneider in die Runde ruft: «Frauen, wie viele Leute kommen heute?» Werden es 50 sein, vielleicht nur 35? Maximal möglich wären deren 65. So viele Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger der Region Olten sind derzeit im Besitz einer Karte von Tischlein deck dich. Nach kurzer Diskussion einigt man sich auf 45. Die Frage ist mehr als eine Spielerei. Von der geschätzten Besucheranzahl hängen die Portionierungen der angelieferten Lebensmittel ab. Immer am Mittwochnachmittag herrscht im Pfarreiheim St. Martin in Olten Hochbetrieb. Der von der Pfarrei gratis zur Verfügung gestellte Raum dient dem gesamtschweizerisch tätigen Verein Tischlein deck dich als Abgabestelle. Und zwar seit nunmehr 20 Jahren. Der 66-jährige Mario Schneider leitet die Oltner Abgabestelle – allerdings erst seit gut einem Jahr. Vor seiner Pensionierung war der Rickenbacher über Jahrzehnte in leiMario Schneider. tenden Positionen im Detailhandel tätig gewesen. Zu Tischlein deck dich stiess er vor anderthalb Jahren; zu Beginn als einfacher Helfer. «Es ist eine tolle Abwechslung zu den vielen Hobbys, die ich nun pflegen kann. Und eine Win-win-Si-
tuation: Mir macht die Arbeit Freude, und ich weiss, dass ich damit anderen auch eine Freude machen kann.» Bei der Abgabestelle Olten – eine von schweizweit 155 – führt er ein Team mit insgesamt 21 Frauen und drei Männern. An diesem Mittwoch sind neben Schneider neun Frauen vor Ort. «Alles begeisterte Ehrenamtliche, die mit Herzblut gratis für einen guten Zweck arbeiten wollen», erklärt Schneider. Als Leiter ist er neben der Arbeit am Mittwoch auch in der Einsatzplanung, bei Schulungen oder auch bei Mitarbeiterrekrutierungen gefordert. Zwei, drei zusätzliche Personen wären aktuell willkommen. Der Einsatz am Mittwoch dauert stets etwa drei Stunden. Zuerst gilt es die ankommende Ware in Empfang zu nehmen, dann die Lebensmittel zu rüsten, zu zählen und zu portionieren, anschliessend an den Mann oder die Frau zu bringen, ehe es noch Aufräumarbeiten zu erledigen gilt. Der Camion aus dem Verteilzentrum von Tischlein deck dich in Grenchen erreicht Olten jeweils um etwa 14 Uhr. Angeliefert wird vor dem Ablaufdatum stehende, aber noch einwandfreie Ware, die von Grossverteilern gratis zur Verfügung gestellt wurde.
Hilfe erreicht pro Woche rund 200 Leute
Gemäss Tischlein deck dich gelangten in den vergangenen 20 Jahren in Olten mehr als 480 000 Kilogramm gerettete Lebensmittel im Wert von rund 2,9 Millionen Franken in die Einkaufstaschen der armutsbetroffenen Kundinnen und Kunden. Bei denen handelt es sich meistens um Langzeit-Sozialhilfebezüger. Unter Vorweisen ihrer von Sozialämtern ausgestellten Kundenkarte und nach Entrichtung eines symbolischen Frankens haben sie Anspruch auf die an diesem Tag gelieferten Lebensmittel – angepasst auf die jeweilige Haushaltgrösse. Einpersonenhaushalte nutzen das Angebot ebenso wie achtköpfige Familien. Rund 200 armutsbetroffene Menschen erreicht die Lebensmittelhilfe auf diese Weise pro Woche.
Jene Lebensmittel, die am Ende der Verteilung übrigbleiben, werden der Oltner Gassenküche weitergegeben. Food Waste, also das Wegschmeissen von Lebensmitteln, soll nach Möglichkeit komplett vermieden werden. Schneiders Team muss zahlreiche Vorschriften einhalten. Und über alles wird minutiös Buch geführt. So kann dokumentiert werden, dass 2022 in Olten genau 27 334 Kilogramm Nahrungsmittel durch Tischlein deck dich abgegeben wurden. Das Nahrungsmittelangebot ist durchaus breit. Man kann sich aber nie darauf verlassen, dass man dieses oder jenes mit Bestimmtheit kriegt. Denn was jeweils angeliefert wird, ist immer eine Überraschung. Die Palette der angebotenen Waren kann von Woche zu Woche stark variieren. Und ganz wichtig: Tischlein deck dich kauft nichts hinzu. «Darum ersetzt das, was wir tun, auch keinen Wocheneinkauf», so Schneider. Häufig im Angebot finden sich etwa Gemüse oder Früchte, diverse Milchprodukte, Mehl, Kaffee, auch Brot oder Fleisch. «Manchmal sind durchaus wertvolle, hochpreisige Produkte dabei», weiss Schneider. Entsprechend dankbar seien die meisten Abnehmer. «Es dürfte ihr Budget ziemlich entlasten.» Bei unserem Besuch fällt die Lieferung aus Grenchen bescheiden aus. Statt wie üblich sechs, sieben Container werden bloss deren vier angeliefert. Weniger als eine Stunde nach Anlieferung haben die im Einsatz stehenden Helferinnen ganze Arbeit geleistet. Alles ist fein säuberlich bereitgelegt. Wenig später beginnt schon die Abgabe an die wartende Kundschaft. Der erste Kundenname wird aufgerufen. Übrigens: Die Zahl 45 scheint etwas hoch gegriffen. Um 15 Uhr warten noch keine 30 Personen auf dem Vorplatz des Pfarreiheims. Mario Schneider aber weiss: «Es kommen immer auch welche erst später.» Und tatsächlich: Am Ende sind es 43. Fast eine Punktlandung also. w w w. t i s c h l e i n . c h
ber das kennst du doch auch aus Deutschland, oder?», war eine Frage, die ich in den letzten Wochen hörte, wenn ich mich über die Bundesfeiertradition und den Nationalstolz mit all den dazugehörigen Fahnen austauschte. Nein, ehrlich gesagt kenne ich das nicht aus Deutschland. Der «Tag der Deutschen Einheit» bedeutet im Alltag meist einfach einen freien Tag. Reden, Festmusik und Fahnen, die fröhlich im Wind wehen, gehören nicht dazu. Während einige am 1. August in Olten gar zu wenige Fahnen vermuteten, war in Deutschland bis 2006 oft schon eine Fahne eine zu viel. Dann gaben uns der Fussball und sein «Sommermärchen» das erste Mal die Gelegenheit, ohne schlechtes Gewissen die deutschen Farben zu zeigen. Doch ein Märchen bleibt ein Märchen, und so verschwanden die Fahnen danach wieder in den Schubladen. Eine Fahne am Balkon ist abseits von Fussballromantiken kaum vorstellbar. Denn unsere Geschichte prägt uns. Auch meine Generation, die die Kriegszeit nur noch aus dem Geschichtsbuch oder von Erzählungen der Gross- und Urgrosseltern kennt. Schwarz-rot-goldene Fahnen führen abseits des Sports immer noch schnell dazu, der falschen Partei zugeordnet zu werden. Dabei heisst es so schön: «Man kann nur von anderen geliebt werden, wenn man sich selbst liebt». Doch die Liebe zum eigenen Land ist oft ein Balanceakt. Denn während Patriotismus heisst, sein eigenes Land zu lieben und offen für andere zu bleiben, werden beim Nationalismus die anderen abgewertet. Und damit uns Deutschen letzteres nicht unterstellt wird, haben wir die Liebe zum Land wohl lieber einfach verlernt. Doch als ich mich vor zwei Wochen nach meiner Bundesfeierrede in Wangen bei Olten auf einer rot-weissen Fahne verewigen darf, erlebe ich hautnah wie dieser Balanceakt gelingt. Denn in dem Moment fühle ich mich vor allem eins: willkommen.