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06_2023_Stadtanzeiger_Olten

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Olten, Donnerstag, 9. Februar 2023 | Nr. 6 | 91. Jahrgang | Auflage 34 383 | Post CH AG

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Josef Bründler, Guardian des Kapuzinerklosters Olten, trägt den Schliessungsentscheid mit Fassung: «Wir würden uns bloss das Leben schwer machen, wenn wir über unsere Oberen schimpfen oder in eine Art Schockstarre verfallen würden.» (Bild: Achim Günter)

«Es handelt sich um gegenseitige Liebe»

KAPUZINERKLOSTER Guardian Josef Bründler äussert sich zum Schliessungsentscheid, zur Zukunft des Hauses und zu derjenigen der acht verbliebenen Brüder. ACHIM GÜNTER

Abgezeichnet hat es sich schon länger, seit kurzem ist es offiziell: Die Kapuzinerbrüder werden Olten verlassen. Nach Ostern 2024 ist es so weit. Bruder Josef: Die Zeit vor dem Kommunizieren des Entscheides war relativ schwierig. Wir mussten schon länger mit der Frage nach der Zukunft des Klosters leben. Nicht selten wurden wir gefragt: «Wie viele seid ihr noch?» Ich habe dann jeweils zurückgefragt: «Was heisst denn noch?» Schliesslich sind wir noch immer eine lebendige Familie. Aber unser Problem ist natürlich die Überalterung. Unser jüngstes Mitglied wird in diesem Jahr 78 Jahre alt. So haben wir selber gemerkt, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Seitdem wir nun das Gespräch mit unserem Ordensoberen, unserem Provinzial, geführt haben und der Schliessungsentscheid öffentlich gemacht wurde, ist das für uns lösend. Sie empfinden es als befreiend? Ja. Nun können wir darüber reden, und das tut schlicht und einfach gut.

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Als Guardian waren Sie in die ganze Entscheidfindung eingebunden. Wurden noch andere Möglichkeiten als die Schliessung diskutiert? Als wir merken mussten, dass die Zukunft des Klosters gefährdet ist, machten wir eine Eingabe ans Provinzkapitel, um

hier ein sogenanntes Weltkloster zu schaffen. Die Idee hätte darin bestanden, in Olten eine Weltordensgemeinschaft anzusiedeln, also Kapuziner aus verschiedenen Erdteilen. Das wurde jedoch im vergangenen Sommer durch das Provinzkapitel angelehnt. Eigentlich eine sehr schöne Idee. Ja, die Idee ist nach wie vor gut. Aber das Problem ist, dass diese Idee momentan im gesamten Orden an verschiedenen Orten projektiert ist. Aber halt nicht für den Standort Olten. Soll die Idee denn andernorts in der Schweiz umgesetzt werden? Wahrscheinlich nicht. Meines Wissens gibt es entsprechende Pläne für Deutschland oder Belgien. Auf europäischem Boden gibt es derzeit noch keine Weltordensgemeinschaften. Das war die einzige andere Möglichkeit, die diskutiert wurde? Nein. Eine weitere Option war die Schaffung eines ökumenischen Stadtklosters, eine Anregung des reformierten Pfarrers in Wangen. Aber wir können über dieses Gebäude nicht verfügen, denn es gehört nicht uns, sondern dem Kanton. Deshalb liessen wir diese Idee dann fallen. Zudem hätten dafür zuerst bauliche Anpassungen gemacht werden müssen. Wieso hat man sich für ein Ende an Ostern 2024 entschieden? Unsere Familie, also wir verbliebenen acht Brüder, formulierten die Absicht, im Jahr 2023 noch voll präsent zu sein, sämtliche unserer Aufgaben bis Ende Dezember gegen aussen wahrzunehmen. Ab 2024 nehmen wir keine Aufgaben gegen aussen mehr wahr. Der interne Betrieb läuft aber weiter, inklusive Klostergottesdienst an Werk- und Sonntagen. Nach Ostern soll dann der

Schnitt vollzogen werden, so dass wir ab dann genügend Zeit haben werden, um das Gebäude zu räumen und unsere Umzüge vorzubereiten. Eine frühere Schliessung war also keine Option? Nein, das hätte ich gar nicht gut gefunden. Dafür sind wir viel zu sehr vernetzt und eingebunden in die Seelsorge der Region Olten. Dass der Entscheid jetzt gefällt wurde, hängt mit den zwei bevorstehenden grossen Fasnachtsessen zusammen, zu denen wir zum Beispiel jeweils die Kantons- und Stadtregierung einladen. Ich hätte auf keinen Fall gewollt, dass wir bei diesen beiden Essen Ahnungslosigkeit hätten vorgaukeln müssen, ehe kurze Zeit später unser Abschied verkündet worden wäre. Das hätte ich als unfair empfunden. Ich will, dass wir bei diesen beiden Fasnachtsessen Klartext reden dürfen. Was glauben Sie: Ist die Schliessung des Kapuzinerklosters einschneidender für die Brüder oder für die Stadt? (lacht) Sie dürfte für beide Seiten einschneidend sein. Ich persönlich bin seit fast 22 Jahren in Olten zuhause und fühle mich hier beheimatet und akzeptiert. Es handelt sich um eine gegenseitige Liebe zwischen Olten und dem Kapuzinerkloster. In den Reaktionen, die uns nun erreichen, zeigt sich grosses Bedauern über unseren Weggang. Und auch für uns ist es gar nicht einfach, Olten zu verlassen. Aber wir versuchen, der ganzen Sache positiv zu begegnen. Alles andere nützt uns nichts. Wir würden uns bloss das Leben schwer machen, wenn wir über unsere Oberen schimpfen oder in eine Art Schockstarre verfallen würden. Das würde auch unserer Grundhaltung widersprechen. Fortsetzung auf Seite 3

ich verfolgen Tag für Tag schlimmste Zukunftsprognosen. Um die Welt steht es schlecht, schallt es aus dem Radio und steht es in der Zeitung. Politikerinnen, Medien und Bewegte malen schwarz, reden über stets neue Krisen und schimpfen über die alten weissen Männer. Die Älteren ihrerseits schnöden über die faulen, untreuen Jungen, die nichts auf die Reihe kriegen, nur noch ihr Leben optimieren und, wenn überhaupt, im besten Fall zu Teilzeitarbeit bereit sind. Als Freigeist lasse ich mir meine Lebensfreude aber nicht verderben. Olten ist ja immerhin schon seit 7000 Jahren besiedelt. Das macht in etwa 280 Generationen von Oltnerinnen und Oltnern, die auf diesem besonderen Flecklein Erde leben durften und bis anhin alle Herausforderungen meisterten. So haben etwa unsere Vorfahren Modernisierung und Industrialisierung vorangetrieben oder das zerstörte Europa wieder aufgebaut. Auch wir werden zusammen mit unseren Kindern den richtigen Umgang mit Arbeitskräftemangel, Zuwanderung, Digitalisierung und Umwelt finden. Und dass die jüngeren Menschen bequem sind, stimmt einfach nicht. An meinem Arbeitsplatz, in der Politik oder daheim in Olten, immer wieder treffe ich so viele junge Menschen, die Hervorragendes leisten. So schwingen zum Beispiel Meisterköchin Mirian und Meisterkoch Cedric in der Oltner Schlosserei seit Jahren den Kochlöffel. Die zwei begeistern mit Kreativität und Qualität und sind gerade mal gut 25 Jahre jung! Also liebe Oltnerinnen und Oltner: Werdet ihr das nächste Mal vom Zukunftspessimus geplagt, klebt euch nicht ans Stadthaus, sondern macht euch auf die Socken. Wandert durch den Bannwald zum Dickenbännli, geniesst in Ehrfurcht und Gelassenheit die 7000-jährige Kraft unserer Ahnen und kehrt auf dem Heimweg bei Mirian und Cedric ein. Ich bin sicher, ihr werdet an diesem Abend voller Zuversicht und Freude zu Bett gehen.


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