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Für Eleonore & Lilly


R U D I PA L L A

U N T E R B Ă„U M E N Begegnung mit den grĂśĂ&#x;ten Lebewesen


Mein lieber Max, ich sitze unter dem Verandendach, vorn will es zu regnen anfangen, die Füße schütze ich, indem ich sie von dem kalten Ziegelboden auf eine Tischleiste setze und nur die Hände gebe ich preis, indem ich schreibe. Und ich schreibe, daß ich sehr glücklich bin und daß ich froh wäre, wärest Du hier, denn in den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken man Jahre lang im Moos liegen könnte. Adieu. Dein Franz Franz Kafka, Ansichtskarte an Max Brod aus Spitzberg im Böhmerwald, 18. September 1908


I N H A LT

9 .. .... ... .... Die Entdeckung der Bäume 27 . ... .... ... .. Die Platane des Hippokrates 35 . ... .... ... .. Der Baum des Müßiggangs 47 . ... .... ... .. L’Arbre du Ténéré 51 .. .... ... .... Die »Breite Föhre« 57 ... ... .... ... Johnny Appleseed 67 .... ... .... .. Fichtendämmerung 81 . .... ... .... . Giants in the Earth 93 . .... ... .... . Der weinende Baum 105 . ... .... ... .. Der Baum des Himmels 111 ... .... ... ... Fürsten des Pflanzenreiches 123 ... ... ... .... Vom Brotbaum 133 ... ... ... .... Belaubte Phallen 141 ... ... .... ... Die Jagd nach dem Chaulmoogra-Baum 147 .. .... ... .... Der Eukalyptus 157 ... ... ... .... Der Baum mitten in der Welt 165 .. .... ... ... . Die Douglasie 173 .. ... ... .... . Der Entenfußbaum 183 ... .... ... ... Die Kastanien 191 ... .... ... ... Der Marsch ins Reich der Caoba 201 ... .... ... ... Der Baum des Friedens 211 ... .... ... ... Nachrede 214 ... .... ... ... Literaturhinweise 218 .... ... ... ... Zitatnachweise 220 .... ... ... ... Baum- und Personenregister


Wer sich herausgerettet aus der stürmischen Lebenswelle, folgt mir gern in das Dickicht der Wälder. Alexander von Humboldt, aus der Vorrede zu »Ansichten der Natur«, 1807

DI E E N T DECK UNG DER BÄUM E An einem klaren, windstillen Novembertag in Myanmar: Früh am Morgen verlasse ich Mandalay, die alte Königsstadt am Ayeyarwady-Fluss, um einen Abstecher zu der in allen Reiseführern als Sehenswürdigkeit beschriebenen U-Bein-Brücke zu unternehmen. Nach einer kurzen Autofahrt Richtung Süden auf der Straße nach Sagaing erreiche ich Amarapura, eine Kleinstadt, die beherrscht wird von einer weitläufigen buddhistischen Klosteranlage und unzähligen Touristen, die wie ich die mehr als zweihundert Jahre alte Brücke sehen wollen, welche sich auf Stelzen über den Taungthaman-See erstreckt. Die Attraktion ist nicht ihr Alter, sondern die Länge von 1,2 Kilometern. Pfeiler und Bohlen der einfachen Konstruktion sind aus grob bearbeitetem Teakholz, das, so heißt es, einst aus abgerissenen königlichen Residenzen in den Nachbarorten Inwa und Sagaing geborgen und hergeschafft wurde. Die Brücke gleicht mehr einem endlosen Steg und führt zu einer mehrstöckigen Pagode, deren Umrisse ich in der dunstgrauen Luft erkennen kann. Die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel, und der Wirbel auf der Brücke ist groß. Einer Ameisenstraße gleich ziehen die Touristenscharen über den schmalen Steg, begleitet von fliegenden Händlern, die billige Souvenirs feilbieten, vorbei an bettelnden Männern und Frauen, die auf den Planken sitzen und stumm ihre Hände aufhalten. Ich rette mich in den Schatten eines kurzen, überdachten Brückenstücks, probiere von dem Palmwein, der hier verkauft und aus halbierten Nussschalen, so groß wie Eierbecher, getrunken wird. Die Nuss, erfahre ich auf meine Frage, stammt von der Palmyrapalme, ebenso wie der Wein, der aus dem Saft ihrer jungen Blütenstände vergoren wird. Die animierende Wirkung des Palmweins und der milchige Glanz der Wasserfläche, in der sich mein Blick verliert, lassen mich für einen Augenblick den Lärm der Welt vergessen. Ich betrachte einen einzelnen Baum, der sich in einiger Entfernung

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aus dem See erhebt. Seine dichte Krone spiegelt sich wie eine dunkle Wolke auf dem glatten Wasser. Gemächlich treibt ein Fischerboot an dem Baum vorbei und hinterlässt eine gekräuselte Spur auf der Spiegelung. Wenig später sitze ich unter dem mattgrünen Kronendach hoher Butterbäume an einer der zahllosen Buden am Seeufer, trinke Tee und lasse Tamarindenplättchen langsam auf der Zunge zergehen, die einen süßsauren Geschmack hinterlassen. Ich merke, dass die fast märchenhafte Erscheinung des Baumes im See in meinem Kopf etwas in Bewegung gesetzt hat, eine vage Idee, nicht mehr. Mir kommt ein Romanbeginn in den Sinn, für mich einer der berührendsten, jener von Jurek Beckers »Jakob der Lügner«: »Ich höre schon alle sagen, ein Baum, was ist das schon, ein Stamm, Blätter, Wurzeln, Käferchen in der Rinde und eine manierlich ausgebildete Krone, wenn’s hochkommt, na und? Ich höre sie sagen, hast du nichts Besseres, woran du denken kannst, damit sich deine Blicke verklären wie die einer hungrigen Ziege, der man ein schönes fettes Grasbüschel zeigt? Oder meinst du vielleicht einen besonderen Baum, einen ganz bestimmten, der, was weiß ich, womöglich einer Schlacht seinen Namen gegeben hat, etwa der Schlacht an der Zirbelkiefer, meinst du so einen? Oder ist an ihm jemand Besonderer aufgehängt worden? Alles falsch, nicht mal aufgehängt? Na gut, es ist zwar ziemlich geistlos, aber wenn es dir solchen Spaß macht, spielen wir dieses alberne Spiel noch ein bißchen weiter, ganz wie du willst. Meinst du am Ende das leise Geräusch, das die Leute Rauschen nennen, wenn der Wind deinen Baum gefunden hat, wenn er sozusagen vom Blatt spielt? Oder die Anzahl an Nutzmetern Holz, die in so einem Stamm steckt? Oder du meinst den berühmten Schatten, den er wirft? Denn sobald von Schatten die Rede ist, denkt jeder seltsamerweise an Bäume, obgleich Häuser oder Hochöfen weit größere Schatten abgeben. Meinst du den Schatten? Alles falsch, sage ich dann, ihr könnt aufhören zu raten, ihr kommt doch nicht darauf. Ich meine nichts davon, wenn auch der Heizwert nicht zu verachten ist, ich meine ganz einfach einen Baum. Ich habe dafür meine Gründe.« Wie andere Menschen auch, bewundere ich Bäume; nicht sehr kompetent, was die botanischen Kenntnisse betrifft, betrachte ich mich gleichwohl als Baum-Aficionado, der gelegentlich schöne Blätter und Früchte sammelt, sie trocknet und aufbewahrt, und der ehrgeizig bestrebt ist, mög-

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lichst viele Baumarten zu erkennen. Bäume sind nicht nur die größten, sondern auch die eindrucksvollsten Pflanzen, die sich auf der Erde entwickelt haben. Eine Allerweltserkenntnis. Aber ihr Ursprung? Die ersten Wälder, lese ich, entstanden vor etwa dreihundertachtzig Millionen Jahren, im Devon des Erdaltertums. Sie bestanden aus Schuppenbaumgewächsen, Schachtelhalmen und Baumfarnen, die sich im Karbon in feuchtheißen Sumpflandschaften zu riesenhaften Gewächsen entwickelt hatten, aus denen die großen Steinkohleablagerungen der nördlichen Erdhalbkugel entstanden sind. Bis heute hat uns die Evolution mehr als achtzigtausend Arten Laub- und Nadelbäume beschert. Die höchsten, Eukalyptus- und Mammutbäume, ragen hundert Meter und mehr in die Höhe, und als die ältesten noch lebenden Bäume, die knorrigen Grannenkiefern hoch oben in den White Mountains von Kalifornien, aus den Samen keimten, ging gerade die jüngere Steinzeit zu Ende. Was in Myanmar am Ufer des Taungthaman-Sees unter Butterbäumen (die, wie ich jetzt weiß, Madhuca longifolia heißen) übermütig als Idee geboren wurde, entwickelte sich nach meiner Heimkehr zu einer verwegenen Ambition: nämlich dem labyrinthischen Vorrat an Werken über Bäume ein weiteres, möglichst im leichten Ton, hinzufügen zu wollen. Was mir vorschwebte, war, einige meiner alten, guten, flüchtigen Bekanntschaften unter den größten Lebewesen, drapiert mit allerlei Geschichten, vorzustellen, mithin eine sehr persönliche Auslese von Bäumen, die mit Personen oder Erzählungen eng verknüpft sind oder als Abbildungen haften blieben; solche, die mir in Büchern begegneten oder mir auffielen, weil sie in der Welt- oder Kulturgeschichte ein wichtiges Requisit waren. Kurzum, ich habe mich zu diesem Buch entschlossen, das mit einem Streifzug seinen Anfang nimmt. Die Literatur ist so reichhaltig wie unüberschaubar, Literatur über fabelhafte Bäume, die einst in fernen, noch unbekannten Ländern von Reisenden, Naturforschern, Missionaren, Händlern oder Seefahrern entdeckt und, weil sie so anders waren als unsere Tannen, Eichen oder Linden, fassungslos bestaunt wurden. Kaum hatten die entschlossenen Entdecker ihren Fuß auf neues Land gesetzt, brachen sie in helle Begeisterung aus über urwüchsige Wälder und seltene Pflanzen, glaubten sich, wie LouisAntoine de Bougainville schrieb, in den Garten Eden versetzt. Im Fieber ihrer Funde und Beobachtungen vermeinten manche sogar wundersame

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Bäume gesehen zu haben, solche, deren Blätter sich im Herunterfallen in Vögel verwandelt, oder andere, die statt Früchten Lämmchen hervorgebracht hätten. Tausende von neuen Baumarten wurden seitdem als Sämlinge oder Schösslinge aus anderen Erdteilen und Ländern nach Europa gebracht, wo sie in botanischen Gärten, Parks, aber auch in freier Natur kultiviert wurden, wie der Pagodenbaum (Sophora japonica) aus dem südöstlichen Asien, der Blauglockenbaum (Paulownia tomentosa) aus China, der Ginkgo (Ginkgo biloba) aus Japan, der Trompetenbaum (Catalpa bignonioides) aus Nordamerika oder der Blaugummibaum (Eucalyptus globulus) aus Australien, um nur einige der bemerkenswertesten Arten zu nennen. Die ersten Reisenden, die auf dem Landweg in das Innere Asiens gelangten und darüber berichteten, waren Franziskanermönche. Der gebürtige Flame Wilhelm von Rubruk zum Beispiel, der von Ludwig IX., dem Heiligen, von Frankreich an den Hof des Großkhans entsandt wurde, um diplomatische Kontakte herzustellen (was misslang), hielt sich 1254 in Karakorum, der damaligen Hauptstadt des Mongolenreiches, auf und lieferte die ersten zuverlässigen Informationen über die Verhältnisse am Hof und in der geheimnisumwitterten Stadt. Ein anderer Missionar, der aus Böhmen stammende Odorich von Pordenone, bereiste China und Indien zwischen 1320 und 1330. Obwohl der Franziskaner stets darauf pochte, dass alles, was er berichtet habe, wahr sei, tauchen in seinen Beschreibungen immer wieder rätselhafte Erscheinungen auf. So hörte er von einer Insel, auf der wunderbare Bäume wüchsen, die Honig, Wein und Wolle hervorbrächten. Oder dass es an der indischen Malabarküste Bäume gebe, auf denen statt Früchten Männlein und Weiblein wüchsen, die kaum eine Elle hoch seien und sich mit den Beinen am Stamm festhielten. Ihre Körper blieben so lange frisch, als ein Wind wehe, wenn er sich aber lege, verdorrten sie. Kaum ein anderer mittelalterlicher Reisebericht (außer vielleicht Sir John Mandevilles »Travels«, der aber als Lügenmärchen entlarvt wurde) erregte größere Aufmerksamkeit als die »Beschreibung der Welt« des Venezianers Marco Polo. In Stephen Greenblatts Buch »Wunderbare Besitztümer« habe ich eine Notiz gefunden, wonach Christoph Kolumbus’ Sohn Fernando berichtete, einer der Gründe, die seinen Vater zu seiner Reise veranlaßt hätten, seien die Bücher von Marco Polo und John Mandeville gewesen. (Kolumbus’ mit Randnotizen versehenes Exemplar der »Beschrei-

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bung der Welt« wird heute in der Biblioteca Capitular Colombina von Sevilla aufbewahrt.) Im Jahre 1271 brachen die Kaufleute und Brüder Niccolò und Maffeo Polo in der Hoffnung auf gewinnbringenden Handel zu ihrer zweiten Reise in den Fernen Osten auf, diesmal allerdings in Begleitung von Niccolòs siebzehnjährigem Sohn Marco. Erst vierundzwanzig Jahre später, 1295, kehrten sie heim in die Lagunenstadt, nachdem sie Tausende Kilometer durch Persien, China, Indien und den südostasiatischen Archipel zu Land und zu Wasser zurückgelegt hatten. Marco Polos Reisebericht ist, wie im Prolog verraten wird, ein Gemeinschaftswerk; darin heißt es, »im Jahre 1298 nach Christi Geburt, als er [Polo] zusammen mit Messer Rusticianus von Pisa [Rustichello] im selben Gefängnis zu Genua saß, bat er diesen, alles aufzuschreiben, was er ihm erzähle«. (Bei einem der Handelskriege zwischen Venedig und Genua waren Polo und Rustichello in Gefangenschaft geraten.) Über Rustichello weiß man sehr wenig, außer daß er aus Pisa stammte, Ritterromane verfasste und vermutlich einen Teil seines Lebens außerhalb Italiens verbrachte. Von dem handschriftlichen Urtext, der nicht erhalten ist, wurden im Laufe der Zeit zahlreiche Kopien angefertigt, was naturgemäß zu erheblichen inhaltlichen Unterschieden führen mußte. Vieles in dem Bericht bleibt rätselhaft, ungenau, verworren, wie Polo-Experten anmerken, ja manche Ostasienforscher äußerten sogar Zweifel an dessen Wahrheitsgehalt. Auf mich jedoch üben Marco Polos »Wunder der Welt«, wahr oder nicht wahr, immer noch einen großen Reiz aus; in seinem Bericht finden sich einige bemerkenswerte Baumentdeckungen. Auf dem Weg in die Hauptstadt Canbaluc (das heutige Peking), in der Kublai, Großkhan der Mongolen, residierte, durchquerten die Polos den Iran und erreichten die »bedeutende Mohammedanerstadt« Kuhbonan, die Marco Cobinan nennt und in der »große, glänzende Metallspiegel« und »Tutia, der Grundstoff für gute Augenzinksalbe« hergestellt wurden. »Die Wüste hinter Cobinan« (womit die Salzwüste Lut gemeint war), heißt es im vierzigsten Kapitel, »erstreckt sich über acht Tagereisen. Es ist unsäglich trocken dort, Früchte reifen keine, Bäume wachsen keine, und das Wasser ist ungenießbar. Daher muß man alles Essen und Trinken mitnehmen. […] Am Schluß des achten Reisetages gelangt man nach Tonocain [das heutige Khorasan]. Das ist die nördlichste persische Provinz mit zahlreichen Städten und wichtigeren Ortschaften. In der Tonocainischen Ebene wächst

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der Einsame Baum, von den Christen der Dürre Baum genannt. Ich will ihn beschreiben: er ist groß und weit ausladend, auf der einen Seite sind die Blätter grün, auf der anderen weiß. Seine Früchte sehen aus wie Kastanien, doch die Schalen sind leer. Das Holz ist hart und gelb wie Buchsbaumholz. In der Entfernung von hundert Meilen gibt es keine Bäume, außer in einer Richtung, da beträgt der Abstand nur zehn Meilen. Die Bewohner von Tonocain erzählen, in dieser Ebene habe die Schlacht zwischen Alexander [dem König von Mazedonien] und Dareios [dem Perserkönig] stattgefunden.« (Was nicht stimmt, denn die Schlacht fand 331 v. Chr. bei Gaugamela, in der Nähe des heutigen Mosul, statt.) Marco Polo beschreibt hier vermutlich einen realen Baum, der nach Sir Henry Yule, einem seiner Biographen, eine Platane gewesen sein könnte, wahrscheinlich der Art Platanus orientalis. Die Bezeichnung »Dürrer Baum«, die Marco erwähnt, wird mit dem Alexanderroman in Verbindung gebracht, dessen Stoff dem Literaten Rustichello vermutlich bekannt war. Es handelt sich dabei um die sagenhafte Ausgestaltung der Taten Alexanders des Großen, die in der frühen morgen- und abendländischen Literatur zur Legende geworden waren. Auf Sumatra, wo sich Marco, wie zu lesen ist, fünf Monate lang aufhielt und anfangs fürchtete, von den Insulanern aufgefressen zu werden, fand er nicht nur die »besten Fische der Welt«, sondern auch ein Getränk, das er als Wein bezeichnete und das von Bäumen stammte, die wie kleine Dattelpalmen aussahen. Die Einheimischen kappten die Blätter (Marco nennt sie Äste) vom Stamm und befestigten an den Stümpfen ziemlich große Gefäße. »Ihr dürft mir glauben«, so Marco, »nach einem Tag und einer Nacht sind die Gefäße gefüllt mit einem wohlschmeckenden Wein.« Wenn aus den Schnittwunden keine Flüssigkeit mehr tropfte, holten die Leute Wasser, um den Baum zu begießen, worauf nach kurzer Zeit wieder Wein floß. Nach der Beschreibung, die sehr ungenau ist, kann nur Palmwein gemeint sein, vermutlich von der Zuckerpalme (Arenga pinnata) oder der Palmyrapalme (Borassus flabellifer). Normalerweise wird nicht die Schnittwunde, sondern der Blütenstand der Palme angezapft, um den Saft zu erhalten, der anschließend zu Wein vergoren wird. Im Königreich Fansur, das sich an der Südwestküste von Sumatra befand, berauschten sich die Bewohner ebenfalls mit Palmwein, und sie gewannen Mehl aus Bäumen, wie Marco erstaunt beobachtete. »Es gedeihen

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hier Bäume, die außerordentlich groß und dick und innen voller Mehl sind. Das Mehl findet man unter einer dünnen Rinde.« Dieses sogenannte Mehl wurde nach Marcos Beschreibung in wassergefüllte Tröge geschüttet und die Brühe mit einem Stock umgerührt. Danach goss man das Wasser ab, würzte den am Boden zurückbleibenden Brei und buk daraus Kuchen, der, wie Marco betonte, »sehr gut mundete«. In den Anmerkungen zu meiner Polo-Ausgabe lese ich, dass es sich bei den sagenhaften »Mehlbäumen« um Sagopalmen (Metroxylon sagu) handeln dürfte, aus deren Mark die Stärke ausgewaschen wurde. Im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts konkurrierten viele Staaten um neue Kolonien im pazifischen Raum. Louis-Antoine de Bougainville, der 1766 von Nantes aus zur ersten Weltumseglung unter französischer Flagge startete, sprach offen die Beweggründe aus: »Alle Reichtümer der Erde gehören Europa, das die Wissenschaften zum Souverän der anderen Weltteile gemacht haben«. Sein Credo: »Gehen wir daran, diese Ernte einzubringen.« Bougainville dachte dabei an »tausend Reichtümer«, zu denen Kaffee, Zucker, Kakao, Indigo, Ambra, Perlmutter, Gewürze, Gold, Silber und Edelsteine gehörten. Gleichzeitig mit dem Bestreben, Kolonien zu erwerben, wuchs das leidenschaftliche Interesse an der Erforschung der Natur. An Bord der Expeditionsschiffe befanden sich neben Offizieren und Seeleuten stets namhafte Naturwissenschaftler, die sammelten und präparierten, und Zeichner, die Menschen, Landschaften, Tiere und Pflanzen naturgetreu darstellten. Joseph Banks, ein begeisterter Botaniker und späterer Präsident der Royal Society, und der schwedische Linné-Schüler Carl Solander begleiteten Kapitän James Cook auf seiner ersten Weltumseglung (1768–1771) mit der »Endeavour« (deren Hauptzweck es war, von Tahiti aus 1769 den VenusDurchgang vor der Sonnenscheibe zu beobachten, um die Entfernung von der Erde zur Sonne präzise berechnen zu können) und brachten einen fantastischen Schatz botanischen und zoologischen Materials mit. Cook und seine Entourage waren auch die ersten Europäer, die Eukalyptusbäume zu Gesicht bekamen, als sie an der noch unerforschten Südostküste Australiens in einer Bucht vor Anker gingen und zu einer Erkundungstour an Land aufbrachen. Cook nannte diese Bucht »Botany Bay« (nahe dem heutigen Sydney), wo viele unbekannte Pflanzen und Eukalyptusbäume, die eine Höhe von bis zu hundert Metern erreichten, entdeckt wurden.

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Eine zweite Reise (1772–1775) unter dem Kommando von Kapitän Cook sollte ein für allemal die Frage nach der legendären Landmasse im Süden klären. Zu Cooks wissenschaftlichen Begleitern berief die Admiralität den Deutschen Johann Reinhold Forster und als Assistenten und Zeichner dessen hochbegabten achtzehnjährigen Sohn Georg (der übrigens Bougainvilles »Reise um die Welt« aus dem Französischen ins Englische übersetzte). Zum ersten Mal in der Geschichte überquerte Cooks Schiff »Resolution« (gemeinsam mit der »Adventure«, die Kapitän Furneaux befehligte) den südlichen Polarkreis und segelte am Rand der antarktischen Packeisgrenze in den Südpazifik. Im September 1774 entdeckte Cook eine unbekannte Insel, die er Neukaledonien taufte. Vom Schiff aus wurden im Tal eines hohen Vorgebirges hochragende Gebilde gesichtet, über denen Rauch aufstieg. Cook hielt im Logbuch fest: »Auf einer der westlichen kleinen Inseln sah man eine Erhebung wie einen Turm und über eine Landzunge hinweg viele andere, die den Masten einer Flotte ähnelten.« Forster senior wettete um zwölf Flaschen Wein, daß es sich dabei um Basaltsäulen handle, in deren Innern ein ewiges Feuer brenne. Der Astronom William Wales notierte dazu am 24. September 1774 in sein »Journal«: »Ein Gentleman behauptet & beschwört im echten Geist der Klassischen Philosophie, daß dies Basaltsäulen seien wie die, aus denen sich der Riesendamm in Irland zusammensetzt, & daß er mit seinem Fernglas die Fugen genau unterscheiden könne. Ich war oft überrascht von der außerordentlichen Güte der Augen & des Fernglases dieses Gentleman und der Unvollkommenheit der meinen. Er hatte auf 3 Meilen Entfernung Orangen & Zitronen auf Bäumen wachsen sehen & Stein und Bein geschworen, soeben habe sich ein Vogel auf eine der Früchte gesetzt. Ich denke, ich muß zu Ehren von Mr. Ramsden anmerken, daß das Fernrohr, mit dem diese Kunststücke vollführt wurden, von ihm stammt & es sich dabei um ein gewöhnliches achromatisches Glas mit einer Brennweite von 2 Fuß handelt.« Zur allgemeinen Freude verlor der streitsüchtige und unbeliebte Forster die Wette, weil sich herausstellte, dass die seltsamen Gebilde keine Basaltsäulen waren, sondern fast fünfzig Meter hohe immergrüne Koniferen der Gattung Araukarien, die nach dem großen Navigator »Cook pine« (Araucaria columnaris) benannt wurden. Georg Forsters Reisebericht, 1777 zunächst in englischer Sprache unter dem Titel »A Voyage round the World, in His BRITANNIC MAJESTY’S Sloop,

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RESOLUTION«, vorgelegt, übte eine große Anziehungskraft auf die Zeitgenossen aus und machte ihn zum eigentlichen Schöpfer der künstlerischen Reisebeschreibung. Einige Jahre später folgte ein Werk über den Brotfruchtbaum (siehe Kapitel »Vom Brotbaum«), den Joseph Banks während der ersten Cook-Reise auf Tahiti gesichtet hatte. Schösslinge des Brotfruchtbaums sollte Leutnant William Bligh im Auftrag Seiner Majestät Regierung auf dem Schiff »Bounty« von Tahiti zu den Plantagen Westindiens bringen. Banks selbst hatte das Unternehmen angeregt, das jedoch wegen der legendären Meuterei, die der Steuermannsmaat Fletcher Christian 1789 nach dem Verlassen Tahitis angezettelt hatte, scheiterte. (Ein späterer Versuch Blighs hatte Erfolg. Im Januar 1793 landete er auf St.Vincent und Jamaika und lieferte tausendeinhundertvierundsechzig Pflanzen aus Tahiti ab.) Einer, der Georg Forsters Reisewerk mit großer Begeisterung las, war der junge Alexander von Humboldt, Spross einer adligen Familie aus Preußen. Forsters Abenteuer deckten sich gleichsam mit Humboldts Sehnsucht nach der Ferne. »Von früher Jugend auf lebte in mir der sehnliche Wunsch, ferne, von Europäern wenig besuchte Länder bereisen zu dürfen«, schrieb er im Rückblick. »Dieser Drang ist bezeichnend für einen Zeitpunkt im Leben, wo dieses vor uns liegt wie ein schrankenloser Horizont, wo uns nichts so sehr anzieht als starke Gemütsbewegungen und Bilder physischer Gefahren. In einem Lande aufgewachsen, das in keinem unmittelbaren Verkehr mit den Kolonien in beiden Indien steht, später in einem fern von der Meeresküste gelegenen, durch starken Bergbau berühmten Gebirge lebend, fühlte ich eine Leidenschaft für das Meer und weite Seereisen immer mächtiger in mir werden.« Im Herbst 1789, Humboldt studierte gerade in Göttingen, kam es zu der ersehnten Begegnung mit Georg Forster, aus der eine freundschaftliche Beziehung entstand. Ein Jahr später reisten sie gemeinsam von Mainz über Köln, Brüssel, Amsterdam nach London, wo sie mit Sir Joseph Banks, mittlerweile geadelt und Direktor der Royal Botanic Gardens in Kew, zusammentrafen. Nach dem Tod der Mutter im November 1796 (der Vater war schon siebzehn Jahre früher gestorben) fiel Humboldt und seinem älteren Bruder Wilhelm ein großes Vermögen zu, das ihn fortan unabhängig machte; er schied als Bergrat aus dem Staatsdienst, um sich nun ganz der Vorbereitung seiner geplanten Forschungsreise zu widmen.

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