Alexander Lauterwasser
Das Geheimnis der
Schildkrรถte
Eine Entdeckungsreise durch Morphologie, Zoologie und Mythologie eines wundersamen Tieres
Inhalt
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Vorwort Begegnung Eine wahre Begebenheit als Ausgangspunkt
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Annäherung Die Tragödie des Bewusstseins oder der Konflikt zwischen Denken und Leben
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Anschauung Die Schildkröte als Urinsel im Weltenmeer
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Betrachtung Die Struktur des Schildkrötenpanzers als Signatur der festen Materie
144
Inneres Nachschaffen Die Formensprache des Schildkrötenmusters
184
Einbildung Die dreizehn Schilde auf dem Rücken der Schildkröte und das Motiv der Zahl Dreizehn
212
Durchdringung Struktur und Bedeutung des Sechseck-Schildes in der Mitte des Rückenpanzers
238
Verinnerlichung Der Aufbau des Knochenpanzers
306
Versenkung Das Innere der Schildkröte
332
Einsicht Die Schildkröte als der Mittelpunkt der Erde
358
Verwandlung Die Schildkröte und das Motiv der Wandlung
372
Durchbruch Die Wandlung der Schildkröte zur Leier des Apollon
396
Entfaltung Orpheus, die Stimme und das Lot
414
Literaturverzeichnis
423
Dank
424
Bildnachweis
Vorwort
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Das Motiv für dieses Buch liegt weit zurück und ist in einer tatsächlichen biografischen Begebenheit begründet. Im Alter von etwa zwölf Jahren war mir in einem bewaldeten Tal nördlich des Bodensees eine wohl irgendwo entlaufene Griechische Landschildkröte begegnet. Ich nahm sie mit nach Hause, und das war der Beginn einer langen Freundschaft mit vielen verschiedenen Schildkrötenarten. Da ich eine glückliche Hand mit ihnen hatte, gelangen mir schon bald viele Nachzuchten, und so wurde der elterliche Garten zunehmend von zahlreichen Land- und Wasserschildkröten bevölkert. Während meiner Studienzeit und in den ersten Jahren meiner beruflichen Tätigkeit waren die Schildkröten ein wenig in den Hintergrund getreten. Vor etwa 25 Jahren jedoch begann ich, verbunden mit einer beruflichen Umorientierung und Krise, zurückzuschauen und mich zu fragen, ob ich vielleicht in meinem Leben etwas übersehen hätte. Genau zu dieser Zeit bekam ich auch, wie mir zufallend, einen Gedichtband geschenkt mit dem Titel: »Welches Tier gehört zu Dir?« (HAMM 1984). Als ich darin ein Gedicht über die Schildkröte entdeckte (siehe Seite 20), wurde ich in meinem bisher eher unbewussten Gefühl bestärkt, dass ich mich diesem Tier noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise nähern sollte, als ich es damals als Jugendlicher getan hatte. Dies war der Beginn jahrelanger Studien zu Fragen der Biologie, Zoologie und Morphologie, aber auch der Mythologie im Zusammenhang mit der Schildkröte. Die Rätsel der in der Natur wirksamen gestaltbildenden Prozesse, die zum Beispiel das eigentümliche Muster auf dem Rücken der Schildkröten hatten entstehen lassen, traten mir immer eindringlicher vor Augen, während mich gleichzeitig die in den biologischen Lehrbüchern dargebotenen Antworten nicht zufriedenstellten. Als ich dann eines Tages eine Ausgabe der Zeitschrift »Du« in die Hand bekam, in der ich einen Artikel von Hans Jenny über seine Arbeiten zur Kymatik fand – so nannte er die durch Schwingungen hervorgerufenen Gestaltungsprozesse – und die Fotos von sogenannten Chladnischen Klangfiguren sah, da war alles in mir sofort wie »elektrisiert«. Ich fühlte, dass dieser Ansatz ein wichtiger Schlüssel für ein tieferes Verständnis morphogenetischer Fragen darstellen könnte. Es verging nicht viel Zeit, bis ich mir mit der fachmännischen Hilfe von Helmut Lua ein Experimentierlabor eingerichtet hatte und mit eigenen Versuchen beginnen konnte. Dass diese Arbeit dann solche Dimensionen annehmen und mich über fünfzehn Jahre in ihren Bann ziehen würde, war in der Anfangszeit nicht vorherzusehen. Die ersten Jahre arbeitete ich nur mit den Chladnischen Klangfiguren, bei denen zuvor mit feinem Sand bestreute Metallplatten in Vibration versetzt werden, sodass der Sand die je nach Tonhöhen unterschiedlichen Schwingungsformen der Platten sichtbar werden lässt. Tatsächlich gelang es mir, dabei auch Klangfiguren zu entwickeln, deren Muster der Struktur des Schildkrötenpanzers erstaunlich nahe kamen (vgl. Seite 380f.). Später ging ich dazu über, Wasser als schwingendes Medium zu verwenden, um Musterbildungen von Wellenbewegungen zu beobachten. Aus all diesen Arbeiten sind zwei Bücher hervorgegangen, in denen ich den bisher
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Annäherung Die Tragödie des Bewusstseins oder der Konflikt zwischen Denken und Leben
»Hätte ich in meiner Brust kleine Fenster aus Kristall, und du sähst hinein, dann sähst du wie da Blutestränen tropfen.« (Federico GARCIA LORCA, Mariana Pineda)
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»Habe ich recht, Alexander, du wusstest zunächst nicht, was ich gestern mit der ›richtigen Stunde‹ gemeint habe?« Aus dem gleichen Halbdunkel, in das sie am Vorabend verschwunden war, vernahm ich auf einmal ihre Stimme, während ich selbst in der frühen Morgendämmerung mit Mühe jene Stelle zu finden versuchte, an der ich mich einfinden sollte. In dem zwielichtigen Ineinander von Dunkelheit, Schatten und dichten Sträuchern vermochte ich sie jedoch nirgends zu sehen. »Wo bist du denn? Ich kann dich nicht sehen!«, entgegnete ich ihr in die Richtung, aus der ich ihre Stimme vernommen hatte. »Im Augenblick genügt es vollkommen, wenn du mich hörst!«, und dann blieb es lange still. »Aber du hattest heute Nacht einen Traum, und dann bist du aufgewacht und hattest nur noch diese Worte im Ohr: ›Da er schicklich ist und edel, und damit ihn niemand sieht, kommt er, wenn ...‹« »Ja, das stimmt«, antwortete ich ihr, »und dann habe ich dauernd überlegt, woher ich diese Zeilen kenne und was sie mir sagen wollen, aber ich bin einfach nicht darauf gekommen. Doch dann, halbwach daliegend, ist es mir eingefallen. Es sind die Worte von Federico Garcia Lorcas ›Mariana‹, wie sie voll Hoffnung und Zuversicht ihre Befreiung durch ihren Geliebten herbeisehnt: ›Hoch zu Pferd sprengt her Don Pedro, wie im Wahnsinn, wenn er hört, dass ich eingekerkert worden, weil ich seine Fahne stickte. Und, wenn sie mich töten sollten, kommt er, um mit mir zu sterben – hat er eines Nachts geflüstert und er küsste meinen Kopf… Wie ein heiliger St. Georg, ganz Demant und schwarzes Wasser, kommt er, und die rote Capa, flatternd, blendet selbst die Luft. Da er schicklich ist und edel, und damit ihn niemand sieht, kommt er, wenn der Morgen dämmert, in des Morgengrauens Frische, wenn kaum in der dunklen Luft der Zitronenhain erschimmert ...‹ (Federico GARCIA LORCA 1972: 72)
Griechische Landschildkröte.
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... und da habe ich gewusst, was du mit der ›richtigen Stunde‹ gemeint hattest.« Ich wartete darauf, dass sie etwas sagen würde, aber sie blieb still. Trotz der frühen Morgenstunde wehte ein sanfter, geradezu lauer südlicher Wind, und außer dem Gesang der zahllosen Vögel war nichts zu hören. »Mit Nadeln ganz aus Silber und Rahmen aus Kristall bestickt sie seine Fahne und singt aus vollem Hals.« (ebd. 42)
So erklang es mit einem Mal in der Nähe meiner Füße aus dem Dunkel heraus. »Mariana Pineda«, fuhr sie fort, »die im Kerker sitzt und auf ihre Hinrichtung wartet, weil sie an der Fahne der Freiheit gestickt hat ... Nur weil sie dem großen Werden der Freiheit in der Welt dienen will, wird sie ihrer eigenen Bewegungsmöglichkeit und Lebendigkeit beraubt, wird sie unterdrückt, gefangen und sogar mit dem Tode bedroht! Für wen und für was nicht alles in dieser Welt ist das ein Sinnbild?! – Oder ist es gar ein Sinnbild für das innerste Herz jeder lebendigen Daseinsform, dessen Sehnsucht und Impuls nach Veränderung, Entwicklung und Befreiung immer auch unter den Bedingungen endlicher Existenz leidet? Hieß es nicht einmal sogar, dass die ›gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt‹ (PAULUS, Römer 8.22)? Sollten selbst die Tiere und Pflanzen und sogar die Steine unter ihrer jeweiligen Existenzform
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leiden? Von dem berühmten Maler Franz Marc, der die sehr eindrucksvollen Tierbilder geschaffen hat, gibt es eine Aufzeichnung, in der er ein, sicherlich auch für ihn selbst erschreckendes ›Gesicht‹ zu schildern versuchte: ›Ich ging zwischen den Dingen umher und die ich ansah, die verwandelten sich und zeigten ihre Unseligkeit und flohen aus ihrem unwahren Sein. Ein Baum, den ich ansah, begann qualvoll zu seufzen und brach auseinander; seine grünen Blätter flatterten singend durch den blauen Himmel davon; und wo der Baum gewesen war, stand mit Worten in den Sand geschrieben: Wer mich erlöst hat von dem harten Baum-Sein, der suche meine Seele nicht im Kern des Apfels, auch nicht im Willen zur Gestalt, sondern allein in der Not des Baum-Seins, im Leid und Zwang zur Missgestalt. Der Künstler soll nicht das Lob unsres hässlichen Seins singen, sondern unseren Dryadenwillen zum Anders-Sein. Dass wir euch Saft und Holz und Form scheinen, ist unser Verhängnis. Wer uns kennte! Das ist das Lied vom Leid des Baumes!‹ (MARC 1978: 212).« Ich war von diesen Worten, die aus doppelter Dunkelheit – der der Dämmerung und der des Inneren der Schildkröte – an mein Ohr drangen, so erschüttert und irritiert, dass ich lange Zeit fassungslos dastand und schwieg. Dann beugte ich mich hinunter und fragte halblaut in das Dunkel hinein: »Meinst du, … selbst die Bäume? Und ich dachte immer, die Pflanzen, ja die Natur überhaupt wäre so ... ganz eins mit sich ...«, ich stockte, denn alle jene Worte, die einst so fraglos für mich gewesen waren, wie ›ganz‹, ›eins mit sich‹, ›vollkommen‹, sie wollten mir nicht mehr mit der bisherigen Selbstverständlichkeit über die Lippen kommen. Griechische Landschildkröte.
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Da erklang ganz nah neben mir und wie aus einer unergründlichen inneren Tiefe ihre unbeschreibliche Stimme: »Die ganze Welt leidet an sich selbst, an ihrem eigenen inneren Widerspruch zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte! Das ist das Urdrama, der Urkonflikt, in dem sich alles, aber besonders das Lebendige zu allen Zeiten befindet: nie wirklich ganz neu ansetzen und anfangen zu können, sondern immer bereits Bestehendes vorzufinden, an dem es anknüpfen und von dem es zugleich auch wieder loskommen muss! Einerseits bedarf jeder Neubeginn einer festen, stofflichen Form als sichere Grenze gegen den allzu frühen und meistens auch allzu heftigen Ansturm der Welt, denn nur in einer solchen schützenden Hülle kann Lebendiges in den Stoff eintauchen, sich mit diesem verbinden und hier in der Welt ankommen, keimen und reifen. – Und es braucht den ruhenden, Beständigkeit gewährenden Boden, demgegenüber es seine Eigenständigkeit entwickeln und festigen kann, um sich dann schließlich von diesem loslösen und abspringen zu können. Andererseits ist dieses Immer-schon-Vorgefundene so voll von Vergangenem, dass es für das zum Neuen, Offenen, Zukünftigen strebende Lebendige ebenso zu einer alles hemmenden, lähmenden und schließlich erdrückenden Last werden kann. Glaube mir, Alexander, die Trägheit des Alten, die Entwicklungsverweigerung alles ›Ewig-Gestrigen‹, die Widerstände und Verharrungstendenzen fester und erstarrter Formen, jene ›Angst des Gewordenen vor dem Werden‹, von der Goethe gesprochen hat, sie sind eine gewaltige und immer zur Gewalt neigende Macht, eine ernste Bedrohung für jeden jungen Lebensimpuls. Wie hatte doch einst einer über Hölderlin gesagt: ›Ihn erschlug die gealterte Zeit, da er sich in den Weg ihr warf und entgegen ihr hielt zürnend ihr jugendlich Bild ...‹ (nach HÄRTLING 1983: 389f.). Alexander, bedenke bitte, das alles sagt dir jetzt hier an dieser Stelle nicht etwa der ewigjunge ›Kleine Prinz‹ und auch keine neunjährige ›Pippi Langstrumpf‹, sondern eine Millionen Jahre alte Schildkröte, die in einem so festen und harten Panzer steckt!« Lange hielt sie inne, dann sagte sie langsam und bestimmt: »Aber du musst wissen, nur im ›Wie‹ des Lebendigen ist etwas, was es vor dem Zugriff des Alten, vor dem Verfallen an die Erstarrung zu bewahren vermag: seine Freude an der Bewegung, seine Begeisterungsfähigkeit für das Neue, seine Bereitschaft zur Verwandlung und seine Liebe zum Werden, zur Entfaltung immer neuerer, vollendeterer, freierer Daseinsgestalten mit immer höheren, gelingenderen Resonanzmöglichkeiten. ›Wie ein großer goldner Falter, dessen Flügel rot erglühen.‹ Diese Worte stammen aus einem sehr tiefsinnigen Gedicht über den Stierkampf (GARCIA LORCA 1972: 36). Nicht dass ich den Stierkampf befürworte, bei all den Schmerzen für diese schönen Tiere; er mag einmal früher seine Richtigkeit gehabt haben – aber jetzt ist diese Zeit vorbei, man sollte es nicht mehr tun! Das Wichtige jedoch ist das innere Bild: die heftige Auseinandersetzung zwischen dem wuchtigen und eher massiv-schwerfälligen Alten – dafür könnte der schwarze Stier ein Sinnbild sein – und dem jungen, farbenfrohen, sich leicht und wendig wie ein Schmetterling von allem Schweren lösenden Neuen – dieses Moment könnte der Torero repräsentieren. Gilt doch überall der Falter als das Symbol von Verwandlung, Entwicklung oder gar Auferstehung schlechthin. Zumindest was den Stier anbelangt, so legt der stierköpfige Minotauros auf der Insel Kreta eine solche Deutung nahe: Forderte er doch immer wieder ein große Anzahl junger Menschen, um sie zu verschlingen. – Das aber heißt doch: Solange das Stierhafte einseitig herrscht, müssen Zukunftsimpulse auf der Strecke bleiben.«
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Nach einer längeren Pause erklang ihre Stimme erneut aus dem Dunkel heraus, aber sie erschien mir ein wenig traurig und wehmütig: »Hätte ich in meiner Brust kleine Fenster aus Kristall, und du sähst hinein, dann sähst du wie da Blutestränen tropfen.« (Federico GARCIA LORCA 1972: 36)
»Von wem sprichst du da?«, fragte ich in das Dunkel zurück. Da entgegnete sie: »Das sind ›Marianas‹ Worte. Aber da ich sie dir in diesem Augenblick sage, sind es auch meine. Und wie du sie jetzt gerade hörst, fühlst du sehr deutlich, dass sie dir wie aus dem Herzen gesprochen sind. Es sind auch die Worte deines eigenen Herzens.« »Wie meinst du das?«, erwiderte ich ihr mit einem ungläubigen Unterton und fast schon ein wenig abwehrend. Aber ich bekam keine Antwort, sie blieb still – nur die Vögel in den Bäumen waren zu hören. Ich starrte in die allmählich schwindende Dunkelheit des Waldes, während sich der Himmel über mir langsam aufhellte, und wartete auf eine Regung ihrerseits; aber nichts tat sich. Und da fielen mir plötzlich die Worte des blinden Sehers Theiresias ein, die er einst dem eindringlich fragenden Ödipus entgegnet hatte: ›Durch mein Schweigen werde du wissend!‹ Auf einmal raschelte es ein wenig, ganz nahe bei meinen Füßen, und da konnte ich im Schein der Dämmerung die Umrisse ihres rundlichen Panzers erkennen. Langsam bewegte sie sich und entfernte sich von mir. Während sie sich zwischen dem niedrigen Gesträuch und am Boden liegenden Ästen einen für sie gangbaren Weg suchte, rief sie mir zu: »Obwohl ich dein Gesicht wegen des schwachen Lichtes nicht so richtig sehen kann, spüre ich sehr genau, wie du dich – bei allem Interesse für die soeben besprochenen Aspekte – wie gestern auch, schon wieder fragst, was das denn alles mit mir, der Schildkröte, zu tun haben soll! – Habe ich recht?« Da sie aber einfach weiterlief, und ich sie im Dickicht fast aus den Augen verlor, versuchte ich, ihr zu folgen. Nach einer kleinen Weile hielt sie an und wartete, bis ich wieder bei ihr war: »Du musst einfach mehr Geduld haben!«, fuhr sie fort. »In unserem gestrigen Gespräch musste ich in dir erst einmal anhand der Problematik von Innen und Außen, von Offensein und Verschlossensein gefühlsmäßig die zu unserem Thema gehörende existenzielle Stimmung erzeugen. Heute geht es darum, dir anhand der Auseinandersetzung zwischen Altem und Neuem, zwischen Erstarrtem und Lebendigem zu verdeutlichen, wo du selbst von diesem Konflikt betroffen bist, damit dir bewusst wird, ob vielleicht auch in dir eine Seite ist, die unter unbeweglich Erstarrtem leidet und sich nicht wirklich entfalten kann.« Erst nachdem sie ein Stück weiter gegangen war, begann sie fortzufahren: »Du sollst wissen, es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen einer Schildkröte und dem Menschen, aber ein wesentlicher Unterschied besteht. Auch wenn es dir im Augenblick noch etwas rätselhaft erscheint, später, nach eingehender Betrachtung wirst du es besser verstehen: Ich bin ein Kopf,
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in dem ein Herz schlägt – nach Auffassung der alten Indianer besitze ich sogar das stärkste und ausdauerndste Herz aller Tiere! – Dein Kopf aber muss sich erst noch auf die Suche nach seinem Herz machen! Das Lebendige in dir, der Impuls deines Daseins ist das, was im Puls deines Herzens lebt, ist das, wofür dein Herz überhaupt nur schlägt. Und die Frage, die sich jetzt auftut, ist die: Kann dein Bewusstsein diesen lebendigen Impuls – und damit das Lebendige schlechthin – wirklich in sich aufnehmen und lebendig denken? Ist dein Denken offen und beweglich genug, um sich auf Lebendigkeit einlassen zu können, diese unverfälscht in sich zur Geltung kommen und ungehindert walten zu lassen, also mitzugehen und mitzuschwingen? Oder kann dein Wachbewusstsein – und solange es ausschließlich von der Tätigkeit des nur die Dinge der Außenwelt kennenden Verstandes bestimmt ist, wird es immer dazu neigen –, kann also dein Wachbewusstsein nur in fest gefügten Strukturen, starren Formen, gewohnten Bahnen und in leicht überschaubaren und auf das Messbare reduzierten Dimensionen klar denken und wach bleiben? Sollte es nur auf diese Weise denken können, wird es immer versucht sein, das Lebendige begreifend festhalten zu wollen, und es dadurch aber gerade hemmen, einengen, einfangen, unterdrücken, verbiegen, entstellen, ihm Gewalt antun oder gar abtöten. Und alles, was es eigentlich denkend gerade noch verstehen wollte, das heißt, zum Inhalt seines Bewusstseins werden lassen wollte, ist ihm entweder aus den eben nur zugreifen könnenden Händen entglitten, oder in den alles nur erfassenden und festhaltenden starren Begriffen gestorben.« Wieder ging sie wortlos einige Minuten weiter, wobei sie oft unten durch das niedrige Buschwerk hindurchkroch, während ich mir mühsam um Sträucher und Büsche herum einen Weg suchen musste, ständig auf der Hut, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Als das Gelände wieder offen genug war, um gut nebeneinander zu laufen, fuhr sie fort: »Alexander, du hast doch Philosophie studiert und kennst diese eine Stelle in der berühmten ›Phänomenologie des Geistes‹, an der G.W.F. Hegel – wenn auch in einem etwas anderen Zusammenhang – von dem ›unglücklichen Bewusstsein‹ spricht, dem ›nur das Grab seines Lebens zur Gegenwart‹ kommen kann (HEGEL 1952: 164). Erinnerst du dich?« »Ja, sogar sehr gut«, antwortete ich ihr, »gerade diese Stelle hat mich, seit ich sie zum ersten Mal gelesen habe, sehr berührt und immer wieder beschäftigt.« »Genau diese Worte drücken Folgendes sehr treffend aus: In der Art und Weise eures derzeitigen Denkens steht dieses so im Widerspruch zum ›Wie‹ des Lebendigen, dass in dem gleichen Moment, da ihr dieses zu denken versucht, es euch erstirbt und ihr nur noch das ›Grab‹ desselben vor Augen habt«, gab sie mir darauf zu verstehen. Vor einem größeren Felsbrocken, der zwischen den Bäumen lag, hielt sie einen Augenblick inne und schaute an dem Stein hinauf: »Seit Prometheus von Zeus das Feuer – und das ist ein Sinnbild für das Licht des Geistes – geraubt hat und meinte, mit seinem Verstand der alleinige Macher des Feuers, also des Denkens, zu sein, seitdem hängt er angeschmiedet am Felsen des Kaukasus – und seitdem haftet, sozusagen als die Kehrseite der neuen Selbstmächtigkeit eures Denkens, dieses am bloß stofflich-materiellen Aspekt der Welt: Nur noch tote Dinge können euch Inhalt eures Bewusstseins werden!«
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Sie senkte ihren Kopf und ging langsam und sehr bedächtig weiter; dann setzte sie ihre Ausführung fort: »Dieser Zwiespalt zwischen Denken und Leben – oder besser: zwischen dem seit fast 3000 Jahre herrschenden Denken und dem Leben – zieht sich wie eine einzige furchtbare Tragödie durch eure ganze abendländische Geschichte und Kultur. Nicht dass andere Kulturen ohne Tragödien gewesen wären, aber diese ist die eure! Angefangen bei dem jungen kleinasiatischen Mädchen ›Europa‹, das ihr zwar aus der mütterlich gestimmten, zeitlosen Traumwelt der Kindheit herausgeholt und in eine Bewegung und damit Entwicklung gebracht habt, aber nur, um sie gleich im nächsten Schritt als ›Kore‹ dem ›Hades‹ auszuliefern und in das Totenreich zu verbannen.« Bei diesen letzten Worten war ihre Stimme nicht nur immer leiser geworden, sondern zunehmend brüchiger, bis sie schließlich stockte und ganz verstummte. Dann blieb sie plötzlich stehen und holte tief Luft, verbunden mit einem allertiefsten Seufzer, der sie im Innersten zu erschüttern schien. »Alexander«, fuhr sie mit fast flüsternder Stimme fort, »du musst wissen – und ich kenne mich da aus, glaube mir, aber jetzt ist es noch zu früh, um schon davon zu sprechen –, der ›Hades‹ ist nicht, oder besser: nicht nur tief unter der Erde. Haben doch die alten Griechen dem Totengott ›Hades‹ nicht ohne Grund auch oft den Beinamen ›Dis‹ gegeben; diese Silbe steht in der griechischen Sprache für das Prinzip des Trennenden, Teilenden, Zerteilenden, Zersplitternden – denke nur an die Worte ›Disharmonie‹, ›Diskontinuität‹, ›Distanz‹ und ›Dissonanz‹. Genau dieses Prinzip des ›Dis‹ ist aber auch das eures einseitig gewordenen, nur noch analytisch-unterscheidenden Verstandes-Denkens. Im Hades sind nicht nur die, die von diesem aus dem Leben gerissen wurden, endgültig scheiden mussten und nun für immer verschieden und unwiderruflich abgeschieden im Totenreich sind, im Reich des ›Dis‹ ist auch alles, was unter der Macht genau dieses Prinzips steht: die ganze Welt, indem Griechische Landschildkröte.
und so wie sie von eurem derzeitigen Denken erfasst und verstanden wird!
Die beiden Gedichte auf dem Bild lauten: »Die mit mehreren tausend Jahren gesegnete Schildkröte kommt langsam wie ein Kind daher und spricht Glückverheißendes.« »Stärker noch als die tausend Jahre lang schlagenden Flügel des vorbeiziehenden Kranichs ist die zehntausendjährige Schildkröte.«
Anschauung Die Schildkröte als Urinsel im Weltenmeer »Die Tiere sind Hieroglyphen, welche der Weltsprache entstammen; sie sind auch Siegel, welche zum Weltall und seinen Spiegelungen führen. Diese öffnen sich dem, welcher die Tiere liebt.« (Hans JENNY)
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1 Trias-Schildkröte (aus PRITCHARD 1979: 75). 2–5 Senegal- (2) und Pfauenaugen-Weichschildkröte (3), Bastardschildkröte (4) und Lederschildkröte (5) (aus WERMUTH 1996: 241, 251, 272, 243).
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1 Musterungen von Schildkrötenpanzern (aus WERMUTH 1996: 330, 23). 2 Mutationsformen des regulären Musters bei Griechischen Landschildkröten.
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3 Der Grundtypus des Musters bei der Griechischen Landschildkröte.
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1 Verzierung auf dem Boden einer altchinesischen Bronzeschale (aus LINDQUIST 1990: 78). 2 Stilisierte Schildkröte (aus SÜSS 1991: 12). 3 Tanzender Shiva Nataraja. Südindische Bronze, Museum Rietberg, Zürich (aus SCHAVERNOCH 1981: 195). 4 Brettmaske. Afrikanische Holzschnitzerei, Elfenbeinküste, Sammlung Lurati.
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1 Sandbilder der NavajoIndianer (aus PURCE 1974, JAFFE 1983: 88). 2 Die Aufspaltung und Zerteilung der Ur-Schlange. 3 »Schlangen« von M. C. Escher (aus ESCHER 1971: 270). 4 »Kreislimit I«, 1958, von M. C. Escher (aus ESCHER 1971: 233).
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