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Hajo Degen Ragna Kilp

4 Wanderungen durch die schรถnsten Schluchten in der Schweiz


Vorangehende Doppelseite: Rosenlauischlucht

© 2020 AT Verlag, Aarau und München Lektorat: Karin Steinbach Tarnutzer, St. Gallen Kartenausschnitte: Atelier Guido Köhler & Co., Binningen Druck und Bindearbeiten: AZ Druck und Datentechnik, Kempten Printed in Germany ISBN 978-3-03902-020-1 www.at-verlag.ch

Der AT Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016 bis 2020 unterstützt.


Inhalt

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Vorwort Gebrauchsanleitung zu den Wanderbeschreibungen

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Graubünden und Tessin

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Uina- und Quarschlucht – Über schmalem Schlitz aus steiler Wand gesprengt Schraubachtobel – Berge in Bewegung, Baumstämme auch Taminaschlucht – Die schröcklich Schöne Zügenschlucht – Die Schlucht der Viadukte Viamalaschlucht – Transportweg über Jahrhunderte hinweg Vorderrheinschlucht – 14 Kilometer Schlucht am Stück Flimser Wasserweg – Trutg dil Flem – Neue Wege in der Stennaschlucht Gole di Breggia – Was aus einer Industriebrache werden kann Orridi di Uriezzo – Wanderung durch gigantische Gletschertöpfe

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Nordostschweiz

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Rappenloch- und Alplochschlucht – Wenn harter Kalkstein und weicher Mergel aufeinandertreffen Glatt- und Wissbachtobel – Fjordlandschaft im Tobel Neckerschlucht und Ofenloch – Viele Wege führen zum Ofenloch, aber keiner bis ganz hinein Ranzach- und Hundschöpflitobel – Durch Toggenburger Tobel zum Goldingerbach Wutachschlucht und Lotenbachklamm – Die wütende Ach: nomen est omen Chämtner- und Lochbachtobel – Ingenieurswesen auf Schritt und Tritt

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Sagenrain- und Elbatobel – Wie die Kraft des Wassers nutzbar gemacht wurde Farenbach- und Hutziker Tobel – Vom Tobel über den Aussichtsberg ins andere Tobel Tüfels Chilen – Ausgedehnte Spazierwanderung mit integriertem Badespass Wehrenbach- und Stöckentobel – Stadtspaziergang einmal anders

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Zentralschweiz und Berner Oberland

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Lorzentobel – Steile Wände, hohe Brücken, überraschende Wasserfälle Kleine Melchaaschlucht – Bei Eis und Schnee ein Winterwunderland Engelberger Aaschlucht – Die Schlucht für Familienausflüge Lauterbrunnental: Staubbachfall und Trümmelbachschlucht – Wo sich Wasser und Basejumper in die Tiefe stürzen Grindelwalder Gletscherschlucht – Ins Netz gegangen Schluchten-Trio im Haslital – Drei Schluchten, die unterschiedlicher nicht sein könnten

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Nordwest- und Westschweiz

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Wolfschlucht – Eng und steil geht es hinauf Tubelochschlucht, Twannbachschlucht, Combe du Pilouvi – Drei Schluchten am Bielersee Combe Grède – Die Steile, fast Schwindelerregende Combe de Biaufond – Durch die westlichste Schlucht im Kanton Bern Gorges de l’Areuse – Natur und Technik im Einklang Pouetta-Raisse-Schlucht – Mit oder ohne Absinth eine schöne Schlucht Gorges de Nouailles und Source de la Loue – Die stärkste Karstquelle des Jura

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Galterengraben – Le Gottéron – Was eine Schlucht und einen Eishockeyclub verbindet Jaunbachschlucht – Gorges de la Jogne – Tour der vier Sinne Gorges de l’Orbe – Urwald, Wasserfall und Industriegeschichte Gorge du Chauderon – Auf den Spuren von Edgar Wallace

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Wallis

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Gorges du Trient, Gorges du Dailley, Gorges du Triège, Gorges Mystérieuses – Vier Schluchten aufgereiht wie an einer Perlenschnur Gorges du Durnand – Bloss keine Höhenangst Gorges de la Borgne – Von einer einsamen Einsiedelei durch die steile Schlucht mit heissen Quellen Dalaschlucht – Kurzer, aber knackiger Thermalquellensteig mit viel Geschichte Saltinaschlucht – Eine Schlucht – zwei Gesichter Gondoschlucht – Auf den Spuren einer alten römischen Handelsroute und einer Heerstrasse Napoleons Twingischlucht – Uralte Handelsroute trifft auf zeitgenössische Kunst

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Vorwort Auf der ganzen Welt ziehen Schluchten Menschen in ihren Bann. Sie sind faszinierende und eindrucksvolle Orte in der Natur. Schluchten sind dynamisch: Sie haben die Landschaft gestaltet und tun es auch heute noch. Schlucht ist nie gleich Schlucht, und auch dieselbe Schlucht kann sich in ihren Gegebenheiten – im Wechsel der Jahreszeiten und des Wetters, manchmal sogar innerhalb von Stunden – ändern. Und was wären die Berge ohne die Täler und Schluchten dazwischen? Manche bieten Erholung pur, andere fordern uns zu einem kleinen Nervenkitzel heraus. Nicht selten umweht sie auch ein gewisser Mythos. Immer sind sie auf ihre eigene Weise Genuss für Körper und Geist. Sie sprechen alle Sinne an. Die Augen erfreuen sich an schäumenden Wasserfällen. Oft kann man das Wasser sogar riechen. In vielen Schluchten können wir den ganz unterschiedlichen Melodien des Wassers lauschen. Mal plätschert es nur, mal rauscht und braust es und macht eine Unterhaltung fast unmöglich. Ihre Erschliessung erfolgte aus ganz unterschiedlichen Interessen. Die Nutzung der Wasserkraft mancher Schluchten und Tobel war für die beginnende Industrialisierung unerlässlich. Andere wurden schon vor fast zweihundert Jahren zu rein touristischen Zwecken mit Stegen und Treppen begehbar gemacht. Sogar in den letzten Jahren wurden noch neue Wege erschlossen. Wieder andere mussten regelrecht bezwungen werden, versperrten sie doch den Zugang zu den Alpenpässen und behinderten damit den Handel. So sicherten diese abenteuerlichen Wege über Jahrhunderte den Säumern den Lebensunterhalt. Alle haben sie auf jeden Fall etwas gemeinsam: Jede kann ihre eigene Geschichte erzählen. Geschichten, die uns in frühere Zeiten versetzen, Geschichten, die uns nachdenklich machen können, Geschichten schöner, wilder Naturerlebnisse mitten in der Zivilisation oder weitab von dieser. Kommen Sie mit auf eine Reise zu einigen der schönsten Schluchten in der Schweiz. Es ist uns ein Anliegen, Ihnen über die eigentliche Wanderung hinaus den ein oder anderen Einblick in die Geschichte der jeweiligen Gegend zu geben, um die Tour zu einem Gesamterlebnis zu machen. Wir wünschen viel Spass beim Lesen und beim Erwandern dieser grossartigen Orte! Hajo Degen und Ragna Kilp 9


Orridi di Uriezzo

Wanderung durch gigantische Gletschertöpfe Im Valle Antigorio haben vergangene Gletscher die tiefsten und ältesten Gesteinsschichten der Alpen freigelegt. Heute lädt in den Becken türkisklares Wasser zum Baden ein. Eine Etage höher locken die riesenhaften unter diesen Gletschern entstandenen Schluchtengänge zur Erforschung. Vom Zusammenfluss der Diveria, die aus der Gondoschlucht kommt, und dem Toce verläuft das Valle Antigorio ziemlich genau nach Norden. Kaum hat man das breite Tal bei Domodossola hinter sich gelassen, wird es bei Oira schmal, aber in jedem Fall besser begehbar als die enge Gondoschlucht. Von Norden her wurde das Tal von den Walsern besiedelt. Über den Griespass und wahrscheinlich hauptsächlich über den Albrunpass wanderten sie wohl zwischen 1200 und 1250 bis hinunter zur Steilstufe bei

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Rechts: Wasserfall unterhalb der Brücke. Links: Die Gletschertöpfe sind so gross, dass darin Häuser Platz hätten.

Baceno. Lange führten wichtige Handelsrouten wie die Via Sbrinz durch das Tal. Auf einem kurzen Abschnitt der Tour wandern wir auch auf ihr. Auf Deutsch wurde das Tal Eschental genannt. Besonders schön ist es im Frühjahr, wenn die vielen wilden Kirschbäume blühen. Im Sommer beeindrucken die vielen kräftig blau blühenden Hortensien. Das deutet auf einen kalkfreien Boden hin, sonst wären die Blüten rosa. Zwischen den Bäumen an den Hängen links und rechts stechen immer wieder etliche Steinbrüche mit ihren Gittermasten der Abbauanlagen heraus. Schon sehr lange wird im Tal Naturstein abgebaut, in diesem Fall Orthogneise. Der Laie weiss es nicht so genau, und die Marketingexperten bezeichnen das Hartgestein gern als Granit. Für den, der genauer hinschauen mag, ist die Unterscheidung aber recht einfach. Granit, eine Gesteinsschmelze, die in grosser Tiefe auskristallisiert ist, hat ein Salzund-Pfeffer-Muster ohne Struktur. Gneise hingegen sind in der Tiefe unter hohem Druck und Hitze umgeformt worden und haben eine regelmässige, geschichtete Struktur. Entlang dieser Schichten lassen sie sich gut spalten und verarbeiten. Die Orthogneise im Valle Antigorio sind als Metamorphose aus Granit entstanden. Der Handelsname Serizzo, der für plattig 51


Auf dem steilen Weg im Orrido Ovest.

gespaltene oder gesägte Gneise steht, hat sich weltweit eingeprägt. Beim Blick in die Umgebung scheint es aber so, als sei die beste Zeit der Steinmetze bereits vorbei. Mittlerweile holt sich die Natur so manchen Steinbruch, so manchen Verarbeitungsbetrieb wieder zurück. Die weltweite Konkurrenz ist trotz langer Transportwege anscheinend günstiger. Der grösste Ort im Tal ist Crodo, den in Italien jeder kennt: Dort wird seit dem Jahr 1964 ein alkoholfreier Aperitif ähnlichen Namens hergestellt, der zu den erfolgreichsten Getränken in Italien gehört. Die Fabrik ist nicht zu übersehen. Seit der Kollision der Afrikanischen mit der Europäischen Kontinentalplatte vor fünfzig Millionen Jahren wurden und werden die Alpen aufgetürmt. Bei der Steilstufe im Valle Antigorio unterhalb von Baceno hat sich dabei eine Aufwölbung von besonders tiefen Gesteinsschichten ergeben, die von Geologen als Kuppel von Verampio bezeichnet wird. Dort wurden durch die Verwitterungsprozesse die ältesten Gesteinsschichten der Alpen freigelegt. Gäbe es die Erosion nicht, wären die Alpen heute etliche Kilometer höher. So aber hat die Erosion, speziell die der letzten Eiszeit vor rund zwanzigtausend Jahren, bei Baceno etwas geschaffen, was wirklich eindrücklich ist. Man schätzt, dass das Eis hier etwa tausend Meter dick war. Trotzdem gab es Gletscherspalten, und zumindest zeitweise floss Wasser, das durch die Spalten im Eis bis auf den Grund des Gletschers gelangte. Dabei riss es Steine und Felsbrocken mit sich. Auf dem Grund des Gletschers, in der Schicht zwischen Eis und festem Gestein, bildete das Wasser Strudel, in 52


denen das Geröll und die Felsbrocken wie überdimensionale Schleifsteine wirkten. In solchen Strudeln kann das Wasser enorme Geschwindigkeiten von bis zu zweihundert Stundenkilometern erreichen. So entstanden in subglazialen Wasserläufen die Orridi di Uriezzo, überdimensionale Gletschertöpfe von mehreren Meter Breite und einer Tiefe von bis zu zwanzig Metern, hintereinandergereiht und durch schmale Durchgänge verbunden, durch die man sich hindurchwinden kann. An den blanken Felswänden wechseln sich helle und dunkle Adern im Gestein ab. Man sieht deutlich, dass die hellen Quarzadern härter sind, weil sie weiter hervorstehen. Drei dieser Schluchten sind heutzutage relativ bequem zu erforschen. Die Wasserläufe haben sich verlagert, und die Schluchten werden nicht mehr durchspült. Die tiefste und längste Schlucht im Tal wird jedoch immer noch vom Toce durchflossen und ist nicht begehbar, lässt sich jedoch von verschiedenen Brücken aus einsehen. Von der untersten Brücke direkt oberhalb von Verampio hat man den spektakulärsten Blick auf die Marmitte dei Giganti, die immer noch wassergefüllten Strudellöcher. Hier sieht man auch die ältesten Gesteinsschichten der Alpen, erkennbar an der hellen, fast weissen Farbe. An zentralen Punkten informieren grossflächige Tafeln auch auf Deutsch über die Besonderheiten. Bei viel Zeit lohnt sich noch ein Abstecher zu den Gletschertöpfen von Cròveo oberhalb von Baceno im Valle Dèvero, in die sich ein grosser Wasserfall ergiesst.

Schwierigkeit T2, bei Nässe können die Wege rutschig sein

Ausgangs- und Endpunkt Bushaltestelle in Baceno

Strecke 7,5 km

Route Von der Fermata Bus laufen wir ein paar Meter zurück und folgen der Beschilderung Chiesa Monumentale zur schon von Weitem sichtbaren Kirche. Nun geht es links an der Kirche vorbei und auf der Mulattiera in rund 15 Minuten zur ersten Abzweigung. Dort halten wir uns links und folgen der Beschilderung «Pioda» bergauf. Am Ende des Aufstiegs nehmen wir den Pfad nach rechts, beschildert mit «Orrido Ovest». Auch wenn ein Schild davor warnt, kann man durch die Schlucht gut aufsteigen. Am oberen Ende helfen

Höhendifferenz 300 m Auf- und Abstieg Wanderzeit 2½ Std. Anreise Mit dem Zug nach Domodossola und weiter mit der Buslinie 4 (Cascata del Toce) nach Baceno

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ein paar Drahtbügel beim Ausstieg. Wer sich das nicht zutraut, geht wieder zurück zum Eingang und biegt dann links ab Richtung Uriezzo. Vom Ausstieg geht es für uns nun bergab. Bei den wenigen Häusern von Uriezzo treffen beide Wege wieder zusammen. Weiter geht es bergab bis zum Waldrand. Hier weist ein Schild mit der Aufschrift «Altri Orridi» auf den Orrido Nord Est hin. Es sind die engsten Schluchten rund um Uriezzo. Wieder zurück zum Eingang und auf dem geschotterten Weg, kurz vor der Kapelle Santa Lucia, biegen wir nach rechts Richtung Orrido Uriezzo Sud. Ein Schild weist auf den kurzen

Abstecher zur Brücke über den Orrido Balmasurda, der nicht begehbar ist, hin. Der Eingang zur Südschlucht ist durch eine Informationstafel markiert. Am Ende der Schlucht machen wir vor dem Ausstieg noch den Abstecher zum Wasserfall unter der Brücke hindurch. Nach dem Ausstieg gelangt man in wenigen Minuten auf dem Fahrweg bergab zur Brücke über die Marmitte dei Giganti. Von dort geht man entweder direkt zurück nach Baceno oder ein Stück weiter auf dem Fahrweg bergab und durch die Furt nach Verampio. Von dort steigt man dann auf der Mulattiera nach Baceno hinauf.

500 m Pioda Baceno

I TA L I E N Or Uriezzo

San Gaudenzio

Orrido Ovest

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N ido

o rd

E st

Oratorio di Santa Lucia

Orrido Balmasurda

Orrido Sud

Marmitte dei Giganti

e Toc Majesso

Domodossola

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Verampio


Marmitte dei Giganti.

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Bäntal-Giessen. 96


Tüfels Chilen

Ausgedehnte Spazierwanderung mit integriertem Badespass Tour durch zwei Tobel im Zürcher Oberland, von denen der erste einst als Steinbruch genutzt wurde, während der andere gänzlich unberührt blieb. Der eine breit mit offenen Abschnitten und lichthungrigen blühenden Pflanzen, der andere eng und wild: eine ideale Sommerwanderung mit Erfrischungspause im Freibad von Schlatt. Ob sich die Fabrikarbeiter in der Textilindustrie überhaupt vorstellen konnten, dass man einmal nur zum Vergnügen in einem gepflegten Schwimmbad planschen würde? Die Frage mag man sich stellen, wenn man an den Kosthäusern der ehemaligen Textilfabriken vorbeikommt. Nachdem 1876 ein verheerendes Hochwasser an der Töss grossen Schaden angerichtet hatte, wurde in den Jahren danach bis 1899 die Tösskorrektur durchgeführt. Damit war es vorbei mit der unberechenbaren Töss. Beschränkte sich die Textilindustrie bis anhin auf Seitentäler, wurde es nun auch im Tösstal möglich, Fabriken zu betreiben. In ein vorher bäuerlich geprägtes Tal zogen fremde Familien zu. Diese hatten kein Land, keinen Besitz, mussten aber irgendwo wohnen. Die Fabrikanten waren interessiert, die Kontrolle über die neu zugezogenen Arbeiter zu behalten. Dabei entstanden die markanten Bauten sogenannter Kosthäuser. Hier wohnten die Arbeiter einer Fabrik, die sich kein Eigenheim leisten konnten, in Wohnungen, die der Fabrikant seinen Mitarbeitern vermietete. Eng ging es in diesen Häusern mit mehreren Wohnungen zu. Oft mussten sich die Eltern das Bett mit den Kindern teilen. Obendrein behielten sich die Fabrikanten häufig das Recht vor, bei Bedarf in die Wohnungen weitere Kostgänger einzuquartieren. Die Arbeitszeiten waren lang, zwölf Stunden pro Tag an sechs Tagen die Woche. Am Sonntag war dann Kirchgang angesagt. Zum Planschen war wohl keine Zeit. Lange bevor die Industrialisierung Kollbrunn erreichte, war es der Steinbruch im Bäntal, der Arbeit in die Gegend brachte. Schon im 17. Jahrhundert soll hier der wertvolle Tuffstein abgetragen worden sein. Tuffstein lässt sich, solange er frisch und feucht ist, leicht mit Sägen in Quader teilen. Einmal ausgetrocknet, wird er hart, ist sehr wetterbeständig und ein geschätztes Baumaterial. So stammte der Tuffstein, der 1794 zum Umbau 97


des Nordturms im Obergeschoss der Stadtkirche Winterthur verwendet wurde, vom Steinbruch «Tüfels Chilen». Darüber hinaus wurden auch Spinnereigebäude aus diesem Material gebaut. Der Name Tüfels Chilen, schon seit 1726 schriftlich belegt, stammt wohl von einer Höhle im Innern des Tuffsteins, die bei Abbau der Steine entdeckt und zerstört wurde. Die Tuffsteinnase, unter der sich eine neue kleine Höhle gebildet hatte, brach im Winter 2017 ab. Schon zwei Jahre später ist die Abbruchstelle wieder gut bemoost, und es wird spannend, zu beobachten, wie lange es dauert, bis sich eine neue Nase gebildet hat. Heute ist der Tüfels Chilen kaum mehr als Steinbruch zu erkennen. Die Ausmasse der damaligen Ausbeutung sind aber noch immer an der Treppenstruktur des Abbaus erkennbar. Der gesamte Boden gleicht hier einem Schwamm, der das Wasser aufnimmt. Alles ist von saftig grünem Moos überwachsen. Was nach einem einheitlichen Moosteppich aussieht,

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Links: Der eindrückliche Giessen im Königstal. Rechts: Am Tüfels Chilen sieht man deutlich die Abbauspuren.

setzt sich aus mehr als einem Dutzend hoch spezialisierter unterschiedlicher Moose zusammen. Schautafeln informieren über die Zusammenhänge. Auf der Spitze, über dem kleinen Wasserfall und von unten nicht sichtbar, thront ein Picknickplatz, der von zwei Züri-Haien bewacht wird. In der Stadt sind die bekannten und mit Designpreisen ausgezeichneten Abfallkübel schon wieder vom Aussterben bedroht; ihr Maul schluckt die immer grösser werdenden Fast-Food-Verpackungen nicht mehr. Hier haben die beiden bestimmt bessere Überlebenschancen. Auf unserem Weg zwischen den Tobeln, mitten im Nichts, taucht zwischen Wäldern und Wiesen eine Schwimmanlage auf. Vom ersten Anstoss in den Nachkriegsjahren bis zur Eröffnung des Badebetriebs im August 1968 dauerte es etwas länger, den Gedanken eines eigenen Schwimmbads schien die Bevölkerung von Schlatt jedoch nie begraben zu wollen. Zunächst war ein Badebetrieb an einem Feuerwehrweiher angedacht, doch das erwies sich als nicht realisierbar. Berichtet wird von zahlreichen Spenden und Fronarbeiten, um dieses Projekt in die Tat umsetzen zu können. Auch die Einweihungsfeier brachte noch einmal eine Finanzspritze. Die Familienbadi der Gemeinde Schlatt ist ein willkommenes Kleinod, gerade an heissen Sommertagen. Und wem nicht zum Planschen zumute ist, der kann sich am Kiosk mit Bistro-Betrieb verpflegen. 99


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