Inhalt
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Einleitung Krawall, Weltschmerz, Ausstieg: Wie Armin Capaul zum Hornaktivisten wurde
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Hornkäse, Lebenskräfte, Antennen: Das Kuhhorn vermarkten und propagieren
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Sturköpfe, Hörnerfranken, Bundesratsbrief: Die Hornkuh-Initiative und die direkte Demokratie der Schweiz
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Schädel, Gase, Signale: Von der Wissenschaft vom Horn zur Tierwürde
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Freilauf, Tierschutz, «Chüenis»: Die Beziehung zwischen Mensch und Kuh
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Hornpotenz, Nationalerotik, Fetischbauer: Die Bedeutung der Schweizer Landwirtschaft
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Schluss: Die Industrie, das Heilige und die Revolution
Einleitung
Im Nationalrat kursiert schon die Vorfreude auf eine Weltsensation. Der Sozialdemokrat Beat Jans sieht die Bilder aus der Schweiz um die Welt gehen: wunderschöne Kühe, die alle Hörner tragen. Und «die Welt» werde feststellen, dass in der Schweiz eine lebendige Demokratie herrsche. «Das wird man in Amerika, in Afrika, in Asien, auch in Russland, registrieren», vermutet Toni Brunner von der SVP. Und sein Parteikollege Hans Egloff betont die grosse Bedeutung dieses Abstimmungskampfes auch für die touristische Schweiz. Die Erregung ist nicht zu übersehen. Es soll einer jener seltenen Momente werden, in denen die Schweiz im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit steht. Der Grund ist eine Volksabstimmung, wie man sie in der Schweiz und wohl auch sonstwo noch nie gesehen hat: Im November 2018 wird die Schweizer Stimmbevölkerung über die sogenannte Hornkuh-Initiative abstimmen – ein Volksbegehren, lanciert vom Bergbauern Armin Capaul, das Subventionen für behornte Kühe und Ziegen in der Bundesverfassung festschreiben will. Trotz viel Sympathie lehnen die meisten Politikerinnen und Politiker die Initiative ab – Kuhhörner gehörten nicht in die Verfassung und seien sowieso gefährliche Waffen. Doch das muss Capaul nicht weiter stören; längst hat sich seine Geschichte mit dem Mythos der direkten Demokratie der Schweiz verbunden: Ein kleiner Mann aus dem Volk steht auf und setzt sich zur Wehr gegen die politischen Institutionen in Bern. Und wer findet schon nicht, dass eine Kuh mit Hörnern schöner, stärker oder natürlicher aussieht? Ein sympathisches Anliegen, wiederholt in der Nationalratsdebatte vom Juni 2018 auch Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Und auf Brunners spöttische Bemerkung, der Bundesrat habe wohl nicht für möglich gehalten, dass sein Brief vom September 2014 an 7
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Capaul solche Folgen haben würde, entgegnet dieser: «Ich würde den Brief an Herrn Capaul natürlich wieder schreiben.» Vor vier Jahren erinnerte Schneider-Ammann den Bergbauern eher floskelhaft an sein Recht, eine Initiative zu lancieren – wohl in der Hoffnung, den Störenfried damit endlich loszuwerden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Capaul schon zahlreiche Mittel für sein Anliegen, dass Halterinnen und Halter von behornten Tieren für ihren Mehraufwand vom Staat unterstützt werden, mobilisiert: unzählige Briefe ans Bundesamt für Landwirtschaft und an den Bundesrat, eine Petition mit 18 000 Unterschriften aus der Bevölkerung sowie Anträge von zwei Parlamentariern, die den Hörnerbeitrag in die Verordnung über die landwirtschaftlichen Direktzahlungen einzubringen versuchten. Alles vergeblich. Doch nachtrauern wird Capaul diesen Misserfolgen kaum. Denn damit begann die Geschichte, die ihn in der Bevölkerung und in den Medien zu einem kleinen Star werden liess und ihm auch in Bern einigen Respekt einbrachte. Ohne die Unterstützung von Parteien oder grösseren Organisationen und ohne grosse finanzielle Mittel hat Capaul mit seinen Helferinnen und Helfern über 150 000 Unterschriften für sein Anliegen gesammelt. Auf rund 50 000 davon soll es Capaul allein gebracht haben. Es ist eine Geschichte, wie sie kaum ein anderes politisches System als die direkte Demokratie der Schweiz schreiben könnte – aber auch eine Geschichte, die ohne ihren kauzigen Protagonisten nicht denkbar wäre. Zum ersten Mal habe ich über ein Video der NZZ von Armin Capaul erfahren. Darin tanzt er zu einem Gitarrensolo von Jimi Hendrix durch seinen Kuhstall im Berner Jura, im Hintergrund sieht man seine behornten Kühe. Er trägt einen farbigen Strickpullover, auf dem Kopf eine Wollmütze und in der Hand eine selbstgedrehte Zigarette. Dann sitzt er auf einer Bank im Stall und erklärt, 8
woher die Idee für seine Initiative gekommen sei: Die Kühe hätten es ihm gesagt. Ein Jahr später wiederholt sich die Szene fast haargenau gleich in einem Beitrag des deutschen Fernsehsenders ARD. Man glaubt dem politisch kaum erfahrenen Bergbauern, wenn er sagt, er habe in seinem Leben nie einen PR-Kurs besucht – was könnten sie ihm dort auch beibringen? Zwar wirkt Capaul zunächst verschroben, wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Doch tatsächlich verkörpern er und sein politisches Anliegen Werte, die im Zeitgeist der Gegenwart auf fruchtbaren Boden stossen: Bescheidenheit, Beständigkeit, Naturverbundenheit. Capaul geniesst es, plötzlich so viel Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten. Sein ganzes Leben lang war er ein Aussenseiter und ein Querschläger gewesen, der nirgendwo so recht hineinpassen wollte. Als der Bündner sich in den sechziger Jahren die Haare wachsen liess und sich die Konflikte mit den Eltern häuften, zog er von zuhause aus und begann eine Landwirtschaftslehre in einem Vorort von Zürich. Als 1968 die Globuskrawalle losgingen, unterbrach er seine Ausbildung und beschäftigte sich in seiner Zürcher Wohngemeinschaft eine Weile lang mit der Liebe, psychedelischen Drogen und der Philosophie des nordamerikanischen HopiStamms. Doch auch damit hielt er es nicht lange aus, flüchtete mit einer Buchhändlerin nach Chur und arbeitete dort ein paar Jahre als Gelegenheitshandwerker. Doch der Ausstieg sollte erst noch kommen: Nach zwei Sommern auf der Alp übernahmen er und seine jetzige Frau Claudia Anfang der achtziger Jahre ihren ersten kleinen Bauernhof. Mit konventionellen Bäuerinnen und Bauern hatten die beiden nie viel zu tun, eher noch mit der Schweizer Bergheimat, einem Verein, der kleine Biobetriebe in den Alpen unterstützt. Doch sogar dort stiessen sie mit dem Anliegen, alle Bäuerinnen und Bauern in dem Verein sollten nur noch Kühe mit 9
Einleitung
Hörnern haben, auf Ablehnung. Also wandte sich Capaul zusammen mit einem Yak-Züchter aus dem Wallis ans Bundesamt für Landwirtschaft, einige Jahre später lancierte er seine Initiative. Doch worum geht es genau? Im März 2016 wurde die Volksinitiative «Für die Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere», wie die Hornkuh-Initiative offiziell heisst, eingereicht. Dafür mussten die Initiantinnen und Initianten in achtzehn Monaten mindestens 100 000 Unterschriften sammeln. Die Initiative will eine Ergänzung von Artikel 104 der Bundesverfassung zur Landwirtschaft, genauer von Absatz 3 Buchstabe b. Als eine der Aufgaben des Bundes heisst es darin: «Er fördert mit wirtschaftlich lohnenden Anreizen Produktionsformen, die besonders naturnah, umweltund tierfreundlich sind.» Die Initiative will diesen Satz nun um folgenden Zusatz erweitern: «… dabei sorgt er insbesondere dafür, dass Halterinnen und Halter von Kühen, Zuchtstieren, Ziegen und Zuchtziegenböcken finanziell unterstützt werden, solange die ausgewachsenen Tiere Hörner tragen.» Für einen Artikel in der Bundesverfassung klingt dieser Satz natürlich viel zu spezifisch, doch es wäre nicht der erste dieser Art, der es über eine Initiative dorthin geschafft hat. Die Prognosen für die Abstimmung sind gut, Capaul ist in der Bevölkerung und bei Journalistinnen und Journalisten beliebt. Trotzdem ist die Annahme einer Volksinitiative immer ein Ereignis: Seit der Einführung dieses direktdemokratischen Instruments im Jahr 1891 hat die Schweizer Bevölkerung über 210 Initiativen abgestimmt, davon wurden erst 22 angenommen. Zehn davon seit dem Jahr 2000. Doch die Volksinitiative ist nur ein Teil der Geschichte, die sich über das Kuhhorn erzählen lässt. Was sind überhaupt die Gründe, warum viele sagen, dass die Hörner für die Kühe so wichtig sind? Im Gespräch mit der Agronomin Anet Spengler Neff, die 10
sich mit dem Kuhhorn auskennt wie kaum jemand in der Schweiz, werden zwar zahlreiche Funktionen der Hörner klar; aber gleichzeitig auch, dass sich die Frage, ob man den Kühen die Hörner lassen soll oder ob es geradesogut auch ohne geht, nicht auf dem Feld der Wissenschaft entscheiden lässt. Es ist für eine Bäuerin oder einen Bauern zunächst eine folgenreiche Entscheidung – der Umgang mit behornten Kühen braucht Geduld, Vorsicht und einen geeigneten Stall. Denn nur so lässt sich das Risiko, dass Menschen oder Tiere durch ein Horn verletzt werden, wirksam reduzieren. Doch das Thema interessiert längst nicht nur Bäuerinnen und Bauern, die in ihrem Alltag direkt mit Kuhhörnern zu tun haben, sondern gerade auch Menschen, die in Städten wohnen und Kühe eher vom Wandern in den Bergen oder aus der Milchwerbung kennen. Das Kuhhorn gliedert sich Ohne Hemmungen, dass bei einem Ja für ein in das aufgeladene die Initiative viel schiefgehen könnte, las- Verhältnis, das die Schweiz sen sich allerhand Bedeutungen und sen- zu ihrer Landwirtschaft timentale Vorstellungen mit behornten pflegt. Kühen verknüpfen. Dabei gliedert sich das Kuhhorn ein in das aufgeladene Verhältnis, das die Schweiz zu ihrer Landwirtschaft pflegt. Gerade weil der hiesige Bauernstand wirtschaftlich stark an Bedeutung verloren hat, vermutet der Agrarhistoriker Peter Moser, eignet er sich so gut als Projektionsfläche für nationalistische oder ökologische Heilsfantasien. Wem das urbane Leben zu künstlich oder leistungsgetrieben erscheint, kann sich wenigstens damit trösten, dass in den Bergen ein paar Kühe stehen, deren Ursprünglichkeit von der Bundesverfassung geschützt wird. Doch man kann dieses Kuhhorn auch ganz anders verstehen: als einen Stein des Anstosses, die herrschenden Verhältnisse und die industrielle Logik in der Landwirtschaft infrage 11
Einleitung
zu stellen. Denn Kühe zu enthornen, ist für die Tiere nicht nur schmerzvoll, es ist auch ein Eingriff in ihre Würde. Wir können uns also fragen: Wenn wir die Würde von Nutztieren wirklich ernst nehmen, muss unsere Landwirtschaft dann nicht ganz anders aussehen? Im besten Fall geht es in der Debatte um das Kuhhorn also auch um eine politische Utopie.
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Sturkรถpfe, Hรถrnerfranken, Bundesratsbrief: Die Hornkuh-Initiative und die direkte Demokratie der Schweiz
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Die Hornkuh-Initiative ist eine Skurrilität, wie sie in dieser Form nur die direkte Demokratie der Schweiz hervorbringen kann. Stefan Gärtner, ehemaliger Chefredaktor der deutschen Satirezeitschrift «Titanic», machte sich in einer seiner wöchentlichen Kolumnen in der Schweizer «Wochenzeitung» (WOZ) über die Initiative lustig: IG Hornkuh, ob das ein Witz sei, als Anspielung auf das deutsche Chemieunternehmen IG Farben oder auf IG Metall, die grösste deutsche Gewerkschaft; und ob sich in der Schweiz darüber auch alle so amüsierte, oder sich da wieder einer dieser kulturellen Gräben auftue: ein Hornkuhgraben. Dass alle Stimmberechtigten eines Landes dazu aufgerufen werden, Es war ursprünglich über Kuhhörner abzustimmen, ist je nach Persgar nicht das Ziel von pektive nicht nur amüsant, man kann es streng Armin Capaul, eine formal gesehen auch als unsauber bezeichnen: Volksinitiative in die Landwirtschaftliche Direktzahlungen für beWege zu leiten. hornte Rinder und Ziegen gehören eigentlich genauso wenig in die Verfassung wie das 2009 durch eine Volksinitiative der rechtspopulistischen SVP von der Stimmbevölkerung angenommene Bauverbot für Minarette. Doch die Hornkuh-Initiative ist eine ganz andere Geschichte als die fremdenfeindlich motivierte Instrumentalisierung des «Volkswillens», aus der die finanzkräftigste Partei des Landes eine politische Strategie gemacht hat. Es war ursprünglich gar nicht das Ziel von Armin Capaul gewesen, eine Volksinitiative in die Wege zu leiten. Erst als er auf diversen anderen Wegen bei den politischen Institutionen abgeblitzt war, befolgte er einen kaum wörtlich gemeinten Ratschlag von Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, es sei sein gutes Recht, eine Initiative zu lancieren. Das war 2014, und an diesem Punkt beginnt die Geschichte, die Capaul zu einer nationalen Kultfigur werden lässt: Der politisch wenig erfah58
rene Bergbauer schaffte es ohne die Unterstützung von Parteien oder Verbänden und ohne grosses Budget, zusammen mit seinen Helferinnen und Helfern über 154 000 Unterschriften zu sammeln. Das zeigt zumindest, dass sein Anliegen in der Bevölkerung auf offene Ohren stösst – mehr als in der Regierung und im Parlament jedenfalls, wo die Initiative deutlich abgelehnt wurde. Diese Konstellation stellt daher auch einen Fall dar, für den das Instrument der Volksinitiative vorgesehen ist: ein politisches Anliegen, das von einem ernst zu nehmenden Teil der Bevölkerung unterstützt wird, innerhalb der politischen Institutionen jedoch nicht thematisiert oder abgelehnt wird. Nun ist das Schweizer Initiativrecht aber nicht darauf ausgerichtet, dass möglichst viele Volksinitiativen zur Abstimmung kommen und bei deren Annahme neue Artikel in die Verfassung geschrieben werden. Abgesehen von der Hürde von 100 000 Unterschriften in achtzehn Monaten Sammelfrist, die für Einzelpersonen und kleine Gruppen mit wenig Geld beträchtlich ist, verfügt das Parlament über zwei Instrumente, eine Volksinitiative auszubremsen: den direkten Gegenentwurf und den indirekten Gegenvorschlag. Der direkte Gegenentwurf bewegt sich wie die Volksinitiative auf der Verfassungsebene. Das Parlament arbeitet dabei einen eigenen Verfassungsartikel aus, der denjenigen der Initiative im Sinn des Parlaments ersetzen soll. Der indirekte Gegenvorschlag hingegen bewegt sich auf der Gesetzesebene. Das Parlament arbeitet dabei ein Gesetz aus, das die Umsetzung des von den Initiantinnen und Initianten vorgeschlagenen Verfassungsartikels vorwegnehmen soll. In beiden Fällen kann es zum Rückzug der Initiative kommen, oder diese kommt gleichzeitig mit dem Vorschlag des Parlaments zur Abstimmung. Ob eine Initiative zurückgezogen wird, liegt in jedem Fall beim Initiativkomitee. 59
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Capaul war sich nicht bewusst, dass diese Entscheidung auch auf ihn einmal zukommen könnte – doch im Sommer 2017 geschah genau dies. Louis Schelbert, der bis im Frühling 2018 für die Grünen im Nationalrat sass, und SP-Ständerat Roberto Zanetti hatten sich schon ein paar Jahre früher bereit erklärt, Capaul und sein Anliegen als parlamentarische Paten in ihren jeweiligen Räten zu vertreten. «Ich habe Zanetti nicht darum angerufen, weil er besonders viel mit Landwirtschaft am Hut hat oder einer bestimmten Partei angehört», sagt Capaul, «sondern weil er ein Bündner ist, wie ich auch. Wie ich vermutet hatte, haben wir uns sofort verstanden.» Schelbert und Zanetti rieten Capaul 2017, für einen indirekten Gegenvorschlag Hand zu bieten. Der Vorteil: Indem das Initiativkomitee Bedingungen formuliert, unter denen es die Initiative zurückziehen würde, kann es Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess nehmen. Wird die Initiative jedoch von der Bevölkerung angenommen, steht zwar der vom Komitee formulierte Artikel in der Verfassung, auf die konkrete Umsetzung durch das Parlament hat es hingegen keinen Einfluss mehr. Capaul haderte, immerhin hatte er beim Besuch im Bundeshaus ein paar Monate zuvor noch erklärt, er würde seine Initiative auf keinen Fall zurückziehen. Konnte er nun einfach seine Meinung ändern und einlenken? Im November 2017 traf sich das Initiativkomitee zu einer Sitzung, an der sich die Mitglieder schnell einig wurden: Die Gelegenheit war günstig. In der Zwischenzeit hatte Capaul einen Sinneswandel durchgemacht und erkannt, dass ein anständiges Gesetz mit Hörnerbeitrag schon bald stehen könnte. Also arbeitete das Komitee rasch einen kleinen Katalog mit Bedingungen aus, unter denen es die Initiative zurückziehen würde. Zwei davon waren besonders wichtig: Erstens müssten die Tiere im nationalen RAUS-Programm angemeldet sein. Die Abkürzung 60
«RAUS» steht für «Regelmässiger Auslauf im Freien», und das Programm unterstützt Betriebe finanziell, deren Kühe im Sommer an mindestens 26 Tagen pro Monat auf der Weide sind und im Winter an mindestens 13 Tagen. Diese Bedingung war auch eine Reaktion auf das vom Schweizer Tierschutz (STS) vorgebrachte Argument gegen die Initiative, deren Umsetzung könne dazu führen, dass wieder mehr Tiere im Stall angebunden werden. Die zweite Bedingung: Der Hörnerbeitrag müsse mindestens so hoch sein wie der Beitrag für das RAUS-Programm, also derzeit hundertneunzig Franken pro behornte Kuh und Jahr. Louis Schelbert brachte die Bedingungen im darauffolgenden Januar in die Wirtschaftspolitische Kommission (WAK) des Nationalrats ein, die in ihrem indirekten Gegenvorschlag sämtliche Bedingungen des Komitees aufnahm – bis auf die wichtigste: die konkrete Höhe des Beitrags. Diese sollte später in einer Verordnung beziffert werden. Für diese Version eines indirekten Gegenvorschlags hatte sich auch SVP-Nationalrat Toni Brunner eingesetzt. Als einziger bürgerlicher Politiker erklärte er öffentlich, dass er die Initiative grundsätzlich unterstütze, und zeigte sich kompromissbereit. «Das Anliegen von Armin Capaul ist ernst zu nehmen», sagte Brunner im Januar 2018 in einem Interview mit der Zeitung «Schweizer Bauer». Zwar seien dreissig Millionen Franken zu viel – so viel etwa würde ein Förderbeitrag von einem Franken pro behornte erwachsene Kuh und Tag jährlich kosten – aber zehn bis fünfzehn Millionen Franken könne er sich gut vorstellen. So viel wiederum hätte das Vorhaben gemäss dem indirekten Gegenvorschlag in Kombination mit den RAUS-Beiträgen gekostet. Das Engagement des ehemaligen SVP-Präsidenten bei diesem Thema mag zunächst überraschen, doch auf den zweiten Blick stellt es sich als geschickter Schachzug heraus. Gegenüber dem «Schweizer Bauer» äusserte 61
«RAUS» steht für «Regelmässiger Auslauf im Freien», und das Programm unterstützt Betriebe finanziell, deren Kühe im Sommer an mindestens 26 Tagen pro Monat auf der Weide sind und im Winter an mindestens 13 Tagen. Diese Bedingung war auch eine Reaktion auf das vom Schweizer Tierschutz (STS) vorgebrachte Argument gegen die Initiative, deren Umsetzung könne dazu führen, dass wieder mehr Tiere im Stall angebunden werden. Die zweite Bedingung: Der Hörnerbeitrag müsse mindestens so hoch sein wie der Beitrag für das RAUS-Programm, also derzeit hundertneunzig Franken pro behornte Kuh und Jahr. Louis Schelbert brachte die Bedingungen im darauffolgenden Januar in die Wirtschaftspolitische Kommission (WAK) des Nationalrats ein, die in ihrem indirekten Gegenvorschlag sämtliche Bedingungen des Komitees aufnahm – bis auf die wichtigste: die konkrete Höhe des Beitrags. Diese sollte später in einer Verordnung beziffert werden. Für diese Version eines indirekten Gegenvorschlags hatte sich auch SVP-Nationalrat Toni Brunner eingesetzt. Als einziger bürgerlicher Politiker erklärte er öffentlich, dass er die Initiative grundsätzlich unterstütze, und zeigte sich kompromissbereit. «Das Anliegen von Armin Capaul ist ernst zu nehmen», sagte Brunner im Januar 2018 in einem Interview mit der Zeitung «Schweizer Bauer». Zwar seien dreissig Millionen Franken zu viel – so viel etwa würde ein Förderbeitrag von einem Franken pro behornte erwachsene Kuh und Tag jährlich kosten – aber zehn bis fünfzehn Millionen Franken könne er sich gut vorstellen. So viel wiederum hätte das Vorhaben gemäss dem indirekten Gegenvorschlag in Kombination mit den RAUS-Beiträgen gekostet. Das Engagement des ehemaligen SVP-Präsidenten bei diesem Thema mag zunächst überraschen, doch auf den zweiten Blick stellt es sich als geschickter Schachzug heraus. Gegenüber dem «Schweizer Bauer» äusserte 61
schlag deutlich angenommen hat, lehnt ihn die WAK des Ständerats ebenso deutlich ab. Damit hat das Parlament die letzte reale Chance verspielt, die Initiantinnen und Initianten zum Rückzug der Initiative zu bewegen. Plötzlich ist der Weg zur Abstimmung wieder frei. SP-Ständerat Roberto Zanetti sagt auf Anfrage, der Entscheid der WAK des Ständerats, der er selber angehört, habe ihn überrascht. Er hätte erwartet, dass die Bürgerlichen mit dem Gegenvorschlag eine Abstimmung verhindern wollen, weil der Bauernverband Konflikte innerhalb der Bauernschaft befürchte. «Das war schon das zweite Mal, dass ich bei dieser Initiative falsch lag», sagt Zanetti. «Ich muss zugeben: Ich hätte nicht erwartet, dass Armin Capaul die nötigen Unterschriften für eine Volksinitiative zusammenkriegt.» Zanetti gibt zu bedenken, dass das Hornthema im Vergleich zu anderen Geschäften im Parlament schlicht keine hohe Priorität geniesst – auch bei den Gegnerinnen und Gegnern der Initiative nicht. Er erinnert daran, dass im Rahmen der Verhandlung über die Agrarpolitik 2014 bis 2017, zwei Jahre vor der Lancierung der Initiative, sogar einmal ein sogenannter Hörnerfranken pro behorntem Tier und Tag zur Debatte stand. Ende 2012 stimmte die WAK des Ständerats dem Hörnerfranken zu, kurz darauf verwarf der Ständerat den entsprechenden Antrag von Zanetti relativ knapp. «CVP-Ständerat Peter Bieri stellte damals den Antrag auf Streichung des Hörnerfrankens. Als ETH-Agronom mit Spezialgebiet Viehzucht geniesst er bei dem Thema Autorität, also ist ihm der Rat gefolgt.» Bei einem derart grossen Geschäft wie der Agrarpolitik bleibe dann keine Zeit mehr für Diskussionen über Details wie dieses. Für den Schweizer Bauernverband, der als eine der einflussreichsten Lobbyorganisationen in Bern gilt, ist die Hornkuh-Initia63
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tive eine harte Nuss. Dem bürgerlich geprägten Verband kommt die Diskussion um das Kuhhorn höchst ungelegen, denn die vielen Betriebe, die ihre Kühe enthornen, drohen dadurch als Tierquäler dazustehen; und das gute Image, das die Schweizer Landwirtschaft in Sachen Tierschutz geniesst, droht angekratzt zu werden. Doch das grösste Problem vermutet Capaul an einem anderen Ort: «Die Initiative kommt ausgerechnet von einem Bergbauern – aus ihren eigenen Reihen.» Es wäre also zu erwarten gewesen, dass der indirekte Gegenvorschlag von den Bürgerlichen in der Hoffnung mitgetragen wird, damit eine Volksabstimmung verhindern zu können. Laut Markus Ritter, Präsident des Bauernverbands und CVP-Nationalrat, war eine Einigung zwischen Parlament und Initiativkomitee jedoch von Anfang an ausgeschlossen, wie er auf Anfrage sagt. «Armin Capaul war es wichtig, dass die Höhe des Beitrags verbindlich fixiert würde. Dies ist aber bei keiner Direktzahlung im Gesetz der Fall. Daher war ein gemeinsamer Weg nicht möglich.» Das wichtigste Argument des Bauernverbands gegen die Initiative bewegt sich also auf formaler Ebene: Eine Regelung über Direktzahlungen gehöre nicht in die Verfassung, sondern in die entsprechende Verordnung. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wieso der Bauernverband nicht Hand dazu geboten hat, einen Hörnerbeitrag im Rahmen der Agrarpolitik 2014 bis 2017 auf Verordnungsebene zu regeln. Nach Abwägung seien andere Bereiche für Direktzahlungen als wichtiger erachtet worden, sagt Ritter. Ausserdem könnten Produkte von behornten Tieren einen Mehrwert auf dem Markt erzielen, weshalb keine Subventionen nötig seien. Die Hornkuh-Initiative sei ihm persönlich sympathisch, sagt Ritter, weil sie auch die Bedeutung von Kühen und Ziegen in den Fokus der öffentlichen Diskussion rücke. «Die Hörner sind aber nach wie vor eine Waffe der Tiere und können Verletzungen erzeugen.» 64
Adressenverzeichnis Schweiz FiBL – Forschungsinstitut für biologischen Landbau Ackerstrasse 113 5070 Frick www.fibl.org/de/schweiz Horn+Milch Spezialitäten Stutzrain 62 6005 St. Niklausen www.horn-milch.ch Horn-Kuh-Patenschaft Hermann und Elisabeth Kaufmann-Stalder Sur la Croix 19 2882 St-Ursanne www.horn-kuh-patenschaft.ch IG Hornkuh Armin Capaul Valengiron 2742 Perrefitte hornkuh.ch
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IG Hornkuh Uri Reussacherstrasse 23 6460 Altdorf www.ighornkuh-uri.ch KAGfreiland Engelgasse 12a 9001 St. Gallen www.kagfreiland.ch Kleinbauern-Vereinigung VKMB Monbijoustrasse 31 3011 Bern kleinbauern.ch Maria Meyer und Martin Bienerth Sennerei 7440 Andeer www.sennerei-andeer.ch ProSpecieRara Unter Brüglingen 6 4052 Basel www.prospecierara.ch
Schweizer Bergheimat Letten 6235 Winikon www.schweizer-bergheimat.ch Schweizerischer DemeterVerband Burgstrasse 6 4410 Liestal demeter.ch
Deutschland Bio-Ring Allgäu e. V. Untere Eicher Strasse 3 87435 Kempten www.bioring-allgaeu.de Demeter e. V. (Demeter Deutschland) Brandschneise 1 64295 Darmstadt www.demeter.de
Universität Kassel Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften Steinstrasse 19 37213 Witzenhausen www.uni-kassel.de/fb11agrar
Österreich Born mit Horn – Verein für die Unversehrtheit und faire Behandlung der (landwirtschaftlichen) Tiere Ferrogasse 68–70/16 1180 Wien www.bornmithorn.at Demeter Österreich Theresianumgasse 11 1040 Wien www.biodynamisch.at
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