DIE SCHÖNSTEN DIE SCHÖNSTEN
Wanderungen Wanderungen am Wasser am Wasser IN DEN SCHWEIZER ALPEN
IN DEN SCHWEIZER ALPEN
Hajo Degen Ragna Kilp
Lago Valletta.
DIE SCHÖNSTEN
Wanderungen am Wasser IN DEN SCHWEIZER ALPEN
Hajo Degen Ragna Kilp
Umschlag: Vorderseite: Limmerensee. Rückseite: Tannensee. Reihe: Wandern in der Schweiz © 2021 AT Verlag AG, Aarau und München Lektorat: Karin Steinbach Tarnutzer, St. Gallen Fotos: Hajo Degen und Ragna Kilp Grafische Gestaltung und Satz: AT Verlag Kartenausschnitte: Atelier Guido Köhler & Co., Binningen Bildbearbeitung: Thomas Humm, HUMM -dtp Druck und Bindearbeiten: AZ Druck und Datentechnik, Kempten Printed in Germany ISBN 978-3-03902-109-3 www.at-verlag.ch Der AT Verlag wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.
Inhalt Vorwort
13
Hinweise zu den Wanderbeschreibungen
14
GOT THARD, A ARMAS SIV, ZENTRALSCHWEIZ
1
Seenrunde am Gotthardpass Versteckte Seenlandschaft 18
2
Grimselsee Durch Arvenwälder zum Gletscher
22
3
Räterichsboden- und Gelmersee Auf den Spuren eines Schweizer Verkaufsschlagers 27
4
Göscheneralpsee Es glitzert im See und weit unten im Gestein 32
5
Lai da Tuma und Lai Urlaun Am Ursprung des Rheins 36
6
Im Reusstal von Amsteg nach Wassen Die Gotthardroute zu Fuss 40
7
An der Reuss von Wassen nach Andermatt Schöllenenschlucht und Urnerloch 45
8
Lungerersee Rund um das heutige Bade- und Fischerparadies 50
9
Melchsee – Tannensee – Engstlensee – Trübsee Drei Kantone – vier Seen 54
10
Auf dem Weg der Schweiz um den Urnersee Aus einer Notlage zum Klassiker 58
11
Das Gletscherseeli unter dem Clariden Es tut sich was am Klausenpass 62
OSTSCHWEIZ
12
Garichtisee und Chärpfbrugg Durch das älteste Wildschutzgebiet der Schweiz 68
13
Muttsee – Limmerensee Hier verbinden sich Superlative
72
14
Klöntalersee Unter den steilen Wänden des Glärnisch 78
15
Murgseen Eine wahrhaft «strahlende» Runde
16
17
Walensee Der «Schweizer Fjord» – zum Vorbeifahren zu schade
89
Fünf-Seen-Wanderung am Pizol Fünf Seen in fünf Stunden 94
84
GR AUBÜNDEN 18
Lag Prau Tuleritg – Lag la Cauma – Lag la Cresta Eine Alternative zum bekanntesten Badesee der Surselva 102
19
Klosters – Schwarzsee – Davosersee Wildbach aus Menschenhand 107
20
Mineralwasser aus Scuol Das Unterengadiner Fenster und sein Wasser 112
21
Der Spöl zwischen Ova Spin und Punt dal Gall Das unbekannte Juwel 117
22
A la riva dal Rom Miterleben, wie aus einem Rinnsal ein Fluss wird 122
23
Lagh da Saoseo und Lagh da Val Viola Das Bijou im Puschlav 127
24
Lago Bianco – Lagh da Palü – Giardino dei Ghiacciai Unter dem Biancograt 132
25
Seen im Oberengadin Zwei grosse, drei kleine und einer zum Baden 138
26
Lägh da Cavloc und Lägh da Bitabergh Oberhalb des Malojapasses 142
TESSIN 27
Lai da Sontga Maria und Brenno del Lucomagno Passwanderung am Wasser 150
28
Lai da Sontga Maria – Lago Cadagno – Lago Ritóm Vom Medelser Rhein zum ältesten Stausee des Tessins 156
29
Lago di Robièi und Lago del Zött Dem grössten Gletscher des Tessins ganz nah 161
30
Lago dei Cavagnöö, Lago Bianco und Lago Sfundau Versteckt hinter den Bergen gibt es noch mehr Seen 165
31
Lago del Narèt und Lago del Sambuco Als wäre man allein auf einem anderen Kontinent 170
32
Verzascatal Das berührend schöne steinerne Herz des Sopraceneri 175
33
Maggiatal Viele Hängebrücken spannen sich über den Fluss 180
BERNER OBERLAND 34
Brienzersee und Giessbachfälle Romantik und Nostalgie pur 188
35
Kientaler Wildwasserweg Ungezähmte Wasser und ein verlandender See 193
36
Oeschinensee Von einem Bergsturz geschaffen und bedroht 198
37
Gasteretal In den westlichsten Teil des UNESCO -Welterbes 203
WALLIS
38
Lämmerenboden und Daubensee Wo Bartgeier ihre Kreise ziehen 210
39
Bisse de Tsittoret Wasserwanderung auf dem «Weg der Luft» 214
40
Gorperi – Niwärch – Undra – Laldneri Suonen-Zickzack am Südhang oberhalb von Visp 219
41
Heido-Suone Wasser für den höchsten Weinberg der Alpen 224
42
43
Fünf-Seen-Weg oberhalb Zermatts Was wäre Zermatt ohne das Matterhorn? Lac de Moiry Rätsel über Rätsel
234
44
Grand Bisse de Lens und Bisse de Clavau Suonenwege im Unterwallis 238
45
Vom Sex Rouge zum Sanetschsee Über den Gletscher zum See 243
46
Grand Bisse de Vex und Bisse du Milieu Den Techniken der Wasserfuhren auf der Spur 248
47
Val Ferret Wilde Wasser am Ostrand des Mont-Blanc-Massivs 252
48
Lacs de Fully Die Tour der sportlichen Rekorde
49
50
229
256
Rund um den Lac de Salanfe Beliebtes Übernachtungsziel für Familien Lacs d’Emosson Mit vier verschiedenen Bahnen zu zwei Seen 265
261
Hinter dem Gotthardpass versteckt sich auch manch namenloses Seelein. 11
12
Vorwort
Die Schweiz ist nicht nur das Land der Berge, sie ist auch ein Land des Wassers und gehört zu den wasserreichsten Ländern der Erde. Wir haben zwar keine Ozeanküsten, dafür aber unzählige grosse und kleine Seen, Flusslandschaften, Bäche und natürlich die grössten Gletscher der Alpen. Wasser ist für uns selbstverständlich. Aber oft nehmen wir es erst richtig wahr, wenn viele Tropfen zusammenkommen, sich in Bergseen und Bächen sammeln und das Wasser dann teils ungestüm über eine Felswand oder mehrere Terrassen hinunter ins Tal rauscht. Manchmal muss es uns auch zeigen, dass es eine Urgewalt ist. Wasser gestaltet Landschaften, sucht sich seine eigenen Wege, prägt das Verhalten aller Lebewesen und lässt sich oft nur schwer bändigen. Ist es nicht wunderbar, einem plätschernden Bach zu lauschen, sich im Rauschen eines Flusses zu verlieren oder auf der glatten Oberfläche eines Sees das Spiegelbild der Landschaft zu bewundern? Mit ihrem Glitzern und Funkeln bereichern Gewässer jede Landschaft. Viele Gewässer werden heute bis in grosse Höhen für Freizeitaktivitäten, verschiedene Wassersportarten und zur reinen Erholung genutzt. Nicht wenige von ihnen werden von Passagierschiffen befahren. Im Engadin befindet sich sogar die höchste Schifffahrtslinie der Alpen. Touren am Wasser sind zu jeder Jahreszeit reizvoll. Bäche und Flüsse fliessen im Frühling und Frühsommer oft am beeindruckendsten. Im Hochsommer locken Badeseen zu einem beherzten Sprung ins kühle Nass. Die Wasserfuhren an sonst trockenen Hängen sind prall gefüllt. Stauseen sind eher im Herbst und Spätherbst, wenn sie maximal aufgestaut sind, am schönsten. Selbst im Winter können die Eisflächen zugefrorener Seen besondere Erlebnisse bieten. Einige der ausgewählten Touren sind wohlbekannt, andere eher stille Geheimtipps. Kommen Sie mit auf eine Reise durch die Schweizer Alpen, um die Vielfalt des Wassers und seiner Landschaften zu entdecken und dabei einzutauchen in die Geschichten des «Land of Water». Hajo Degen und Ragna Kilp
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Über dem Lago d’Orsino ist der erste grössere Anstieg geschafft.
Versteckte Seenlandschaft 1
Seenrunde am Gotthardpass
Der Gotthard verbindet nicht nur den Norden mit dem Süden, er ist auch ein abwechslungsreiches Wandergebiet, in dem sich ganz unterschiedliche Seen entdecken lassen. Ob über den Pass oder unten durch, die Möglichkeiten sind vielfältig. Zwei Eisenbahntunnel, ein Strassentunnel und zwei Passstrassen führen dazu, dass die meisten den Gotthard nur als Verbindung zwischen den Kantonen Uri und Tessin wahrnehmen. Allenfalls wird ein kurzer Stopp auf der Passhöhe eingelegt, um einen kleinen Rundblick zu geniessen. Wie bei kaum einem anderen Pass liegen jedoch etwas abseits der im Sommer so belebten 18
Strasse Landschaften, die von vielen Durchreisenden völlig unentdeckt bleiben. Zu Unrecht: So lassen sich auf der Landeskarte nicht weniger als 46 Seen zählen – besser gesagt Laghi, denn sie liegen alle auf Tessiner Gebiet. Rund um die Bushaltestelle beim Ospizio sind gleich die ersten sieben aufgereiht. Sobald wir uns ein paar Schritte vom Hospiz entfernt haben, lassen wir den Verkehrslärm hinter uns. Für unsere Seenrunde wenden wir uns auf der alten, gepflasterten Strasse nach Nordwesten. Rechts zweigt gleich der Zugang zum Museum Sasso San Gottardo im ehemaligen Artilleriewerk Sasso da Pigna ab. Unscheinbar wirkt der Eingang zwischen den beiden kleinen Seen, und doch verbirgt sich dahinter eine für lange Zeit geheime Welt von kilometerlangen Stollen, Aufzügen und Kavernen. Vielleicht ist auf dem Rückweg noch Zeit für eine Besichtigung der unterirdischen Anlagen. Zwei Stunden sollte man dafür allerdings einplanen. Der erste Teil der Besichtigung führt in die Ausstellung «Erlebniswelt Gotthard» in der ehemaligen unterirdischen Kaserne. Durch einen langen Stollen und mit einem Aufzug geht es in den zweiten Teil, die eigentliche Festung. Die Kanonen darin waren weniger in Richtung Leventina, sondern hauptsächlich zum Bedrettotal hin gerichtet. Nicht ohne Grund: In den 1920er-Jahren hatte Italien eine gut ausgebaute Strasse zum Passo San Giacomo errichtet, der nur 14 Kilometer vom Südportal des GotthardDer Weg zwischen dem Lago d’Orsino und den Laghi d’Orsirora ist kunstvoll ausgebaut.
Lago di Lucendro mit Gotthardpass.
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Eisenbahntunnels entfernt ist. Über die Strasse schaffte man sogar zwei Eisenbahnwaggons bis knapp unter die Passhöhe und demonstrierte damit, dass man dort auch grosse Kanonen aufstellen könnte. Auf der anderen Seite der neuen Passstrasse, direkt unterhalb der Staumauer des Lago di Lucendro, liegt die zweite grosse Festung am Gotthardpass, das Artilleriewerk San Carlo. Heute befindet sich in den Stollen von San Carlo das Hotel La Claustra. Die nicht ganz billige Übernachtung tief in den Granitfelsen ist bestimmt ein besonderes Erlebnis. Die Staumauer des Lago di Lucendro wurde um die gleiche Zeit wie die Artilleriewerke gebaut. Damals, in den 1940er-Jahren, war der Zement knapp, und er wurde zuerst für kriegswichtige Bauten verwendet. Beim Bau von Staumauern musste gespart werden. Die Schwergewichtsmauer des Lago di Lucendro wurde daher nach dem Prinzip des Schweizer Ingenieurs Nötzli, der oft als einer der genialen Ingenieure seiner Zeit bezeichnet wird, in Pfahlbauweise aus Betonsäulen erstellt. Eigentlich würde das Wasser des Lago di Lucendro, wie auch das der anderen Seen, die wir besuchen werden, nach Norden – zur Reuss – entwässern. Stattdessen wird es zusammen mit dem Wasser vom Lago della Sella rund tausend Meter tiefer in Airolo turbiniert und dann auf seinem Weg zum Lago Maggiore noch vier Mal in Strom verwandelt. Die Höhendifferenz zum Lago Maggiore beträgt gut 200 Meter mehr als zum Vierwaldstättersee. Für die Stromerzeugung macht das eine Menge aus. Den grössten See der Tour – den Lago di Lucendro – heben wir uns für das Ende der Wanderung auf. Zunächst wenden wir uns nach Norden zum Lago d’Orsino mit seiner tiefblauen Farbe und einem grossartigen Blick auf die Passhöhe. Danach geht es noch ein Stück höher, und wir gewinnen den Blick auf die Laghi d’Orsirora mit ihrem grünlich schimmernden Teint. Bevor es nun wieder abwärts geht, sollte man auf jeden Fall noch den kurzen Abstecher zur Gatscholalücke machen. Der Lohn für diesen kleinen Umweg ist ein fantastischer Blick ins Witenwasserental und ins Urserental mit der Furkapassstrasse. Wer ein Fernglas dabeihat, kann neben der Rotondo- noch die Sidelen- und die Albert-Heim-Hütte entdecken. Auf unserem Abstieg passieren wir den oberen der Laghi della Valletta, einen See, der sich aufgrund seiner geringen Tiefe gut erwärmt und gern für ein kurzes Bad genutzt wird. Anschliessend geht es hinunter zum Riale del Sasso della Meda. Bald haben wir 400 Meter unter uns den Lago di Lucendro im Blick. Von hier können wir auch gut die Pfahlbauweise der Leichtbau-Schwergewichtsstaumauer erkennen.
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Gotthardreuss
Pizzo d’Orsino 1 km
Pizzo d’Orsirora Laghi d’Orsirora Gatscholalücke
Cascina d’Orsino
Lago d’Orsino Cascina di Giacobi
Laghi della Valletta Mottolone Pizzo dell’Uomo
Lago di Lucendro Museum Sasso San Gottardo Gotthardpass Alpe di Lucendro
Schwierigkeit T2 Strecke 13,4 km Höhendifferenz 690 m Auf- und Abstieg Wanderzeit 4 ½ Std. Ausgangs- und Endpunkt Bushaltestelle Gotthard Passhöhe
Lago della Piazza Hospiz
Route Von der Bushaltestelle (2090 m) auf der alten Passstrasse dem Lago della Piazza entlang. Unter der neuen Passstrasse hindurch zum Fuss der Staumauer des Lago di Lucendro. Noch vor der Höhe der Mauer biegen wir rechts ab und steigen wieder ein paar Meter ab. Auf einem abgedeckten Kanal geht es eben bis Cascina di Giacobi und dann hinauf zum Lago d’Orsino. Weiter aufwärts zu den Laghi d’Orsirora. Dahinter haben wir beim lohnenden Abstecher zur Gatscholalücke (2527 m) den höchsten Punkt der Wanderung erreicht. Der obere der beiden Laghi della Valletta wird von manchen gern für eine Abkühlung genutzt. Ein letzter kurzer Anstieg, dann geht es über nasse und sumpfige Hänge steil abwärts zum Lago di Lucendro und an ihm entlang zurück zum Ausgangspunkt.
21
Fontana Villa Bedretto
Osassco
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Airolo
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Sasso della Boggia
Piotta
Pizzo di Mezzodì
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1 km
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Pizzo Folcra
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Alpe di Campo la Torba Passo del Narèt
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Poncione Sambuco
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Lago del Narèt
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Capanna Cristallina
Lago Cristallina Sfundau
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Poncione dei Laghetti
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Pizzo di Röd Lago Nero Robièi
Schwierigkeit T3 Variante: T3 Strecke 18 km Variante: 14,8 km Höhendifferenz 320 m Aufstieg, 1600 m Abstieg Variante: 470 m Aufstieg, 1725 m Abstieg Wanderzeit 5 ½ Std. Variante: 5 ¼ Std. Ausgangspunkt Capanna Cristallina (mit einer Übernachtung dort Kombinationsmöglichkeit mit Tour 30) Endpunkt Bushaltestelle Fusio, Paese Variante: Bushaltestelle Ossasco (Bedretto)
174
Cevio/Locarno
Fusio
Route Von der Capanna Cristallina (2575 m) abwärts, bis nach Osten der Pfad über den Passo del Narèt zum Lago del Narèt abzweigt. Anschliessend steigen wir vom Lago del Narèt durch das Val Sambuco ab, wandern am Lago del Sambuco entlang und schliesslich hinab nach Fusio (1289 m). Streckenweise verläuft der Weg auf dem Werksträsschen mit Hartbelag. Der Fahrzeugverkehr ist sehr gering. Variante Wem die Strecke nach Fusio zu lang und die Busfrequenz von dort zu gering ist, kann auch nach Ossasco im Bedrettotal wandern: nach der Seeumrundung über den Passo del Narèt zurück und durch das Val Torta abwärts bis zur Bushaltestelle in Ossasco.
Der Weg führt meistens nahe am Fluss entlang.
Das berührend schöne steinerne Herz des Sopraceneri 32
Verzascatal
Wer nur zum Baden im sehr erfrischenden Wasser kommt, verpasst es, das Tal wirklich kennenzulernen und es zu erleben. Seit Selfies das Internet überschwemmen, werden die Felsen im Fluss unter der Ponte dei Salt bei Lavertezzo geflutet. Von der Verzasca nur ab und zu bei Hochwasser, von Menschen im Sommer tage-, wochen-, monatelang. Es ist halt auch zu verführerisch, zu beobachten, wie die Farben des Wassers mit den glatt geschliffenen Felsen kontrastieren. Aus der Magadinoebene ist die Staumauer, die das Tal abriegelt, kaum zu sehen. Bekanntheit erlangt hat das 1965 fertiggestellte Bauwerk durch 175
Die Farbe der Verzasca begeistert jeden.
den James-Bond-Film «GoldenEye» aus dem Jahr 1995 mit dem berühmten Bungeesprung des Hauptdarstellers Pierce Brosnan. Heute kann jeder, der sich das zutraut, den Sprung von James Bond nachmachen. Mit 220 Metern gilt er aktuell immerhin als dritthöchster Bungeesprung der Welt. Das kleine, enge Strässchen, das von Gordola durch etliche Tunnel und über viele Kehren vorbei am Stausee Lago di Vogorno hinauf ins Verzascatal führt, kann die Massen kaum bewältigen. Parkplätze sind ebenfalls Mangelware. Wer endlich einen gefunden hat, muss sich die wenigen Stellen am Ufer mit anderen teilen. Wer ins doch ziemlich erfrischende Wasser der Pozzi, wie die türkis schillernden Wasserbecken genannt werden, springen will, muss darauf achten, niemandem auf den Kopf zu springen. Es ist fast wie im Freibad. Da macht es doch mehr Sinn, mit dem Postauto bis zur Haltestelle Corippo, Bivio, zu fahren, über die Ponte di Corippo die Talseite zu wechseln und dem Wanderweg flussaufwärts zu folgen. Vielleicht sollte man auch erwägen, das kurze Stichsträsschen hinauf nach Corippo zu gehen und dort zu übernachten. Corippo hatte einst mehr als 300 Einwohner, ist aber mittlerweile auf etwa ein Dutzend Bewohner geschrumpft. Nur die Alten sind im Dorf geblieben. Schon bald sollen einzelne Häuser des Dorfes ein «Albergo diffuso» bilden. Dabei werden im Dorf verstreute Häuser als Unterkünfte und die Osteria als Hotelrezeption, Speisesaal sowie Mehrzweckraum dienen. Im Frühjahr 2020 wurde mit den Umbauten begonnen. 176
Zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches war nicht klar, ab wann man im Dorf übernachten kann (Aktuelles findet man im Internet auf der Seite www.fondazionecorippo.ch/de). In Italien ist es mit solchen Projekten bereits gelungen, Dörfer vor dem Aussterben zu bewahren. Das Verzascatal, dessen Name von «verde acqua» (grünes Wasser) kommt, ist bis heute ein raues und wildes Tal geblieben, das sich viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt hat. Gerade nach Regenfällen rauschen von den Hängen etliche Wasserfälle durch die Lärchenwälder zu Tal. Im Flussbett hat die Strömung des Wassers die Gneisfelsen zu regelrechten Kunstwerken geformt und in Jahrtausenden blank geschliffen. Der Flussabschnitt unterhalb von Lavertezzo ist das Revier der Taucher. Bis zu 10 Meter sind die Pozzi hier tief und glasklar bis zum Grund. Wer das versuchen möchte, sollte entsprechend erfahren und ausgerüstet sein. Das Wasser in den Pozzi wird auch im Hochsommer selten über 15 Grad warm. Die meisten Besucher des Tals kommen zur bekannten doppelbogigen Ponte dei Salt, die als Römerbrücke bezeichnet wird, obwohl sie aus dem 17. Jahrhundert stammt. Vielleicht fahren sie auch noch weiter, um hier und da kurz anzuhalten – falls sie einen der raren Parkplätze finden. Dabei ist es gerade einmal eine halbe Stunde Fussweg von der Brücke aufwärts zur nächsten Attraktion, der Cascata da Sgióf. Während der Schneeschmelze oder nach starkem Regen kann man hier schon mal nass werden.
Ponte dei Salt. 177
Noch eine halbe Stunde weiter treffen wir wieder auf die Strasse, die hier den Fluss überquert. Rund um die Brücke befinden sich weitere beliebte Badeplätze. Der Trubel ist aber schnell wieder vorbei. Wer einen Zwischenstopp in Brione, dem Hauptort des Tals, einlegen will, muss über die Fussgängerbrücke auf die westliche Seite wechseln. Dadurch verpasst man jedoch eines der schönsten Fotomotive bei der Sofcalasca-Kapelle, gegenüber der Osuramündung. Bei Sonogno mündet von Westen das Val Redorta mit der schönen Cascata La Froda ins Tal. Der Abstecher bis zum sehenswerten Wasserfall macht hin und zurück knapp 2,5 Kilometer und eine Dreiviertelstunde aus. Am Ziel der Wanderung in Sonogno sollte man es nicht versäumen, dem Museo di Val Verzasca einen Besuch abzustatten. Seit die alte Casa Genardini aus dem 18. Jahrhundert im Frühjahr 2017 um ein zweites Gebäude ergänzt wurde, kontrastieren altes Steinhaus und moderner Betonbau miteinander. Ein guter Rahmen, der für die Historie und den Wandel des Tals steht. In der Casa Genardini werden die einstigen Wohn- und Lebensverhältnisse des Tals gezeigt. Im neuen Gebäude kann man sich mithilfe eines dreidimensionalen Modells des Verzascatals die Veränderungen vor Augen führen.
Schwierigkeit T1 Strecke 18,7 km Höhendifferenz 870 m Aufstieg, 450 m Abstieg Wanderzeit 5 ¾ Std. Ausgangspunkt Bushaltestelle Corippo, Bivio Endpunkt Bushaltestelle Sonogno Immer wieder laden Bänke zum Verweilen ein. 178
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Cascata la Froda
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Pizzo d’Orgnana
Ponte di Corippo 1 km
Corippo, Bivio Tenero/Locarno
Route Die Strecke ist durchgehend deutlich markiert und nicht zu verfehlen. Durch die vielen Bushaltestellen kann man die Wanderung an vielen Stellen beginnen oder beenden. Ein ruhiger Abschnitt unserer Wanderung ist der von der Ponte di Corippo (496 m) bis unterhalb von Lavertezzo. Rund um Lavertezzo mit der bekannten doppelbogigen Ponte dei Salt sieht dies etwas anders aus. Besonders hier befinden sich die beliebten und viel fotografierten Stellen mit den Felsen um die blaugrünen Wasserstellen. Bald wird es wieder ruhiger. Erst ab der Strassenbrücke sind je nach Jahreszeit wieder mehr Badelustige
Corippo
anzutreffen. Der Wanderweg wechselt nun auf die andere Seite. Bei Brione ändert sich der Charakter des Tals. Die Hänge weichen zurück, und der Fluss ist nicht mehr zwischen Felsen eingezwängt. Bevor man die Wanderung in Sonogno (917 m) beendet, führt noch ein Abstecher zur Cascata La Froda.
179
Von einem Bergsturz geschaffen und bedroht 36
Oeschinensee
Bereits im 19. Jahrhundert schwärmten Reisebuchautoren, Romantiker und Alpenpioniere von diesem Bergsee, der auf der einen Seite von Alpwiesen und Bergwäldern und auf der anderen von schroffen Felswänden umgeben ist. Bei der Anreise vom Thunersee durch das Tal aufwärts nach Kandersteg und zum Oeschinensee bietet es sich an, einen Stopp beim herrlichen Blausee einzulegen. Vom Eingang ist der See zwar in weniger als einer halben Stunde zu umrunden, das intensive Farbenspiel lohnt jedoch auch einen kurzen Ausflug. Obwohl direkt neben der schäumenden Kander gelegen, wird der See ausschliesslich aus glasklarem Grundwasser gespeist. Das 198
sorgt für sein auffallend blau schimmerndes Wasser. Er ist der erste Vorgeschmack auf den grösseren blauen Bruder, den Oeschinensee, einen der grösseren natürlichen Bergseen der Schweiz. Von Kandersteg aus nehmen wir die bequeme Gondelbahn hinauf zum Oeschinensee. Schon im Jahr 1913 wollte man eine Zahnradbahn bis zum See bauen. Die Konzession war bereits erteilt, kosten sollte es damals 1,7 Millionen Franken, was etwa dem 12-Fachen in der heutigen Zeit entspräche. Zum Bau kam es allerdings nie. Erst 1948 wurde eine Sesselbahn gebaut, die bis 2008 in Betrieb war und im gleichen Jahr durch die heutige Gondelbahn ersetzt wurde. Der Grossteil des Gebiets rund um den See besteht aus Kalk- und Sandsteindecken, die, für dieses Gebiet typisch, in Falten übereinandergelegt sind. Hier werden die mächtigen Naturgewalten von Wasser und Stein sichtbar. Geologisch gesehen, verdankt der rund 1,5 Quadratkilometer grosse, bis zu 56 Meter tiefe und fast kreisrunde See seine Entstehung einem Bergsturz nach der letzten Eiszeit. Aus der Nordflanke des Doldenhorns rutschten 800 Millionen Kubikmeter Gestein in die Tiefe. Zum Vergleich: Der Bergsturz bei Randa im Jahr 1991 betrug rund 15 Millionen Kubikmeter. Im Verlauf der Wanderung werden wir vom Nordufer aus sehr gut die Abrisskante und die schräge Gleitfläche auf der gegenüberliegenden Uferseite erkennen können. Aktuell droht aus dem Gebiet unter dem Doldenhorn wieder ein ganzer Felsklotz, der «Spitze Stei», abzustürzen.
‹ Über dem östlichen Ende des Oeschinensees erhebt sich die Felswand der Fründschnuer. › Bald ist das Ufer mit Grillmöglichkeiten erreicht. 199
Der Oeschinensee ist nicht nur bei Bootsfahrern …
Infolgedessen sind das Südufer des Sees und einige Wanderwege gesperrt. Eine Seeumrundung und der direkte Aufstieg zur Fründenhütte sind momentan nicht möglich. Die türkisblaue Pracht liegt eingebettet zwischen den hohen Dreitausendern der Blüemlisalp- und der Doldenhorngruppe: Doldenhorn, Fründenhorn, Oeschinenhorn und Blüemlisalphorn im Süden, östlich Wildi Frau, Schwarzhorn und Dündenhorn im Norden. Heute gehört die Gegend des Oeschinensees, bei Einheimischen auch Öschisee genannt, als einer der westlichen Teile mit zum UNESCO -Welterbe Swiss Alps Jungfrau-Aletsch. Die Blüemlisalp ist untrennbar mit einer Sage verbunden. Danach soll auf der Alp einst ein Senn mit einer hochmütigen Magd gelebt haben. Die beiden lebten in Saus und Braus und hielten sich nicht mehr an die Sitten. Als die Mutter des Sennen auf die Alp stieg, um ihn zur Räson zu bringen, setzte dieser ihr saure Milch vor und verhöhnte sie. Die Mutter verfluchte das Paar. Fels und Eis stürzten herab, und von da an blieb die Blüemlisalp weiss und kalt. Je nach Jahreszeit blühen in der Gegend des Oeschinensees Enzian, Edelweiss und sogar Orchideen und Lilien, die das Gesamtbild am See perfekt abrunden. Bei sommerlichen Temperaturen ist er ein beliebtes Ausflugsziel und bietet verschiedene Attraktionen. An vielen Stellen gelangt man direkt zum See. Grillstellen zum Picknicken und Restaurants laden 200
zum Verweilen ein. Mit zu mietenden Ruderbooten kann man den See auch direkt auf dem Wasser erkunden. Wer seinen Adrenalinkick nicht auf den Gras- und Felsbändern in der luftigen Höhe von 1800 Metern, der bekannten «Fründschnuer», suchen möchte, hat darüber hinaus auch noch die Möglichkeit, dies auf der Sommerrodelbahn zu tun. Gegen Ende unserer Tour werden wir noch einmal Zeugen der instabilen Bergmassen. Entlang des Schuttkegels steigen wir am Bach abwärts. Die Strasse musste in neuerer Zeit bereits wieder wegen drohender Bergstürze verlegt werden. Ein gutes Stück unterhalb des Sees kommen wir an den Quellen des Öschibachs vorbei. Der See entwässert unterirdisch. Die Schüttung der Quellen variiert im Jahresverlauf deutlich, wie auch der Seespiegel Schwankungen unterworfen ist. Zwischen Höchststand im Herbst und Tiefststand im Frühjahr liegen beachtliche 12 Meter. Durch die enormen Zuflüsse im Sommer tauscht sich das Wasser im See nach weniger als zwei Jahren vollständig aus. Allerdings führt der rein unterirdische Abfluss dazu, dass sich enorme Mengen an Sedimenten im See ablagern. Wie wir sehen können, tritt an den Quellen reines und klares Wasser aus. Diese Ablagerungen werden dazu führen, dass der See in gut 2000 Jahren vollständig mit Sedimenten gefüllt sein und dann verlanden wird.
… sondern auch bei Wanderern beliebt. 201
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Holzspicher P. 1960
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Strecke 11 km Höhendifferenz 450 m Aufstieg, 960 m Abstieg Wanderzeit 3 ¾ Std. Ausgangspunkt Bergstation der Seilbahn Kandersteg – Oeschinen Endpunkt BLS-Bahnhof Kandersteg (mit einer Übernachtung in Kandersteg Kombinationsmöglichkeit mit Tour 37)
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Schwierigkeit T2
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Doldenhornhütte
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Fründenhütte
Route Von der Bergstation (1683 m) nicht abwärts zum See, sondern auf gleicher Höhe bleiben, bis links aufwärts der Bergweg Richtung Heuberg und Oberbärgli abzweigt. Der Weg führt hoch über dem Oeschinensee nach Oberbärgli (1977 m). Auf dieser Route kann man sehr gut die Gleitflächen des Bergsturzes oberhalb des anderen Seeufers erkennen. Vom Berghaus Oberbärgli geht es in Serpentinen hinunter nach Underbärgli. Hier zweigt die Fründschnuer ab (T4). Wegen der Felssturzgefahr ist sie zur Zeit der Drucklegung der einzige Zugang zur Fründenhütte (2560 m), da der Weg am Südufer gesperrt ist. Der Weg durch das steile Gelände ist sehr anspruchsvoll und sollte nur von wirklich Schwindelfreien begangen werden. Eine Runde um den See ist auf diesem Weg nicht möglich; man muss wieder zurück nach Underbärgli. Von dort zieht der Weg abwärts bis zum Seeufer mit seinen Feuerstellen und Gasthäusern. Der anschliessende Abstieg ins Tal nach Kandersteg (1170 m) führt vorbei an der Quelle des Öschibachs und seinen Wasserfällen.
Eine enge Fahrstrasse führt ins Gasteretal.
In den westlichsten Teil des UNESCO -Welterbes 37
Gasteretal
Wo sich einst der Bundesrat seinen heute gar nicht mehr so geheimen Riesenbunker bauen liess – und weiter in eine ursprüngliche Natur, die dank der Unberechenbarkeit der Kander immer wieder neu gestaltet wird. Bei dieser Wanderung ist unser erstes Ziel weder Fluss noch See. Am Südrand von Kandersteg steuern wir das kleine Flachmoorgebiet von Filfalle an. 1988 unter Schutz gestellt, liegt es direkt hinter einem Schutthügel vom Aushub des Lötschbergtunnels, angrenzend an eine Fischzuchtanlage. Am Rand des International Scout Centre führt der Weg zu einem hölzernen Steg, der durch das Gebiet führt. Hier können wir auf Informa203
Hajo Degen liebt die Natur in allen Facetten und zu jeder Jahreszeit. Auf der Suche nach schönen und sehenswerten Wandermöglichkeiten studiert er mit grosser Leidenschaft Karten, Topografien und sucht nach Wegen in bekannten, aber auch weniger bekannten und unerschlossenen Regionen. Nicht nur der Weg selbst, sondern auch die spannenden Geschichten und Möglichkeiten am Wegrand machen für ihn das Besondere einer Wanderung aus. Ragna Kilp geboren in Venezuela, aufgewachsen in Nepal und im Nahen Osten, hat ihre Heimat in der Schweiz gefunden. Als leidenschaftliche Reisende und Wanderin erkundet sie die Geheimnisse der Welt. Neben den eigentlichen Wanderungen und ihren Wegen interessiert sie sich für die Geschichten der Menschen und der Natur in den Regionen.
Dank Etliche Personen haben während der Wanderungen mit ihren Tipps so manche Recherche erst angestossen. Peter Schläppi, Hüttenwart der Gelmerhütte, hat als profunder Kenner des Haslitals wissenswerte Details zur Veränderung des Tals durch den Stauseebau beigesteuert. Interessant war es auch, von den Betreibern des Hotels auf der Klausenpasshöhe Informationen zu erhalten. Ebenfalls danken wollen wir der Comune di Poschiavo für ihre Unterstützung. Ein grosses Dankeschön gilt auch dem AT Verlag und seinem Engagement für die Entstehung dieses Buches.
Ebenfalls im AT Verlag erschienen Hajo Degen, Ragna Kilp Wanderungen durch die schönsten Schluchten in der Schweiz