- Samstag/Sonntag, 15./16. Juni 2024
Sport I
KOMMENTAR
Der neue Tennis-König
von Stefan Peer
Um Sinner beneidet uns die ganze Welt
D
er weltbeste Tennisspieler ein Südtiroler? Verrückt, unfassbar, unmöglich, ja utopisch. Nein, es ist die wunderbare Wirklichkeit. Seit 5 Tagen sitzt ein 22-Jähriger aus Sexten am Fuße der Drei Zinnen auf dem Tennisthron, um den Südtirol die ganze Welt beneidet. Jannik Sinner ist ein normaler, junger Mann, der gerne Tennis spielt. So weit, so gut. Dass er der Beste des Planeten ist – immer noch unbegreiflich. Aber es ist kein sportliches Wunder, sondern das Produkt von unermüdlicher Arbeit, großer Willensstärke, von unermesslichem Fleiß, gewaltigem Durchsetzungsvermögen, ständiger Opferbereitschaft und beispielloser Hartnäckigkeit. Mit 14 hat er sein Elternhaus verlassen, musste viele schwere Momente überstehen, die man sich als Außenstehender gar nicht vorstellen kann. Jannik Sinner hat außergewöhnliche Fähigkeiten auf dem Tennisplatz. Doch das allein ist es nicht, was seine Verehrer in den Bann zieht. Sinner flucht nicht, lieber lächelt er nach einem tollen Ballwechsel, auch wenn ihn sein Gegner gewinnt. Er wirft nie einen Schläger weg (stimmt nicht, 2 hat er kaputt gemacht als Jugendlicher), er ist immer ein fairer Sportsmann. Manchmal fast schon zu brav. Aber wenn es darauf ankommt und seine Augen zu funkeln beginnen, bekommt er den Killerinstinkt. Wie sonst kann man gegen Novak Djokovic 3 Matchbälle in Folge abwehren und noch gewinnen? Sinner ist der Schwiegersohn, den sich alle für ihre Tochter wünschen. Der Spieler, den Italiens Tennisfans seit fast 5 Jahrzehnten herbei gesehnt haben. Er hat sich ein Team aufgebaut, das harmoniert, und ein Umfeld, in dem er sich wohl fühlt. Auch das ist eines seiner Erfolgsgeheimnisse. Aus dem Burschen in den Pusterer Bergen ist ein Mann von Welt geworden, millionenschwer, ein Botschafter seiner Sportart, auf allen Kontinenten zu Hause. Dennoch ist Sinner bodenständig geblieben. Er weiß, wo er herkommt, spricht mittlerweile fließend Englisch und perfekt Italienisch. Er ist redegewandt noch dazu, gibt nie eine banale oder unbedachte Antwort, hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Und er will immer besser werden. Auch als Nummer 1 muss man denken wie die Nummer 2. Nur dann bleibt man oben. Das © weiß keiner besser wie er.
B
OZEN. Jannik Sinner hat es geschafft. Am Montag, 10. Juni 2024 hat er den Tennis-Gipfel erklommen. Vor 5 Tagen hat seine Regentschaft im Welttennis als Nummer 1 begonnen. 6 Jahre und 4 Monate nachdem der Name Jannik Sinner am 12. Februar 2018 erstmals in der Weltrangliste aufgetaucht war, leuchtete neben seinem Namen die „1“ auf. Als 29. Spieler seit Einführung der Weltrangliste am 23. August 1973 sitzt er auf dem Thron. Er ist der erste Spieler aus Italien, der das geschafft hat. In die Weltrangliste fließen die 19 besten Ergebnisse der letzten 12 Monate ein. Sinner wird zumindest bis zum Beginn der Olympischen Spiele am 28. Juli in Paris die Nummer 1 bleiben – also 7 Wochen lang, weil er auf Rasen weniger Punkte zu verteidigen hat als seine Verfolger. ©
Jannik Sinner am Montag in Monte Carlo. In seiner Wahlheimat wurde er von der Spielervereinigung ATP als neue Nummer 1 ausgezeichnet.
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