Inhalt
Prolog........................................................................................ 7
Teil I 1 Ein Auftrag mit Folgen..................................................... 11 2 Abschied........................................................................... 17 3 Ankunft............................................................................. 27 4 Die Überraschung............................................................ 37 5 Die neue Woche................................................................ 50 6 Der Bibelkreis.................................................................. 64 7 Erev Shabbat..................................................................... 71 8 Der Kampf......................................................................... 78 9 Emotionen kommen und gehen........................................ 91 10 Terrorattacken als Vorboten........................................... 100 11 Die Tür steht für jeden offen.......................................... 113 12 Die Berufung.................................................................. 120
Teil II
1 Der verlorene Sohn......................................................... 129 2 Das Exil........................................................................... 144 3 Gott redet durch Stürme................................................ 154 4 Spuren der Migration..................................................... 168 5 Fundstücke der Migration.............................................. 179 6 Der tobende Kampf......................................................... 194 7 Verfolgung und Erweckung........................................... 206 8 Das Feld voller Totengebeine......................................... 211 9 Begegnungen.................................................................. 223 5
10 Der Nahe Osten in der Prophezeiung............................ 235 11 „Come away with me at night ...“................................... 241 12 Prophetische Worte........................................................ 255 Epilog.................................................................................... 267 Fußnoten............................................................................... 269 Danksagung.......................................................................... 277
6
Prolog
Wo genau fange ich mit meiner Geschichte an? Es ist kurz vor Mitternacht und ich bin immer noch hellwach. Ich sitze seit einer Stunde vor meinem Laptop, ohne eine einzige Zeile geschrieben zu haben. Elaine erwartet einen umfangreichen Bericht oder – ganz konkret – eine Deutung ihres Traumes. Aber ich weiß, dass meine persönliche Geschichte, seitdem mir Elaine den Auftrag erteilt hat, Licht in ihren Traum zu bringen, weit mehr ist, als eine simple Antwort auf das Geheimnis um ihr Traumgeschehen – sie ist eine Begegnung mit dem Schicksal. Ich bin mir darüber im Klaren, dass die tiefgreifenden Veränderungen in meinem Leben auch ein Ausdruck der großen Umwälzungen sind, die wir zurzeit erleben und die uns künftig noch in einem viel größeren Ausmaß beschäftigen werden. Eines möchte ich klarstellen: Die Geschichte, die ich aufschreiben werde, ist nicht nur meine Geschichte. Sie ist vor allem ein Spiegel der heutigen Zeit: Es geht um das Chaos unserer Tage, um den Werte- und Sittenverfall, um ein immer größer werdendes Gewaltpotenzial in globalem Ausmaß. Es geht um die weltweiten Wanderungen und „Auszüge“, um das Bedürfnis, frei zu sein von den Normen und Pflichten der „Alten Welt“. Doch was liegt nach dem Zerfall und dem bevorstehenden Exodus vor uns? Wer kann die Zukunft prognostizieren? Wenn Sie dieses Buch zu Ende gelesen haben, werden Sie – so hoffe ich – verstehen, dass nichts Zufall ist: weder meine persönliche Lebensgeschichte, noch unser aktuelles Zeitgeschehen und noch viel weniger die Tatsache, dass gerade Sie mein Buch in Händen halten. 7
Abgesehen von dem steten Ticken der Uhr zu dieser mitternächtlichen Stunde ist es mir – und vielleicht auch Ihnen – eine echte Frage: Wieso passiert dieser chaotische Umbruch gerade jetzt? Auch wenn ich noch keine Zeile geschrieben habe, weiß ich doch, dass ich versuchen muss, die gefundenen Bruchstücke zusammenzufügen. Nicht nur um sie zu verarbeiten, sondern um mit ihnen ein Bild über die Zukunft herauszuarbeiten. Ich möchte nachweisen, dass hinter dem Chaos gewissermaßen eine systematisch ordnende Kraft wirkt, die einen Weg in eine andere Zukunft weist. Dies ist eine Liebesgeschichte. Sie ist – wie so viele andere Geschichten auch – aus einer Tragödie entstanden. Gleichzeitig geht es dabei um Zerbruch und Wiederherstellung, im persönlichen und im globalen Rahmen. Ich hoffe, dass Sie die Entscheidungen, die ich auf meinem im Folgenden beschriebenen Weg treffen werde, verstehen und nachvollziehen können. Vielleicht werden sie auch zu einem hilfreichen Wegweiser auf Ihrem persönlichen Weg. Oder, wenn Sie das Bild lieber mögen, zu einem Rettungsanker auf stürmischer See. Jonathan
Ein Auftrag mit Folgen
Kapitel 1
Ein Auftrag mit Folgen
Jonathan atmete tief durch, als er ins Freie trat. Die Unterredung mit Elaine Weinberger, Verlegerin und Geschäftsführerin des Verlags Morningstar Booksellers and Publishers, war sehr kurz gewesen, bedeutete aber eine große und unerwartete Herausforderung für ihn. Völlig irritiert verließ er das Verlagsgebäude, im Zentrum von North Beach gelegen, und fuhr mit seinem Auto die Columbus Avenue, eine der bekanntesten Straßen in San Francisco, hinunter zur Uferpromenade Embarcadero. Er hoffte, dass ihm die frische Brise von der Seeseite und das Plätschern des Wassers helfen würden, seine Gedanken zu sortieren. Er lebte gerne in North Beach, dem italienischen Stadtteil von San Francisco, mit seiner besonderen Atmosphäre zwischen der Betriebsamkeit der unentwegt hin- und herfahrenden Fähren, den Ferries, und der Gelassenheit vieler, insbesondere der jungen Leute, die in den zahlreichen Cafés sitzen und dort meist stundenlang chatten. Jonathan lief gemächlich am von Palmen gesäumten Boulevard entlang. An diesem Tag nahm er die vielen Jogger, die ihn rechts und links überholten, kaum wahr. Die Laufstrecke für die City-Jogger beginnt oben am Fisherman’s Wharf am North Beach, mit den Piers 41 und 39, erstreckt sich nach unten in Richtung des Ferry-Building und endet am South Beach in der Nähe vom AT & T Park, bekannt als eines der baseballfreundlichsten Stadien, wo alle Spiele der San Francisco Giants ausgetragen werden. Durch die zusätzliche Installation von 122 11
Exodus – NEXT EXIT drahtlosen Internetzugängen wurde der AT & T Park weltweit zu den größten öffentlichen Hot Spots. Diese Laufstrecke gehört zu den schönsten in ganz San Francisco, da keine andere so viel Abwechslung bietet wie diese. Aber auch Laufmuffel kommen hier voll auf ihre Kosten mit dem wunderbaren Blick über die Bay Area und die Bay Bridge. Jonathan hatte auch keinen Blick für die Touristen, die hier immer unterwegs sind und am Pier 39 die Seelöwen besuchen oder von dort mit den Ferries nach Sausalito, Angel Island, Tiburon, Vallejo, Alameda Island oder nach Oakland übersetzen und während der Überfahrten den herrlichen Blick auf die Skyline der Stadt genießen. Wie oft war Jonathan am Wochenende mit seinem Fahrrad bis Sausalito gefahren und von dort abends mit der Fähre wieder zurück! Jonathan liebte die kleine romantische Stadt Sausalito und vor allem die Kajakfahrten von der Richardson Bay Marina aus. Das Kajakfahren machte ihm immer wieder jede Menge Spaß. Dabei genoss er jedes Mal den Reiz dieses Sports, der in dem Wechselspiel zwischen ruhiger Fahrt und schnelleren Strömungspassagen liegt. Seit zwanzig Jahren arbeitete er als Buchautor in einem festen Anstellungsverhältnis für die Morningstar. Der Verlag war seit über fünfzig Jahren international bekannt für progressives Denken. Das Unternehmen setzte sich gegen Zensur und Konservatismus ein. Schwerpunkt waren Werke über soziale Verantwortung, innovative Gegenwartsliteratur und brillante Sachbücher. Die Mitbegründerin von Morningstar vertrat die Auffassung, dass es zu den Aufgaben einer unabhängigen Presse gehöre, neue Stimmen zu hören und ihnen eine Plattform zu geben. „Warum hatte Elaine Weinberger gerade ihn mit den neuen Recherchen beauftragt? Vielleicht weil er der einzige Deutsche im Verlag war? Warum ließ sie es sich so viel kosten, ihn nach Deutschland fliegen zu lassen, um sich dort drei bis sechs Monate, wenn nötig auch länger, aufzuhalten. Warum trieb Elaine die Frage so um, ob es einen tieferen Grund dafür gäbe, 12
Ein Auftrag mit Folgen dass Deutschland freiwillig die Grenzen für die Flüchtlingsströme geöffnet habe? Was mochte passiert sein, dass ausgerechnet ‚Old Europe‘ und insbesondere ‚Good old Germany‘ so in den Fokus ihres Interesses gerückt sein mochte?“ Jonathan dachte an Rumsfeld, den ehemaligen Verteidigungsminister der USA unter George W. Bush, der mit „Old Europe“ das Wort des Jahres 2003 geprägt hatte. In einem Interview beklagte Rumsfeld sich darüber, dass Deutschland und Frankreich – im Gegensatz zu Polen und anderen ehemaligen Ostblockstaaten – dem Golfkrieg kritisch gegenüberstanden. Dabei bezeichnete er die beiden Länder Deutschland und Frankreich als „das alte Europa“. Viele interpretierten die Aussage Rumsfelds dahingehend, dass er Deutschland auf ein Niveau mit Diktaturen stelle, die Menschenrechte verletzen. Jetzt, zwölf Jahre später, waren Deutschland und Frankreich wieder im Brennpunkt des globalen politischen Geschehens. „War Elaines Interesse an ‚Old Europe‘ nicht durchaus berechtigt und nachvollziehbar? Was spielt sich im ‚alten Europa‘ ab? Gibt es wirklich eine noch unbekannte Ursache für die Migrationsströme der Flüchtlinge nach Europa?“ Je länger er darüber nachdachte, umso ratloser fühlte er sich. Wusste er doch eine Menge über politische Zusammenhänge und kannte viele Statements und diverse Ausarbeitungen zu diesem Thema! Kurzerhand rief er Elaine an. „Hi Elaine. Kann ich gleich nochmals bei Ihnen vorbeikommen?” „Haben Sie noch Fragen zu unserem Gespräch von heute Morgen?” „Ja, vor allem eine!” „Vor drei Uhr geht es nicht. Und dann maximal eine halbe Stunde. Mehr Zeit habe ich nicht für Sie.“ „Danke, Elaine!” Jonathan fühlte sich jetzt etwas besser. Er fuhr zum „Caffe DeLucchi“, einem sehr bekannten italienischen Cafe, an der Kreuzung Columbus / Stockton gelegen. Dort gab es immer ein 13
Exodus – NEXT EXIT außerordentlich reichhaltiges Frühstück: Omeletts, Burger und Frühstückspizzen mit Eiern obenauf. Zufällig traf er dort seinen langjährigen Freund Curtis Niven, der wie er in den Vierzigern war. „Nanu Jonathan, was machst du denn hier? Warum bist du nicht bei Morningstar? Hast du nichts mehr zu schreiben?” „Hi Curtis. Lass uns bei einem gemeinsamen Brunch darüber reden.“ „Gute Idee. Hast du schon mal die Frühstückspizzen hier probiert?“ „Ja, die sind einsame Spitzenklasse. Ich nehme die Breakfast Pizza Orientale und einen Café Latte Grande. Und du?“ „Womit ist die Orientale belegt?“ „Die Orientale ist eine gegrillte Pizza mit Hummus, Gemüse, Ziegenkäse, schwarzen Oliven und darüber natürlich Spiegeleiern.“ „Ich steh nicht auf so viel Grünzeug. Ich nehme die Englische Muffin Breakfast Pizza mit viel kanadischem Speck, Tomaten und Mozzarella und ebenfalls einen Café Latte Grande.“ „Und was treibt dich um diese Zeit ins DeLucchi? Komm schon! Um diese Uhrzeit habe ich dich hier noch nie gesehen!” „Curtis, ich fliege nächste Woche für eine längere Zeit nach Deutschland.“ „Wieso denn das? Hat Elaine Weinberger dich rausgeschmissen?“ „Nein.“ “Hast du beim Chatten eine neue Frau kennengelernt?“ „Wie kommst du darauf?“ „Hör zu, Curtis. Elaine hat mich mit einer Recherche beauftragt, die vermutlich längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Über diese Herausforderung freue ich mich sehr! Sie will, dass ich herausfinde, was der tiefere Grund dafür ist, dass Deutschland auf dem Selbstmordkurs ist.“ „Wie bitte? Frau Weinberger? Das glaub ich nicht.“ 14
Ein Auftrag mit Folgen „Doch. Es ist so.“ „Hmm …“ „Sag mal, Curtis, du bist doch Geschichts- und Theologieprofessor – hast du nicht eine Idee, worauf Elaine hinaus will?“ „Nein! Aber warte, sie muss doch einen Grund haben, warum sie sich plötzlich so sehr für ‚Good old Europe‘ interessiert, oder?“ „Ja, das habe ich mir auch überlegt. Deswegen treffe ich sie gleich nochmal.“ „Hat sie denn Zeit für eine zweite Begegnung?“ „Stell dir vor, ja! Eine halbe Stunde.“ „Das ist nicht gerade viel. Dann musst du gleich zur Sache kommen. Frag sie einfach ganz direkt.“ „Gute Idee, Curtis! Ich muss jetzt los.“ „Ok, Jonathan! Ich übernehme die Rechnung. Vielleicht sehen wir uns noch vor deinem Abflug?“ „Ich würde mich freuen!“ „Ah! Da sind Sie! Jonathan, kommen Sie herein.“ „Hallo Elaine! Da bin ich noch mal! Ich habe zu dem Auftrag noch eine entscheidende Frage.“ „Nur heraus damit.“ „Elaine, wie kommt es, dass Sie sich jetzt so brennend dafür interessieren, warum Deutschland seine Grenzen öffnet und gewaltige Flüchtlingsströme ins Land holt? Es gibt dafür eine ganze Reihe unterschiedlicher Erklärungen und auch politische Hintergründe. Welche sind für Sie ausschlaggebend?“ „Ja, Sie haben Recht. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, tiefer zu recherchieren, wenn ich nicht einen äußerst seltsamen Traum gehabt hätte. Und dieser Traum lässt mich nicht mehr los. Ich muss das Geheimnis um diesen Traum herausfinden. Oder besser gesagt, Sie, Jonathan.“ „Ich? Wieso denn ausgerechnet ich?“ „Ich werde Ihnen die Antwort schuldig bleiben. Aber ich weiß, Sie sind der richtige Mann dafür.“ 15
Exodus – NEXT EXIT „Und was haben Sie geträumt?“ „Ich sah, wie nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa von Flüchtlingen überschwemmt und zu einer Kolonie des Islam wurde. Warum spielt gerade Deutschland eine Vorreiterrolle in allem? Allenthalben brachen große Unruhen und Bürgerkriege aus. Es kam zu Enteignungen und zum Zusammenbruch ganzer Regionen. Die Folge davon war ein immer größerer Migrationsstrom aus Europa heraus. Es waren jetzt nicht die ehemaligen, inzwischen mehr oder weniger integrierten Flüchtlinge, sondern die Europäer, die ihre Heimatländer verließen. Wohin sich die Europäer auf den Weg machten, konnte ich nicht erkennen. Weshalb viele von ihnen Europa verließen, ist aus dem derzeitigen Chaos erklärlich. Unklar blieb jedoch ihr gemeinsames Migrationsziel. Für diese Massenmigration nach Europa und von Europa weg muss es einen Beweggrund geben! Darüber hat noch niemand gesprochen. Jonathan, in dieses Dunkel werden wir durch Ihre Nachforschungen Licht bringen! Jetzt muss ich aber zu einem Termin! Auf das Ergebnis Ihrer Recherchen bin ich sehr gespannt. Gute Reise und viel Erfolg!“
16