Die Wahrheit kann wehtun. Wie eine Operation. Aber sie ist heilsam.
INHALT I. Teil
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1. Boarding Time ............................................................................15 2. New York, New York . ..................................................................22 3. Die Erbschaft . .............................................................................32 4. New York – Tel Aviv ......................................................................36 5. Eretz Israel ..................................................................................39 6. Die Straße nach Amma-us ..........................................................54 7. Das Mahl .....................................................................................62 8. Pessach ........................................................................................64 9. Das Bankett des Messias ............................................................70 10. Der Bund über der Schwelle .......................................................76 11. Das Fest der ungesäuerten Brote . ..............................................79 12. Count-up ......................................................................................84 13. Schawuot – Im Geist und in der Wahrheit .................................91 14. Die Testamentseröffnung . ..........................................................93
II. Teil
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1. Die Matrix ...................................................................................99 2. A lisah . .......................................................................................109 3. Ein Mirke ...................................................................................112 4. Der Schlüssel zur Matrix ..........................................................123 5. K idduschin ................................................................................133
III. Teil
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1. Die Matrix und die Torah .........................................................139 2. Anomos ......................................................................................144 3. Matrix der Morgenröte und der Morgenfinsternis ..................148
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4. Auf der Tenne ............................................................................163 5. Selbst die Buchstaben verkünden ihn ......................................168 6. Malak, der Gesandte .................................................................175 7. Die beiden Samen .....................................................................181 8. Die beiden Frauen .....................................................................186 9. Save the date! ............................................................................190 10. Der Hochzeitstag . .....................................................................201 11. Die Torah und der Messias .......................................................206 12. Insel des Rückzugs . ..................................................................210 13. Der Held im Rampenlicht .........................................................215 14. Er ist die Stimme . .....................................................................218 15. Ist der Messias göttlich? ...........................................................221 16. Wenn Jerusalem zum Filmset wird! .........................................224 17. Don’t hide from me! ..................................................................227 18. M it dem Klang des Schofarblasens ..........................................233 19. Der Tag der Bedeckung ............................................................237 20. Das Fest der Vollendung ...........................................................241 21. Das Wasserschöpfen ................................................................ 248 22. Etwas Neues bricht an ..............................................................253 23. Das Bergland von Samaria und Judäa . ....................................256
IV. Teil
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1. Ungeachtet seines langen Ausbleibens ................................... 269 2. Die Warnung .............................................................................275 3. Bis Schilo komme . ....................................................................281 4. Coming home ........................................................................... 284
Glossar
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ERETZ ISRAEL
Die letzten Flugstunden döste er ein wenig vor sich hin. Als die Maschine auf dem Ben Gurion Airport landete, war die Sonne bereits aufgegangen. Es war sieben Uhr morgens. Er war Zuhause angekommen, so empfand er es, als er seine Füße auf die Erde setzte. Eretz Israel. Nur jetzt nicht sentimental werden! Er schob das aufkommende Gefühl von sich weg. Am Förderband drängten sich bereits viele Passagiere ihres Fluges. Endlich erschien ihr Gepäck und sie hoben es auf die Kofferkulis und schoben die Gepäckwagen zur Zollabfertigung. Livana zeigte ihm an der rechten Wand der Flughafenhalle einen Teppich, der eine einfache Patchworkarbeit darstellte: Zwei Menschenreihen streben zur Mitte des Bildes und treten durch ein Portal in Jerusalem ein. Der 17. Vers aus dem 31. Kapitel des Propheten Jeremia beschreibt in hebräischen Goldbuchstaben den Inhalt der Darstellung: „Die Söhne werden in ihre Heimat zurückkehren.“ Es war, als redete der Vers zu ihm, als meinte er buchstäblich ihn. Die Botschaft des Teppichs berührte ihn tief. Livana ging mit ihm zum Ausgang des Flughafengebäudes, wo sich die Taxis befanden. Dort entdeckte er zu seiner Überraschung Aviad, den er fast vergessen hatte. Er machte Aviad und Livana miteinander bekannt. Sie wechselten einige Worte auf Hebräisch. Dann trennten sich ihre Wege. Nicholas winkte ihr nach und drehte sich mehrfach nach ihr um, während Aviad auf ein Sammeltaxi von Nesher Tours zusteuerte. Aviad freute sich sehr, dass Nicholas an seiner Seite saß, aber er zog es vor, sich mit dem Taxifahrer in Ivrit zu unterhalten. 39
Nicholas wusste, dass Aviad jetzt nicht sprechen konnte und wollte. In Jerusalem angekommen hielt das Taxi in der German Colony vor einer wunderschönen, alten Villa. Der Name German Colony zeugt davon, dass die Kolonie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von württembergischen Templern gegründet wurde, wie man an den zahlreichen Bibelsprüchen auf Deutsch über den Haustüren sehen kann. Zahlreiche Gebäude und ein Friedhof zeugen noch heute von der einstigen Präsenz dieser Glaubensgemeinschaft. Ihre Manufakturen und Landwirtschaft halfen den ersten jüdischen Einwanderern und machten die Region bereit für das zwanzigste Jahrhundert. Der Mittelpunkt dieser Kolonie bildet die Straße Emek Refaim, in der es eine Vielzahl von Kaffeehäusern, Restaurants, Bars und Boutiquen gibt, die ihr einen jungen und modernen Charakter verleihen. Viele Menschen nennen die Kolonie auch das „Scheinkin von Jerusalem“, in Anlehnung an ein lebhaftes Vergnügungsviertel in Tel Aviv. Es war eine angenehme und sehr einladende Gegend, in der sich Nicholas sofort heimisch fühlte. Die Häuser sind im Stil eines typischen deutschen Dorfes angeordnet, und aus dem eindrucksvollen Jerusalemer Stein erbaut. Die neuen Gebäude in der Kolonie sind auch in einem Stil errichtet, der mit dem traditionellen Geist übereinstimmt: Niedrige Gebäude, Dachziegel, gewölbte Fenster, schöne Innenhöfe und Gärten. So wird der einzigartige Charakter eines zentraleuropäischen Dorfes erhalten und das mitten im Herzen von Jerusalem. Die Villa, in der mehrere Familien wohnten, war in einer Seitenstraße der Emek Refaim, der Llyod George. Aviad schloss auf und führte Nicholas ins Dachgeschoss, in eine kleine Zweizimmerwohnung mit einem herrlichen Blick auf die Dächer der German Colony. „So what – ma se?“, platzte Nicholas nun voller Ungeduld heraus. Er war stolz, dass er die Frage auf Hebräisch präsentieren konnte. „We will cross the river when we get there“, konterte Aviad mit einem englischen Idiom und sagte, dass er mit dieser Devise immer sehr gut gefahren sei. Nicholas spürte intuitiv, dass es ratsam wäre, sich eine gewisse Ruhe anzueignen und das ungeduldige Warten auf Antworten abzulegen. 40
Aviad lud ihn zum Essen ein. Im Kino Smadar gibt es ein sehr unkonventionelles Restaurant mit leckeren koscheren Gerichten. Dort kam nun Aviad von sich aus auf die Erbschaft zu sprechen. Endlich, dachte Nicholas, es wird auch langsam Zeit. Aviad vertraute ihm an, dass die Angelegenheit mit der Erbschaft eine äußerst verwickelte und komplizierte Sache sei. Die Abwicklung sei an viele Bedingungen geknüpft und er könne ihm immer nur Bruchstücke anvertrauen. Es müsse ein Schritt abgeschlossen sein, ehe er mit ihm über den nächsten sprechen könne. Die erste Phase der Umsetzung, dass sie beide nach Jerusalem gekommen seien, und er, Nicholas, Hebräisch lerne, sei ja im Gange. Den Segen könne er zum Teil jetzt schon genießen: bezahlter Flug, Apartment in Jerusalem und Hebräischunterricht. A propos Hebräischunterricht. Ab morgen käme Doron täglich von Montag bis Freitag zu ihm, um ihm zu helfen, seine Kenntnisse der hebräischen Sprache zu erweitern. Ehe Nicholas etwas erwidern konnte, meinte Aviad, dass dies zu den Bedingungen der Erbschaft gehöre. Wenn Nicholas nicht so sehr das Abenteuer geliebt hätte, wäre er an dieser Stelle geplatzt oder einfach ausgestiegen. Blitzschnell überschlug er die Kosten und unterm Strich lohnte es sich schon jetzt für ihn. Über allen Überlegungen stand, dass Nicholas alles als eine Führung, eine äußerst außergewöhnliche Führung Gottes ansah. „Wo wohnst du denn, Aviad?“ „In Mea Schearim.“ „Mea Schearim?“ „Ein Stadtviertel von Jerusalem. Bald wird meine Familie nachkommen. Wir werden zwischen New York und Jerusalem hin- und herpendeln, bis der Antrag auf Alijah durch ist.“ Mit der Einladung, ihn morgen am Schabbat in Mea Sheraim zu besuchen, verabschiedete sich Aviad. Nicholas blieb noch lange sitzen und beobachtete das Kommen und Gehen der Leute im Kino-Restaurant Smadar. Plötzlich kam ihm die Idee, Livana anzurufen. Als er hörte, dass sie in Jerusalem sei und am Abend frei habe, verabredete er sich mit ihr. „Jerusalem by night“ mit 41
Livana. Eine wunderbare Vorstellung, die ihn sichtlich aufheiterte. Livana holte ihn in der German Colony ab. Gemächlich spazierten sie durch die laue Nacht zur Jerusalemer Altstadt. Als sie hörte, dass er am nächsten Abend zum Schabbat nach Mea Schearim wollte, gab sie ihm den Rat, sich dementsprechend zu kleiden, also ein langärmeliges Hemd und eine Kopfbedeckung, am besten eine Kipa. An allen Ecken Mea Schearims hängen die berühmten „Anstands-Plakate“ in riesigen englischen und hebräischen Buchstaben, die darauf hinweisen, dass das Viertel nur in entsprechender Kleidung zu passieren sei. Er war dankbar für ihren Hinweis und kaufte sich in der Altstadt bei einem der vielen Händler eine Kipa. „Mea Schearim am Schabbatabend ist ein unvergessliches Erlebnis“, fuhr Livana fort, „sei es, durch die Hinterhöfe oder über den Mea Schearim-Markt zu schlendern oder ein Synagogen- oder Tischbesuch eines Rebbe.“ Unermüdlich erklärte sie ihm alles. Er mochte ihre Gesellschaft. Sie hatte etwas völlig Unkompliziertes und Natürliches an sich. Und wenn sie ihn mit ihrem Siegeslächeln ansah, wünschte er sich, ihr näherzukommen. Aber sie hielt ihn auf Abstand und er versuchte nicht über die Grenze zu gehen, weil er die beginnende Freundschaft nicht gefährden, aber sich auch keinen Korb holen wollte. Sie aßen miteinander zu Abend und verabredeten sich für die nächste Woche. Livana hatte dann zwischen zwei Führungen zwei Tage frei, für die sie sich vornahm, ihm einige Sehenswürdigkeiten Jerusalems zu zeigen. Am nächsten Spätnachmittag machte er sich auf nach Mea Schearim. Zuvor hatte er ein wenig gegoogelt: Mit dem Bau der vom deutschen Architekt Konrad Schick entworfenen Wohnanlage war schon 1874 begonnen worden. Religiöse Juden Jerusalems wollten den engen Verhältnissen in der Stadt entkommen und ließen vor den Toren der Stadt eine als autarke Kooperative angelegte, eigene Siedlung errichten. Der Name der Siedlung sollte Mea Schearim sein, was „Hundert Tore“ bedeutet. Namensgebend war ein Wort aus dem Wochenabschnitt der Torah, aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 26, der zum Zeitpunkt der Gründung der Mea 42
Schearim-Gesellschaft gelesen wurde: ‚Und Isaak säte in seinem Lande und erntete in jenem Jahre hundertfach, denn der Herr segnete ihn‘. 1880 waren die ersten hundert kleinen Wohnungen fertiggestellt, die sich um einen bepflanzten Hof gruppierten, der später durch Kuhställe ersetzt wurde. Bis zur Jahrhundertwende entstand eine komplexe, eigene Kleinstadt mit rund 300 Wohneinheiten am Rande Jerusalems. Neben orthodoxen Juden aus anderen Teilen Palästinas siedelten sich in Mea Schearim vor allem strenggläubige Juden aus Polen, Ungarn und deren unmittelbaren Umgebung an. Die Zeit in Mea Schearim ist stehengeblieben. Dieser Stadtteil ist eine Stadt in der Stadt, eine hermetische Welt ohne Radio und Fernsehen, wie er später erfuhr. Hier leben die Haredim, eine Gemeinschaft orthodoxer Juden, die sich jeglichem äußeren Einfluss verschließen. Nicholas sah zu seinem großen Erstaunen, dass dieses ultraorthodoxe Viertel am Schabbat für Autos gesperrt ist. Wie er später hörte, wurde dieses Verbot von den Bewohnern gewaltsam erzwungen. Ihm kamen immer wieder Gruppen von Männern mit ihren langen schwarzen Mänteln und ihren Pelzmützen entgegen. Die Frauen bedecken ihre Köpfe den religiösen Vorschriften entsprechend mit Kopftüchern oder Perücken, wie ihm später berichtet wurde. Plötzlich wurde er durch einen lauten Sirenenklang aus seinen Gedanken gerissen. In ganz Jerusalem wurde der Schabbat eingeläutet. Er musste sich beeilen, damit er nicht verspäten würde. Aviad erwartete ihn schon und ging mit ihm direkt zu seinem Rebben. Da seine Familie noch in New York war, feierte er nicht zu Hause Schabbat, sondern bei seinem Rebben. Nicholas merkte, wie eine große Ungeduld in ihm hochkroch. Wie lange musste er eigentlich noch warten, bis Aviad das Geheimnis der Erbschaft lüftete? Vielleicht würden noch Monate vergehen? Fast jeder chassidische Rebbe gibt am Freitagabend einen Tisch für seine Chassidim. Einige Rebbes essen dabei, andere wiederum beschränken sich auf das Geben einer Derascha, einer Lehre aus der Torah, oder fordern ihre Chassidim zum Singen auf. 43
Aviads Rebbe bat alle anwesenden Chassidim, in einem großen Kreis um ihn herum zu tanzen. Zwischendurch gab es weitere Leckereien und später brachte man zwei riesige, dampfende Kuchen herein: einen Karotten- und einen Topfkuchen. Der Rebbe verteilte Kuchen und Früchte. Danach hielt er seine Rede in Jiddisch. Nicholas verstand nicht viel davon. Nach der Rede wurde wieder getanzt bis sich der Rebbe gegen 1.30 Uhr zurückzog. Aviad nahm Nicholas mit in seine Wohnung, die sehr gemütlich war. Dort schlief Nicholas im Gästezimmer. Am nächsten Tag kam Aviad mit einem kleinen Päckchen in der Hand auf Nicholas zu, der auf dem Sofa saß und in seiner Bibel las. Nicholas erkannte sofort das Geschenkpapier wieder, in welches er das Abschiedsgeschenk für Aviad in New York gewickelt hatte. Sein Herz schlug höher. Was würde Aviad jetzt sagen? Aviad wickelte es aus und hielt den Inhalt Nicholas vor die Augen. Die Anspannung wuchs in Nicholas. Aviad setzte sich neben Nicholas auf die Couch und schwieg. Lag in dem Schweigen Zustimmung oder Ablehnung? Am liebsten hätte sich Nicholas jetzt verabschiedet! Er schien seinen Ohren nicht zu trauen, als Aviad nach einem ihm endlos lang erscheinenden Schweigen auf das Buch deutete und ihm sagte, dass er das Buch, seitdem er es von ihm als Abschiedsgeschenk bekommen habe, schon etliche Male gelesen habe. Erst wäre er verärgert gewesen, dass Nicholas so dreist gewesen sei, ihm eine Bibel mit Neuem Testament zu schenken. Ja, er hatte schon überlegt, wie er sie entsorgen konnte. In den Papierkorb? Das brachte er nicht über sein Herz, war der Tenach doch das heilige Wort HaSchems. So lag die Bibel über eine Woche in seiner Wohnung herum. Immer, wenn er sie erblickte, musste er an Nicholas Satz denken: Was wäre wenn, ja, was wäre wenn dieser Jesus doch der Messias wäre? Schließlich siegte die Neugier oder besser gesagt die Gewissheit, dass eine einfache Lektüre dieses „Neuen Testaments“ ihm ein für alle Mal beweisen würde, dass sich die Christen im Irrtum befänden. Doch was er dann las, verwirrte ihn, ja, beunruhigte ihn zunehmend. Dieser Jesus oder Y’shua, wie er 44
wohl auf Hebräisch hieß, passte gar nicht in das Bild, dass ihm das Christentum malte. Und seine Lehre erschien ihm ganz anders als er erwartet hatte. Eigentlich war er gelehrt worden, Y’shua habe gegen die Torah gepredigt und war deshalb nach 5. Mose 13 ein falscher Prophet. Wie auch immer: Das Fazit seiner wochenlangen Lektüre sei, dass er jetzt ernsthaft untersuchen wolle, ob Y’shua der jüdische Messias sei, von dem die Brit Chadaschah berichte. Jetzt verschlug es Nicholas die Sprache und er rang nach Worten. Aviad ließ ihn aber nicht zu Wort kommen, sondern kündigte ihm an, dass er ab morgen täglich zu Nicholas kommen werde, um mit ihm das Wort zu studieren. Sie würden voneinander lernen, ihr Wissen austauschen und seien ab jetzt eine Mini-Jeschiwa! Nicholas kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er war einfach nur sprachlos. Aviad bat ihn zu überlegen, wie sie eine Materialsammlung ihrer gemeinsamen Studien anlegen könnten, da sie später noch alle Unterlagen bräuchten. Später? Aviad bestimmte einfach wieder einmal über ihn. Nicholas hatte keine Erklärung dafür, wieso er dies so mit sich geschehen ließ. Aviad wechselte das Thema. Nicholas wusste, dass jede Frage, die er jetzt stellen würde, unbeantwortet bleiben würde. So schluckte er wieder einmal alle Fragen herunter. Ärgerlich machte er sich auf den Heimweg. Vormittags Hebräischunterricht, nachmittags Bibelstudium. Er war nicht gerade bester Laune. Er musste unbedingt Livana sprechen und erhoffte sich, dass sie Zeit hätte. Ihre Gegenwart würde ihn aufmuntern. Vormittags Hebräisch und nachmittags Studium der Schriften. So hatte er sich seine Studien über jüdisches Leben nicht vorgestellt! Livana nahm seinen Anruf entgegen und sie verabredeten sich für den Abend in der German Colony. Das Treffen mit ihr war wie eine Flucht vor der kommenden Woche. Er kaufte einen wunderschönen Blumenstrauß und eilte zum Rendezvous. Livana nahm den bunten Sommerblumenstrauß lachend entgegen. Sie freute sich sehr über das Mitbringsel. Nicholas versuchte, seine innere Unruhe zu überspielen, aber es gelang ihm nicht sonderlich gut. Livana, direkt wie sie war, fragte ihn auch noch, was er denn habe. Probleme? Ob er krank sei oder 45
schlecht geschlafen habe? Oder ob ihm Mea Schearim auf den Magen geschlagen sei? Als Nicholas ihr etwas verlegen gestand, dass es ihre Gegenwart sei, wechselte sie geschickt das Thema. Sie erzählte ihm aufgewühlt von der Reisegruppe, die sie diese Woche durch Jerusalem geführt hatte. Es waren Christen aus den USA. Einzelne der Reisegruppe hätten ihr immer wieder durch die Blume von Jesus als dem Messias erzählen wollen. Nicholas fühlte sich in die Enge getrieben, eingekreist. Jetzt fing auch noch Livana mit diesem heiklen Thema an. Sie gestand ihm, dass ein Tourist dieser Reisegruppe ihr ein Jüdisches Neues Testament geschenkt hatte. Nicholas machte eine so ungeschickte Bewegung, dass sein Glas Rotwein umkippte. Livana nahm Servietten vom Tisch und tupfte geduldig die Rotweinflecken auf. Nicholas bat um die Rechnung und begleitete sie zum nächsten Taxistand. Er musste jetzt dringend allein sein. Alles in Ruhe sortieren, was er erlebt hatte. Nach einer äußert unruhigen Nacht versuchte er sich am nächsten Morgen auf den Hebräischunterricht zu konzentrieren. Doron ging mittags und Aviad kam. Sie gaben sich die Türklinke in die Hand. Das konnte heiter werden. Aviad hatte zwei riesige Tüten in der Hand. In der einen Tüte für jeden von ihnen einen Falafel und in der anderen Obst und leckere Petits Fours. Nicholas kochte eine große Kanne Kaffee. Aviad fiel mit der Tür ins Haus: „Wenn Y’shua wirklich der jüdische Messias sein sollte, dann muss nicht nur überall in der Tenach von ihm die Rede sein, sondern die Aussagen der Tenach und der Brit Chadaschah müssen deckungsgleich sein. Y’shua selbst habe seinen Talmidim von Mosche bis zu den Propheten die Dinge erklärt, die in der Tenach über ihn gefunden werden können. Das habe ich so“, fuhr Aviad voller Eifer fort, „in Lukas Kapitel 24, Vers 27 gelesen. Und in Tehillim 40, Vers 8 steht: ‚Da sprach ich: Siehe, ich komme; im Buch ist von mir geschrieben‘. Ich habe daraufhin angefangen, nach Bausteinen zu suchen. In der Brit Chadaschah im ersten Kapitel der Offenbarung steht in Vers 8, dass Y’shua von sich sagt, dass er das Alpha und das Omega ist. Diese Aussage Y’shuas 46
war für mich wie eine Erleuchtung. Nicholas, das hat Y’shua so nie geäußert. Wenn er das gesagt haben soll, dann hat er sich als das Alef und das Tav bezeichnet. Er hat doch mit Yochanan in der hebräischen Sprache gesprochen. Und weißt du, wo wir diesen Einschub von Alef und Tav in der Tenach finden können? Der erste Satz des ersten Kapitels aus Bereschit heißt im Hebräischen: ‚Bereschit bara Elohim et haSchamajim ve’et haAretz.‘ Ohne die Weglassung von et würde dieser Satz im Deutschen so aussehen: ‚Im Anfang schuf Elohim et die Himmel und et die Erde.‘ Dieser Alef-Tav-Einschub ist ein Hinweis auf ihn. Er selbst ist das Alef und das Tav, wie er es von sich selber im Buch der Offenbarung sagt.“ Nicholas erinnerte sich an seine ersten Hebräischstunden mit Menachem. Wunderbar, dachte er, jetzt ist dieses Rätsel gelöst: Das et, was ihm damals an dieser Stelle keinen Sinn machte, ist ein Hinweis auf Y’shua. Es schoss aus ihm raus: „Das heißt doch wortwörtlich, dass das Alef-Tav, also Y’shua, Himmel und Erde erschuf!“ „Ja, genau das ist es, Nicholas, worauf ich hinaus will. Diese Aussage aus der Brit Chadaschah ist eins mit der aus der Tenach. Es heißt weiter, dass die Herzen der Jünger brannten: ‚als er zu uns auf der Straße nach Amma-us sprach und uns die Tenach eröffnete.‘“ Diese Schriftstelle kannte Nicholas. Er stellte sich vor, wie die Jünger, die täglich um Y’shua waren und erlebt hatten, wie er Wunder vollbrachte, nun enttäuscht waren und sich betrogen fühlten. Sie sprachen auf dem Weg davon, was in Jerusalem passiert war und dass die Frauen ein leeres Grab entdeckt hatten. Sie, die die Schriftrolle kannten, hatten sie nicht verstanden, sonst hätte Y’shua nicht zu ihnen gesagt, dass er ihnen erklären würde, wo in der Tenach von ihm geschrieben steht. Nicholas hörte Aviad sagen, dass Lukas berichtete, wie die Talmidim von Y’shua ihr Vertrauen nicht auf das setzten, was die Propheten von ihm gesagt hatten. Sie waren nicht darauf vorbereitet, dass der Messias so sterben würde, wie es in den 47
Propheten vorausgesagt worden war, bevor er in die Herrlichkeit eingehen konnte. Aviad erkannte sich selbst in dem Wort von Lukas wieder. Er war sehr betroffen. Nicholas allerdings auch, weil er nicht wusste, wo in der Tenach vom Leiden Y’shuas die Rede war, wenn man einmal von Jesaja Kapitel 53 absieht. Aviad las weiter in Lukas Kapitel 24, Vers 44: „‚Y’shua sagte zu ihnen: Das habe ich gemeint, als ich noch bei euch war und euch sagte, dass alles erfüllt werden muss, was von mir im Gesetz des Mosche, in den Propheten und in den Psalmen steht. Dann öffnete er ihren Verstand, so dass sie die Tenach verstehen konnten, und sagte ihnen: Es bedeutet Folgendes: Der Messias muss leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen.‘“ Da hatte Nicholas es schwarz auf weiß. In der Torah war vom Leiden Y’shuas die Rede und davon, dass er am dritten Tag von den Toten auferstehen würde. Aber wo stand das alles geschrieben? Die beiden Männer sahen sich ohne Worte an. Nicholas war sehr betroffen, dass er so wenig Ahnung von der Tenach hatte. Aviad wiederum war sehr betroffen, dass dieser Y’shua soviel mit der Tenach zu tun haben sollte. Sie beschlossen zu beten, jeder auf seine Weise. Aviad und Nicholas flehten den Messias an, ihnen, so wie den Talmidim von Amma-us, die Augen zu öffnen, damit sie erkennen würden, wo von ihm in der Tenach die Rede sei. Aviad bat Nicholas zu überlegen, wo in der Brit Chadaschah vom Anfang die Rede war. „Im Evangelium des Johannes.“ „Johannes, Johannes?“, murmelte Aviad vor sich hin, „Du meinst bestimmt Yochanan? Johannes heißt im Hebräischen Yochanan. Lass uns sehen, was da steht!“ Aviad las laut vor: „‚Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Elohim und das Wort war Elohim. Er war im Anfang bei Elohim. Alles wurde durch ihn, und ohne ihn hatte nichts Erschaffenes das Sein.‘ Dann weiter in Vers 14: ‚Das Wort wurde ein menschliches Wesen und lebte bei uns, und wir sahen seine Schechinah, die Schechinah des einzigen Sohnes des Vaters, voller 48
Gnade und Wahrheit.‘“ Er fasste zusammen: „Wenn am Anfang das Wort war und dieses ein menschliches Wesen wurde und Y’shua der einzige Sohn des Vaters ist, dann muss der Sohn am Anfang zu finden sein. Und nicht nur da. In der gesamten Tenach muss vom Sohn die Rede sein.“ Für Aviad war es ungeheuerlich, sich vorzustellen, dass der Sohn als Mensch, als einer der ihren, gekommen sein soll. Sollte sich HaSchem ihnen so genähert haben? Unvorstellbar. Der Sohn? Damit waren doch sie gemeint, das auserwählte Volk. Zumindest hatte Aviad das mit vielen anderen jüdischen Menschen bisher so gesehen. Ihm fielen Verse aus Mischle 30 ein: ‚Wer hat alle Enden der Welt bestimmt? Wie heißt er? Und wie heißt sein Sohn? Weißt du das?‘ Für ihn und so viele aus seinem Volk war der Sohn das auserwählte Volk Israel. Ein anderes Wort aus Tehillim Kapitel 2 fiel ihm ein: ‚Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt‘. Gedanken, die traditionsgemäß nicht sein durften, begannen sich in ihm zu formen: Was wäre, wenn nicht allein sie der Sohn wären, sondern HaSchem wirklich einen Sohn hätte? Als wenn Nicholas Gedanken lesen könnte, fing er an, den Propheten Jesaja, Kapitel 53, Vers 1 zu zitieren: „‚Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm YHWHs offenbart?‘“ Das Wort schlug wie ein Hammer auf Aviad ein: „Ja, wer glaubt dem, was uns, uns den Juden, verkündet wurde?“ Nicholas las weiter, die Verse 2 bis 4: „‚Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit.‘“ Aviad kannte diesen Text und ergänzte Nicholas, indem er die nächsten Zeilen auswendig aufsagte: „‚Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.‘“ Er hatte das immer, wie alle um ihn herum, auf den Erstgeborenen Israel bezogen. Es war wie Sprengstoff für ihn, diesen Text auf den Sohn HaSchems zu beziehen. Wie konnte sich HaSchem nur so auf die Erde her49
ablassen? Und wieso überhaupt? Wozu so eine Erniedrigung? Das Bild von HaSchem, das er ja eigentlich nach den Anweisungen der Torah gar nicht haben durfte, begann fürchterlich zu wackeln. Es war fast ein bisschen so, als wenn er in einen Abgrund zu stürzen drohte. Die Stimme von Nicholas holte ihn zurück. Er las die Verse 5 bis 6: „‚Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.‘“ „Wie Schafe in die Irre? Wir haben uns doch an die Torah gehalten, wieso sollten wir denn in die Irre gegangen sein?“, formulierte Aviad in den Raum hinein. Wie ein Echo kam es zurück und Nicholas las weiter: „‚Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat …‘“ „Schuldopfer … der Sohn HaSchems … ein Schuldopfer?“ Er wusste genau, dass die Torah von Schuldopfern sprach, aber sein Sohn? Ja, hatte HaSchem denn wirklich einen Sohn? Aviad beschloss, diese Frage systematisch anzugehen. Das Studium der Torah war ihm vertraut, es begleitete ihn soweit er zurückdenken konnte. Schon als kleiner Junge hatte er mit seinem Vater und den Rabbis im Wort gegraben. Er hatte all diese Gespräche seit seiner Kindheit in sich versiegelt und wusste in den Heiligen Schriften zu forschen. Mit dem aufkeimenden Licht, dass der Ewige einen Sohn haben könnte, wollte er erneut in den Schriften seine Studien betreiben und Nicholas könnte ihm auf seine Weise behilflich sein. Sichtlich erregt, machten die beiden eine kleine Kaffeepause. Die Petit Fours schmeckten köstlich und die liebevoll dekorierte Schachtel war bald leer. Erneut gingen sie zurück zum Anfang, zum 1. Buch Mose oder wie Aviad es nannte zu Bereschit. Nicholas war froh, dass er diesen ersten Satz schon lesen konnte. Aber er ahnte nicht, was Aviad nun aus den hebräischen Wörtern hervorholte. Dieser jubelte laut, tanzte vor Freude und küsste seine Torah. „Bereschit – schon das allererste Wort enthält den Sohn!“ 50
Nicholas hatte große Bedenken, ob Aviad durchdrehen würde. Er kam überhaupt nicht mehr mit, was da in seinem Freund vor sich ging. „Aviad, Aviad“, rief er laut, „lass mich doch an deiner Freude teilhaben. Ich verstehe gar nichts mehr!“ Aviad dachte bei sich, dass es heiter werden könne, wenn er nun bei Null anfangen müsse. Er empfand, dass seine heiß geliebte Tenach auf einmal eine neue Dimension gewann. Es war ihm, als ob sich ihm der Sod-Level in einer neuen Dimension eröffnete. Das et war für ihn nach Aussagen der Rabbiner immer ein Zeichen für Perfektion und Vollendung gewesen. Aber diesen Alef-Tav-Einschub als Hinweis für den Sohn zu verstehen war ihm neu. Und Nicholas? Er wusste von all dem nichts, weder von der Aussagekraft der hebräischen Sprache noch davon, dass die Juden die Hebräischen Schriften auf mehreren Ebenen lesen. Aviad grübelte weiter. Was habe ich mir da nur mit Nicholas eingebrockt? Wenn es nur nicht die Erbschaft gäbe! Es bleibt mir einfach nichts anderes übrig … „Nicholas, bring mir Papier und etwas zu schreiben. Schau, im Hebräischen ist es so, dass die Sprache aus Wurzelwörtern besteht, sogenannte Elternpaare, die mit anderen Buchstaben neue Kinderwörter eingehen. Aber alle Kombinationen der Wurzelwörter fließen in die Bedeutung des neuen Wortes mit ein. Klingt kompliziert, aber jetzt zeige ich dir am ersten Wort der Heiligen Schriften, was ich meine. Das Wort heißt Bereschit und wird so geschrieben. Ich schreibe dir gleich mal den ersten Satz auf, den du bereits lesen kannst: Bereschit bara Elohim et haSchamajim ve’et haAretz. Im Wort Bereschit haben wir die Buchstaben Bet und Resch, die das Wort Bar bilden, was Sohn heißt. Verstehst du, Nicholas, da ist vom Sohn die Rede, wie bei Yochanan! Wir könnten den Satz von Yochanan auch umformulieren: „‚Im Anfang war das Wort et, und das Wort et war bei Elohim, und das Wort et war Elohim‘. Den Alef-Tav-Einschub habe ich aus dem ersten Satz von Bereschit übernommen.“ Nicholas war sprachlos. Plötzlich bekam alles eine neue Dimension. Aviad, der noch bis vor kurzem auf das Kommen des Messias gewartet hatte, zeigte ihm jetzt in der Torah den 51
Messias, den er dort noch nie so entdeckt hatte. Er spürte intuitiv, dass ein großes Abenteuer begann. Er brauchte dringend eine Pause und rang nach Luft. Er hatte diesen stundenlangen Midrasch nicht im Blut. Er musste jetzt eine Runde drehen. Aviad konnte das nicht nachvollziehen. In diesem Augenblick, wo es spannend wurde, wollte Nicholas an die frische Luft. Seine Leidenschaft, stundenlang durch Frage und Gegenfrage über dem Wort zu meditieren, schien Nicholas nicht zu teilen. Er rannte Nicholas hinterher und hörte ihn mit Livana telefonieren. Aviad zog es vor, nach Mea Schearim zu fahren, um dort seine Studien ungestört fortzusetzen. Nicholas konnte es kaum erwarten, bis Livana endlich erschien. Heute sah sie müde und abgekämpft aus. So fühlte er sich auch! Das Beste wäre, einfach zu relaxen. Sie gingen um die Ecke in ein Restaurant. Livana war sehr schweigsam. So hatte er sie noch nicht erlebt. Etwas schien vorgefallen zu sein. Scherzend fragte er sie, ob wieder irgendwelche amerikanische Touristen ihr von Y’shua erzählt hätten? Er wollte sie nur ablenken und ahnte nicht, dass er damit den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Es berührte ihn sehr, dass sie so durcheinander war. Und er? Aviad hier, Livana da. Y’shua auf der einen Seite und Jesus auf der anderen. Er bestellte eine Flasche Rotwein und hörte ihr einfach weiter zu. Es sprudelte nur so aus ihr heraus. Sie beklagte sich über die zahlreichen Versuche der Christen, sie von ihrem Jesus zu überzeugen. Was konnte deren Jesus mit ihrem Messias, der noch kommen würde, gemeinsam haben? Wenn die Anhänger von Jesus ihr heiß geliebtes Buch, die Tenach, als überholt erklärten, die Feste HaSchems nicht einhielten und Schweinefleisch aßen? Sie wollte nicht in solche heidnischen Praktiken verwickelt werden. Livana war zutiefst empört über diese ständigen Übergriffe der Christen auf ihr Leben und ihre Überzeugung. Nicholas schluckte hinunter, dass seit Jesus die Gläubigen nicht mehr unter dem Gesetz lebten und von daher eine andere Entwicklung stattgefunden habe. Er wagte es nicht, diesen Einwand auszusprechen! Nachdem Livana sich all ihren Schmerz von der Seele gere52
det hatte, schien sie sichtlich erleichtert zu sein. Sie bemerkte nicht, dass Nicholas zunehmend unter Druck geriet und immer unruhiger wurde. Es war spät geworden und Nicholas brachte sie zu einem Taxi. Ehe Livana einstieg, drückte sie Nicholas ganz fest und dankte ihm für seine Anteilnahme. Müde und abgekämpft ging Nicholas zu seiner Wohnung. Traurig legte er sich auf sein Bett. Bilder kamen und gingen: Er sah Szenen des Holocaust vor sich, die ihn noch mehr niederdrückten. Er dachte an die seit dem Altertum vorkommende Verfolgung der Juden aus religiösen, politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Motiven. Aber was ihm ebenso schlimm erschien, war das Unverständnis der Christen den Juden gegenüber und der Antisemitismus in den eigenen Reihen. Er verspürte in sich den unbändigen Wunsch, aus der Trennung zwischen Christen und Juden herauszukommen. Ihm fehlte das Fundament im Wort Gottes dafür und er sah auch keinen Weg, wie das gehen sollte. Unruhig schlief er ein und wachte mitten in der Nacht aus einem Traum auf. Im Traum hatte er gesehen, wie er unter freiem Himmel stand und sich ein großes wunderschönes Tuch um ihn und eine Frau legte. Ein großer Friede strömte während des Traumes in sein Herz. Er verstand, dass dieser Traum prophetisch von seiner künftigen Frau sprach. Mit dem Tuch konnte er nicht so viel anfangen. Er konnte sich nicht dagegen wehren, liebevoll an Livana zu denken, beschloss aber, ihr auf keinem Fall von diesem Traum zu erzählen.
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