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Titus Müller

Die geheime Mission

ROMAN

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Dataminings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

1. Auflage

Originalausgabe 06/2026

Copyright © 2026 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München produktsicherheit@penguinrandomhouse.de (Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR .)

Coverdesign: zero-media.net unter Verwendung von Arcangel Images / Marie Carr; Gettyimages / Bettmann Archive Innenklappen: akg-images; picture alliance / Everett Collection / CSU Archives Redaktion: Tamara Rapp Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN 978-3-453-42989-5 www.heyne.de

Enrico Menke-Glückert, Vater von zwei Kindern, ließ in der Kronprinzenallee einen Wagen des US -Hauptquartiers auftanken. Er bemerkte den Mann erst im letzten Moment. Wie aus dem Nichts tauchte er auf, just als der Tankwart sich am Einfüllstutzen zu schaffen machte, kam zielstrebig auf Enrico zu und drückte ihm ein Stück Papier in die Hand.

»Kann ick Ihnen helfen?« Enrico wollte freundlich sein. »Soll ick Sie irjendwo hinfahren?«

Aber der Mann hatte sich bereits abgewandt und entfernte sich eilig.

Enrico faltete das Papier auf. Fünf Zeilen in kyrillischer Schrift. Kopfschüttelnd steckte er es ein, zahlte beim Tankwart und fuhr zurück zum US -Hauptquartier. Dort ging er mit dem Zettel zum diensthabenden Offizier.

Der Offizier wollte wissen, wer ihm das gegeben habe, und forderte dann: »Sagen Sie alle Termine für den Rest des Tages ab.«

Es war Freitag, Enrico hatte drei Wagen zu waschen und einen vierten aus der Werkstatt abzuholen. Ab fünf sollte er seinem Chef für Fahrdienste zur Verfügung stehen. Einen Job wie diesen, mit zusätzlichen Essensrationen, gab es nicht oft in Berlin.

Der Offizier war unerbittlich. Er reichte Enrico den Telefonhörer. »Rufen Sie in Ihrer Dienststelle an. Sagen Sie, dass Sie krank sind.«

Widerwillig murmelte Enrico in den Hörer, er fühle sich unwohl und müsse zum Arzt.

Sie verließen das Areal, Enrico hatte den Offizier in eine von Villen gesäumte Straße zu begleiten. Vor einem Gebäude aus rotbraunen Ziegelsteinen blieb der Offizier stehen und läutete. Er sprach leise mit dem Herrn, der ihn empfing.

Die Beratung dauerte nicht lange. Ohne größere Erklärungen wurden sie in den Keller der Villa geführt.

»Wo sind wir?«, fragte Enrico verwirrt.

Der Offizier blieb wortkarg. »Sie können gleich noch genug reden.«

Ein freundlicher Herr, dessen Haare grau zu werden begannen, betrat den Raum. Er bat Enrico, den Mann, der ihm den Zettel gegeben hatte, genau zu beschreiben.

»Dunkle Haare, unjefähr so groß«, sagte er und hielt die Hand auf Augenhöhe.

Nach der Stimme wurde er gefragt und nach dem Akzent, mit dem der Mann gesprochen hatte, der Kleidung, den Schuhen. Trug er einen Ehering? Waren die Fingernägel kurz geschnitten? Gab es Besonderheiten bei Mund und Nase?

»Dit jing allet so schnell«, erwiderte Enrico. »Der Tankwart hat sich über den Einfüllstutzen jebeugt und –«

»Gerade dann?«, unterbrach ihn der freundliche Herr. »Genau in diesem Augenblick hat der Mann Ihnen den Zettel gereicht?«

»Ja.«

»Hat der Tankwart die Person gesehen?«

»Ick gloobe nich.«

Er machte sich eine Notiz. Er wollte, dass Enrico ihm den Tankwart beschrieb. Dann ging es wieder um den Mann. In welche Richtung er davongegangen sei. Ob er sich umgesehen habe.

»Nee. Hat er nich.«

»Kein einziges Mal?«

»Solang ick hinjeguckt habe, nich. Der is uff Kante jeflitscht. War ruckzuck wech.«

Wieder sollte er das Gesicht beschreiben. Schließlich verließ der Herr den Raum und kam mit Fotoabzügen zurück. Ob es dieser Mann gewesen sei? Oder dieser? Er zeigte Enrico Bild um Bild und verlangte, dass er sie sich in Ruhe ansah. Wenn er zögerte und ein Foto länger betrachtete, machte sich der Herr eine Notiz dazu. »Also nicht diese Augenbrauen, sondern eher diese? Vom Typus her mehr so?«

Irgendwann fragte Enrico verunsichert: »Ick hab doch nüscht falsch jemacht? Ick hoffe …«

Zwei Stunden dauerte das Gespräch. Enrico wünschte sich längst, er hätte den Zettel einfach in den Gully geworfen.

Als sie fort waren, kehrte der Grauhaarige – er hieß Gerhard –in sein Büro zurück. Er fertigte eine schriftliche Übersetzung an und prüfte sie Wort für Wort.

Ich bin ein sowjetischer Offizier. Ich möchte mich mit einem amerikanischen Offizier treffen, um bestimmte

Dienste anzubieten. Uhrzeit: sechs Uhr abends. Tag: 20. März. Ort: das Denkmal im Viktoriapark. Scheitert das Treffen, finden Sie mich an den darauffolgenden

Samstagen zur selben Zeit am selben Ort.

Gerhard nahm die Übersetzung und klopfte bei Peter, seinem Vorgesetzten. Der las und winkte ab. »Eine Falle der Sowjets. Dass da was faul ist, rieche ich drei Meilen gegen den Wind.«

»Es könnte tatsächlich ein russischer Offizier sein, der sich als Quelle anbietet. Wir können es nicht ausschließen.«

Peter runzelte die Stirn. »Das wäre ein schöner Zufall, dass es gerade jetzt passiert. Und ich glaube nicht an Zufälle. Also, was ist es? Ein Angriff? Eine Ablenkung?«

»Ich finde, wir sollten ihn treffen.«

»Und einen von uns preisgeben? Wer da hingeht, ist enttarnt. Das ist genau, was sie wollen.«

Bestimmte Dienste. Würde das ein Armeeoffizier schreiben, der die Seiten wechseln wollte? Eher klang es nach dem MGB . Peter hatte recht.

Andererseits – würde ihnen der MGB nicht stärker entgegenkommen? Hätte er sie nicht geschickter angefüttert und bereits eine kostbare Information mitgeschickt?

Sein Blick fiel auf Peters albernen Briefbeschwerer: die abgeflachte gläserne Kugel mit den eingeschlossenen Luftblasen. Dahinter drückte Peters dicker Bauch gegen den Schreibtisch, ein Hemdknopf war nicht geschlossen.

Wer waren sie, so etwas abzuwägen und zu entscheiden! Tappten sie denen in die Falle? Oder gewannen sie eine Quelle, die kostbarer sein konnte als tausend Mann? War die Sache das Risiko wert?

Peter hatte das letzte Wort. Es war seine Abteilung. Wie ihn das wurmte! Nicht dass er Abteilungsleiter sein wollte, beileibe nicht, was war das schon, Abteilungsleiter in dieser kleinen Hütte, nein. Sich mit dem State Department herumzuschlagen und mit der Zentrale in Heidelberg, den Personalmangel zu ertragen, die unzureichende Finanzierung, Kollegen, die in Schwarzmarktgeschäfte verwickelt waren, all das konnte ihm den Buckel runterrutschen. Aber hier und jetzt – da wäre er gern der Abteilungsleiter gewesen. Er wollte entscheiden.

»Du gehst auf keinen Fall«, sagte Peter.

»Niemand sonst spricht Russisch.«

»Wir reden nicht mit ihm. Allenfalls observieren wir den

Treffpunkt. So drehen wir den Spieß um: Wir enttarnen ihn und bleiben für ihn unsichtbar.«

Sie maßen sich mit den Augen.

»Du bist zu wertvoll. Wie du selbst gesagt hast, niemand sonst spricht Russisch bei uns. Ich brauche dich für die Übersetzungen.«

Auf dem Kreuzberg war mitten in Berlin eine Gebirgslandschaft nachgebildet worden, eine Kopie des Zackelfalls aus dem Riesengebirge. Der Wasserfall war trocken. Die Pumpe hätte kostbaren Strom verbraucht, eine Opulenz, die sich die Stadt im dritten Jahr nach dem Krieg nicht leisten konnte.

Trotzdem gingen Familien in der ersten schwachen Frühlingssonne spazieren. Ein paar Jungs bestiegen das schroffe Felsgestein.

Jeder der wenigen Bäume im Viktoriapark war ein Überlebender. Ringsum waren nur Stümpfe geblieben oder sogar bloß ein Loch, wo man auch den Stumpf ausgegraben und fortgeschafft hatte. Narben des strengen Winters vor einem Jahr. Man hatte aus den Ruinen Holzteile aufgesammelt, Balken, Treppenstufen, Türen, Türrahmen ausgebaut und sie in den Öfen verheizt, und als nichts Brennbares mehr zu finden war, in der Verzweiflung begonnen, die Bäume zu fällen. Über tausend Menschen waren in Berlin erfroren. Die Stümpfe und Wurzellöcher erinnerten als stumme Zeugen daran.

Gerhard postierte sich unten, wo in früheren Jahren das Wasser in den Tümpel geplätschert war. Männer und Frauen plauderten am Ufer, während ihre Kinder über die Felsbrocken kletterten.

Das Denkmal befand sich auf dem höchsten innerstädtischen Punkt, dem Scheitelpunkt des Kreuzbergs. Auch dort

oben standen Menschen. Einer von ihnen lehnte sich gegen das Geländer, löste sich wieder davon, ging einige Schritte.

Als wollte er, dass Gerhard hinsah und sich damit verriet. Als wollte er ihn aus der Reserve locken.

Oder hoffte er verzweifelt darauf, dass jemand kam und ihn ansprach, weil ihm die Zeit davonlief?

Um das einzuschätzen, musste Gerhard näher heran. Er musste ihn sich ansehen.

Eine Gruppe begann den Aufstieg entlang des trockenen Wasserfalls. Was sie miteinander verband, war nicht zu erkennen, ein paar Kinder waren dabei, hauptsächlich aber bestand sie aus Erwachsenen. Vielleicht ein Kirchenausflug.

Gerhard folgte ihnen. Sie gaben ihm Deckung, er mochte einer von ihnen sein, der etwas getrödelt hatte und nun wieder aufholte.

Als sie sich dem Denkmal näherten, sah er sich den Mann genauer an. Seine Bewegungen waren steif; besorgt blickte er auf die Uhr, es wirkte, als würde das Ziffernblatt über Leben und Tod entscheiden.

Er glaubte ihm.

Sollte er wegen eines Bauchgefühls alles riskieren? Sein Instinkt sagte ihm, dass der Mann gleich verschwinden und nie zurückkehren würde, auch wenn er auf seinem Zettel etwas anderes versprochen hatte.

Er hatte Peter schwören müssen, getarnt zu bleiben, was auch immer geschah. Allein die Erlaubnis, überhaupt hierher gehen zu dürfen! Sie hatten hitzig gestritten, Peter war auf seine Weise stur geblieben und er selbst ebenfalls, bis Peter am Ende resigniert die Hände in die Luft geworfen und gesagt hatte: »Wenn du dein Leben riskieren willst, bitte!«

Wir sind Idioten, wenn wir ihn laufen lassen, dachte er.

Er löste sich von der Gruppe und trat auf den Mann zu. »Es ist sechs Uhr. Sie wollten mit uns reden.«

Die dunklen Augen des Mannes richteten sich auf ihn. Er sah aus, als stünde er kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Sein Gesicht war verschwitzt und bleich. Er nickte stumm.

»Gehen wir ein Stück.«

Die Russen hatten hervorragende Schauspieler. Was, wenn es bloß ein Köder war? Ein Statist, der seine Rolle gut spielte?

Der MGB würde die Maskerade eine Weile aufrechterhalten, um herauszufinden, wie die CIA mit Überläufern umging und wo sie versteckt wurden. Dann konnten sie in Zukunft mit Leichtigkeit jeden eliminieren, der in den Westen wollte.

Er selbst hätte sich dabei wie ein Anfänger vor den Russen bloßgestellt und würde zur leichten Zielscheibe für sie werden.

»Woher wussten Sie, dass der Fahrer zum US -Hauptquartier gehörte?«

»Deutsche kriegen keine талоны für Benzin. Wie sagen Sie? Keine Berechtigungsscheine. Nur sehr selten. Und die Tankstelle ist in der Nähe der Amerikaner.«

»Also war es Glück.«

»Die Wahrscheinlichkeit war hoch. Und der Mann sah nicht so aus, als würde der Wagen ihm gehören.«

Der Russe sprach – wenn auch mit starkem Akzent – ein beachtliches Deutsch. Besser als mancher Berliner. Warum hatte er den Zettel auf Russisch verfasst? Um Aufmerksamkeit zu erregen? Beim MGB hätten sie doch auf solche Details geachtet, sie hätten den Zettel dreimal hin und her gewendet, den Text umformuliert und neu geschrieben und mit dem Schauspieler die Hintergrundgeschichte geprobt, so etwas unterlief ihnen nicht, dass einer auf Russisch schrieb und dann fließend Deutsch sprach.

Oder bauten sie bewusst solche Fehler ein, weil sie ahnten, dass er so dachte? Das war eine Möglichkeit. Sie konnten einberechnet haben, dass Perfektion ihn stutzig machen würde.

»Sie wissen, ich kann Ihnen nicht einfach so glauben«, sagte Gerhard.

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinanderher.

»Weil ich ein Selbstläufer bin?«

Es durchzuckte ihn wie ein Stromschlag. Woher kannte der Russe diesen Begriff? Das war CIA -Jargon.

»Ich weiß, was Sie denken«, sagte der Mann und verzog den Mund. »Kein Nachrichtendienst kann es leiden, wenn sich eine Quelle selbst anbietet. Sie müssen mir auf den Zahn fühlen. Also los.«

Er war kein einfacher Offizier, so viel stand fest. »Gehören Sie zum MGB ?«

Der Mann nickte.

»Warum wollen Sie uns Informationen liefern?«

Der andere zog ein kariertes Taschentuch hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn, ganz so, als wollte er Zeit gewinnen, um nachzudenken. Die Frage musste ihn doch seit Monaten beschäftigen. Wieso hatte er da keine Antwort parat? Wollte er, dass es spontaner wirkte? Ehrlicher?

Schließlich sagte er: »Wenn Kinder in Russland schwimmen lernen, werden sie mit einem Seil gesichert. So fühle ich mich, wie ein Kind, das am Gängelband geführt wird. Es hindert mich am Schwimmen. Man sollte uns mehr zutrauen. Wir werden schon nicht ertrinken.«

Hätten sie einen Schauspieler nicht angewiesen, die Geschichte mit mehr Emotionen zu unterfüttern? Stockender zu sprechen? Aufgewühlter? »Sie verraten Ihr Land, weil Sie sich gegängelt fühlen?«

»Es tut weh, den Verfall zu sehen. Nehmen wir allein die Literatur. Unter Stalin werden die Satiren von Majakowski nicht mehr aufgeführt. Anna Achmatowa wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, ihre Bücher vernichtet –die der größten russischen Dichterin! Und kennen Sie Ossip

Mandelstam? Er hat ein Gedicht verfasst, Мы живем, под собою не чуя страны. Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr. Lesen Sie dieses Gedicht! Stalin hat Mandelstam deswegen verhaften lassen, und der begabte Mandelstam musste elendig im Lager verrecken. Es tut mir weh, verstehen Sie? Unsere besten Leute werden aus der Wohnung geholt und totgeschlagen oder nach Sibirien verbannt. Wer ihren Namen auch nur erwähnt, wird bestraft.«

Wenn er log, dann so, wie er es beim MGB gelernt hatte: Die Lüge hatte einen großen Anteil Wahrheit, ohne die ganze Wahrheit zu sein. »Landesverrat ist schwer zurückzunehmen, wenn man ihn einmal begangen hat. Sie sollten sich das gut überlegen.«

»Ich bin dazu erzogen worden, mir die Schönheit der Sowjetunion vor Augen zu führen und das Schlechte zu ignorieren. Aber ich kann das nicht länger. Das Bild – es hat Risse. Zu viele Risse.«

Der Mann stand kurz vor dem Sprung. Es erinnerte ihn an ihn selbst vor zehn Jahren.

»Um vier Uhr am Morgen hämmern wir an eine Tür. Wir blicken in die erschrockenen Gesichter der Familie. Die wissen genau, dass sie den Vater nicht wiedersehen werden, den Ehemann, den Bruder. Und doch müssen wir das tun. Die Säuberungen sind schrecklich.«

»Hier in Berlin werden Sie doch wohl andere Aufgaben haben.«

»Ich bin trotzdem Teil der Maschine. Sieben Männer waren zur Zeit Lenins im Politbüro. Nur einer hat überlebt: Stalin.« Er zählte sie an den Fingern ab. »Tomsky beging Selbstmord im Gefängnis. Sinowjew, Kamenew und Rykow wurden erschossen. Trotzki hat man in Mexiko in Stalins Auftrag ermordet. Irgendwann musste ich einsehen, dass die sowjetische Wirklichkeit anders ist als … in der Prawda.«

Manche sagten Instinkt dazu. Andere nannten es Bauchgefühl. Fakt war, der Russe erschien ihm vertrauenswürdig. »Was haben Sie für uns?«

»Ein geheimes Telegramm.«

Wind kam auf, ein kalter Schleier, der durch den Park zog. Eine Mutter beugte sich vor, um ihr Neugeborenes im Kinderwagen fester einzupacken. Ein Greis rückte sich den Hut auf dem Kopf zurecht.

Stumm gingen sie weiter. Passierten eine junge Frau auf einer Bank, die sich fröstelnd den Mantel enger um den Hals zog. Wahrscheinlich eine Stenotypistin, vom Äußeren her zu urteilen, hübsch geschminkt wie für ein Rendezvous. Ungeduldig hielt sie nach ihrer Verabredung Ausschau.

Ein Stück weiter watschelten zwei Enten unter einem Gebüsch hervor und kreuzten den Weg. Kinder blieben stehen und staunten. »Lasst sie in Ruhe«, mahnten die Eltern.

Der Russe trug einen grauen Wollmantel und zivile Hosen. Auch Gerhard war unauffällig gekleidet. Für die anderen mussten sie aussehen wie alte Freunde.

»An wen ging das Schreiben?«

»Nach Moskau. An das MID .«

»Das Außenministerium.«

Der Mann hob die Brauen.

Was hatte er denn erwartet? Dass die CIA einen Strohmann schickte? Ein komplettes Greenhorn?

Natürlich. Nicht nur er prüfte ihn. Auch der Russe fühlte vor, mit wem er es zu tun hatte. »Das Telegramm stammt von …?«

»Semjonow.«

»Dem politischen Berater der sowjetischen Militäradministration.«

Der Russe nickte. »Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht.«

»Haben Sie es dabei?«

»Ich … kann es beschaffen.«

Natürlich hatte er es dabei. Aber er wollte seinen Trumpf noch nicht aus der Hand geben. »Was wollen Sie dafür haben?«

Jetzt sah ihn der Russe direkt an. »Ich will raus.«

Alles wäre besser gewesen als das. Geld, das sie ihm regelmäßig auf ein Schweizer Konto überwiesen. Westliche Luxusgüter. Leider vermittelte er nicht den Eindruck, als ließe er sich umstimmen. Natürlich konnten sie einen MGB -Offizier nach dem Überlaufen immer befragen, auch dadurch erfuhren sie Bedeutsames über die Gegenseite. Aber eine Quelle, die permanent aus dem gegnerischen Geheimdienst berichtete, war praktisch unbezahlbar.

»Ist mir klar, dass Sie das nicht gerne hören. Wie lange muss ich meinen Hals riskieren?«

Gerhard wägte ab. Es musste machbar klingen. »Beliefern Sie mich zwei Monate. Dann schleuse ich Sie aus der Zone.«

»Wohin?«

»Nach Westdeutschland.«

»Die Dritte Verwaltung des MGB ist verdammt gut darin, Deserteure aufzuspüren. In Westdeutschland überlebe ich kein Vierteljahr.«

Auf keinen Fall durfte er ihm abspringen. Ob Peter die Sache gut fand oder nicht, war jetzt erst einmal zweitrangig. »Ich kann Sie nach Südamerika schaffen. Sie fangen ein neues Leben an. Neuer Name, neue Papiere.«

»Gut.«

Auch sein Verhandeln konnte geschauspielert sein. Diese furchtbare Ungewissheit! Er musste den Verdacht ein für alle Mal ausräumen, sonst brauchte er Peter überhaupt nicht mit dem Mann zu kommen.

Also dann. Wenn er real war, würde ihm das jetzt wehtun.

»Мы поговорим об этом позже.«

Jäh blieb der Russe stehen und starrte Gerhard an wie einen Geist. Er begann zu zittern, die Knie, die Arme schlotterten.

So etwas ließ sich nicht einstudieren. Der Mann war zu Tode erschrocken. Er glaubte, in eine Falle seiner Landsleute geraten zu sein.

Gerhard sagte ruhig: »Also sind Sie doch nicht so leichtsinnig, wie ich dachte.«

Der Mann stammelte: »Was? Ich … Sind Sie … Russe?« »Nein.«

Immer noch war er blass, und seine Oberlippe bebte. »Aber – kein Akzent. Das kann man nicht lernen.«

»Als ich Kind war, hatten wir russische Angestellte. Und in der Schule wurden wir auf Russisch unterrichtet.«

»Sie stammen aus Litauen. Oder aus Lettland. Deshalb hassen Sie die Sowjetunion.«

»Ich hasse sie nicht. Ich habe sie lange Zeit geliebt.«

In das Gesicht des Russen kehrte etwas Farbe zurück. Er straffte seine Haltung. Nach einem interessanten Mienenspiel – er spitzte den Mund und furchte die Stirn – griff er in die Innentasche seiner Jacke und holte einen Umschlag hervor. Er blickte darauf hinab, ehe er ihn Gerhard reichte. »Ich vertraue Ihnen.«

Gerhard nahm den Umschlag entgegen und öffnete ihn. Er entfaltete ein Telegramm. Die kyrillischen Buchstaben formten sich zu Worten. Er spürte, wie sich seine Kiefermuskeln verkrampften. Dort stand, man werde die Truppen der westlichen Alliierten in Berlin »ausräuchern«. Hatte Semjonow wirklich »ausräuchern« geschrieben? »Выкуривание?«, fragte er.

Der Russe nickte bedeutungsvoll.

Gerhard las weiter. Semjonow befürchtete sogar, die Amerikaner könnten der Aktion durch die rechtzeitige Evakuierung ihres Personals aus der Stadt zuvorkommen. »Wovon spricht er da? Steht ein Angriff bevor?« Sein Puls beschleunigte sich. Sie hatten lediglich zehntausend alliierte Soldaten

in der Stadt. Die Russen waren um ein Vielfaches besser aufgestellt. Sie konnten sie einfach überrollen.

»Es war gefährlich genug, das Telegramm rauszuschmuggeln. Auf die Pläne der Generalität habe ich keinen Zugriff.«

»Finden Sie mehr heraus.«

»Wenn ich Fragen stelle, lenke ich den Verdacht auf mich.«

War das glaubwürdig? Musste ein MGB -Offizier nicht mehr mitbekommen?

Er hatte wohl gehofft, sich mit dem Telegramm die Ausschleusung erkaufen zu können. Offenbar war ihm nicht klar, dass man eine wertvolle Quelle wie ihn so lange wie möglich ausschöpfen wollte. Seltsam, wie konnte ein MGB -Offizier so blauäugig sein, was Quellenführung anging? »In welcher Abteilung arbeiten Sie?«

»Gruppe PR , politische Aufklärung. Ich überwache die feindliche Tagespresse und die westlichen Radiosender.«

Das erklärte seine mangelnden Kenntnisse. »Wie sind Sie an das Telegramm gelangt?«

Der Russe zögerte. »Es ist besser, wenn Sie das nicht wissen.«

»Ich ziehe es vor, den Dingen ins Auge zu blicken.«

»Damit … würde ich jemanden in Gefahr bringen.«

Also ein weiterer Mann. Womöglich jemand mit mehr Zugriff. Das machte die Sache noch attraktiver. »Weiß er, was Sie mit dem Telegramm tun?«

Der Russe wandte den Blick ab und erwiderte nichts.

»Sagen Sie ihm, dass wir ihn ebenfalls ausschleusen, wenn er das will. Wichtig ist, dass Sie mit Bedacht vorgehen. In einer Woche treffen wir uns in den Belle-Alliance-Lichtspielen am Mehringdamm. Fünf Uhr. Vielleicht haben Sie bis dahin eine Antwort von ihm. Und Hintergründe zu den sowjetischen Angriffsplänen.«

Der Angriff konnte nicht unmittelbar bevorstehen. Sie hätten

Vorbereitungen bemerkt, Truppenbewegungen. Aber in drei, vier Wochen – das war durchaus möglich. Die Russen konnten ihre Vorbereitungen tarnen, sie in kleinere Bewegungen aufteilen.

»Stellen Sie vorsichtig Nachforschungen an«, sagte Gerhard. »Ich kümmere mich währenddessen um Ihren Pass.« Er reichte ihm die Hand. »Und nennen Sie mich Hank.« Er wählte einen amerikanischen Namen, obwohl sich der Russe längst zusammengereimt hatte, dass er kein Amerikaner war. Aber so verkörperte er besser die CIA und ihre weitreichenden Möglichkeiten.

»Nennen Sie mich Arkadi.«

Ihre Hände griffen ineinander. Die Hand des Russen war groß, seine Haut rau und trocken. Sie sahen sich an.

Gerade erst hatten sie sich kennengelernt, und beide konnten sie einander den Tod bringen.

Nach der Landung auf dem Moskauer Flughafen wurde die ostdeutsche Delegation in ihr Quartier in der Можайское

шоссе gefahren. Sie wohnten in der sechsten Etage. Wilhelm Pieck stellte sich ans Fenster. Der Blick über Moskau war herrlich. Blauer Himmel, Sonnenschein, und all diese Häuser! Die Menschheit hatte es weit gebracht. Und das sowjetische Volk war die Speerspitze der Zivilisation.

Für den Begrüßungsabend war ein Farbfilm vorgesehen: »Märchen der sibirischen Erde«.

Am nächsten Morgen wurden sie nach dem Frühstück zum Besuch einer Gemäldegalerie abgeholt. Als sie durch die Gorkistraße fuhren, verdrehte Wilhelm Pieck den Hals, um einen Blick auf das Hotel »Lux« zu werfen, in dem er jahrelang gelebt hatte. Er dachte an das üppige Essen im Speisesaal, die eigenen Ärzte, die Wäscherei, die Wagen, mit denen sie gefahren wurden, damit sie nicht die öffentlichen Verkehrsmittel verwenden mussten. Mehrere Zimmer hatte er dort gehabt, luxuriös eingerichtet. Und doch wirkten diese Zimmer bescheiden im Vergleich zu der Villa, die er jetzt in Berlin-Niederschönhausen bewohnte.

An die Villa zu denken, gab ihm Kraft. Ich bin nicht irgendwer, sagte er sich. Damals, in seiner Exilzeit in Moskau, hatte Stalin ihn kein einziges Mal empfangen. Jetzt aber brauchte er ihn.

Am Nachmittag wurden sie in die Kreml-Festung gebracht.

Soldaten begleiteten sie vom Vorplatz in den Senatspalast. Sie sollten warten. Grotewohl ging den Text der Memoranden durch, die er vorzutragen hatte, und lief dabei auf und ab. Wie ein Schüler vor einer Prüfung.

Pieck bedeutete ihm, sich zu setzen, aber Grotewohl lief noch etliche Runden, bis er sich endlich niederließ. Verstohlen sah Pieck auf seine Armbanduhr. Eine Machtdemonstration Stalins, dass er sie so lange hinhielt. Es ärgerte ihn. Sie waren immerhin die beiden SED -Vorsitzenden und keine namenlosen Bittsteller. Sie bauten etwas auf in Deutschland, sie boten dem Westen die Stirn, sie, Grotewohl und er, standen an der Spitze der Bewegung, Stalin konnte froh sein, sie zu haben. Und doch ließ er sie hier herumsitzen.

Schließlich, es war fast schon sieben Uhr, führte man sie weiter den Gang entlang und ließ sie durch eine hohe, mit dunkelgrünem Steppleder gepolsterte Flügeltür treten.

Die Begrüßung war wichtig. Sie setzte den Ton für das gesamte Treffen. Im Protokoll würden sie festhalten: Genosse Pieck begrüßte den Genossen Stalin äußerst warm und drückte ihm seine Dankbarkeit für die große Hilfe für die Werktätigen Deutschlands aus.

In der Ecke bollerte ein Ofen. Die goldene Tapetenborte ließ den Raum wirken wie ein museales Schlosszimmer.

Grotewohl trug die Memoranden vor. Er sprach flüssig über die Lage in Deutschland und die Aufgaben der SED . Aber Stalin unterbrach ihn immer wieder mit Zurechtweisungen und Kommentaren. Auch Molotow beteiligte sich mit Nadelstichen.

Danach antwortete Stalin mit einer Beurteilung. Er sah die Sache natürlich nicht so rosig. Immer schön die Zügel straff halten. So lenkte er das Gespann der vielen Länder, über die er herrschte.

»Haben Sie noch Fragen an den Generalissimus?«, sagte Molotow.

Grotewohl sah zu ihm, Pieck, hinüber.

Natürlich, er sollte mal wieder die Kohlen aus dem Feuer holen. »Wir, also die SED … Also innerhalb der SED fürchten wir …«

»Was?«, fragte Stalin.

»Die Herbstwahlen werden die Lage der Partei in Berlin nicht verbessern.«

»Wieso nicht?«

Er wechselte ins Deutsche, so gut war sein Russisch nicht. Ulbricht sprach es flüssiger, aber Ulbricht war zu Hause geblieben, ihre Moskau-Reise war schwer genug geheim zu halten. Jetzt fragte er sich, ob sie ihn nicht doch hätten mitnehmen sollen. Ulbricht mit seinem unerschütterlichen Selbstvertrauen, um das Pieck ihn so beneidete – er hätte Stalin konfrontieren sollen. Hätten sie ihn bloß mitgenommen. »Die Demontagen …« Er räusperte sich. »Man hat den Eindruck, sie gehen recht planlos vor sich. In der Bevölkerung ruft das Unmut hervor.«

Stalin ließ den Übersetzer kaum ausreden. Er fragte lauernd: »Planlos?«

Pieck war jetzt verzweifelt genug, dass er es aussprach, obwohl Grotewohl die Augen weitete: »Sie bringen die qualifizierten Arbeiter gegen die Sowjetunion auf. Und gegen die SED . Das können wir doch nicht wollen. Und sie liefern der westlichen Presse Munition für ihre Angriffe –«

»Ich scheiße auf die käufliche Westpresse!«

Pieck erschrak, verschluckte sich fast. »Natürlich. Die Deutschen haben enorme Kriegsschäden in der Sowjetunion angerichtet, es ist Ihr Recht, alles aus Deutschland herauszuholen, was Sie brauchen, um das Land wieder aufzubauen.«

»Machen Sie lieber Gegenpropaganda«, sagte Stalin kalt, »statt die Schuld auf den Westen zu schieben.«

Er überlegte fieberhaft. Wenn er jetzt zurückruderte, machte er es schlimmer. Auf keinen Fall durfte Stalin ihn für einen Schwächling halten. »Es ist nur so, dass die Bevölkerung bei uns die SED mit den sowjetischen Besatzungstruppen gleichsetzt. Und wenn immer weniger produziert wird, weil die Fabriken abgebaut werden, kippt die Stimmung. Für manche ist es schwer zu verstehen, warum eine Fabrik auseinandergenommen wird, wenn wir doch genauso gut ihre hergestellten Produkte in die Sowjetunion verschicken könnten als Teil der Reparationen.« Vor lauter Angst war ihm die Kehle eng geworden und seine Stimme höher als sonst. »Nicht immer kann die Fabrik in der Sowjetunion genauso weiterarbeiten wie bei uns. Da passieren Fehler. Zum Beispiel …« Er verschluckte sich und hustete. Wo kam all der Speichel plötzlich her? Viel zu viel Speichel. Er musste neu ansetzen. »Eine Elektronikfabrik in Jena wurde demontiert und abtransportiert. Aber sie konnte ihre Produkte nur herstellen, weil ein Netz von deutschen Zulieferern sie mit den nötigen Einzelteilen versorgt hat. Jetzt fragen sich die Leute, was mit der Fabrik … also, was in der Sowjetunion … Jedenfalls löst es Unmut aus. Und die Zeiss-Werke –«

»Genug!« Stalin stand auf.

Im Raum herrschte Stille. Niemand wagte, sich zu rühren oder auch nur einen Ton von sich zu geben.

»Sagen Sie mir, was Sie wollen.«

»Die Aussichten bei den nächsten Wahlen sind nicht besser als vor zwei Jahren. Wir würden eine herbe Niederlage einstecken.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage.«

Pieck versuchte, das Zittern in seiner Stimme zu verbergen, indem er mit mehr Nachdruck sprach. »Errichten wir die Diktatur des Proletariats. Dann werden die Dinge klar und einfach. Wenn wir aufhören, Demokratie zu spielen

oder Wahlen durchzuführen, können wir endlich Stärke zeigen.«

Stalin kniff die Augen zusammen. »Und wie stellen Sie sich das vor, mit dem Sonderstatus, den Berlin hat?«

Das war tatsächlich ein Problem. »Der Sonderstatus müsste enden … irgendwie.« Augenblick, war Stalins Gesicht wirklich so verkniffen, wie er bis eben noch gedacht hatte? Blitzte nicht der Schalk aus seinen Augen? Stalins Schnauzer begann zu zittern. Dann fächerte er sich auf. Lächelte er etwa? Tatsächlich, er bleckte die Zähne, er zeigte sein Pferdegebiss.

Stalin sagte: »Genau. Und dafür müssten wir die Westmächte aus Berlin vertreiben.« Er wechselte einen Blick mit Molotow.

Hatte er gerade beschlossen, die Amerikaner, Briten und Franzosen aus der Stadt zu drängen? Die Aussicht, ganz Berlin zu haben, war beflügelnd. Er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss.

Oder war das schon länger geplant gewesen, und Stalin tat nur so, als wäre es ihm gerade eingefallen? Vor einer Woche hatten die sowjetischen Repräsentanten den Alliierten Kontrollrat verlassen. Das hatten sie sicher nicht ohne Stalins Wissen getan.

Ihm wurde schwindelig vor Freude. Es war wie zu Weihnachten früher als Kind. Er sagte: »Die Amerikaner wollen einen westdeutschen Staat gründen. Sie greifen sich das wirtschaftliche Zentrum, das Ruhrgebiet. Wenn wir wenigstens ganz Berlin in unsere Hand bekommen …« Sein Atem ging rascher. Wenn das wirklich gelänge … Wenn sie tatsächlich Westberlin eroberten! »Die Deutschen werden in zehn oder fünfzehn Jahren wieder auf eigenen Beinen stehen, und dann machen sie gemeinsame Sache mit den Amerikanern, fürchte ich. Hätten wir ganz Berlin …«

Aber Stalins Lächeln verblasste bereits.

Hat er es nur als Scherz gemeint? Und ich bin ihm auf den Leim gegangen? »Im Westen starten sie bald den Marshallplan.« Vielleicht konnte er Stalin doch dazu bringen, an dem Gedanken festzuhalten. Aus der Laune einen Beschluss zu machen. »Dort wird aufgebaut, nicht abgebaut.« Zwölf Milliarden Dollar würden die USA als Hilfen nach Europa pumpen, und Stalin hatte seinen Satellitenstaaten verboten, daran teilzuhaben, sie bekamen keinen müden Cent. »Wir haben immer noch eine unsichere Lebensmittelversorgung.« Er hielt tapfer Stalins Blick. »Auf dem Zweiten Parteitag haben wir Opfer von der Arbeiterklasse gefordert, eine erhöhte Arbeitsproduktivität, bessere Wirtschaftsplanung. Aber geben können wir selbst überhaupt nichts, nicht einmal Planziffern für dieses Jahr.«

Stalins Blick hatte etwas Raubtierhaftes. »Ich habe Mitgefühl mit dem deutschen Proletariat. Wir werden die Reparationen nicht forcieren. Wie wäre es, wenn wir sie auf einen längeren Zeitraum strecken? Dann hätten wir erst einmal eine bessere materielle Lage für die Werktätigen.«

Stotternd bedankte er sich. Und die Berlin-Frage? Wenn er jetzt nachhakte, würde er undankbar wirken. Stalin hatte eine Art, sich ungenau auszudrücken, die ihn in den Wahnsinn trieb. Hatte er nun eine Zusage gemacht oder nicht? Das war doch keine Sache, die man nebenbei in den Raum stellte, um dann gleichgültig das Thema zu wechseln.

Es war Zeit für eine Machtprobe mit den Westmächten. Die Sowjetunion war stark.

Während er noch darauf hoffte, dass sie zur Berlin-Frage zurückkehren würden, verabschiedete Stalin sie unvermittelt. Er behandelte sie wie Kinder, die beizeiten ins Bett zu gehen hatten. Die Erwachsenen – Molotow und er – würden die wichtigen Themen ohne sie besprechen.

Als sie im Hotel eintrafen, noch im Fahrstuhl, sagte Grotewohl: »Wir müssen die Memoranden überarbeiten. So können wir sie Stalin nicht übergeben.« Er verzog das Gesicht. »Zu keiner einzigen Frage hat er uns eine klare Antwort gegeben. Und die Reparationen: Wird er sie wirklich über einen längeren Zeitraum strecken? Glaubst du, das wird konkret? Oder war es nur eine allgemeine Phrase?«

Pieck hob warnend die Augenbrauen und deutete zu den Fahrstuhlwänden. War Grotewohl nicht klar, dass sie abgehört wurden?

Grotewohl atmete erschrocken ein und schwieg. Im Zimmer sagte er, eine Spur zu pathetisch: »Genosse Stalin ist der größte Sozialist der Welt.«

»Ihr Vater, sozusagen.« Pieck hängte seine Jacke auf einen Bügel.

»Ja, die Genossen Stalin und Molotow tragen auf ihren Schultern unser aller Schicksal.«

»Wenn wir wieder in Berlin sind, machen wir uns mit voller Kraft an die Arbeit.«

Sie nickten einander zu.

Er wusste genau, wie die nächsten Tage ablaufen würden. Im Stalin-Werk würden sie mit dem Sekretär des Parteikomitees über Fragen der Gewerkschaftsarbeit reden. Die Plakate studieren, auf denen die Verpflichtungen für den sozialistischen Wettbewerb bekanntgegeben wurden. Sie würden den Kulturpalast des Stalin-Werks, das Lenin-Museum, das Revolutionsmuseum, die Ausstellung der Geschenke an Stalin, die Staatliche Öffentliche Lenin-Bibliothek und die Metro besichtigen. Wissensdurstig würde er auf alles Gezeigte reagieren. Ungeachtet der Tatsache, dass er jahrelang in Moskau gelebt hatte und das alles bereits kannte. Da reichte kein »gut« oder »hat mir gefallen«. Er würde aufmerksame Fragen stellen. Würde Dinge sagen wie: »Das

alles ist nur hier möglich, in einem sozialistischen Staat.«

Im Bolschoi-Theater würden sie sich den »Nußknacker« ansehen, und in ihrer Unterkunft würde man ihnen sieben oder acht sowjetische Filme vorführen, darunter »Das sowjetische Estland«, »Lenin im Jahre 1918«, »Der Kolchos ›Roter Oktober‹« und »Admiral Nachimow«. So wollte es Stalin. Er liebte Filme.

Sie würden Interesse zeigen an der Arbeit der Parteiorgane und sich fleißig Notizen machen. Während des Essens würden sie Toasts auf die Sowjetunion, das sowjetische Volk und auf die Gesundheit des Genossen Stalin ausbringen.

Wie oft er sich positiv über die Errungenschaften der Sowjetunion äußerte, wurde peinlich genau protokolliert. Kamen diese Äußerungen zu selten, zog man seine Loyalität in Zweifel. Und nach allem, was er im Arbeitskabinett gesagt hatte, hatte er etliches wiedergutzumachen.

Dabei stimmte es doch, er bewunderte die Sowjetunion. Er glaubte fest daran, dass von hier aus die Erneuerung der Menschheit geschah. Er war bloß keiner, der dauernd lobte. Stalin erwartete das Lob. Das zu wissen, nahm ihm die Freude daran.

Sie würden dieses Pflichtprogramm gemeinsam ableisten, Grotewohl und er. Ab und an konnten sie sich durch kleine Gesten zu erkennen geben, wie unerträglich sie es fanden oder was sie amüsierte. Eines aber würde er auch Grotewohl verschweigen. Wieder und wieder spielte sich die Szene in seinem Kopf ab. Es war vor einer Stunde im Kreml passiert, nachdem sie von Stalin entlassen worden waren.

Er hatte in der Herrentoilette an der Wand mit der langen Reihe muschelförmiger Pissoirs aus Steingut gestanden, die allesamt bunt mit Blumenmustern bemalt waren, und hatte sich erleichtert – als Semjonow eingetreten war. Der war als Protokollführer an den Beratungen beteiligt gewesen. Wobei das

nicht alles sein konnte, dafür hätte man ihn nicht aus Berlin einfliegen müssen. Es gab in Moskau auch andere zuverlässige Dolmetscher.

Semjonow, der Politische Berater des Obersten Chefs der SMAD , hatte sich an das Pissoir neben ihm gestellt, den Hosenstall geöffnet und beiläufig gesagt: »Wir brauchen ein vereinigtes Deutschland. Eine Zentralregierung. Und diese Regierung muss in deinen Händen liegen, Genosse Pieck.«

Der verborgene Krieg war leicht zu übersehen.

In Berlin-Karlshorst hatten die sowjetischen Nachrichtendienste ein ehemaliges kirchliches Krankenhaus östlich der Treskowallee bezogen. Sie hatten das Gelände mit einem von Stacheldraht gekrönten Eisenzaun umgeben und ließen Wachen in Begleitung von Hunden patrouillieren.

Britische Dienste bezogen ein Gebäude am Olympiastadion, französische eines im Quartier Napoleon.

In Dahlem im Föhrenweg 21 befand sich die Berliner Operationsbasis der CIA . Dort stand Gerhard vor dem Schreibtisch seines Vorgesetzten. Er dachte an das erschrockene Gesicht des Russen und an die kurz darauf erfolgte, zögerliche Übergabe des Telegramms, während sein Vorgesetzter nach Luft rang. »Gerhard, verdammt! Wie soll dieser Laden laufen, wenn keine Befehle mehr befolgt werden?«

»Er sagt die Wahrheit. Ich vertraue ihm.«

»Du weißt nichts über ihn.«

Gerhard berichtete von den russischen Autoren. Den Säuberungen, den Festnahmen. Davon, dass der Russe nicht länger Teil davon sein wollte.

»Das trägt doch nicht. Er setzt sein Leben aufs Spiel, wenn er für uns arbeitet. Wegen irgendwelcher Literaten?«

Er musterte seinen Vorgesetzten. Peter bewegte stumm die fülligen Lippen, als würde er beim Nachdenken Worte kauen. Auch wenn er tobte, sicher war er sich nicht. Ging es allen

Nachrichtenoffizieren so, dass sie die Gegner für professionell hielten, während sie sich selbst ständig hinterfragten? Peter war der Sohn jüdischer Weinhändler und gerade mal seit fünf Jahren bei der CIA . Er selbst erst seit vier Jahren. Was wussten sie schon?

Allerdings waren ihre Gegner auch bloß Menschen. Denen konnte genauso etwas durch die Lappen gehen.

»Wenn du dich beruhigt hast, solltest du das hier lesen.«

Gerhard reichte Peter das Telegramm. Auf einem zweiten Blatt hatte er die Übersetzung notiert.

Peter nahm beides unwirsch entgegen und las. Dann warf er die Papierbögen auf den Schreibtisch. »Wir wurden bereits runtergestuft. Heidelberg läuft uns den Rang ab, im Grunde müssen wir jetzt nach deren Pfeife tanzen, während die Sowjets alles von Berlin aus führen. Ich kann nicht die Sicherheit der Operations Base aufs Spiel setzen, nur weil du gerade Lust hast, ein Kuckucksei der Russen auszubrüten.«

»Semjonow schreibt da von ›ausräuchern‹. Das Flugzeug der British European Airways letzte Woche –«

»Das war ein Unfall.«

»Vierzehn Menschen sind ums Leben gekommen!«

Peter sagte: »Und der Pilot der russischen Jak ebenfalls. Vergiss den nicht.«

»Glaubst du wirklich, dass er Flugfiguren geübt hat? Glaubst du diesen Mist? Er hat Katz und Maus gespielt und hat sich verschätzt. Ein Militärpilot spielt nicht Katz und Maus, wenn er keinen Befehl dazu hat. Er sollte die Maschine im Anflug auf Berlin stören.«

»Selbst wenn es so wäre …«

»Als wir aus Thüringen und Sachsen abgezogen sind im Austausch für Westberlin, sind damit Abmachungen einhergegangen. Die Korridore zur Stadt müssen uns uneingeschränkt offenstehen, in der Luft und auf dem Boden. Das

gerammte Flugzeug war kein Zufall. Allierte Züge aus Westdeutschland kontrollieren sie auch immer schärfer. Ich frage dich: Warum stören die Sowjets die Korridore?«

»Warum wohl? Sie klopfen uns ab. Wollen spitzkriegen, wie wir reagieren.«

Stumm zeigte Gerhard auf das Telegramm auf dem Schreibtisch.

Peter verzog das Gesicht. »Du glaubst ernsthaft, sie wollen uns aus Berlin vertreiben? Das ist Humbug. Niemand will einen dritten Weltkrieg.«

»Etwas ist im Busch. Und der MGB -Offizier kann uns helfen herauszufinden, was es ist.«

Nela ging bewusst langsam die Treppe hinunter. Oben hörte sie ihn noch reden. Sie öffnete die Tür. Machte sich an ihrem Fahrradschloss zu schaffen. Sie war kreuzunglücklich und euphorisch zugleich. Fühlte sich im einen Moment krank und hätte im nächsten Moment die Welt umarmen können. War sie zufrieden? Nein! Sie sehnte sich nach ihm, brauchte ihn. Aber sie wusste, wenn sie ihn darauf ansprach, würde sie alles kaputtmachen.

Jetzt trat er aus dem Redaktionsgebäude. »Na, Linse, versuchst du wieder, toll auszusehen in deinem schäbigen Mantel?«

Sie fasste sich unwillkürlich an die Brille. Er lächelte so warmherzig dabei.

Sie sagte: »Was soll das heißen, ich versuch es?« Er war genauso zur Sekretärin oben in der Redaktion und zu den Mädchen aus dem Vertrieb. Es bedeutete nichts. Und doch genoss sie es.

Die meisten in seinem Alter kämmten sich die Haare mit Pomade nach hinten. Ihm hingen sie in die Stirn. Verwegen sah er aus, verwildert. Dass eine Kriegsnarbe seine rechte Hand verunzierte, kümmerte sie nicht. Er war ein Mensch geblieben. Er ging los, drehte sich aber noch einmal zu ihr um. »Wenn ich mich nicht um dich kümmern würde in der Redaktion, Linse, du wärst so was von am Boden zerstört. Du wärst fertig, völlig fertig!«

»Anfangs vielleicht«, gab sie zurück. »Aber ich würde mich schnell erholen, und dann wäre ich endlich frei, tolle Texte zu schreiben, weil du mir nicht immer reinreden würdest.«

Er lachte. »Kommst du mit in die ›Möwe‹?«

»Da haben nur Künstler Zutritt.«

»Eben! Wir sind Wortkünstler. Beatrice ist auch dabei.«

Tu’s nicht, sagte sie sich. Du verlierst völlig den Respekt vor dir selbst. Aber schon hörte sie sich betont locker sagen: »Klar, die ›Möwe‹ wollte ich schon immer kennenlernen.«

Sie warteten auf Beatrice. Jetzt scherzte er nicht mehr, sondern fragte sie ernsthaft nach ihrem Artikel für die Mädchenseite. Bildete sie sich das ein, oder hatte sich eine Befangenheit in ihr Gespräch geschlichen?

Sie hasste es, dass sie gezwungen war, für diese Seite zu schreiben: Artikel, die begannen mit »Guten Abend, liebe Leserin« und sich um Kleiderfragen drehten, um »Gespräche über uns«, um »Silvester bei uns zu Haus« oder »Das Drum und Dran der Mode«. Regelmäßig gab es in der Redaktionssitzung Streit wegen der »kleinbürgerlichen Elemente«, die da angesprochen wurden. Die Junge Welt fremdelte, wenn es ins Private ging.

Erik versicherte ihr, dass sie bald andere Aufgaben bekäme.

Er sei da mit Mießner schon im Gespräch.

Als Beatrice aus dem Gebäude trat und sie im vertrauten Gespräch beieinanderstehen sah, wirkte sie enttäuscht.

Warum war in Deutschland alles so kompliziert? In Mexiko war das Leben leichter gewesen. Der unendlich weite blaue Himmel. Die bunt bestickten Röcke und Blusen der Indiofrauen. Nüsse und Mangosaft. Heiße, trockene Tage. Nela hatte sich dort nie als Flüchtling gefühlt. Es war ihr Zuhause gewesen, vom fünften Lebensjahr an. In Mexiko war sie in die Schule gekommen, war erwachsen geworden, hatte die Wärme des Landes tief in sich aufgenommen.

Dagegen der eisige Wind in Berlin! Das Redaktionsgebäude lag in einem Trümmerfeld. Sie bogen rechts ab und liefen die Friedrichstraße hoch. Erik hielt Beatrice im Arm. Als wollte er Gerechtigkeit herstellen, plauderte er dafür die ganze Zeit mit ihr, Nela.

Jedes Mal wenn er sie beim Spitznamen nannte, blitzten seine Augen. Sie hätte beleidigt sein müssen. Wer wollte schon auf seine Brille reduziert werden? Seltsamerweise ärgerte sie der Spitzname nicht. Sie empfand es als Ehre, dass er sich für sie einen Namen ausgedacht hatte.

An einem gelben Briefkasten blieb sie stehen. »War der nicht gestern noch rot?«

»Ist nichts Neues«, sagte Erik.

»Doch, das ist neu!« Der Briefkasten duftete nach Lack.

»Wir waren postalisch schon mal gelb. Dann waren wir blau. Dann rot. Und jetzt sind wir wieder gelb. Das hast du alles nicht mitgekriegt. Du warst noch zu klein.«

»Ich war in Mexiko.«

»Und zu klein.« Er gab ihr einen Puff in die Seite.

»So alt bist du auch nicht.«

Vor dem prächtigen Palais in der Luisenstraße, in dem die »Möwe« untergebracht war, beschwatzte Erik den Mann, der den Einlass kontrollierte. Er zeigte seine Papiere vor, redete weiter. Schließlich wurden sie eingelassen.

Das Restaurant war gut gefüllt. Unter Marmorpracht und Eichenpaneelen saßen Schauspielerinnen. Sie sahen aus wie Mannequins mit ihren schlanken Körpern und den langen Beinen. Ältere Herren mit Krawatte machten ihnen den Hof.

Ein Kellner führte sie zu drei freien Plätzen an einem großen weiß gedeckten Tisch. Die anderen Tischgäste nickten knapp, wandten sich dann aber wieder ihren Gesprächen zu.

Nela bestellte Erbseneintopf und Zichorienkaffee. Zu ihrem Erstaunen mussten sie keine Marken abgeben.

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