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MOISHE ROSEN

JESCHUA DER JÜDISCHE NAME VON JESUS


Amerikanische Originalausgabe erschienen bei THE MOODY BIBLE INSTITUTE OF CHICAGO Unter dem Titel: Y`SHUA – The Jewish Way to Say Jesus Copyright © 1982 2. Auflage 2009 ©

2007 media!worldwidewings Bücher, Musik und NetTravel Am Eichwald 17 61231 Bad Nauheim www.worldwidewings.de e-mail: media@worldwidewings.de

Jede Wiedergabe oder Vervielfältigung des Textes, auch auszugsweise, bedarf der vorherigen schriftlichen Genehmigung durch den Verlag/Autor. Sämtliche Deutsche Bibelzitate wurden der Revidierten Elberfelder Übersetzung entnommen. Übersetzung aus dem Amerikanischen: Lars Kilian Lektoriat: Ellen Süß und Lucia Ewald Satz: type & print, Nürnberg Druckerei ARKA, Cieszyn, Polen ISBN 978-3-9809297-8-3 Best.-Nr. 889058


Widmung

Dieses Buch ist den vielen jüdischen Menschen gewidmet, die sich im Stillen gefragt haben, und den wenigen, die die Frage laut zu stellen gewagt haben: Kann Jesus der verheißene Messias Israels sein? Gottes Antwort auf diese Frage und diese Sehnsucht finden wir in einem Wort, in einem Namen. Dieser Name wird über alle anderen Namen geehrt werden. Und letztendlich wird sich jedes Knie beugen und jede Zunge wird den Namen Jeschuas bekennen. „Und du wirst seinen Namen Jeschua nennen, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.“ Matthäus 1,21 (wörtliche Übersetzung)


Danksagungen

Dieses Buch ist nicht allein meine Arbeit. Rich Robinson und Dennis Baker haben genauso viel daran mitgewirkt wie ich. Mehrere Menschen haben sich die Forschungs- und Schreibarbeit geteilt. Zhana Glaser verdient für ihre Arbeit an den Anhängen besonderen Dank. Dennoch stimmen wir überein: Kein Einzelner verdient besondere Anerkennung dafür, dass er die Wahrheit spricht. Für uns ist das eine Pflicht, wenn auch keine unangenehme. Manchmal beeinträchtigt die Wahrheit unser Wohlbefinden; aber wir denken an die Worte dessen, der gesagt hat: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort ............................................................................ 11 Einführung.......................................................................15 Einleitung – Alles über den Messias (und andere) ......... 19 1 – „Oh Bethlehem, du kleine Stadt“ .................................28 2 – Von Schlangen und Samen . .........................................32 3 – Väter und Söhne ...........................................................36 4 – Ein Prophet wie Mose . .................................................40 5 – Vorläufer .......................................................................43 6 – Der König auf dem Esel ................................................48 7 – Auf den Tag genau ........................................................53 8 – Ein Sederabend . ........................................................... 57 9 – Der Kreuzigungspsalm . ...............................................60 10 – Ein nicht gerade erfrischender Trank ..........................63 11 – K nochen, Knochen, Knochen .......................................65 12 – Auferstehung ................................................................68 13 – Der leidende Gottesknecht ...........................................72 Nachwort .........................................................................80 Anhang 1 – Messianisch gedeutete Bibelabschnitte in früh rabbinischen Schriften . ..................................................83 2 – Mikwe und Taufe ..........................................................91 9


3 – Bekehrung im Tenach und im Neuen Testament . .......95 4 – Israel und die Nationen ................................................98 5 – Im Neuen Testament zitierte Teile des Tenach ..........107 6 – Jesus und Christen außerhalb des Neuen Testaments ...................................................... 113 7 – Die frühen jüdischen Christen und die jüdische Gesellschaft ................................................. 116 8 – Reihenfolge der Bücher in verschiedenen Bibelausgaben ............................................................124 9 – Begriffserläuterungen ................................................127 Bibliografie ....................................................................137 Alphabetisches Gesamtregister ....................................140 Bibelstellenregister (ausgenommen Anhang 5) ...........144 Register hebräischer Begriffe .......................................146 Register rabbinischer Quellen ......................................146

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Vorwort

„Schau“, sagte meine Freundin verwundert. Nur wenige Meter entfernt stand ein junger Mann. Er trug ein meerblaues T-Shirt, das auf Brust und Rücken mit großen weißen Buchstaben bedruckt war. Da stand „Juden für Jesus“. Die meisten Menschen schienen ihn zu ignorieren, wie er da seine Flugblätter verteilte. Einige nahmen auch die Zettel und gingen weiter. Es war Juli 1975, der Fußgängerverkehr in New York City war geschäftig, die Temperaturen sehr hoch. Ich weiß nicht mehr genau, was ich tat. Aber ich weiß, was ich fühlte und was ich sagte. „Irgendwer sollte diesem Idioten mal sagen, dass man nicht jüdisch sein und gleichzeitig an Jesus glauben kann“, knurrte ich leise. Ich wuchs in einer konservativ-jüdischen Familie in New York und New Jersey auf. Wir aßen nur koscher. Wir hielten die Feiertage. Wir lebten als Juden (das tue ich noch immer). Und obwohl ich mich zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben als jüdischen Atheisten bezeichnete, betrachtete ich mich dennoch als echten Juden. Ich fand, ein nicht existierender Gott habe einfach nichts damit zu tun. Wir waren Juden, weil wir eben Juden waren. Das war alles. Das reichte. Und das war sehr wichtig. Selbst als bekennender Atheist lag meine jüdische Identität all dem zugrunde, wer und was ich war. Und wenn wir Juden eines wussten, dann war es das: Eine Grenze darf man nicht überschreiten, wenn man noch Jude bleiben möchte. Und diese Schwelle ist der Glaube an den Jesus der Heiden. Deshalb reagierte ich so harsch, als ich diesen jungen Mann in jenem T-Shirt sah, der seine Zettel verteilte. Ich fand, 11


er habe seiner Geschichte, seiner Kultur, seinem Volk den Rücken gekehrt. Er war ein Verräter. Und als was auch immer er sich bezeichnen wollte, er konnte sich nicht Jude nennen. Nicht mehr. Das war unmöglich. Nein, schlimmer noch. Das war unverzeihlich. Aber während ich noch schmollte, gab meine Freundin der Neugierde nach. Sie nahm einen der Zettel dieses jungen Mannes und gab ihn mir. Der Titel lautete: „Juden sollten NICHT an Jesus glauben ... es sei denn...“ Um herauszufinden, was diesem „es sei denn“ folgte, musste man das Faltblatt öffnen. Das tat ich. Innen stand eine Liste von Prophezeiungen aus der hebräischen Heiligen Schrift (dem Alten Testament). Diese Prophetien bildeten einen Teil der biblischen Beweise, die den Anspruch eines der allerersten „Juden für Jesus“ vor fast 2000 Jahren untermauerten. Dieser „Jude für Jesus“ hieß Philippus. Er sagte zu seinem Freund Nathanael: „Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus von Nazareth“ (Johannes 1,45). Das Buch, das Sie in der Hand halten (und hoffentlich lesen werden), wurde von Moishe Rosen geschrieben, dem Gründer der heutigen Organisation „Juden für Jesus“. Wie Philippus gibt er zu, dass die Prophezeiungen in unserer eigenen Heiligen Schrift den Anspruch unterstützen, dass Jeschua unser verheißener Messias ist. Und wie Sie wahrscheinlich inzwischen erraten haben, stimme ich ihm zu. Ich meine nicht länger, man könne nicht gleichzeitig jüdisch sein und an Jeschua glauben. Denn wenn Jesus der verheißene Messias ist, dann kann man gar nichts Jüdischeres tun, als an ihn zu glauben. Und ich glaube nicht länger, dass der Glaube an den jüdischen Messias einen jüdischen Menschen zu einem Verräter macht – auf keinem Gebiet. Denn wenn Jesus der verheißene Messias ist, dann ist der Glaube an ihn die Bestätigung unserer jüdischen Identität und eine Bestätigung unseres Glaubens an die Hoffnung Israels. Wenn wir Juden für Jesus etwas entdeckt haben, dann eines: Unser Glaube an Jeschua macht unsere jüdische Identität noch wertvoller für uns. 12


Aber die eigentliche Frage ist nicht, ob ein jüdischer Mensch an Jesus glauben KANN. Die eigentliche Frage ist, ob wir Juden an Jesus glauben SOLLTEN oder nicht. Ich würde sogar sagen, dass wir an Jesus glauben MÜSSEN – einfach, weil er der ist, von dem Mose und die Propheten geschrieben haben. Er ist der, auf den zu warten, den aufzunehmen und zu hören Gott uns im mosaischen Gesetz befohlen hat. Ich gehe sogar noch weiter und sage: Wenn Jesus laut Mose und den Propheten NICHT der Messias ist, dann sollten wir Juden – und auch alle anderen – absolut nichts mit ihm zu tun haben. Denn wenn er nicht der Messias ist, dann war er ein Betrüger, und wer immer ihn Herr nennt – ob Jude oder Nichtjude – begeht Götzendienst. Und wie wir Juden wissen: Gott mag Götzendienst nicht besonders, ob es nun wir Juden oder die aus den Nationen sind, die ihn begehen. Aber was, wenn Jesus der Messias IST? Wie sollte unsere Antwort an ihn aussehen? Wir sollten glauben. Und alle anderen auch. Denn wenn er der Messias ist, dann ist er der, der für unsere Sünden gestorben und von den Toten auferstanden ist, wie es Mose und die Propheten vorausgesagt haben, und er ist der Einzige, der unsere Übertretungen vergeben und eine richtige Verbindung mit Gott, dem Vater, wiederherstellen kann. Wie können wir also wissen, ob er der ist, von dem Mose und die Propheten geschrieben haben? Eine gute Möglichkeit, um das herauszufinden, ist natürlich, mit offenem Herzen das zu lesen, was Mose und die Propheten geschrieben haben. Was könnte herrlicher sein als die Entdeckung, dass der Gott der Bibel real ist, dass die von ihm gegebenen Schriften Wahrheit und seine Verheißungen über den kommenden Erlöser in Erfüllung gegangen sind! Wenn Sie bereits an Jeschua glauben – ob als Jude oder Nichtjude – dann bin ich sicher, dass dieses einfache, aber gründliche Buch Ihren Glauben stärken und Ihre Liebe und Wertschätzung für die hebräische Heilige Schrift vertiefen wird, mit der Jeschua und seine Nachfolger ihre Ansprüche begründeten. Wenn Sie noch nicht glauben, dann möchte ich 13


Ihnen danken, dass Sie dieses Buch in die Hand genommen haben. Ich hoffe, Sie sind neugierig und mutig genug, um es mit offenem Herzen zu lesen und Gott zu bitten, dass er Ihnen selbst zu erkennen gibt, ob die Informationen auf diesen Seiten zutreffen oder nicht. Gott segne Sie dafür, dass Sie lesen und dieses Risiko eingehen. Avi Snyder Europäischer Direktor Juden für Jesus Kontaktadresse für weitere Informationen: Juden für Jesus e. V. Postfach 10 18 22 45018 Essen Deutschland Telefon: (02 01) 4 37 39 58 Fax: (02 01) 79 98 93 31 www.judenfuerjesus.de email: judenfuerjesus@aol.com

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Einführung

Traditionen! Das Leben ist voll von Traditionen! Familien haben traditionelle Rezepte. Volksgruppen haben ihre traditionellen Feiertage. Selbst in unserem Privatleben haben die meisten von uns ihre eigene traditionelle Art, sich zu kleiden. Wir nehmen den traditionellen Weg zur Arbeit. Und vielleicht am wichtigsten – wir halten an traditionellen Denkweisen fest. Wenn es zum Thema „Religion“ kommt, versuchen die meisten Menschen, dieses Thema zu vermeiden – oder sie geben einen überlieferten Standpunkt wieder, den sie selbst aber nicht unbedingt hinterfragt haben. Viele Amerikaner etwa glauben auf eine ziemlich vage Art an Gott. Dabei haben sie eine schleierhafte Vorstellung, die in etwa besagt, Gott wolle eigentlich nur von uns, dass wir uns anständig benehmen und uns am Leben erfreuen. Vielleicht hat keine andere Volksgruppe dermaßen viele Traditionen wie das jüdische Volk. Durch Jahrhunderte der Verfolgung, durch Zeiten, in denen wir von einem Land ins nächste getrieben wurden, waren es die Traditionen, die uns Juden zusammenhielten. Unter allen jüdischen Traditionen gibt es eine, die tiefer eingegraben ist und gleichzeitig weniger durchdacht wird, als alle anderen und zwar: Juden sollen nicht glauben, dass Jesus der Messias ist. Vielleicht fragen Sie wie Tevye im Musical Anatevka: „Woher kommt diese Tradition?“ Daraufhin erhalten Sie die typische Antwort: „Die Christen haben die Juden verfolgt.“ Es stimmt – die Erinnerung an die Kreuzzüge, die Inquisition, die Pogrome und den Holocaust hat sich tief in die jüdische 15


Psyche eingegraben. Und dennoch – jedes Passahfest erinnert uns daran, dass Antisemitismus nicht mit Hitler begonnen hat, auch nicht mit dem Zar oder den Päpsten. Antisemitismus reicht nicht nur bis zur Zeit der Pharaonen zurück. Er ist genauso alt wie das jüdische Volk selbst. Nein, es geht nicht um Verfolgung. Vielmehr geht es schlicht und einfach darum, ob Jesus der Messias Israels ist. Wenn das zutrifft, sollten alle jüdischen Menschen an ihn glauben – wie auch alle anderen Menschen, die Gott dienen möchten. Aber traditionelle Glaubensvorstellungen und Vorurteile sterben nicht so leicht. Vor einigen Jahren war ich zu Besuch in London. Ich ging im Hyde Park spazieren. Dieser Park ist ein Heiligtum und eine Plattform für öffentliche Redner aller Art. Dort kann jeder in relativer Sicherheit so ziemlich alles erzählen oder verkünden, was er will. Ich blieb eine Weile stehen, um einem Mann zuzuhören, der auf einer Leiter stand. Er sprach nämlich über das Christentum. Er war Atheist und bestand darauf, dass es keinen einzigen Beweis dafür gäbe, dass Jesus überhaupt jemals gelebt habe. Er stellte die rhetorische Frage: „Haben Sie jemals darüber nachgedacht, dass die Juden, die doch eifrig nach einem Messias Ausschau hielten, Jesus niemals Ernst genommen haben? Warum denn nicht, frage ich Sie? Damals haben sie es nicht getan, und auch heute tut es keiner. Ich weiß von keinem einzigen Juden, der jemals geglaubt hätte, Jesus habe gelebt, sei gestorben und wieder auferstanden!“ Ich unterbreche öffentliche Redner nur äußerst ungern. Zu oft bin ich selbst ein öffentlicher Redner. Trotzdem – das konnte ich nicht unbeantwortet lassen. Also rief ich aus der Menge: „Entschuldigen Sie, mein Herr – dürfte ich wohl auf Ihre Leiter steigen?“ „Wie bitte?“, fragte er. „Ich möchte auf Ihre Leiter steigen.“ „Wieso denn das?“ Er schien sichtlich verwirrt. Ich holte tief Atem. Ich wollte sicher sein, dass alle mich hören konnten. „Ich möchte, dass diese Menschenmenge sieht, 16


was Sie Ihrer eigenen Behauptung nach noch nie gesehen haben. Ich bin ein Jude, der glaubt, dass Jesus gelebt hat und dass er für meine Sünden gestorben und wieder auferstanden ist. Ich glaube, dass er in regierender Herrlichkeit zur Rechten Gottes sitzt!“ Sein Gesicht rötete sich. Aber dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Nun, mein guter Mann“, sagte er, „das ist völlig in Ordnung. Ich höre an Ihrer Aussprache, dass Sie Amerikaner sind. Bestimmt werden all diese Menschen Sie sehr gerne anschauen.“ Er lächelte sarkastisch, während er die Leiter hinunter stieg. Inzwischen schob ich mich nach vorne und kletterte die Leiter hinauf. Dort oben schwankte ich gefährlich. (Ich bin etwa 1,90 m groß und wiege über 130 kg.) Mein Gastgeber trat auf die Seite. Wie ein Showmaster verbeugte er sich vor der Menge und stellte mich vor – er hatte mich beim Hinaufsteigen schon nach meinem Namen gefragt: „Mr. Moishe Rosen, eine Kuriosität aus Amerika.“ Bevor ich noch mehr von seinen beißenden Kommentaren erdulden musste, unterbrach ihn eine andere Stimme aus der Menge: „He, Sie da oben, haben Sie nicht noch eine Leiter?“ „Mein guter Mann“, rief der Atheist zurück, „wofür brauchen wir denn noch eine Leiter?“ Die Stimme antwortete mit einem starken britischen Akzent: „Ich brauche sie, weil meine Frau und ich Juden sind, und weil auch wir glauben, dass Jesus der Messias ist, dass er gelebt hat, gestorben und wieder auferstanden ist. Er ist unser Herr. Wir meinen, die Menschen sollten auch uns sehen. Aber wir beide haben bei weitem nicht genug Platz da oben bei diesem riesigen Mann auf der kleinen Leiter.“ Die Menge brach in Gelächter aus. Und mit diesem Gelächter platzte der Ballon des Atheisten. Denn ganz offensichtlich deckten sich seine Vorstellungen nicht mit der Wirklichkeit. Vor langer Zeit sagte die jüdische Heilige Schrift voraus, dass Einer kommen sollte, um die Welt vom Bösen zu erlösen und ihr eine neue Lebensordnung zu geben. Das vorliegende Buch untersucht diese Prophetien um herauszufinden, ob 17


Jesus sie erfüllt hat. Wenn das nicht der Fall ist, sollten wir Juden ihn ablehnen. Diese Heilige Schrift sagt uns auch, dass jeder Jude die Pflicht hat, das Wissen über den wahren Gott in die Welt zu bringen. Wenn also Jesus ein Aufschneider war, schulden wir es unseren christ­lichen Freunden, ihn zu entlarven und sie von ihrer Täuschung zu befreien, wie es der Londoner Atheist zu tun versuchte. Wenn Jesus nicht der Messias ist, dann ist das Christentum nichts anderes als eine Erfindung von Lügnern und Narren. In diesem Fall würde es zu der großen Sammlung der Religionen gehören, die wir sofort abschreiben sollten, weil sie viel zu weltfremd sind, weil sie uns im Angesicht unserer Feinde schwächen, weil sie uns der freien, uneingeschränkten Lust an den sinnlichen Freuden des Lebens berauben. Wenn das alles nur „Narischkeyt“ ist, sind Christen auf dem Weg nach nirgendwo. Sie haben den Schatz ihres Lebens in einen löchrigen Beutel investiert. Aber wie Tevye auch sagt – „andererseits...“ Wenn die Christen nun recht hätten? Was, wenn Jesus tatsächlich der Messias ist? Eine Diskussion, ob eine Tomate nun als Frucht oder als Gemüse zählt, hat vielleicht keine großen Konsequenzen. Aber ob Jesus nun der Messias, ein Betrüger, ein Verrückter oder die Ausgeburt einer menschlichen Vorstellung ist – diese Frage spielt für uns sowohl jetzt und hier als auch für alle Ewigkeit eine Rolle. Denn wenn das, was Christen seit zweitausend Jahren behaupten, sich als die Wahrheit herausstellt – dann schulden wir es uns selbst, der Welt und vor allem dem Gott Israels, an den Messias zu glauben, den er gesandt hat. Zumindest sollten wir bereit sein, die Beweise zu untersuchen, um herauszufinden, ob dem so ist. Wenn Sie dazu bereit sind – blättern Sie weiter.

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Einleitung: Alles über den Messias (und andere)

DER BEGRIFF Bevor wir darüber reden, wer der Messias ist, müssen wir erst einmal verstehen, was dieses Wort für jüdische Menschen bedeutete – von den Tagen der Urzeit bis hin zu der Zeit Jesu. Schauen wir also zunächst durchs Kaleidoskop der jüdischen Geschichte bis zum Jahr 70 u. Z. Das Wort Messias ist die deutsche Wiedergabe des hebräischen Maschiach, das „Gesalbter“ bedeutet. Ursprünglich bezog es sich auf die Zeremonie, durch die ein Mann (für gewöhnlich ein Prophet, König oder Priester) für eine wichtige Stellung designiert wurde. Dieser Mann wurde mit Öl beschmiert oder gesalbt. Das war die damalige Entsprechung einer Vereidigung. Mit der Zeit wurde „Gesalbter“ zu einem Synonym für die Propheten, Könige und die Hohenpriester selbst. Dieser Begriff betonte die Tatsache, dass Gott sie für ihr Amt ausgesondert hatte. Aus diesem Grunde war beispielsweise David – obwohl er zum Gegner Sauls wurde – äußerst bedacht darauf, dass weder er noch seine Anhänger dem König irgend ein Leid antaten, weil er in seiner Funktion als König der „Messias“ des Herrn war – übersetzt mit „Gesalbter“ (s. 1. Samuel 24,7). DIE GESCHICHTE Hier kommen die Babylonier und Perser Als Nebukadnezar* und seine babylonischen Heere im Jahr 586 v. u. Z. Jerusalem eroberten, wurde der Tempel zerstört * Mit einem Stern * gekennzeichnete WÖRTER werden in Anhang 9 erklärt.

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und das Königtum weggefegt. Als die Menschen endlich aus dem Exil ins Land zurückkehrten, etwa siebzig Jahre später, waren sie Untertanen eines neuen Weltreichs – der Perser. Obwohl sie ihren Tempel wieder aufbauen und einen neuen Hohenpriester einsetzen konnten, gab es keine Hoffnung, einen von Davids Nachkommen auf den Thron zu setzen. Dass Gottes Gesalbter wiederkommen und Israel seinen gerechten Platz der Ehre und Herrlichkeit einnehmen würde, wurde zu einem bloßen Traum im Herzen der jüdischen Menschen. Dreiteilung Etwa 170 Jahre später eroberte Alexander der Große* das persische Weltreich. (Wie Sie sehen können, war in diesem Teil der Welt ganz schön was los!) Somit hatte Israel wieder einmal einen neuen Herrscher. Als Alexander 323 v. u. Z. starb, wurde sein Reich unter seinen Generälen in drei Teile aufgeteilt. Mazedonien, heute ein Teil Griechenlands, geriet unter die antigonidische Herrschaft. Das Reich der Seleuciden war der größte Teil; es dehnte sich über einen großen Teil der heutigen Türkei aus, dazu über Syrien, Irak, Iran, Pakistan und Afghanistan. Die seleukidische Hauptstadt lag im syrischen Antioch nahe der östlichen Mittelmeerküste. Der dritte Teil – der ptolemäische – wurde von Alexandria, Ägypten, aus regiert. Er umfasste Lybien, die südlichen Inseln der Ägäis, Lycia in der Südwesttürkei, Zypern und Palästina. Etwa ein Jahrhundert später jedoch eroberte der Seleukidenkönig Antiochus III* Palästina und bereitete weitere Entwicklungen vor. Die Tempel VIPs Während der drei Jahrhunderte zwischen der Rückkehr aus dem babylonischen Exil (538 v. u. Z.) und der Eroberung durch Antiochus III. (201-198 v. u. Z.) waren die Hohenpriester in Jerusalem die wichtigsten und einflussreichsten Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft. Zu dieser Zeit waren die Juden bereits in alle Länder der Welt verstreut; aber fast alle verehrten immer noch den Tempel in Jerusalem. Ihre Opfer flossen 20


dorthin, und selbst nichtjüdische Regenten spendeten diesem bedeutenden Heiligtum wertvolle Geschenke. Sie befreiten die Tempelpriester außerdem von der Steuerpflicht. Somit hatte der Hohepriester sowohl Reichtum als auch Ansehen, und zwar so viel, dass ihn nicht wenige um sein Amt beneideten. Aber es war eine erbliche Position, die vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde. Erst die Eroberung durch Antiochus III. setzte dieser Politik ein Ende. Danach wurde das Priesteramt zu einer Sache, die man sich durch Intrigen oder Gewalt aneignen konnte oder die an den meistbietenden Käufer vergeben wurde. Unter Antiochus IV.* (Epiphanes) nahm die seleukidische Regierung regen und ertragreichen Anteil an diesen Geschäften. Der rechtmäßige Hohepriester musste nach Ägypten fliehen; danach wurde dieses Amt in Jerusalem von Männern ausgeübt, bei denen man den Eindruck bekam, dass ihnen mehr daran lag, das Wohlwollen des seleukidischen Königs zu gewinnen und zu wahren, als sich um die Interessen ihres Volkes zu kümmern. Das kommt mir griechisch vor Als Ergebnis der hellenistischen Einflüsse des Hohenpriesters kam es zu einem ernsten Konflikt zwischen jüdischer Religion und griechischen Idealen. Einer der wirksamsten Wege, das königliche Wohlwollen von Antiochus IV. zu erringen, bestand darin, die Ausbreitung der griechischen Kultur und Zivilisation zu fördern. Die Idee war, Jerusalem in eine Stadt wie Athen oder Sparta zu verwandeln. Obwohl die Hellenisierung schon seit den Eroberungen Alexanders im gesamten Nahen Osten seinen Fortgang nahm, war sie unter den Juden nur sehr langsam fortgeschritten. Warum dies so war, ist leicht zu verstehen. Schon seit dem Beginn ihrer Geschichte waren die Juden oft vertrieben worden. Nachdem sie ihren Wohnsitz in Kanaan genommen und dort etwa 700 Jahre gelebt hatten, wurden sie wiederum vertrieben, umgesiedelt und praktisch fortwährend von Nachbarn und weit entfernten Weltreichen angegriffen. Es gab nur einen roten Faden, der sich durch ihre ganze Geschichte zog: Ihre 21


Religion. Sie beteten einen Gott an, der beanspruchte, alleiniger Schöpfer und Herr des ganzen Universums zu sein. Er war keine ortsgebundene Gottheit. Obwohl man ihn insbesondere mit Jerusalem verband, lag dies einzig und allein daran, seinem Volk entgegenzukommen. Man konnte ihm nicht entrinnen – egal, wo man auch hinging. Und vor allem – es waren seine Gnade und seine Macht, die die Juden allen Widrigkeiten zum Trotz zusammengehalten hatten. Demzufolge gab es ein großes Interesse an den Aufzeichnungen über Gottes gesamtes Handeln an Israel. Der Kanon der jüdischen Schriften wurde seit den Zeiten Esras und Nehemias (ca. 450 v. u. Z.) Schritt für Schritt festgelegt. Die Gesetze, Geschichtsschreibungen, prophetischen Reden und andere geheiligte Schriften wurden in einer einzigen Sammlung zusammengefasst. Das Judentum nahm auch deutlichere Gestalt an, als sich Synagogen als Anbetungsstätten vor Ort entwickelten – zusätzlich zum Tempel und seinen Riten. Überall rund um das Mittelmeer entstanden Synagogen als Orte, wo ein frommer Jude mit anderen Gleichgesinnten zusammenkommen konnte, um zu beten und Gott zu loben, wo die Schriften vorgelesen und erklärt wurden. Die Juden erlebten eine ungewöhnliche Einheit untereinander. Diese Einheit war mehr als ein bloßes Nationalgefühl. Sie ließ sich zurückführen auf dieses Gespür für Gott und das Bewusstsein seiner Berufung an sie, sein auserwähltes Volk zu sein. Sie waren nicht nur Landsleute, sie waren Brüder. Dieses Ideal verlangte große gegenseitige Loyalität, Empathie und Hingabe. Wenn man all dies in Betracht zieht, sieht man, dass der typische loyale Jude – und ihrer gab es viele – mit seinem von Gott gegebenen Gesetz, seinem von Gott bestimmten Schicksal, seiner reinen Anbetung und seiner glücklichen Beziehung zu seinen jüdischen Mitmenschen schnell merkte, dass er auf dem Gebiet von Religion und Moral nichts von den Griechen lernen konnte. Die Art jedoch, wie die Mitglieder der jüdischen Oberschicht in Jerusalem mit der griechischen Kultur 22


liebäugelten und griechische Sitten nachäfften, machte solche Leute rasend. Die Chanukka-Geschichte Der Konflikt gipfelte 167 v. u. Z., als Antiochus Epiphanes ein Programm einrichtete, um die jüdische Religion endlich vollständig zu hellenisieren. Er ließ ein Gesetz ergehen, das besagte, der Gott der Juden werde von nun an als eine örtliche Version von Zeus gelten. Dieser war die höchste griechische Gottheit und wurde von den Römern später Jupiter genannt. Die Riten des Tempels und die Synagogengottesdienste sollten dementsprechend geändert werden. Die Befolgung jeglicher jüdischer Gesetze oder Sitten, die dieser neuen Politik entgegen liefen, konnte mit dem Tode bestraft werden. Und viele Juden erlitten tatsächlich das Martyrium. Die größte Beleidigung war der Beschluss von Antiochus, auf dem Altar im Tempel ein Schwein zu opfern. Damit entheiligte er den Tempel und zeigte seine ungezügelte Verachtung für die Juden und ihren Gott. Der Zorn der Öffentlichkeit mündete bald in einen offenen Aufstand – dank einem alten Priester namens Mattathias. Drei seiner Söhne – die berühmten Makkabäer* Simon, Judas und Jonathan – führten die Revolte mit großem Erfolg weiter, zum Teil auch Dank dynastischer Kämpfe in der seleucidischen Hauptstadt in Syrien. Politische Probleme hielten die Seleuciden davon ab, dem jüdischen Aufstand große Aufmerksamkeit zu zollen. Der Jerusalemer Tempel wurde von den Makkabäern befreit und im Dezember 164 v. u. Z. wieder eingeweiht. Daran erinnern wir uns heute an Chanukkah*. Vom nächsten seleucidischen Herrscher, Alexander Balas, errang Jonathan die Bestätigung, dass er selbst das Priesteramt innehaben sollte. Er übte sein Amt zum ersten Mal öffentlich im Herbst des Jahres 152 v. u. Z. während des Laubhüttenfestes (Sukkot*) aus. Nach seinem Tod nahm Jonathans Bruder Simon seinen Platz ein, und bis zum Frühjahr 142 v. u. Z. war der jüdische Staat unter seiner Herrschaft ziemlich unabhängig geworden. Simon übte sowohl weltliche als auch geistliche Herrschaft aus, eine 23


Position, die seine Nachkommen erbten. Simons Enkel – Alexander Jannaeus – nahm sich sowohl den Titel König als auch Hohepriester. So entstand die makkabäische oder hasmonäische Dynastie, die von 152 bis 37 v. u. Z. regierte, wenn auch nicht unangefochten. Im Jahr 37 v. u. Z. aber übernahm Herodes der Große* die Regierung. In der Blütezeit der hasmonäischen Macht und Herrschaft waren einige Menschen in Israel bereit zu glauben, dass in Gestalt der regierenden Dynastie ein Messias gekommen sei – ein einzelner Gesalbter, in dem sich die Hoffnungen der Nation kristallisierten. Unglücklicherweise platzte diese Illusion schnell. Die Nachkommen von Simon Makkabäus beschäftigten sich so sehr damit, noch mehr Macht zu gewinnen, dass sie die ursprünglichen Ziele des Makkabäeraufstandes verrieten. Ihre dynastischen Streitereien, ihre Inkompetenz und ihre schlechte Regierung öffneten die Tür für die römische Vorherrschaft, die sich schon seit einiger Zeit beständig nach Osten ausgebreitet hatte. Schließlich riefen die geschwächten Hasmonäer den römischen General Pompejus zur Hilfe. Er besetzte Jerusalem 63 v. u. Z. Die nächsten 2011 Jahre sollte auf diesem Gebiet kein unabhängiger jüdischer Staat mehr existieren. Pharisäer und Sadduzäer Zur Zeit der makkabäischen Dynastie bildeten sich in der jüdischen Gemeinschaft zwei Gruppen, die bei der Entstehung des rabbinischen Judentums sowie in der frühen Geschichte des Christentums eine wichtige Rolle spielen sollten. Diese Gruppen waren die Pharisäer und die Sadduzäer. Die Sadduzäer, eine kleine Gruppe wohlhabender und einflussreicher Männer, hatten die höchsten religiösen und politischen Posten unter dem Hohepriester inne. Sie standen in dem Ruf, ein brüskes Benehmen an den Tag zu legen, in der Rechtsprechung äußerst streng zu sein und jegliche politischen, sozialen und theologischen Veränderungen strikt abzulehnen. Besonders missfiel ihnen, was sie als „neue“ Doktrin der Pharisäer betrachteten: Beispielsweise, dass die Bosheit der Welt durch den Konflikt zwischen Gott und Satan zu erklären 24


sei, dass die Toten zu einem zukünftigen Leben auferweckt werden würden oder dass alle im zukünftigen Leben gemäß ihrem Verhalten in diesem Leben belohnt oder bestraft werden würden. Die Sadduzäer erkannten in religiösen Angelegenheiten außer den Heiligen Schriften keine andere Autorität als bindend an. Darum lehnten sie die Kommentare der Pharisäer ab. Proportional waren die Pharisäer eine kleine Gruppe. Ihr Zusammenhalt und ihre Identität hingen jedoch nicht von Reichtum, Zahlenstärke oder Position ab. Grund dafür waren vielmehr ihre strengen Glaubens- und Verhaltensmaßstäbe. Obwohl sie nur wenige waren, hatten sie einen enormen Einfluss auf die gesamte Bevölkerung. Die Pharisäer sahen hinter jeglichem Handeln in der Geschichte eine göttliche Absicht. Sie glaubten, Gott habe seine Absichten in den Heiligen Schriften und den Traditionen Israels offenbart. Verzögerungen in der Erfüllung dieser Absicht Gottes schrieben sie bösen geistlichen Mächten zu, die nach und nach besiegt werden könnten. Bei diesem Sieg sollte dann das loyale Israel von Gott bestätigt werden. Die heidnischen Reiche würden durch ein Königreich ersetzt werden, in dem der Gesalbte Gottes regieren würde – der Messias aus dem Stamm Davids. Männer und Frauen in ganz Israel hielten Ausschau nach einem Zeichen, das ankündigen könnte, dass das Kommen dieses Gesalbten nahe war. Der gehasste Herodes Aber die Zeichen, die sie sahen, waren nicht gerade verheißungsvoll. Als sich die mit dem Tod der hasmonäischen Regierung einhergehenden Unruhen legten, kam Herodes der Große* unter römischem Schutz auf den Thron. Niemand konnte diesen halben Idumäer und halben Israeliten – die Verkörperung von List, Gewalt und ungezügeltem Machtstreben – fälschlicherweise für den Messias des Herrn halten. Die herodianische Regierung hatte keine Ähnlichkeit mit dem pharisäischen Ideal des Königreiches Gottes. Herodes regierte von 37 bis 4 v. u. Z. Das Markusevangelium berichtet, dass kurz vor dem Tod des Herodes Jesus geboren wurde. 25


Das Herrschaftsgebiet des Herodes wurde, wie schon das von Alexander dem Großen, unter seine drei überlebenden Söhne aufgeteilt. Archeläus* erbte Judäa und Samaria (heute das mittlere und südliche Israel). Antipas*, im Neuen Testament als Herodes bekannt, erhielt Galiläa und Peräa, das entspricht dem heutigen nördlichen Israel und den westlichen Gebieten des heutigen Jordanien. Philippus* empfing Gebiete im Nordosten des Sees Genezareth – ein Teil des heutigen Syrien. Die Regierung des Archeläus war so unterdrückend, dass ihn der römische Kaiser im Jahr 6 u. Z. absetzte und das Territorium einem römischen Verwalter unterstellte, der mit dem Hohenpriester und dem Sanhedrin* zusammenarbeitete. Philippus starb 34 u. Z., Antipas wurde im Jahr 39 abgesetzt. Aus den Jahren kurz nach der Absetzung des Archeläus stammt eine jüdische Schrift mit dem Titel „Die Vermutung des Mose“. Die Verse dieses Textes zeigen, wie desillusioniert die Juden durch die späteren makkabäischen Herrscher waren, wie sie die Regierung des Herodes und seiner Söhne hassten, wie sie die römische Herrschaft fortwünschten, und wie sehnsüchtig sie den Tag erwarteten, an dem Gott ihre Unterdrücker unterwerfen und sein auserwähltes Volk in eine Position unbezwingbarer Herrschaft einsetzen würde.

DIE BEDEUTUNG „Die Messianisten“ Die vorangehende Beschreibung vermittelt eine gute Vorstellung davon, wie der Mann von der Straße das Wort „Messias“ im Israel des Jahres 30 u. Z. definiert hätte. Von dem hebräischen Wort Maschiach abstammend, drang das Wort für Messias in zwei Formen ins Griechische ein. Messias war die griechische Umschreibung der hebräischen Aussprache. Daher stammt auch unser deutscher Begriff. Das griechische Christos dagegen übersetzt die Bedeutung des hebräischen Wortes „der Gesalbte“. In Deutsch ist es zu „Christus“ geworden. Das Wort „Christ“ entspricht also dem Wort „Messianist“ – ein Nachfolger des Messias. Es wird offensichtlich, dass Nichtju26


den, die an Christus glauben, in Wirklichkeit einer jüdischen Religion anhängen! Der Messias war also eine Idealfigur, die die Hoffnungen der frommen, patriotischen Juden der damaligen Zeit verkörperte. Er würde ein Nachkomme Davids und Salomos sein. Er sollte einzigartig weise, aufrichtig, mutig und patriotisch sein, Gott loyal hingegeben. Gottes Macht sollte ihm den Rücken stärken, und Gottes Weisheit sollte ihn führen, damit er Israels Feinde unterwerfen und Gottes Königreich der Gerechtigkeit, der Wahrheit und des Friedens aufrichten konnte, in dem das jüdische Volk den einen wahren Gott anbeten und ihm gehorchen und sich ewigen Reichtums und Glücks erfreuen könnte. So sah in etwa der Messias in der Vorstellung der Menschen aus, die auf ihn warteten, als Jesus auf der Bühne erschien. Wir können uns jetzt der Untersuchung seiner Ansprüche auf die Messianität zuwenden und darüber nachdenken, wie die biblische Vision dessen, was der Messias sein sollte, sich von dem unterschied, was das Volk sich vorstellte. Wir werden dafür genau die Abschnitte in der Heiligen Schrift untersuchen, die jüdische Menschen in der gesamten Geschichte als messianische Prophetien anerkannt haben.

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1 „Oh Bethlehem, du kleine Stadt“

Nur wenige kleine Städte sind in aller Welt so bekannt wie die eine, die etwa sieben Kilometer südlich von Jerusalem an einem Berghang liegt. Wäre Bethlehem nicht der Geburtsort Jesu, hätte dieses Städtchen heute nur geringe Bedeutung. Doch schon vor der Zeit Jesu war Bethlehem ein wichtiger Ort in der Geschichte Israels. Es war nämlich die Heimat der Familie von König David. Das Buch Rut, in dem berichtet wird, wie ein nichtjüdisches Mädchen die Urgroßmutter Davids wurde, spielt zum größten Teil in Bethlehem. Es gibt mehrere Bezüge zwischen David und Bethlehem. Es war seine Heimatstadt.1 Samuel salbte ihn dort zum König.2 Eine Garnison der Philister war dort stationiert.3 Es war die Heimat von Elkhanan4 und die Grabstätte von Asael.5 König Rehabeam befestigte Bethlehem im späten zehnten Jahrhundert.6 Jeremia, Esra und Nehemia erwähnen Bethlehem in ihren Aufzeichnungen.7 Aber die ungewöhnlichste Erwähnung finden wir im Buch des Propheten Micha, der es als den Geburtsort des Messias bezeichnet: Und du, Bethlehem Efrata*, das du klein unter den Tausendschaften von Juda bist, aus dir wird mir der hervorgehen, der Herrscher über Israel sein soll; und seine Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her. (Micha 5,1) 3 4 5 6 7 1 2

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1. Samuel 17,12; 20,6 u. 28 1. Samuel 16,1-13 2. Samuel 23,14-16 2. Samuel 23,24 2. Samuel 2,32 2. Chronik 11,6 Jeremia 41,17; Esra 2,21; Nehemia 7,26


Wie alle Propheten wusste auch Micha, dass der Messias ein Nachkomme Davids sein würde. Es überrascht daher nicht, dass der Messias in Bethlehem geboren werden sollte – in der Stadt Davids. Was aber sehr wohl überrascht: Micha verkündet, dass der Messias schon existierte vor seiner Geburt in Bethlehem. Der Targum Jonathan, eine aramäische Umschreibung der Heiligen Schriften aus dem zweiten Jahrhundert v. u. Z., gibt diesen Abschnitt mit folgenden Worten wieder: „Er, dessen Name von früher erwähnt wurde, von den Tagen der Schöpfung her.“ Raphael Patai, ein ehemaliger Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem, bemerkt: „Die Vorstellung der Präexistenz des Messias stimmt mit dem generellen talmudischen Blickpunkt überein, der besagt: ‚Der Heilige, gesegnet sei Er, bereitet das Heilmittel noch vor der Wunde.‘“8 Ein erstes Kennzeichen des Messias war also, dass er in Bethlehem geboren werden sollte. Jesus scheint diesen Punkt gut zu erfüllen. Die Autoren des Neuen Testaments zeichneten auf, dass sich die Geburt Jesu in Bethlehem unter recht ungewöhnlichen Umständen zutrug. Matthäus erklärt, dass „weise Männer“ (in Wirklichkeit eine Klasse religiöser Würdenträger aus Babylonien oder einem anderen östlichen Land) aus dem Osten nach Jerusalem kamen. Sie sagten etwas Seltsames – nämlich, dass sie einen Stern am Himmel gesehen hätten, der die Geburt des Königs der Juden kundtäte. Herodes war sehr erschrocken und erkundigte sich bei den Hohenpriestern und Schriftgelehrten – also bei denen, die die Schriften kannten, wo der Messias geboren werden sollte. Prompt und ohne zu zögern antworteten sie: „In Bethlehem in Judäa.“ Und sie zitierten Michas Prophetie, um ihre Aussage zu untermauern. In Panik und einem wahren Blutrausch erlegen, ließ Herodes in Bethlehem jeden jüdischen Jungen unter zwei Jahren umbringen, um den rechtmäßigen Thronerben aus der Welt zu schaffen. Aber die Familie Jesu erfuhr von diesem Plan. Sie floh nach Ägypten und blieb 8

Raphael Patai, The Messiah Texts (New York: Avon, 1979), S. 16-17

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dort, bis die Gefahr vorbei war (s. Matthäus 2,1-18). Das klingt vielleicht nach einem guten Stoff für ein Drama, aber es ist eine geschichtliche Tatsache. Da ist aber noch etwas. Haben Sie schon festgestellt, dass Jesus nicht „Jesus von Bethlehem“ genannt wird, sondern „Jesus von Nazareth“? Nazareth ist eine nördliche Stadt im galiläischen Teil Israels. Bethlehem dagegen liegt unten im Süden. Die Eltern Jesu lebten in Nazareth. Aber die Römer, die Israel de facto regierten, trafen die Entscheidung, dass es an der Zeit sei, eine Volkszählung durchzuführen. Dafür ließen sie alle Einwohner Israels an den Ort ihres Familienursprungs zurückkehren, um sie dort zu zählen. Da Josef aus dem Haus und der Linie Davids war, mussten er und seine schwangere Frau Maria aus ihrem Wohnort Nazareth nach Bethlehem hinabziehen – in die Heimatstadt Davids. Es ist interessant, dass eine Ersuchung um Steuererleichterungen der Juden an den Kaiser Augustus* diese Volkszählung für eine gewisse Zeit verzögerte. Somit kam für Maria die Zeit der Geburt, als sie noch in Bethlehem war. Hegt jemand den Verdacht, die Familie Jesu habe es irgendwie arrangiert, dass seine Geburt in Bethlehem stattfinden sollte, um die Prophetie über den Geburtsort des Messias zu erfüllen? Dieser Bericht sollte hinreichend klarmachen, dass die Umstände keineswegs von der Familie Jesu kontrolliert wurden. Im Gegenteil – sie hatte absolut keinen Einfluss darauf. Und es gibt noch einen Teil in Michas Prophetie, auf den das Neue Testament auch an anderer Stelle eingeht: Nämlich die Aussage, dass der Messias schon vor seiner Geburt existieren sollte. Das Matthäusevangelium berichtet folgendes Gespräch mit den Pharisäern: Als aber die Pharisäer versammelt waren, fragte Jesus sie und sagte: Was haltet ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie sagen zu ihm: Davids. Er spricht zu ihnen: Wie nennt David ihn denn im Geist Herr, indem er sagt: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege unter deine Füße? Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er sein Sohn? (Matthäus 22,41-45; Zitat Psalm 110) 30


Mit anderen Worten: Der Messias ist ein Nachkomme Davids und dennoch irgendwie Davids Herr oder Gebieter! Jesus machte eine ähnliche Aussage, als er zu den Pharisäern sagte: „Ehe Abraham war, bin ich“, (Johannes 8,58). Wenn man bedenkt, dass Abraham fast zweitausend Jahre vor Jesus lebte, ist das ein ganz ordentlicher Anspruch! Normalerweise würde man jeden, der so spricht, für einen Verrückten halten. Aber als Jesus diese Worte sprach, nannte ihn niemand verrückt. Niemand lachte ihn aus oder ignorierte ihn, wie wir heute vielleicht einen lallenden Betrunkenen am Bahnhof Zoo behandeln würden. Stattdessen berichtet Matthäus, dass die Pharisäer, als Jesus sie über den Sohn Davids befragte, diese Frage nicht beantworteten. Sie provozierten ihn nur. Könnte es sein, dass sie im Wissen dessen, was in Micha 6,1 und Psalm 110 steht, keine Antwort hatten?

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