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Michael A. Hartenstein

Die Geschichte der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie

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Michael A. Hartenstein

Die Geschichte der Oder-Neiße-Linie »Westverschiebung« und »Umsiedlung« − Kriegsziel der Alliierten oder Postulat polnischer Politik?

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-95768-037-2

3. Auflage 2014 © Lau-Verlag & Handel KG, Reinbek/München Internet: www.lau-verlag.de 2. aktualisierte und überarbeitete Auflage 2007 © 2006 Olzog Verlag GmbH, München

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlagentwurf: Atelier Versen, Bad Aibling Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering Druck- und Bindearbeiten: GK Druck Gerth und Klaas GmbH & Co. KG, Hamburg Printed in Germany

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Inhalt Vorwort...................................................................................................... 0 9 1.

Die Entstehung der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie ..................................... 0 15

1.1

Die Vorgeschichte der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie ................................ 0 15

1.1.1 1.1.2

Entstehung und Charakter des polnischen Nationalismus .......... 0 16 Die Entstehung polnischer GebietsansprĂźche bis zum Ausgang des Ersten Weltkrieges ................................... 0 23 Die deutsch-polnische Grenzregelung nach dem Ersten Weltkrieg ... 0 32 Polnische Revisionsforderungen und Gedanken zur Westgrenze 1920 bis 1939 .................................................... 0 39

1.1.3 1.1.4

1.2 1.2.1 1.2.2 1.2.3 1.2.4 1.3 1.3.1 1.3.2 1.3.3 1.3.4 1.3.5

Die Zeit vom Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bis zur Konferenz von Teheran ................................................ 0 53 Forderungen der polnischen Exilregierung ................................. 0 53 Die Entstehung der Kompensationstheorie ................................. 0 61 Die Atlantik-Charta .................................................................... 0 66 Die Konferenz von Teheran ........................................................ 0 68 Von Teheran nach Jalta ........................................................... 0 71 Die polnische Reaktion auf die Ergebnisse der Konferenz von Teheran .............................................................. 0 71 Die „innerkommunistische“ Festlegung auf die Nachkriegsgrenzen Polens .................................................... 0 75 Abnehmende Bedeutung der Exilregierung in London .............. 0 83 Das „Londoner Protokoll“ vom 12. September 1944 ................. 0 87 Amerikanische und britische Vorstellungen zur deutschpolnischen Grenze vor der Konferenz von Jalta ......................... 0 87

1.4 1.4.1 1.4.2

Die Konferenz von Jalta ........................................................... 0 92 Die SchluĂ&#x;erklärung von Jalta ..................................................... 094 Die Bedeutung des Ergebnisses der Konferenz von Jalta ............ 0 95

1.5 1.5.1

Von Jalta nach Potsdam ........................................................... 0 97 Polen und die Sowjetunion schaffen Ăśstlich von Oder und Lausitzer NeiĂ&#x;e vollendete Tatsachen ................. 0 97 Die Kapitulation des Deutschen Reiches und die „Berliner Erklärung“ ............................................................. 101

1.5.2

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1.5.3 1.5.3.1 1.5.3.2 1.5.3.3

Vorbereitungen zur Konferenz von Potsdam ............................. Die amerikanische Ausgangsposition ......................................... Die britische Ausgangsposition .................................................. Die polnische Ausgangsposition ................................................

1.6 1.6.1

Die Potsdamer Konferenz .......................................................0 109 Der Verlauf der Potsdamer Konferenz – die Diskussionen ßber die deutsch-polnische Grenze ............................................0 110 Zusammenfassung der Argumentation der Delegationen ..........0 126 Die Ergebnisse der Potsdamer Konferenz .................................0 128 Das Potsdamer Protokoll und Stettin ......................................... 0 130 Die politische und rechtliche Bedeutung des Potsdamer Protokolls ..........................................................0 132

1.6.2 1.6.3 1.6.4 1.6.5

102 102 104 106

1.7 1.7.1 1.7.2

BegrĂźndungen fĂźr die Oder-NeiĂ&#x;e-Linie als Grenze ............0 138 Die Kompensationstheorie ........................................................0 138 „RĂźckkehr“ Polens in „urpolnisches Gebiet“? ..........................0 143

1.8

Die Vertreibung und Deportation der deutschen BevĂślkerung .....................................................0 146

2.

Die Oder-NeiĂ&#x;e-Linie nach der Konferenz von Potsdam ..........................................................0 153

2.1 2.1.1 2.1.2 2.1.3 2.1.4

2.1.6

Die Haltung der Westmächte .................................................0 153 Die Haltung Frankreichs ............................................................0 153 Die Haltung GroĂ&#x;britanniens .....................................................0 154 Die Haltung der USA .................................................................0 155 Die Entstehung des „Kalten Krieges“ als Wendepunkt fĂźr die Haltung der Westmächte.................................................0 156 Amerikanische und britische Revisionsvorstellungen der Jahre 1946/47 .......................................................................0 158 Die GrĂźndung des „Weststaates“ ...............................................0 164

2.2

Die Haltung der UdSSR ............................................................0170

2.3

Die Haltung der Katholischen Kirche .....................................0174

2.4

Die Haltung in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands bzw. in der Deutschen Demokratischen Republik und die Haltung in der Volksrepublik Polen..............0180

2.1.5

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2.4.1 2.4.2 2.4.3 2.5 2.5.1 2.5.2 2.5.3

Polen 1945 bis 1949 .................................................................. 0 180 Sowjetische Besatzungszone Deutschlands (SBZ) 1945 bis 1949 ............................................................................ 0 188 Die Haltung in der DDR und in Polen von 1949 bis 1989......... 0 194 Die Haltung in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands bzw. in der Bundesrepublik Deutschland ............ 0 199 1945 bis 1949 ............................................................................ 0 199 Die Haltung der Regierungen Adenauer und Erhard (1949 bis 1966) ......................................................................... 0 203 Die Haltung der Regierungen Kiesinger, Brandt, Schmidt und Kohl (1966 bis 1989) ................................................................ 0 208

2.6

Die vĂślkerrechtliche Anerkennung der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie im Zuge der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands ........................................................ 0 213 2.6.1 Deutschland: freiwillige Anerkennung der OderNeiĂ&#x;e-Linie oder Anerkennung als Folge von Druck? ............. 0 213 2.6.2 Vertragliche Schritte zur vĂślkerrechtlichen Anerkennung der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie ......................................... 0 218 2.6.2.1 Vertrag Ăźber die Herstellung der Einheit Deutschlands............. 0 218 2.6.2.2 Vertrag Ăźber die abschlieĂ&#x;ende Regelung in bezug auf Deutschland .......................................................... 0 218 2.6.2.3 Der deutsch-polnische Grenzbestätigungsvertrag vom 14. November 1990 .......................................................... 0 219

2.7.2

Nach der Grenzanerkennung ................................................. 0222 Annexion und Vertreibung im BewuĂ&#x;tsein von Deutschen und Polen ......................................................... 0 224 Restitution von Eigentum ......................................................... 0 238

3.

Zusammenfassung und Bewertung ........................................ 0 251

4. I.

Quellen und Literatur ............................................................. 0 267 QuellenverĂśffentlichungen, Dokumentationen und Vertragstexte....................................................................... 0 267 Literatur und Memoiren ............................................................ 0 270

2.7 2.7.1

II.

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Verzeichnis der Landkarten Karte 1:

Polens Grenzen 1916–1939 .................................................... 37

Karte 2:

Die Grenzvorstellung der polnischen Exilregierung im Oktober 1939 und im Februar 1942................................... 60

Karte 3:

Die Grenzvorstellung der polnischen Exilregierung vom 7. Dezember 1943 und des „Rates der Nationalen Einheit“ (RJN) vom 15. März 1944 ...................................................... 74

Karte 4:

Der geheime sowjetisch-polnische Grenzvertrag vom 27. Juli 1944.................................................................... 80

Karte 5:

Die Grenzvorstellungen der Alliierten vor der Konferenz von Jalta .......................................................... 91

Karte 6:

Die deutsch-polnische Grenze auf der Konferenz von Potsdam............................................................................ 121

Karte 7:

Die Oder-NeiĂ&#x;e-Linie bei Stettin ............................................ 131

Karte 8:

Deutschland und Polen 1937 und 1945/90.............................. 141

Karte 9:

Amerikanische Revisionsvorstellungen der Jahre 1946/47..... 161

Karte 10:

Die Oder-NeiĂ&#x;e-Grenze seit dem Abkommen von GĂśrlitz 1950 ..................................................................... 196

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Vorwort Von Deutschland wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs etwa ein Viertel seines Staatsgebietes innerhalb der Grenzen vom 31. Dezember 1937, mithin also des Staatsgebietes der vormaligen „Weimarer Republik“, abgetrennt. Neue deutsch-polnische Grenze wurde eine willkĂźrliche Linie an Oder und Lausitzer NeiĂ&#x;e. Das Thema „Oder-NeiĂ&#x;e-Grenze“ scheint heute, zumal nach den deutsch-polnischen Verträgen der Jahre 1990/91, uninteressant geworden zu sein. Weite Teile der BevĂślkerung der Bundesrepublik Deutschland kĂśnnen sachlich oder emotional mit diesem Thema heute kaum noch etwas anfangen. Nach den politischen UmbrĂźchen in den sechziger und siebziger Jahren in Westdeutschland, der daraufhin dort folgenden weitgehenden Ausblendung der Thematik im Geschichtsunterricht sowie nach der jahrzehntelangen Tabuisierung der Problematik in der DDR assoziieren viele Deutsche mit den Begriffen Oder-NeiĂ&#x;e, Pommern, Schlesien oder OstpreuĂ&#x;en diffus allenfalls etwas „Ewiggestriges“ bzw. „HeimattĂźmelei“ – oder wittern gar immer noch „Revanchismus“. FĂźr andere heutige Deutsche liegen Breslau, Stettin, Danzig, die Marienburg, Masuren, das Riesengebirge schlicht in „Polen“, ohne daĂ&#x; sie wissen, daĂ&#x; diese und andere Stätten jahrhundertelang von Deutschen bewohnt waren und zu Deutschland gehĂśrt haben. Die einseitige historische Erinnerungskultur in der Bundesrepublik Deutschland und die damit einhergehende notorische Geschichtsvergessenheit konnte, wie in Gesprächen manchmal festzustellen ist, sogar dazu fĂźhren, daĂ&#x; es heute Deutsche (darunter sogar Nachfahren von Ostvertriebenen) gibt, die ernsthaft glauben, die alten Ostgebiete Deutschlands seien 1939 von Hitler erobert worden – und 1945 muĂ&#x;ten diese Gebiete nach solcher Auffassung eben gerechterweise wieder zurĂźckgegeben werden. Die frĂźher angewandte polnische Propagandaformel von den „wiedergewonnenen Gebieten“ mag dazu das Ihrige auch bei den Deutschen von heute beigetragen haben. Die verbreitete Tabuisierung, die in der deutschen Ă–ffentlichkeit Ăźber den endgĂźltigen Verlust der deutschen Ostgebiete nach wie vor vorherrscht, gehĂśrt wohl mit zu den eigenartigsten Phänomenen in der Bundesrepublik Deutschland. Daran haben auch Fernsehserien Ăźber die Vertreibung oder GĂźnter Grass’ Buch „Im Krebsgang“ sowie die Diskussion um das „Zentrum gegen Vertreibungen“ wenig geändert. 9

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Entsprechend unbekannt sind heute in Deutschland (und Ăźbrigens auch in Polen!) die Umstände und Abläufe, die 1945 dazu fĂźhrten, daĂ&#x; diese Grenze entstehen konnte, sowie die Folgen dieser Grenzziehung. Das vorliegende Buch soll eine Ăźbersichtliche geschichtswissenschaftliche Darstellung der Vorgänge sein, die zur Faktizität der heutigen deutsch-polnischen Grenze fĂźhrten. Die Zeit der konkreten Entstehung der „Oder-NeiĂ&#x;e-Grenze“ fällt eigentlich in den Zeitraum des Zweiten Weltkrieges. In dessen Endphase fĂźhrten die Alliierten USA, GroĂ&#x;britannien und Sowjetunion auf „Kriegskonferenzen“ in Teheran, Jalta und Potsdam von 1943 bis 1945 intensive Verhandlungen zum Thema polnische Nachkriegsgrenzen, in die direkt und indirekt auch die polnische Exilregierung bzw. die von Moskau unterstĂźtzte kommunistische polnische Regierung einbezogen waren. Die Entstehungsgeschichte der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie als Grenze war mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges jedoch noch nicht abgeschlossen, da es auch noch eine lange Geschichte der vĂślkerrechtlichen Anerkennung dieser Grenze gab. Auch existierte ein polnischer „Drang nach Westen“ nicht erst seit dem Zweiten Weltkrieg, eine Tatsache, die bisher nicht genĂźgend Aufmerksamkeit seitens der Historiographie erhalten hat. In diesem Buch wird demzufolge die Geschichte der Oder-NeiĂ&#x;eLinie von ihrer „Vorgeschichte“ in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu ihrer endgĂźltigen vĂślkerrechtlichen Anerkennung 1990/92 im Zuge der „abschlieĂ&#x;enden Regelung in bezug auf Deutschland“ erstmals in diesem Umfang zusammenfassend dargestellt. Ein eindeutiger Schwerpunkt der Darstellung liegt dabei in der Zeit der schon erwähnten „Kriegskonferenzen“ von Teheran, Jalta und Potsdam, in der fĂźr die neue deutsch-polnische Grenze die Entscheidungen getroffen und verwirklicht wurden. Ferner werden jedoch ausfĂźhrlicher die fĂźr die Entstehung dieser Grenze wichtige, lange vor dem Zweiten Weltkrieg entstandene polnische Ideologie des „Westgedankens“ behandelt, sowie fĂźr die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg westliche Revisionsvorstellungen der unmittelbaren Nachkriegszeit und die Haltung zur Oder-NeiĂ&#x;e-Linie in den direkt davon betroffenen Staaten sowie bei den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges.

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Die grobe Zweiteilung der vorliegenden Darstellung in die Zeit einer reinen Entstehungsgeschichte und die Zeit der „Anerkennungsgeschichte“ der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie soll den sachlichen Unterschied zwischen einerseits der eigentlichen Entstehungsgeschichte der Grenzlinie vor allem in der Zeit der „Anti-Hitler-Koalition“ und andererseits dem späteren politischen und vĂślkerrechtlichen „Oder-NeiĂ&#x;e-Konflikt“ verdeutlichen. Der zeitliche Schnitt wurde dabei an der Zeit nach der Potsdamer Konferenz angelegt, da schon kurz nach dem Ende dieses interalliierten Gipfeltreffens das die Niederringung des „Dritten Reiches“ und damit auch die Oder-NeiĂ&#x;e-Linie ermĂśglichende ZweckbĂźndnis „Anti-Hitler-Koalition“ im beginnenden „Kalten Krieg“ zerbrach, nachdem seine Hauptaufgabe erfĂźllt war. Dieses Buch will im wesentlichen folgende Fragen beantworten: Wie kam es zur Oder-NeiĂ&#x;e-Linie? Wer wollte diese Grenze seit wann und aus welchen GrĂźnden? Wer hat die Oder-NeiĂ&#x;e-Linie tatsächlich als Staatsgrenze durchgesetzt und verwirklicht? War im Grunde Hitler schuld an der Oder-NeiĂ&#x;e-Grenze und damit an der Vertreibung der Ostdeutschen? Gab es je eine MĂśglichkeit der Revision dieser Grenze? Welche Bedeutung fĂźr die Entstehung der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie hatte eigentlich die Konferenz von Potsdam, die kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa stattfand, wirklich? War die neue deutsch-polnische Grenze tatsächlich als gemeinsamer BeschluĂ&#x; der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges eine Folge der Potsdamer Konferenz? Da das Problem der Entstehung der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie sehr umfangreich ist, muĂ&#x;te fĂźr die Beantwortung dieser Fragen im Rahmen eines bewuĂ&#x;t kurz und lesbar gehaltenen Buches eine Beschränkung auf das Wesentliche und Exemplarische erfolgen. Es wurde versucht, konkrete Entscheidungen, die Schritte in die Richtung der neuen deutschpolnischen Grenze erbrachten, im Rahmen der teils auseinanderlaufenden, teils deckungsgleichen Ăźbergeordneten Interessen der Hauptsiegermächte des Zweiten Weltkrieges darzustellen, da zwar die Polenfrage fĂźr die Alliierten ein zentrales Problem der Nachkriegsordnung war, die Grenzfrage demgegenĂźber jedoch eine vergleichsweise untergeordnete Bedeutung besaĂ&#x;, Entscheidungen oder Kompromisse in der Grenzfrage also immer in Zusammenhang mit fĂźr die Sieger Ăźbergeordneten Interessen gesehen werden mĂźssen.

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Zur Entstehung der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie ist seit Ende der 1940er Jahre bis heute eine sehr groĂ&#x;e Zahl an relevanten QuellenverĂśffentlichungen, Erinnerungsliteratur und wissenschaftlichen Darstellungen erschienen. Es sei diesbezĂźglich auf die FuĂ&#x;noten sowie auf das Quellen- und Literaturverzeichnis verwiesen, in welchem alle fĂźr die Erarbeitung dieses Buches berĂźcksichtigten Titel aufgefĂźhrt sind. Jede in diesem Buch getroffene Aussage wird durch einen oder mehrere Fundstellennachweise belegt, wodurch nicht nur eine ĂœberprĂźfbarkeit, sondern auch der Anreiz zu weiterem Nachlesen gegeben werden soll. Mehrere Kartenskizzen verdeutlichen das im Text Dargestellte. Diese Untersuchung mĂśchte Ăźber die reine Darstellung historischer Tatsachen hinaus auch eine Auseinandersetzung mit der schwierigen und tragischen deutsch-polnischen jĂźngeren Vergangenheit leisten. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist jedoch nur mĂśglich, wenn man diese auch kennt. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die nichts ausspart, auch keine unbequemen Wahrheiten, ist darĂźber hinaus eine wichtige Voraussetzung dafĂźr, daĂ&#x; eine zukunftsweisende deutsch-polnische Verständigung, die diesen Namen verdient, Ăźberhaupt stattfinden kann. Auch hier gelten die Worte Richard von Weizsäckers, der im Zusammenhang mit der Ermordung der Juden durch das NS-Regime am 8. Mai 1985 ausfĂźhrte, „daĂ&#x; es VersĂśhnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann“.1 AnschlieĂ&#x;en mĂśchte ich mich an dieser Stelle auch den Worten des Historikers Michael Wolffsohn, der zum Volkstrauertag 1996 in der Frankfurter Paulskirche u. a. ausfĂźhrte, daĂ&#x; man seelische Abwehrreaktionen erzeuge, „wenn aufgrund der verbrecherischen Nationalgeschichte des sogenannten ‚Dritten Reiches‘ das millionenfache individuelle Leid von Deutschen, zum Beispiel Flucht, Vertreibung oder der Bombenhagel auf Zivilisten, tabuisiert, minimiert oder nicht ernstgenommen wird. Die Rache an Deutschen war nach dem Zivilisationsbruch von Deutschen ihrerseits ein RĂźckfall ins vorzivilisatorische Zeitalter der Selbst- und Lynchjustiz. Mit ‚Aufrechnung‘ oder gar Verharmlosung der vorangegangenen deutschen Verbrechen hat dies nichts zu tun, alles aber mit Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Voll11

Zit. nach Gill/Steffani, Eine Rede und ihre Wirkung, S. 180.

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ständigkeit, Seele und MitgefĂźhl. Ohne MitgefĂźhl kein Miteinander, ohne Miteinander kein innerer, seelischer Frieden und neues Gegeneinander. Wer nicht die Toten des eigenen Volkes betrauert, wird erst recht nicht die Toten anderer VĂślker betrauern. Wer eigenes Leid kennt und Ăśffentlich nennt, wird das Leid anderer eher nachfĂźhlen kĂśnnen – und wollen. AusschlieĂ&#x;lichkeit des nationalen oder individuellen Leids verhärtet Herz und Verstand den anderen gegenĂźber.“2 MĂśge dieses Buch ein wenig dabei mithelfen, daĂ&#x; ein besonders dunkles Kapitel der europäischen Geschichte – immerhin wurden infolge der Aufrichtung der Oder-NeiĂ&#x;e-Grenze Millionen von Menschen getĂśtet, vertrieben oder umgesiedelt – vor dem Vergessenwerden oder vor der Verharmlosung bewahrt bleibt.

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Michael Wolffsohn: Willige Vollstrecker. Die europäische Dimension der deutschen Verbrechen. Gekßrzter Text der Ansprache zum Volkstrauertag 1996 in der Frankfurter Paulskirche. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.1996, S. 14.

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1.

Die Entstehung der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie

1.1

Die Vorgeschichte der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie

„In den letzen Jahrhunderten war das deutsch-polnische Verhältnis immer wieder belastet, fast immer schwierig und in der jĂźngeren Vergangenheit von Grausamkeiten, Leiden und Schrecken geprägt, was jedoch allein den Deutschen angelastet wird, ohne den polnischen Beitrag dabei wahrnehmen zu wollen.“3 Diese Worte des Politikwissenschaftlers und Historikers Georg Strobel bringen ein Wahrnehmungsproblem der Geschichte der deutsch-polnischen Nachbarschaft bereits deutlich auf den Punkt. Die Verbrechen, die im Zuge der deutschen Besatzungsherrschaft während des Zweiten Weltkrieges geschehen sind, haben in der heutigen Ăśffentlichen Wahrnehmung der historischen Dimension des deutsch-polnischen Verhältnisses fast alles Ăźberdeckt, was vor dem Zweiten Weltkrieg gewesen ist. Beide Seiten – Deutsche und Polen – haben jedoch gleichermaĂ&#x;en durch tradierte Bilder vom Nachbarn zu dem schlechten beiderseitigen Verhältnis beigetragen. Auf deutscher Seite war dies vor allem eine Geringschätzung Polens und der Polen, die am beredtesten in den Wendungen von der „polnischen Wirtschaft“ und – in der „Zwischenkriegszeit“ – vom „Saisonstaat“ Polen ihren Ausdruck fand. Auf polnischer Seite war dies ein tiefverwurzeltes „Deutschensyndrom“, auch als „PreuĂ&#x;enkrankheit“ (Strobel) bezeichnet, gespeist aus einem kulturellen und politischen UnterlegenheitsgefĂźhl, das seine tiefste Ausprägung mit Beginn der polnischen Teilungen und vor allem im 19. Jahrhundert gefunden hat und in einen extremen antideutschen Nationalismus mĂźndete, der schon lange vor dem Ersten Weltkrieg zu ebenso extremen polnischen Territorialvorstellungen fĂźhrte. Der Sozialdemokrat Peter Glotz hat diesen Gedanken – unter Hinweis auf eine von ihm verfaĂ&#x;te Geschichte der Vertreibung der Sudetendeutschen – treffend so formuliert: Die Geschichte habe „nicht mit den Nazis angefangen“, man dĂźrfe „die frĂźhnationalen Erwecker, die nationalistischen Oberlehrer und Journalisten nicht aus der Verantwor33

Strobel, Die polnische „PreuĂ&#x;enkrankheit“, S. 21.

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tung lassen.“ Wer „wirklich gegen Vertreibungen (und zwar zukĂźnftige!) kämpfen“ wolle, mĂźsse „die ganze Kette der Ursachen beleuchten.“ Der eigentliche Grund fĂźr Vertreibungen seien „ßbertriebene Identitätssucht, Ăźbersteigerte LoyalitätsgefĂźhle zum eigenen Volk, FremdenhaĂ&#x;, Nationalismus. Da kĂśnnen die meisten europäischen VĂślker kräftig vor der eigenen TĂźr kehren.“4 Zur ganzen „Kette der Ursachen“ der Entstehung der Oder-NeiĂ&#x;e-Linie gehĂśren somit nicht allein der deutsche Nationalismus oder der Nationalsozialismus mit Hitler, sondern auch der polnische Nationalismus. Im Zuge der Entwicklung des polnischen Nationalismus mischten sich spezifisch polnische Faktoren und BeweggrĂźnde mit allgemeineuropäischen ZeitstrĂśmungen und Denkmustern. Von den den polnischen Nationalismus tragenden nationalen Ideologien und Mythen sind dabei die polnischen territorialen AnsprĂźche, der „Drang“ nach Westen und zur Ostsee, nicht zu trennen. Ein „sowohl auf ethnische als auch auf Ăśkonomische und geopolitische Kriterien abstellender integraler Nationalismus, wie er sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in ähnlicher Form in vielen Ländern Europas herausbildete, lieferte das ideologische Fundament, auf dem sich das schon vorher verschiedentlich geäuĂ&#x;erte Interesse an den ‚Westgebieten‘ in ein Territorialprogramm verwandelte, dessen Verwirklichung fĂźr die polnische Nation zur Existenzfrage schlechthin hochstilisiert wurde.“5 Es erscheint vor diesem Hintergrund verfehlt, polnische GebietsansprĂźche gegen Deutschland allein als Reaktion auf preuĂ&#x;ische, deutsche oder nationalsozialistische Polenpolitik zu deuten.

1.1.1 Entstehung und Charakter des polnischen Nationalismus Die Entstehung des „modernen“ polnischen Nationalismus fällt im wesentlichen in das 19. Jahrhundert, in die Zeit also, in der auch die meisten anderen europäischen Nationalismen entstanden sind, und gleichzeitig in die Zeit, in der Polen als Staat aufgeteilt, d. h. nicht 44 55

Glotz, Wider den Nationalismus. Gehrke, Der polnische Westgedanke, S. 2.

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existent war. Die polnische Teilung zeitigte bei weiten polnischen Kreisen selbstverständlich den Wunsch, einen polnischen Staat wiederherzustellen. Damit eng verbunden war auch die Frage, was Polen Ăźberhaupt sei und wer die Polen seien sowie die Frage, was frĂźher einmal alles zu Polen gehĂśrt hat. Schnell stieĂ&#x; man, ebenso wie in anderen Ländern Europas, auf das Mittelalter, das in romantisierender Weise wiederentdeckt und verklärt wurde. Eine groĂ&#x;e Rolle spielten bei dem historischen RĂźckblick bis ins 20. Jahrhundert hinein immer wieder die Zeit der Dynastie der polnischen Piasten (Ende 10. Jahrhundert bis 1370) und besonders die romantisch-mythisch verklärten „eisernen Grenzpfähle“, die der polnische piastische KĂśnig BolesĹ‚aw Chrobry (der Tapfere) zur Kennzeichnung der Westgrenze seines Reiches um das Jahr 1000 n. Chr. der Legende nach in die Oder habe rammen lassen. Mehrere polnische Historiker, Schriftsteller und Publizisten entwickelten seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts groĂ&#x;es Interesse an den frĂźheren „piastischen Westgebieten“, zu denen u. a. auch Schlesien, die Lausitz, Ostbrandenburg (Neumark) und Pommern sowie West- und OstpreuĂ&#x;en gerechnet wurden. Sie wirkten durch eine populäre historische Publizistik maĂ&#x;geblich an der Ausbildung eines weitverbreiteten national-mythisch-heroisch verklärten Geschichtsbildes mit, das dann später auf politischer Ebene zur Untermauerung polnischer GebietsansprĂźche im Westen herangezogen wurde. Eine groĂ&#x;e Rolle bei der Entdeckung der aus dem Mittelalter herrĂźhrenden Identität spielte darĂźber hinaus auch in Polen das einfache Volk, insbesondere das Bauerntum, das als Träger wehrhaften, unverfälschten Polentums idealisiert wurde. Der Staat, der einen GroĂ&#x;teil dieser frĂźher zeitweise piastischpolnischen Gebiete im Westen und Norden besaĂ&#x;, war Deutschland bzw. PreuĂ&#x;en. Schlesien, die Lausitz, die Neumark, Pommern, OstpreuĂ&#x;en sowie Teile WestpreuĂ&#x;ens waren seit Jahrhunderten germanisiert, d.h. von Deutschen bewohnt. Von „piastisch“ inspirierten Schriftstellern und Historikern wurde polnischerseits aufgrund der territorialen und ethnischen Gegebenheiten des 19. Jahrhunderts ein von Beginn an bestehender, gleichsam geschichtsnotwendiger polnischdeutscher Antagonismus konstruiert, eine seit Jahrhunderten ungebrochene Kontinuität deutscher territorialer und ethnischer Expansion zulasten Polens, zusammengefaĂ&#x;t ausgedrĂźckt im Schlagwort vom deutschen „ewigen Drang nach Osten“. Insbesondere PreuĂ&#x;en wurde als ein 17

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ausschlieĂ&#x;lich durch Gewaltanwendung und Vertragsbruch auf nichtdeutschem Territorium installiertes kĂźnstliches Staatswesen, als „Raubstaat“, dargestellt. Im Polnischen wurde fĂźr diesen angeblichen Drang das Schlagwort „ZaborczoĹ›Ä‡â€œ geprägt, das in etwa „räuberisches Streben nach Expansion und gewaltsamer Beherrschung anderer“ bedeutet. Die deutsche Geschichte in Ostmitteleuropa, insbesondere die deutsche Ostsiedlung des Mittelalters, wurde so im polnischen BewuĂ&#x;tsein regelrecht kriminalisiert. Als Ergebnis dieser historischen Betrachtungsweise entstand ein klar definiertes Feindbild, das am prägnantesten durch das im 17. Jahrhundert entstandene und im 19. und 20. Jahrhundert populäre polnische Sprichwort „Solange die Welt sich dreht, wird der Deutsche dem Polen kein Bruder sein“ ausgedrĂźckt wurde. Der polnische Nationalismus war im 19. Jahrhundert am Ende dieser Entwicklung zu einem sogenannten „integralen“ Nationalismus geworden, der die eigene Nation zum Gegenstand hĂśchster, quasireligiĂśser Verehrung machte, zum absoluten Wert an sich. Dieser Nationalismus wirkte, bezogen auf die „Kulturnation“, nach innen vereinheitlichend und nach auĂ&#x;en strikt abgrenzend. Immanent war ihm das irredentistische Element, d. h. der Drang, unter Fremdherrschaft stehende „unerlĂśste“ Volksteile und Gebiete zu „befreien“, wobei die Kriterien dafĂźr, was polnisch war und ist, eher groĂ&#x;zĂźgig zugunsten eines groĂ&#x;en Polens ausgelegt wurden. Dieser, auf die polnische Kultur- und Sprachnation – das mythische Volk – und die piastische älteste Zeit Polens blickende Nationalismus wird Ăźberwiegend als „piastischer“ Nationalismus bezeichnet. Politische Trägerin des solcherart entstandenen polnischen Nationalismus war seit Ende des 19. Jahrhunderts neben anderen vor allem die „Demokratisch-nationale Partei“ (Stronnictwo Demokratyczno-Narodowe), besser bekannt unter der Kurzbezeichnung „Nationaldemokratie“ (Narodowa Demokracja), nach deren Anfangsbuchstaben sich auch die Bezeichnung „Endecja“ einbĂźrgerte, mit ihren einfluĂ&#x;reichen Publikationsorganen.6 FĂźhrer und Vordenker der „Endecja“ im 19. und frĂźhen 20. Jahrhundert war Roman Dmowski, „fĂźr den sich die Menschheit ausschlieĂ&#x;lich in Nationen“ verwirklichte, „die ihrerseits dann Staaten bildeten“.7 Dmowski sollte am Ende des Ersten Weltkrie66 77

Gehrke, Der polnische Westgedanke, S. 101 ff. Gehrke, Der polnische Westgedanke, S. 120.

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ges fĂźr Polen noch eine herausragende Rolle spielen. Ein weiterer wichtiger Vordenker der polnischen Nationaldemokratie, der vor allem das einfache Volk als die polnische Nation der Zukunft propagierte, war der Publizist Jan Ludwik PopĹ‚awski. Im Denken Dmowskis und PopĹ‚awskis wurden neben den Gedanken vom „Volk“ die Begriffskategorien des „Kampfes“ und der „Expansion“ regelrecht zu Dogmen erhoben. Die Frage der ZugehĂśrigkeit der von PreuĂ&#x;en beherrschten „Westgebiete“ wurde von ihnen zu einer Frage von schlechthin existentieller Bedeutung stilisiert. An dieser Frage „muĂ&#x;te sich die Fähigkeit der polnischen Nation zur Expansion erweisen, hier muĂ&#x;te sie sich Ăźberhaupt erst das Recht erstreiten, in Zukunft wieder gleichberechtigt am Tisch der europäischen Nationen Platz zu nehmen“.8 Trotz ihrer territorialen Westfixierung wollte sich die Nationaldemokratie im Falle einer Wiedergeburt Polens jedoch nicht auf eine Westexpansion beschränken. Vielmehr versuchte sie, den in der polnischen Diskussion während der Zeit der Teilung vorhandenen Gegensatz zwischen denen, die die Wiederherstellung Polens vor der ersten Teilung (1772) und denen, die einen neues Polen auf ethnographischer Basis mit Westausdehnung wollten, aufzulĂśsen. Die polnische Nationaldemokratie vertrat daher, wie der Historiker Roland Gehrke es formulierte, das „Ziel einer mĂśglichst weitreichenden Expansion nach Ost und West“,9 wobei wahlweise ethnographische, geographische, historische oder kulturelle Argumente verwendet wurden – je nachdem, wo welche Art von Argument einen Expansionsanspruch begrĂźnden half. Der polnische Nationalismus, vertreten insbesondere durch die „Endecja“, propagierte und popularisierte eine Ideologie der Expansion, „die allein den ‚nationalen Egoismus‘ als oberste Handlungsmaxime anerkannte und sich an eine Ăźbergeordnete Moral nicht gebunden fĂźhlte“. Bei dieser Handlungsmaxime „bedurfte es bei der Festlegung der kĂźnftigen Grenzen gar keiner objektiv plausiblen BegrĂźndung. Oberstes Ziel war schlieĂ&#x;lich die Schaffung eines mĂśglichst starken – und das hieĂ&#x; vor allem: eines mĂśglichst groĂ&#x;en – Polen, ohne dabei irgendwelche RĂźcksichten auf andere zu nehmen.“10

88 99 10

Gehrke, Der polnische Westgedanke, S. 127. Gehrke, Der polnische Westgedanke, S. 194. Gehrke, Der polnische Westgedanke, S. 196.

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Mit den politischen Bewegungen erwuchs die katholische Kirche in Polen im 19. Jahrhundert zum unangefochtenen nationalen und politischen Vorbild der polnischen Nation und wurde damit zur nationalkulturellen Klammer des aufgeteilten Landes. Sie machte sich die Wiederherstellung Polens uneingeschränkt zu eigen und stĂźtzte den polnischen Nationalismus stark durch die HinzufĂźgung einer nationalreligiĂśs-katholischen Komponente.11 Die ablehnenden deutschen Reaktionen auf den polnischen Nationalismus, insbesondere die Niederschlagung polnischer Wiederherstellungsbestrebungen im 19. Jahrhundert, verstärkten den polnischen Nationalismus noch. Schon die Deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche machte unmiĂ&#x;verständlich klar, „daĂ&#x; ein wiedererstandenes Polen all jene Grenzgebiete an Deutschland abzutreten habe, in denen eine Mehrheit der BevĂślkerung dies verlange, auf eine vollständige Wiederherstellung der Grenzen von 1772 also verzichten mĂźsse“. Otto von Bismarck, preuĂ&#x;ischer Ministerpräsident und Kanzler des Deutschen Reiches, machte seine Ablehnung der Wiedererstehung Polens frĂźhzeitig mit dem Argument deutlich, ein wiedererstandener polnischer Staat werde zwangsläufig nach den Grenzen von 1772 streben und darĂźber hinaus nach OstpreuĂ&#x;en sowie Teilen Schlesiens und Pommerns, womit „PreuĂ&#x;ens beste Sehnen durchschnitten“ wĂźrden. Gerade Otto von Bismarck waren die polnischen nationalen Bestrebungen und damit verbundene GebietsansprĂźche wohlbekannt. Wiederholt äuĂ&#x;erte sich Bismarck Ăźber die Gefahr fĂźr Danzig und Posen, fĂźr Schlesien und OstpreuĂ&#x;en im Falle einer Wiederherstellung Polens und die damit verbundene Gefahr polnischer Fremdherrschaft Ăźber Millionen von Deutschen. Bereits in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts wies Bismarck auf polnische Landkarten hin, „in welchen die Träume der polnischen Insurrektion ihren Ausdruck finden“ und die „Pommern bis an die Oder als polnische Provinz“ bezeichnen.12

11

12

Siehe zur groĂ&#x;en Bedeutung der poln. kath. Kirche fĂźr die Ausprägung des poln. Nationalismus Strobel, Chauvinismus und Verstrickung. Rothfels, Bismarck, der Osten und das Reich, S. 75 f.

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Ăœberlegungen, die von deutscher Seite im Hinblick auf die „polnische Frage“ angestellt wurden, waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im frĂźhen 20. Jahrhundert daher immer mit der Territorialfrage verknĂźpft und von der gerechtfertigten Sorge geprägt, „ein wiedererstandenes Polen mĂźsse zwangsläufig zu einer Bedrohung der eigenen territorialen Integrität werden.“ Die Folge hiervon war eine von allen polnischen Teilungsmächten (RuĂ&#x;land, Ă–sterreich-Ungarn, PreuĂ&#x;en/Deutschland) gleichermaĂ&#x;en betriebene „negative Polenpolitik“ (Klaus Zernack), deren Grundgedanke von Bismarck fĂźr PreuĂ&#x;en/Deutschland so formuliert wurde, daĂ&#x; ein groĂ&#x;es Polen stets ein unruhiger und rastloser Feind PreuĂ&#x;ens sein werde, während ein territorial gesättigtes RuĂ&#x;land jedoch ein vergleichsweise ruhiger Nachbar sei. Bismarcks Fazit: „Unsere geographische Lage und die Mischung beider Nationalitäten in den Ostprovinzen einschlieĂ&#x;lich Schlesiens nĂśtigen uns, die ErĂśffnung der polnischen Frage nach MĂśglichkeit hintanzuhalten.“13 Eine besondere Betrachtung verdient an dieser Stelle die Polenpolitik PreuĂ&#x;ens, die oft als Ursache fĂźr die deutsch-polnische Feindschaft im allgemeinen und den polnischen Nationalismus im besonderen dargestellt wird. Als „Beelzebub“ der Polenpolitik galt den Polen vor allem der preuĂ&#x;ische Ministerpräsident und deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck sowie der „Deutsche Ostmarkenverein“. Besonderer AnstoĂ&#x; wurde polnischerseits an den Sprachgesetzen der 1870er Jahre (Unterrichts- und Amtssprachenregelungen) und der Tätigkeit der Ansiedlungskommission ab 1886 (Ansiedlung deutscher Landwirte in der Provinz Posen) genommen. Insgesamt wurde die polnischerseits als germanisierend und entnationalisierend verurteilte Polenpolitik PreuĂ&#x;ens bzw. Deutschlands jedoch mit wenig Nachdruck betrieben und hat das Gegenteil von dem erreicht, was ihr unterstellt wurde. Die Ansiedlungskommission schaffte es nicht, den Anteil deutschen Bodens in Posen zu erhĂśhen – im Gegenteil: Der polnische Bodenbesitz nahm seit GrĂźndung der Ansiedlungskommission aufgrund der Selbsthilfe der polnischen Banken- und Sparkassenorganisation um mehr als 100 000 Hektar zu. Auch der deutsche BevĂślkerungsanteil in der Provinz Posen ging in der PreuĂ&#x;enzeit kontinuierlich zurĂźck. 13

Gehrke, Der polnische Westgedanke, S. 74 ff.

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In die „PreuĂ&#x;enzeit“ fällt – wohl als Auswirkung von Bismarcks „Kulturkampf“ gegen die katholische Kirche – auch die Entwicklung der polnischen Vorstellung von der preuĂ&#x;ischen Staatskirche als „protestantischer Herrenkirche“, welche die polnische katholische Kirche zu einer „Dienerkirche“ herabwĂźrdige. Bis heute wirkt dieser Stereotyp von den Deutschen als „häretische Protestanten“ und den Polen als „gottgefällige Katholiken“ nach.14 Objektiv betrachtet entstand aufgrund gezielter preuĂ&#x;ischer und deutscher EntwicklungsmaĂ&#x;nahmen im preuĂ&#x;ischen Teilgebiet Polens – mit polnischer Beteiligung – jedoch eine moderne und hochproduktive Industrie- und Agrarwirtschaft. Unter preuĂ&#x;isch-deutscher Herrschaft entwickelten sich die polnischsprachigen Gebiete PreuĂ&#x;ens zur „modernsten und reichsten, infrastrukturell bestentwickelten Region des ehemaligen und kĂźnftigen Polen“.15 Die polnische Sprache anzuwenden war keineswegs verboten. In der von der polnischen Propaganda so verteufelten PreuĂ&#x;enzeit entstanden in der Provinz Posen auch zahlreiche polnischen Parteien, Organisationen, Vereine, Banken und Genossenschaften, Gewerkschaften etc., die polnische Interessen selbstbewuĂ&#x;t vertreten haben. Ferner entstanden in dieser Zeit viele Romane, Geschichtswerke und Periodika, die polnisches National- und GeschichtsbewuĂ&#x;tsein fĂśrderten und als antipolnisch empfundene MaĂ&#x;nahmen des (preuĂ&#x;ischen) Staates scharf kritisierten. In PreuĂ&#x;en sowie im Ăśsterreichischen Galizien konnte die polnische Presse weitgehend unbehelligt von staatlicher Zensur arbeiten. Auch die polnische Kirche war an dieser Publikationstätigkeit rege beteiligt. All diese Organisationen und Publikationen konnten in der angeblich so repressiven „PreuĂ&#x;enzeit“ in der polnischsprachigen BevĂślkerung, vom Staat zwar argwĂśhnisch beobachtet, aber doch weitgehend ungehindert, ein nationales BewuĂ&#x;tsein aufbauen, das sich eindeutig gegen die Interessen PreuĂ&#x;ens bzw. des Deutschen Reiches richtete und auch offen Gebietsforderungen vertrat. Es ist aus polnischer Sicht verständlich, daĂ&#x; hinsichtlich der staatlichen Nichtexistenz Polens im 19. und frĂźhen 20. Jahrhundert, fĂźr die auch 14 15

Strobel, Chauvinismus und Verstrickung, S. 12. Strobel, Chauvinismus und Verstrickung, S. 15.

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PreuĂ&#x;en verantwortlich war, gegenĂźber dem preuĂ&#x;isch-deutschen Staat wenig bis keine Loyalität vorhanden war. PreuĂ&#x;en bzw. Deutschland wollte und konnte die Wiederherstellung Polens nicht zulassen, und dies konnte in gewisser Hinsicht als Repression empfunden werden. FĂźr diese Zeit jedoch von einer generellen „UnterdrĂźckung“ der Polen zu sprechen, findet keine wirkliche Entsprechung in den Tatsachen.

1.1.2 Die Entstehung polnischer GebietsansprĂźche bis zum Ausgang des Ersten Weltkrieges Polnische Politiker, Historiker, Schriftsteller und Leitartikler, vom „Westgedanken (myĹ›l zachodnia) gefesselt, hatten von einer ‚RĂźckkehr urpolnischer Gebiete zum Mutterland‘ und von einer polnischen Westgrenze an Oder und Lausitzer NeiĂ&#x;e seit Jahrzehnten geträumt – lange vor Hitler“.16 Auch panslawistische, eigentlich zunächst in Deutschland entwickelte und dann vor allem von RuĂ&#x;land aus vertretene Vorstellungen gefährdeten die deutsche/preuĂ&#x;ische Ostgrenze schon seit dem 19. Jahrhundert.17 Derartige Aspirationen und Vorstellungen kĂśnnen zwar nicht als kalkulierte Planungen zur Errichtung der Oder-NeiĂ&#x;e-Grenze zwischen Deutschland und Polen angesehen werden – extreme Meinungen gab und gibt es Ăźberall. Letztendlich bereitete den Boden fĂźr die MĂśglichkeit der Errichtung der Oder-NeiĂ&#x;e-Grenze der Ausgang des Zweiten Weltkrieges, der die Niederlage und bedingungslose Kapitulation Deutschlands brachte. Dennoch dĂźrfen expansionistische polnische Stimmen aus der Zeit vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg nicht ignoriert werden, zumal dann nicht, wenn sie einfluĂ&#x;reichen Personen des Ăśffentlichen Lebens – Publizisten, Schriftstellern, Wissenschaftlern, Geistlichen, Politikern – gehĂśrten und eine groĂ&#x;e Popularität sowie den Anschein von wissenschaftlicher Fundiertheit gewannen. „Dies antizipierte so die Potsdamer TerritoriallĂśsung von 1945, was von polnischen wie deutschen Publizisten und Historikern entweder nicht wahrgenommen oder gar

16 17

Bingen, Oder-NeiĂ&#x;e-Grenze, S. 407. Wagner, Der slawische VorstoĂ&#x;, S. 11 ff.

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