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VIER

Darf ich vorstellen: Der Medienzar Die Kirchenuhr läutete mit drei Glockenschlägen die letzte Viertelstunde vor Zwei ein. Von allen Seiten strömten die Bewohner, jung und alt, groß und klein, auf den Marktplatz und versammelten sich vor dem Podium. Alle waren da: der Scherenschleifer, die Marktdame, die mir die Kirschen verkauft hatte, und das Töpferehepaar, der Fischverkäufer mit seiner Frau, Bauersleute sowie unzählige Antonios und Marias und deren Kinder. Die ganz kleinen hielten einander bei den Händen oder nuckelten verträumt am Daumen. Die etwas größeren waren noch jung genug, um sich von dem Spektakel faszinieren zu lassen, während die Teenager die Gesichter verzogen und sich darüber beschwerten, dass es in ihrem modernen Europa immer noch derart altmodische Feste nationalen Stolzes gab. »Da drüben.« Max zeigte zum rechten Bühnenrand. Mit seiner stattlichen Größe und dem schlohweißen Schopf überragte er beinahe die ganze Zuschauermenge. »Siehst du die Frau mit den blonden Haaren?« Man konnte sie nicht übersehen. »Du meinst die mit dem schwarzen Kleid?« »Ihr Name ist Natalia Kurvinski. Sie ist seine Assistentin.« Ein klunkerüberladenes, knapp fünfzig Jahre altes Weib, Schuhe mit zehn Zentimeter hohen Absätzen, einem knallengen Rock, aufgeschlitzt so lang wie mein Arm (und mein Arm war lang) und auf der Schulter irgendein teures Pelzchen. 96


Gertenschlank, ja gar mager, auf der Nase über ihren rot bemalten Lippen, saß eine übergroße Sonnenbrille, Chanel oder so. Ihr Haar trug sie kurz und platinblond und auf ihrem Arm an einer edelsteinbesetzter Leine saß ein weißes Schoßhündchen. Ihre glamouröse Ausstrahlung besagte in etwa: Hey ihr da! Ihr müsst mich einfach anstarren, aber nie werde ich euch eines Blickes würdigen. »Man nennt sie auch die schwarze Katze«, fügte Max schmunzelnd hinzu. »Sie ist die einzige unter vielen, die seit über zehn Jahren in seinem Dienst steht.« »Alle Achtung.« »Man sagt, sie genieße einen Sonderstatuts, warum auch immer, und habe mehr Einfluss auf ihren Boss als seine engsten Berater.« Gerade prostete sie mit der freien Hand (und dem aller gelangweiltestem Blick in der Visage) einem gut gekleideten Herrn die Sektflöte zu, ganz offensichtlich in der Absicht, das edle Gesöff in einem Zug in die Kehle zu schütten, besann sich allerdings der Öffentlichkeit und nippte nur ein kleines Schlückchen. »Du hättest dich in Schale werfen sollen«, bemerkte ich lächelnd. Neben der Bühne brachte sich eine Marschkapelle in Stellung, Leute vom Fernsehen stellten auf den Übertragungswagen Kameras bereit und einige Bedienstete verteilten auf silbernen Tabletts Austern und andere Häppchen an die geladenen Gäste. Alles war hier, das Rang und Name hatte: Unternehmer, Investoren und Spitzenmanager, Senatoren, Ratsherren und Edelleute, hohe Tiere und ähnliche Artgenos97


sen. Man genoss Champagner, reichte einander schick die Hände und die edlen Gattinnen mit ihren wallenden Haaren und gekünstelten Lächeln verliehen dem Anlass abseits der Zuschauer den nötigen Glamour – während sich der Ort des Geschehens bis auf den letzten Platz mit einfachen Leuten füllte. Nur der alte Nachbar, Poverini, der sich kaum mehr in der Öffentlichkeit blicken ließ, stützte sich mit seiner knorrigen Hand, einsam und gebückt, abseits der Masse, neben einer Hausecke auf seinen Krückenstock. Und dann kam bei den glatzköpfigen Sicherheitsbeamten vor der Bühne plötzlich Bewegung auf. Sie drückten ihre Empfängerknöpfe fester in die Ohren, lauschten und antworteten in winzige Mikrophone. Sie wandten sich zur befahrenen Straße um, die Menge genauso. Langsam schälte sich eine Wagenkolonne, schwarz wie die Nacht, eskortiert von zwei Polizeimotorrädern mit zuckenden Blaulichtern, aus der Hauptstraße und bog etwa hundert Meter von uns entfernt in das Sträßchen ein. Kein Zweifel, es war eine bewusste Zurschaustellung von Reichtum und Macht. Die letzten Passanten machten halt, die eben noch quengelnden Kinder verstummten, verkrochen sich unter die Fittiche der Väter und der Verkehr auf der gegenüberliegenden Seite kam fast zum Erliegen. Nicht viel schneller als Schritttempo kroch die Kolonne die Straße hoch. Dann, neben der Bühne, die Sicherheitsleute öffneten bei der zweiten Limousine, so kantig und lang wie die Wagen vom Secret-Service, die hintere Tür und zum Vorschein kam ein älterer Strahlemann, winkend, als sei er der Premier persönlich, der über den roten Teppich schreiten durfte. Auf den ersten Blick unsym98


pathisch, auch auf den zweiten. »Darf ich vorstellen«, betonte Max ganz langsam, »Carlo de Borrelli.« Die Sicherheitsleute wimmelten die herbeieilenden Reporter ab, die ihm ihre Recorder unter die Nase hielten und alle durcheinander Fragen stellten. Ungeachtet, gut behütet, eingezäunt von metallischen Absperrgittern und anhaltend dem Publikum zuwinkend, prunkte er geradewegs auf die Gäste zu. Der Polizeihauptkommissar stand eben noch breitbeinig vor der Mannschaft, schlug augenblicklich die Hacken zusammen, stand stramm und salutierte dem Ankömmling einen zackigen Gruß. Dann begann die Kapelle einen Marsch zu blasen. Unerwartet unterließ es die Menschenmenge, Fähnchen zu schwenken oder frenetisch zu applaudieren. Zu hören war nur ein Raunen. Bloß einige hielten de Borrelli für einen tüchtigen Unternehmer, die meisten jedoch für einen skrupellosen Betrüger. Sie vertraten die Ansicht, dieser gänzlich intellektfreier Industriemagnat, Abgeordnete und Verwaltungsratspräsident eines großen Medienkonzerns, der die Kunst heiße Luft zu reden vermochte und geschickt die Medien manipulierte (was sich als einfach erwies, weil sie ihm gehörten) sich im allgemeinen nicht wie ein vernünftiger Staatsmann verhielt, sondern eher den Stil eines Führers einer Bananenrepublik pflegte. Und dennoch: Er genoss den Ruf als einer der reichsten und mächtigsten Männer Italiens. Offensichtlich erfreute ihn das Bad in der illustren Ecke. Küsschen hier, Schulterklopfen, Handschlag dort. Er schien alle persönlich zu kennen. Pünktlich auf den stündlichen Glokkenschlag stieg de Borrelli in lässig-dynamischen Gang die 99


Treppen zur Plattform hoch. Die Leute vom Fernsehen schwenkten die Kameras in seine Richtung. Links und rechts vom klobigen Rednerpult standen riesige Firmenplakate, genau ins Bild platziert. Jetzt konnte ich ihn besser sehen. De Borrelli trug einen perfekt geschneiderten Anzug. Was ihm nach oben fehlte, hatte er in der Breite. Seine bis in die Poren tief rasierte Haut glänzte ebenso wie seine Rolex am Handgelenk, und an den Füssen trug er frisch polierte Lackschuhe. Das schüttere, dunkel gefärbte Haar sah aus, als würde es mit demselben Zeugs nach hinten gekämmt, mit dem die Militärs ihre Stiefel wienerten. Und sein Teint ließ darauf schließen, dass er gerade vom Urlaub anreiste. Pff…, den kenn‘ ich doch, dachte ich. Ja klar, das ist der Kerl aus der Zeitung. Er nickte einem Beamten zu, worauf dieser die kleine Yashila (anscheinend hatte sie die Aufgabe des Blumenkinds) die Treppe nach oben schob. Das zuckersüße Töchterchen von Asha trug ein blaues Röckchen, weiße Strümpfe und die schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden. Sie ging zögernd auf de Borrelli zu, reichte ihm das Bouquet und schrak zurück, als der ältere Herr sich zu ihr herabbeugte, um ihr einen Kuss auf beiden Wangen zu verpassen. Ein bisschen verwirrt legte de Borrelli den floralen Gruß mit weit ausgestreckten Händen, als wollte er sich den Anzug nicht besudeln, rechts neben sich auf den Bühnenrand. Dann schritt er zum Rednerpult und tippte einmal kurz auf das Mikrophon. Ein Knacken und dann ein Piepsen dröhnten aus dem Boxen. Er räusperte sich und bevor er seine Hände auf den Pult stützte, zupfte er am Hemdkragen, richtete die 100


Krawatte, blähte die Brust und ließ seinen Blick über die Menge schweifen. Dann blitzte sein Zahnweiß den Kameras entgegen. »Italienerinnen und Italiener. Heute schreiben wir Geschichte!«, hob er mit klebriger Sprache an, als sei er in seine Stimme verliebt. »Heute feiern wir nicht nur den Tag der Republik, nein, heute feiern wir auch einen Neuanfang. Sehr verehrte Bauern und hochgeschätzte Geschäftsleute, Sie sind die Basis unserer Ernährung, das Bollwerk unserer Freiheit und nicht zuletzt, glauben Sie mir, jenes Glied, das unsere Heimat vor dem Zerfall der Werte bewahrt. Aber nun, nun ist die Zeit gekommen nach vorne zu schauen. Den steilen Weg, den wir vor Jahren beschritten, war steinig und schwer. Doch heute, heute laufen wir zusammen auf geebneter Straße der Zukunft entgegen.« Er machte eine rhetorische Pause. Es haute mich nicht aus den Socken. Sein Auftreten, seine Haltung, seine Stimme; es war offensichtlich: Hier wollte einer seine Zuhörer aufs Kreuz legen. Und sonderbar: Mir fiel auf, dass er bei manchen Wörtern einen Akzent pflegte, ähnlich wie die Leute hier aus dem Viertel. Die Betonung, die typische Lautbildung des A und E: tief und weit hinten gesprochen, wie er das G und I zu einem dsch und nicht einem tsch aussprach. Natürlich war ich mir nicht ganz sicher, aber ich hätte wetten können. Dann sprach er weiter: »Wir gehen der Zukunft entgegen, wir werden dieses Viertel in neuem Glanz erscheinen lassen. Es ist meine vornehmste Pflicht, wo und wann immer möglich den Ärmsten unserer Stadt zur nachhaltigen Entwicklung beizustehen. Lassen sie uns gemeinsam nach vorne schauen. Um 101


diesen Platz, liebe Bürgerinnen und Bürger, hier, wo wir heute stehen, an diesem geschichtsträchtigen Tag, werden in weniger als drei Jahren moderne Hochhäuser in den Himmel ragen. Hochhäuser in denen Banken, Versicherungen und moderne Geschäfte Aufschwung in dieses Viertel bringen. Sie, geschätzte Bürgerinnen und Bürger und auch zukünftige Generationen werden hier immer genug Arbeit finden und sich an einem besseren Leben erfreuen.« Seine Stimme wurde nun noch etwas lauter. »Gemeinsam werden wir es schaffen. Gemeinsam können wir alles erreichen. Ich freue mich mit Ihnen auf das, was vor uns liegt – auf eine neue Stadt, auf ein neues Italien.« Hinter der Bühne in weiter Ferne lösten sich drei Punkte vom Weiß der Wolken, die rasch grösser wurden. Sie kamen genau auf den Marktplatz zu. Nun war auch, leise noch, der Düsenlärm zu hören. Drei Augenaufschläge später donnerten die Kampfjets unter ohrenbetäubendem Lärm über die Menschenmenge und spuckten drei Streifen, die Tricolore – grün, weiß, rot – aus ihren Aggregaten. Die Kinder hielten sich die Ohren zu, andere blickten verwundert in den Himmel. De Borrelli klatschte begeistert in die Hände, gab sich gerührt und tupfte sich theatralisch eine Träne weg. Die beiden äußeren Flieger drehten elegant ab, der mittlere schraubte sich jäh nach oben und kurz darauf verschwanden alle drei am Horizont. Mit ihnen der Krach – für kurze Zeit. Als wäre dies nicht genug, man konnte es als eine Kriegserklärung deuten, setzten sie zum fulminanten Schlussbouquet an. Nun ließen sie die Kanonen ballern. Nacheinander schossen drei Bollersalben gegen die Sonne, Mündungsdonner grollten und hallten 102


zwischen den Hausmauern hin und her – jammerschade, dass sie die Jets verfehlten. »Viiiva Italiaaa, viiiva Italiaaa!«, rief de Borrelli ins Mikrophon. Nach seinem letzten triumphalen Satz hob er siegessicher sein Champagnerglas und ließ sein gespieltes Grinsen in die Wohnzimmer Italiens übertragen. Fotoapparate klickten. Eine Fernsehkamera blieb auf ihn gerichtet, während die andere auf das dichtgedrängte Publikum drehte. Der Marsch setze wieder ein. Doch als der erwartete Beifallssturm aus blieb, verstummten erst die Trommeln, dann die Pauken, schließlich die Trompeten, nur die Tuba stolperte noch zwei Takte weiter, bis auch sie es bemerkte. Für einige Sekunden herrschte Totenstille. Von weitem konnte man den Verkehr und leises Hupen aus der Innenstadt hören. Die Mundwinkel des Redners kämpften mit der Schwerkraft. Er schaute etwas verstört zur Seite (Natalia Kurvinski wich seinem Blick aus und auch den noblen Gästen fehlte es scheinbar an Worten) und lächelte dann verstockt zurück in die Kameras. Der Fernsehmann mit dem Protokoll in der Hand roch den Braten als erster und wedelte den andern beunruhigt ein Zeichen durch die Luft: Abbruch, Abbruch! Maria, die stämmige Risottoköchin, eher für ihre ruppige Herzlichkeit bekannt, rollte die Ärmel über ihre Ellbogen und eröffnete das Kreuzfeuer mit einem inbrünstigen Kampfschrei. »Betrüger! Wer sagt denn, dass wir eine neue Stadt wollen?«, schimpfte sie und schoss als erste – eine biologische Tomate, die jedoch viel zu früh den Boden erreichte, worauf sie lauthals mit einem S-Wörtchen nachdoppelte. »Stron...!« Ich war mir nicht mehr ganz sicher in welcher Reihenfolge. 103


Angesteckt von so viel Leidenschaft brüllten jetzt alle, ein jeder wie es ihm gefiel, nur möglichst lauter als sein Nachbar. Die Antonios und Marias hetzten zu ihren Waffen, es gab kein Halten, sogar die Kinder ließen sich mitreißen. Wurfgeschosse wie Eier aus Freilandhaltung, Kartoffeln, Auberginen, Feldsalate aus kontrolliertem Anbau, pestizidfreie Flaschenkürbisse, die ihn knapp verpassten, Peperoni, Zucchini, Artischocken, alles segelte in Zielrichtung Bühne. Die aufgebrachte Menge vertrat ganz offensichtlich nicht den gleichen Standpunkt und arrangierte ein Gemüsespektakel, das sich zum Volkssport steigerte. Wie ich es genoss. Was für ein unikaler Moment in meinem Leben es doch war, hier direkt in der Menge zu stehen und all den wortgewaltigen Ausstößen zu horchen, die ich noch nie gehört hatte. Der ganze Platz war von eindringlichen Monologen erfüllt und brachten mich zum Schwelgen. Alle wedelten empört mit den Armen, so wie es eben nur Italiener tun, als ob alle in ein und denselben Verkehrsunfall verwickelt worden wären. Ein herrliches Bild. Nur der alte Poverini blieb allein. Gebückt auf seinen Krükkenstock, schaute er, wie von tiefem Leid ergriffen und mit erloschenem Blick auf den flüchtenden de Borrelli. Diesem blieb nichts anderes übrig, als die Beine in die Hand zu nehmen, Reißaus, nur weg vom Tumult, so gut es eben ging, hinunter vom Podium in Richtung des nachtschwarzen Wagens. Vom Sicherheitsgeschwader abgeschirmt und begleitet vom aufgeheizten Gebrüll der blödsinnigen Italienern und weniger blödsinnig schönen Italienerinnen, hinein in die Limousine und ab durch die Mitte. Geschafft! 104


Wenn jemand den Reisepass hätte vorweisen müssen – er und seine Gefolgschaft gehörten bestimmt dazu. Angeführt vom Sirenengeheul der beiden Polizeimotorräder brausten sie nämlich aus dem Viertel über die Brücke, so wie in ein anderes Land.

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