BIST DU ES, HERR?
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Loren Cunningham und Janice Rogers
Bist Du es, Herr?
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Copyright © 1984 by Loren Cunningham Originally published in English under the title Is That Really You, God? By Chosen a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A. All rights reserved.
Copyright © 1984, 2001 by Loren Cunningham Second edition 2001, updated 2010 Currently published in English under the title Is That Really You, God? by YWAM Publishing a ministry of Youth With A Mission P.O. Box 55787, Seattle, WA, 98155, U.S.A. www. ywampublishing .com All rights reserved.
Aus dem Amerikanischen übersetzt. Bearbeitet von Dorothee Theile und Jens-Mirco & Dunja Thiel. Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010 bei JMEM Deutschlandverband e.V. Schlossgasse 1, 86857 Hurlach, Bayern 1. Auflage 2010 Hergestellt und verlegt für Jugend mit einer Mission bei Golden Gate Ventures GmbH Wilsdruffer Straße 9, 01067 Dresden, Deutschland Umschlaggestaltung: YWAM Publishing Satz und Druck: Gustav Winter Druckerei und Verlagsgesellschaft mbH, Herrnhut, Sachsen Printed in Germany ISBN: 978-1-57658-492-7 ISBN: 978-1-57658-494-1 Sonderausgabe für JmeM
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Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Nicht alles, was glänzt ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7 Familienerbe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .15 Das kleine Mädchen, das unser Leben veränderte . . . . .23 Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .31 Kleine Anfänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .39 Gefährtin, Frau und Freundin . . . . . . . . . . . . . . . . . . .55 Gott wird direkt zu dir sprechen . . . . . . . . . . . . . . . . .63 Blaue Wasser – stürmische Wasser . . . . . . . . . . . . . . .73 Der Schlüssel für »Freisetzungen« . . . . . . . . . . . . . . . .81 Sich Gott mit reinem Herzen nähern . . . . . . . . . . . . . .93 Multiplikation der Führung Gottes . . . . . . . . . . . . . .109 Die Gefahr des Erfolgs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .119 München – die Welt im Kleinformat . . . . . . . . . . . .127 Der Mann im Schatten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .133 Drei Schritte, um die Stimme Gottes zu hören . . . . .145 Kalafi kehrt nach Hause zurück . . . . . . . . . . . . . . . . .157 Gib das Schiff nicht auf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .173 »Kümmert das denn niemand?« . . . . . . . . . . . . . . . .183 Eine Fischgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .193 Ihn besser kennenlernen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .201 Ein Blick voraus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .207 Zwölf Tipps zum Hören von Gottes Stimme . . . . . . .209
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VORWORT der 1. deutschen Auflage 1984, leicht gekürzt
»Wie kann ich den Willen Gottes für mein Leben herausfinden?« Dies ist eine der grundlegendsten Fragen, die sich jeder stellen sollte. Sie ist besonders wichtig für junge Menschen, die im Begriff sind, Weichen zu stellen, die das ganze spätere Leben bestimmen. Wir haben die Bibel, die uns Grundsätzliches vermittelt, und wir hören und lesen von Menschen, deren Leben unter göttlicher Führung stand. Aber wie erfahren wir diese Leitung Gottes für uns persönlich? Billig lässt sich die Antwort auf eine so schwerwiegende Lebensfrage nicht erlangen, aber genau an diesem Punkt versucht »Bist Du es, Herr?« uns Hilfe anzubieten. Loren Cunningham schildert einfach und offen seine eigene Suche. Er erzählt uns von seinem Familienhintergrund und seiner Kindheit, und von seinen Auseinandersetzungen und Gehorsamsschritten als junger Mann, die ihn langsam, aber sicher in Gottes Ruf hineinführten. Dieser Ruf brachte für ihn Herausforderung, Verantwortung und Abenteuer in solchen Dimensionen, dass seine eigenen Kapazitäten bald erschöpft waren. Doch gerade da offenbarten sich ihm Gottes Größe und Dynamik. Bei der Erzählung seiner eigenen Geschichte legt Loren Cunningham Kapitel für Kapitel Leitlinien dar, so wie er sie für sich entdeckt hat. Hier löst sich das Buch von der Lebenssituation des Autors und wird zu einem Handbuch für jedermann unter dem Thema »Gottes Führung«. Dieses Buch enthält aber auch einen Trost für all diejenigen, die mühsam an der Last ihres eigenen Versagens tragen. Fehler,
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die andere Menschen verletzten und gute Vorhaben blockierten, ja sogar gravierende Sünden kommen vor und werden nicht verheimlicht. Der Bericht führt uns aber weiter durch Selbstdemütigung und Buße hindurch zu Gottes Vergebung. Wie ermutigend, wenn dann Gottes Gnade darin sichtbar wird, dass es in den beschriebenen Fällen nach einiger Zeit zur Wiederherstellung kommt und Gott seine Vollmacht erneut verleiht. Loren Cunningham ist Gründer und Leiter der internationalen, interkonfessionellen Missionsgesellschaft »Jugend mit einer Mission«, durch die viele junge Menschen auch ohne theologische Ausbildung die Gelegenheit erhielten, an der Erreichung des großen Missionsziels von Markus 15, Vers 16 mitzuarbeiten: »Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung.« Seine Lebensgeschichte ist somit auch die Geschichte der Entstehung von »Jugend mit einer Mission«. Unser Gebet ist es, dass jeder Leser Gott in ähnlicher Weise kennenlernt. Nicht alle können kreuz und quer durch die Welt reisen wie Loren Cunningham, aber jeder kann an seinem Platz, an dem er lebt und arbeitet, Gottes Stimme erkennen und in das Abenteuer der eigenen Lebensberufung hineinwachsen. Aus solchen Menschen kann eine Generation erwachsen, die Heilung für das eigene Land sucht und das Evangelium Gottes bis an die Enden der Erde bringt.
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Nicht alles, was glänzt ... Ich sprang die breite Marmortreppe des Hauses am Ufer des Lake Worth in Palm Beach hinauf, das meine Tante Sandra und mein Onkel George von der Vanderbilt Familie erworben hatten. Die Nacht wurde durch Scheinwerfer zwischen den tropischen Pflanzen und goldenes Licht, das durch die hohen Fenster des Hauses nach draußen schien, erleuchtet. Ich läutete an der Flügeltür. Hawkins, kühl und förmlich wie immer, öffnete den Riegel und führte mich in die mit Standbildern und antiken griechischen Urnen geschmückte marmorne Vorhalle. »Guten Abend, Master Loren.« Hawkins nannte mich immer noch Master Loren, obwohl ich nun 26 Jahre alt war. »Mrs. Meehan wird Sie in der Bibliothek empfangen.« »Danke, Hawkins. Du siehst blendend aus.« Hawkins verbeugte sich leicht, führte mich in die Bibliothek und ging hinaus, um meine Tante zu holen. Von allen zwanzig Räumen in Tante Sandras Winterhaus gefiel mir die Bibliothek mit dem Perserteppich und den vom Boden bis zur Decke reichenden Bücherregalen am besten. Alles war in gedeckten Grün- und Brauntönen gehalten. »Du wirst jedoch nie hierher gehören«, flüsterte ich meinem Spiegelbild zu, als ich es hinter einem der Lehnstühle erblickte. Das Licht fiel von der Seite auf mich und ließ mich noch immer schattenhaft die Narben der Pickel, die von meinen hinter mir liegenden Teenagerjahren zurückgeblieben waren, erkennen. Hätte ich bei Tante Sandra gewohnt, so wie sie es gewünscht hatte, wäre ich sicher zu einem teuren Hautarzt gegangen. Mein dunkelbraunes, gewelltes
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Haar war nicht von der Sonne gebleicht, wie es bei den Sonnenanbetern hier in Palm Beach gewöhnlich der Fall war. Ich besaß wie Tante Sandra eine schlanke Figur, jedoch nicht aus dem richtigen Grund; ich hatte nämlich auf meiner Reise um die Welt nicht viel gegessen. Mein Blick fiel auf einen riesigen beleuchteten Globus, der neben Onkel Georges ledernem Lieblingssessel stand, und einen kurzen Augenblick lang sah ich von Neuem die seltsame Vision, die mich nun schon sechs Jahre lang, seit meinem zwanzigsten Lebensjahr, verfolgte. In dieser Vision hatte ich Wellen junger Leute gesehen, Missionare im Teenageralter oder Anfang Zwanzig, die an die Küsten aller Kontinente brandeten. Diese Vision quälte mich. Wie konnte ich so dreist sein zu glauben, sie sei ein Auftrag von Gott? Viele Leute haben »Visionen«. Konnte meine Vision wirklich einer jener besonderen Fälle göttlicher Führung sein, die ein großes Werk für Gott in Gang setzten? Falls ich versuchte, dies der vernünftig denkenden Tante Sandra gegenüber anzudeuten, so würde ihr dies sicher bedrohlich erscheinen. Tante Sandra trat ins Zimmer, gefolgt von ihrem Hund Gail. »Willkommen, mein Lieber!« Tante Sandra glitt über den Perserteppich, ihre ruhige Anmut und Eleganz standen im Gegensatz zu dem Boxer, der auf mich zusprang. Tante Sandra und mein Vater waren in derselben armen Familie eines Wanderpredigers aufgewachsen. Von allen Eigenschaftswörtern, die man hätte gebrauchen können, um ihre Kindheit zu beschreiben, wäre elegant eines der Unpassendsten gewesen. »Es ist wirklich schön, dich wieder hier zu sehen. George wird später heimkommen.« Ich ahnte, dass Onkel George noch in seinem Club war. George Meehan hatte im Textilgewerbe sein Vermögen gemacht, ehe er es sich angewöhnt hatte, regelmäßig den Sommer in Lake Placid, den Winter
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in Palm Beach und den Herbst und Frühling in Providence, Rhode Island, zu verbringen. In einer meiner lebhaften Erinnerungen an Onkel George übte er sich neben seiner Sommervilla im Golfspiel, indem er einen Eimer voll Bälle in den See schlug. Das war Onkel George. »Loren«, sagte Tante Sandra, »du bist bestimmt müde. Wie wäre es mit einem kleinen Imbiss, bevor du schlafen gehst?« Meine Schwäche für die Delikatessen ihres Kochs war wohlbekannt. Ein Dienstmädchen brachte das Essen herein, und während ich mit großem Appetit aß und Tante Sandra etwas knabberte, erzählte ich ihr von meiner Erkundungsreise um die Welt. Ich hatte versucht, die Bedeutung jener seltsamen Vision von jungen Missionaren herauszufinden. Tante Sandra war nicht sehr interessiert. Sie hatte sich während ihrer Kindheit radikal vom Christentum abgewandt und wollte damit nichts mehr zu tun haben. Sie hörte meiner Geschichte zerstreut zu, als ich jedoch eine Pause machte, schaltete sie sich plötzlich ein. »Ich freue mich für dich, Loren«, sagte sie und erhob sich. »Es ist gut für junge Menschen, sich diese Dinge von der Seele zu reden. Es gäbe noch viel zu sagen, aber du hast heute eine lange Reise hinter dir. Wir können morgen weiterreden.« Nachdenklich stieg ich die Treppe hinauf in mein großes Schlafzimmer. Ich wusste sehr wohl, worüber Tante Sandra mit mir reden wollte: über ein großzügiges Angebot von Onkel George. Seltsamerweise freute ich mich nicht darauf. Ich schlüpfte zwischen die sorgfältig zurückgefalteten Betttücher und blieb still liegen. Allerlei Gedanken plagten mich, während der blaue Schatten des Mondes durch das Zimmer huschte. Morgen würde ich meiner Tante sagen müssen, dass der Herr zu mir geredet hatte. Ich verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte zur Zimmerdecke hinauf. Wie erklärt man jemandem, der durch derartige Äu-
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ßerungen bereits verletzt worden war, dass man die Stimme Gottes gehört hat? Ehe ich versuchte, dies meiner Tante zu erklären, war es unbedingt erforderlich, dass ich die Führung Gottes mit einem wirklich völlig ehrlichen Blick betrachtete einschließlich der Aspekte, die Tante Sandra als abstoßend empfunden hatte. Das Hören der Stimme Gottes hatte mich und meine Familie mehr als einmal zu Wendepunkten geführt, die unser Leben veränderten. Mein Großvater väterlicherseits war Inhaber eines erfolgreichen Wäschereigeschäfts in Uvalde, Texas, gewesen und hatte ein angenehmes Leben geführt, als er, wie er es nannte, den Ruf zum Predigen erhielt. Er bot sein Geschäft zum Verkauf an. »Du bist ein Narr, ich sage es dir ganz offen«, sagte der Bruder meines Großvaters, worauf Großvater erwiderte: »Wenn ich Gott richtig höre und ihm nicht gehorche, dann bin ich ein Narr.« Was dann geschah, hat mich schon immer gefesselt. Zuerst gehorchte Großvater seiner Berufung, indem er das Predigen neben seinem Beruf ausübte; er nahm eine Reihe von Arbeiten in verschiedenen Städten in Texas an und predigte an den Wochenenden. Dann passierte ein Unglück. Er und seine Familie lebten 1916 in San Antonio, als eine Pockenepidemie ausbrach. Seine Frau und seine beiden Söhne (es waren zwei Jungen und drei Mädchen in der Familie) wurden von dieser schrecklichen Seuche ergriffen. Großvater begleitete seine kranke Frau und seine beiden kleinen Jungen ins Krankenhaus und lebte dort mit ihnen auf der Isolierstation. Zwei Wochen lang hielt Großvater Cunningham die Wache am Krankenbett seiner Frau und seiner Söhne. Schließlich schien die Krankheit nachzulassen. Großvater ließ den drei Mädchen die Nachricht übermitteln, alles sauber zu machen, da sie bald zusammen nach Hause kommen würden. Aber dann verschlechterte sich der Zustand seiner Frau mit
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erschreckender Schnelligkeit. Alle mussten hilflos zuschauen, wie sie kämpfte und schwächer wurde und schließlich den letzten Atemzug tat. Die Stadtverwaltung bestand darauf, Großmutter sofort, direkt vom Krankenhaus aus, zu begraben. Einige Stunden später fuhren Großvater und die beiden Jungen weinend und niedergeschlagen in demselben Krankenwagen nach Hause, der die Großmutter hatte heimbringen sollen. Die drei Mädchen liefen dem Wagen fröhlich entgegen. »Wo ist die Mutter?« fragten sie. Als Großvater es ihnen sagte, schrie Arnette, das älteste Mädchen, auf und rannte ins Haus. Die jüngeren Mädchen, Gertrude und Sandra, hielten einander fest und weinten. Aber der Schrecken hatte noch kein Ende. Am selben Tag kamen Leute vom Gesundheitsamt zu Großvaters Haus und erklärten, dass die Matratzen und die Kleidung in den Hof getragen und verbrannt werden müssten. An einem Tag verloren Großvater und seine Familie alles; nur einander verloren sie nicht. Aber in einem gewissen Sinn verloren sie sogar einander, nämlich aufgrund dessen, was dann geschah. So unglaublich es auch klingt, Großvater Cunningham verkündete kurze Zeit nach dieser Tragödie, er werde nun vollzeitig in den Predigerdienst treten. Und dies ist der Teil von Großvaters Geschichte, der Tante Sandra so viel Kummer bereitete. Die Stimme Gottes zu hören, ist im Grunde genommen nicht sehr schwierig. Wenn wir den Herrn kennengelernt haben, haben wir bereits seine Stimme gehört – es war ja zunächst seine Leitung, die uns zu ihm geführt hat. Aber wir können auch seine Stimme einmal hören und dennoch sein Bestes für uns versäumen, wenn wir nicht weiterhin auf ihn hören. Auf das Was der göttlichen Führung folgt das Wann und das Wie. Großvater gehorchte dem Was seiner Berufung, das Evangelium zu predigen, er suchte jedoch keine weitere Führung in Bezug auf die Art und Weise, wie
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er dies tun sollte. Hätte er dies getan, so wären der Familie manche schmerzhaften Konflikte erspart geblieben. Großvater sah sich selbst als reisenden Prediger und Evangelisten. Er konnte jedoch nicht fünf Kinder mit auf Reisen nehmen. So brachte er sie bei verschiedenen Familien unter. Zuerst bei Verwandten, später bei befreundeten Farmern, die sie nur wegen der Hausarbeit, die die Kinder verrichten konnten, aufnahmen. Damals meinte man, ein Kind sei gut versorgt, wenn es ein Dach über dem Kopf hatte und drei Mahlzeiten am Tag bekam. Großvaters fünf Kinder reagierten im Lauf der Jahre sehr unterschiedlich auf seinen Entschluss. Zwei von ihnen verhielten sich mehr oder weniger neutral. Meine Tanten Sandra und Arnette hingegen gaben dem, was sie als Großvaters törichte Berufung ansahen, die Schuld für ihre schwere, zerrissene Kindheit. Sie beschlossen, dass sie mit dieser Art von Christentum nichts zu tun haben wollten. Sobald sie alt genug waren, gingen sie ihre eigenen Wege und stiegen ins Geschäftsleben ein mit dem Ziel, so viel Geld wie nur möglich zu verdienen. Das war ihre Reaktion auf den Verlust der Mutter und ihres Zuhauses. Und es gelang ihnen auch. Tante Arnette brachte es zu etwas, und Tante Sandra hatte sogar außergewöhnlichen Erfolg. Sie lebte am Ende in drei großen Häusern. Und Tom, mein späterer Vater, der ältere der beiden Jungen? Es klingt unglaublich, aber selbst nach einer harten Jugend bei neun verschiedenen Pflegeeltern verübelte es mein Vater seinem Vater nie, dass er der Berufung zu predigen gefolgt war. Im Gegenteil, als er siebzehn war, wusste Vater, dass auch er eine Berufung hatte und er begann zusammen mit Großvater umherzureisen. Sie hielten überall im Südwesten der Vereinigten Staaten Erweckungsversammlungen ab. Auf seinen Entschluss folgte – wie es wohl gewöhnlich der
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Fall ist – eine Herausforderung. Vater erhielt einen der seltenen Briefe von seiner ältesten Schwester Arnette, die in Miami lebte. Mein Vater öffnete den Briefumschlag und entnahm ihm einen Briefbogen mit Arnettes eckiger Schrift. Wenn er das Gymnasium abschlösse, schrieb Arnette, würde sie seine Hochschulausbildung bezahlen, so dass er das Ingenieurdiplom erwerben könne. Es war eine großartige Chance. Vater wusste jedoch auch, dass er sich von seiner Berufung entfernen würde. Er dankte Arnette, teilte ihr jedoch mit, er könne ihr großzügiges Angebot nicht annehmen. Arnette reagierte prompt und knallhart. »Wenn du wie ein Vagabund durchs Leben ziehen, Religion als Vorwand nehmen und von Almosen leben willst«, schrieb sie, »so ist es aus zwischen dir und mir!« Die Worte stachen meinem Vater ins Herz, denn sie schienen zuzutreffen, besonders wenn er Großvater bei dessen Versammlungen half. Großvater erreichte nie die sogenannten besseren Predigtplätze, denn er wollte den um ihren Lebensunterhalt kämpfenden Menschen helfen. Oft war das einzige, was diese Leute als Bezahlung geben konnten, Konserven, frisches Obst und Gemüse oder gelegentlich ein Hühnchen. An einem Ort aßen Großvater und Vater zwei Wochen lang dreimal am Tag gedünstete Äpfel, ungezuckert und ungewürzt. Nach zwei Jahren magerer Kost hatte Vater genug. Er war neunzehn, und obwohl er immer noch glaubte, zum Predigen berufen zu sein, meinte er damit noch eine Weile warten zu können. Er verließ Großvater, fand einen guten Job in Oklahoma City bei einer Baufirma und arbeitete dort beim Bau des neuen Biltmore Hotels mit. Als er eines Tages hoch oben im 24. Stockwerk auf einem 15 cm breiten Träger saß, sah er, wie der riesige Kran eine Ladung Bauholz heraufbrachte. Plötzlich drehte sich die La-
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dung seitwärts und kam direkt auf ihn zu. Er klammerte sich fest, die Ladung traf ihn, und im nächsten Augenblick baumelte er in der Luft. Er hielt sich verzweifelt fest, während andere Arbeiter um ihn herum schrien und brüllten. Als er wieder auf festem Boden stand, hatte Vater bereits einen festen Entschluss gefasst. Er kündigte sein Arbeitsverhältnis, fuhr zurück zu Großvater und schloss sich ihm wieder im Predigtdienst auf der Straße an. Nie vergaß er die nahe Begegnung mit dem Tod. Er hatte von Neuem eine Chance erhalten, und diesmal war er entschlossen, Gottes Stimme sofort zu gehorchen, nicht zu irgendeinem zukünftigen Zeitpunkt, wenn er mehr Lust dazu hätte.