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Christoph Köhler

Auch die Wüste kann blühen! Pioniermission im brasilianischen Großstadtslum

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© 2009: Glaubenszentrum Bad Gandersheim Dr.-Heinrich-Jasper-Str. 20, 37581 Bad Gandersheim www.glaubenszentrum.de

ISBN: 978-3-00-028213-3 1. Auflage 2009 alle Rechte zur Vervielfältigung vorbehalten Die zitierten Bibelverse sind der revidierten Elberfelder Übersetzung (1992) entnommen. Umschlaggestaltung: Matthias Glaser Satz: Glaubenszentrum Bad Gandersheim Druck und Bindung: Schönbach-Druck, Erzhausen Printed in Germany

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Widmung: Dieses Buch ist all jenen Missionaren gewidmet, die bereit sind, in dieser Zeit Eltern, Geschwister, Freunde, Reichtum, Karriere und materielle Sicherheiten hinter sich zu lassen, um weit entfernt von der Heimat verlorenen Menschen das Evangelium von der Liebe Gottes zu bringen.

Dank: Allen, die zur Entstehung dieses Buches beigetragen haben, bin ich zu großem Dank verpflichtet. Ohne die Ermutigung einiger treuer Freunde, unsere Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten zehn Jahre niederzuschreiben, und ohne die Gebetsunterstützung vieler wäre dieses Buch nicht zustande gekommen. Für die Korrektur und Überarbeitung des Manuskripts danke ich zuallererst meiner Frau Kirsten, die mich geduldig und mit viel Weisheit beim Schreiben begleitet hat. Außerdem geht ein besonderer Dank an meinen Bruder Sebastian Köhler und seine Frau Sabine sowie unsere Freunde Ulrike und Marco Holitschke, Reinhard Holitschke und Timo Braun. In dem Bewusstsein, dass wir ohne die Gnade und Barmherzigkeit Gottes während dieser Jahre keine Geschichte zu schreiben hätten, danke ich ihm dafür, dass wir als Familie Werkzeuge in seinen Händen sein durften.

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Inhalt: Vorwort des Verfassers............................................................... 7 Vorwort von Brad Thurston........................................................ 9 Wie alles begann......................................................................... 11 1. Nichts bleibt, wie es ist........................................................... 14 Der Ruf Gottes......................................................................... 14 Die Notwendigkeit der Vorbereitung....................................... 16 Göttliche Zeitpunkte................................................................. 23 Erst glauben, dann schauen...................................................... 29 2. Dem Ruf folgen....................................................................... 40 Alles verlassen......................................................................... 40 Im verheißenen Land................................................................ 43 „Wie isst man einen Elefanten?“.............................................. 50 Gott kommt nie zu spät ........................................................... 53 3. Das Land einnehmen............................................................. 61 Die Vision................................................................................. 61 Was ist eine EBF?.................................................................... 63 Unerwünschter Besuch............................................................. 68 Arca das Crianças..................................................................... 73 4. Vom Selbstverständnis eines Pioniers.................................. 81 Pionieridentität......................................................................... 81 Warum ist alles so anders?....................................................... 83 Schimmel, Platten, Stromausfall.............................................. 88 „Hilfe, mein Kulturschock kommt!“........................................ 94 Verloren im Megadschungel.................................................... 99 Widerstände sind normal........................................................ 103

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5. Wo der Geist des Todes herrscht........................................ 108 Leben im Elend...................................................................... 108 Generation der Vaterlosen...................................................... 113 Krimineller Nährboden.......................................................... 118 Flucht auf die Straße.............................................................. 122 6. Gottes Antwort..................................................................... 130 Das Evangelium, die Kraft Gottes......................................... 130 In der Mose-Salbung.............................................................. 135 Väter und Mütter mit Leidenschaft........................................ 141 Liebe auf Vorschuss............................................................... 146 7. Arca, Âncora und CAC....................................................... 153 Kinderprogramme und Jugendclub........................................ 154 Der Segen eines Teams.......................................................... 164 Das Kreuz im Zentrum........................................................... 166 Erste Früchte.......................................................................... 167 8. Wo endet die Liebe?............................................................. 177 Eine traurige Geschichte........................................................ 177 Endlich frei!........................................................................... 181 Zurück im Alten..................................................................... 184 Auf der Flucht ....................................................................... 186 Betrogen!................................................................................ 189 9. Wie Missionare leben........................................................... 194 Keine Klischees!.................................................................... 194 Missionsalltag – Lust oder Frust?.......................................... 199 Wie erzieht man TCKs?......................................................... 207 Freunde in der Heimat............................................................ 220 Ein ungewöhnlicher Sonntagmorgen..................................... 222

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10. Teamarbeit und Gefahren für Leiter............................... 226 Anforderungen an Teamworker............................................. 226 Gefahren für Leiter................................................................. 233 Ein sehr persönliches Zeugnis................................................ 238 Ausblick und Ermutigung....................................................... 247 Weitere Buchempfehlungen.................................................... 248 Endnoten................................................................................... 249 Weitere Kontakte..................................................................... 250

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Vorwort Vor mehr als 20 Jahren machte Keith Green die Aussage: „Wenn Gott dir nicht klar gesagt hat, dass du zu Hause bleiben sollst, bist du in die Mission berufen.“ Ein herausfordernder Gedanke. Jesu Einschätzung der Situation vor 2000 Jahren hört sich so an: „Hebt eure Augen auf und schaut die Felder an! Denn sie sind schon weiß zur Ernte“ (Joh 4,35b). Er war bewegt von dem, was er sah: „Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenige“ (Mt 9,37b). Manche Menschen haben Angst vor dem Ruf Gottes, weil sie meinen, er würde sie zu etwas „verdonnern“, was ihnen keine Freude bereitet. Genau das Gegenteil ist der Fall. Gott allein weiß, wie und wo wir echte Erfüllung finden. Wahr ist, dass unsere Berufung immer größer ist als unser eigenes Vermögen, denn das ist Gottes Prinzip. Er liebt es, sich durch schwache und fehlerhafte Gefäße mächtig zu erweisen. Leben wir mit ihm, wird er beginnen, seine Wünsche und Träume in uns hineinzulegen. So wird sein Ruf nicht zum „Schockerlebnis“, sondern zur Freude und Bestätigung für uns. Heutzutage stellt man die Frage: „Was springt für mich dabei heraus, wenn ich Gott diene?“ – „Alles“, lautet die Antwort, wenngleich es in der Nachfolge nicht mehr um uns geht. Nennen wir Jesus Christus „Herr“, gehören wir ihm und nicht mehr uns selbst. Dieses Buch beschreibt nicht die heldenhafte Geschichte von „Glaubensriesen“. Es berichtet von Herausforderungen und Kämpfen, Siegen und Niederlagen, aber auch Freuden und Erfüllung im Missionsalltag. Die folgenden Kapitel enthalten keine leeren Theorien, sondern Erfahrungen, die sich bewährt haben. Gott steht zu seinem Wort, und sein Schutz in Gefahren ist genauso real wie seine Versorgung für unsere Bedürfnisse. 7

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Es ist an der Zeit, falsche Sicherheiten gegen die wahren einzutauschen. „Wenn mir jemand dient, so folge er mir nach! Und wo ich bin, da wird auch mein Diener sein. Wenn mir jemand dient, so wird der Vater ihn ehren“ (Joh 12,26). Das pulsierende, dynamische Leben Gottes finden wir nur da, wo er am Wirken ist. Willst du da sein, wo Jesus auch ist? Frage ihn, wo er dich braucht, um sein Königreich zu bauen! Die Welt wartet sehnsüchtig auf Menschen, die die Wahrheit kennen und sie in Liebe verkündigen und ausleben. Gott liebt die Metropolen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas genauso wie Berlin, Hamburg oder Zürich. Er ist immer da, wo die Menschen sind, die er zurückholen möchte in die Beziehung mit ihm. Das Buch ist nicht nur für potenzielle Missionare geschrieben, sondern für alle, die den Missionsbefehl Jesu ernst nehmen. Mission braucht die Beter und Unterstützer in der Heimat genauso wie die Leute an der „Front“. Die Arbeit kann nur gemeinsam getan werden. Welche Geschichte kann Gott mit dir schreiben? Er wird dein Gebet ernst nehmen, wenn du seiner Aufforderung folgst: „Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte!“ (Mt 9,38). Es kann sein, dass er zu dir und deiner Familie sagen wird: „Gehet hin! Siehe, ich sende euch ...“ (Lk 10,3a). Christoph Köhler September 2008 São Paulo, Brasilien

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Vorwort Die Geschichten der biblischen Glaubenshelden werden immer gern gelesen. Wir lesen sie nicht nur ihrer großen Taten wegen, sondern auch deshalb, weil die Autoren die persönlichen Defizite dieser Helden nicht verschweigen. Abraham, dem Gott große Verheißungen gab, war ein Lügner, der versuchte, sein eigenes Leben zu retten, indem er seine Frau einem anderen gab. Jakob, nach dem das Volk Israel benannt ist, war ein Dieb und ein Betrüger. David, der „Mann nach Gottes Herzen“, war ein Ehebrecher und ein Mörder. Es gibt viele weitere Beispiele. Warum zeigt Gott uns einerseits ihre großen Glaubenstaten und andererseits ihre menschlichen Schwachheiten und Sünden? – Weil er uns verdeutlichen will, dass er seinen Willen und seine Pläne auch mit echten Menschen, Menschen wie uns, umsetzt. Wie oft können wir uns mit den Schwachheiten dieser oder jener Glaubenshelden in der Bibel identifizieren! Das Resultat ist Hoffnung: Hoffnung, dass Gott auch uns auserwählt, uns formt und uns gebraucht, indem er uns trotz und inmitten unserer Schwachheiten hilft, die Kämpfe des Lebens zu überwinden, und indem er uns im Reich Gottes Wert verleiht. Wir haben alle dieses Grundverlangen zu wissen, dass Gott uns liebt und dass unser Leben etwas gilt, auch wenn wir den Erwartungen anderer Menschen nicht nachkommen können – geschweige denn unseren eigenen. Hierum geht es in diesem Buch. Christoph und Kirsten Köhler sind Helden einer unspektakulären Art. Sie haben gesehen, wie Gott große Glaubenstaten durch sie bewirkt hat, und sie haben auf sehr reale Weise mit sich selbst kämpfen müssen. In den dreizehn Jahren, in denen meine Frau und ich mit ihnen unterwegs gewesen sind, haben sie viele Siege gesehen, aber auch Rückschläge erlebt. Wir sind Zeugen 9

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ihrer Hingabe und Liebe für Jesus, und wir haben in ihren schwersten Stunden mit ihnen geweint. Die Erlebnisse, die in diesem Buch beschrieben werden, sind echt, genau wie sie. Wir kennen die Mitarbeiter in São Paulo, die diese Erlebnisse mit ihnen teilten. Wir wissen auch, dass der Weg, den sie vor einem Jahrzehnt als Missionare einschlugen, noch nicht vorbei ist. Dieses Buch ist ein Ausschnitt ihres Lebens, der eine Botschaft der unsterblichen Hoffnung enthält. Ich ermutige jeden, der überlegt, Missionar zu werden, Missionarsbiografien zu lesen. Ich ermutige jeden, der das Verlangen hat, Gottes Wege zu kennen, Missionarsbiografien zu lesen. Ich ermutige jeden, der mehr von der Macht des Gebets wissen und im Glauben wachsen will, Missionarsbiografien zu lesen. Ich ermutige Menschen, die harte Kämpfe durchleben, Missionarsbiografien zu lesen. Ich möchte Sie ermutigen, sich die in dieser Missionarsbiografie enthaltenen Lebensweisheiten zu Herzen zu nehmen und daraus zu lernen. Lassen Sie sich von Gott gebrauchen, indem Sie sich selbst zu Glaubenstaten herausfordern lassen. Brad Thurston Leiter von Globe Europe Hamminkeln, Germany www.globeeurope.de

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Einleitung Wie alles begann Es war am Abend des 26. Juli 1990 in Bern. Als ein Vertreter des ostdeutschen Baptistenbundes saß ich unter den 4.500 Teilnehmern der Europakonferenz der geistlichen Gemeindeerneuerung „Jesus Hope for Europe“. Wir befanden uns in den Monaten nach dem Fall der Berliner Mauer, im November 1989, und vor der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Die Zeiten waren aufregend und begeisternd, aber extrem herausfordernd, auch für meine Frau und mich. Gerade waren siebzehn Tage nach der Geburt unserer dritten Tochter vergangen, und nun war ich hier, achthundert Kilometer von meiner Familie entfernt, etwas verloren inmitten der riesigen Gemeinschaft von Christen aus ganz Europa und darüber hinaus. Alles, was ich besaß, waren meine Teilnehmerkarte, meine Bibel, zweihundert Schweizer Franken und die unbestimmte Erwartung, dass Gott in dieser Zeit etwas Besonderes tun würde. Niemals zuvor hatte ich so gewaltigen Lobpreis und derartige Freiheit im Heiligen Geist erlebt. Die Tänzer auf der Bühne, die Musiker und die Christen um mich herum hatten offensichtlich nur das eine Ziel, den Thron Gottes mit ihrer Anbetung und Hingabe zu berühren. Es war wunderbar, in die Gegenwart Gottes einzutauchen. Die Botschaften in diesen Tagen waren apostolisch und prophetisch, sie erweiterten den geistlichen Horizont und verhießen Neues und Größeres für das Reich Gottes weltweit. Als Vertreter der Gemeinde Jesu waren wir aufgefordert, Einfluss auf die Gesellschaft und ihre Normen zu üben. 11

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In Bezug auf unsere persönliche Liebe und Hingabe an Jesus Christus war Gottes Wort kompromisslos und messerscharf während dieser Tage. Alles, was ich vom Abend dieses 26. Juli 1990 noch weiß, ist, dass Kim Kollins, die Leiterin einer katholischen Kommunität, über Heiligkeit predigte. In der anschließenden Gebets- und Dienstzeit, die vollkommen unter der Leitung des Heiligen Geistes stand, zog Gott mich in seine Gegenwart und begegnete mir persönlich. Dies war einer der beglückendsten, aber auch ernüchterndsten Momente meines Lebens. Im Angesicht der Gegenwart Gottes verliert alles Natürliche seinen Glanz und das Echte, Ewige und Vollkommene zeigt sich. Die Reinheit Gottes ist wie ein Spiegel, in dem man kristallklar mit eigener Unreinheit konfrontiert wird. Augenblicklich fällt das eigene Bild des guten, ernstgemeinten, Gott hingegebenen christlichen Lebens in sich zusammen. Was übrigbleibt, ist nur die erschreckende und ernüchternde Wahrheit über den eigentlich erbärmlichen Zustand, Welten entfernt von Gottes Standards. An diesen Punkt zu kommen ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten und tiefsten Erfahrungen unseres gesamten Lebens mit Gott, birgt sie doch eine gewaltige Lektion über sein Wesen in sich. Gerade hier, am Nullpunkt unseres christlichen Seins, entfaltet sich die Gnade und Barmherzigkeit Gottes in einem Maße, dass ich Gänsehaut bekomme, wenn ich nur daran denke. Gott kommt zu uns mit seiner alles übersteigenden, unbegrenzten Liebe und beginnt uns damit zu durchfluten. Anstatt uns anzuklagen fängt er in seiner Liebe an, allen Schmutz, der so plötzlich bloßgestellt wurde, wegzuwaschen und uns zu reinigen. Dies sind Momente, in denen er uns willig macht und auch befähigt, alles radikal ans Licht zu bringen und mit jeder Halbherzigkeit und Oberflächlichkeit zu brechen. Zeiten wie diese sind Gottes Gelegenheiten, uns zu demü12

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tigen. Unser Stolz wird gebrochen, und harte Herzen werden weich. Gott sehnt sich nach inniger Gemeinschaft mit seinen Kindern und die findet er nur da, wo Menschen mit zerbrochenem Herzen vor ihm leben. „Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten“ (Ps 51,19). Es war bis dahin wohl der tränenreichste Abend meines Lebens. Ich konnte nicht an mich halten, die Flut der Liebe Gottes war so unendlich groß. Ich schluchzte stundenlang wie ein kleines Kind, ohne jede Kontrolle. Christen aus verschiedenen Ländern, die um mich herum standen, legten ihre Hände auf mich, was das unbeschreibliche Gefühl des „Eingehülltseins“ in Gottes Nähe noch verstärkte. Inmitten dieses Weinens über meine eigene Schlechtigkeit und Unvollkommenheit und andererseits über Gottes vollkommenes Erlösungswerk und seine totale Reinigung begann Gott zu mir zu reden. Gott sprach zu mir als Vater. Ich war sein geliebtes Kind. Seine Stimme war mir so vertraut und natürlich, als wäre es meine eigene, und doch besaß sie eine Kraft und eine Klarheit, wie sie nur von Gott kommen konnte. Er sprach Worte der Ermutigung und Wertschätzung zu mir, Worte, die sich wie Balsam auf meine unruhigen Gedanken und Gefühle legten und mir Ruhe und Frieden schenkten. Zum ersten Mal in meinem Leben ahnte ich, dass Gott tatsächlich einen Plan mit mir und meiner Familie hatte, der ihn ehren sollte. Es war der Ruf heraus aus einem gewöhnlichen und standardmäßigen Leben, hinein in die direkte Nachfolge und Abhängigkeit von ihm. An diesem Abend versprach ich Gott meine Bereitschaft, alles zu tun und jeden Preis zu zahlen, wenn ich ihm beim Bau seines Königreiches, gemeinsam mit meiner Frau und unseren Kindern, dienen könnte. Es war der Beginn von etwas Größerem, das ahnte ich, auch wenn es noch längst nicht sichtbar war. 13

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Kapitel 1 – Nichts bleibt, wie es ist Der Ruf Gottes „Kann ich den Ruf Gottes verpassen? Was ist, wenn ich seine Stimme nicht richtig höre?“ So oder ähnlich haben mich schon manche junge Christen auf der Suche nach Gottes Lebensbestimmung gefragt. Wenn du Gott dein Leben bewusst ausgeliefert hast und ihm gesagt hast, dass du bereit bist, dein Leben in seinen Absichten zu leben, kannst du Gottes Ruf nicht verpassen und seine Stimme nicht überhören. Gott selbst, als Planer und Erbauer seines Königreiches hier auf der Erde, hat das größte Interesse daran, dass seine Kinder strategisch zur richtigen Zeit am richtigen Ort arbeiten. Gott hat alle Macht und Möglichkeiten, jederzeit klar und verständlich zu jedem von uns zu reden. Möglicherweise muss sich manch einer von zu engen Vorstellungen darüber lösen, wann und auf welche Weise Gott zu seinen Kindern redet. Ich hatte die intensivsten zukunftsweisenden Begegnungen mit Gott auf dem Bahnhof, während meiner Arbeit im Gewächshaus oder auf dem Traktor beim Rasenmähen. Seit diesen Erfahrungen weiß ich, dass Gottes Reden nicht an „Klosterstille“ gebunden ist, sondern an ein suchendes, hungriges Herz. Gerade in einem solchen suchenden Zustand befand ich mich am Morgen des 10. Januar 1992. Als Zierpflanzengärtner war ich verantwortlich für die gesamte Aussaat und Aufzucht der Jungpflanzen unseres Betriebes, die in den Frühjahrs- und Sommermonaten verkauft werden sollten. In riesigen, 2.500 Quadratmeter großen Gewächshäusern wurden diese Pflänzchen zu Abertausenden kultiviert. An diesem 14

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besagten Morgen geschah es, dass sich, während ich mit dem Gießen solcher Pflänzchen beschäftigt war, die Atmosphäre um mich herum von einem Moment zum anderen veränderte. Ich spürte eine zunehmende Schwere und Ernsthaftigkeit in mir und um mich herum, als ich plötzlich Gottes Stimme vernahm, die vertraut und ruhig zu mir sprach: „Christoph, du wirst mit deiner Familie nach Südamerika gehen und dort werdet ihr unter Straßen- und Waisenkindern arbeiten. Diese Berufung ist auch für deine Frau, sie wird eine Mutter für viele Kinder werden.“ Weiter sprach Gott zu mir: „Die Elenden und Armen suchen nach Wasser und es gibt keins, ihre Zunge vertrocknet vor Durst. Ich, der Herr werde sie erhören, ich, der Gott Israels, werde sie nicht verlassen. Ich werde Ströme öffnen auf kahlen Höhen und Quellen mitten in den Talebenen. Ich werde die Wüste zum Wasserteich machen und das dürre Land zu Wasserquellen“ (Jes 41,1718). Außerdem gab Gott noch eine andere Verheißung, als er sagte: „Ich will mich finden lassen von denen, die mich nicht gesucht haben und mich denen offenbaren, die nicht nach mir gefragt haben“ (Röm 10,20). Da stand ich, allein inmitten vieler kleiner Pflänzchen, und Tränen strömten über mein Gesicht. Ich konnte es nicht fassen, dass der große, allmächtige Gott, der für viele so unnahbar scheint, erneut zu mir sprach. Es waren Tränen der Freude und der inneren Erregung darüber, dass Gott begann, seine Pläne mit uns zu offenbaren. Sofort hatte ich die Stimme Gottes erkannt. Sie war die gleiche wie damals in Bern. Die Klarheit und Bestimmtheit, mit der Gott sprach, die Kraft und Liebe, die in seinen Worten floss, waren unverkennbar. Ich wusste ohne jeden Zweifel: Gott selbst hatte gesprochen. Nachdem ich mich innerlich gefangen hatte, sagte ich: „Herr, du weißt, zu wem du diese großen Worte geredet hast. Ich bin nur ein kleiner ehemaliger DDR-Bürger, der die ‚große Welt‘ 15

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nicht kennt. Aber ich weiß, du hast geredet, und darum werde ich dein Wort festhalten.“ Ich konnte an diesem Tag nicht schnell genug nach Hause kommen, um die Neuigkeiten meiner Frau Kirsten mitzuteilen. Es waren herausfordernde Worte, die Gott uns gegeben hatte, aber wir waren glücklich darüber, seine Hand in unserem Leben zu spüren. Wir hatten keine Vorstellung davon, was für Schritte nun Gott von uns erwartete, aber wir beteten so intensiv und innig wie nie zuvor, und er begann uns zu führen.

Die Notwendigkeit der Vorbereitung Zeiten der Vorbereitung auf den Dienst im Reich Gottes sind elementar und unerlässlich in den Augen Gottes. Das biblische Zeugnis von Männern wie Josef, Mose, Josua oder Elisa bis hin zu Paulus belegen diese Wahrheit. In der Missionsgeschichte finden wir ebenfalls unzählige Beispiele von Männern und Frauen Gottes, die Jahre der Vorbereitung durchlebten, ehe Gott ihnen „grünes Licht“ für den Beginn ihres Dienstes geben konnte. Männer wie William Carey, David Livingstone, Johannes Rebmann, John Paton oder auch Mary Slessor mussten Jahre auf ihren Einsatz in der Mission warten. Während dieser Zeit taten sie alles, um die Flamme für Mission in ihrem Herzen am Brennen zu halten. Sie studierten Gottes Wort, bauten Unterstützerkreise auf, dienten vor Ort in ihren Gemeinden und unter den Verlorenen und lasen wann immer sie konnten Berichte von Missionaren, die schon „draußen“ waren. Sie blieben dran, bis ihre Zeit gekommen war. Wir müssen in diesem Zusammenhang verstehen, dass Gott immer das Gesamtbild sieht und nie aus dem Affekt oder einer bestimmten Not heraus handelt. Jesus selbst hat uns in Johannes 12,8 darauf hingewiesen, dass wir die Armen alle16

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zeit bei uns haben werden. Die weltweite Not wird immer größer und der Schrei nach Hilfe immer lauter sein als unser Vermögen, darauf zu reagieren. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir, von der Not getrieben, die Vorbereitungszeit Gottes für unser Leben verkürzen und seiner Schule davonlaufen. Gottes Absicht ist es immer, zuerst seinen Boten zu dienen und sie zu lehren, inmitten aller Umstände zu stehen und sie zu befähigen, den Sieg zu erringen. Für die wirkungsvolle Ausbreitung des Reiches Gottes ist es mitunter notwendig, Menschen über Jahre auf ihren Einsatz in einer Kultur mit anderen Gewohnheiten, Lebensumständen und Maßstäben vorzubereiten, damit sie in der Lage sind, mit einer Langzeitvision dort leben und arbeiten zu können. Gehen sie schlecht vorbereitet los, werden sie kaum dauerhafte Wirkung auf die Ursachen und Umstände der vorhandenen Nöte hinterlassen. Mir sind in den vergangenen Jahren immer wieder wohlmeinende Christen begegnet, die von einer sichtbaren Not getrieben, ohne geistliche Vorbereitung und ein starkes Fundament in Christus, losziehen wollten, um zu helfen. Entweder fehlte ihnen die letzte Konsequenz, wirklich loszuziehen, oder sie waren dem geistlichen Druck auf dem „Feld“ nicht gewachsen und gaben auf. Brasilien war zumindest vor wenigen Jahren noch das Land, das auf dieser Erde die meisten Missionare ausgesandt hat. Allerdings kam von hier auch die größte Anzahl Missionare nach kurzer Zeit erfolglos zurück, weil sie es nicht geschafft hatten, sich in der neuen Kultur zurechtzufinden. Was fehlte, waren Stabilität und Ausdauer. Viele Enttäuschungen hätten durch bessere Vorbereitung vermieden werden können. Natürlich gibt es verschiedene Möglichkeiten und Wege der Vorbereitung auf den Dienst im Reich Gottes. Vieles von dem, was ich hier im Hinblick auf die Vorbereitung für Mis17

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sion schreibe, trifft den Prinzipien nach für jeden anderen Bereich des Dienstes im Reich Gottes zu. Wenn wir bewusst mit Jesus Christus leben und entschlossen sind, ihm nachzufolgen, kann er genau genommen jeden Tag unseres Lebens nutzen, um uns auf Bevorstehendes, Neues und Größeres vorzubereiten. Die Frage ist: Wann und wo, glauben wir, beginnt unser Dienst? Mit Sicherheit nicht auf dem Missionsfeld oder auf der Kanzel, sondern im Kleinen und Verborgenen, da, wo uns keiner sieht außer Gott selbst. Im gewöhnlichen Alltag wird ein entscheidender Teil unseres Charakters und unserer Hingabe geprägt. Ich glaube, mein Dienst begann schon als kleiner Junge, als ich mit meinem Vater am Sonntagmorgen früher als alle anderen zum Gottesdienst ging. Während er mit den Noten für Orgel und Chor beschäftigt war, hatte ich Zeit, durch die Bankreihen zu gehen und alle zu begrüßen, die hier schon andächtig warteten. Nach dem Gottesdienst war ich einer derjenigen, die große Stapel von Gesangbüchern zurück zum Regal am Eingang schleppten, bis alles wieder seine Ordnung hatte. Als Schuljunge stand ich am Eingang und begrüßte jeden, der zum Gottesdienst kam. Es war für mich normal, der alten Schwester aus unserer Gemeinde zweimal wöchentlich die schweren Kohleneimer aus dem Keller in ihre Wohnung zu tragen, damit sie heizen konnte. Später waren es immer bedürftige Menschen, die meine Hilfeleistung und Barmherzigkeit benötigten, mit denen Gott mich in Verbindung brachte. Da waren die Teenager, gerade aus dem Kinderheim in ein eigenständiges Leben entlassen, die während ihrer Ausbildung einen Freund und ein Gegenüber benötigten. Da war der im Alter erblindete Herr, den ich während einer Evangelisationswoche kennenlernte, als wir bei einer Einladeaktion von Tür zu Tür gingen. Über Jahre besuchte ich ihn danach wöchentlich, um ihm durch Spaziergänge und Gespräche die 18

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Zeit zu vertreiben. Oder ich denke an die ältere Dame, die nach ihrem Schlaganfall monatelang ans Bett gefesselt war und meine Besuche sehnlich erwartete. Später, als junge Familie, „adoptierten“ wir den Herrn von gegenüber, der nach einer Beinamputation fast unfähig war, allein zu überleben. Alle diese Menschen und noch manche andere hatten durch den Kontakt mit uns die Möglichkeit, Jesus Christus persönlich kennenzulernen. Jeder von ihnen war ein Prüfstein Gottes für unsere Liebe zu ihm und zu den Verlorenen. Im Alltag wurde gewissermaßen der Dienst der Zukunft geboren. Neben den praktischen Barmherzigkeitsdiensten führte Gott mich auch mehr und mehr in geistliche Verantwortung für andere hinein. Nachdem ich am 22. November 1987 nach einem evangelistischen Wochenendeinsatz auf souveräne Weise von Gott mit dem Heiligen Geist erfüllt worden war, begann eine neue Dimension der Dynamik des Lebens Gottes in mir zu wirken. In den Monaten nach dieser Erfahrung war es für mich normal, trotz meiner Arbeit und meiner Familie täglich ein bis zwei Stunden Bibel zu lesen und zu beten. Ich las das Wort Gottes mit völlig neuen Augen. Niemals hatte ich daran gezweifelt, dass Jesus Wunder getan hatte, damals vor zweitausend Jahren. Mit einem Mal erkannte ich nun aber, dass er auch in meinem Leben und durch mich Wunder tun wollte, heute! Das war eine riesige Offenbarung für mich. Der Heilige Geist formte in mir eine völlig neue Haltung dem Wort Gottes gegenüber. Ich erkannte Gottes Wort als einzigen Maßstab für die Wahrheit und als unbedingte Autorität über mein Leben an. So entschlossen wie nie zuvor war ich bereit, mein gesamtes Leben, meine Wünsche, Ideen und eigenen Pläne dem Willen Gottes unterzuordnen. Und noch etwas Entscheidendes geschah: Die Verheißungen Gottes wurden real und lebendig für mich, sodass sie zur Grundlage 19

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meines gesamten weiteren Lebens wurden. Ich lernte gemeinsam mit meiner Frau, mich an Gottes Verheißungen für unser Leben zu klammern, egal wie die Umstände aussahen. Die Monate nach meiner Geistestaufe glichen in manchem einem Intensivkurs, der zu neuen Erkenntnissen und Offenbarungen über Gottes Wesen und seinen Willen führte. Bereits vier Monate nachdem ich Gottes Kraft erlebt hatte, bekam ich die Gelegenheit, direkt im Glauben anzuwenden, was ich theoretisch erkannt hatte. Ich wurde krank. Nach einem Sturz bei der Arbeit bekam ich noch am gleichen Abend Fieber und unerträgliche Kopfschmerzen. Diese Kopfschmerzen verschlimmerten sich in den nächsten Tagen und dazu bekam ich eine Nackensteife, die auf eine Meningitis schließen ließ, wenngleich die Zusammenhänge dafür unklar blieben. Nach fünf Tagen des Wartens ohne jegliche Besserung wurde ich mit Verdacht auf Hirnhautentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Die Situation war extrem hart für uns. Nur drei Wochen war es her, dass unsere zweite Tochter Hannah-Deborah geboren war, und von einem Tag auf den anderen war Kirsten, die selbst noch sehr schwach war, allein mit unseren zwei kleinen Kindern. Dazu kam, dass mir bei der Einlieferung ins Krankenhaus versichert wurde, dass ich nun die nächsten sechs Wochen dort verbringen müsse. Das war ein Schock für mich. Ich wurde in ein Zweibettzimmer geschoben, das trostloser nicht hätte sein können. Ich habe mich seitdem mehrfach gefragt, warum Krankenhauszimmer oft so eintönig und mit leblosen Farben gepinselt werden, die Enttäuschung und Mutlosigkeit eher fördern als mindern. Da lag ich nun mit unerträglichen Schmerzen, scheinbar verlassen und abgeschoben in einem düsteren Zimmer mit dem Wissen, dass selbst die Ärzte am Grübeln waren, was mein eigentliches Problem sei. 20

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Inmitten dieser Hoffnungslosigkeit geschah etwas mit mir, was ich bis heute nicht richtig erklären kann. Der Geist Gottes begann sich in mir zu bewegen und mich an einige der Verheißungen aus seinem Wort zu erinnern, die mir in den vorangegangenen Monaten so ans Herz gewachsen waren. Er gab mir ein Wort, das er vor meinen Augen entfaltete und zum Leben brachte, sodass es zu einer kompletten Wende in meinem momentanen Zustand kam. Gott erinnerte mich an das Wort aus Jeremia 17,7-8, wo es heißt: „Gesegnet ist der Mann, der auf den Herrn vertraut und dessen Vertrauen der Herr ist! Er wird sein wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt und sich nicht fürchtet, wenn die Hitze kommt. Sein Laub ist grün, im Jahr der Dürre ist er unbekümmert und hört nicht auf, Frucht zu tragen.“ Als dieses Wort in meinen Sinn kam und ich es im Glauben für meine Situation in Anspruch nahm, begann es in meinem Zimmer hell zu werden. Alles Düstere, Trostlose, Deprimierende in mir und um mich herum verschwand, Hoffnung und die unerschütterliche Gewissheit, dass alles gut werden würde, breiteten sich aus. Ich war glücklich. Die Farben an den Wänden waren immer noch die gleichen, aber Gott war da und das machte den Unterschied. Bereits nach drei Wochen durfte ich das Krankenhaus geheilt verlassen, und Kirsten hatte erlebt, wie ihr von verschiedenen Seiten wunderbar geholfen worden war. Ich hatte eine entscheidende neue Lektion über die Kraft des Wortes Gottes gelernt, die mich seither in vielen dunklen Momenten durchgetragen und zum Sieg gebracht hat. Gottes Vorbereitung für unsere Zukunft war längst in vollem Gange. Nicht alle Geschwister meiner Baptistengemeinde waren damals glücklich gewesen, mein Zeugnis über die Erfüllung 21

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mit dem Heiligen Geist zu hören. Unkenntnis über Gottes Wort und Unsicherheit aus Mangel an eigenen Erfahrungen ließen dieses Thema zu einem Streitpunkt werden. Für manchen wurde ich daraufhin zum „Überflieger“, dem das Normale nicht mehr gut genug war. Es stimmte sogar – das Normale war nicht mehr ausreichend, nachdem ich das Bessere, Lebendigere und Vollkommenere geschmeckt hatte. Heute weiß ich allerdings, dass ich in dieser „heißen Phase“ meines geistlichen Wachstums nicht gerade vor Weisheit und Geduld strotzte. Ohne Frage war ich für manchen lieben Christen um mich herum eine echte Herausforderung. Trotz aller Widerstände bekam ich die Freiheit, einen Gebetskreis zu gründen, aus dem heraus die spätere Hauskreisarbeit der Gemeinde entstand. In der Position des Gesamtleiters eben dieser Hauszellgruppen befand ich mich, als Gott uns am erwähnten 10. Januar 1992 als Familie rief, ihm nach Südamerika zu folgen. Innerlich war ich an einem Scheidepunkt angelangt, der mich zerriss. Ich hatte mit meinen siebenundzwanzig Jahren geistliche Verantwortung für eine bestimmte Gruppe von Menschen, aber ich wusste nicht, wie ich diese Leute in tiefere und weitreichendere Erfahrungen mit Gott führen konnte. Mein geistliches Limit war erreicht, und ich war müde und entmutigt über mich selbst. Wie niemals zuvor spürte ich meine Begrenztheit, und gleichzeitig wuchs in mir die Sehnsucht, Gott und sein Wesen besser kennenzulernen. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich mich unfähig und unwürdig fühlte, weiter geistliche Verantwortung zu tragen. Ich wollte ausbrechen, als Gott begann, eine neue Tür für uns als Familie zu öffnen.

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Göttliche Zeitpunkte Im Gegensatz zum griechischen Wort chronos, das in der Bibel die fortlaufende Zeit beschreibt, bezeichnet das Wort kairos besondere göttliche Zeitpunkte. In Markus 1,15 lesen wir z. B.: „Die Zeit (kairos) ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Wir müssen verstehen, dass es auch in unserem Leben göttliche „Kairos-Zeiten“ gibt, in denen Gott Dinge zur Reife bringt und uns zu Entscheidungen führt. Es geht Gott darum, dass wir uns in seinem „kairos“ bewegen, damit wir nicht nur am richtigen Ort, sondern eben auch zum richtigen Zeitpunkt ankommen. Vieles im Reich Gottes muss zu „KairosZeitpunkten“ geschehen, sonst haben wir möglicherweise die Chance verpasst. In der Geschichte brachten beispielsweise bestimmte politische Umwälzungen solche „göttlichen Zeitpunkte“ mit sich, in denen bestimmte Länder oder Volksgruppen besonders gut mit dem Evangelium zu erreichen waren. Gott brauchte Boten, die ihm gerade in diesen Zeiten zur Verfügung standen, und er fand sie auch. Kairos-Zeiten sind äußerst spannend, bringen sie doch radikale Weichenstellungen und Neuorientierungen mit sich. In Kairos-Zeiten drängt Gott zum Handeln, weil Neues und Größeres bevorsteht. Für uns als Familie war das Frühjahr 1992, kurz nach Gottes Berufung, eine solche Zeit. Ich hatte begeistert das Buch Bist du es, Herr? von JmeM-Gründer Loren Cunningham gelesen und wir waren bereit, zu „Jugend mit einer Mission“ zu gehen. Wir bewarben uns und bekamen nach wenigen Tagen umfangreiches Infomaterial und alle notwendigen Informationen zugesandt. Allerdings mussten wir feststellen, dass die Ausbildung mit anschließendem Missionseinsatz nicht den Zeitumfang hatte, den wir als Familie brauchten, um uns gemeinsam auf unsere zukünftige Mission in Süd23

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amerika vorbereiten zu können. So beteten wir weiter um einen Ort der Zurüstung und des Trainings für uns als Ehepaar, gemeinsam mit unseren zwei, vier und sechs Jahre alten Töchtern Mirjam, Hannah-Deborah und Judith. Ich kann mich bis heute nicht daran erinnern, dass ich mich zur Gebetskonferenz von „Fürbitte für Deutschland“, die im Januar 1992 im Glaubenszentrum Bad Gandersheim stattfand, angemeldet hatte. Aber ich bekam die Bestätigung und wusste, jetzt war meine Zeit gekommen, als Ehemann und Vater mehr über Gebet zu lernen. Schließlich war ich derjenige, der seine Familie in Gottes Absichten hineinführen sollte. Es waren intensive Tage damals in Bad Gandersheim. Gemeinsam mit zwei Freunden, die auch auf der Suche nach Gottes Antworten für ihr Leben waren, beteten und fasteten wir gemeinsam drei Tage und waren in jeder freien Minute im Gebetsraum zu finden. Es verband uns die gemeinsame Sehnsucht, den Willen Gottes für unsere Familien herauszufinden und die Spannung, wie es wohl mit jedem von uns weitergehen würde. Eines Morgens – ich war alleine im Gebet gewesen – ging ich über den weiten Innenhof des Glaubenszentrums, als ich eine ganz leise, zarte Stimme in meinem Inneren vernahm, die sagte: „Kommt her, denn es ist alles bereit.“ Im gleichen Moment begann eine unbeschreibliche Freude in meinem Inneren aufzusteigen und ich wusste augenblicklich: Hier würde für die nächsten Jahre unser neues Zuhause sein. Es war typisch von Gott, dass er sagte: „Es ist alles bereit“, denn im Sichtbaren war nichts bereit. Wir hatten weder Geld, um die Bibelschule zu bezahlen, noch war Kirsten davon überzeugt, dass dies der richtige Ort für uns sei. Gerade vor einem Jahr waren wir in eine schöne neue Wohnung umgezogen, und wir waren dabei, uns einige Sicherhei24

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ten aufzubauen. Eine Lektion hatte ich aber bereits gelernt. Wenn Gott sagt: „Es ist alles bereit“, dann ist alles bereit, egal ob man es sieht oder nicht! Am Ende dieser Gebetswoche fuhr ich mit der Gewissheit zurück zu meiner Familie, dass wir auf die Bibelschule nach Bad Gandersheim gehen würden. Auf der Rückfahrt saß ich alleine im Wartburg, unserem DDR-Relikt, und sang und lobte Gott so laut, dass ich glaubte, jeder auf der Straße müsste mich singen hören. Es war mir egal, ich war glücklich zu wissen, dass Gott seine Zusage erfüllen würde; und mehr noch: Er selbst würde meine Frau überzeugen. Gott stand zu seinem Versprechen, und im August 1992 zogen wir als Familie von Erfurt nach Bad Gandersheim. Der erste Höhepunkt dort war die Einschulung unserer ältesten Tochter Mirjam. Vom ersten Moment an empfanden wir es als ein Privileg, gemeinsam als Familie die Bibelschulzeit erleben zu können, war es doch unsere gemeinsame Chance, Gott besser kennenzulernen und von ihm für das Kommende geprägt und zusammengeschweißt zu werden. Im Sichtbaren war immer noch nicht alles bereit. Da wir keinerlei finanzielle Rücklagen hatten, konnten wir nur den ersten Monat der Bibelschule bezahlen, dann startete unser „Glaubensprojekt“. Eines Tages sollten wir als Missionare nach Südamerika gehen, also mussten wir jetzt lernen, auch finanziell von Gott abhängig zu sein. So begann unsere Lernzeit für diesen Bereich ebenfalls in Deutschland. Unseren ersten Freundesbrief schrieben wir im Juni 1992 und waren gespannt, wer reagieren und sich finanziell an unserem „Abenteuer“ beteiligen würde. Seit mehr als sechzehn Jahren leben wir nun schon aus „Glauben“, wie man so sagt, und haben immer wieder erlebt, dass Gott besonders die Herzen derer berührt, die eigentlich nicht viel haben. Andere, die sich viele Sorgen um unseren 25

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Unterhalt als Familie gemacht haben und über ein gutes Einkommen verfügen, haben sich nie dazu durchgerungen, uns zu helfen. Wir mussten lernen, unsere Erwartungen ausschließlich auf Gott als unseren Versorger zu setzen und in keiner Weise von Menschen abhängig zu sein. Die Umstände sind nicht in jedem Fall ein Zeichen dafür, ob Gott etwas in unserem Leben möchte oder nicht. Vorhandene oder nicht vorhandene Finanzen machen in den Augen Gottes keinen großen Unterschied. Wenn Gott etwas möchte, dann versorgt er uns, auch wenn es möglicherweise ein „Glaubensprojekt“ erfordert. Es ist ein geistliches Prinzip, dass Wunder da beginnen, wo unsere eigenen Möglichkeiten aufhören. Es kann sehr herausfordernd sein, in finanzieller Abhängigkeit von Gott zu leben. Zugleich aber stärkt es den Glauben enorm. Mit jedem Versorgungswunder, das wir als Familie erlebt haben, ist unser Vertrauen und unsere Gewissheit in Gottes unveränderliche Treue gewachsen. Jede neue Erfahrung mit ihm macht uns sicherer und kühner, ihm alles zuzutrauen und vor nichts zurückzuschrecken, auch wenn es menschlich gesehen unmöglich scheint. Manch einer von denen, die dieses Buch lesen, würde gerne Wunder in seinem eigenen Leben haben, auch Wunder der Versorgung. Die einzige Voraussetzung dafür ist, dass du Gott vorher im Gehorsam alles gegeben hast und ihm vertraust! Die Zeit im Glaubenszentrum war großartig für uns. Es gab so viel zu lernen. Kirsten und ich waren in christlichen Familien aufgewachsen und lebten von klein auf ernsthaft mit Gott. Wir haben uns bereits als Kinder für Jesus entschieden und wurden schon als junge Teenager getauft. Unser Verlangen war es von Beginn unserer Ehe an, Gott zu dienen und ihm zur Verfügung zu stehen. Aber wir hatten eben unsere Prägung. Unsere Vorstellungen von Gott waren festgelegt 26

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durch das, was wir mehr als zwanzig Jahre gehört und gelernt hatten. Manches war falsch und brauchte Korrektur, manches schief und musste gerichtet werden, einiges war schwach und benötigte Stärkung und anderes hatten wir noch nie zuvor gehört. Für uns als ehemalige DDR-Bürger war Minderwertigkeit eine „Altlast“, die wir mit uns herumtrugen. Oft fühlten wir uns als die kleinen „grauen Mäuse“, ohne eigenes Selbstwertgefühl. Ich erinnere mich, wie ich noch zu Anfang der Bibelschulzeit Mühe hatte, meinen Leitern offen in die Augen zu schauen – aus Minderwertigkeit. Wer war ich schon, hatte ich doch nicht viel vorzuweisen. Außer meiner hübschen Familie und einem alten Auto, von dem es kaum ein zweites auf dem Hof gab, besaß ich nichts. Heute weiß ich, dass wir gerade darum so hungrig waren, das Wesen Gottes und seine Absichten zu verstehen und aufzusaugen. Wir waren uns unserer geistlichen Bedürftigkeit sehr bewusst, und dies ließ uns mit offenem Herzen alles empfangen, was wir nur von Gott bekommen konnten. Wir liebten es, darin angeleitet zu werden, Gottes Wort zu lesen, zu studieren und es auswendig zu lernen. Wir waren entschlossen, uns in allem den bestehenden Regeln und Ordnungen zu unterstellen, gab uns Gott hier doch die einmalige Chance, ihn kennenzulernen, wie es uns nie zuvor möglich gewesen war. Es war keine Last für uns, auf engstem Raum in nur zwei kleinen Zimmern zu leben und die Waschräume, Toiletten und Abstellkammern mit anderen Familien zu teilen. Wenngleich diese Umstände nicht immer leicht waren, wussten wir doch, dass Gott uns formen und für etwas Größeres trainieren würde, das noch unsichtbar vor uns lag. Es war in einer persönlichen Gebetszeit, als Gott durch ein Bild zu mir sprach. Ich sah einen großen Bahnhof mit vie27

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len Gleisen, großen Anzeigetafeln und Zügen, die in verschiedene Richtungen fuhren. Gott sagte: „Christoph, du brauchst dir keine Sorgen darüber zu machen, wohin eure Reise gehen wird. Ich werde euch den Ort zur richtigen Zeit zeigen. Du brauchst dir keine Gedanken darüber zu machen, wann die Reise losgeht, ich werde euch den Zeitpunkt bekanntgeben. Mach dir auch keine Gedanken darüber, wo die Finanzen für die Reise herkommen werden, denn ich werde die Reise bezahlen. Christoph, ihr seid nur für eines verantwortlich. Ihr müsst eure Koffer packen. Hier und jetzt auf der Bibelschule entscheidet ihr, welche Lektionen ihr lernt, die ihr mitnehmen könnt an euren zukünftigen Einsatzort. Packt eure Koffer gut!“ Diese Worte berührten mein Herz zutiefst. Nach dieser Begegnung vermieden Kirsten und ich es mit noch mehr Ernsthaftigkeit, irgendetwas von dem zu verpassen, was Gott uns lehren wollte. Unsere Töchter waren schon immer davon begeistert gewesen, in ein fremdes Land mit einer anderen Sprache zu ziehen. Natürlich war ihnen die Tragweite eines solchen Unternehmens nicht bewusst. Als Kinder hatten sie keine Ahnung davon, was es bedeuten würde, eine Schule mit neuer, fremder Sprache zu besuchen und Freunde in einer anderen Kultur zu finden. Sie waren beseelt von dem Gedanken, auf dem Missionsfeld endlich ihren Wunsch vom eigenen Haustier erfüllt zu bekommen. So träumten sie von Pferden, Kängurus und Pinguinen, die sie in Haus und Garten halten wollten. Wir hatten unsere Kinder vom Tag unserer Berufung an damit vertraut gemacht, eines Tages in ein fernes Land zu ziehen, um dort Menschen zu dienen, die Gott noch nicht kannten. Gemeinsam lebten wir in der Vorstellung, Gott eines Tages als ein Team auf dem Missionsfeld dienen zu können. Dieser Gedanke beflügelte uns und auch unsere Kinder. Jeder würde in Gottes kommendem Plan wichtig sein. 28

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Erst glauben, dann schauen „Das Geld wird kommen“, hatte ich in die Spalte „Finanzen – Ja oder Nein“ eingetragen. Ich benötigte 1.300 DM, um nach Russland zum Missionseinsatz mitfahren zu können. Wir besaßen nichts davon, aber im Herzen hatte ich das Zeugnis, dass ich unbedingt mitfahren solle. Also hatte ich kühn im Glauben meinen Namen auf die Anmeldeliste geschrieben, bevor wir in die Weihnachtsferien fuhren. In den kommenden Ferienwochen wurde uns verschiedentlich Geld in die Hand gedrückt, sodass wir mit mehreren Hundert Mark aus den Ferien zurückkamen, allerdings nicht genug, um die Reise bezahlen zu können. Anfang Januar fanden wir einige Briefe von Missionsgesellschaften in unserem Brieffach, die um finanzielle Hilfe für bevorstehende Projekte im Jahr 1993 baten. Wir mussten uns entscheiden, entweder das zu behalten, was wir hatten, und zu hoffen, dass noch einiges dazukommen würde, oder alles in diese Missionsprojekte zu investieren. Wir entschieden uns für das Letztere und so teilten wir unsere „Reichtümer“ auf drei verschiedene Missionswerke auf. Alles, was wir in dieser Situation tun wollten, war es, Gott gehorsam zu sein. Wir spürten, dass er uns zu dieser Entscheidung geführt hatte, alles wegzugeben und ihm gänzlich zu vertrauen. Als ein paar Tage darauf mein Bibelschulleiter Mike Chance bei mir nachfragte, ob sich etwas in Bezug auf die Finanzen für Russland getan habe, sagte ich ihm, dass diese noch kommen würden. Nach wenigen Tagen hielt er mich erneut auf der Treppe an und erkundigte sich, wie es um meine Finanzen stünde. „Nichts Neues bei uns“, sagte ich, ehe er mit einem Lächeln im Gesicht feststellte: „Bei uns schon, deine Reise ist bezahlt.“ Mir stockte der Atem, und ich traute meinen Ohren nicht – „Was ..., wie ..., von wem?“ – „Frag‘ nicht 29

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nach, freue dich einfach. Alles Geld für dich ist bei uns eingegangen.“ Ich war total aus dem Häuschen, glücklich darüber, dass Gott sich zu uns gestellt hatte. Wir waren dabei, eine weitere Lektion über seine Versorgung zu lernen. Wenn Gott uns ermutigt zu geben, sollten wir das gerne tun, egal ob wir das Geld auch für uns selbst gebrauchen könnten. Gott hat seine Absichten damit. Wenn du gibst, kann Gott dich dazu benutzen, die Gebete anderer zu erhören. Außerdem legst du damit die Grundlage dafür, dass Gott andere Menschen zu deiner eigenen Versorgung gebrauchen kann. Gott ist unser Versorger, aber er benutzt dazu Menschen, die willig sind, ihm zu gehorchen. Im Reich Gottes muss das Geld fließen, und wir können Kanäle für diesen Geldfluss sein. Das Glaubenszentrum Bad Gandersheim war der Ort, an dem wir in vielen biblischen Prinzipien unterwiesen wurden. Hier gab es auch den geschützten Raum, diese Prinzipien praktisch umzusetzen. Ich erinnere mich als wäre es heute, dass wir eines Abends – wie wir es gelernt hatten – anonym einen Briefumschlag mit zweihundert Mark ins Brieffach einer Bibelschulfamilie stellten, die in Nöten steckte. Als ich am nächsten Morgen im Unterricht saß und meine Bibel öffnete, fand ich darin einen Umschlag mit einhundert Mark. Gott hatte direkt geantwortet, und wir waren entschlossen, seinen Prinzipien gehorsam zu folgen, brachten sie doch die Wunder, die wir benötigten. Südamerika ist ein riesiger Kontinent, und die Not ist dort an vielen Stellen ebenso riesig. Damals, im Januar 1992, hatte Gott gesagt, wir würden nach Südamerika gehen, um mit Straßen- und Waisenkindern zu arbeiten. Nie hatte er aber das Land oder die Stadt genannt, in der wir arbeiten sollten. 30

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Das bringt mich zu einem wichtigen Punkt, wenn es um unsere Berufung und Gottes Führung geht. Gottes Verlangen als unser Vater ist es, uns als seine Kinder in eine zunehmende Mündigkeit hineinzuführen. Das bedeutet, er lehrt uns, eigene Entscheidungen zu treffen; in der Abhängigkeit von ihm und unabhängig von den Umständen. Er möchte uns darin trainieren, seine Stimme zu hören und seinem Willen gehorsam Folge zu leisten. Durch das Zeugnis seines Geistes in unserem Geist lernen wir, Gottes Stimme von anderen Stimmen und unserem Eigenwillen zu unterscheiden. Ein übernatürlicher Friede und innere Freude sind entscheidende Merkmale dafür, dass wir uns im Willen Gottes befinden, sofern wir uns auf der Grundlage des Wortes Gottes bewegen. Nicht wenige Christen wissen darum, dass sie einen besonderen Ruf von Gott haben, aber sie kommen seiner Erfüllung keinen Schritt näher. Warum? Möglicherweise warten sie auf besondere Zeichen oder Hinweise Gottes, die niemals kommen werden, weil er sie zur Mündigkeit führen will. Unsere Berufung ist an ein großes Maß von Eigenverantwortung gekoppelt, der wir uns stellen müssen. Außerdem ist es so, wie ich es in einem Buch von Watchman Nee gelesen habe: Unsere Berufung ist immer größer als wir selbst. Mit anderen Worten: Wenn du glaubst, einen Ruf von Gott zu haben, der im Bereich deiner Möglichkeiten liegt, ist es mit Sicherheit kein Ruf von Gott. Gott beruft uns zum scheinbar „Unmöglichen“, weil er sich selbst durch uns schwache Gefäße verherrlichen will. Persönlich hat mich diese Erkenntnis ermutigt und freigesetzt. Im intensiven Gebet und Fasten liefern wir uns Gott aus und klammern uns mit allem, was in uns ist, an seinen Willen. Danach aber ist der Zeitpunkt gekommen, glaubensvolle Entscheidungen zu treffen, die Gott ehren. Unsere persönliche Erfahrung hat ganz klar gezeigt, dass Gott sich dazu stellt. 31

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Sechs Jahre lebten wir als Familie in der Bibelschule Bad Gandersheim. Zuerst als Schüler, danach als Praktikanten, und in den letzten zwei Jahren durften wir dort als Mitarbeiter dienen. Während dieser Zeit hätte Gott vielfältige Möglichkeiten gehabt, durch Propheten über unseren zukünftigen Weg zu reden. Er tat es nie. Warum? Weil wir durch seinen Geist schon ein klares, unerschütterliches Zeugnis in uns trugen, wohin wir gehen sollten und wie unser Dienst aussehen würde. Gott denkt und plant strategisch, wenn es um die Ausbreitung seines Reiches geht. Wir müssen lernen, dass wir ebenso strategisch denken und planen dürfen, wenn es um sein Werk geht. Es bereitet ihm sogar Freude. Wir sind seine Werkzeuge, diejenigen, die „ihre Glieder ihm zur Verfügung gestellt haben, als Waffen der Gerechtigkeit“ (Röm 6,12-13). Gott möchte gemeinsam mit uns planen und seine Vision in uns entwickeln. Dazu benutzt er verschiedene Mittel und Faktoren. Als sich für mich am Ende der Bibelschulzeit im Fach Weltmission die Frage stellte, über welche „unerreichte“ Volksgruppe ich eine Abschlussarbeit schreiben würde, entschloss ich mich für die „Volksgruppe“ der Straßenkinder. Bei meinen anschließenden Bemühungen, Informationsmaterial über deren weltweite Situation und vorhandene Dienste zu beschaffen, war ich erstaunt darüber, wie wenig deutsches Material zur Verfügung stand. Bei der Auswertung aller eingegangenen Informationen erkannte ich deutlich, dass Brasilien das Land mit den meisten Straßenkindern in Südamerika war. Parallel dazu wurde ich durch das Buch Mit Gott in der Stadt leben von Floyd McClung tief davon bewegt, wie sehr Gott die Großstädte mit ihren Menschenmassen am Herzen liegen. Gott sehnt sich nach den verlorenen Seelen, darum ist er überall da, wo die Menschen sind, selbst in den hässlichen, 32

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verkommenen und extrem gefährlichen Großstädten dieser Welt. Als wir über Brasilien nachdachten, gab es für uns nur die Wahl zwischen Rio de Janeiro und São Paulo. Rio de Janeiro mit seinen damals zwölf Millionen Einwohnern war erstens kleiner als São Paulo und zweitens arbeiteten dort bereits mehrere Missionare in Projekten unter Straßenkindern. So entschieden wir uns für São Paulo, einer Stadt mit siebzehn Millionen Einwohnern, die als eine der gewalttätigsten der Welt galt. Unser Gebet war: „Herr, wir haben uns für São Paulo entschieden, bitte schließe die Tür, wenn du uns dort nicht haben willst.“ Alles, was Gott daraufhin mehrmals zu uns sagte, war: „Go for it!“ Kein Prophet bestätigte uns jemals die Wahl dieser Stadt, aber sie lebte durch den Heiligen Geist in unseren Herzen. Missionsreisen sind ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung für einen Einsatz auf dem Missionsfeld, besonders wenn er sich über mehr als nur ein paar Monate erstrecken soll. Es ist ein entscheidender Unterschied zu wissen, ob wir in wenigen Monaten das gegebene Klima, die Kultur mit ihrer Sprache, ihren Lebens- und Essgewohnheiten, das Chaos im Verkehr und die permanenten Gefahren wieder verlassen können oder ob wir für die nächsten Jahre an diesem Ort leben werden. Missionsreisen können uns helfen, wenigstens im Ansatz einen Eindruck davon zu bekommen, welchem Druck und welchen Veränderungen wir in einer anderen Kultur als der eigenen ausgesetzt sind. In dieser Hinsicht war meine erste Missionsreise nach Russland sehr prägend und grundlegend für mich, zeigte sie mir doch ganz klar, dass es einen hohen Preis kosten würde, das bequeme und sichere Deutschland für längere Zeit zu verlassen. Unser Quartier in einem ständig überheizten Kin33

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dergarten am Stadtrand Moskaus, die Hähne, die von den Balkons der umliegenden Wohnscheiben herunter krähten, die durch Tauwetter hervorgerufenen Wasserrohrbrüche, die ganze Straßen überfluteten, zerstörte Spielplätze, chaotische sanitäre Anlagen und die vielen, vielen leblosen Gesichter an den Metrostationen, an denen wir Einladungen zu den Abendevangelisationen verteilten; all das machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich spürte eine gewaltige Schwere und Depression über der Stadt. Es schockierte mich zu sehen, wie Wohnblocks mit bereits kaputten Betonplatten gebaut wurden und wie die Menschen in riesigen Schlangen nach Brot anstanden. Es drang mir tief ins Herz, die vielen herumlungernden Straßenjungen zu sehen, die bemüht waren, Kleinigkeiten zu verkaufen oder einfach nur zu betteln. Wir sahen Kinder, die unter Lebensgefahr an Lokomotiven geklammert von Station zu Station „surften“. Bei den abendlichen Evangelisationen sah ich aber noch etwas anderes, etwas Neues. Da war ein Hunger nach Gottes Wort und dem Wirken des Heiligen Geistes in den Menschen, wie ich ihn in Deutschland noch nie erlebt hatte. Die Menschen, die an den Metrostationen unsere Einladungszettel erhalten hatten, kamen tatsächlich von den Enden der Stadt, um das Wort Gottes zu hören. Die angemieteten Kinos im Zentrum und der Umgebung Moskaus waren überfüllt mit Menschen auf der Suche nach Antworten für ihr Leben. In diesen Tagen wuchs die Sehnsucht in meinem Herzen, Gott an einem Ort zu dienen, wo die Menschen unsere Hilfe suchen und annehmen würden. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, denen zu dienen, die satt und ignorant Gottes Erlösungswerk verachten. In allem, was ich hier sah und erlebte, wurde mir bewusst, wie wichtig ein festes geistliches Fundament und die Erfahrung ist, im Gebet zum Sieg durchzudringen. Ohne 34

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dies würde es nicht möglich sein, einem derartig geistlichen Druck standzuhalten, geschweige denn Land einzunehmen. Diese Feststellung war ernüchternd für mich, spornte mich aber dazu an, eine neue Dimension des Gebets und der Abhängigkeit von Gott zu suchen. Brad Thurston, unser heutiger Missionsdirektor, hatte mir gesagt: „Christoph, geh in ein Land und eine bestehende Arbeit, die eurer Vision ähnlich ist und lerne sie kennen. Das wird dir helfen, deine eigene Vision klarer sehen zu können.“ Diese Worte waren eine entscheidende Hilfe für mich. Anfangs haben wir normalerweise nur eine relativ unklare Vorstellung davon, was Gott eigentlich durch uns tun möchte. Lernen wir aber einen Dienst kennen, der in gewisser Weise dem entspricht, was in unserem Herzen lebt, dann hilft uns das, die Konturen unserer eigenen Vision klarer zu ziehen. So reiste ich im Sommer 1995 gemeinsam mit meinem Bruder nach Guatemala, um die „Adopt A Child“Programme von „Living Waters Ministries“ kennenzulernen. In vier verschiedenen Bergdörfern bekamen damals mehr als 1.500 Indiokinder – Nachfahren der Mayas – zweimal wöchentlich eine warme Mahlzeit und erhielten danach eine biblische Unterweisung. Ähnliche Speisungsprogramme wurden auch in der Hauptstadt Guatemala City und im Umkreis Antiguas an verschiedenen Orten durchgeführt. Um unsere eigenen Kinder mit der Not anderer vertraut zu machen, hatte damals jede unserer Töchter ihr eigenes Patenkind in Guatemala. Wenn auch ihr eigener Anteil am Unterhalt dieser Kinder eher gering ausfiel, so beteten sie doch täglich für Maylin, Porfirio und Elisabeth und bedachten sie mit Briefen und kleinen Geschenken zum Geburtstag. Es hinterließ einen tiefen Eindruck in mir, diese Kinder vor Ort 35

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anzutreffen und persönlich mit ihnen in Kontakt zu kommen. Ich war bewegt von den extrem armen Lebensverhältnissen ihrer Familien. Viele der Kinder, die in den Speisungsprogrammen registriert waren, liefen oft für ein bis zwei Stunden durch unwegsames Gelände, nur um eine warme Mahlzeit zu erhalten. Der Einsatz der einheimischen Mitarbeiter und ihr Umgang mit den Kindern während der Programme war rührend und vorbildlich. Als ausländischer „Zuschauer“ genoss ich die Nähe der Kinder, die kaum Scheu zeigten, an mir herumzuklettern oder mit meinem Fotoapparat zu hantieren. Sie erklärten mit wachsender Begeisterung unzählige Dinge auf Spanisch oder in Ketchua, ihrer Heimatsprache, was ihre Freude und das Durcheinander der Verständigung auf den Höhepunkt brachte. Diese Zeit half mir, Berührungsängste zu Kindern abzubauen und bestätigte mich darin, dass es in einer beziehungsorientierten Kultur leicht sein würde, die Herzen der Kinder zu gewinnen. Die Zeit in Guatemala half mir, klarer zu sehen, welche Elemente und Strukturen unbedingt in unserem zukünftigen Dienst vorhanden sein mussten. Durch das Erlebte war ich nun auch in der Lage, einiges von dem, was in meinem Herzen keinen „Widerhall“ fand, auszuschließen. Auf diese Weise schärfte sich das Bild von dem, wie unsere Arbeit eines Tages aussehen sollte. Vater von drei Kindern zu sein ist noch keine Garantie dafür, auch einen guten Kindermitarbeiter abzugeben. Dies wurde mir im Glaubenszentrum sehr schnell bewusst. Als gelernter Gärtner war ich von Beginn unserer Zeit in der Bibelschule verantwortlich für die Außenanlagen. Wann immer ich auf unserem Kleintraktor saß und das Motorengeräusch nur eine Minute lang über den Hof hallte, wurden die Kinder in Scharen davon angezogen. Ehrlich gesagt passte mir das gar nicht, 36

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denn ich wollte ja etwas arbeiten, also verscheuchte ich sie wie Fliegen mit wedelnden Armen. Dieses Gebaren half allerdings wenig, denn sie kamen immer wieder. Ich war hoffnungslos überfordert. Eines Tages würde ich auf einem anderen Kontinent mit Kindern arbeiten – doch nicht einmal im eigenen Land war ich fähig, richtig mit ihnen umzugehen. Die bis dahin schwersten und wohl auch rebellischsten Stunden meines Lebens erlebte ich auf dem ersten Kindermitarbeiter-Seminar, an dem wir als frische Bibelschüler teilnahmen. Es war schrecklich für mich, zwischen all den lieben Schwestern zu sitzen, die mit mütterlichem Blick und überwältigender Kinderliebe das Seminar verfolgten. Männer waren vor sechzehn Jahren noch sehr rar im Bereich des Kinderdienstes. Man überließ diese Verantwortung den Frauen, die es anscheinend besser konnten. So saß ich etwas verloren neben meiner Frau in der letzten Reihe und kämpfte ständig mit dem Gedanken, dass ich wohl nie so lieblich und zart sein konnte wie die Frauen um mich herum. Damals war mir noch nicht klar, dass jeder Kinderdienst nicht nur Mütter, sondern auch Väter braucht, die als Männer auftreten. Also kämpfte ich weiter mit meiner Unfähigkeit und dem Anspruch Gottes an mich, eines Tages ein Vater für viele Kinder zu sein. Das Verlangen, denen zu dienen, die niemanden haben, und für die zu kämpfen, für die keiner kämpft, brannte nach wie vor in meinem Herzen. Hier erkannte ich nun, dass es trotzdem noch ein langer Weg sein würde. Wenn Gott Menschen beruft, dann befähigt er sie auch. Dieses Wissen gab mir die Kraft, nicht aufzugeben. Alle Entscheidungen, die Kirsten und ich während unserer Ausbildungszeit selbst treffen konnten, entsprachen unserer Berufung. Praktisch sah dies so aus, dass wir uns für den Gebetskreis mit der Ausrichtung „Kinder und Teenager“ entschieden und dass wir Erfahrungen im Kinderteam sammelten. 37

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Gott bewies in diesen Entscheidungen seine Treue zu uns und zu seinem Ruf. Langsam begann ich, Kinder mit anderen Augen zu sehen. Für mich war es nie ein Problem gewesen, vor Erwachsenen zu predigen oder mit Jugendlichen umzugehen, aber mich auf die Ebene von Kindern zu begeben, fiel mir enorm schwer. Mehr und mehr öffnete Gott mir nun die Augen für das erstaunliche Potenzial, das diese Kinder um mich herum hatten. Ich begann echte Liebe und Wertschätzung für diese Kinder zu empfinden, und das veränderte meinen Umgang mit ihnen. Wo ich sie anfangs loswerden wollte, wenn ich mit meinem Traktor endlose Runden beim Rasenmähen drehte, fing ich nun an, sie reihenweise auf meinem Schoß umherzufahren. Gott half mir, auch zu anderen Kindern als nur meinen eigenen eine persönliche Beziehung und Freundschaft aufzubauen. Dies war mit Sicherheit ein entscheidender Durchbruch für mein Leben und den Dienst, der mich bis heute begleitet. Nach unserer Ausbildungszeit hörten die Herausforderungen nicht auf. Während Kirsten mit ihrer natürlichen mütterlichen Begabung und ihrer Liebe für die Kleinsten diese Altersgruppe als Leiterin übernahm, wurde ich für die Schulkinderarbeit im Glaubenszentrum verantwortlich. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, denn fähig dazu fühlte ich mich in keiner Weise. Wie gut, dass es Leiter gab, die weiter sahen und wussten, dass diese Herausforderung notwendig für mein Wachstum war. Auf diese Weise bekam ich die Möglichkeit, bereits hier und nicht erst auf dem Missionsfeld zu lernen, Kinder mit Liebe und Konsequenz geradlinig zu leiten. In den darauffolgenden Jahren begannen wir, im Team unter Flüchtlingskindern in verschiedenen Asylantenheimen in und um Bad Gandersheim zu arbeiten. Es entstanden Kontakte zu Kindern aus Mazedonien, dem Kosovo, aus Afghanistan und auch zu kurdischen Kindern und deren Familien. 38

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Diese Zeiten waren äußerst lehrreich, erweiterten sie doch meinen Horizont für die Unterschiedlichkeit von Kulturen, deren Wertvorstellungen und Tabus. Gemeinsam mit meinen Freunden im Team lernte ich, mich mit Sensibilität und Feinfühligkeit in einer anderen Kultur zu bewegen und mit der Liebe Jesu zu dienen. Viele Kinder und auch Eltern hörten in diesen Jahren – oft zum ersten Mal – vom Erlösungswerk Jesu und der Liebe Gottes zu ihnen. Als ich am Ende dieser Jahre zurückblickte, konnte ich Gott nur staunend dafür preisen, wie er mein Herz und die Sicht über Kinder revolutioniert hatte. Er hatte mich befähigt, sie wirklich zu lieben. Ich bin überzeugt davon, dass sich manch einer, der diese Zeilen liest, diese Erfahrung des Herzenswandels und des Wachstums wünscht. Mein Anliegen ist es, dich zu ermutigen. Gott erwählt einfache Werkzeuge, die er auf seine Weise zubereitet. Dabei ist ihm unsere Herzenshaltung wichtiger als unser Vermögen. Erkenne, dass Herausforderungen immer eine göttliche Gelegenheit zum Wachstum darstellen. Lehne sie niemals ab und denke daran: Gott gibt uns Zeit zur Vorbereitung!

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