Die Decke des
Schweigens Jobst Bittner
Die Decke des
Schweigens Jobst Bittner
TOS Verlag · Tübingen
© 2011 TOS Verlag, Tübingen 1. Auflage 2011 Bestell-Nr.: 880710 ISBN 978-3-9812441-0-6 Die Bibelzitate in diesem Buch sind, wenn nicht anders angegeben, entnommen aus der Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Satz: Stefan Gärtner Umschlagfoto: Yessica Baur Umschlaggestaltung: Christian Niklas Herstellung: CPI Moravia Books
Ich widme dieses Buch meiner Frau, Freundin und Mitstreiterin im Reich Gottes.
„Die Bedrohung für mein Land kann nicht überschätzt werden. Wer sie ignoriert, steckt seinen Kopf in den Sand. Weniger als sieben Jahrzehnte, nachdem sechs Millionen Juden ermordet wurden, leugnen Irans Führer den Holocaust des jüdischen Volkes, während sie gleichzeitig zur Vernichtung des jüdischen Staates aufrufen. Politische Führer, die solches Gift versprühen, sollten aus jedem respektablen Forum auf dem Planeten verbannt werden. Aber es gibt etwas, was die Empörung noch größer macht: der Mangel an Empörung. In großen Teilen der internationalen Gemeinschaft begegnet man den Aufrufen zu unserer Zerstörung mit schierem Schweigen.“ Benjamin Netanyahu Vor dem US-Kongress am 24. Mai 2011
Dank Es gibt viele, denen ich zu danken habe: zuerst meiner Familie, die geduldig zurückstand, dann meinen Freunden in der Gemeinde, die mich immer wieder und ohne Klagen zeitlich freigegeben haben. Mein Dank gilt ebenso der ganzen TOS-Gemeinde, die mich immer unterstützt hat. Ihr seid die krasseste Herde der Welt! Simone Zimmer, Nicole Anders, Andreas Whittome und Tina Pompe haben geduldig Korrektur gelesen, Christian Niklas hat das eindrucksvolle Buchcover entworfen, Stefan Gärtner war verantwortlich für das Layout. An alle ein herzliches Danke – ihr seid super! Last not least muss ich hier meinen Freund Ted Pearce nennen, ohne dessen Ermutigung ich das Buch sicher nicht geschrieben hätte. Hier ist es Ted – du brauchst es nicht mehr selbst zu schreiben. Jobst Bittner
Inhalt Vorwort von Dr. Michael L. Brown Vorwort von Harald Eckert Einleitung
17 21 25
Kapitel 1 Die Geschichte einer ehemaligen Nazi-Stadt
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Kapitel 2 Woher kommt die Decke des Schweigens?
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Der Besuch eines Hausgottesdienstes in der frühen Gemeinde Ist Israel erwählt? Warum hat die frühe Gemeinde ihre Vollmacht verloren? Die tödliche Infektion
58 65 70 76
Kapitel 3 Die Decke des Schweigens
81
Die Decke des Schweigens im Licht der Bibel Die Decke des Schweigens über Städten und Nationen Die Decke des Schweigens über Gemeinden Die Decke des Schweigens über Ehen und Familien Die Decke des Schweigens durch Vorfahrenschuld Die Decke des Schweigens über Ihrem persönlichen Leben
81 91 96 100 103 113
Kapitel 4 Die schweigenden Generationen – die Opfer
117
Die Holocaustüberlebenden Die „Child Survivors“ Die Kinder der Holocaustüberlebenden Die Dritte Generation
118 132 134 144
Kapitel 5 Die schweigenden Generationen – die Täter
151
Die Tätergeneration Die Kriegskinder Die Kriegsenkel Die Vierte Generation – Hand in Hand!
153 157 165 175
Kapitel 6 Können wir (noch) stellvertretend Busse tun?
181
Die Ebene von Städten und Nationen Die Ebene der Vorfahren Die Ebene des eigenen Lebens Die Ebene der Opfer
196 199 200 202
Kapitel 7 Wie die Decke des Schweigens zerbrochen werden kann
207
Heimsuchung 210 Öffnet vertrocknete Quellen! 212 Chanukka 213 Die Decke der Finsternis 220 Auf dem Weg zur größeren Vollmacht 227 Praktische Schritte 233
Kapitel 8 Der Marsch des Lebens
253
Die Todesmärsche Auf dem Weg nach Dachau Der wärmende Mantel des SS-Offiziers Mama, muss ich gegen die Deutschen kämpfen? In den Wäldern bei Schytomyr Der „March of Remembrance“ Die Pittsburgh-Deklaration Der ehemalige Appellplatz
258 260 263 274 276 280 282 285
Anhang Anmerkungen Literaturverzeichnis Weiterführende Publikationen und Adressen Wissenswertes zum Marsch des Lebens
291 302 306 311
Vorwort von Dr. Michael L. Brown Dieses Buch konnte nur von einem deutschen Pastor und einem geistlichen Pionier mit solidem theologischem Fundament, einer tiefen Liebe zum Heiligen Geist und einer lebenslangen Hingabe an Israel geschrieben werden. Jobst Bittner ist ein solcher Mann. Er studierte unter dem bedeutenden, inzwischen verstorbenen Professor Martin Hengel, bekannt für seine Arbeit über Judaismus und Hellenismus, und so verfügt er über ein fundiertes Verständnis der jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens, die ein wesentliches Thema dieses Buches darstellen. Als Pastor, der glaubt, dass es an der Zeit ist, das Evangelium wieder auf die Straße zu tragen, redet und handelt er, indem er seinem Glauben Füße verleiht und seinen Worten lebendige und öffentliche Taten folgen lässt. Er weiß, dass es einzig und allein die Kraft des Heiligen Geistes ist, die Gefangene wirklich frei machen und gebrochene Herzen heilen kann. Als jemand, der für die Hingabe an Israel und die Errettung des jüdischen Volkes steht, weiß er schließlich das schmerzliche Erbe der Gemeinde Jesu in Deutschland richtig einzuschätzen, und schaut dabei dennoch voller Zuversicht nach vorne. Auch andere christliche Leiter aus Deutschland haben sich bereits mit der Decke des Schweigens auseinandergesetzt, die während der Schicksalsjahre des Holocaust über der Gemeinde lag. Unter ihnen war Basilea (früher Dr. Klara) Schlink, Gründerin der evangelischen Marienschwesternschaft. Unter großer Herzensqual schrieb sie im Jahr 1958: 17
Wir Deutschen sind es gewesen, die Satans Handlanger waren; in unserem Volk hat man diese Hölle erbaut. . . Wir sind selbst schuldig geworden. Wir müssen uns alle sagen: Wären wir, die ganze christliche Gemeinde, wie ein Mann aufgestanden und hätten nach dem Geschehen des Synagogenbrandes Umzüge gemacht und alle Glocken geläutet und irgendwie das Vorgehen der SS boykottiert, wir hätten wohl nicht den Teufelshänden so freie Bahn gegeben, weiter ihr Handwerk zu treiben. Aber uns fehlte die Glut der Liebe – der Liebe, die immer Wege weiß, die es nicht ertragen kann, wenn es dem anderen schlecht geht, wenn er so grauenvoll behandelt und zu Tode gemartert wird. Ja, hätten wir in der Liebe zu Gott gestanden, dann hätten wir es nicht ertragen können, dass Seine Häuser in Flammen gesetzt wurden, und heiliger, göttlicher Zorn hätte uns erfüllt. (M. Basilea Schlink, Israel, Mein Volk, Darmstadt-Eberstadt 1959, S. 47 und 51-52)
Mittlerweile leben wir in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts und Jobst Bittner beschreibt, wie die – sehr vielschichtige – Decke des Schweigens auch heute noch über der älteren und jüngeren Generation liegt. Diese Decke muss durch stellvertretende Buße und ein positives öffentliches Bekenntnis zerbrochen werden. Jemand, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, könnte entgegnen: „Müssen wir denn ewig über die Sünden früherer Generationen Buße tun? Ist das überhaupt unsere Aufgabe?” Diese Fragen sind bedenkenswert und durchaus berechtigt. Meiner Meinung nach ist eine solche Buße jedoch notwendig, wenn zum einen die Wunden der Sünden der Vergangenheit noch da sind, was beim Thema dieses Buches mit Sicherheit der Fall ist; und wenn zum andern die Samen der Sünden der Vergangenheit noch vorhanden sind – und auch das kann man heutzutage nicht leugnen. 18
Das vorliegende Buch ist sicherlich nicht nur ein weiteres Buch über deutsche Christen und den Holocaust – ganz sicher nicht. Es ist der Ruf, tiefer zu graben und jeden zerstörerischen und schmerzlichen Überrest auszugraben und herauszureißen, um dann Heilung, Freiheit und Leben empfangen zu können. Es stellt einen sehr konkreten Aufruf zu einem buchstäblichen Marsch des Lebens dar, der Jesus erhebt und deutlich zeigt, was es wirklich bedeutet, sein Jünger zu sein. Als jüdischer Nachfolger Jesu, der selbst in der Schuld nicht jüdischer Christen steht, die mich vor 40 Jahren mit dem Messias und Herrn Israels bekannt gemacht und mich zu ihm geführt haben, empfehle ich Ihnen dieses Buch.
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Vorwort von Harald Eckert Vor über 65 Jahren ging der Zweite Weltkrieg – und mit ihm der Holocaust – zu Ende. Nun, fast drei Generationen später, erscheint in Deutschland ein christliches Buch über die „Decke des Schweigens“ in engem Zusammenhang mit dem Holocaustgeschehen. Ist dies nicht ein Nachhutgefecht? Mindestens 30 Jahre zu spät dran? Ich behaupte: Nein – ganz im Gegenteil! Dieses Buch, wie auch der Dienst von Jobst Bittner und der TOS in Tübingen und in vielen Teilen der Welt hat absoluten Pioniercharakter und eröffnet – gerade für christliche Kreise – ein Thema, das aktueller ist denn je. Wie komme ich zu dieser Behauptung? Ich beschränke mich auf drei aus meiner Sicht sehr offensichtliche und naheliegende Gründe: Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg grassierte die Unkenntnis über den Holocaust beziehungsweise über dessen Minimierung, Verharmlosung und krasse Leugnung so sehr, wie heute – auch in Deutschland. Wenn – wie eine Umfrage der Universität Wiesbaden vom November 2004 zu Tage brachte – über 50 Prozent der Deutschen der Meinung sind, dass die Israelis den Palästinensern heute das gleiche antun, wie es Nazideutschland den Juden damals angetan hat, dann zeugt dies von einer epidemi21
schen Unkenntnis, sowohl über den Holocaust, als auch über den Nahostkonflikt. Und wenn schon in Deutschland die Geschichtskenntnis und die öffentliche Wahrnehmung derart verzerrt ist, wie sieht es dann erst in anderen Ländern der westlichen Welt, der Dritten Welt und – ganz zu schweigen – in der moslemischen Welt aus? Und noch ein wenig zugespitzter gefragt: Wenn diese Umfrage nur in frommen Kreisen abgehalten worden wäre, wie wäre das Ergebnis dann bei „uns“ ausgefallen? Wie sicher können wir sein, dass das Ergebnis substanziell besser ausgefallen wäre? Ohne das von Jobst Bittner beschriebene Phänomen der Decke des Schweigens in Kirche und Gesellschaft, wären solche aktuellen Umfrageergebnisse und Trends nicht erklärbar. Das Volk der Juden – in Gestalt des modernen Staates Israel – ist seit seiner Gründung von einem nächsten Holocaust bedroht: Der völligen Vernichtung durch antisemitische, hasserfüllte, extrem gewaltbereite Kräfte. Der Bau der Atombombe durch den Iran gibt dieser Bedrohung, militärisch gesprochen, eine neue Dimension. Es ist auch kein Zufall, dass sich der Iran gleichzeitig sowohl mit seinem atomaren Vernichtungsplan gegen Israel als auch mit seiner aggressiven Holocaustleugnung an die globale Spitze beider Bestrebungen setzt. In verändertem Gewand scheint sich Geschichte zu wiederholen. Und was haben wir Christen, zumal aus Deutschland, aus der Geschichte gelernt? Die richtige Frage lautet nicht (mehr): „Was hätte ich damals getan?“ Die richtige Frage lautet: „Was tue ich heute?“ Die Kraft, auf diese Frage eine biblisch, geistlich und historisch angemessene Antwort zu finden, hat sehr viel mit unserer persönlichen und kollektiven Aufarbeitung und Buße im Licht der Heiligen Schrift sowie im Licht des Heiligen Geistes zu tun und damit, wie wir der Kraft des Kreuzes Jesu im Umgang mit Vergangenheits- und Vorfahrenschuld Raum geben.
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Wir leben heute in einem außerordentlichen, ja einzigartigen Zeitfenster, was das Durchbrechen der Decke des Schweigens betrifft. Ein Zeitfenster, das nur noch wenige Jahre anhält. Ein Zeitfenster, das – wenn einmal versäumt und verloren – so niemals wiederkehren wird: Das Zeitfenster der noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust. Mehrere Hunderttausend von ihnen leben noch unter uns – etwa 200.000 davon allein in Israel. Von unseren Begegnungsreisen mit jungen Christen wissen wir, dass die deutliche Mehrheit von ihnen mit großer Dankbarkeit reagiert, wenn Christen aus Deutschland – insbesondere junge Menschen – nach Israel kommen, um den persönlichen Kontakt zu ihnen zu suchen, um ihre Geschichte zu hören, um ihnen die Gelegenheit zu geben, glauben zu können, dass Christen, dass Deutsche, dass Deutschland heute anders ist als damals, in deren Kindheit und Jugend. Gerade für Holocaustüberlebende aus der ehemaligen Sowjetunion ist das oft die erste und vielleicht einzige Erfahrung dieser Art. Und für viele – gerade junge – Christen wahrscheinlich auch. Dabei ist jede Begegnung wie ein Laserstrahl, der die Decke des Schweigens, der inneren Distanz und Gleichgültigkeit durchbohrt, die junge Menschen oft unbewusst übergestülpt bekommen und übernommen haben. Allein diese drei Beobachtungen machen deutlich, wie hochaktuell, wie hochbedeutsam dieses Buch ist – gerade für christliche Leser. Für „uns“, die wir gerufen sind, in einer Welt, in der die Liebe immer mehr erkaltet (Mt 24,12) – auch die „Liebe zur Wahrheit“ (2.Thess 2,10) – „Salz und Licht“ zu sein und ein prophetisches Volk inmitten einer zunehmend orientierungslosen und entwurzelten Gesellschaft. Die Frage nach Israel, die biblische und geistliche Beauftragung der Christen in und für Deutschland und dessen Beziehung zu Israel, beschäftigen mich seit Jahrzehnten. Als Teenager, kurz 23
nach meiner Hinwendung zu Jesus, traf mich in diesem Zusammenhang ein Wort aus der Schrift wie ein Hammer – und hat mich seitdem nicht mehr losgelassen: „Wo Sünde mächtig geworden ist, möchte sich die Gnade Gottes umso mehr erweisen“ (Röm 5,20b). Diese Verheißung gilt auch – und gerade in Deutschland – für die Sünde des Antisemitismus und des Judenhasses, und zwar auf allen Ebenen: im persönlichen Leben, in der Familie, in der Gemeinde, über Städten, Regionen und Nationen. Im Umkehrschluss heißt dies: Gott möchte segnen, er liebt Versöhnung und Erlösung. Dafür ist Jesus ans Kreuz gegangen. Dafür steht die Kraft des Heiligen Geistes zur Verfügung. Davon legt dieses Buch auf höchst eindrucksvolle und bewegende Weise Zeugnis ab. Diese lebendige Hoffnung, bestärkt durch zahlreiche tiefe Erfahrungen, verbindet mich mit Jobst Bittner und der TOS seit vielen Jahren. In diesem Sinne wünsche ich diesem mutigen und wegweisenden Buch viele Leser, die durch die Lektüre so tief berührt werden, dass sie ihrerseits in wachsendem Maße zu Wegweisern werden. Wegweiser dahingehend, welch großartige Erfahrung es ist, die „Decke des Schweigens“ zu durchbrechen und lebendige Zeugen der versöhnenden und erlösenden Kraft Jesu zu sein – in einer Zeit und Gesellschaft, die dies so dringend benötigt.
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Einleitung Die Entstehung dieses Buches zog sich über einige Jahre hin. Je mehr ich mich mit der „Decke des Schweigens“ beschäftigte, desto mehr entdeckte ich, wie sehr jeder Bereich unseres Lebens damit verbunden ist. Immer mehr Erfahrungen und Erkenntnisse fügten sich hinzu. Jetzt kann ich das fertige Buch vorlegen und hoffe, dass es Ihnen hilft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Sehr wahrscheinlich sind Sie mehr von der „Decke des Schweigens“ betroffen, als Sie es bisher wahrgenommen haben. Wir leben unter einer Decke des Schweigens und merken es meistens nicht. Sie wird von Generation zu Generation weitergegeben und verhindert Versöhnung, Heilung und Wiederherstellung. Steckt das Schweigen der Kriegsgeneration zum Holocaust immer noch in unseren Knochen? Die Vernichtung der europäischen Juden hatte im deutschen Familiengedächtnis leider nie wirklich einen Platz. Erst in den frühen 80er Jahren wurden in Deutschland die Spätfolgen des Kriegs bei den nachkommenden Generationen entdeckt. Die meisten Familien in Deutschland leben bis heute unter einem Schatten der Vergangenheit. Ich möchte versuchen, ein Phänomen zu beschreiben, das zwar unterschiedliche Hintergründe und Ursachen hat, aber dennoch für die Folgegenerationen der deutschen Kriegsgeneration und der Holocaustgeneration gleichermaßen gilt. Die Nachkommen beider 25
Einleitung
Generationen entdecken nur langsam, wie sehr sie die Bürde ihrer Familiengeschichte mit sich getragen haben. Allmählich lernen sie, darüber zu sprechen und sorgen dafür, dass die Geschichte ihrer Familie ans Licht kommt und bearbeitet werden kann. So sehr sich auch in Deutschland viele Christen in Kirchen und Gemeinden wünschen, dass das Kapitel des Nationalsozialismus endlich abgeschlossen wird und nicht immer wieder neu ins Blickfeld gerät, so wenig entspricht dies der Realität. Beide, die Opfer- und die Tätergeneration, leiden immer noch an dem Erbe ihrer Vergangenheit und werden nur Heilung und Wiederherstellung erleben können, wenn sie einander wahrnehmen, sich vergeben und versöhnt zueinander finden. Das kann nur passieren, wenn eine Decke des Schweigens über ihnen zerbricht. Ausgehend von den eigenen biografischen Erfahrungen in Tübingen, einer Universitätsstadt, die zur Zeit des Nationalsozialismus eines der ideologischen Zentren war, aus dem Exekutoren und Massenmörder hervorgingen, werde ich versuchen, aus biblisch-theologischer, kirchengeschichtlicher und psychologischer Sicht zu beleuchten, woher die Decke des Schweigens kommt und wie sie zerbrochen werden kann.
Die familiäre Ebene Ich werde mich in diesem Buch mit der Decke des Schweigens auf unterschiedlichen Ebenen beschäftigen. Am persönlichsten betrifft uns sicher die familiäre Ebene. Mehr als drei Viertel aller deutschen Familien haben damit zu tun. Sie sind die Kinder und Enkel der Kriegsgeneration und tragen die schuldhaften Verstrickungen, traumatischen Erfahrungen sowie die Flucht und Vertreibung dieser Generation heute noch mit sich herum. Ihr gemeinsames Kennzeichen ist das Schweigen. Viele gehen durch endlose Wüsten, ohne dass sich für sie eine Veränderung abzeichnet. Sie haben sich mit seelischen Verstimmungen, Ängsten, Blockaden, Bindungsstörungen und innerer Starre abgefunden, ohne deren 26
Einleitung
Ursache gefunden und die befreiende Macht des Kreuzes wirklich kennengelernt zu haben. Wird das Schweigen der Generationen gebrochen und werden die unerzählten Geschichten erzählt, eröffnet das völlig neue Möglichkeiten, inneren Frieden, Sicherheit und Heilung finden zu können. Viele Christen in Kirchen und Gemeinden verpassen eine ganz wichtige Entwicklung, die in der Gesellschaft schon längst zum „Trend“ geworden ist. Sie sind der Überzeugung, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit längst geschehen sei. Man solle endlich seinen Schuldkomplex hinter sich lassen und nach vorne schauen. Erstaunlicherweise hat sich aber in der Öffentlichkeit die Aufarbeitung des Nationalsozialismus noch intensiviert. Die Genealogie, also die Erforschung der Familiengeschichte, boomt seit Jahren. Ahnenforschung ist nicht mehr der schrullige Zeitvertreib von Rentnern und Adligen, sondern gilt als Ausdruck eines gewachsenen Bedürfnisses nach innerer Verwurzelung und Identität. Die Grundlage jeder Veränderung ist die ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Ich hatte mich selbst jahrelang dagegen gewehrt und musste meinen inneren Widerstand aufgeben. Das geschah in einem Gottesdienst, in dem ich das Vorrecht hatte, vor zahlreichen Holocaustüberlebenden zu predigen. Ich erlebte dort eine völlig andere Realität. Meine deutsche Sprache rief bei vielen schmerzliche Erinnerungen hervor und Gespenster der Vergangenheit standen wieder auf. Nach einer Zeit der Heilung und Versöhnung erzählten sie mir von den Ängsten und Traumata, die sich von ihren Eltern und Großeltern auf sie weitervererbt hatten. Millionen der zweiten und dritten Generation von Holocaustnachkommen leiden immer noch an den Folgen. Eigentümlicherweise sind sie in einer ähnlichen Sprachlosigkeit gefangen wie die Nachkommen der Tätergeneration. Solange die Opfer- und die Tätergeneration noch immer unter dem Erbe der Vergangenheit leiden, dürfen Christen ihre Verantwortung nicht als beendet erklären. 27
Einleitung
Die historische Ebene Eine andere Ebene der „Decke des Schweigens“ ist die geschichtliche. Mit dem Neuaufbau Deutschlands nach 1945 begann der mühsame Prozess der Aufarbeitung. Nazitäter versuchten unterzutauchen, was ihnen zum großen Teil auch gelang; Mitläufer und Mitwisser flohen in das Schweigen des Alltags und versuchten, die Vergangenheit zu verdrängen. Erst 20 Jahre später begann die Decke des Schweigens langsam durchlässig zu werden. Angesichts der sechs Millionen Juden, die im Holocaust auf grausamste Art ermordet wurden, und dem strategisch geplanten und akribisch durchgeführten Massenmord an 30 Millionen Menschen in Osteuropa stellte man sich die Frage, ob es für die Deutschen zulässig ist, sich hinter der Schuld einiger fanatischer Einzeltäter zu verstecken. Hinter dem Schweigen verbarg sich eine kollektive moralische Schuld, eine Verantwortung der schweigenden Mehrheit, die dem mörderischen Treiben zuschaute und tatenlos gegenüberstand. Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten eine beispiel lose Zeit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus hinter sich. Auf unzähligen Konferenzen wurde Deutschlands Vergangenheit thematisiert und darüber Buße getan. Mit dem Fall der Mauer 1989 und der Wiedervereinigung hatte der Herr unser Land sichtbar geheilt. Und auch weiterhin vergeht kaum ein Tag, an dem es nicht Berichte, Aufklärung und auch Diskussionen über den Holocaust und andere Kriegsverbrechen gibt. Holocaustleugner werden strafrechtlich verfolgt. Jährliche Regierungskonsultationen zwischen Israel und Deutschland sind ein Zeugnis der freundschaftlichen Verbundenheit. Eine große Zahl an Kirchen und Gemeinden stehen in einem lebendigen Kontakt zu Israel.
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Einleitung
Die kirchengeschichtliche Ebene Und dennoch ist diese Decke des Schweigens noch nicht verschwunden. Es gibt einen tief verwurzelten Antisemitismus, der weit hinter die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Er ist wie eine negative Saat in unserer westlichen Kultur verborgen und in unser Denken eingepflanzt, sodass er immer wieder aufbrechen kann. Sei es gegenüber der Relativierung des Holocaust, der Leugnung des Existenzrechts Israels oder den antijüdischen Haltungen und Einstellungen – das gemeinsame Kennzeichen dieser negativen Saat ist das Schweigen. Es ist das gleiche Schweigen wie das der schweigenden Mehrheit zur Zeit des Nationalsozialismus. In Form von Gleichgültigkeit und Passivität ist es tief in unsere Gemeinden eingedrungen. Beides sind Kennzeichen eines „gene tischen Defekts“, den das Christentum seit der Trennung von seinen jüdischen Wurzeln in sich trägt. Um diese These zu erhärten, werden wir uns mit der kirchengeschichtlichen Dimension der Decke des Schweigens beschäftigen. Dabei geht es um die Frage, warum die Kirche in der westlichen Welt ihre Vollmacht verloren hat. Die frühe Kirche konnte sich, trotz der Widerstände eines hellenistisch geprägten Mittelmeerraums, sehr schnell ausbreiten. Mit dem Verlust ihrer jüdischen Wurzeln tauschte sie ihre geistliche Kraft gegen weltliche Autorität ein und wurde schließlich zum Verursacher der jahrhundertelangen Leidensgeschichte des jüdischen Volkes. Warum wir die Vollmacht der Gemeinde nur mit dem klaren Bekenntnis zur Schuld der Christen gegenüber dem jüdischen Volk und dem offenen Bekenntnis zu unserem hebräischen Erbe zurückgewinnen können, wird eine weitere wichtige Fragestellung dieses Buches sein. Sie führt uns zu der Überlegung, womit die Gemeinde sich auseinandersetzen muss und was dabei ihre Mittel sind. Bevor wir in alte Denkmuster verfallen, sollten wir uns darauf einlassen, noch einmal neu über die zentrale Rolle der 29
Einleitung
„Stellvertretenden Buße“ und die kontrovers diskutierte Frage des „Geistlichen Kampfes“ nachzudenken.
Die übernatürliche Ebene Den Begriff „Decke des Schweigens“ gebrauche ich ebenso als ein Synonym für die Auseinandersetzung mit der unsichtbaren Welt. Die Bibel spricht von Finsternis, die das Land bedeckt. Sie weist immer wieder darauf hin, dass die Sünde eine Nation verfinstern und sich wie eine dunkle Wolke auf das Land legen kann (Jes 60,2). Woraus diese Wolke besteht, erscheint mir unwesentlich. Entscheidend ist die Beobachtung, dass über die Schuld von Städten und Nationen kein Gras wachsen kann, sie also nicht auto matisch weniger wird oder altert. Sie übt auf die Menschen und ihre Nachkommen einen Einfluss aus und verhindert ihre Heilung und Wiederherstellung. Wir machten die Erfahrung, dass wir trotz jahrelanger Gebetsanstrengung diese Finsternis nicht überwinden konnten. Je mehr wir uns bemühten und unseren Gebetskämpfen noch mehr Hingabe hinzufügten, desto dicker und undurchdringlicher schien diese Decke zu werden. Ich werde Ihnen in diesem Buch berichten, wie der Dunkelheit ihr Fundament entzogen wurde und sie zerbrach. Dazu gehört das Zeugnis der Stadt, in der ich seit dreißig Jahren mit meiner Frau lebe. Wir durften mit eigenen Augen sehen, wie sich die geistliche Situation einer Stadt verändern kann.
Die nationale Ebene Zur Geschichte unserer Stadt gehört die Marsch-des-Lebens-Bewegung, die inzwischen Hunderttausende Menschen in 70 Städten und 10 Nationen erreicht und in Bewegung gesetzt hat. Der Hinter grund dieser Bewegung sind die sogenannten Todesmärsche, die zu einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte gehö30
Einleitung
ren. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs sollten die Spuren der Konzentrationslager verwischt werden. Die Lager wurden aufgelöst. Die entkräfteten Insassen wurden gezwungen, wochenlang durch die Straßen Deutschlands zu marschieren. 250.000 Menschen, das ist mindestens ein Viertel aller Opfer des Konzentrationslagersystems, kamen noch in den letzten fünf Monaten vor Kriegsende durch diese Todesmärsche vor den A ugen der Zivilbevölkerung ums Leben. Kein Zivilist konnte sich dem Massenmord entziehen. Es war die Zeit, in der ganz normale Menschen zu Mördern wurden. Die Todesmärsche in Deutschland s tehen für eine „Decke des Schweigens“. Zehntausende waren direkt als Helfer oder indirekt als Zuschauer beteiligt. Sie fanden in aller Öffentlichkeit statt – „direkt vor der Haustüre“ – und w aren ein letzter, grausamer Höhepunkt des Holocaust, unmittelbar vor den Augen der deutschen Bevölkerung. Der „Marsch des Lebens“ fasst alles zusammen, was es heißt, die „Decke des Schweigens“ zu zerbrechen. Deswegen berichte ich darüber im letzten Kapitel des Buches. Er steht dafür, was passiert, wenn Menschen aufstehen, um die Decke des Schweigens zu zerbrechen – bei sich persönlich, in ihren Familien und auch in Städten und Nationen. V iele von ihnen werden ihre Geschichte erzählen und bezeugen, wie Dunkelheit gewichen und Heilung bei ihnen geschehen ist. Der „Marsch des Lebens“ ist ein lebendiges Zeichen, dass Fluch in Segen und Finsternis in Licht verwandelt werden kann. Sein Bekenntnis ist wie ein unüberhörbares Signal, dass Christen den Gen-Defekt des Schweigens gegenüber Israel und dem jüdischen Volk überwunden haben: Um Zions willen will ich nicht schweigen, und um Jerusalems willen will ich nicht innehalten, bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und sein Heil brenne wie eine Fackel. (Jes 62,1)
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Einleitung
In Deutschland gibt es das Sprichwort: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Für manche Menschen ist dies der Grund, weshalb sie ihr Schweigen mit positiven Eigenschaften verbinden. Jemand, der schweigen kann, gilt als charakterlich gefestigt und stark. Im Licht der Bibel sieht das anders aus. Der höchste Ausdruck der Liebe Gottes zu uns Menschen zeigt sich in der Fähigkeit der direkten Kommunikation.
Die biblisch-theologische Ebene Wir werden uns also dem Phänomen des Schweigens auch auf dem biblischen Weg nähern und uns damit beschäftigen, was das Wort Gottes zu diesem Thema zu sagen hat. Ich kann das Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ so nicht mehr stehen lassen. Ein Kind, das nicht lernt, sich zu äußern und mit seiner Umwelt zu kommunizieren, hat ernsthafte Probleme und braucht begleitende Hilfe. Ein Ehepaar, das nicht mehr miteinander spricht, hat die Herzen voreinander verschlossen und gefährdet ernsthaft seine Ehe. Eine Kirche oder Gemeinde hat ihr Leben verloren, wenn bei ihr das Schweigen eingekehrt ist. Wie viel Schmerz, Trauma und Unbewältigtes in der Vergangenheit kann hinter dem Schweigen eines Menschen verborgen sein? Und wie viel kann an Heilung, Wiederherstellung und Veränderung passieren, wenn ein Mensch es schafft, dieses Schweigen zu durchbrechen? Nachdem ich Ihnen die verschiedenen Ebenen der Decke des Schweigens vorgestellt habe, beginne ich so, wie ich es eigentlich ursprünglich vorhatte. Ich erzählte ja bereits, dass die Arbeit an diesem Thema sich über mehrere Jahre hinzog, und da ändert sich manches, auch die Einleitung eines Buches.
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Einleitung
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Sie war wüst und leer – so lesen wir es zu Beginn der Schöpfungsgeschichte – und die Finsternis hatte ihr Angesicht bedeckt (1.Mose 1,1-3). Die Finsternis hüllte sich in Schweigen, bis sie von dem Wort Gottes durchbrochen wurde. Als Gott sagte: „Es werde Licht!“, verlor die Finsternis ihre Kraft und es ward Licht. Es war der Beginn der Schöpfung und Gottes Anfang mit der Geschichte des Menschen. Der Kampf gegen die Finsternis hat sich nicht geändert. Immer wenn wir die Stimme erheben und unser Schweigen brechen, entziehen wir ihr das Fundament. Ehen, Familien, Städte und Nationen sind bis heute von einer Decke des Schweigens bedeckt. Väter schweigen gegenüber ihren Kindern und die nachfolgenden Generationen schaffen es nicht, die Decke des Schweigens ihrer Vorväter zu zerbrechen. Wir finden diese Decke ebenso in Kirchen und Gemeinden, wo Herzen sich voreinander verschlossen haben. Doch das ist nur ein äußeres Kennzeichen einer viel tiefer sitzenden Wahrheit. Die „Decke des Schweigens“ steht für den Geist dieser Zeit, dem die Gemeinde Jesu hilflos ausgeliefert zu sein scheint und der ihre Stimme geraubt hat. Wir wissen als deutsche Nation, was es heißt, von Finsternis bedeckt und in Dunkelheit gefangen zu sein. Ich nenne es die „Decke des Schweigens“. Die Mehrzahl der Deutschen schaute bei den Gräueltaten des Nationalsozialismus zu. Man nannte sich „Mitläufer“ und gehörte zur „schweigenden Mehrheit“. Ohne sie hätte der Holocaust nicht stattgefunden. Wir werden uns entscheiden müssen, ob wir wieder zur „schweigenden Mehrheit“ gehören wollen oder nicht.
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