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MIROSLAV CHROBAK

HERR, WENN NICHT DU

MEIN HERZ BEWEGST

© 2025 Miroslav Chrobak

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, insbesondere Vervielfältigung, Verbreitung, öffentliche Zugänglichmachung oder Übersetzung, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags.

Miroslav Chrobak Verlag

Gropiusplatz 19, 49716 Meppen www.miroslavchrobak.de info@miroslavchrobak.com

Folgende Bibelausgaben wurden verwendet:

ELB – Elberfelder Bibel (Edition CSV), © Christliche Schriftenverbreitung Hückeswagen.

SLT – Bibeltext der Schlachter. Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

LUT – Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

NLB – Neues Leben. Die Bibel, © 2002 SCM R.Brockhaus, Witten.

NGÜ – Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen. Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

MENG – Menge-Bibel, © Public Domain

NeÜ – Neue evangelistische Übersetzung, © Karl-Heinz Vanheiden, www.neue.derbibelvertrauen.de

HFA – Hoffnung für alle, © 2021 Biblica, Inc. ® – Verwendung gestattet gemäß den Richtlinien unter www.biblica.com

1. Auflage, November 2025

Lektorat: Daniel Höly, creedoo UG (haftungsbeschränkt) Umschlaggestaltung und Illustrationen: Angelina Chrobak Druck und Bindung: Wydawnictwo ARKA, Cieszyn

ISBN 978-3-912170-00-9

Für Jeannette – weil ich dein Herz so sehr liebe.

TEIL ZWEI: GOTTES VISION FÜR UNSER

PROLOG

Mit dem Rücken ans Bett gelehnt, saß ich in unserem Schlafzimmer auf dem Boden und weinte. Mittlerweile war ich verheiratet. Rechts neben mir stand mein Nachttisch. Ich betrachtete das Foto von meiner bildhübschen Frau, während mir Tränen über die Wangen liefen.

Wir waren gerade erst nur wenige Monate lang verheiratet. Wir waren so verliebt. So euphorisch. Voller Fantasien. Noch vor unserer Hochzeit hatte ich mehrere Bücher über die Ehe und alles, was dazu gehört, gelesen. Ich war gut vorbereitet. Auf dem besten Weg, der beste Ehemann zu werden. Ich wusste, worauf es ankommt. Wusste, wie ich auf jegliche Situation zu reagieren hätte. So dachte ich.

Nun saß ich da und erinnerte mich an die Worte meines Vaters, als er zu mir sagte:

„Mein Sohn, pass auf. Erst wenn du heiratest, wirst du merken, wie viele Macken du hast und wer du wirklich bist.“

Damals schmunzelte ich, wollte es nicht wahrhaben. Doch jetzt musste ich eingestehen: Er hatte recht.

Ich habe versagt.

Als Ehemann.

Als Christ.

Da an meiner Bettkante sah ich ihn vor mir: den Berg, der so unfassbar hoch ist. Auf dem Gipfel – die Vollkommenheit. Unerreichbar. Nicht zu erklimmen. Jedenfalls nicht für mich. Leise vor mich hin, entglitt es meinen Lippen:

Der Weg scheint so weit, so unendlich lang. Ich lauf‘ schon seit Jahren, doch bin gefühlt immer noch am Anfang.

Ach, wär‘ ich doch näher der Vollkommenheit.

Doch ich fall‘ immer wieder in meiner Unfähigkeit, in meiner Unfähigkeit.

Jesus, ich brauch‘ dich.1

Ich hatte mir ausgemalt, was die Menschen wohl über mich oder uns bei so einem veröffentlichten Lied denken würden. Kurz nach unseren ersten gemeinsamen Monaten. Aber so war das nun mal. Das war die Wahrheit. Jedes Mal, wenn ich allein im Auto fuhr, betete ich immer wieder und wieder nur diesen einen Satz:

„Jesus, ich brauch‘ dich.“

Das war mein einziges Gebet. Wie ein Refrain. Wochenlang. Ich brauchte ihn wirklich. Nicht, dass es vorher anders war. Aber jetzt war ich wieder so präzise dabei zu erkennen, wer ich im Inneren wirklich bin. All meine Unzulänglichkeiten.

Mein Ego. Mein düsteres wahres Ich. Es war mir in dem Moment so klar vor Augen.

Ist dieser Berg denn wirklich nicht zu erklimmen? Ach, ich rede ja gar nicht erst vom Gipfel. Wenigstens ein Stückchen. Nur ein paar Höhenmeter. Ich dachte, ich hätte bereits einiges verstanden. Dachte, ich wäre weiter. Besser.

War ich denn nicht eine neue Kreatur? Hat Gott mir nicht ein neues Herz gegeben? Lebte nicht Christus in mir?

In diesem Moment sah es zumindest nach etwas anderem aus. Ich wollte ja auch. Aber irgendwie versagte ich immer und immer wieder.

So viel vorgenomm‘n, doch so oft versagt.

Ich wollte mich ändern, doch hab‘s gefühlt wiederholt nur vertagt.2

Ich wollte. Ich wollte das Gute. Schon so oft. Aber ich schaffte es einfach nicht. Ist da jemand, dem es vielleicht auch so geht?

Okay, ich versuche dir mal meine letzten zehn Jahre in Zeitraffer zu zeigen. Bereit?

Ich will – aber irgendwas in mir will auch nicht. Ich wünsche mir eigentlich mehr in der Bibel zu lesen, mehr zu beten, freundlicher zu sein, hilfsbereiter, ein besserer Christ zu sein, mehr zu glauben und zu vertrauen… Und ja, ich bin zwischendurch immer mal wieder motiviert – aber die Euphorie verfliegt zu schnell. Sonntags höre ich die Predigt und denke mir:

„Ab morgen werde ich anders leben.“

Doch wenn der Morgen kommt, ist alles wie an dem Montag zuvor. Wieder im gleichen alten Muster. Gleicher Trott. Ich sehe andere Christen und will auch so sein – doch ich bin es nicht. Ich will Durchbrüche, will mich Gott hingeben, will, dass er in meinem Leben regiert, will seine Stimme wahrnehmen und mich vom Heiligen Geist führen lassen – aber es passiert nicht. Zumindest nicht so, wie ich es in all den Biografien und in der Bibel gelesen habe.

Ich lese in der Bibel, wie ein Christ sein sollte, wie er sich verhalten sollte, was ihn ausmacht, und merke dass das für mich unmöglich erscheint. Es entspricht nicht der Realität.

Jedenfalls nicht meiner. Ich will nicht so schnell die Geduld verlieren. Will selbstloser sein. Will mehr an andere denken. Gut über andere denken. Ja, eigentlich den Nächsten aufrichtig lieben – und ich strenge mich an. Aber ich schaffe es nicht.

Meine Vorsätze – halten oft nicht lange an. Mein Wille – ist leider oft zu schwach. Habe ich einfach Pech damit gehabt, dass meine Eltern mich nicht so sehr gedrillt haben?

Dann hätte ich jetzt eiserne Disziplin. Das würde mir sicher helfen…

Klingt ziemlich düster, was? Doch frage mal meine Frau. Sie wird sagen, ich bin ein Optimist. Das bin ich auch –durch und durch! Naja, vielleicht ein etwas melancholischer Optimist. Komische Zusammensetzung.

Jedenfalls bin ich weniger deprimiert als hoffnungsvoll. Viel mehr ein Suchender.

Genau das ist auch der Grund, warum ich dieses Buch schreibe. Ich kann nicht auf meine 50 Jahre Lebenserfahrung

zurückschauen und die daraus gewonnenen Weisheiten niederschreiben. Auch habe ich nicht 20 Jahre lang Predigten und Vorträge gehalten, die ich hier einfach zusammenfassen könnte. Dieses Buch ist eher eine Reise. Die Reise eines jungen, vielleicht etwas naiven Suchenden.

Miro, was suchst du?

Schon vor über zehn Jahren war diese Sehnsucht in mir und mit 16 Jahren schrieb ich es in meinem ersten Lied nieder.

Lass mich leben wie du, handeln wie du es tatest.

Lass mich lieben wie du, mit der Liebe, die du hattest. Lass mich zeugen von dir, lernen, was du sagtest.

Denn du bist die Liebe selbst.3

Ich will so sein wie er. Wie Jesus. Ich will aufrichtig lieben können. Wie er reagieren können. Ihm ähnlich sein. Ich will wachsen, will mich verändern.

Wenigstens ein paar Höhenmeter.

Ganz ehrlich: Manchmal glaube ich nicht mehr daran. Manchmal zweifle ich daran, ob Veränderung in mir möglich ist. Können sich Menschen überhaupt verändern?

Schließlich versuche ich das ja immer wieder. Ich reiße mich zusammen. Strenge mich an. Immer wieder nehme ich mir

Ziele vor. Immer wieder neue Vorsätze. Neue Euphorie. Doch so stark die Motivation auch ist, sie hält nicht lange durch. Und bald bin ich schon wieder dort, wo ich am Anfang war. Ich frage mich:

Ist das das Christentum?

Ist das das Leben in Freiheit? Ein Leben in Fülle? Ist das das sanfte Joch, von dem Jesus gesprochen hatte? Wie kann

Johannes behaupten, dass seine Gebote „nicht schwer“4 sind? Wo ist denn die uns gegebene „göttliche Kraft“5, von der Petrus spricht? Ist das die „neue Kreatur“6, von der Paulus schreibt?

Irgendwie sehe ich von all dem nichts. Oder, oder habe ich vielleicht etwas nicht verstanden?

Möglicherweise…

Möglicherweise habe ich das Christentum nicht verstanden. Möglicherweise habe ich Christus nicht verstanden.

Vielleicht geht es dir ja ähnlich. Du willst, doch am Ende tust du das, was du nicht wolltest. Du bist motiviert. Doch es hält nicht lange an. Du willst Veränderung. Aber du fragst dich: Wie?

Wie schaffe ich es, mich zu verändern?

Warum ist das Christ-sein so schwer? Vielleicht hast du schon mal diesen Satz gehört. Hans Peter Royer sagte ihn mal in einer Predigt:

„Christ-sein ist nicht schwer. Es ist auch nicht einfach. Es ist tatsächlich unmöglich.“7

Versuchst du ein Leben zu leben, das unmöglich ist? Bist du müde davon und vielleicht nah dran aufzugeben? Dann möchte ich dir sagen:

Ich glaube, es gibt ein anderes Christentum. Und ich möchte behaupten, eines, welches viele Christen nicht wirklich verstanden haben. Wie gesagt, ich bin selbst noch auf der Reise. Aber ich habe etwas entdeckt.

Und ich glaube – ich bin auf Gold gestoßen.

TEIL EINS: EIN BLICK IN DAS HERZ GOTTES

Wofür sein Herz schlägt

Es war an einem Nachmittag in meinem Auto. Ich fuhr von der Ausbildung nach Hause. Kurz aus der Stadt, rauf auf die B213 und dann dackelte ich hinter den LKW bis in unser Dorf. Die Strecke ist in unserer Umgebung bekannt für viele Unfälle. Entweder weil man sich bei Überholmanövern überschätzt oder weil man unterfordert in einen Automatismus verfällt und gedanklich in der Weltgeschichte herumreist. Auf mich traf Letzteres zu.

Nur gedanklich war ich nirgendwo. Ich fuhr einfach der Kolone hinterher, bis ich plötzlich merkte, dass ich schon fast da war. Aufgeschreckt schoss es mir durch den Kopf:

„Das kann doch nicht sein, Miro. Du fährst jeden Tag diese 21 Minuten hin und her und hast währenddessen so viel Zeit zum Nachdenken, aber du guckst täglich einfach Löcher in die Luft und merkst nicht mal, wie du von A nach B kommst.“

Hier ist der Beweis, dass Männer wohl tatsächlich diese Eigenschaft besitzen, an nichts zu denken. Fest umklammerte ich das Lenkrad, ehe es aus mir her-

ausplatzte:

„Jesus! Schenk‘ mir doch bitte Gedanken. Ich will solche Zeiten nutzen, um über irgendetwas Sinnvolles nachzudenken.“

Keine Ahnung, ob das eine so gute Idee war. Ich mochte es zwar auch vorher schon, über Gott und die Welt zu philosophieren, aber gefühlt wurde es ab diesem Moment wesentlich schlimmer.

In unserer Gemeinde gibt es eine interne Bibelschule, deren Unterricht monatlich ein Wochenende umfasst. Ich kam mit hunderten von Fragen dorthin, in der Hoffnung, dass sie sich nun alle lösen würden. Das Erste, was der Dozent in unserer ersten Unterrichtstunde tatsächlich auch sagte, war:

„Ihr habt sicherlich viele Fragen.“

„Oh, ja. Ja, die habe ich“, dachte ich.

„Und ihr seid hierhergekommen, weil ihr euch nach Antworten sehnt“, setzte er fort.

Er kann meine Gedanken lesen! Ich hielt es kaum auf dem Stuhl aus. Endlich bekomme ich Antworten auf all meine Überlegungen und Fragen.

„Aber wisst ihr was?“

„Ja?“, meine Pupillen weiteten sich.

„Ihr werdet sehr wahrscheinlich im Laufe der Zeit noch mehr Fragen bekommen.“

Wie bitte? Nein, nein, nein. Nicht noch mehr Fragen. Ich suche Antworten. Deshalb bin ich doch hier!

Mittlerweile habe ich die vier Jahre Bibelschule hinter mir, bin verheiratet und habe 43.000 Fragen.

Es ist nicht so, dass sich keine meiner Fragen lösten. Durch so manche Antworten erwuchs ein fester werdender Glaube. Aber die Fragen wurden nicht weniger. Sie wandelten sich. Und während die Fragen blieben, schwand der Zweifel.

So manches Mal bekam ich vielleicht keine endgültige Antwort – aber dafür Frieden.

Allerdings gibt es eine Frage, an der ich in den letzten Jahren irgendwie hängen geblieben bin. Sie ist wie ein Refrain, der Woche für Woche, manchmal sogar täglich, immer und immer wieder in mir aufkommt. Dabei schwanke ich wie eine Pendeluhr von der einen Seite zur anderen, um irgendwelche Argumente zu finden. Sobald ich denke, eine Antwort gefunden zu haben, kommt jemand oder etwas und schmeißt mein ganzes Gedankenkonstrukt wieder um. Diese Frage kommt insbesondere dann in mir auf, wenn ich bei einer Hochzeit sitze. Sie steht mir vor Augen, wenn ich bei Beerdigungen bin. Jedes Mal, wenn ich unzählige Stunden in irgendwelche Projekte investiere oder wieder denke, das Leben anderer beurteilen zu können, frage ich mich:

Was zählt wirklich im Leben?

Ja, ich bin Christ. Und ja, ich weiß, der Sinn des Lebens ist es, Gott zu ehren und Gemeinschaft mit ihm zu haben. Zu lieben, zu dienen, treu zu sein, Gottes Gebote zu halten, sein Reich mitaufzubauen, Menschen zu evangelisieren. Amen dazu, ich bin ganz bei dir. Mein Vater ist Pastor. Es verging kein Mittagsessen, ohne dass wir über Gott, die Kirche oder den Dienst gesprochen hätten. Ich kenne diese Antworten. Und doch kehre ich immer wieder zu dieser fundamen-

talen Frage nach dem Sinn des Lebens zurück. Als wäre es ein Bumerang. Als wäre ein dickes Gummiband um mich gebunden und sobald ich denke, weit genug gekommen zu sein, wirft es mich zurück. Als würden alle Wege nicht nach Rom führen, sondern einzig zu diesen Fragen: Was hat am Ende Bestand? Worauf kommt es an?

„Wofür lohnen sich all die Jahre? Was ist der Sinn des Lebens? Wofür lohnt sich all die Mühe? Vielleicht ist alles vergebens?

Vielleicht haben all die Dinge, die man hier so stark begehrt, dann am Ende unsrer Tage keinen nennenswerten Wert. “8

In meiner Jugendzeit war ich sehr aktiv. Es gab viele Möglichkeiten, in denen ich mich in der Gemeinde einbringen konnte – und ich nutzte jede Gelegenheit. Ich dachte: Alles für den Herrn.

Manchmal kamen mein Vater und ich von der Arbeit und Schule gleichzeitig nach Hause. Wir löffelten unser spätes Mittagessen um die Wette und schon ging es in die nächste Probe, den nächsten Gottesdienst oder das nächste Projekt. Ich war ein sehr projektorientierter Mensch. Bis ich heiratete.

Dann erkannte ich, dass es Beziehungen gibt. Es ist nicht so, dass ich davor keine Freundschaften pflegte. Aber durch Jeannette schien ich auf einmal zu begreifen, dass Projekte und Taten vielleicht nicht dieses Alles ist. Okay, also Beziehungen. Investition in Zeit mit Menschen. Nicht unbedingt produktiv, aber vielleicht das, was zählt. So dachte ich. Bis… Ich war gerade wieder am Fluss. Die Vögel zwitscherten,

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