THEOLOGIE FÜR JEDEN TAG
THEOLOGIE
F Ü R J E D E N TA G
KEVIN DEYOUNG
Für David F. Wells der mich am Gordon-Conwell Theological Seminary Systematische Theologie lehrte und der vielen von uns – durch seine Bücher und sein Beispiel – die Wichtigkeit von Theologie für die Kirche und unsere Welt vermittelt hat
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über dnb.de abrufbar. Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme. Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen. Bei Fragen zur Produktsicherheit wende dich bitte postalisch oder per E-Mail über die angegebenen Kontaktdaten an uns. Titel des englischen Originals Daily Doctrine: A One-Year Guide to Systematic Theology © 2024 by Kevin DeYoung Published by Crossway a publishing ministry of Good News Publishers Wheaton, Illinois 60187, U.S.A. This edition published by arrangement with Crossway. All rights reserved. Wenn nicht anders angegeben, wurde folgende Bibelübersetzung verwendet Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart © 2026 Verbum Medien gGmbH Kleines Lohfeld 6 D-32549 Bad Oeynhausen verbum-medien.de info@verbum-medien.de
Übersetzung Harry Enns Lektorat Sarah-Lena Glaum Buchgestaltung Karin Rekowski, Christian Schumacher Satz Satz & Medien Wieser Druck und Bindung Finidr, Tschechien 1. Auflage 2026 Best.-Nr. 8652 467 ISBN 978-3-98665-467-2 E-Book 978-3-98665-468-9 Hörbuch 978-3-98665-469-6 DOI 10.54291/r673685724
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Woche 5
Inhalt Vorwort zur deutschen Ausgabe
17
Einleitung
21
PROLEGOMENA —
Einleitende Überlegungen und die Lehre von der Heiligen Schrift WOCHE 1
25
WOCHE 3
1
Theologie
27
11 Fundamentale Glaubenssätze 43
2
Systematische Theologie
28
12 Gott erkennen
3
Bereiche der Theologie
30
13 Naturrecht und
4
Religion
32
5
Wissenschaft
33
Natürliche Theologie
15 Inspiration
6
Spekulativ oder praktisch?
35
7
Ad Fontes
37
WOCHE 4
8
Principia
38
16 Zusammenwirkendes
9
Glaube und Vernunft
40
10 Das innere Zeugnis des
Heiligen Geistes
47
14 Allgemeine Offenbarung und
besondere Offenbarung WOCHE 2
45
Handeln
49 50
52
17 Die Vollkommenheiten 42
der Schrift
54
18 Irrtumslosigkeit
56
19 Die Frage des Kanons
57
20 Welche Bücher gehören
zur Bibel?
G OT T E S L E H R E — Das Wesen Gottes und die Werke Gottes
WOCHE 5
59
61
23 Worte für Gott
66
21 Die Existenz Gottes
63
24 Die Einheit Gottes
68
22 Die Erkennbarkeit Gottes
65
25 Die Geistigkeit Gottes
69
WOCHE 6
48 Taxis
26 Die Namen Gottes
71
27 Die Eigenschaften Gottes
73
109
49 Einheit des göttlichen
Wirkens
28 Gottes nicht übertragbare und
50 Der dreieinige Gott und
übertragbare Eigenschaften
75
das christliche Leben
29 Substanz und Akzidenzien
77
und griechisch-römische 78
WOCHE 7
51 Die Ratschlüsse Gottes
115
52 Der Wille Gottes
116
53 Freiheit des Willens
118
54 Gottes Zulassung
120
31 Die Einfachheit Gottes
80
32 Aseität
82
33 Göttliche Unendlichkeit
83
34 Unveränderlichkeit
85
56 Ist Prädestination fair?
35 Impassibilität
87
57 Die Reihenfolge der
WOCHE 8 36 Theopaschitismus und
Patripassianismus
89
37 Eigenschaften des Intellekts 90 38 Eigenschaften des Willens
92
39 Eigenschaften der Macht
94
40 Transzendenz und Immanenz 95
WOCHE 9 41 Gott als Dreieinigkeit
97
42 Die Bibel und die
Dreieinigkeit
113
WOCHE 11
30 Christliche Theologie
Philosophie
111
55 Erwählung und Verwerfung 122
WOCHE 12 124
Ratschlüsse
125
58 Amyraldianismus
127
59 Mittleres Wissen
129
60 Evangelisation und die
Souveränität Gottes
131
WOCHE 13 61 Unser Schöpfergott
133
62 Schöpfung ex nihilo
134
63 Die Schöpfungstage
136
64 Historischer Adam
138
65 Der Zweck, zu dem Gott die 99
43 Trinitarische Begriffe
100
44 Eins und drei
102
45 Ewige Zeugung
104
WOCHE 10
Welt geschaffen hat
139
WOCHE 14 66 Engel
141
67 Dämonen
143
68 Vorsehung
144
46 Der filioque-Zusatz
106
69 Wunder
146
47 Perichoresis
108
70 Gebet
148
Woche 20
A N T H R O P O LO G I E —
Der Mensch als geschaffenes und gefallenes Wesen WOCHE 15
WOCHE 17
71 Geschaffenes Wesen und
krönende Vollendung
153
72 Der Mensch als Leib und
Seele
81 Das Wesen der Sünde
170
82 Der Ursprung der Sünde
172
83 Die Übertragung der Sünde 174 155
73 Woher kommen unsere
Seelen?
151
84 Totale Unfähigkeit
176
85 Die menschliche Natur in 156
74 Seelenvermögen
158
75 Männlich und weiblich
160
ihrem vierfachen Zustand
178
WOCHE 18 86 Ist in Gottes Augen jede
WOCHE 16
Sünde gleich?
76 Ehe
162
77 Transgenderismus 78 Ebenbild Gottes
180
87 Hassenswertere Sünden
182
164
88 Begierde
184
165
89 Versuchung
185
79 Was bedeutet es, im Ebenbild
90 Welchen Unterschied macht
Gottes geschaffen zu sein?
die Lehre von der Sünde?
167
187
80 Was sind die Auswirkungen
davon, im Ebenbild Gottes geschaffen zu sein?
169
B U N D E S T H E O LO G I E —
Wie Gott sich zu seinen Geschöpfen verhält WOCHE 19
191
WOCHE 20
91 Die Zentralität des Bundes
193
96 Bund der Werke
201
92 Definition des Bundes
194
97 Bund der Gnade
202
93 Berith und diatheke
196
98 Der Bund mit Noah
204
99 Der Bund mit Abraham
206
Bundeserneuerung
197
100 Der Bund mit Mose
207
95 Bund der Erlösung
199
94 Gottesdienst als
WOCHE 21
WOCHE 22
101 Wiederverkündigung
209
106 Das Gesetz und der Christ 218
102 Der Bund mit David
211
107 Dreiteilung des Gesetzes
220
103 Der Neue Bund
212
108 Dispensationalismus
221
104 »Die Väter haben saure
Trauben gegessen«
109 Baptistische 214
105 Das Neue des Neuen
Bundes
Bundestheologie
223
110 Das Israel Gottes
225
216
C H R I S TO LO G I E ( 1 ) — Die Person Christi
WOCHE 23
227
WOCHE 26
111 Logos
229
126 Arianismus
255
112 Jungfrauengeburt
230
127 Doketismus
256
128 Nestorianismus
251
129 Eutychianismus
260
113 Messianische
Prophezeiungen
232
114 Die Namen und Titel Jesu 234 115 Jesu Zeugnis von
sich selbst
236
130 Chalcedonische Definition 262
WOCHE 27 131 »Was nicht angenommen
WOCHE 24
ist, kann nicht geheilt
116 Autotheos
237
117 Die Gottheit Christi
239
118 Die Menschlichkeit Christi 241
werden«
264
132 Wusste Christus, dass er
Gott war?
266
119 Ewige Sohnschaft
242
133 Kenosis
268
120 Menschwerdung
244
134 Geist-Christologie
270
135 Die impeccabilitas Christi
271
WOCHE 25 121 Hypostatische Union
246
122 Communicatio idiomatum 247 123 Wie verhalten sich die beiden
Naturen zueinander?
249
124 Das extra calvinisticum
251
125 Christologische Häresien
253
Woche 34
C H R I S TO LO G I E ( 2 ) — Das Werk Christi
WOCHE 28 136 Zwei Stände
149 Einführung in das 277
137 Menschwerdung und
Leiden
275
Sühneopfer
298
150 Die Notwendigkeit des 278
Sühneopfers
138 Der Schrei der
Verlassenheit
280
139 Tod und Begräbnis
281
140 Abstieg ins Reich des Todes 283
WOCHE 29
WOCHE 31 151 Die Vollkommenheit des
Sühneopfers
302
152 Sühneopfertheorien (1)
303
153 Sühneopfertheorien (2)
305
141 Auferstehung
285
154 Gehorsam und
142 Himmelfahrt
287
Überwindung
143 Das Sitzen zur Rechten
300
307
155 Versöhnung und Erlösung 309
Gottes
288
144 Wiederkunft
290
145 Prophet
292
WOCHE 30
WOCHE 32 156 Opfer und Genugtuung
310
157 Sühnung und Versöhnung
312
158 Begrenzte Sühne
314
146 Priester
293
159 Wirksame Sühne
315
147 König
295
160 Zerschlagen für unsere
148 Das Reich Christi
297
Ungerechtigkeiten
S OT E R I O LO G I E — Die Rettung in Christus
WOCHE 33 161 Ordo Salutis
321 323
163 Das Wirken des Heiligen
Geistes (2)
319
WOCHE 34
162 Das Wirken des Heiligen
Geistes (1)
317
325
164 Einheit mit Christus
326
165 Allgemeine Berufung
328
166 Wirksame Berufung
330
167 Unwiderstehliche Gnade
332
168 Wiedergeburt
333
169 Monergismus
335
170 Bekehrung
337
WOCHE 35
WOCHE 37
171 Buße
338
181 Adoption
172 Glaube
340
182 Wie unterscheiden sich
173 Handlungen des Glaubens 342
Heiligung und
174 Glaube und Gewissheit
344
Rechtfertigung?
175 Rechtfertigung
345
183 Drei Anwendungen des
Gesetzes WOCHE 36
184 Vertrauen und Versuchen
176 Anrechnung
347
177 Sola fide
349 351
179 Sollten wir eine »Neue
180 Zeitpunkt und Beigaben
360 362
185 Gute Werke und Errettung 364
186 Die guten Werke des
Gläubigen
366
187 Gute Werke und Verdienst 368
Perspektive« auf Paulus einnehmen?
358
WOCHE 38
178 Steht Jakobus im Wider-
spruch zu Paulus?
356
353
188 Ausharren
370
355
189 Warnungen
371
190 Verherrlichung
373
E K K L E S I O LO G I E — Wesen, Auftrag und Ordnung der Kirche
WOCHE 39
375
WOCHE 41
191 Kirche
377
201 Wesen und Ausmaß der
192 Das Wesen der Kirche
378
Macht der Kirche
193 Einheit
380
202 Staatskirchliches Prinzip
194 Heiligkeit
382
oder Freiwilligkeits-
195 Katholizität
383
prinzip
WOCHE 40 196 Apostolizität
385
197 Merkmale der Kirche
387
198 Predigen
388
199 Mitglieder der Kirche
390
200 Kirche und Staat
392
394
396
203 Gewissensfreiheit
398
204 Das regulative Prinzip
399
205 Die Mission der Kirche
401
Woche 48
WOCHE 42
WOCHE 46
206 Wesentliche und
226 Ein Tisch oder ein Altar?
vermittelnde Herrschaft
403
207 Geistlichkeit der Kirche
405
208 Glaubensbekenntnisse und
439
227 Wer sollte das Abendmahl
empfangen?
441
228 Gemeindemitgliedschaft
442
407
229 Gemeindezucht
444
209 Geistesgaben
409
230 Ämter in der
210 Wundergaben
410
Bekenntnisschriften
neutestamentlichen Gemeinde
WOCHE 43
WOCHE 47
211 Die Taufe mit dem Geist
412
212 Erfülltsein vom Geist
414
231 Das Werk des Dienstes
213 Berufung
415
232 Wie viele Ämter gibt es in
214 Gnadenmittel
417
215 Semper reformanda
419
WOCHE 44
der Kirche?
448 449
233 Älteste
451
234 Diakone
453
235 Die göttliche Einsetzung
216 Sakramente
421
217 Wie viele Sakramente?
423
218 Taufe
425
WOCHE 48
219 Empfänger der Taufe
426
236 Leitet der Papst die
220 Art der Taufe
428
der Kirchenleitung
Kirche?
455
457
237 Leiten die Bischöfe die
WOCHE 45
Kirche?
221 Was besiegelt die Taufe?
430
222 Wer darf taufen?
432
223 Wie oft sollte ich mich
taufen lassen?
446
459
238 Leiten die Mitglieder die
Gemeinde?
460
239 Leiten die Ältesten die 434
224 Das Abendmahl
436
225 Realpräsenz
437
Gemeinde? 240 Anständig und geordnet
462 464
E S C H ATO LO G I E — Die letzten Dinge
467
WOCHE 49 241 Tod und Hölle
WOCHE 51 469
242 Die Hölle als göttliche
251 Partieller Präterismus
486
252 Die große Trübsal
488
Bestrafung
470
253 144 000
489
243 Universalismus
472
254 666
491
244 Annihilationismus
474
255 Ganz Israel wird gerettet
245 Inklusivismus
475
werden
WOCHE 50
WOCHE 52
246 Kommen gläubige Menschen
256 Sichtweisen auf das
in den Himmel, wenn sie
Millennium
sterben? 247 Zwischenzustand
478
257 Wann findet das Tausend-
479
jährige Reich statt?
248 Das Gericht nach den
Werken 249 Lohn im Himmel
495 497
258 Was bedeutet es, dass der 481
Satan für tausend Jahre
483
gebunden ist?
250 Wie wird es im Himmel
sein?
493
499
259 Was ist mit der ersten
Auferstehung gemeint?
485
501
260 Die glorreiche Erscheinung 502
Nachwort zur deutschen Ausgabe
505
ANHANG
509
Hintergründe zu häufig zitierten Quellen
511
Literaturverzeichnis
515
Endnoten
521
Woche 52
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Für viele Christen klingt der Begriff »Systematische Theologie« distanziert und komplex – dabei beschreibt er nichts anderes als den Versuch, die gesamte Lehre der Bibel zu großen, zusammenhängenden Themen zu ordnen und verständlich zu erklären. Dennoch hat die systematische Theologie in der heutigen evangelikalen Christenheit einen schweren Stand. Viele Gläubige, die Jesus von Herzen nachfolgen und die Bibel als Gottes Wort lieben, hegen ein stilles Misstrauen ihr gegenüber. Sie erscheint ihnen wie eine fremde, spröde Landschaft – zu trocken, zu theoretisch, zu sehr ein Fachgebiet für Spezialisten, das mit den Freuden und Kämpfen des gelebten Glaubens wenig zu tun habe. Man befürchtet, sie presse das lebendige Wort Gottes in starre Schemata, verliere sich in spekulativen Gedankenspielen oder sei im Kern eher Philosophie als biblische Wahrheit. Und nicht zuletzt ist da das Bild von gewichtigen, mehrbändigen Werken, die unzugänglich im Regal stehen und unüberwindbare Hürden darstellen. Wer soll bei all den Mühen des Alltags noch die Zeit und Kraft aufbringen, sich durch solche Nachschlagewerke zu arbeiten? Solche Vorbehalte sind weit verbreitet, und doch entspringen sie überwiegend einem Missverständnis darüber, was Theologie in ihrem Wesen eigentlich ist und zu welcher Tiefe und Freude sie uns führen kann. Theologie für jeden Tag von Kevin DeYoung hilft dabei, dieses Misstrauen hinter sich zu lassen. Dieses Buch ist nämlich keine trockene Abhandlung, 17
Theologie für jeden Tag
sondern eine Einladung. Es lädt uns ein, zu entdecken, dass die systematische Durchdringung des Glaubens kein Luxus für Akademiker, sondern eine lebensnotwendige Nahrung für jeden Christen ist. Wahre Theologie ist nie Selbstzweck. Sie ist der geordnete und liebevolle Versuch, Gottes offenbarte Wahrheit so gut zu verstehen, wie es uns Menschen möglich ist, um dadurch Gott selbst besser kennenzulernen, ihm treuer zu folgen und ihn mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft zu lieben. DeYoung gelingt das Kunststück, zentrale Lehren wie die der Dreieinigkeit, der Erwählung oder der Person Christi nicht als abstrakte Theorien, sondern als Grundfesten unserer Beziehung zu Gott darzustellen. Die großen Glaubensväter der Kirchengeschichte – von Augustinus über Luther und Calvin bis zu den Puritanern – wussten, dass wahre Lehre unweigerlich zu wahrer Anbetung und einem geheiligten Leben führt. Eine Theologie, die nicht im Gebet mündet und nicht in der Liebe wirksam wird, hat ihr Ziel verfehlt. In Theologie für jeden Tag wird die Lehre von der Souveränität Gottes zum Trost in der Unsicherheit, die Lehre von der Rechtfertigung zur Quelle unerschütterlicher Gewissheit, und die Lehre vom Heiligen Geist zur Kraft für den Dienst. In einer Zeit, in der »Erfahrung« oft höher bewertet wird als »Wahrheit«, erinnert uns DeYoung daran, dass Lehre und Leben untrennbar zusammengehören. Ein Glaube, der nicht durchdacht ist, wird schnell schwankend und orientierungslos. Eine Frömmigkeit, die nicht in der Wahrheit über Gott wächst, degeneriert leicht zu einem selbstzentrierten Gefühlskult. Ebenso wenig bestätigt dieses Buch das Vorurteil, Theologie sei ein einengendes Korsett. Wer sich von der systematischen Theologie in seiner Glaubensfreiheit beschnitten fühlt, hat vielleicht noch nie erlebt, wie sie als verlässliche Landkarte wirkt. In einem unwegsamen Gelände ist eine Karte keineswegs einengend, sondern befreiend. Sie bewahrt davor, sich zu verlaufen, und sie weist den Weg zu den lohnendsten Zielen. Genau das liefert DeYoung. Er strukturiert den reichen Schatz der biblischen Offenbarung in verständlichen Kategorien, die uns helfen, die Zusammenhänge des Glaubens zu sehen und die Schönheit eines in sich stimmigen Gottesbildes zu bestaunen. Genauso wenig entstanden die alten Glaubensbekenntnisse und reformatorischen Katechismen aus einem Drang zur Reglementierung, sondern aus der liebenden Sorge um die Gemeinde, die vor Verwirrung und Irrlehre beschützt werden sollte. 18
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Auch der Vorwurf, die systematische Theologie sei im Grunde philosophisch spekulativ und entferne sich von der klaren Botschaft der Bibel, wird in Theologie für jeden Tag eindrücklich widerlegt. DeYoungs Ausführungen sind durch und durch »bibelsatt«. Jede Lehre, jede Schlussfolgerung wird sorgfältig und mit großer hermeneutischer Umsicht auf das Fundament der Heiligen Schrift gegründet. Die Systematik dient hier nicht dazu, der Bibel etwas überzustülpen, sondern ihre eigene, innere Logik sichtbar zu machen. Sie hilft uns, die »ganze Schrift« (vgl. 2 Tim 3,16) zu würdigen und zu verstehen, wie die verschiedenen Bücher und Testamente ein wunderbares, von Gott inspiriertes Ganzes bilden. Dies ist keine Spekulation, sondern ein Akt des Hörens und Ordnens. Dabei ist DeYoung ein brillanter Vertreter des Pastor-Theologen. Ihm gelingt das seltene Kunststück, die sorgfältige, präzise Denkarbeit des Theologen mit dem warmherzigen, seelsorgerlichen Blick eines Pastors zu verbinden. Er schreibt nicht aus dem Elfenbeinturm der Akademie, sondern aus der Mitte des Gemeindelebens – aus der Verkündigung, der Seelsorge und dem Gebet heraus. Seine Erklärungen sind klar und gleichzeitig erstaunlich tief, ohne jemals kompliziert oder unzugänglich zu werden. Theologie für jeden Tag ist damit das ideale Buch für alle, die sich vielleicht bisher nicht an die systematische Theologie herangetraut haben. Es ist eine Dogmatik für den Alltag, die ohne Vorkenntnisse verstanden werden kann und dennoch so reichhaltig ist, dass auch langjährige Christen und theologische Laien immer wieder neue Einsichten gewinnen werden. Letztlich ist dieses Buch also weit mehr als nur ein Buch. Es ist ein Wegbegleiter für ein ganzes Jahr, ein Schatz für die persönliche Stille Zeit und ein Kompass, der uns sicher durch die komplexen Fragen des Glaubens und des Lebens führt. Möge Theologie für jeden Tag in vielen Händen landen und in vielen Herzen wirken. Möge sie Türen öffnen zu der tiefen Freude, die darin liegt, den Gott der Bibel immer besser kennenzulernen. Möge sie Vorurteile abbauen, Herzen erwärmen, Gedanken ordnen und uns, dem ursprünglichen Ziel aller echten Theologie entsprechend, immer wieder in die anbetende Bewunderung unseres dreieinigen Gottes führen. Gießen, November 2025 Boris Giesbrecht, Studienleiter an der Akademie für Reformatorische Theologie
19
Theologie für jeden Tag
Einleitung
Einleitung
Es mag übertrieben klingen, aber mit dem Schreiben dieses Buches ist ein Traum wahr geworden. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese persönliche Anekdote teilen sollte (es könnte wie falsche Bescheidenheit oder einfach nur hoffnungslos streberhaft wirken), aber hier ist sie: Seit meinem ersten Studienjahr wollte ich ein Lehrbuch in Systematischer Theologie schreiben. Zugegeben: Dies ist kein Lehrbuch im eigentlichen Sinne, und es ist sicher nicht so lang, so gelehrt oder so anspruchsvoll wie die klassischen Werke der Systematik, die es bereits gibt. Es ist auch nicht so tiefgründig und intellektuell versiert wie die vielen feinen Meisterwerke christlicher Lehre, die immer noch geschrieben werden. Aber für mich ist es (zumindest für den Moment) genau das Buch, das ich schreiben wollte. Ich glaube, meine Nische als Schriftsteller ist Übersetzung – nicht von einer Sprache in eine andere, sondern von einer Sprachebene in eine andere. Anders gesagt: Ich gehe davon aus, dass ich der Kirche am besten diene, indem ich die Texte alter toter Männer (und einiger noch lebender Leute) lese, ihre Fachsprache und Fachterminologie verdaue, das Beste ihrer Einsichten herausdestilliere, und dann klar und prägnant für viel beschäftigte Pastoren, Studenten, Leiter und Laien schreibe. Im Geiste Johannes des Täufers leugne ich nicht, sondern bekenne freimütig: Dies ist kein bahnbrechendes Werk Systematischer Theologie. Ich dränge nicht auf eine lehrmäßige Neuerung oder neue Synthese. Ich rezipiere 21
Theologie für jeden Tag
nicht die neuesten Monographien und wissenschaftlichen Aufsätze. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und ich versuche auch nicht, alle theologischen Optionen der verschiedenen Traditionen (ob nun römischkatholisch, lutherisch, anglikanisch, täuferisch, wesleyanisch, pfingstlerisch oder liberal) zu berücksichtigen. Ich bin ein presbyterianischer Geistlicher. Als solcher bin ich zwar zuversichtlich, dass alle Christen von diesem Buch profitieren können, aber es ist unschwer zu erkennen, dass meine Theologie von den Bekenntnissen und Katechismen der reformierten Tradition und reformierten Theologen wie Johannes Calvin (1509–1564), François Turrettini (1623–1687), Charles Hodge (1797–1878), James Bannerman (1807–1868), William G. T. Shedd (1820–1894), Herman Bavinck (1854–1921) und Louis Berkhof (1873– 1957) geprägt ist. Am wichtigsten ist natürlich, dass ich mich auf jeder Seite dieses Buches bemühe, biblisch zu sein. Ein großer Teil der Systematischen Theologie besteht darin, die richtigen Begriffe, Streitfragen und Unterscheidungen zu lernen. Ich entschuldige mich nicht dafür, dass ich diese Dinge vermittle. Aber das übergeordnete Ziel all dieses Lernens ist, zu verstehen, was die Bibel lehrt, zu verteidigen, was die Bibel lehrt, und sich an dem Gott zu erfreuen, den die Bibel offenbart. Wähle dein Abenteuer Theologie für jeden Tag kann auf drei verschiedene Arten benutzt werden. 1. Du kannst Theologie für jeden Tag als einjähriges Andachtsbuch lesen. Jeder Tagestext besteht aus etwa 500 Wörtern und kann als Teil der Tagesroutine gleich am Morgen, am Abendbrottisch oder kurz vor dem Schlafengehen gelesen werden. Anstatt die Andachten nach Monaten zu ordnen, habe ich es für sinnvoller (und machbarer) gehalten, fünf pro Woche anzusetzen. Die meisten von uns, die sich ein Jahresprojekt vornehmen, brauchen kleine Pausen und Aufholtage. Fünf Andachten pro Woche anstelle von sieben lassen diesen Spielraum zu. Die Tage selbst werden fortlaufend nummeriert, insgesamt 260 (52 x 5). Du kannst also die täglichen Andachten lesen und Pausen einlegen, wo du sie brauchst, oder (so wie sie angeordnet sind) in jeder Woche des Jahres fünf Andachten lesen.
22
Einleitung
2. Du kannst Theologie für jeden Tag als Nachschlagewerk verwenden. Alle Themen sind im Inhaltsverzeichnis aufgeführt, sodass du mühelos »Historischer Adam«, »Schrei der Verlassenheit« oder »perichoresis« nachschlagen kannst und eine Zusammenfassung des Begriffs oder des Konzepts in 500 Wörtern erhältst. 3. Du kannst Theologie für jeden Tag als eine kompakte Systematische Theologie am Stück lesen. Die Themen sind nach den traditionellen systematischen Kategorien (oft loci genannt) geordnet. Ich habe die Kapitel in acht Loci eingeteilt: Prolegomena, Gotteslehre, Anthropologie, Bundestheologie, Christologie (in zwei Teilen), Soteriologie, Ekklesiologie und Eschatologie. Sollte dir das eher zusagen, kannst du den Wochenrhythmus getrost ignorieren und den Stoff durcharbeiten, als handele es sich um einen Taschen-Turrettini oder einen Basis-Berkhof. Der Pessimist könnte behaupten, dass dieses Buch zu viel will: Es ist zu tiefgründig für ein Andachtsbuch, nicht umfassend genug für ein Nachschlagewerk und zu vereinfacht für eine Systematische Theologie. »Entscheide dich für eine Sache, DeYoung!« Da ist was dran. Aber der Optimist in mir denkt, dass es das Buch stärker machen kann, wenn es mehr als eine Sache auf einmal ist. Dies und das Zwei kurze Anmerkungen zu den Quellen und Zitaten, bevor ich meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen möchte. Quellen. Da es in einem Buch wie diesem darauf ankommt, mit seinen Worten gut zu haushalten, werde ich auf Theologen verweisen, ohne biographische Angaben zu machen. Wenn dir die Namen nicht geläufig sind, ist das kein Problem. Du kannst in den Anhang schauen, wo ich ein paar Sätze über die Personen und Quellen verliere, die ich am häufigsten zitiere. Zitate. Ich verweise auf Bibelverse (z. B. Joh 3,16) und Bekenntnisschriften (z. B. WB 1.1) in Klammern im Text. Zur besseren Übersicht sind die Fußnoten nach Tagen gegliedert und ich verwende durchgängig die Kurzform. Die vollständigen bibliographischen Angaben finden sich im Literaturverzeichnis am Ende des Buches. Es war großartig, mit meinem Freund Justin Taylor und all den talentierten Männern und Frauen von Crossway zusammenzuarbeiten. Danke, 23
Theologie für jeden Tag
dass ihr das Risiko eingegangen seid, ein Andachtsbuch voller lateinischer Begriffe und scholastischer Disputationen zu veröffentlichen. Dieses Buch wäre ohne die Unterstützung, Ermutigung und die mir zur Verfügung gestellte Zeit der Christ Covenant Church nicht möglich gewesen. Es ist ein Segen, einer so theologisch orientierten Gemeinde dienen zu dürfen. Neben meiner Vollzeitstelle als Hauptpastor habe ich außerdem das Privileg, Systematische Theologie am Reformed Theological Seminary in Charlotte, North Carolina, zu unterrichten. Es ist daher nicht überraschend, dass viele dieser Inhalte aus Vorlesungen am RTS hervorgegangen sind. Ich bin meinen Studenten und Kollegen dankbar für die Gelegenheit zu lehren und dafür, dass sie mir geholfen haben, meine Darstellung der reformierten Theologie zu verfeinern. Insbesondere stehe ich in der Schuld mehrerer Kollegen aus der Systematischen Theologie (im gesamten RTS-Verbund), die Teile dieses Buches gelesen und mir äußerst wertvolle Rückmeldungen gegeben haben. Ihre Kommentare haben das Buch in vielen Punkten verbessert. Auch Barry Peterson und Andrew Wolgemuth bin ich für ihre Unterstützung zu Dank verpflichtet. Vor allem aber bin ich dankbar für die Liebe und Gnade meiner Kinder – Ian, Jacob, Elsie, Paul, Mary, Benjamin, Tabitha, Andrew und Susannah – und insbesondere meiner Frau Trisha. Der einzige, dem ich mehr verdanke als meiner Frau, ist Gott selbst. Welch eine Freude war es, in den Jahren, die ich für die Fertigstellung dieses Projekts gebraucht habe, intensiv über den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist nachzudenken! Es war ein langer – aber guter – Weg.
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Einleitung
PROLEGOMENA Einleitende Überlegungen und die Lehre von der Heiligen Schrift
Prolegomena
Woche 1
WOCHE 1
TAG 1
Theologie Christliche Theologie hat zum Ziel, das Licht der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi zu erkennen, sich daran zu erfreuen und darin zu wandeln. Das Wort Theologie kommt von zwei griechischen Wörtern: theos (»Gott«) und logos (»Wort«, »Rede«, »Aussage«). Ganz grundlegend ist Theologie also die Lehre von Gott. Das ist jedoch nicht alles, was es über Theologie zu sagen gibt. Das Problem mit einer etymologischen Definition wie dieser ist, dass sie den Eindruck erweckt, Gott sei lediglich ein Objekt, das von uns (neben anderen Objekten) auseinandergenommen und analysiert werden kann. Für den Christen muss Theologie immer auf mehr abzielen als bloße Fakten und Beobachtungen. Das ist auch der Grund, weshalb William Perkins Theologie als »die Wissenschaft des ewig seligen Lebens« definierte,1 und Petrus van Mastricht sie »die Lehre vom Leben für Gott durch Christus« nannte.2 Das Ziel der Theologie darf niemals darauf beschränkt sein, nur die richtigen Ideen und Vorstellungen in unseren Kopf zu bekommen. Wir befassen uns mit Theologie (und schreiben und lesen theologische Werke), damit wir Gott tiefer erkennen, uns mehr an ihm erfreuen und ihm gehorsamer nachfolgen können. Wir arbeiten hart an einer sorgfältigen, präzisen und intellektuell anspruchsvollen Theologie, weil wir die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi besser erkennen wollen. Deshalb sollten wir uns dem Theologiestudium auf vier Arten widmen. Biblisch. Wir müssen jede theologische Überzeugung und Schlussfolgerung anhand der Bibel prüfen. Auch wenn die kirchliche Tradition wichtig ist und die menschliche Erfahrung nicht ignoriert werden kann, geht es in der Theologie letztlich nicht darum, zu erklären, was die Kirche gelehrt hat 27
Prolegomena
oder wie wir bestimmte Dinge empfinden. Wir müssen immer in der Heiligen Schrift nachforschen, um zu sehen, ob es sich damit auch so verhält (vgl. Apg 17,11). Mit Vernunft. Die Vernunft ist zwar nicht die Grundlage, wohl aber das Instrument des Glaubens. Paulus diskutierte zwei Jahre lang täglich in der Schule des Tyrannus (vgl. Apg 19,9), er diskutierte mit Felix und Drusilla (vgl. Apg 24,24), und er plädierte vor Festus: »Ich rede wahre und vernünftige Worte« (Apg 26,25). Die Wahrheit der Bibel mag das Begriffsvermögen der Vernunft übersteigen, aber sie ist niemals unsinnig oder irrational. Demütig. Wir gehen die Aufgabe der Theologie im Bewusstsein unserer völligen Abhängigkeit von Gott an und sind willig, von denen zu lernen, die uns vorangegangen sind. Im Bewusstsein unserer Begrenztheit und Sündhaftigkeit ist unsere Haltung nicht stolz und aufgeblasen, sondern von Gebet und Dankbarkeit geprägt. Wir wollen etwas über unseren großen Gott lernen, und da ist kein Platz für große Egos. Zu Gottes Ehre. Wir lernen, um zu lieben. Im Anblick seiner Herrlichkeit wachsen wir. Wir graben tief in der Lehre, damit wir in der Anbetung umso höher emporsteigen. Gott ist nicht nur der Gegenstand unseres Studiums, sondern derjenige, der alles offenbart, was es über ihn zu wissen gibt. Er ist es wert, dass wir uns ihm ganz hingeben.
TAG 2
Systematische Theologie Wenn wir Systematische Theologie betreiben, versuchen wir, die Frage zu beantworten, was die Bibel in ihrer Gesamtheit zu einem bestimmten Thema lehrt. Mögliche Themen sind Engel, Sünde, Glaube, Werke, Gesetz, Gnade, der Tod Christi, das Wirken des Heiligen Geistes und so weiter. Anstelle von Systematische Theologie bevorzugen viele den Begriff Dogmatik. Dogmatik klingt vielleicht etwas steif und hochtrabend, ist aber in mancherlei Hinsicht der umfassendere Begriff. Ein Dogma ist eine anerkannte Lehre der Kirche – die reife Frucht des Nachdenkens der Kirche über 28
Woche 1
die B ibel –, während systematisch eher die Art und Weise bezeichnet, wie man Lehre studiert. Beide Begriffe haben ihre Berechtigung und werden von Christen oftmals synonym verwendet. Systematische Theologie ist eine besondere Form der Theologie, die ihre eigene Methode und Struktur hat. Während die Historische Theologie untersucht, wie sich die Lehre im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, die Natürliche Theologie sich damit befasst, was man durch Vernunft und Beobachtung über Gott erfahren kann, und die Biblische Theologie die großen Themen der Erlösungsgeschichte der Bibel nachzeichnet, organisiert die Systematische Theologie die Lehre logisch nach bestimmten Themen und Fragestellungen. Diese Themen werden manchmal loci genannt (lateinisch für »Orte«, Plural von locus). In ihrer heutigen Form ist die Systematische Theologie erst mehrere hundert Jahre alt, aber viele führen die Disziplin auf Origenes’ Peri archon (um 220) zurück. Philipp Melanchthons Loci communes (1521) – das die biblische Lehre um gemeinsame Themen herum organisiert – wird oft als Beginn der Systematischen Theologie in der protestantischen Tradition angesehen. Es gibt viele Arten, Systematische Theologie zu betreiben. Manche Ansätze orientieren sich an der Liebe, dem Bund, Christus, der Herrschaft oder der Dreieinigkeit als ihrem Hauptthema. Keiner dieser Ansätze ist falsch. Traditionell gliedert sich die Systematische Theologie jedoch in sieben Hauptthemen: Prolegomena (wörtlich: »erste Worte«; Grundregeln und Lehre von der Heiligen Schrift); Gotteslehre (Lehre von Gott, Dreieinigkeit, Ratschlüsse Gottes, Schöpfung und Vorsehung); Anthropologie (Lehre von der Schöpfung und dem Fall des Menschen); Christologie (Person und Werk Christi); Soteriologie (wie wir gerettet werden und als Errettete im Geist leben); Ekklesiologie (Lehre von der Kirche); und Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen, sowohl in Bezug auf den einzelnen Menschen als auch den Kosmos). Manche behandeln die Pneumatologie (Lehre vom Heiligen Geist) als eigene Kategorie. Obwohl das Thema Bund oft den letzten Punkt der Anthropologie bildet, habe ich mich zur Vereinfachung dafür entschieden, es als eigene Kategorie aufzunehmen. Systematische Theologie ist nicht der einzige Weg, auf dem Christen etwas über Gottes Wort lernen können, aber sie ist ein unschätzbar wertvoller Weg. Sie baut auf den Erkenntnissen der Kirchengeschichte auf, versucht, die historische Lehre der Kirche zu verteidigen, und hilft uns, 29
Prolegomena
den gesamten Ratschluss Gottes zusammenzufassen. Noch wichtiger ist jedoch, dass Systematische Theologie uns hilft, mehr von Gott zu erkennen. Unser Ziel darf niemals sein, das bloße Minimum an Wissen zu sammeln, das notwendig ist, um in den Himmel zu kommen. Wir wollen uns nicht mit wohlklingenden Phrasen zufriedengeben, sondern zum Konkreten vordringen, von Allgemeinplätzen zu Fachbegriffen – von den Hügeln zu den majestätischen Bergen der Herrlichkeit Gottes. Das ist der Grund, warum wir studieren, warum wir lernen, und warum wir Systematische Theologie brauchen.
TAG 3
Bereiche der Theologie Für die meisten von uns ist Theologie nur eines: die Lehre von Gott. Reformierte Theologen haben die Theologie jedoch seit Langem in unterschiedliche Bereiche eingeteilt, aus denen sie sich zusammensetzt. Der einflussreichste Ansatz stammt von Franz Junius dem Älteren (1545–1602), der in einer Abhandlung viele der Kategorien und Grundzüge formulierte, denen spätere Systematiker bei der Definition und Beschreibung des Wesens der Theologie folgen sollten. Junius’ Schema ist zu komplex, um es in allen Einzelheiten zu untersuchen, aber die von ihm verwendeten Haupteinteilungen sind relativ einfach und (hat man sich einmal an das Vokabular gewöhnt) äußerst nützlich. Junius zufolge kann Theologie wahr oder falsch sein. Genau genommen ist falsche Theologie überhaupt keine Theologie, da sie allein auf menschlicher Meinung beruht. Insofern wir sie jedoch als »Theologie« bezeichnen, kann sie entweder in allgemeiner (nicht durch die Vernunft geordneter) oder philosophischer (von der Vernunft gestützter) Form auftreten. Philosophische Theologie hatte unter den Griechen und Römern in der Zeit vor Christus ihre Blütezeit. Es überrascht nicht, dass Junius die meiste Zeit zur Erörterung wahrer Theologie verwendet. Mit einer Unterscheidung, die für die gesamte 30
Woche 1
reformierte Tradition grundlegend werden sollte, lehrte Junius, dass wahre Theologie entweder archetypisch oder ektypisch ist. Archetypische Theologie bezieht sich auf das Wissen, das Gott von sich selbst hat. Zu dieser Theologie hat allein Gott Zugang. Ektypische Theologie hingegen ist das Wissen, das von Gott aus dem Archetypus, dem Urbild seiner selbst, geformt und aus Gnade an seine Geschöpfe weitergegeben wird. Das ist ein entscheidender Punkt: Nur Gott macht wahre Theologie möglich. Ektypische Theologie kann auf drei Arten vermittelt werden: Vereinigung, Schau und Offenbarung. Diese drei Arten entsprechen der Theologie von Christus als Gottmensch (Vereinigung), der Theologie geistiger Wesen und der verherrlichten Heiligen im Himmel (Schau), und der Theologie der Menschen auf Erden (Offenbarung). Letztere ist »unsere Theologie«: die Theologie von Pilgern auf dem Weg. Junius fährt (weiter sorgfältig unterscheidend) fort und erklärt, dass Gott uns diese geoffenbarte Theologie auf zwei Arten mitteilt: durch die Natur und durch die Gnade. Gott ist der Urheber sowohl der Natürlichen als auch der übernatürlichen Theologie. Die Natürliche Theologie ist eine Form der wahren Theologie und ein Modus göttlicher Offenbarung. Das Wissen der Natürlichen Theologie kann entweder angeboren (innerlich erkannt durch das Gewissen) oder erworben (äußerlich beobachtet durch die Schöpfung) sein. Durch die Natürliche Theologie können wir wahre Dinge über den Schöpfer und seine Schöpfung erfahren. Aber die Natürliche Theologie – insbesondere angesichts des Sündenfalls – ist unvollkommen, ungewiss und unfähig zu retten. Wir brauchen eine übernatürliche Theologie und die rettende Gnade Gottes, die uns nur durch die vollkommene Offenbarung in seinem Wort zukommt. Auch gibt es verschiedene Arten von Theologie: wahre und falsche Theologie; die Theologie, die nur Gott kennt, und die Theologie, die er uns ermöglicht; die Theologie, die er in Christus, im Himmel und auf Erden offenbart; die unvollkommene Theologie, die wir in uns und um uns herum finden, und die unfehlbare Theologie, die durch das Wunder unseres sprechenden Gottes offenbart wird. Es ist diese letzte Art von Theologie, die wir in der Systematischen Theologie (hauptsächlich) studieren – und es ist die einzige Art von Theologie, die verlorene Sünder retten kann.
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Prolegomena
TAG 4
Religion Die Herkunft des Wortes Religion ist unklar. Im Laufe der Zeit sind viele Cicero (106–43 v. Chr.) gefolgt, der religio von relegere ableitete, einem lateinischen Wort, das »sich versammeln« oder »nochmals lesen« bedeutet. Laut diesem Ansatz ist Religion das sorgfältige Studium der Dinge, die Gott betreffen. Andere haben die Erklärung des Kirchenvaters Lactantius (ca. 250– 325) bevorzugt, die auch Augustinus (354–430) übernommen hat, wonach religio von religare kommt, was »befestigen« oder »binden« bedeutet. Folgt man dieser Wortherkunft, ist Religion die Rückbindung oder Wiederbefestigung des Menschen an Gott. Im heutigen Sprachgebrauch ist Religion oft ausschließlich negativ konnotiert. Selbst unter Christen meinen viele, Religion sei das Gegenteil einer Beziehung zu Gott: Man versteht darunter den Versuch, sich Gottes Gunst zu verdienen, oder man hält sie für ein verdummendes System von Ritualen, Dogmen und Strukturen. Das Problem mit diesem abschätzigen Verständnis von Religion ist ein dreifaches. 1. In der Vergangenheit haben Christen nicht so über Religion gesprochen. Johannes Calvin schrieb die Instituto, den »Unterricht in der christlichen Religion«. Jonathan Edwards schrieb ein Buch über »religiöse Gefühle«. Vor allem in Zeiten von Erweckungen schrieben Pastoren und Theologen oft über »Religion« oder »wahre Religion« oder »echte Religion«. Unsere Vorfahren waren mit religiöser Heuchelei und falschen religiösen Systemen durchaus vertraut, aber sie setzten Religion nicht mit Werksgerechtigkeit gleich. 2. An sich ist Religion ein neutrales Wort, mit dem entweder der Ausdruck deisidaimonia (Ehrfurcht vor den Göttern) oder threskeia (religiöse Anbetung) ins Deutsche übertragen wird. Religion kann wahr oder falsch, gut oder schlecht, Gott wohlgefällig oder ein Ausdruck des Götzendienstes sein. Religion ist sehr vielschichtig, und es gibt keinen biblischen Grund dafür, die Ausübung von Religion zu einem gänzlich negativen Phänomen zu machen. 32
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3. Wenn wir Religion kritisieren, laden wir möglicherweise mehr Gepäck ab, als uns bewusst ist. Menschen neigen dazu, Gebote, Lehrsätze, Strukturen und Rituale mit Religion gleichzusetzen, weshalb sie »spirituell, aber nicht religiös« sein wollen. Das Christentum ist jedoch eine Religion, die an Gebote, Lehrsätze, Strukturen und Rituale glaubt. Als Jude tat Jesus das auch. Jesus hat Religion nicht gehasst. Im Gegenteil: Jesus besuchte den Gottesdienst in der Synagoge und hielt sich an die jüdischen rituellen Reinheitsvorschriften (vgl. Mk 1,21.40–45). Er gründete die Gemeinde (vgl. Mt 16,18) und etablierte Gemeindezucht (vgl. Mt 18,15–20). Er führte ein rituelles Mahl ein und rief zu dessen beständiger Einhaltung auf (vgl. Mt 26,26–28). Er wies seine Jünger an, Menschen zu taufen und sie zu lehren, alles zu halten, was er ihnen befohlen hatte (vgl. Mt 28,19–20). Er bestand darauf, dass die Menschen an ihn und bestimmte Dinge über ihn glauben sollten (vgl. Joh 3,16–18; 8,24). Es stimmt: Für manche Menschen bedeutet Religion Ritual statt Beziehung. Es geht um Gunst, die man sich verdienen muss, anstatt um Gnade, die man als Geschenk empfängt. Aber das ist nicht das, was das Wort bedeuten muss oder normalerweise bedeutet hat. Gegen »Religion« zu sein, beinhaltet im heutigen Sprachgebrauch gewöhnlich auch, gegen vieles zu sein, was für die christliche Jüngerschaft wichtig ist. Wir können leicht einen falschen Eindruck von Jesus erwecken und unbiblische Vorurteile in Bezug auf wahre Spiritualität bestätigen, wenn wir Religion vorschnell als etwas abtun, das dem Evangelium entgegengesetzt ist und im Widerspruch zu gottgefälliger Frömmigkeit steht.
TAG 5
Wissenschaft In manchen Kreisen ist Charles Hodge vor allem für diese (vermeintlich) äußerst peinliche Aussage bekannt: »Für den Theologen ist die Bibel das, was für den Wissenschaftler die Natur ist. Sie ist sein Fundus an Fakten; und seine Methode, heraus33
Prolegomena
zufinden, was die Bibel lehrt, ist dieselbe, die der Naturwissenschaftler anwendet, um herauszufinden, was die Natur lehrt.«3 Kritiker karikieren Hodge als einen naiven Rationalisten, der seine Bibel so liest, als sei er auf der Suche nach starren und zeitlosen Prinzipien. Christen, die in der Tradition von Hodge stehen (heißt es dann weiter), behandeln die Bibel wie ein totes Insekt, das es zu untersuchen gilt, oder wie eine kalte Ansammlung lebloser Lehrsätze. Aber glaubte Hodge das wirklich? In der theologischen Reflexion muss der Christ die Fakten der Bibel (wie der Wissenschaftler) entsprechend ordnen und miteinander in Beziehung setzen, und in diesem Sinne war Theologie für Hodge eine wissenschaftliche Disziplin.4 Er war jedoch nie der Meinung, Systematische Theologie beschränke sich auf das Aufzählen trockener Lehrsätze. Hodge brachte Theologie und Wissenschaft deshalb miteinander in Verbindung, weil er glaubte, es sei die Aufgabe des Systematikers, aufzuzeigen, wie alle Teile der Bibel in logischer Konsistenz und Harmonie zueinander stehen. Die Frage, ob Theologie eine Wissenschaft ist, begann nicht mit Hodge. Mittelalterliche Theologen, die sich der traditionellen Kategorien von Aristoteles bedienten, sprachen von fünf unterschiedlichen intellektuellen Ausrichtungen: intelligentia (Verstand), scientia (Wissenschaft), sapientia (Weisheit), prudentia (Besonnenheit) und ars (Technik).5 Die protestantischen Scholastiker waren sich einig, dass Theologie keine intelligentia ist, die sich mit Prinzipien, aber nicht mit Schlussfolgerungen befasst. Sie ist auch keine prudentia, die sich nicht um Dinge kümmert, die geglaubt werden sollen. Und sie ist keine ars, die auf praktische Ergebnisse, aber nicht auf tugendhaftes Handeln ausgerichtet ist. Einige reformierte Theologen wie François Turrettini und John Owen lehnten die Bezeichnung »Wissenschaft« mit dem Argument ab, dass scientia – bei der es sich eher um eine Art von Erkenntnis als um eine eigenständige akademische Disziplin handelte – nur sich selbst beweisende Prinzipien umfasse, geoffenbarte jedoch ausschließe. Andere reformierte Theologen wie William Perkins hatten kein Problem damit, Theologie als Wissenschaft zu bezeichnen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts (nach Darwin) waren reformierte Theologen einheitlicher in ihrer Akzeptanz von Theologie als Wissenschaft. Bavinck spricht für viele, wenn er erklärt, die Dogmatik erhebe zu Recht den 34
Woche 2
Anspruch, eine Wissenschaft zu sein, da sie sich mit wahrer und vertrauenswürdiger Erkenntnis über Gott befasse.6 Ganz ähnlich behauptet Shedd: »Theologie als Wissenschaft von Gott zielt demnach darauf ab, eine widerspruchsfreie Erkenntnis von ihm zu erlangen, und ist – unter Berücksichtigung des Wesens der Disziplin und der Begrenzungen des menschlichen Verstands – so tiefgründig wie möglich.«7 Theologie ist insofern eine Wissenschaft, als sie sich mit wahrer Erkenntnis befasst, eine induktive Analyse beinhaltet und versucht, biblische Fakten und Schlussfolgerungen zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzufügen.
WOCHE 2
TAG 6
Spekulativ oder praktisch? Die Frage ist alt, aber erstaunlich aktuell: Ist Theologie in erster Linie spekulativ oder praktisch? Von unserem Standpunkt aus betrachtet, scheint die Antwort offensichtlich. Theologie muss doch sicher praktisch sein. Sie muss zu Glauben und Gehorsam führen. Sie muss Früchte tragen. Die große Gefahr besteht darin, so meinen wir oft, dass zu viel von unserem theologischen Diskurs hoffnungslos theoretisch und unnötig esoterisch geworden ist und zu nichts anderem mehr taugt, als Menschen mit wenig Herz und viel Gehirn aufzublähen. Und doch ist diese Frage nicht so einfach, wie sie klingt. Thomas von Aquin vertrat die Ansicht, die Lehre von Gott sei eher eine spekulative Wissenschaft, da sich die praktische Wissenschaft mit menschlichen Vorgängen befasse, die christliche Theologie hingegen hauptsächlich mit Gott. Das Ziel der Theologie bestehe in der »vollkommenen Gotteserkenntnis, in der die ewige Seligkeit besteht«.8 Ich begrüße zwar Aquins Betonung der Gotteserkenntnis um ihrer selbst willen, würde aber dennoch mit François Tur35
Prolegomena
rettini sagen, dass die wahre Theologie eine »gemischte« Disziplin ist, teils theoretisch und teils praktisch.9 Die praktische Seite der Sache leuchtet uns ein: Die Geheimnisse des Glaubens »drängen zum Handeln«. Sie sollen uns anregen zur Liebe und Anbetung. »Ein praktisches System ist eines, das nicht ausschließlich in der Erkenntnis einer Sache besteht, sondern seinem Wesen nach und von sich aus in die Praxis geht und Handeln zum Gegenstand hat.« Richtige Lehre ist wertlos, wenn sie nicht in unser Herz eindringt und in unserem Leben zum Ausdruck kommt. Wir wollen eine Erkenntnis der Wahrheit, die zu einem Leben in Frömmigkeit führt (vgl. Tit 1,1). Theologie ist aber auch theoretisch. Für Turrettini ist dies keine abwertende Formulierung. Vielmehr gilt: »Ein theoretisches System ist eines, das sich ausschließlich mit der Kontemplation befasst und auf reine Erkenntnis abzielt.« Hier bekräftigt Turrettini, dass wir etwas von der thomistischen Betonung der ewigen Seligkeit (d. h. der Gottesschau von Angesicht zu Angesicht) lernen können. Die Wahrheit zu erkennen und in ihr zu schwelgen, ist an sich wertvoll (vgl. Jer 31,34; Joh 17,13). Eine Predigt ohne einen Anwendungsteil kann immer noch eine lebensverändernde Predigt sein, wenn sie uns dazu bringt, die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi zu erblicken. Turrettini war besorgt, dass häretische Gruppen seiner Zeit darauf bedacht waren, Theologie zu einer ausschließlich praktischen Angelegenheit zu machen, um so die Lehren von der Dreieinigkeit und Menschwerdung herunterzuspielen und den Weg für eine universalistische Religion guter Werke freizumachen. Im Gegensatz dazu bestand Turrettini darauf, dass richtiges Wissen und richtiges Handeln niemals voneinander getrennt werden dürfen. Der christliche Glaube vereint Theorie und Praxis. Theologie ist insofern theoretisch, als sie uns auf Gott als das Hauptziel all unserer Erkenntnis und Freude verweist, aber wir bestehen auch darauf, dass dieses Schauen dazu führen sollte, dass wir verwandelt werden in das Bild Christi.
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