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Kirche braucht Erneuerung

Gavin Ortlund

Ein Plädoyer für den Protestantismus

Kirche braucht Erneuerung

Ein Plädoyer für den Protestantismus

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über dnb.de abrufbar.

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Titel des englischen Originals

What It Means to Be Protestant

Copyright © 2024 by Gavin Ortlund

Published by arrangement with Harper Collins Christian Publishing, Inc.

Wenn nicht anders angegeben, wurde folgende Bibelübersetzung verwendet

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016

Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

© 2026 Verbum Medien gGmbH

Kleines Lohfeld 6

D-32549 Bad Oeynhausen verbum-medien.de info@verbum-medien.de

Übersetzung

Harry Enns Lektorat

Sarah-Lena Glaum Umschlag

Sebastian Hoffmann

Satz

Satz & Medien Wieser Druck und Bindung

Finidr, Tschechien

1. Auflage 2026

Best.-Nr. 8652 300

ISBN 978-3-98665-300-2

E-Book 978-3-98665-301-9

Hörbuch 978-3-98665-302-6

DOI 10.54291/t558697678

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Ich widme dieses Buch in Liebe und aufrichtiger Verbundenheit der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche, der kostbaren Braut Jesu Christi. Möge sie immer geehrt und gesegnet sein.

»[Die Kirche] ist eine Gemeinschaft aller Heiligen, über den ganzen Erdkreis verbreitet, alle Zeiten überragend, doch um eine Lehre Christi und einen Geist geschart. Sie pflegt und bewahrt die Einheit des Glaubens und brüderliche Eintracht. Daß wir von dieser Kirche irgendwie abweichen, verneinen wir entschieden. Vielmehr wir verehren sie wie eine Mutter und wünschen nur, an ihrer Brust dauernd zu bleiben.«1 – Johannes Calvin, 1539

Vorwort

Mit der Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstand der Protestantismus als eine weitere Konfession und trat mit seiner theologischen Verortung neben die römisch-katholische und die östlich-orthodoxe Kirche. In den folgenden Jahrhunderten sollten die konfessionellen Unterschiede die weitere Entwicklung der westlichen Christenheit prägen, nicht selten auch verbunden mit einer Unterdrückung und Diskriminierung von Christen der jeweils anderen Prägung.

Die heutige Wirklichkeit ist eine andere. In einem durch die Postmoderne geprägten Umfeld haben sich zwischenzeitlich die Parameter verschoben – auch in evangelikalen Gemeinden. Zunehmend verschwimmen konfessionelle Grenzen und oftmals kennen viele Christen die konfessionellen Glaubensüberzeugungen ihrer eigenen Kirche nicht einmal mehr.

Zudem zeigt sich vor allem unter Evangelikalen eine gewisse a-historische Grundhaltung. Nicht anders ist es zu erklären, dass ich während verschiedener Vorträge zur Reformationsgeschichte anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 in österreichischen Freikirchen immer wieder mit der Frage konfrontiert

wurde: Was haben wir protestantische Freikirchen denn überhaupt mit der Reformation zu tun?

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: In einem zunehmend post-christlichen Umfeld stellen evangelikale Christen lieber das Gemeinsame zwischen theologisch konservativ geprägten Christen in den unterschiedlichen Konfessionen in den Vordergrund (z. B. in ethischen Positionen) und man pflegt eine »Ökumene der Herzen« (Walter Kardinal Kasper). Die Betonung der theologischen Unterschiede wird dabei eher als hinderlich bzw. kontraproduktiv verstanden.

In einem überkonfessionellen Treffen zwischen Evangelikalen und Vertretern der römisch-katholischen Kirche merkte allerdings ein Kardinal sinngemäß an: »Wirklicher Dialog ist nur möglich, wenn wir unsere eigenen theologischen Überzeugungen (und Unterschiede) kennen.« Wie wahr!

Hierzu leistet das neue Buch von Gavin Ortlund einen wichtigen und dringend notwendigen Beitrag. In »Protestantisch Sein« gelingt es dem Autor, den theologischen Herzschlag der protestantischen Reformation dem Leser auf gewinnende Art und Weise zu vermitteln. Er fasst das Wesen und das Anliegen des Protestantismus treffend und kompakt zusammen und verdeutlicht, dass ein historisch verstandener Protestantismus eben keineswegs in einer negativen Abgrenzung steckenbleibt.

Ortlund gelingt es, die zentralen theologischen Überzeugungen der Reformation in den Zusammenhang der größeren kirchen- und theologiegeschichtlichen Entwicklung einzuordnen. Der Leser lernt dadurch nicht nur die Kerninhalte des Protestantismus kennen, sondern erfährt auch einiges über die Lehren der anderen Konfessionen. Es gelingt Ortlund, ohne theologische Engführung und vor allem auch ohne jegliche Polemik, den Kern des Protestantismus herauszuarbeiten.

Evangelische Christen werden durch dieses Buch ermutigt, das Protestantische ihres Glaubens neu zu entdecken, es als Bereicherung wahrzunehmen und mit Überzeugung zu vertreten.

Prof. Dr. Frank Hinkelmann

Rektor des Martin Bucer Seminars und Professor an der interdisziplinären Doktoratsschule der Aurel Vlaicu Universität in Arad (Rumänien)

Wie

ich versehentlich zu einem »protestantischen Apologeten« wurde

Ich hatte nie vor, den Protestantismus zu verteidigen – wurde aber irgendwie in dieses Projekt hineingezogen. Im August 2020 startete ich einen YouTube-Kanal namens Truth Unites (dt.: »Wahrheit vereint«). Meine Absicht war, vorrangig apologetische Inhalte, aber auch allgemeine theologische Beiträge zu veröffentlichen. Ich war dabei, ein Buch fertigzustellen, in dem ich für die Existenz Gottes argumentiere, und YouTube schien mir ein Ort zu sein, an dem ich mich mit einem breiteren und vielfältigeren Publikum über solche Fragen austauschen konnte.

Als ich anfing, Videos zu veröffentlichen, wurde ich mit den unterschiedlichen Themen und Fragen konfrontiert, die die christlichen Traditionen voneinander trennen. Auf YouTube gibt es einen starken und dynamischen Austausch zwischen römisch-katholischen, östlich-orthodoxen und protestantischen Christen (und auch anderen Traditionen). Ich begann, mich an diesem Austausch zu beteiligen. Ein Video führte zum nächsten,

und ich fing an, mich mit anderen Kanälen zu verbinden, die sich mit diesen Fragen befassen.

Mir wurde schnell klar, dass der protestantische Standpunkt unterrepräsentiert war. Zunächst einmal waren allein zahlenmäßig weniger Protestanten an diesem Austausch beteiligt.

Darüber hinaus fiel mir auf, dass der klassische, traditionelle Protestantismus in diesen Auseinandersetzungen oftmals nicht adäquat artikuliert wurde, was zu Missverständnissen oder gar zum völligen Verschwinden des historischen Protestantismus aus diesen Debatten führte.

In der Hoffnung, meine Tradition so gut wie möglich zu repräsentieren, vertiefte ich mich in die klassischen protestantischen Texte. Bald schon begann ich, Dialoge und Debatten zu führen. Daraufhin dauerte es nicht lange, bis aus mir (zu meiner eigenen Überraschung) ein »protestantischer Apologet« geworden war.

Diese ganze Erfahrung war eine faszinierende Entdeckungsreise, auf der ich sehr viel gelernt, viel profitiert und viele wunderbare Freunde gefunden habe. Vier Beobachtungen stechen hervor und bilden den Hintergrund dieses Buches.

Erstens: Es gibt momentan ein enormes Interesse an Kirchengeschichte. Vor allem viele Evangelikale erkunden derzeit Traditionen, die einen stärkeren Fokus auf Sakramente, Liturgie und ein historisches Bewusstsein legen. Es ist schwer zu vermitteln, wie stark dieser Hunger nach historischer Verwurzelung momentan ist. Menschen sehnen sich nach dem Alten und Transzendenten, nach Beständigkeit und Tiefe. Ich erhalte regelmäßig E-Mails oder Facebook-Nachrichten von Protestanten, die sich plötzlich mit der schieren Größe des Katholizismus oder der Ostkirche konfrontiert sehen und verunsichert sind. Wenn ich Themen wie die Realpräsenz Christi im Abendmahl, die Unterscheidung zwischen dem Wesen Gottes und den göttlichen

Energien, oder die apostolische Sukzession anspreche, werde ich mit Kommentaren überschwemmt wie: »Das habe ich mich jetzt gerade gefragt!« Oder: »Ich habe darauf gewartet, dass jemand hierzu Stellung bezieht!« Ich höre viele Geschichten von Menschen, die auf der Suche nach einem historisch stärker verwurzelten Christentum sind und die auf die antiprotestantischen Argumente populärer YouTuber keine Antwort finden –und schließlich den Protestantismus zugunsten einer anderen Tradition hinter sich lassen.

Damit verbunden ist die derzeit vorherrschende »ekklesiologische Angst« (wie ich das Phänomen nenne), also die Angst und Sorge, möglicherweise nicht der wahren Kirche anzugehören. Immer wieder höre ich von Menschen, die sich von der Komplexität der ökumenischen Meinungsverschiedenheiten völlig überfordert fühlen. Manche sind besorgt um ihr Seelenheil (oder das eines geliebten Menschen). Es liegt mir sehr am Herzen, dass diejenigen, die einsam, verwirrt und verunsichert sind, die Ruhe und Sicherheit finden, die das Evangelium zu bieten hat.

Zweitens: Mir ist aufgefallen, dass dieses Phänomen innerhalb des Evangelikalismus nicht ausreichend wahrgenommen wird – und man deshalb auch nicht angemessen darauf reagiert. Das heißt nicht, dass es keine evangelikalen Protestanten gibt, die sich an diesen Gesprächen beteiligen. Jedoch sind die Ressourcen, die angefochtenen Protestanten in ihrem Ringen helfen könnten, erschreckend karg. Auf der römisch-katholischen und östlich-orthodoxen Seite (vor allem der römisch-katholischen) gibt es ein riesiges Angebot an Literatur, apologetischen Diensten und auch eine Präsenz in den sozialen Medien, mit der die protestantische Seite nur schwer mithalten kann. Du brauchst auf Amazon nur nach Büchern im Genre »römisch-katholische Apologetik« zu suchen und die Ergebnisse mit denen des Suchbegriffs »protestantische Apologetik« zu vergleichen –

und wirst sofort sehen, was ich meine. Und obwohl ich zunehmend von Menschen höre, die Freunde und Familienangehörige haben, die den Protestantismus hinter sich lassen und zu anderen christlichen Traditionen konvertieren, sind sich viele Evangelikale dieses Trends überhaupt nicht bewusst.

Wenn es also darum geht, zu erklären, warum wir Protestanten sind, haben wir eine Menge Arbeit vor uns.

Das war das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte. Ich nahm an, dass es angesichts der Tatsache, dass diese Debatten seit 500 Jahren zwischen Gruppen mit Hunderten von Millionen Menschen auf jeder Seite geführt werden, kaum etwas gäbe, das nicht schon gesagt worden sei. Der Versuch, einen neuen Beitrag zu leisten, wäre so, als würde man Wasser in den Ozean schütten. Ich bin jedoch zu dem gegenteiligen Schluss gekommen. Hier ist eine Lücke, die geschlossen werden muss. Es ist so, als hätte das protestantische Boot ein Leck – das Wasser strömt herein, aber kaum jemand repariert das Loch.

Drittens: Sowohl durch eigene Studien als auch Gespräche, die ich führte, wurde mir im Laufe dieses Prozesses allmählich klar, dass viele der Vorstellungen, die ich mir von älteren Traditionen wie dem Katholizismus und der Ostkirche gemacht hatte, Karikaturen (oder zumindest bis zu einem gewissen Grad vereinfacht oder verzerrt) waren. Ich habe auch andere Traditionen aus dem Osten – wie die orientalisch-orthodoxen Kirchen und die Assyrische Kirche des Ostens – besser zu verstehen gelernt. Es ist mir immer leicht gefallen, diese anderen Traditionen zu respektieren und trotz Meinungsunterschieden von ihnen zu lernen. Aber ich habe nie den Druck verspürt, erklären zu müssen, warum der Protestantismus die bessere Option ist. Mein Umfeld und Wirkungsbereich waren vorwiegend protestantisch, wodurch ich meine eigene Tradition leicht als die respektierte Standardoption betrachtete.

Die soziologische Dynamik, die ich auf YouTube antraf, war das genaue Gegenteil: Ich begegnete einer großen Anzahl von Menschen, denen es ein Rätsel war, wie jemand Protestant sein konnte. Langsam lernte ich, den Protestantismus aus ihrer Perspektive zu sehen. Was für mich ganz offensichtlich eine Wiederentdeckung des Evangeliums war, konnte ich nun als das sehen und verstehen, was es in ihren Augen war – eine historische Abweichung und Kuriosität.

Ich begann auch, die Komplexität der Probleme besser zu erkennen. Lass es mich klar und deutlich sagen: Die Themen, die die Christenheit spalten, sind selten (wenn überhaupt einmal) so offensichtlich, dass jeder zu demselben Schluss kommen würde, wenn er sich nur lange genug und offen und ehrlich damit befassen würde. Es handelt sich um schwierige Themen, weshalb aufrichtige und intelligente Menschen, die sich damit auseinandersetzen, zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen werden. Sie sind historisch, theologisch und auch hinsichtlich der von beiden Seiten vertretenen Werte und Anliegen enorm komplex.

Während dieser ganzen Zeit wurde mein Protestantismus auf verschiedene Weise infrage gestellt und geläutert. Gleichzeitig wurde ich in meinen protestantischen Überzeugungen und meiner Hingabe an das zentrale protestantische Anliegen und dessen Notwendigkeit gefestigt. Letztendlich bin ich »protestantischer« geworden (ich werde im weiteren Verlauf mehr dazu sagen). Der Punkt ist, dass mein Weg mir geholfen hat, die starke Anziehungskraft dieser nicht-protestantischen Traditionen zu verstehen, und es belastet mich, dass sie oftmals nicht mit dem Respekt und der Gründlichkeit behandelt werden, die sie verdienen.

Viertens: Mir ist aufgefallen, dass falsche Vorstellungen auf beiden Seiten vorherrschend sind. Der Protestantismus wird von seinen Kritikern – und gelegentlich auch von seinen

Verteidigern – leider oftmals missverstanden und nicht angemessen repräsentiert. Viele beurteilen den Protestantismus in seiner Gesamtheit durch die Brille ihrer anekdotischen Beobachtungen dieser oder jener protestantischen Gemeinde oder Tradition. Die Unkenntnis der historischen protestantischen Glaubensbekenntnisse, Konfessionen, Katechismen und wichtigsten kanonischen Theologen ist weitverbreitet. In vielen Fällen wird der weniger liturgische, evangelikale Protestantismus (vor allem in seiner baptistischen und konfessionslosen Ausprägung) mit dem Protestantismus insgesamt gleichgesetzt. Außerdem werden viele spezifisch protestantische Ansichten durch Karikaturen entstellt. (Das ist mir besonders bei sola fide und sola scriptura aufgefallen, aber es geschieht auch in anderen Bereichen.)

Bedauerlicherweise befürchte ich, dass ungenaue Vorstellungen vom Protestantismus oftmals der Grund dafür sind, ihm den Rücken zu kehren. Viele vergleichen eine bestimmte Erfahrung in einem protestantischen Kontext mit dem, was sie auf einer apologetischen Website über die Kirchenväter gelesen haben. Sie vergleichen das Schlechteste des Protestantismus mit dem Besten der nicht-protestantischen Traditionen. Das führt dazu, dass sie den Protestantismus zugunsten anderer Traditionen verlassen, ohne ein angemessenes Verständnis davon zu haben, was der Protestantismus wirklich ist (und oft auch ohne sich mit den anderen Traditionen eingehend beschäftigt zu haben).

Natürlich behaupte ich nicht, dass alle Konversionen so ablaufen, aber es passiert sehr oft.

Bevor ich fortfahre, möchte ich ein Beispiel anführen, in dem der Protestantismus auf unfaire Weise dargestellt und mit anderen Traditionen verglichen wurde. Anfang 2020 schlug ein Clip des bekannten evangelikalen Leiters Francis Chan (den ich schätze und bewundere) hohe Wellen und wurde breit diskutiert. In Bezug auf das Abendmahl sagte Chan:

»Ich wusste nicht, dass es sich in den ersten 1.500 Jahren der Kirchengeschichte für alle um den buchstäblichen Leib und das Blut Christi handelte. Erst vor 500 Jahren hat jemand die Vorstellung popularisiert, dass wir es mit einem Symbol und sonst nichts zu tun haben. Ich wusste das nicht. … Zu dieser Zeit stellte jemand zum ersten Mal eine Kanzel vor die Versammlung. Vorher waren es immer der Leib und das Blut Christi, die im Mittelpunkt der Zusammenkünfte standen. Es bildeten 1.500 Jahre lang niemals ein Mann und seine Kanzel das Zentrum der Gemeinde. Es waren der Leib und das Blut Christi – und selbst die Kirchenführer sahen sich nur als Teilhaber.«1

Chans Beobachtung ist eine gängige Methode, die Unterschiede zwischen den verschiedenen christlichen Traditionen herauszustellen. Sie bestärkt die verbreitete Auffassung, dass der Protestantismus bei Themen wie Abendmahl oder Gottesdienst eine offensichtliche Abweichung vom katholischen und historischen Konsens der Kirche darstellt. Ein solches Narrativ gewinnt an Zugkraft, weil es rhetorisch wirkungsvoll ist – aber am Ende ist es unfair und irreführend. Erstens stellt es die Ansichten über das Abendmahl während der ersten 1.500 Jahre der Kirche sehr vereinfachend dar. Sowohl die Vielfalt des patristischen Zeugnisses als auch die Turbulenzen mittelalterlicher Entwicklungen (als die römisch-katholische Transsubstantiationslehre im 13. Jahrhundert offiziell eingeführt wurde) werden außer Acht gelassen. Auch wenn in der Kirchengeschichte eine gewisse Version von »Realpräsenz« die vorherrschende Auffassung vom Abendmahl ist, gibt es innerhalb dieses Konsenses Unstimmigkeiten und Unterschiede sowie auch gelegentliche Abweichungen von diesem Konsens. Tatsächlich gab es noch im 9. Jahrhundert eine offene Debatte

darüber, ob und wie Christus in den eucharistischen Elementen gegenwärtig ist.2

Zweitens stellt Chans Narrativ falsch dar, wo die Unterschiede zwischen den Reformatoren und ihren Gegnern wirklich liegen. Die meisten Reformatoren bejahten die Realpräsenz Christi im Abendmahl und lehnten die Transsubstantiation mit der Begründung ab, dass sie nicht nur der Bibel, sondern auch dem patristischen Zeugnis nicht entspreche. So argumentierten zum Beispiel frühe Protestanten wie Peter Martyr Vermigli und Thomas Cranmer, dass Brot und Wein für Kirchenväter wie Augustinus und Theodoret der Substanz nach Brot und Wein blieben, während sie gleichzeitig Leib und Blut Christi würden.3 Was die Reformatoren mit ihrer Abendmahlstheologie bezweckten, war eine Rückkehr zur Katholizität; wogegen sie vorgingen, waren mittelalterliche Neuerungen (eingeführt durch die Unterscheidung von Substanz und Akzidens).4 Es stimmt, dass viele moderne Evangelikale das Abendmahl eher symbolisch verstehen, aber das ist keineswegs repräsentativ für den Protestantismus insgesamt.

Drittens ist die Vorstellung wirklich unerhört, die Reformatoren hätten die Absicht gehabt, das Abendmahl durch eine Kanzel zu ersetzen (nahezu das Gegenteil ist der Fall). Das Bestreben der Protestanten war, das Abendmahl wiederzugewinnen, nicht es zu ersetzen. Im spätmittelalterlichen Abendland nahmen Laienchristen kaum am Abendmahl teil. Für die meisten fand es (wenn überhaupt) nur einmal im Jahr statt, und selbst dann meist nur in einer Gestalt (man empfing das Brot, nicht den Wein). Für viele war das Abendmahl zu einem Spektakel geworden, dessen Feier von abergläubischen Vorstellungen geprägt war. Den Laien eine bedeutsame und regelmäßige Abendmahlsteilnahme in beiderlei Gestalt zu ermöglichen, war eines der zentralen Anliegen der Reformation. Chans Bemer-

kung, dass »selbst die Kirchenführer sich nur als Teilhaber sahen«, ist ebenfalls irreführend. Die Reformation hat die Kluft zwischen Klerus und Laien im spätmittelalterlichen Westen eher verringert als vergrößert.

Es gibt noch vieles über das Abendmahl zu sagen, und ich habe mich in Online-Diskussionen ausführlicher dazu geäußert. An dieser Stelle geht es darum, zu sehen, wie häufig und leicht der Protestantismus falsch dargestellt wird (sogar von Protestanten). Dass der Protestantismus auf Grundlage der Praxis heutiger evangelikaler Gemeinden und Organisationen anstatt seiner historischen sowie offiziellen Bekenntnisse und Lehrsätze beurteilt wird, ist leider ein weitverbreitetes Phänomen.

Es ist mir ein Herzensanliegen, dass Protestanten die Reichtümer ihrer eigenen Tradition verstehen – vor allem, wenn sie erwägen, sie zu verlassen.

Der Plan für dieses Buch

Ausgehend von diesen vier Beobachtungen soll mein Buch denen helfen, die sich in ökumenischen Auseinandersetzungen befinden, indem es ein Bewusstsein des historischen Protestantismus wiederherstellt. Wie du feststellen wirst, handelt es sich nicht um eine erschöpfende Behandlung dessen, was für den Protestantismus charakteristisch ist. Außerdem hat es als ein akademisches Buch eine breitere Leserschaft im Blick. Mein Ziel ist es, einen Gesamteindruck davon zu vermitteln, worum es im Protestantismus geht und wie er in sich selbst schlüssig ist. Daher ist dieses Buch sehr weit davon entfernt, allumfassend zu sein. Die weitverbreitete Unkenntnis der klassischen protestantischen Argumente und Argumentationsweisen hat mich jedoch so sehr beschäftigt, dass ich mich genötigt fühlte, eine Einführung zu verfassen, in der zumindest die Grundzüge

des Protestantismus behandelt werden. Ich wende mich in erster Linie an Protestanten, die ihre eigene Tradition besser verstehen wollen, hoffe aber auch, dass mein Buch für Christen in anderen Traditionen, die offen für protestantische Argumente sind, eine Hilfe ist (und vielleicht sogar für diejenigen, die von außen auf diese Debatte blicken).

Der übergreifende Gedankengang des Buches vollzieht sich in drei Grundschritten. Teil 1 befasst sich mit dem Verhältnis des Protestantismus zur Katholizität (der Ganzheit der Kirche). In Kapitel 1 schlage ich – anknüpfend an die Arbeit des protestantischen Historikers Philip Schaff aus dem 19. Jahrhundert – vor, den Protestantismus als Erneuerungsbewegung innerhalb der Kirche zu begreifen. In Kapitel 2 kontrastiere ich diese Vision von Katholizität mit der Vision anderer Traditionen (insbesondere der römisch-katholischen und östlich-orthodoxen) und argumentiere, dass die wahre Kirche nicht auf eine einzige Institution beschränkt werden kann. Kapitel 3 und 4 thematisieren die Art der Erneuerung, die durch den Protestantismus herbeigeführt wurde, nämlich die Wiederherstellung der Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben allein (sola fide) als Reaktion auf verschiedene mittelalterliche Irrtümer. Ich hoffe, dass dieser Abschnitt des Buches dem Leser dabei helfen wird, einen Gesamteindruck vom Wesen des Protestantismus zu gewinnen – es handelt sich um eine Bewegung der Wiederbelebung, Erneuerung, Rückbesinnung, Reformation, Neuausrichtung und Wiederherstellung. Dies ist die protestantische Vision, für die ich in diesem Buch werben und mich aussprechen möchte. Es geht nicht um eine kategorische Ablehnung des Restes der Kirche, sondern um eine Erneuerungs- und Reformbewegung in der Kirche.

Die Debatte über das Verhältnis des Protestantismus zum Rest der Kirche läuft unweigerlich auf die Frage der Autorität hinaus: Nach welchem Maßstab beurteilen und unterscheiden wir

authentische Erneuerungsbewegungen von zweifelhaften Verfälschungen? Mit dieser Frage nach der Autorität, an der sich einige der tiefsten methodologischen Unterschiede zwischen dem Protestantismus und anderen christlichen Traditionen auftun, befasst sich Teil 2 des Buches. In den Kapiteln 5 und 6 wird der protestantische Anspruch verteidigt, dass die Bibel allein die unfehlbare Glaubensregel der Kirche ist (sola scriptura). Kapitel 7 und 8 hingegen erörtern zwei alternative Vorstellungen von kirchlicher Autorität aus den nicht-protestantischen Traditionen. Mit diesem Abschnitt des Buches möchte ich zeigen, dass die protestantische Sichtweise, wie Christus Autorität über seine Kirche ausübt, zum einen plausibler (und damit näher an der Wahrheit) ist als die Alternativen, zum anderen aber auch der Gesundheit und Vitalität der Kirche zuträglicher ist.

Teil 3 des Buches befasst sich mit dem Verhältnis des Protestantismus zur Kirchengeschichte. Es wird häufig behauptet, der Protestantismus habe keine historische Grundlage und Legitimation. Wer Kirchengeschichte ernst nimmt, so die Behauptung, kann nicht Protestant bleiben – schließlich begann die protestantische Bewegung erst im 16. Jahrhundert. Als Antwort darauf argumentiere ich, dass die protestantische Reformation kein Versuch war, eine neue Kirche zu schaffen, sondern die historische Kirche Christi durch die Beseitigung verschiedener Irrtümer, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten, zu reformieren (Kapitel 9). Dabei ruhten die wichtigsten protestantischen Lehren auf einem soliden historischen Fundament. Abschließend fokussiere ich mich auf zwei Testfälle: die Himmelfahrt Marias (Kapitel 10) und die Verehrung von Ikonen (Kapitel 11). Diese beiden Themen sind sowohl aufgrund der historischen Quellenlage als auch aufgrund der Bedeutung, die ihnen in mehreren der großen nicht-protestantischen Traditionen zukommt, besonders gut dafür geeignet, sie aus protestantischer Perspektive

zu durchdenken. Ich hoffe, dass der aufmerksame Leser dieses Abschnitts nicht nur die protestantische Sichtweise nachvollziehen können wird, sondern auch eine Ahnung davon bekommt, wie sich der Protestantismus als solcher grundsätzlich in seinem Verhältnis zur Kirchengeschichte sieht – nicht als Abkehr vom Christentum der frühen Kirche, sondern vielmehr als Rückkehr, die durch die Beseitigung verschiedener Neuerungen und Innovationen vollzogen wird. Die sich daraus ergebende Gesamtvision des Protestantismus fasst eine kurze Schlussfolgerung zusammen und bietet praktische Ratschläge für diejenigen, die mit solchen Fragen konfrontiert sind.

Zusammenfassend plädiere ich für den Protestantismus als (1) eine Erneuerung des Evangeliums in der Kirche; (2) eine Rückkehr zur Autorität der Bibel; und (3) eine Beseitigung historischer Innovationen. Oder negativ formuliert: Teil 1 wendet sich gegen die These, eine einzelne institutionelle Hierarchie könne für sich beanspruchen, die »eine wahre Kirche« zu sein; Teil 2 wendet sich gegen die Behauptung, die nachapostolische Kirche könne unfehlbar handeln. Teil 3 wendet sich gegen die Auffassung, der Protestantismus weiche vom Christentum der frühen Kirche ab.

Eine Frage, die sich manche Leser gleich zu Beginn stellen könnten, lautet: »Welche spezifische protestantische Tradition (unter den vielen) verteidigst du in diesem Buch?« »Keine«, lautet meine Antwort. Obwohl ich eine baptistische Theologie vertrete und in einer kongregationalistischen Denomination ordiniert wurde, plädiere ich in diesem Buch grundsätzlich für den Protestantismus. Manchmal werde ich dafür kritisiert, dass ich eine bestimmte Art von Protestant bin und trotzdem den Protestantismus als Ganzes verteidige. Es ist jedoch durchaus legitim, die eigene Identität im weiteren Sinne zu verteidigen. Das wäre so, als würde ein Katholik das »Christentum« gegenüber einem

Muslim oder als würde ein Anhänger der Ostkirche »Religion« gegenüber einem Atheisten verteidigen.

Natürlich sind die Unterschiede zwischen den protestantischen Konfessionen für die Entscheidung und Überlegung, welcher Kirche man sich anschließen soll, wichtig und relevant. Viele Menschen fragen sich aber, ob sie überhaupt protestantisch sein sollten und ob das Konzept des Protestantismus irgendwie Sinn ergibt. Diesen Lesern hoffe ich zu helfen.

Ein Wort an nicht-protestantische Leser

Ich möchte gern ein Wort an meine Leser aus anderen christlichen Traditionen richten. Glaubt mir, wenn ich sage, dass ich verstehe, wie frustrierend und irritierend es sein kann, der anderen Seite geduldig zuzuhören. Die Arbeit auf YouTube und der Versuch, trotz tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten den Frieden zu wahren, haben mich für die Intensität der Dynamik menschlicher Meinungsverschiedenheiten sensibilisiert. Es ist eine der treibenden Leidenschaften meines Lebens, ein Mensch voller Barmherzigkeit und Verständnis zu sein, der in Gesprächen und Debatten aufrichtig versucht, die andere Seite zu lieben und zu segnen (und von ihr zu lernen).

Bei meinen Auseinandersetzungen mit anderen christlichen Traditionen im Rahmen meines YouTube-Dienstes habe ich häufig über das nachgedacht, was ich für das große Thema in Harper Lees Roman Wer die Nachtigall stört … halte: die Überwindung von Vorurteilen. Wenn ich mit nicht-protestantischen Ansichten interagiert habe, musste ich immer wieder an Atticus Finchs bedeutenden Rat an seine Tochter denken:

»Vor allem … mußt du einen ganz einfachen Trick lernen, dann wirst du viel besser mit Menschen aller Art

auskommen. Man kann einen anderen nur richtig verstehen, wenn man die Dinge von seinem Gesichtspunkt aus betrachtet. … Ich meine, wenn man in seine Haut steigt und darin herumläuft.«5

Ich glaube, dass viele (wenn auch nicht alle) der Spaltungen in der Christenheit darauf zurückzuführen sind – oder zumindest dadurch verschärft werden –, dass Atticus’ Rat nicht befolgt wurde. Es gibt viele Vorurteile, Stolz, Karikaturen, Stammesdenken, Abgehobenheit, ungerechtfertigte Feindschaft und Distanz. Keiner von uns ist völlig frei davon, weshalb wir versuchen müssen, geduldig zuzuhören und wirklich zu verstehen, was die andere Seite sagt. Es ist ein Zeichen intellektueller Reife, wenn wir unsere theologischen Schutzbunker verlassen und wohlwollend darüber nachdenken, wie und warum der Standpunkt eines anderen Menschen aus seiner Perspektive Sinn ergibt. Eine gesunde, gottgefällige Meinungsverschiedenheit – wie heftig sie auch sein mag – kommt um diesen ersten Schritt nicht herum.

In diesem Sinne habe ich alles in meiner Macht Stehende getan, die Gegenpositionen genau und akkurat zu beschreiben. Ich möchte auf einer persönlichen Ebene meine tiefe Liebe zu meinen nicht-protestantischen christlichen Freunden bezeugen, aber auch auf einer intellektuellen und ästhetischen Ebene diesen anderen Traditionen meinen Respekt ausdrücken. Der Ansatz, den ich in diesem Buch und in meinem YouTube-Dienst verfolge, besteht darin, eine offene und fundierte Auseinandersetzung über unsere Unterschiede zu fördern, ohne dabei etwas herunterzuspielen oder zu verharmlosen, und gleichzeitig zu versuchen, eine versöhnliche Beziehung zu pflegen. So habe ich in verschiedenen Videos meine Wertschätzung für den Reichtum der römisch-katholischen Gelehrsamkeit oder meine Bewun-

derung für die reiche Tradition des Gebets und der Spiritualität in vielen östlichen Traditionen zum Ausdruck gebracht (und ich könnte noch viele andere Beispiele für Bereiche der Wertschätzung anführen).6

Es ist hoffentlich klar, dass das vorliegende Buch durch keinerlei Feindschaft gegenüber irgendwem motiviert ist. Stattdessen schreibe ich aus meiner aufrichtigen Überzeugung vor Gott über die Wahrheit unserer theologischen Unterschiede. Diese Unterschiede sind wichtig. Sie sind von großer Bedeutung – für das Evangelium, für die Kirche und für unsere Mission in dieser Welt. Wir dürfen und können sie nicht als irrelevant abtun oder aus dem Wunsch heraus vermeiden, eine oberflächliche Form von »Einheit« zu bewahren. Sicherlich sollten wir für Einheit beten, jedoch niemals um den Preis, dass wir wichtige Unterschiede in Bezug auf die Wahrheit vertuschen. Letztlich bin ich in meinem Gewissen zutiefst davon überzeugt, dass die Ansprüche von Traditionen wie dem Katholizismus und der Ostkirche, die »eine wahre Kirche« zu sein, die Jesus gegründet hat, falsch sind. Außerdem halte ich daran fest, dass die protestantische Reformation eine echte Wiederherstellung zahlreicher biblischer und apostolischer Wahrheiten bewirkte. Ich behaupte nicht, dass die verschiedenen nicht-protestantischen Traditionen das Evangelium gänzlich verloren haben, aber ich bin überzeugt, dass sie das Evangelium verdunkelt haben und auch Dinge dem Evangelium hinzugefügt wurden. Darüber hinaus bleibe ich dabei, wie noch deutlich werden wird, dass der Protestantismus (trotz seiner vielen Unvollkommenheiten) am besten in der Lage ist, heute eine wahrhaft katholische Vision der Kirche – inmitten ihrer gegenwärtigen Brüche und Spaltungen – zu bewahren.

Im Einklang mit dieser Vision ist mein aufrichtiges Gebet, dass mein Plädoyer für den Protestantismus letztlich der Einheit

und dem Wohlergehen der einen wahren, katholischen und apostolischen Kirche dient, die von Jesus Christus gegründet wurde.

»Herr Jesus Christus, in deiner letzten Nacht auf dieser Welt hast du dafür gebetet, dass dein ganzes Volk eins sein möge. Wir wissen, dass diese Einheit nicht auf Kosten der Wahrheit verwirklicht werden kann, aber wir wissen auch, dass unser Zeugnis für die Welt um uns herum davon abhängt, dass wir nach der Wahrheit streben. Deshalb beten wir um Demut und Heilung inmitten unserer oft bitteren Meinungsverschiedenheiten: Lass uns dein Evangelium besser verstehen und uns untereinander besser lieben. Hilf uns, nicht aus Angst vor Meinungsverschiedenheiten zurückzuschrecken, einander aber auch nicht aus Verachtung abzulehnen. Lehre uns, wenn wir miteinander reden, letztlich auf dich zu schauen. In deinem heiligen Namen, Amen.«

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