Skip to main content

8652087

Page 1

BEGRÜNDUNG DES GLAUBENS

Herman Ridderbos


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über dnb.de abrufbar. Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme. Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen. Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte postalisch oder per E-Mail über die unten angegebenen Kontaktdaten an uns. Titel des niederländischen Originals Heilsgeschiedenis en Heilige Schrift: Het gezag van het Nieuwe Testament. © Uitgeverij KokBoekencentrum, Utrecht 1955. Wenn nicht anders angegeben, wurde folgende Bibelübersetzung verwendet Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart © 2025 Verbum Medien gGmbH Kleines Lohfeld 6 D-32549 Bad Oeynhausen verbum-medien.de info@verbum-medien.de

Übersetzung Joachim Guhrt und Ron Kubsch Lektorat Tanja Bittner und Ron Kubsch Buchgestaltung und Satz Annika Felder Druck und Bindung Finidr Umschlagmotiv Martino Pietropoli 1. Au!age 2025 Best.-Nr. 8652 087 ISBN 978-3-98665-087-2 E-Book 978-3-98665-088-9 Hörbuch 978-3-98665-155-8 DOI 10.54291/g797339995

Solltest du Fehler in diesem Buch entdecken, würden wir uns über einen kurzen Hinweis an fehler@verbum-medien.de freuen.


BEGRÜNDUNG DES GLAUBENS Heilsgeschichte und Heilige Schrift

Herman Ridderbos


Inhaltsverzeichnis

1

Abkürzungen Geleitwort zur deutschen Neuauflage Einleitung

7 9 15

I

DER KANON DES NEUEN TESTAMENTS

25

A 2 3 4

GRUNDLEGENDE ORIENTIERUNG Der Ansatz der historisch-kritischen Schule Luthers Unterscheidung und ihre Auswirkung Calvin und die reformierte Theologie

27 29 35 45

B 5 6 7 8

KANON UND HEILSGESCHICHTE Das Apostolat Die Überlieferung Die Überlieferung als Schrift Der heilsgeschichtliche Begriff des Kanons

53 55 63 79 87

C 9 10 11

DIE ANERKENNUNG DES KANONS Das a priori des Glaubens Die Bildung des Kanons Die Abgrenzung des Kanons

103 105 125 139

II

DIE AUTORITÄT DES NEUEN TESTAMENTS

151

12 13 14 15

Der heilsgeschichtliche Charakter der Autorität Kerygma (Verkündigung) Martyria (Zeugenaussage) Didache (Lehre)

153 159 179 205

Endnoten

224


Abkürzungen

Bill

H. Strack u. P. Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch

EvT

Evangelische Theologie

GThT

Gerformeerd Theologisch Tijdschrift

NedTT

Nederlands Theologisch Tijdschrift

RE

Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche

RGG

1

Religion in Geschichte und Gegenwart, 1. Au!age

StTh

Studia Theologica

ThBl

Theologische Blätter

ThJb

Theologische Jahrbücher

ThWNT

G. Kittel und G. Friedrich, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament

TLZ

Theologische Literaturzeitung

TR

Theologische Rundschau

TZ

Theologische Zeitschrift

ZThK

Zeitschrift für Theologie und Kirche

7


Geleitwort zur deutschen Neuauflage

Obwohl Herman Ridderbos zu den ein!ussreichsten europäischen Neutestamentlern des 20. Jahrhunderts gehört, sind nur wenige Informationen über sein Leben ö&entlich zugänglich.1 Herman Nicolaas Ridderbos wurde am 13. Februar 1909 in Oosterend (Niederlande) geboren. Sein Vater, Jan Ridderbos, war Pfarrer in der reformierten Kirche der Niederlande, Bibelkommentator und Professor für Altes Testament an der Theologischen Hochschule der reformierten 9


Begründung des Glaubens

Kirchen in Kampen. Dort schloss Herman Ridderbos auch sein Grundstudium ab. Das Auf baustudium absolvierte er an der Freien Universität Amsterdam bei F. W. Grosheide (1881–1972), wo er 1936 mit der Untersuchung Der Tenor der Bergpredigt nach Matthäus promoviert wurde. 2( Nachdem er acht Jahre lang als Pfarrer gearbeitet hatte, wurde Ridderbos 1943 Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule in Kampen. Er lehrte neutestamentliche Exegese, Kanonik, Hermeneutik und Griechisch. Großes Interesse zeigte er an der biblischen Heilsgeschichte und der biblischen Theologie. Akzente setzte er mit seinen Forschungen zu den Synoptikern, zur paulinischen Theologie und schließlich zum Johannesevangelium. Herausragendes leistete er als Ausleger zahlreicher neutestamentlicher Schriften.) Raymond Otto Zorn, von 1976 bis 1989 Professor für Systematische Theologie und Ethik am Reformed Theological College in Geelong (Australien), schrieb einmal über Ridderbos’ exegetische Herangehensweise: »Dr. Ridderbos geht nicht mit unangemessenen spekulativen oder gar philosophischen Vorannahmen an die Heilige Schrift heran, sondern seine Exegese folgt einem durch und durch biblisch-theologischen Ansatz, d. h. die Heilige Schrift muss so verstanden werden, wie 10


Geleitwort zur deutschen Neuauflage

sie ihre eigene Interpretation im Lichte der grammatikalisch-historischen Umstände ihrer Vermittlung an den Menschen durch den souveränen Gott des Universums, der gleichzeitig der Bundeserlöser seines Volkes ist, liefert.«4 Nach langer erfolgreicher Lehrtätigkeit wurde Ridderbos 1975 emeritiert, behielt aber seinen Lehrstuhl bis 1978 inne.5 Er verstarb im hohen Alter von 98 Jahren am 8. März 2007 in Kampen. Zwei Bücher von Ridderbos sind bisher in einer deutschen Ausgabe verö&entlicht worden. Im Jahr 1963 erschien das Buch Begründung des Glaubens: Heilsgeschichte und Heilige Schrift im Brockhaus Verlag., Sein umfangreichstes Werk, Paulus – ein Entwurf seiner Theologie, wurde 1970 als gekürzte Übersetzung ebenfalls bei Brockhaus publiziert.Die hier vorliegende Neuau!age von Begründung des Glaubens erschien erstmalig 1955 als Heilsgeschiedenis en Heilige Schrift van het Nieuwe Testament. Testament.. Es folgten drei englischsprachige Au!agen mit dem Titel Redemptive History and the New Testament Scriptures in einem presbyterianischen Verlag./ Sowohl die niederländische als auch die englischen Ausgaben enthalten einen zweiten Teil über die Autorität des Neuen Testaments, 11


Begründung des Glaubens

der in der deutschen Ausgabe von 1963 leider fehlt. Das erklärt vielleicht den etwas abrupten Schluss. Das Buch endet mit dem Satz: »Sacra Scriptura ipsius interpres – in diesem Satz liegt eine wichtige Wahrheit auch für die Grenzen des Kanons« (S. 72).10 Bei der Neuau!age haben wir daher nicht nur die alte Übersetzung an einigen Stellen erheblich überarbeitet, sondern auch den bisher fehlenden zweiten Teil über die Autorität des Neuen Testaments übersetzt und eingefügt. Ridderbos geht es in Begründung des Glaubens nicht – wie man aufgrund des Titels vermuten könnte – um die Verteidigung der christlichen Religion. Es geht ihm vielmehr um die Erörterung der Frage, mit welchem Recht der christliche Glaube O&enbarungswahrheit in Anspruch nimmt. Er diskutiert die Bedeutung der Schrift, ihre Kanonizität und die Eigenart ihrer Autorität. Für den Leser ist es hilfreich, zu wissen, dass die Arbeit in einer Zeit entstand, in der es sehr verbreitet war, den biblischen Schriften lediglich einen menschlichen Zeugnischarakter zuzugestehen (vgl. z. B. Karl Barth o. Emil Brunner). Demnach komme der Bibel selbst keine O&enbarungsqualität zu, da sie nur ein menschliches und damit gebrechliches Zeugnis der göttlichen O&enbarung sei. Aus diesem Grund stand 12


Geleitwort zur deutschen Neuauflage

der kritischen Arbeit am »Schriftzeugnis« nichts im Weg, was folglich die Kanonkritik und allgemein die historisch-kritische Forschung am Neuen Testament rechtfertigte und be!ügelte. 11 Herman Ridderbos greift die vielfältigen damit zusammenhängenden Fragestellungen auf und legt schließlich eine eigenständige Antwort vor. Er vertritt die Au&assung, dass die Autorität des Kanons weder in der Anerkennung des Kanons durch die Kirche noch in der Erfahrung des Gläubigen mit dem Kanon liegt. Jeder Versuch, die Autorität des Kanons mit anderen Mitteln als dem Kanon selbst zu begründen, ö&net nach Ridderbos einer subjektivistischen und willkürlichen Argumentation Tür und Tor. Ebendeswegen ist für Ridderbos der neutestamentliche Kanon selbst die O&enbarung Gottes für sein Volk, da er die verbindliche schriftliche Verkündigung der Worte und Taten Gottes in Christus darstellt, die durch die göttlich beauftragten Apostel kundgetan wurden. Als solcher gehört der Kanon zum Heilshandeln Gottes in der Geschichte und erhält genau hierdurch seine bindende Autorität. Noch einige technische Hinweise: Wir haben nur wenige der vielen im Original enthaltenen Kursivschreibungen übernommen. Häufig auftretende Fachausdrücke 13


Begründung des Glaubens

wie »Kerygma«, »Martyria«, »Paradosis«, »Pistis«, »Didache« usw. sind »eingedeutscht« worden, ebenfalls um die Lesbarkeit zu erleichtern. Hier und dort wurden Verweise auf die Literatur in den Fußnoten aktualisiert. Wo vorhanden und es sinnvoll erschien, nennen wir bei Büchern englische Ausgaben anstelle der niederländischen. Während die Erstausgabe die Fußnotenzählung in jedem Kapitel neu beginnt, haben wir uns für eine durchgehende Nummerierung entschieden. Bei einer Übersetzung mit vielen anspruchsvollen Ausführungen in verschiedenen Sprachen schleichen sich leicht Fehler ein. Die Verantwortung dafür liegt bei mir. Ich ho&e, die Leser nicht allzu sehr zu verärgern, und wünsche trotz kleiner Unzulänglichkeiten viel Freude bei der Lektüre dieser insgesamt sehr gewinnbringenden Ausarbeitung. München, Juli 2024 Ron Kubsch

14


1

Einleitung

Die Theologie sieht sich immer wieder vor die Frage nach der Autorität der Heiligen Schrift gestellt. Die meisten Theologen unserer Zeit antworten darauf, dass die Heilige Schrift an sich keine göttliche Autorität besitze und dass diese nur ihrem Inhalt zukomme. Das Kennzeichnende an dieser Au&assung ist nicht, dass sie jede O&enbarung schlechthin leugnet, wohl aber, dass sie einen prinzipiellen Unterschied zwischen O&enbarung und Heiliger Schrift macht. Die Bibel ist 15


Begründung des Glaubens

demnach nur menschliche Urkunde als Beschreibung göttlicher O&enbarung oder, wie man gegenwärtig zu sagen p!egt, ihr menschliches Zeugnis. Daraus folgt weiter, dass trotz des erhabenen Gegenstandes, der die Bibelschreiber beschäftigt hat, sich ihre Schriften in keiner Weise von anderen menschlichen literarischen Werken unterscheiden. Darum müsse man sie auch wie andere menschliche Dokumente und Schriften erforschen und beurteilen.1 Der Schrift an sich komme keine O&enbarungsqualität zu. Dass hiermit noch nicht die gesamte Frage nach der Art der Autorität der Schrift beantwortet ist, versteht sich von selbst. Doch ergibt sich damit das Problem der Schriftkritik.2 Wenn die Schrift selbst nicht zur göttlichen O&enbarung gehört, sondern nur ihr menschlich gebrechliches Medium ist, nach welchem Maßstab ist dann die Autorität ihres Inhalts festzustellen? Soll man das dem Glauben derer überlassen, die die Bibel hören oder lesen? Kann die Wissenschaft hierzu Kompetentes aussagen, oder darf man sich auf die Stimme des Heiligen Geistes verlassen, der dieses menschliche, fehlbare Wort zu seinem Instrument machen will? Kann man sich aber dann noch auf die Schrift selbst berufen, um bei all den unterschiedlichen Au&assungen 16


1

Einleitung

zu entscheiden, was wirklich o&enbarter Inhalt der Bibel ist? Kann es überhaupt noch kirchliche Dogmatik geben, die sich auf die Schrift gründet? Was bedeutet eigentlich der vielgebrauchte Ausdruck »Schriftgehorsam«? Gibt es dann noch einen Grund dafür, die Sammlung von Bibelbüchern als Schriftkanon prinzipiell von allen anderen Schriften zu unterscheiden?3 Man könnte solche Fragen beliebig vermehren. So viel ist jedoch klar: Die Problematik der Bibelkritik, so erhellend sie auch wirken mag, wird niemals die Rechtmäßigkeit des Bibelglaubens beweisen können. So wenig die Gewissheit ein Postulat der Ungewissheit ist, so wenig kann auch die Schriftautorität ein Postulat der Probleme der Schriftkritik sein. Vielmehr wurde die Frage nach dem Grund und der Art der Schriftautorität durch die Probleme der Schriftkritik neu aufgeworfen. Es geht dabei nicht nur um Fragen, die allein die wissenschaftliche Diskussion beschäftigen, sondern ebenso um die Verbindung zur Kirche der Reformation, die ein klares Bekenntnis zum O&enbarungscharakter und der Autorität der Heiligen Schrift ausgesprochen hat. Das Niederländische Glaubensbekenntnis (Confessio Belgica) äußert sich, nachdem es

17


Begründung des Glaubens

die kanonischen Schriften aufgezählt hat, dazu folgendermaßen (Art. 5): »Diese Bücher allein erkennen wir als heilig und kanonisch an, so dass auf ihnen unser Glaube beruhen und begründet und festgestellt werden kann. Wir glauben ohne allen Zweifel alles das, was in ihnen enthalten ist, und zwar nicht in erster Linie, weil die Kirche sie als kanonisch annimmt und bestätigt, sondern vor allem weil der Heilige Geist unseren Herzen bezeugt, dass sie von Gott stammen.«

Für den, dem dieses persönlich gehaltene Glaubensbekenntnis nicht nur ein toter Buchstabe ist, steht außer Zweifel, dass sich die wissenschaftliche Untersuchung dem Nachdruck dieser Worte nicht verschließen kann. Das menschliche Leben ist eine Einheit. So wenig wir allein mit unserem Herzen zur Gemeinde gehören, so wenig können wir nur mit dem Kopf wissenschaftlich tätig sein. Daraus ergibt sich, dass dieses Bekenntnis auch für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Heiligen Schrift eine besondere Bedeutung hat und spezielle Fragen aufwirft.

18


1

Einleitung

Damit ist nicht gemeint, dass dieses Bekenntnis mehr Last als Freude mit sich bringt, wenn man der Bibel stärker wissenschaftlich begegnet und sie weniger im schlichten Glauben liest. Das sogenannte »einfältige Leben« stellt den Glauben vor nicht weniger schwierige Fragen, Anfechtungen und Versuchungen als die wissenschaftliche Untersuchung der Schrift oder das Lebensbewusstsein des vielzitierten »modernen Menschen«. Die Wissenschaft – auch auf theologischem Gebiet – ist ja nichts anderes als eine bestimmte Äußerung des um Erlösung ringenden Menschen. Darum besteht ein so enges Band zwischen Kirche und Theologie. Einerseits hält die Kirche der Theologie immer wieder das Bekenntnis vor und verfolgt mit großem Interesse die wissenschaftliche Erforschung der Bibel. Nicht etwa, weil sie in falscher Anmaßung Herrin der Wissenschaft sein will, sondern weil sie weiß, dass es hierbei um ihre eigene Sache geht. Andererseits hat die Theologie aus der Verbindung zur Kirche als dem lebendigen Gottesvolk immer wieder starke Impulse für ihre Tätigkeit empfangen. Das widerspricht jedoch nicht der Tatsache, dass die wissenschaftliche Erforschung der Heiligen Schrift ihre eigene Freude kennt und ihre eigenen Probleme 19


Begründung des Glaubens

mit sich bringt. Zweifelsohne kann die Wissenschaft mit den Mitteln, über die sie verfügt, in vielerlei Hinsicht das Wesen und die Struktur der Bibel klarer aufzeigen. Sie deckt aber auch deutlicher die Fragen auf, vor die uns die Schrift gerade als Schrift stellt. Sie tut das, weil sie die historischen Hintergründe untersucht und erforscht, wie die verschiedenen Schriften zu einem Kanon geworden sind. Sie stößt auf Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit anderen Schriften, anderen religiösen Begri&en und Gebräuchen. Sie enthüllt die Vielgestaltigkeit der »einen« Schrift, entdeckt bei aller Gleichheit Unterschiede in Form und Inhalt, welche dann bei näherer Betrachtung oft mit menschlichen, natürlichen Faktoren zusammenhängen. Sie sieht sich schließlich vor die Notwendigkeit gestellt, intensiver über das Verhältnis von O&enbarung und Heiliger Schrift, von Gotteswort und Menschenwort nachzudenken. Bei der Bestimmung dieses Verhältnisses hat sich jene Theologie, die in Übereinstimmung mit dem oben genannten Bekenntnis an der Autorität der Bibel festhält, immer wieder auf das Selbstzeugnis der Schrift berufen. Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Art, wie das Neue Testament über das Alte Testament spricht. 20


1

Einleitung

Über den neutestamentlichen Kanon selbst – als später entstandene Schrifteinheit – fehlen natürlich solche allgemeinen Zeugnisse. Doch abgesehen von der Analogie zum Alten Testament ist auch im Selbstzeugnis der einzelnen neutestamentlichen Schriften eine nicht unbeträchtliche Anzahl derartiger Äußerungen zu finden.4 Diese sogenannten formalen Aussagen über die Autorität der Schrift besitzen aber erst dann Beweiskraft, wenn man zuvor die Autorität der Schrift als solche anerkannt hat. Vom Standpunkt der Logik betrachtet, stehen wir hier vor einem Zirkeldenken. Sicherlich findet jede Berufung auf die Bibel ihren letzten Grund nur in der für den Glauben verbindlichen Autorität.5 Dennoch haben gerade diejenigen, die bekennen, dass die Heilige Schrift »von Gott« ist, das Bedürfnis, über ihren O&enbarungscharakter weiter nachzudenken. O&ensichtlich ist die Bibel kein himmlisches Geschenk, das auf einmal als fertiges göttliches O&enbarungsbuch vom Himmel gefallen ist. Die Heilige Schrift hat eine Geschichte. Sie ist ein Produkt von Gottes O&enbarungshandeln in der Heilsgeschichte. Deshalb darf der O&enbarungscharakter der Bibel nicht mechanisch von der Heilsgeschichte, in der sie entstanden ist, getrennt werden, denn ihr O&enbarungscharakter ist weder ein isoliertes Phänomen noch 21


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook