Gott
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n den meisten Depressionen gibt es Paradoxien. Sie hassen die Isolation, in die die Depression Sie treibt, aber Sie meiden andere Menschen. Sie suchen nach Hilfe, aber Sie hören nicht immer darauf. Sie glauben, dass es einen Gott gibt, aber Sie fühlen sich wie ein Atheist. Zumal die Paradoxie bezüglich Gott wohl die wichtigste ist, wollen wir uns diese zuerst anschauen. Sie werden sie in allen Formen des Leidens wiederfinden. Sie kennen vielleicht den Spruch, dass es in Schützengräben keine Atheisten gebe. In Zeiten heftiger Krisen fangen viele Menschen, die nie zuvor auch nur einen Gedanken an Religion verschwendet haben, plötzlich in aller Demut an zu beten, das Vaterunser zu sprechen und sich an die Worte „Der Herr ist mein Hirte …“ zu erinnern, als ob all das in der menschlichen DNA gespeichert ist. Doch wenn die Probleme dann bald wieder verschwinden, tun das auch die Gedanken über Gott. Der Krieger zieht seines Weges ohne ein Wort des Dankes, ganz zu schweigen von einer langen Treuebeziehung. Doch was ist, wenn die Schlacht andauert und sich die Situation nicht ändert? Die demütigen Bitten werden zu Fragen, die vielleicht nicht unbedingt wütend, aber doch kühn sind. „Gott, warum tust du mir das an?“ – „Was habe ich dir denn angetan?“ Das Leid setzt uns auf eine Weise mit Fragen über Gott zu, wie es in einem angenehmen Leben nie geschehen würde. Wenn die düsteren Umstände ihren Angriff fortsetzen, bemerken Sie vielleicht die Paradoxie, ein „atheistischer Gläubiger“ zu sein. Wenn man Sie zu einer Aussage zwingen würde, würden Sie zwar sagen, dass Gott existiert, doch Sie fühlen sich zunehmend isoliert und allein. Je extremer das Leid, desto intensiver ist das Gefühl des Alleinseins. Auch wenn es Gott gibt, denken Sie, habe ich doch überhaupt nicht das Gefühl, dass dem so ist. „Während meiner schwersten Depression hatte ich keinen Glauben“27, lautet der Refrain sogar unter denjenigen, die einst ganz klar geglaubt hatten. Ein französischer Psychiater machte nach jahrelanger Arbeit mit depressiven Patienten die Beobachtung: „Alle depressiven Menschen sind hartnäckige, radikale Atheisten.“ Welche Seite auch 39
immer in Ihrem eigenen Leben die Oberhand hat – der Glaube oder der Unglaube –, eine Depression wirft doch immer Fragen über Gott auf. In einer Zeit des anhaltenden Leidens ist das unvermeidlich. Es wird viel darüber diskutiert, in welcher Hinsicht depressive Menschen ein verzerrtes und unrichtiges Denken haben, doch hier – in ihrem geistlichen Ringen, ihren Fragen und ihrem praktischen Atheismus – erkennen sie etwas Wahres. Nämlich dass es im Leben ganz grundlegend um Gott geht. Ob Sie nun die Faust gegen ihn ballen, ob Sie ihn als so abwesend wahrnehmen, dass seine Existenz unwichtig zu sein scheint, oder ob Sie vor ihm zittern, weil Sie sich von ihm gerichtet fühlen, so ist die Realität doch diese: die Grundfragen des Lebens und die grundlegenden Dinge des menschlichen Herzens drehen sich um Gott. Im Leben geht es darum, ihn zu kennen oder ihn zu meiden. Es geht um geistliche Loyalität. Wem werden Sie inmitten der Schmerzen vertrauen? Wen werden Sie anbeten? Denken Sie noch einmal an Hiob. Das heftige Leid und der große Verlust in seinem Leben trieben ihn unmittelbar zu einer grundlegenden geistlichen Frage. Jetzt, da das Leid bei ihm eingezogen war: würde er nun immer noch Gott vertrauen und ihn anbeten? Seine Antwort war unzweideutig. Als er alle seine Kinder verloren hatte, „warf [er] sich auf die Erde nieder und betete an“ und sprach die schockierenden Worte: „Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“ (Hiob 1,20-21). In diesem Moment ist Ihnen vielleicht gar nicht danach, sich auf die Erde niederzuwerfen und anzubeten. Taubheit, Schmerz und Anbetung scheinen nicht zusammenzupassen. Doch denken Sie wenigstens darüber nach, wer Gott ist. Eine Depression verlangt danach und meidet gleichzeitig diesen Gedanken. Sie verlangt danach, weil alles Leid zu Fragen über Gottes Charakter führt, aber sie meidet diesen Gedanken auch, weil niemand von Natur aus nach Gott strebt. Leid lässt ihn umso abwesender und uninteressierter erscheinen. Wenn Sie über Gott nachdenken, dann rechnen Sie damit, dass Sie in Ihrem Denken über sich selbst und über Gott Trugschlüsse entdecken. Mit anderen Worten: auch wenn Sie vielleicht denken, dass Sie alles über Gott wissen, was Sie wissen müssen – oder wissen wollen –, dann ist dem garantiert nicht so. Wenn Sie ein solches Angebot ablehnen, dann sind Sie wahrscheinlich wütend auf Gott. In diesem Fall haben Sie sogar noch mehr Grund, darüber nachzudenken, wer er ist. Er lädt wütende Menschen ein, zu kommen und sich überraschen zu lassen.
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