Gideon Greif
Im Zentrum der âEndlösungâ
Alltag in der Todesfabrik Auschwitz
© 2022 TOS Verlag, Marsch des Lebens Edition, TĂŒbingen. Erste Auflage.
Dieses Buch ist auch als E-Book erhÀltlich
ISBN Buch 978-3-96589-002-2
ISBN E-Book 978-3-96589-003-9
Das Bild auf dem Buchtitel zeigt eine bis heute erhaltene Seite der âGeheimen Schriftenâ, die von Lejb Langfuss, einem Mitgliedern des Sonderkommandos in Auschwitz niedergeschrieben wurde. Die HĂ€ftlinge wollten dadurch sicherstellen, dass die Welt von den Massenmorden der Deutschen erfuhr, und zugleich wohl auch ein letztes persönliches Zeichen von sich selbst hinterlassen, bevor auch sie ermordet und verbrannt werden wĂŒrden, wie so viele vor ihnen. Bild: Yad Vashem
12 Zeichnungen im Buch: ©Peter Siebers, Teilbearbeitung Andreas Kilian
Satz: Hannah Kubsch
Lektorat: Nicole Anders, Hannah Kubsch
Umschlaggestaltung: Stefan Klein
1.1.2
1.1.3
1.1.4
1.1.5
Inhaltsverzeichnis
2.10
2.12 Wie es Sonderkommando-HĂ€ftlingen gelungen ist zu ĂŒberleben112
2.13 Zusammenfassung zum Kapitel âDie Entstehung des Sonderkommandosâ ......................................... 116
3. Alltag und Arbeit im Sonderkommando............ 121
3.1 Arbeit ............................................. 123
3.1.1 Die neuen Krematorien und deren Inbetriebnahme 123
3.1.2 Rekrutierung und erster Arbeitstag neuer HĂ€ftlinge ....... 127
3.1.3 Organisation des Vernichtungsprozesses ............... 134
3.1.4 Die Arbeit im Sommer 1944 ......................... 165
3.2 Der arbeitsfreie HĂ€ftlingsalltag .......................... 173
4. Die Beziehungen der Sonderkommando-HĂ€ftlinge untereinander ................................... 197
4.1 EinschÀtzung der Beziehungen .......................... 199
4.2 Sprache und nationale Herkunft als Determinanten der Gruppenbildung ............................................. 207
4.3 Die Bedeutung regionaler Herkunft und verwandtschaftlicher Beziehungen ........................................... 217
4.4 Religiöse Praxisformen als gemeinschaftsstiftendes Moment ... 221
4.5 Hierarchien im Sonderkommando: Die FunktionshÀftlinge 224
4.5.1 BlockÀlteste, Schreiber und Stubendienste .............. 225
4.5.2 Die âarischenâ Kapos .............................. 236
4.5.3 Die jĂŒdischen Kapos ............................... 242
4.5.3.1 Eliezer Welbel 242
4.5.3.2 Lemke Pliszko .................................. 243
4.5.3.3 Jaacov Kaminski ................................ 244
4.6 Zusammenfassung zum Kapitel âDie Beziehungen der Sonderkommando-HĂ€ftlinge untereinandnerâ ..................... 248
5. Die Beziehungen zwischen dem Sonderkommando und anderen HĂ€ftlingen ........................... 255
5.1 Isolation ........................................... 256
5.2 Was wussten periphere Zeugen? ......................... 261
5.3 Politische Abteilung .................................. 265
5.4 Kanada-Kommando .................................. 270
5.5 Mobile Kommandos: Rollwagenkommando ................ 274
5.6 Verwandte ......................................... 282
5.7 Dachdeckerkommando ................................ 291
5.8 Zum Handel 295
5.9 Image der Sonderkommando-HĂ€ftlinge ................... 298
5.10 Positiv und verstÀndnisvoll. . . .
307
5.11 Zusammenfassung zum Kapitel âDie Beziehungen zwischen dem Sonderkommando und anderen HĂ€ftlingenâ ................. 311
6. Zum VerhÀltnis zwischen Sonderkommando-HÀftlingen und der SS ..................................... 317
6.1 Struktur und Organisation der Krematoriums-SS ............ 320
6.2 Die Leiter der Krematorien ............................. 324
6.3 Struktur und Entwicklung der Gewaltpraxis der SS gegenĂŒber dem Sonderkommando ..................................... 327
6.4 Erfahrungen von exzessiver Gewalt durch einzelne SS-MĂ€nner und -Gruppen ........................................ 347
6.5 Der Fall Otto Moll ................................... 352
6.6 Handels- und Korruptionsbeziehungen zwischen Sonderkommando und SS ............................................. 367
6.7 GefĂ€lligkeitsdienste von Sonderkommando-HĂ€ftlingen gegenĂŒber der SS .............................................. 376
6.8 Positive Erfahrungen der Sonderkommando-HĂ€ftlinge mit SSMĂ€nnern ............................................ 377
6.9 Zusammenfassung zum Kapitel âZum VerhĂ€ltnis zwischen Sonderkommando-HĂ€ftlingen und der SSâ........................ 388
7. Moralische Dilemmata und BewÀltigungsstrategien der Sonderkommando-HÀftlinge ..................... 395
7.1 Moralische Dilemmata der Sonderkommando-HĂ€ftlinge. . . . . . . 396
7.2 Umgang mit der emotionalen Belastung. . . .
7.3 Zusammenfassung zum Kapitel âMoralische Dilemmata und BewĂ€ltigungsstrategien der Sonderkommando-HĂ€ftlingeâ......... 433
8. Widerstand und Aufstand im Sonderkommando 1944 . 437
8.1 Verschiedene Formen des Widerstands
8.2 Organisierte Widerstandsbewegung ......................
8.3 Der Aufstand des Sonderkommandos im Herbst 1944 ........ 460
8.4 Zusammenfassung zum Kapitel âWiderstand und Aufstand im Sonderkommando 1944â ................................ 491
9.1 Evakuierung, Todesmarsch, Befreiung
9.2 Beginn eines neuen Lebens.
9.3 Erinnerungen
9.4 Anfeindungen und Schuldzuweisungen
9.5 Zeugenschaft .......................................
1. Einleitung
Der im Folgenden zitierte Brief wurde kurz vor der letzten Liquidierung einer gröĂeren Gruppe von HĂ€ftlingen des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau geschrieben. Sein Verfasser, Chaim Herman, war sich bewusst, dass auch sein Leben in KĂŒrze zu Ende sein werde; dennoch hoffte er, wie alle seine Kameraden, auf ein Wunder und auf sein Ăberleben. Um jeden Preis wĂŒnschte er, Frau und Tochter wiederzusehen. Sein Wunsch ging nicht in ErfĂŒllung, Herman wurde am 26. November 1944 von der SS selektiert und erschossen. Der Brief allerdings, der seine Hoffnungen festhielt, blieb vollstĂ€ndig erhalten. Er zeugt eindrucksvoll von den emotionalen Extremen, denen die Sonderkommando-HĂ€ftlinge in den Krematorien von Auschwitz ausgesetzt waren und ermöglicht uns einen Einblick, wie sie an einem Ort fĂŒhlten und dachten, der fĂŒr sie zur ausweglosen Hölle wurde.
So schrieb Herman an seine Familie:
âAnfang Juli diesen Jahres hatte ich die groĂe Freude, Euren Brief zu erhalten (ohne Datum), was fĂŒr meine traurigen Tage hier wie Balsam war. Ich lese ihn immer wieder aufs Neue und werde mich bis zum letzten Atemzug nicht von ihm trennen. Ich hatte keine Gelegenheit mehr, Euch zu antworten, und wenn ich Euch heute mit groĂem Risiko und unter groĂer Gefahr schreibe, so ist es, um Euch anzukĂŒndigen, dass dies mein letzter Brief sein wird, dass unsere Tage gezĂ€hlt sind, und wenn Ihr eines Tages diese Sendung erhaltet, dann mĂŒsst ihr mich unter den Millionen BrĂŒdern und Schwestern zĂ€hlen, die von dieser Welt verschwunden sind. Bei dieser Gelegenheit muss ich euch versichern, dass ich ruhig und vielleicht heldenhaft von dannen gehe (das wird von den UmstĂ€nden abhĂ€ngen) mit dem einzigen Bedauern, dass ich Euch nicht wenigstens fĂŒr einen einzigen Augenblick wiedersehen kann.
[...] Dich, meine liebe Frau, bitte ich, mir zu verzeihen, wenn es manchmal im Leben kleine Differenzen gab, jetzt sehe ich, wie wenig man es verstanden hat, die vergangene Zeit zĂ€rtlich zu lieben; hier dachte ich immer, dass, wenn ich durch ein Wunder herauskĂ€me, ich mein Leben anders aufbauen wĂŒrde âŠ, aber leider, dies ist ausgeschlossen, niemand kommt von hier hinaus, alles ist zu Ende. Ich weiĂ, Du bist noch jung und Du musst Dich wieder verheiraten, ich lasse Dir freie Hand, ja ich empfehle Dir das sogar, denn ich möchte Euch nicht in Trauer gehĂŒllt wissen, aber ich will auch Simone keinen Stiefvater geben. Versuche also, sie so bald wie möglich zu verheiraten, sie soll auf ihre höheren Studien verzichten, danach wirst Du frei sein.
Denke niemals daran, nach Polen zurĂŒckzukehren, auf diese fĂŒr uns verfluchte Erde. Die Erde von Frankreich ist zu lieben und zu unterstĂŒtzen (höchstens, wenn die UmstĂ€nde Dich woandershin fĂŒhren, aber niemals nach Polen).
[...] Wenn Ihr am Leben seid, so werdet Ihr nicht wenige Werke lesen, die aus Anlass dieses Sonderkommandos geschrieben sein werden. Aber ich bitte Euch, mich niemals schlecht zu beurteilen. Wenn es unter uns Gute und Schlechte gab, so war ich bestimmt nicht unter den Letzteren. Ohne Furcht vor Risiko und Gefahr tat ich in dieser Epoche alles, was in meiner Macht lag, um das Schicksal der UnglĂŒcklichen zu mildern, oder politisch das, wovon ich Euch ĂŒber mein
Schicksal nicht schreiben kann, so dass mein Gewissen rein ist, und ich am Vorabend meines Todes stolz darauf sein kann.
[...] Mein Brief geht zu Ende, meine Stunden desgleichen, also richte ich mein unwiderruflich letztes Lebewohl an Euch; fĂŒr immer, es ist der letzte GruĂ, ich umarme Euch sehr innig zum letzten Mal und bitte Euch noch einmal, mir zu glauben, dass ich leicht von hinnen gehe, da ich Euch am Leben weiĂ und unseren Freund verloren. Es ist sogar möglich, dass Ihr durch die Geschichte des âSonderkommandosâ den genauen Tag meines Endes erfahrt, ich befinde mich in der letzten Mannschaft von 204 Personen, man liquidiert gerade das Krematorium II, wo ich in höchster Anspannung warte, und man spricht von unserer eigenen Liquidierung im Verlaufe dieser Woche.
Verzeiht mir meinen chaotischen Text sowie mein Französisch. Wenn ihr wĂŒsstet, unter welchen UmstĂ€nden ich schreibe. Es mögen mir auch alle Freunde verzeihen, die ich wegen Platzmangels nicht nenne und denen ich meine letzten AbschiedsgrĂŒĂe sende, gleichzeitig sage ich ihnen, rĂ€chet Eure BrĂŒder und Schwestern, die unschuldig auf dem Schafott gefallen sind. Adieu meine teure Frau und meine geliebte Simone, fĂŒhrt meine WĂŒnsche aus und lebt in Frieden, Gott möge Euch beschĂŒtzen.
Tausend KĂŒsse von Eurem Gatten und Vaterâ1
Dieser Brief ist ein Beweis dafĂŒr, dass die Sonderkommando-HĂ€ftlinge selbst unter den Bedingungen von Auschwitz ihre Menschlichkeit bewahren konnten. Chaim Herman bringt zum Ausdruck, dass er weiter an seinen Grundwerten festhielt und GefĂŒhle wie NĂ€chstenliebe, Freundschaft, Mitleid und Lebenslust bewahrte. Der Verfasser des Briefes schrieb kurz vor seinem Tod an seine Familie. Anstatt in dieser Situation an sein eigenes Schicksal zu denken, sprach er seiner Familie gegenĂŒber Mut und Hoffnung aus und dachte an seine Freunde und MithĂ€ftlinge.
Der Brief wurde im Februar 1945 auf dem Gebiet von Krematorium III in Birkenau von dem Warschauer Medizinstudenten Andrzej Zaorski gefunden. Er war Teil einer medizinischen Delegation, die half, die ehemaligen HÀftlinge zu pflegen, die in Auschwitz geblieben waren. Direkt neben den Krematoriumsruinen traf er auf eine Gruppe einheimischer Polen, die in der Asche der Ermordeten nach WertgegenstÀnden suchte. Nachdem die Meute
1 Jadwiga Bezwiska und Teresa Wiebocka, Hrsg., Inmitten des grauenvollen Verbrechens: Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos, 2. Aufl. (OĆwiÄcim: Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, 1996), 259â265.
verschwunden war, nĂ€herte sich der Student der Asche und einer Glasflasche, in der er den Brief von Chaim Herman fand. Er war auf einigen gut erhaltenen Bögen karierten Papiers geschrieben. Auf dem Ă€uĂersten Blatt, das einem Kuvert glich, stand die Adresse des polnischen Roten Kreuzes geschrieben. Erst im inneren Teil des Briefes war die Adresse der EmpfĂ€nger in Frankreich vermerkt. Zaorski erinnert sich, dass ihm sofort klar war, wer den Brief geschrieben haben musste: Nur eine Person, die wusste, dass die Asche in den Fluss geschĂŒttet wurde, konnte darin einen solchen Brief versteckt haben. Der junge Mann las den Brief und als er im MĂ€rz 1945 nach Warschau zurĂŒckkehrte, brachte er ihn dort zur französischen Botschaft. Die Flasche kam nie an ihren eigentlichen Bestimmungsort, blieb jedoch als wichtige Quelle und Andenken an einen ermordeten Sonderkommando-HĂ€ftling erhalten. Erst am 11. MĂ€rz 1971 machte Zaorski seine Aussage beim JĂŒdisch Historischen Institut in Warschau und erzĂ€hlte, wie die Flasche mit Chaim Hermans Brief gefunden wurde.2
FĂŒr Wissenschaftler ist die Auseinandersetzung mit der Shoah nicht einfach. Trotz der Grausamkeit der deutschen Verbrechen mĂŒssen sie sich so detailliert wie möglich mit diesen auseinandersetzen, um die Rekonstruktion der Geschichte zu ermöglichen. Es wĂ€re falsch, die Auseinandersetzung mit dem Massenmord in den deutschen Todesfabriken zu scheuen, da erst eine solche das Wesen des Nationalsozialismus erkennen lĂ€sst.
Die deutschen Mörder legten alles daran, die Beweise fĂŒr ihre Taten zu beseitigen. Mit dieser Aufgabe wurde im Sommer 1942 die Spezialeinheit 1005 unter dem Kommando von Paul Blobel beauftragt, die dafĂŒr zustĂ€ndig war, die Leichen der Ermordeten auszugraben und zu verbrennen. Bis zum letzten Moment waren die Mörder darum bemĂŒht, alle Spuren des Massenmordes zu beseitigen.
Trotz dieser Versuche gelang es HĂ€ftlingen des Sonderkommandos, Berichte, ErzĂ€hlungen, Briefe, Fotos und Ă€hnliches fĂŒr die Nachwelt zu bewahren.
Entweder gelang es, solche Zeugnisse auf riskantem Wege aus dem Lager zu schmuggeln oder sie wurden auf dem LagergelĂ€nde vergraben. Diese Dokumente und die Aussagen der Ăberlebenden sind unabdingbar, um die Geschichte der Vernichtungslager zu rekonstruieren. Sie dokumentieren nicht nur die Verbrechen der Deutschen, sondern vermitteln selbst heute noch die Gedanken und GefĂŒhle von Menschen, die direkt mit dem Massenmord in BerĂŒhrung kamen. Sie fĂŒhren uns nĂ€her an ein VerstĂ€ndnis dessen, was uns heute unvorstellbar ist. Diese Arbeit stĂŒtzt sich in erster Linie auf die Aussagen der ehemaligen HĂ€ftlinge des Sonderkommandos, um die
2 Vgl. Jadwiga Bezwiska und Teresa Wiebocka, Hrsg., Inmitten des grauenvollen Verbrechens, 255 f.
Geschichte des Sonderkommandos aus ihrer Perspektive zu erzÀhlen.
Ohne die Aussagen der Ăberlebenden lieĂen sich die Bedingungen in den Vernichtungslagern nicht rekonstruieren. Die Versuche der Deutschen, ihre Verbrechen zu vertuschen, lieĂen ein dokumentarisches Vakuum entstehen, das nur mit den Erinnerungen der Ăberlebenden gefĂŒllt werden kann. Selbst die Stimme eines einzigen Zeugen kann dabei helfen, die Geschichte zu rekonstruieren.3
Die Interviews, die fĂŒr dieses Buch angefertigt wurden, sollen dazu beitragen, dass die Geschichte des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau nicht in Vergessenheit gerĂ€t. Die Verbrechen, die in den deutschen Todesfabriken begangen wurden, sind so unvorstellbar, dass wir auf die Aussagen der Ăberlebenden angewiesen sind: Nur sie können von den letzten Minuten im Leben der zum Tode Verurteilten berichten, können Auskunft darĂŒber geben, wie sie aussahen, was sie sagten und welche GefĂŒhle sie Ă€uĂerten. In diesem Sinne sind die Ăberlebenden des Sonderkommandos die HĂŒter des VermĂ€chtnisses der Ermordeten. Die Geschichtswissenschaft sollte â im Sinne der Oral History â dieses VermĂ€chtnis nicht ignorieren, sondern fĂŒr ihre Forschungen fruchtbar machen. Die Berichte der Ăberlebenden vermitteln ein eindrucksvolles Bild der RealitĂ€t der HĂ€ftlinge und vermitteln zusĂ€tzlich zu den historischen Fakten â fĂŒr deren Aufzeichnung sie selbstverstĂ€ndlich ebenfalls Ă€uĂerst fruchtbar sind â ein Bild der Erlebniswelt derjenigen, die den Schrecken erleben mussten. Die Chance zu einem besseren VerstĂ€ndnis dessen ist es, die die Oral History liefert und die sich die Geschichtswissenschaft nicht entgehen lassen sollte â auch und besonders nicht in Bezug auf die Massenmorde in Auschwitz-Birkenau.
Die mĂŒndlichen Aussagen bieten eine andere Ebene der Geschichte an. Aspekte wie GefĂŒhle, Zweifel, Gedanken, Hemmungen, der Alltag im Krematorium, Einzelheiten, Verhaltensmuster bestimmter SS-MĂ€nner â all dies findet nie, oder nur sehr begrenzt, ein Echo in Dokumenten. Nur die Aussage des Zeugen, der das Ereignis persönlich am eigenen Leib erfuhr, kann ein Licht auf die genannten Aspekte werfen. Deshalb kann es fĂŒr die Oral History keinen Ersatz geben, was im Falle des Holocausts noch bedeutungsvoller ist. Die Oral History, zusammen mit der schriftlichen Dokumentation, gibt dem Historiker die Möglichkeit, ein authentisches, volleres Bild der Geschichte zu bauen und zu rekonstruieren.
3 Carlo Ginzburg, âJust One Witness.â In Probing the Limits of Representation: Nazism and the âFinal Solutionâ, hrsg. von Saul FriedlĂ€nder, 82â96 (Cambridge, Massachusetts, London: Harvard University Press, 1992).
2. Die Entstehung des Sonderkommandos
Dieses Kapitel versucht, die Geschichte der VorlĂ€ufer des sogenannten Sonderkommandos zu rekonstruieren, die bis heute wenig bekannt ist. Anhand dieser wird gezeigt, dass die Massentötung in Auschwitz nicht statisch, sondern ein dynamischer Prozess mit vielen Akteuren war. Die AusfĂŒhrung des Mordprozesses durchlief verschiedene Phasen, die auf eine organisatorische, technische und ökonomische Optimierung des Mordens hinauslief. ZunĂ€chst wurden einfache Mittel eingesetzt, die im weiteren Verlauf im Rahmen eines heuristischen Versuch-und-FehlerVerfahrens optimiert wurden, mit dem auf Probleme vor allem in Bezug auf MordkapazitĂ€ten, Aufwand, AbwĂ€lzung der Taten auf HĂ€ftlinge bzw. wenige, subalterne SS-Mannschaften und -Hilfstruppen, Geheimhaltung, wirtschaftliche Nutzbarmachung reagiert wurde. Erst in diesem Prozess bildete sich jene HĂ€ftlingsgruppe heraus, die seit ihrem Einsatz in den neuen Krematorien von Birkenau als Sonderkommando bekannt war.
War der Massenmord in Auschwitz anfangs improvisiert, reagierte die SS frĂŒher oder spĂ€ter auf die Probleme, die sich ihr auftaten: ErschieĂungen belasteten die TĂ€ter, waren aufwendig und kostenintensiv und erregten Aufsehen; die ersten Gaskammern waren klein und unzugĂ€nglich, verfĂŒgten nicht ĂŒber AbzĂŒge, waren schlecht schallisoliert und unzureichend getarnt; die Krematoriumsöfen im Stammlager waren leistungsschwach, fielen aus und verzehrten viel Koks; zehntausende begrabener Leichen mussten exhumiert werden, weil sie FlĂŒsse und Seen der Umgebung vergifteten etc.
Auschwitz kann als Labor gesehen werden, in dem zunĂ€chst mit Hilfe von Experimenten die âEndlösungâ auf den Weg gebracht wurde. Die SS vor Ort hatte unbegrenzten Spielraum fĂŒr ihre mörderischen Ideen und Vorstellungen. Auftretende Schwierigkeiten wurden von ihr als PrĂŒfstein und Ansporn angesehen. Als erst einmal Klarheit ĂŒber das Ziel bestand, wurde wie in jedem modernen Unternehmen zielgerichtet versucht, mit einem begrenzten Aufwand ein maximales Ergebnis zu erzielen.
Die TĂ€ter vor Ort erhielten nun massiv logistische und materielle UnterstĂŒtzung von höherer Stelle. Dieses Zusammenspiel befĂ€higte sie schlieĂlich im FrĂŒhjahr 1944, auf dem Höhepunkt von Willen und Möglichkeit zur Vernichtung, innerhalb von wenigen Wochen rund 500.000 Juden aus Ungarn zu ermorden.
Dieser dynamische Prozess spiegelt sich in der Geschichte der Sonderkommandos wider. Wie der gesamte Vernichtungskomplex Auschwitz, so waren auch die in diesem Buch behandelten jĂŒdischen Sonderkommandos
aus den lokalen Möglichkeiten gewachsene Organisationen, die immer wieder VerĂ€nderungen unterworfen waren. Eine kleine Gruppe von etwa zehn Personen, die eher als âAufrĂ€um-Kommandoâ zu bezeichnen ist,102 wandelte sich zu einem Kommando, in dem bis zu 1.000 HĂ€ftlinge mit fest abgegrenzten Aufgabengebieten arbeiteten.
2.1 Die ersten Sonderkommandos
Der Begriff Sonderkommando bezeichnet streng genommen erst die mit der Inbetriebnahme der neuen Krematorien in Birkenau ab FrĂŒhjahr 1943 eingesetzten HĂ€ftlingskommandos. Als âfrĂŒhes Sonderkommandoâ beziehungsweise als âVorlĂ€ufer des Sonderkommandosâ werden im Folgenden alle Kommandos von fast ausschlieĂlich Juden bezeichnet, die vor dem FrĂŒhjahr 1943 gezwungen wurden, den Empfang und die Entkleidung der Opfer zu begleiten und nach deren Ermordung durch die SS die Verwertung und Beseitigung der Leichen durch Verbrennen und Verscharren zu ĂŒbernehmen: Dazu gehören das Fischl-Kommando, das Grubenkommando, das Begrabungskommando, das offene Sonderkommando, und das EnterdungsKommando. Erst ab September 1942 wurde einheitlich und offiziell vom Sonderkommando gesprochen, und erst ab MĂ€rz 1943, dem Zeitpunkt der Fertigstellung der neuen Krematorien in Birkenau, entstand ein kontinuierliches und einheitliches System des Arbeitsprozesses und der Arbeitsteilung. Zwischen diesen Kommandos gab es Unterschiede, die wesentlich in AbhĂ€ngigkeit zur Genese der Massenvernichtung in Auschwitz standen. So unterschied sich das Sonderkommando zum einen in seinen Aufgaben:
Anfangs waren es HĂ€ftlinge, die mit keinen oder einfachen Hilfsmitteln fĂŒr die Beseitigung der Leichen zu sorgen hatten. Mit der Effektivierung und Ăkonomisierung der Massentötungen schuf die SS neue Einsatzorte und Aufgaben, die höhere Arbeitsteilung und Professionalisierung forderten und Verwertungsaufgaben immer zentraler machten. Damit aber wurde die Bedeutung der HĂ€ftlinge immer zentraler. Das Kommando wuchs, seine Existenzbedingungen wurden besser, aber auch prekĂ€rer. Denn das Sonderkommando wurde als GeheimnistrĂ€ger erkannt und immer konsequenter isoliert.
In den frĂŒhen Sonderkommandos herrschte noch keine strikte und an EffektivitĂ€t orientierte Arbeitsteilung. Die HĂ€ftlinge ĂŒbten alle anfallenden Aufgaben aus, sie wechselten oft ihre TĂ€tigkeit oder begleiteten den
102 Jadwiga BezwiĆska et al., Auschwitz in den Augen der SS (Warschau: Wydawnictwo Interpress, 1992); Hg. von: Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, 122.