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21 Wenn Gott schweigt Wer unter euch fürchtet den Herrn …? Wenn er im Finstern wandelt und ihm kein Licht scheint, so vertraue er auf den Namen des Herrn … Jesaja 50,10 Der Nobelpreisträger und angesehene jüdische Autor Isaac Bashevis Singer sagte einmal: „Der Allmächtige verspricht dauernd etwas und dann hält er sein Wort nicht.“ Wer von uns hat nicht schon Zeiten gehabt, in denen er mit dem Finger auf Gott zeigen und sagen wollte: „Das ist unfair!“ Der Weg zu einer tieferen Gemeinschaft mit Gott ist nicht immer ein angenehmer Spaziergang durch einen lieblichen Garten. Manchmal gleicht dieser Weg eher einer Achterbahnfahrt, bei der wir plötzlich mit rasender Geschwindigkeit und einem Winkel von 90 Grad in einen tiefen Abgrund der Verzweiflung tauchen. Was in einem Vergnügungspark als aufregender Nervenkitzel erscheinen mag, kann auf der geistigen Ebene verheerende Folgen haben, wenn man von Gott dringend eine Antwort braucht und keine findet. Das haben wir alle schon erlebt: Wir ringen mit schwierigen Umständen und suchen bei Gott eine Antwort, nicht durch beiläufiges Fragen, sondern durch flehentliche Bitten um Wegweisung, um Versorgung in Zeiten des Mangels, um Erkenntnis bei kritischen Entscheidungen, um Einsicht in einer ausweglos erscheinenden Situation oder um Weisheit, wenn wir vor unlösbaren Konflikten stehen. Wir bitten Gott inständig um eine Antwort: „Oh, Gott, gib mir in dieser Situation ein Ja oder ein Nein.“ Wenn wir nichts empfangen, gewähren wir Gott großmütig ein wenig mehr Spielraum und sagen: „Weißt du, Gott, eigentlich brauche ich nicht einmal ein Ja oder ein Nein – es genügt mir schon, wenn ich dich sagen höre, dass ich warten soll.“ Wenn wir jedoch nicht einmal das hören, begegnen wir Gott noch großzügiger und sagen: „Ich brauche nicht einmal deine Stimme zu hören – lass mich nur wissen, dass du da bist – irgendwie.“ Wieder nichts. An diesem Punkt werden wir wütend auf Gott. Einige von uns reagieren positiver und berufen sich auf biblische Verheißungen, dass Gott schließlich für uns ist und nicht immer schweigen und er uns befreien wird. Dies sind Glaubensübungen, eine notwendige Disziplin, um geistliche Substanz zu entwickeln. Doch wenn


wir nicht aufpassen, kann uns der Grund für Gottes Schweigen entgehen, indem wir uns ständig auf Bibelstellen berufen, aber seine Absichten nicht verstehen. Es besteht ein feiner Grat zwischen Glaube und Wunschvorstellung. Der Glaube preist den Gott, der befreit und hat keine Angst, sein Schweigen zu hinterfragen. Die Wunschvorstellung benutzt seine Verheißungen als Puffer gegen die Realität, indem sie sein Wort zitiert, aber sein Handeln ignoriert. In Gottes Schweigen gibt es Zeiten, in denen er uns lehrt, direkt auf den Berg unserer Unmöglichkeiten zuzugehen. Was sagte er zu dem Berg, mit dem Serubbabel konfrontiert war? „Vor Serubbabel sollst du zur Ebene werden“ (Sacharja 4,7). Serubbabel sollte den Berg weder umgehen, noch einen Tunnel hindurchgraben, nicht einmal seinen Gipfel erklimmen oder auf Flügeln des Lobpreises über ihn hinwegsegeln: Er sollte auf den Berg zugehen – auf direktem Weg, und zwar in dem beständigen Vertrauen, dass das Unüberwindliche vor seinem Gehorsam weichen würde. Manchmal sollen wir nach Weisheit suchen, wenn wir vor einem Berg stehen. Umgehen wir ihn? Rühren wir uns nicht vom Fleck? Manchmal sollen wir nach Kraft suchen. Können wir seine Höhe durch ein Wunder erklimmen und den Berg überwinden? Aber manchmal wird uns weder Weisheit noch Kraft gegeben – nur eine Wiederholung seines Gebots, weiterzugehen – direkt auf die Sache zu. Und ob man mit dem Rücken zum Roten Meer steht oder einen mitternächtlichen Abgabetermin vor Augen hat: Wenn Gott gesagt hat, Sie sollen gehen, dann gehen Sie direkt auf das zu, was unmöglich scheint. Wie sonst könnten Sie beweisen, dass denen, die glauben, alle Dinge möglich sind? Das Schweigen Gottes lehrt uns, auf unsere Berge zuzugehen. Aber es gibt noch einen anderen, elementareren Grund für Gottes Schweigen. Es kann die aufschlussreichste Begegnung sein, die wir mit ihm je haben können. Denn es deckt manches auf. Es entlarvt, wie geteilt unsere Herzen sind. Denn wenn wir den Herrn um einer Antwort willen suchen und keine finden, neigen wir dazu, unruhig zu werden. Wir machen uns Sorgen. Schweigen scheint Sorge auszulösen. Aber gerade in dieser Sorge liegt die Antwort. Warum? Weil sie die zugrunde liegenden Fragen, Beweggründe und Ängste aufdeckt, die geistlichen Tod in uns wirken. Denken Sie einen Augenblick darüber nach, wie Sie auf Gottes Schweigen reagieren würden. Sie haben Gott im Gebet gesucht, um eine Antwort wegen einer bestimmten Zwangslage zu bekommen. Keine Antwort. Werden Sie, statt im Frieden weiter zu gehen, allmählich unruhig? Etwas macht Sie besorgt – doch weshalb? Spüren Sie den Sorgen nach, bis Sie auf die Wurzeln


stoßen – gerade Ihr Ringen wird Ihnen die Antwort offenbaren. Das ist einer der Gründe für Gottes Schweigen. Sie haben zum Beispiel beschlossen, dieses Auto zu kaufen oder mit jener Firma eine Fusion einzugehen, und nun geraten Sie finanziell unter Druck. Sie bitten Gott um Frieden, finden aber nur Sorge. Doch gerade Gottes Schweigen identifiziert Ihre Antwort, die in der Sorge selbst zu finden ist. Stellen Sie sich folgende Fragen: Haben Sie zuerst nach einem Ratschlag geforscht, der auf biblischen Grundsätzen beruht? Hat der Herr Ihnen einen inneren Frieden in Bezug auf diese Entscheidung gegeben? Wenn nicht, sind Sie vielleicht anmaßend gewesen. Scheuen Sie sich vor den Folgen eines finanziellen Desasters für Ihr Ansehen? Dann sind Sie zu sehr um Ihr Ansehen besorgt, was die Bibel als „Menschenfurcht“ bezeichnet. Haben Sie einfach Angst vor finanziellem Druck? Dann beruht Ihre Sicherheit auf materiellen Dingen und nicht auf Gott. Nehmen Sie andere Beispiele: Sie werden gebeten, eine wichtige Aufgabe zu übernehmen, oder haben eine entscheidende Prüfung vor sich. Sie beten um die nötige Kraft für diese Herausforderung, machen sich aber nur noch mehr Sorgen. Was sind die eigentlichen Ursachen Ihrer Sorge? Fürchten Sie sich vor Kritik, falls Sie die Prüfung nicht bestehen? Haben Sie Angst, über sich selbst enttäuscht zu sein, wenn Sie die Erwartungen nicht erfüllen? Gehen Sie aus den falschen Beweggründen an diese Aufgabe heran? Wie schon gesagt, ist Gottes Widerstreben, uns rasche Antworten zu geben, oft die wichtigste Antwort, die wir bekommen können, wenn sie in der Tat einige Ursachen in uns aufdeckt, die eine ständige Quelle geistlicher Beeinträchtigung sein würden. Warum sollte Gott Ihnen eine Antworten geben wollen, wenn er Ihr Leben retten möchte? Warum sollte er Sie nur versorgen, wenn er die Wurzeln des Todes in Ihnen aufdecken will? Und warum liegen Sie Gott um Lösungen für Ihr Problem in den Ohren, wenn er versucht, in Ihnen Lösungen wachsen zu lassen, die ein ganzes Leben anhalten werden? Wenn ich um mein Ansehen besorgt bin; wenn ich mir Sorgen mache, dass meine Ziele sich nicht verwirklichen werden; wenn ich Kritik oder Enttäuschungen fürchte – was sagt das über meine alleinige Ausrichtung auf Gott aus? Wird hier nicht in Wirklichkeit mein geteiltes Herz aufgedeckt? Es ist Gottes Liebe, die Ihnen keine Antwort gibt, weil er die Gifte in Ihrem Leben an die Oberfläche kommen lässt. So wie ein Fieber zeigt, dass Ihr Körper gegen eine Infektion kämpft, so macht Ihr Ringen deutlich, dass Sie gegen eine geistliche Krankheit kämpfen. Helmut Thielicke diente während des Zweiten Weltkrieges als Pastor in Deutschland. Wie Dietrich Bonhoeffer war auch Thielicke ein sehr helles Licht in einer außerordentlich düsteren


Zeit. Er wusste etwas vom Schweigen Gottes, wie die meisten von uns es wahrscheinlich nie kennen werden. Als er über Gottes Schweigen sprach, sagte er einmal:

Hinter dieser Stummheit werden die höheren Gedanken gedacht, wird Stein um Stein in Gottes Weltplan und unseren Lebenplan gefügt, auch wenn wir nur ein wirres und sinnloses Durcheinander von Steinen und Schicksalsbrocken sehen, das unter einem schweigenden Himmel zusammengewürfelt wird. Wie viele „sinnlose“ Schicksalsschläge brechen hernieder: da wird gelebt, gelitten, Unrecht gelitten, gestorben, massakriert, anonym vernichtet – und das alles unter einem schweigenden Himmel, der nichts dazu sagt. Das größte Schweigen Gottes ist das Kreuz gewesen ... Aber nun hört das große Geheimnis dieses Schweigens: Gerade diese Stunde, wo der Vorhang im Tempel zerriß und Gottes Herz mit allen seinen Wundern vor uns aufgetan wurde. Indem er schwieg, hat Gott mitgelitten; indem er schwieg, ist er die Bruderschaft des Todes und der Tiefe mit uns eingegangen und hat er um alles gewußt (während wir meinten: er ahnt von nichts oder ist gar tot) und hat er hinter dunklen Kulissen das Werk seiner Liebe getan: Von dieser Golgathanacht des Schweigens leben wir ja alle. Was wären wir ohne das Kreuz? i

Thielicke kam zu der Erkenntnis, dass gerade während des Schweigens Gottes das Werk der Liebe seinen höchsten Ausdruck fand. Ich gehe davon aus, dass in Zeiten, in denen wir mit Gottes Schweigen konfrontiert werden, seine Liebe ihr Werk in uns tut. Wenn wir das begreifen, können wir wirklich in der Kraft dieser Golgatha-Nacht des Schweigens leben. Herr, wieder bete ich darum, dass ich lerne, die Dinge aus Deiner göttlichen Sicht zu betrachten. Zeiten, in denen ich auf Dein Schweigen stoße, sind vielleicht die schwierigsten. Ich weiß, dass Du mich verstehst, aber ich bin froh, dass Du nicht jedes Mal antwortest, wenn ich Dich um etwas bitte. Gib mir die Gnade, Dein Schweigen auf meine Fragen als einen weiteren Ausdruck Deiner unerschöpflichen Liebe anzunehmen. Fragen zum Nachdenken: 1. Warum empfinden wir das Schweigen derer, die wir lieben, als so beunruhigend?


2. Können Sie sich an Zeiten in Ihrem Leben erinnern, in denen Gott schwieg? 3. Wie reagieren Sie, wenn Sie um Antworten beten, aber nicht sofort eine Antwort bekommen? 4. Was können wir aus den Zeiten lernen, in denen Gott schweigt?

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Helmut Thielicke, Die Lebensangst und ihre Überwindung, C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1954


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