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bar kupershtein

Ungebrochen Mein Wille zu Leben

738 Tage als Geisel der Hamas

Aus dem Englischen von Karoline Kuhn


INHALT VORWORT

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KAPITEL 1

BAR

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KAPITEL 2

MUTTER JULIE

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KAPITEL 3

VATER TAL

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KAPITEL 4

MUTTER JULIE

45

KAPITEL 5

BAR

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KAPITEL 6

MUTTER JULIE

66

KAPITEL 7

BAR

70

KAPITEL 8

VATER TAL

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KAPITEL 9

MUTTER JULIE

90

KAPITEL 10

BAR

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KAPITEL 11

MUTTER JULIE

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KAPITEL 12

BAR

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KAPITEL 13

MUTTER JULIE

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KAPITEL 14

BAR

124

KAPITEL 15

MUTTER JULIE

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KAPITEL 16

BAR

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KAPITEL 17

MUTTER JULIE

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KAPITEL 18

BAR

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KAPITEL 19

MUTTER JULIE 6

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KAPITEL 20

BAR

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KAPITEL 21

MUTTER JULIE

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KAPITEL 22

BAR

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KAPITEL 23

VATER TAL

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KAPITEL 24

BAR

178

KAPITEL 25

VATER TAL

196

KAPITEL 26

MUTTER JULIE

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KAPITEL 27

BAR

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KAPITEL 28

MUTTER JULIE

203

KAPITEL 29

BAR

206

KAPITEL 30

MUTTER JULIE

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KAPITEL 31

VATER TAL

213

KAPITEL 32

BAR

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EPILOG

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DANK

221

GLOSSAR

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VORWORT DER DEUTSCHEN AUSGABE Platz der Geiseln, Tel Aviv, April 2025. Ich stehe inmitten vieler Tausender Demonstranten. Überall sind die Gesichter von Menschen zu sehen, die am 7. Oktober 2023 von der Hamas aus Israel verschleppt wurden: Frauen, Männer, Kinder und Babys. Immer wieder rufen wir gemeinsam dieselbe Frage: „Lama hem adajin beAza?“ – „Warum sind sie immer noch in Gaza?“ Der Appell richtet sich an die israelische Regierung. Doch ein Vertreter der Regierung ist weit und breit nicht zu sehen. Stattdessen beschwört Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den Krieg bis zum „absoluten Sieg“, egal um welchen Preis. Angehörige der Geiseln stehen auf der Bühne, Freunde tragen Plakate, Fremde umarmen einander. Unter den Geiseln ist auch Bar Kupershtein. Auf der Bühne steht eine Frau, sie hält die Hand eines Mannes im Rollstuhl. Es sind Bars Mutter Julie und sein Vater Tal. Damals weiß ich noch nicht, wer Bar ist. Ich kenne nur sein Gesicht von einem der unzähligen Plakate. Erst später höre ich seine Geschichte: die Geschichte eines jungen Mannes, der schon früh Verantwortung übernehmen musste. Seitdem sein Vater bei einem Einsatz als freiwilliger Sanitäter schwer verletzt worden ist, ist er rund um die Uhr auf Pflege angewiesen. Bar half schon als Abiturient, die Familie zu versorgen. Er arbeitete neben der Schule und später sogar während seines Militärdienstes. Dann kommt der 7. Oktober 2023. Bar ist für die Sicherheit auf dem Nova-Musikfestival mitverantwortlich. Als die Raketen ein9


schlagen und die Terroristen das Gelände erreichen, könnte er fliehen. Doch er bleibt. Er hilft bei der Evakuierung, versorgt Verwundete und versucht, Menschen in Sicherheit zu bringen. Doch die Lage gerät völlig außer Kontrolle, er wird selbst überwältigt und nach Gaza verschleppt. 738 Tage verbringt Bar in der Gewalt der Hamas. Dieses Buch führt uns in Wohnungen und Verstecke und tief hinein in das Tunnelsystem unter dem Gazastreifen. Bar erzählt von Schlägen und Verhören, von Hunger, Krankheiten und mangelnder Hygiene, von Dunkelheit, Enge und der quälenden Ungewissheit über das eigene Schicksal. Er berichtet von einem Alltag, in dem bereits ein bisschen Nahrung, ein wenig Wasser oder eine Nachricht von draußen überlebenswichtig werden. Die Gewalt besteht nicht allein in körperlicher Misshandlung. Sie liegt ebenso in der systematischen Entmenschlichung, in der Isolation und in dem Versuch, den Gefangenen jede Hoffnung zu nehmen. Doch genau dieser Versuch misslingt. Mit dem hebräischen Titel dieses Buchs, Lo Nishbar („nicht zerbrochen“), unterstreicht Bar, dass er auch unter diesen Bedingungen seine Menschlichkeit und Würde bewahrt hat. Seine Geschichte ist auch für uns in Deutschland relevant. Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza haben die deutsche Gesellschaft tief gespalten. In den vergangenen drei Jahren hat sich eine Form selektiver Empathie verfestigt: Die einen sprechen über das Leid der palästinensischen Bevölkerung, können oder wollen aber die Verbrechen der Hamas und das Schicksal der Geiseln nicht sehen. Die anderen haben nach dem 7. Oktober mit Israel getrauert, wenden jedoch den Blick ab, wenn es um die Zerstörung Gazas und das Leid der dortigen Zivilbevölkerung geht. Als müssten wir uns entscheiden, welche Opfer unser Mitgefühl verdienen. Bars Geschichte darf nicht in dieser Logik gelesen werden. Sie verlangt weder Zustimmung zur Politik der israelischen Regierung noch eine Rechtfertigung des Kriegs in Gaza. Im Gegenteil: Die 10


Sorge um die Geiseln war in Israel von Beginn an eng mit der Kritik an einer Regierung verbunden, die die Menschen in den Kibbuzim und auf dem Nova-Musikfestival nicht geschützt und die Befreiung der Verschleppten immer wieder anderen Kriegszielen untergeordnet hat. Auf dem Platz der Geiseln haben wir die Freilassung der Geiseln und zugleich ein Ende des Kriegs gefordert. Man kann Bars Geschichte lesen, seinen Schmerz und den seiner Familie wahrnehmen und zugleich um die getöteten Zivilisten, darunter unzählige Kinder, in Gaza trauern. Man kann die Verbrechen der Hamas ohne jedes Aber verurteilen und die israelische Kriegsführung scharf kritisieren. Die Anerkennung des einen Leids nimmt dem anderen nichts. Menschlichkeit ist kein begrenztes Gut. Vielleicht ist dies die wichtigste Aufgabe, vor die dieses Buch seine Leserschaft stellt: die eigene Perspektive zu verlassen und sich nicht vorschnell auf der moralisch richtigen Seite zu wähnen. Aus einer Entfernung von fast dreitausend Kilometern sprechen und urteilen wir, ohne selbst befürchten zu müssen, von Terroristen überfallen oder im eigenen Zuhause durch das Militär bombardiert zu werden. Diese privilegierte Sicherheit sollte nicht zu moralischer Selbstüberhöhung führen, sondern zu mehr Bescheidenheit. So schwer vorstellbar ein Neuanfang nach all der Gewalt, dem Terror und der Zerstörung gegenwärtig erscheinen mag: Am Ende bleibt der Wunsch, dass Israelis und Palästinenser eines Tages in Sicherheit, Würde und Freiheit leben können, ohne Angst vor Terror, Krieg, Vertreibung oder Vernichtung. Meron Mendel Publizist, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank

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KAPITEL 1

BAR Mir ist im Hebräisch-Unterricht langweilig. Bald steht die Bagrut (Abitur) an – aber mein Handy ist in meinem Motorradhelm auf dem Tisch versteckt, und ich werfe immer wieder verstohlene Blicke darauf. Ein guter Platz. Da blinkt eine Nachricht von meiner Mutter auf meinem Bildschirm: „Komm schnell, Papa hatte einen Unfall.“ Ich bin für einen Moment verwirrt. Papa und Unfall, das passt einfach nicht zusammen. Es müsste umgekehrt sein – dass mein Vater schreibt: „Komm schnell, Mama hatte einen Unfall.“ Das würde mehr Sinn ergeben. Meine Mutter ist die rasantere Fahrerin. Mein Vater ist eher langsam – selbst auf der Autobahn fährt er echt lahm. Jedes Mal, wenn ich mit ihm im Auto sitze, flehe ich ihn an: „Papa, komm schon, gib Gas.“ Aber nein. Er ist vorsichtig. Ich schaue noch einmal nach. Meine Mutter schreibt: „Komm ins Krankenhaus.“ Ich schnappe mir meinen Helm und stürme aus dem Unterricht. *** Meine Familie wohnt in Mietwohnungen und zieht alle paar Jahre um, je nachdem, was wir uns gerade leisten können. Meine Mutter 12


kümmert sich um uns Kinder und arbeitet außerdem als Sonderpädagogin. Als Ältester von fünf Kindern bin ich ihr Ansprechpartner für alles. Mein Vater leitet eine Sicherheitsfirma und engagiert sich ehrenamtlich als Ersthelfer bei der Rettungsorganisation United Hatzalah. Aber tief in seinem Herzen hatte er immer den Traum, ein Gastronomieunternehmen zu eröffnen und Menschen satt zu machen. Sein Traum ist wahr geworden: Er hat kürzlich einen FalafelStand eröffnet, und ich liebe es, nach der Schule bei ihm vorbeizuschauen und ihm zu helfen. Er plant, mir das Geschäft eines Tages zu übergeben, damit ich meinen Lebensunterhalt auf ehrliche Weise verdienen kann. Bis sich das Leben gegen uns wendet. Während ich an diesem Tag in der Schule hocke, erhält mein Vater einen dringenden Anruf – ein vierjähriges Mädchen ist in kritischem Zustand und braucht dringend Hilfe. Er springt auf sein Rettungsmotorrad, schaltet die Blaulichter ein und rast los. Plötzlich schießt wie aus dem Nichts ein Auto aus einer Seitenstraße und rammt ihn. Mein Vater stürzt mit seinem Motorrad auf die Straße und erleidet schwere Verletzungen: ein Schädeltrauma, zwei gebrochene Beine und eine punktierte Lunge. Aber am schlimmsten ist die schwere Wirbelsäulenverletzung. *** Ich eile ins Krankenhaus und finde meinen Vater – den Mann, der immer so vorsichtig war – an Schläuche angeschlossen und bewusstlos vor. Wir ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er sieben Operationen brauchen wird und dass er wahrscheinlich nie wieder auf seinen eigenen Beinen stehen wird. Es trifft uns völlig unvorbereitet. Krass, wie sich in einer einzigen Sekunde das Leben einer ganzen Familie verändern kann. 13


Nach dem Unfall ist meine Mutter rund um die Uhr an der Seite meines Vaters. Ich weiß, dass sie darauf zählt, dass ich mich um meine Geschwister kümmere. Yonatan, der Jüngste, ist erst zwei. Ich gehe nicht mehr zur Schule, verpasse die Klassenfahrt und ­manage ganz allein den Falafel-Stand meines Vaters. Mein Vater kann sich nicht bewegen, aber zwischen den Behandlungen redet er mit uns. Wir klammern uns an jede Hoffnung. Dann erleidet er während einer der Operationen einen Schlaganfall – und danach kann er nicht mehr sprechen. Sein Zustand verschlechtert sich, bis er kaum noch den Kopf von einer Seite zur anderen drehen kann. Papa so zu sehen, macht mich völlig fertig. Mein Vater, der sein Leben lang für andere da war, der immer alles gegeben hat, immer eine Stütze für uns und so viele andere war, braucht mich jetzt. Er braucht uns alle. Ich fange an zu überlegen, wie ich irgendwie Geld ranschaffen kann. Meine Mutter ist Tag und Nacht bei meinem Vater im Krankenhaus, und wir müssen die Wohnung umbauen, damit sie barrierefrei wird. Es ist nicht leicht, plötzlich derjenige zu sein, der um Hilfe bitten muss – ich bin das nicht gewohnt –, aber ich beiße die Zähne zusammen und erzähle unsere Story jedem, der bereit ist, zuzuhören. Fernsehteams filmen mich. Zeitungen berichten über unsere Geschichte. Sie findet großen Anklang, und die Berichterstattung bringt uns Kunden. Freiwillige von United Hatzalah und Leute aus der Gemeinde kommen, um am Stand zu helfen. Obendrein startet eine Kampagne, die die Leute dazu ermutigt, unsere Falafel für Soldaten und Rettungskräfte zu kaufen. Das Geschäft läuft auf Hochtouren und ich – ein Oberstufenschüler aus dem Tel Aviver Vorort Bat Yam – werde so etwas wie eine lokale Berühmtheit. Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages wegen eines ganz anderen, viel längeren Albtraums viel bekannter werden würde. 14


Ich will nur, dass Papa nach Hause kommt. Dass er aus dem Bett aufsteht. Dass er geht. Dass er redet. Ich will einfach nur unseren Papa zurück. *** Lange Zeit ist meine Mutter seine einzige Pflegekraft – es ist schwer, jemanden zu finden, der bereit ist, mit einem Patienten in seinem Zustand zu arbeiten. Ich wechsle zwischen Arbeit, Schule und Freunden. Unsere Realität ist kompliziert. Zwei Jahre später kommt Anil zu uns, ein sanfter, hingebungsvoller indischer Pfleger, der schnell Teil der Familie wird. Die Wohnung ist nicht groß genug für uns alle und die ganzen Geräte, die mein Vater braucht, deshalb ziehe ich zu meinen Großeltern. Mitten in alledem wird Israel von der Corona-Krise getroffen. COVID-19 breitet sich rasant aus. Niemand ist mehr unterwegs. Es gibt keine Kunden. Die Straßen sind leer, keine Menschenseele ist zu sehen. Ich setze alles daran, den Stand offen zu halten, aber ich schaffe es nicht und muss ihn schließen. Trotz allem lasse ich meine Abiturprüfungen nicht schleifen. Ich gehe wieder zur Schule und mache meinen Abschluss. Im Jahr darauf besuche ich bei der Organisation Acharai! einen militärischen Vorbereitungskurs. Ich möchte mich für den Kampfeinsatz ausbilden lassen. Der Einberufungstag kommt. Ich bin bereit. Ich will unbedingt dienen, aber meine Familie ist auf mein Einkommen angewiesen, also verschiebe ich den Einberufungstermin. Gut, dass ich mein kleines Abschlepp- und Bergungsunternehmen habe. Eines Tages hat mich ein Freund gebeten, ihm mein Motorrad zu leihen, und gesagt: „Ich mache nur eine kurze Runde in der Nähe.“ Am Ende ist er ganz oben an der Küste in Netanya mit einem plat15


ten Reifen gestrandet. Er rief mich an und ich antwortete genervt: „Ist mir egal wie: Bring das Motorrad zurück.“ Aber er hatte kein Geld und keine Möglichkeit, das zu tun. Da ich mir aus einer Laune heraus einen Anhänger zugelegt hatte, fuhr ich hin und lud das Motorrad auf. Die ganze Sache hat mir klargemacht, dass es einen echten Bedarf an Pannenhilfe gibt. Und so habe ich „Bar on the Tow“ gegründet – ein Unternehmen, das Menschen an abgelegenen Orten und zu ungewöhnlichen Zeiten aus der Patsche hilft. Ich liebe den Adrenalinkick, die Action und das gute Gefühl, helfen zu können. Nebenher finde ich immer noch Zeit, mich ehrenamtlich bei der freiwilligen Pannenhilfe-Organisation Yedidim und bei United Hatzalah zu engagieren. Wenn Papa nicht da draußen sein kann, bin ich es an seiner Stelle. Niemand ahnt, dass ich schon bald selbst endlose Tage damit verbringen werde, darauf zu warten, dass jemand mich rettet. *** Eines Tages, als ich von einem Abschleppauftrag im Norden zurückkomme, sehe ich einen verletzten Motorradfahrer, der nach einem Unfall an der stark befahrenen Ayalon-Autobahn in Tel Aviv liegt. Ich halte an, um ihm zu helfen. Aber alles, was ihn interessiert, ist, was mit seinem Motorrad passieren wird. „Wo wohnst du?“, frage ich. „Hier in Holon.“ „Wie lautet deine Adresse? Keine Sorge – ich bringe dein Motorrad nach Hause. Lass dich erst mal versorgen.“ So ist mein Leben – voller Begegnungen. Schon als Kind habe ich es geliebt, mitzufahren, wenn mein Vater zu einem Einsatz gerufen wurde. Das liegt uns wohl im Blut. Als meine Mutter jung war, arbeitete sie ehrenamtlich als Rettungs16


sanitäterin bei Magen David Adom, und mein Vater war ihr Ausbilder. So haben sie sich verliebt – ihre Dates waren Einsätze mit dem Krankenwagen. Das muss auf mich übergesprungen sein. Als ich schließlich zur Nahal-Brigade eingezogen werde, lasse ich mich zum Sanitäter ausbilden. *** Ein Jahr nach Beginn meines Militärdienstes bin ich immer noch der Einzige mit einem Einkommen. Ich verdiene mir nebenbei etwas dazu – als Sicherheitskraft oder Eventmanager auf Partys an Wochenenden und Feiertagen. So lande ich schließlich beim Nova-Musikfestival. Vor dem Festival findet noch die Unity-Party statt, zwei riesige Veranstaltungen auf demselben Gelände. Die Stimmung ist ausgelassen, es gibt tolle Musik, und die positive Energie ist spürbar. Ich genieße die Verantwortung als stellvertretender Sicherheitschef, der mehr als achtzig Sicherheitskräfte beaufsichtigt. Ich liebe Musik, aber ich rühre weder Alkohol noch Drogen an, auf keinen Fall! Ich habe noch nie etwas davon probiert, ich muss konzentriert und wachsam bleiben. Die Party ist an einem Feiertag, Simchat Tora, das dieses Jahr auf Schabbat fällt. Ich bin hin- und hergerissen. Es fühlt sich falsch an, am Schabbat zu arbeiten. Meine Mutter, die vor ein paar Jahren begonnen hat, ihren Glauben stärker zu praktizieren, sagt immer: „Arbeite nicht am Schabbat, bitte nicht – es liegt kein Segen darauf.“ Aber in der Woche nach dem Festival muss meine Familie wieder umziehen, und das kostet Geld. Ich habe also keine Wahl. Auch mein Chef bei der Sicherheitsfirma setzt mich unter Druck: „Du musst kommen. Ich brauche dich auf der Party.“ Also antworte ich: „Yalla, ich bin dabei.“ 17


Ich bekomme Sonderurlaub von der Armee, um als stellvertretender Sicherheitsbeauftragter bei der Veranstaltung zu arbeiten und die Umzugskosten zu decken. Vorher rufe ich meine Mutter an und sage: „Mama, ich glaube nicht, dass ich es zum Feiertag nach Hause schaffe, aber ich versuche es – vielleicht kriege ich es doch irgendwie hin. Wenn nicht, werde ich mein Bestes tun, um am Schabbat wenigstens nicht Auto zu fahren.“ Sie überrascht mich mit der Aussage: „Mach dir keine Sorgen, ich bin nicht sauer.“ Dieser Satz bleibt mir im Gedächtnis. Warum hat sie das gesagt? Wenn sie etwas anderes gesagt hätte, wäre ich vielleicht nicht zur Arbeit gegangen. Aber eigentlich weiß ich, dass es keine Rolle gespielt hätte. *** Ein paar Tage vor dem Festival habe ich das Gefühl, dass bald etwas Schreckliches passieren wird. Ich setze mich hin, um meiner Mutter einen Brief zu schreiben. Ich schreibe, dass ich ihr nicht erlaube aufzugeben, falls mir etwas zustoßen sollte. Sie hat noch vier andere Kinder, und sie muss weitermachen. Ich füge hinzu, dass ich mit allem, was auch immer passieren mag, im Reinen bin, und dass ich es erfahren werde, wenn sie meine Worte nicht beherzigt – denn am Ende werde ich zurückkommen. Ich habe vor, den Brief in meinem Zimmer zu verstecken. Aber irgendwie fühlt es sich nicht richtig an, und schließlich beschließe ich, den Brief doch nicht dort zu lassen. Warum sollte ich sie stressen? Ich will nicht zusätzlich Ärger heraufbeschwören. *** 18


In der Woche vor Simchat Tora feiert meine Mutter ihren Geburtstag. Ich schenke ihr eine Uhr und ein Familienfoto. Ich weiß nicht warum, aber ich habe in den Tagen vor dem 7. Oktober immer noch dieses komische ungute Gefühl. Ich möchte ihr etwas Stabiles geben, an dem sie sich festhalten kann. *** Am Montag begutachte ich mit dem Sicherheitspersonal und der Polizei das Festivalgelände. Wir gehen über den Platz, und ich lerne Osher und Michael Vaknin kennen. Die witzigen, energiegeladenen Zwillingsbrüder sind die Co-Produzenten der Veranstaltung und strahlen übers ganze Gesicht. Sie sind total begeistert von der Aussicht, dass so viele Leute kommen werden. Im Laufe des Gesprächs sagt Michael etwas, das ich nie vergessen werde: „Diese Party wird die beste Party aller Zeiten. Sie wird in die Geschichtsbücher eingehen.“ Er hat keine Ahnung, wie recht er damit behalten soll. *** Drei Tage lang arbeiten wir rund um die Uhr, und ich schlafe kaum. Nur einmal fahre ich in den nahegelegenen Moschaw. In dieser landwirtschaftlichen Siedlung hat das Produktionsteam ein Haus gemietet, wo wir duschen und ein paar Stunden schlafen können. Das Adrenalin und die Verantwortung halten mich auf den Beinen. Das Festival ist vielleicht die fröhlichste Party, bei der ich je gearbeitet habe. Die Unity-Party – die erste Veranstaltung – geht nach einem Tag zu Ende, dann müssen wir den Platz räumen und alle Partygäste nach Hause schicken, bevor das Nova beginnen kann. Aber es gibt einige Leute, die einfach nicht gehen wollen. Ich verstehe das, aber 19


ich bin unerbittlich und fordere sie auf zu gehen. Aus der Ferne sehe ich, wie einer der unwilligen Gäste einen meiner Leute schubst. Ich gehe hinüber, packe ihn und verpasse ihm eine – wahrscheinlich zu fest. Das ist eigentlich nicht meine Art, aber seine Aggressivität hat mich getriggert, und ich habe überreagiert. Da ich den Eindruck habe, dass ich ihn tatsächlich verletzt habe, schicke ich ihn zu den Sanitätern, damit sie ihn sich mal anschauen. Später kommt seine Freundin zu mir, um mich zur Rede zu stellen: „Hast du meinen Freund verprügelt?“ Ich beruhige sie und entschärfe die Situation, gebe aber nicht zu, dass ich es war. Jahre später, nachdem ich aus der Gefangenschaft zurück bin, sitze ich mit einem guten Freund auf der Veranda, der damals ebenfalls als Sicherheitsmann auf der Party war und das Massaker überlebt hat. Aus heiterem Himmel fragt mich Din: „Hey, weißt du noch, dass damals ein Typ von einem Sicherheitsmann verprügelt worden ist und sogar ins Krankenhaus musste? Hast du eine ­Ahnung, wer das war?“ „Warum?“, stelle ich mich dumm. „Weil ich eines Tages im Süden in einem Taxi saß. Ich bat die Fahrerin, mich zum Nova-Gelände zu fahren. Sie fragte, ob ich etwas mit dem Festival zu tun gehabt hätte. Ich erzählte ihr, dass ich am 7. Oktober als Sicherheitskraft dort gearbeitet habe. Sie erzählte, dass ihr Sohn auf der Party Ärger gemacht und einer der Sicherheitsleute ihn zusammengeschlagen hat. Sie hat immer wieder gefragt, ob ich wüsste, wer der Sicherheitsmann war. Aber ich wusste es echt nicht. Dann sagte sie: ‚Dieser Sicherheitsmann hat meinem Sohn das Leben gerettet, und ich möchte ihm danken.‘“ Ich erzähle Din die Wahrheit. *** 20


Während ich den letzten Partygast vom Unity hinausbegleite, funkt mich ein Sicherheitsmann an und erzählt, dass am Eingang ein Typ steht, der unbedingt aufs Festivalgelände will. Ich kann mir nicht vorstellen, warum jemand an einem Freitagnachmittag hier aufkreuzt, aber ich gehe hinüber. Am Eingang treffe ich auf einen Typen mit blondgefärbten Haaren, der sagt, er gehöre zum „Mushroom Project“ – einer Goa-Trance-Szene-Gruppe – und dass er aus irgendwelchen Gründen keinen Backstage-Pass bekommen hat. Ich frage: „Wie heißt du?“ „Elkana Bohbot.“ Normalerweise lasse ich niemanden ohne Genehmigung aufs Gelände, aber ich glaube ihm und lasse ihn rein – und erlaube ihm sogar, im Produktionsbereich zu parken, um es ihm einfacher zu machen. Nach einer kurzen Pause im Haus komme ich zurück zum Veranstaltungsort und weise das Sicherheitsteam vor dem Einlass ein. Ich verteile Walkie-Talkies und teile den Leuten ihre Posten zu. Wir sind bereit und warten auf die ersten Beats. Aber die Party fängt nicht an. Ein großer Kran steckt neben der Hauptbühne fest und alles kommt zum Stillstand. Ich eile hinüber, um zu helfen, andere springen ebenfalls ein, aber wir kriegen ihn nicht frei. Inzwischen bildet sich am Einlass zum Gelände eine riesige Menschentraube, und die Menge wird zunehmend ungeduldig. Ich schlage vor, den Stau aufzulösen – es gibt ja sowieso eine zweite Bühne für die Mushroom-Trance-Community –, und genau das machen sie dann auch. Jetzt geht die Party los. Der Kran kommt kurz darauf wieder frei. Ich eskortiere ihn mit meinem RZR, einem Offroad-Fahrzeug, das ich für die SecurityEinsätze nutze, vom Gelände, aber der Wagen bleibt liegen, und 21


ich muss mich auch noch darum kümmern. Nichts davon trübt die super Stimmung. Später fragt mich einer der Sicherheitsleute, ob er gehen kann. Er will nach Hause gehen. „Wie meinst du das, du willst nach Hause? Du bist doch zum Arbeiten hier.“ Er antwortet, dass er sich nicht wohlfühlt und deshalb gehen will. Dass er sich für die Party verpflichtet hat, ist ihm anscheinend egal. Ich bin nicht begeistert, aber ich kann ihn auch nicht zwingen zu bleiben. Also bitte ich ihn, sein Equipment und sein Walkie-­ Talkie zurückzugeben, und notiere die Zeit, zu der er sich ausstempelt. Er fährt nach Hause. Die Party zieht sich bis in die frühen Morgenstunden hin. Alles läuft reibungslos. Ich habe richtig Spaß – das ist die beste Party, auf der ich je gearbeitet habe. Um 5 Uhr halten wir am Kommandoposten gemeinsam mit der Polizei und dem Sicherheitsteam eine Besprechung ab und beurteilen die Lage. Alles ist gut. Wir sind ein kompetentes, verantwortungsbewusstes Team, das genau das getan hat, was es tun sollte. Ich mache noch einen Rundgang. Alles ruhig. Ich setze mich hin und klappe meinen Laptop auf. Und dann geht es los. Mein Handy vibriert. Eine Flut roter Alarmbenachrichtigungen strömt herein. Ich schaue sie mir nicht an. Ich weiß es schon. Krieg. *** Es ist der 7. Oktober 2023, kurz vor Sonnenaufgang. Ich stehe auf und schaue nach oben. Der Himmel ist wunderschön und ruhig. 22


Doch um 6:29 Uhr geht es plötzlich los. Der Himmel füllt sich mit dem weißen Rauch von Raketen, Geschossen und dem Iron Dome. Was geht hier vor? Unten eine Trance-Party und oben Raketen. Unglaublich. Dreitausend Menschen sind hier an einem Ort versammelt. Wenn jetzt eine Rakete einschlagen würde – nicht auszudenken! Das wäre das eine Katastrophe. Ihre Sicherheit ist mein Job. Normalerweise gilt bei einem roten Alarm die Anweisung, sich hinzulegen – aber bei so vielen Menschen ist es besser, alle schnell wegzubringen. Die Leute rennen los. Hunderte von Partygästen und Autos drängen sich auf jedem nur möglichen Weg fort vom Gelände zur Route 232. Ich mache den Verantwortlichen des Festivals ausfindig. Schließen wir das Festival? Als Erstes schalten wir die Musik ab. Ich greife zum Funkgerät und rufe: „Öffnet die Tore.“ Aber der Andrang ist zu groß. „Dann reißt die Zäune ein. Lasst die Leute raus. Es herrscht Krieg. Alle zum Kommandoposten – wir müssen mit der Evakuierung beginnen.“ Als die Wachleute eintreffen, mach ich ihnen unmissverständlich klar: „Alle müssen die Frequenz offenhalten.“ Dutzende Wachleute fallen sich über Funk gegenseitig ins Wort, und ich muss sie in die Realität zurückholen: „Ab sofort rede nur noch ich über Funk – sonst niemand. Nur Notrufe.“ Ich gebe weiter Befehle: „Du – geh und öffne die Tore. Du – ab zu den Parkplätzen.“ Ich habe das Gefühl, dass ich gerade die Mission meines Lebens ausführe. Ich muss diese Situation regeln, denn alle sind vor Schock wie gelähmt. Partygäste stürmen auf mich zu: „Was sollen wir tun?“ Niemand weiß es, daher sage ich ihnen: „Tut, was euer Bauch23


gefühl euch sagt – aber wenn ihr mich fragt: Macht, dass ihr hier wegkommt.“ Viele von ihnen befolgen den Rat und rennen los. Einige zögern: „Lasst uns warten, bis keine Raketen mehr kommen, dann gehen wir.“ Aber ich dränge sie: „Haut ab. Fahrt nach Hause. Verschwindet von hier.“ Irgendetwas läuft hier schrecklich schief. Massen von Menschen rennen in alle Richtungen. Doch gleichzeitig sehe ich Leute auf dem Campinggelände, auf den Matten neben den Kantinen, im Schatten der Zulas (Chill-out-Zelte). Einige liegen regungslos da. Manche stehen stark unter Drogen, andere scheinen vor Panik wie gelähmt. Manche übergeben sich vor lauter Angst, andere haben sich in die Hose gemacht, einige starren stumpf vor sich hin oder fallen in Ohnmacht. Die meisten klammern sich weinend und schreiend in purer Hilflosigkeit aneinander. Ich starte mein Geländefahrzeug und fahre von Zelt zu Zelt, schlängle mich zwischen den Zulas hindurch und scheuche die Leute auf die Beine: „Die Party ist vorbei – schnappt euch eure Sachen, steigt in eure Autos, fahrt nach Hause.“ Ich ziehe Leute, die nicht in die Gänge kommen, auf den RZR und fahre sie zu ihren Autos – hin und her, hin und her. In der Nähe der Ausfahrt entdecke ich einen riesigen Stau, der sich vom Parkplatz bis zur Straße erstreckt – eine Schlange von Autos, die nicht vorankommt, aufgehalten von einer Polizeikontrolle. Die Beamten halten jedes Auto an und versuchen, etwas Ordnung in das Ganze zu bringen. Autos fahren in alle Richtungen davon. Ein Polizist leitet alle auf die Hauptstraße. Sie sagen, auf der anderen Seite seien Terroristen. Ich gehe auf einen der Polizisten zu: „Hey, schau dir an, was hier los ist. Wir müssen diesen Stau auflösen, sonst steht uns eine Kata­ strophe bevor.“ 24


Er stimmt zu, und sie machen die gesperrte Fahrspur frei. Einen Augenblick später hält ein Auto mit zerschossener Windschutzscheibe vor uns an. Der Fahrer schreit: „Die haben auf mich geschossen! Die haben mich angeschossen! Hilfe!“ Das ist der erste Verwundete, dem ich begegne. Er ist aus einem der nahegelegenen Kibbuzim geflohen. Er ist total fertig und erzählt uns, dass die Angreifer in Richtung des Kibbuz vorrücken. Wir gehen davon aus, dass es sich um eine einzelne Terrorzelle handelt, dass die Armee kommen und sie ausschalten wird. Ich schaue den Mann an, und mir wird klar, dass ich gerade Zeuge eines Wunders bin. Er wurde in den Nacken geschossen, aber es ist ein glatter Durchschuss, und er blutet kaum. Ein Auto, durchsiebt von Kugeln. Ein Schuss in den Nacken. Und er lebt. Ich rufe einen Krankenwagen vom Gelände, der schnell kommt – gleichzeitig beruhige ich den Mann: „Ich bin Sanitäter, du wirst wieder gesund.“ Er fängt an zu weinen und erzählt mir, dass er Vater ist. Wir bringen ihn in den Krankenwagen. Wir wissen nicht, dass das erst der Anfang ist. Ein von Kugeln durchsiebtes Fahrzeug kommt aus der Richtung, in die wir die Autos geschickt haben. Darin sitzt eine junge Frau, die am Oberschenkel und in den Bauch getroffen wurde. Sie ist in kritischem Zustand, kaum bei Bewusstsein. Ich schalte in den Sanitäter-Modus. Ich hebe sie aus dem Auto, versuche, sie am Leben zu halten, rede auf sie ein: „Bleib bei mir. Du bist stark. Du schaffst das. Es wird alles gut. Ich hole Hilfe für dich.“ Ich wende mich an die Leute, die bei ihr sind: „Helft mir, sie zum Krankenwagen zu bringen.“ Immer mehr Autos mit Verletzten kommen zurück und versperren die Straße. Der Krankenwagen steckt fest. Die Leute flüchten aus ihren Autos, verstecken sich zwischen ihnen, rennen auf die Felder und schreien: „Da sind sie, da sind sie.“ 25


Ich beginne, zu verstehen: Das ist nicht nur eine Zelle. Massen von Terroristen kommen. Aus allen Richtungen hallt Gewehrfeuer. Jedes Auto, das nach rechts abgebogen ist, ist zurückgekommen. Auch dort sind Terroristen. Der Stau wird zur Todesfalle. Die Straße ist voll, alle Wege tödlich. Der leitende Polizeibeamte sagt, dass er eine andere Route kennt, zögert aber. Ich dränge ihn: „Fahr los!“ Er ist der Kommandant – er will seinen Posten nicht verlassen. Aber ich schlage vor, dass er vorausfährt und die Lage auskundschaftet, während ich alle anweise, ihm zu folgen. Und genau so machen wir es. Als ich aus der Gefangenschaft zurückgekehrt bin, besucht mich der Kommandant der Unit Lahav 433, der nationalen Kriminalpolizei Israels. Er erzählt mir, dass mehr als 2000 Menschen gerettet wurden, weil ich darauf bestanden habe, diese Route freizugeben. Aber im Moment muss ich mich um die Verwundeten kümmern. Ich lade sie in mein Fahrzeug und bringe sie zum Kommandoposten auf dem Parkplatz, einem großen Zelt in einer Ecke. Jeder, der helfen kann, bringt Verletzte dorthin. Die Zahl der Verwundeten steigt immer weiter. Ich fahre hin und her, lade einen, zwei, drei Menschen auf den RZR, bringe sie zum Kommandoposten und rase dann zurück zur Route 232 und mitten hinein ins Chaos, während über uns die Raketen fliegen und Gewehrschüsse aus allen Richtungen hallen. Ich bewege mich geduckt zwischen den Autos hindurch, sammle Verletzte ein, während Kugeln dicht an mir vorbeizischen und von überall her Schreie und panische Stimmen zu hören sind: „Sie schießen auf uns! Sie schießen auf uns!“ Ich lege eilig Druckverbände und provisorische Schienen an, aber es gibt fast kein Material. Also improvisiere ich mit allem, was ich finden kann – Absperrband, das um ein Stück Holz gewickelt ist, ein provisorischer Druckverband nach russischer Art. 26


Auch die anderen Sicherheitsleute und Polizisten laden Verletzte in Geländewagen und bringen sie hierhin und dorthin. Viele Leute machen mit – jeder, der helfen kann, tut es. Ich fahre diejenigen, die Panikattacken haben, zu einem zweiten Krankenwagen. Draußen auf dem offenen Gelände gibt es eine Station, die vom Verein Anashim Tovim („Gute Menschen“) betrieben wird – Freiwillige, die bei Open-Air-Raves jungen Menschen helfen, die zu viele Drogen eingeworfen haben. Davon haben wir hier einige. Wir bringen sie zu dieser Station, wo die Freiwilligen versuchen, sie zu beruhigen. Sie sind wirklich Engel. Das Chaos ist überwältigend, aber alle arbeiten zusammen – das Sicherheitsteam, die Produktionscrew, die Polizei, die Freiwilligen. Wir machen unermüdlich weiter. Ich arbeite mich nacheinander durch die Partygäste, die noch auf den Matten liegen – fahre zwischen den Zelten hin und her und rufe ihnen zu: „Steht auf. Ihr müsst hier weg.“ Ich bringe sie auf die Beine und lasse keinen zurück. Sie sind in großer Gefahr, auch wenn sie es nicht mitkriegen. Ich schüttle sie und rede auf sie ein: „Hier ist es nicht sicher. Los, wir müssen hier weg – es ist gefährlich. Wir müssen nach Osten.“ Wenn sie es nicht verstehen, weil sie kaum noch bei Sinnen sind, versuche ich, so simpel zu sprechen, dass es sie in diesem Zustand erreicht. Ich zeige nach Osten: „Seht ihr die Sonne? Lauft auf sie zu.“ Ich zerre sie hoch und renne mit ihnen los: „Lauft, lauft.“ Die ganze Zeit über höre ich Explosionen, und die Schüsse kommen immer näher. Es ist furchterregend, aber ich lasse es nicht an mich heran. In diesem Moment funktioniere ich einfach nur, renne wie auf Autopilot und bewahre irgendwie die Fassung. Ich habe in meinem Leben viel darüber gelernt, wie man mit Notfällen umgeht – von meinem Vater, durch meine Armeeausbildung, durch meine Arbeit im Sicherheitsgeschäft, und all das fließt in diesen Stunden zusammen. 27


Die Stimmen der Angreifer kommen näher, und die Hilferufe aus allen Richtungen werden lauter. Es gibt noch mehr Verwundete und Tote. Ich steige auf den RZR und rufe über Funk: „Wer hat Waffen hier? Wer hat eine Waffe?“ Es reicht nicht. Wir müssen die Partygäste evakuieren, die Verwundeten versorgen und eigentlich auch noch die Terroristen abwehren. Die Lage ist katastrophal. Ich bitte einen der Wachleute, loszulaufen und Verbandsmaterial aus dem Krankenwagen zu holen, der auf der Straße feststeckt, denn wir müssen die Verwundeten im Kommandoposten versorgen. Ich bin der stellvertretende Sicherheitsbeauftragte, aber ich bin auch Sanitäter, und gerade muss ich mich mit einer Zahl an Verletzten auseinandersetzen, die immer weiter steigt. Der Wachmann rennt hinüber und meldet per Funk zurück, dass der Krankenwagen verschlossen und unbemannt ist. „Mach ihn auf.“ Er kann es nicht. „Probier’s mal mit der Fahrertür.“ Geht nicht. „Dann brich ihn auf. Steig durch das Fenster ein.“ Er zerschlägt die Scheibe. Ich eile zu ihm. Gemeinsam räumen wir den Krankenwagen komplett aus und bringen alles zusammen mit den Verletzten zum Kommandoposten. Wir versorgen die Leute, während die Angreifer uns von allen Seiten einkreisen. Ich versuche, gleichzeitig als Security-Mann und als Sanitäter zu fungieren – und muss in jedem Moment entscheiden, was jetzt gerade das Richtige ist. Ich kann die Verwundeten nicht mit dem RZR vom Nova-Gelände zu einem der nahegelegenen Moschawim bringen – es gibt zu viele Verletzte, die sofortige Versorgung brauchen, und mir könnte auf halber Strecke der Sprit ausgehen. Ich muss so viele wie mög28


lich vor Ort versorgen. Der Kommandoposten ist im Moment die logischste Lösung. Während ich dortbleibe, um die Verletzten zu versorgen, bringen andere Wachen, darunter Elyakim Libman, immer mehr Verwundete herein. Der Gedanke, abzuhauen, kommt mir gar nicht in den Sinn. Das ist keine Option. Abgesehen davon, dass ich die Menschen versorgen muss, bin ich ja auch als Sicherheitsmann in der Verantwortung. Also pendle ich ständig zwischen den Parkplätzen, dem Kommandoposten und den Zelten hin und her. Einmal schnappe ich mir dabei unterwegs meine persönliche Ausrüstung, einschließlich meines Laptops, und schließe alles in meinem Privatwagen ein. Auf den Feldern vor mir rennen Tausende von Menschen Richtung Osten. Es sieht aus wie der Exodus, und ich bete stumm: Lass sie sicher rauskommen. Eine der Verwundeten, denen ich auf mein Offroad-Fahrzeug helfe, ist Shani Gabai. Ihr wurde beim Versuch zu flüchten ins Bein geschossen. Sie hat starke Schmerzen, aber sie ist unglaublich tapfer. Unterwegs telefoniert sie mit ihrem Vater. Er fragt, wo sie ist. Sie versucht, es ihm zu erklären, und fleht ihn an, schnell zu ihr zu kommen. Aber es ist so gefährlich, dass ich ihr das Telefon aus der Hand nehme und ihrem Vater sage: „Hör zu – ich werde alles für sie tun, was ich kann, aber wage es ja nicht, hierherzukommen. Das ist eine Todesfalle. Niemand kommt hier lebend raus.“ Ich versichere ihm, dass wir uns um sie kümmern, und lasse sie im Krankenwagen auf dem Gelände zurück. Sie ist das letzte Opfer, das ich evakuiere. *** Mitten in dem ganzen Chaos klingelt mein Handy. Es ist meine Mutter. Sie hat noch nie am Schabbat oder an einem Feiertag an29


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