Skip to main content

821149

Page 1

Aus dem amerikanischen Englisch von Renate Hübsch


Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

Die amerikanische Originalausgabe ist im Verlag Revell, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan in 11400 Hampshire Avenue South, Bloomington, Minnesota 55438 erschienen. © 2021 by Susie Finkbeiner © 2026 der deutschen Ausgabe Gerth Medien in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Berliner Ring 62, 35576 Wetzlar

Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Namen, Charaktere, Ereignisse und Dialoge entstammen der Vorstellungskraft der Autorin. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen oder Personen, ob lebend oder tot, ist rein zufällig. Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen: Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen. Weiter wurde verwendet: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (LUT)

1. Auflage 2026 Bestell-Nr. 821149 ISBN 978-3-98695-149-8 Lektorat: Jael-Deborah Jaensch Übersetzung: Renate Hübsch Umschlaggestaltung: Hanni Plato Umschlagmotiv: Shutterstock, JeannieR Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany www.gerth.de


Für Elise Marie, Austin Thomas und Tim Spence. Meine drei kleinen Vögelchen.


Die Sprache der Vögel Am fünften Tage streckten sich deine rauen Finger, pflückten Schilf aus einem Edenstrom, stutzten und spitzten ein Ende präzise, tunkten es in das Tintenfass des Meeres. Die Spitze am Papyrushimmel zogst du eine Hieroglyphe, das Vertikal mit einer prachtvollen Serife, rechts und links die schwerelosen Glieder. Den Stylus hinters Ohr gesteckt pustetest du auf das Nasse, getrocknet für die Ewigkeit, und sprachst laut den Klang des Zeichens: »Flieg!«


1 Bruce, Gegenwart

W

ie sehr sich die Welt im Laufe meines Lebens auch verändert hat, Wachsmalstifte riechen immer noch genauso wie in meiner Kindheit. Auf dem Küchentisch liegt eine neu geöffnete Packung und ich rolle den orangefarbenen Stift zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Meine jüngste Enkeltochter sitzt neben mir und füllt ein Blatt Papier mit bunten Herzen und Smileys. Wir malen Karten für ihre Urgroßmutter – meine Mutter, die am Wochenende Geburtstag hat. Evie hat bisher definitiv mehr Wachs aufs Papier gebracht als ich. »Wie alt wird Uromi eigentlich?«, fragt Evie und greift nach einem hellbraunen Stift. »Fünfundachtzig«, sage ich. Sie sieht von ihrem Kunstwerk auf, die Augen groß vor Staunen. »Das ist aber alt.« »Stimmt. Aber das sagen wir ihr nicht, okay?«, frage ich mit einem Zwinkern. Evie zeigt mir einen Daumen hoch und widmet sich dann wieder ihrem Werk. Ach, wie gern ich meine Zeit mit diesem Mädchen verbringe. »Du machst das prima«, sage ich und betrachte ihr Bild. »Danke«, sagt sie. »Glaubst du, es gefällt Uromi?« »Ganz sicher.« Der Wind weht durch das offene Fenster herein und bringt unsere Bilder ein wenig zum Flattern. Draußen wiegen sich die Baumkronen. Die Blätter, die schon zu Boden gefallen sind, wirbeln durch den Hof. 9


Ich liebe den Herbst in Michigan. Ich stecke meinen Malstift zurück an seinen Platz zwischen dem tiefen Orange und dem Goldgelb. »Weißt du was? Ich hab Durst.« »Ich auch«, antwortet sie und lässt die Schultern sinken, als hätte sie sich den ganzen Tag mit dieser Karte abgemüht. »Was hältst du davon, wenn ich uns einen heißen Kakao mache?« Ich sehe sie verschmitzt an. »Wäre das was?« Sie wird sofort wieder munter und ruft: »Ja! Bitte.« Sobald die Temperaturen draußen unter 15 Grad sinken, sorgt Linda dafür, dass wir immer bestens mit allen Zutaten für heißen Kakao ausgestattet sind. Kakaopulver, Sahne, die ganze Palette. Sonny, unsere Älteste, betont immer wieder, dass es das früher bei uns nicht gab, als sie ein kleines Mädchen war. Und ich erinnere sie dann gern daran, dass wir damals noch keine Großeltern waren. Ich habe gerade den Schrank geöffnet, um zwei Tassen herauszunehmen, als ich einen dumpfen Schlag am Fenster höre. Ein rascher Blick und ich sehe einen Spatz, der reglos im Gras liegt, die Flügel ausgebreitet und den Kopf in einem seltsamen Winkel verdreht. »Was war das?«, fragt Evie mit besorgt gerunzelter Stirn. »Bleib genau da, wo du bist«, sage ich anstelle einer Antwort. »Ich sehe nach.« Eilig gehe ich ins Wohnzimmer, öffne die Schiebetür und trete hinaus auf die Terrasse. Der späte Vormittag hat schon einen Hauch von Kühle, als wolle er mich daran erinnern, dass der Winter nicht mehr so weit weg ist, wie ich gern denken möchte. Ich wünschte, ich wäre rasch in meine Schuhe geschlüpft. Nur mit einem Paar Socken an den Füßen bin ich nicht sehr trittsicher, besonders nicht auf laubbedecktem Rasen. Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, ist, hinzufallen und mir etwas zu brechen, denn ich muss mich doch um Evie kümmern. In meinem Alter (ein, ähm, kleines bisschen über sechzig) erholt man sich nicht mehr so leicht von einem Sturz. 10


Sehr bemüht, den Vogel – es ist ein Haussperling – nicht zu erschrecken, knie ich mich auf den Boden und hoffe, ein Lebenszeichen zu entdecken. »Opi?« Evie steht drinnen am Fenster, die Hände an die Wangen gelegt. »Ist er tot?« »Ich glaube nicht, mein Schatz«, sage ich. »Schau doch mal nach, ob Omi ein frisches Handtuch in der Schublade hat. Machst du das für mich?« Sie nickt, aber ich kann in ihren Augen lesen, dass sie mehr als nur ein bisschen erschrocken ist. Ich selbst bin mehr als nur ein bisschen erleichtert, als ich sehe, wie sich die Brust des Vogels ganz leicht hebt und senkt. Er atmet. Das ist immerhin etwas. Bis Evie mit dem Tuch in der Hand wiederkommt, ist es dem Spatz gelungen, auf die Beine zu kommen. »In ein paar Minuten ist er wieder munter«, sage ich, so ruhig und sanft ich kann, um den Vogel nicht zu verstören. Mit dem Handtuch in den Händen hebe ich ihn auf und er schmiegt sich in meine gewölbte Hand. Ich widerstehe der Versuchung, seine Federn zu streicheln. Sie sehen so weich und anschmiegsam aus. Aber ein Vogel wie dieser ist wild, nicht für Liebkosungen von Menschen geschaffen. Stattdessen beobachte ich ihn einfach und hoffe, dass er sich von dem Schrecken erholt, den er heute erlebt hat. »Es waltet eine besondere Vorsehung über den Fall eines Sperlings«, flüstere ich nach einer Weile in die Stille hinein. »Was heißt das?«, fragt Evie. »Das ist aus einem berühmten Theaterstück. Es heißt Hamlet«, sage ich und bemerke, wie der Spatz beim Klang meiner Stimme blinzelt. »Es bedeutet einfach, dass Gott alles sieht und sich kümmert, selbst wenn es nur ein ganz kleines Geschöpf ist, das gegen ein Fenster prallt.« Evie lässt den Vogel nicht aus den Augen und zeigt keinerlei Anzeichen, dass sie es verstanden hat. Das ist schon in Ordnung. Manchmal fällt es mir selbst schwer, das zu begreifen. Der Spatz zittert ein wenig und ich gebe ein leises Schschsch… 11


von mir, wie früher, wenn ich eins meiner Mädchen tröstete, wenn es vom Fahrrad gefallen war oder sich den Finger eingeklemmt hatte. »Gut so«, sage ich, als der Vogel probiert, seine Flügel zu heben. Er hält sie ausgebreitet und macht einen winzigen, zaghaften Sprung. Dann einen zweiten mit etwas mehr Zuversicht. »Können wir ihn behalten?«, fragt Evie und legt mir eine Hand auf die Schulter. »Leider nicht, Süße.« Ich schüttele den Kopf. »Er will bestimmt kein Haustier sein. Er muss frei leben.« Ich strecke meine Finger aus in der Hoffnung, dem Spatz eine bessere Absprungfläche zu bieten. Er wiegt nur ein paar Gramm; ich spüre sein Gewicht kaum. Aber als er sich zum Fliegen abstößt und sich mit einem kleinen Trillern verabschiedet, vermisse ich das Gefühl davon, wie er in meinen Händen lag. Wir sehen ihm nach, Evie und ich, bis wir ihn hinter dem alten Ahorn aus unserem Sichtfeld verlieren. Mein Herzensmädchen legt ihren Kopf an meine Schulter und ihr Schniefen verrät mir, dass sie weint. Mir ist auch zum Weinen zumute, nur aus einem anderen Grund. »Ich wollte ihn behalten«, sagt sie. »Wollte ich auch, gewissermaßen«, sage ich. »Aber es wäre nicht gut für ihn gewesen.« »Sehen wir ihn irgendwann noch mal wieder?« »Ganz bestimmt, mein Spatz. Da wette ich drauf.« Ich lege meinen Arm um sie und gebe ihr einen Kuss auf den Kopf. Ich schaue zurück zu der Stelle, an der ich den Vogel zuletzt gesehen habe, und sage ihr nicht, dass es Hunderte von Haussperlingen gibt, wenn nicht mehr. Unzählige. Trotzdem. Sie fliegen zu sehen ist etwas Besonderes.

12


Nachdem ich Evie abgesetzt und ein paar Besorgungen gemacht habe, fahre ich nach Hause. Lindas Auto steht auch in der Garage. Als ich ins Haus trete, höre ich sie in der Küche zum Radio mitsingen. Sie hat eine tiefe, samtige Altstimme, der ich den ganzen Tag lang zuhören könnte. Es ist ein altes Carpenters-Lied und der Klang ihrer Stimme ist genauso sanft wie die von der Sängerin. Sie beendet ihren Gesang, als sie mich sieht. Ich wünschte, sie würde einfach weitersingen, aber wenn ich ihr so etwas sage, wird sie immer ganz verlegen. Vor Jahren, bevor sie mich kennenlernte, träumte sie davon, neben Leuten wie Dusty Springfield und Janis Joplin auf der Bühne zu stehen. Dass sie sich dafür entschieden hat, mit mir eine Familie zu gründen, anstatt sich in die Musikszene von San Francisco zu stürzen, werde ich ihr nie vergessen. Ich gebe zu, dass ich absolut voreingenommen bin, aber sie hätte es dort wirklich zu etwas bringen können. »Hallo«, sagt sie, während sie ein Bällchen Rinderhack zwischen ihren Handflächen rollt. »Hattest du einen schönen Tag mit Evie?« »Ja, hatte ich«, antworte ich. »Wir haben einen betäubten Vogel gerettet.« »Wie kam das denn?« Sie lässt das Bällchen in die Pfanne fallen. »Sie wollte ihn doch bestimmt behalten.« »Ja. Aber sie hat es verstanden, als ich sagte, dass das nicht geht.« »Sie ist ein süßes Mädchen«, sagt sie. »Du hast doch nichts gegen Fleischbällchen zum Abendessen, oder?« »Ganz und gar nicht«, sage ich. »Gut. Du sollst ja nicht hungrig bleiben.« Sie zwinkert mir zu, bevor sie eine weitere Portion Hackfleisch in die Hand nimmt und es zu einem Fleischbällchen rollt. »Isst Mindy mit uns?« »Soweit ich weiß, ja.« Unsere mittlere Tochter ist seit ein paar Wochen wieder zu Hause – natürlich nur vorübergehend –, und wir sind immer noch dabei, uns zusammenzureimen, was eigentlich los ist. 13


Wir tun unser Bestes, um viel Gnade für sie walten zu lassen. Es muss hart sein, mit zweiundvierzig noch einmal ganz von vorn anzufangen. Was die Gnade angeht, bin ich gerne bereit, sie Mindy zu gewähren. Ihrem Mann dagegen – bald ihr Ex –, tja, das ist eine ganz andere Sache. Ich räuspere mich und versuche, mich selbst zu überreden, ihm trotzdem zu vergeben. Mannomann, ist das schwer. Für Mindy ist es bestimmt noch schwerer. Ich bin Vater von drei Kindern. Alles Töchter. Bis jetzt sind alle meine Enkelkinder Mädchen. Ich bin zu einem Mann geworden, der sich mit allem auskennt, was rosa, gerüscht und niedlich ist. Schon mehr als einmal bin ich von einem Nickerchen auf der Couch aufgewacht und habe meine Fußnägel rot lackiert vorgefunden. Im Laufe der Jahre habe ich mich an die Poster von Teenager-Herzensbrechern gewöhnt, die an den Zimmerwänden hängen, und daran, wie Mädchen ihre Gefühle zeigen. Ich habe gelernt, einen guten Liebesfilm zu schätzen und dass es in Ordnung ist, am Ende zu weinen, wenn das Paar glücklich und zufrieden zusammenlebt bis ans Ende seiner Tage. Ab und zu fragt mich jemand, ob ich enttäuscht bin, dass ich nie einen Jungen bekommen habe. Nee, sage ich dann. Ich bin ziemlich zufrieden. Ich mag mein Leben so, wie es ist. Ich habe mich daran gewöhnt. Woran ich mich allerdings nicht gewöhnt habe, ist der lodernde Zorn, den ich empfinde, wenn irgendjemand einem meiner Mädchen wehtut. Und besonders gilt das für Mindy. Bei ihr ist mein Beschützerinstinkt besonders wach. Wo ist bloß das kleine Mädchen, das wir vor achtunddreißig Jahren kennengelernt haben? Federleicht war sie. Leichter als jedes andere vierjährige Kind, das ich je gekannt hatte. Aber so winzig sie damals auch war, die Last, die sie trug, war schwerer als alles, was ich je getragen habe. 14


Es scheint nicht recht, dass sie das jetzt auch noch alles durchmachen muss. Hätte ich gewusst, dass es so enden würde, hätte ich sie vielleicht von der Heirat mit Eric abzuhalten versucht. Vielleicht hätte ich mehr tun können, um sie zu beschützen.

Mindy hat es nicht nach Hause geschafft, um mit uns zu essen, aber wenigstens hat sie uns eine SMS geschickt und uns das wissen lassen. Die Arbeit hält sie in diesen Tagen auf Trab und ich denke, das ist ganz gut so. Sie wurde gerade zur Chefredakteurin der örtlichen Zeitung von Berren befördert und unsere Fußballmannschaft – Drittligist – hat zum ersten Mal seit den späten Achtzigerjahren eine Gewinnsaison. Sie hat also genug zu tun, um sich abzulenken. Weder Linda noch ich hören, wie ihr Toyota Prius gegen neun Uhr in die Einfahrt fährt – diese Autos sind geradezu gespenstisch leise –, und als sie ins Wohnzimmer kommt, schrecke ich hoch. Wahrscheinlich war ich gerade dabei gewesen, in meinem Fernsehsessel einzunicken. »Tut mir leid«, sagt sie und lacht. »Ich habe mich wohl angeschlichen.« »Kein Problem«, sage ich. »Hallo, Liebes«, sagt Linda. »Soll ich dir was zu essen warm machen?« »Ich habe schon gegessen«, sagt Mindy. »Trotzdem danke.« Sie lässt sich aufs Sofa fallen, ihre Tasche noch immer über der Schulter. Ich drücke die Stummtaste und blende damit das Programm aus, das Linda und ich gerade gucken. »Alles in Ordnung?«, fragt Linda. »Ja.« Mindy nickt. »Bisschen verrückt, aber gut.« Sie schiebt ihre Brille mit dem Finger hoch. »Du machst deine Sache bei der Zeitung wirklich super«, sage ich. »Wir sind stolz auf dich.« »Danke, Papa.« Sie zieht die Beine aufs Sofa. 15


Wir alle sitzen ein paar Minuten lang da, beobachten das Geschehen auf dem stummen Fernseher und ich überlege, ob ich die Lautstärke wieder aufdrehen soll. Aber gerade, als ich auf den Knopf drücken will, räuspert sich Mindy. »Ich habe heute einen interessanten Artikel gelesen«, sagt sie. »Einen für die Arbeit?«, fragt Linda. »Nein. Einen, den ich online gefunden habe«, antwortet Mindy. »Ich habe im Internet recherchiert und bin darauf gestoßen. Es geht um einen Mann, der durch das Babylift-Programm aus Vietnam adoptiert wurde. So wie ich.« »Oh«, sagt Linda. »Er hat eine Website für Leute gefunden, die dort drüben nach ihrer Familie suchen wollen.« Sie zuckt leicht zusammen. »Nicht, dass ich jemanden in Vietnam suchen würde oder so. Wisst ihr ja.« »Hm hm.« Linda zieht den Kragen ihres Bademantels enger um den Hals. »Jedenfalls hat er – der Typ aus dem Artikel – irgendwie Kontakt zu seiner leiblichen Mutter bekommen und ist nach Ho-Chi-Minh-Stadt gefahren, um sie zu treffen.« Mindy lächelt verlegen. »Verrückt, oder?« »Ja«, sage ich. »Nach all den Jahren.« »Genau«, erwidert Mindy und kratzt sich am Kopf. »Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas möglich ist. Aber ich habe diese Website ausprobiert. Sie war am Ende des Artikels verlinkt.« Ich schiebe die Fußstütze zurück und lehne mich im Sessel vor. »Hast du etwas gefunden?«, fragt Linda. »Äh, nein. Nicht wirklich.« Mindy räuspert sich erneut. »Ich habe ja nicht wirklich gesucht. Nur herumgestöbert. Ich … also …« »Es ist okay, wenn du suchst«, sagt Linda. »Wir verstehen das.« »Das stimmt«, füge ich hinzu. »Ich weiß.« Mindy beißt sich auf die Unterlippe. »Aber es macht mir schon Angst, wenn ich nur darüber nachdenke.« Von dort, wo ich sitze, kann ich ihre Hand erreichen. Also 16


nehme ich sie in meine. Ihre Finger fühlen sich im Gegensatz zu meiner warmen Haut kalt an. »Was macht dir daran Angst?«, frage ich. »Befürchtest du, dass du nichts herausfindest?« »Nein.« Sie lächelt, als hielte sie ihre wahren Gefühle zurück. »Ich habe Angst davor, etwas oder jemanden zu finden. Ist das bescheuert?« »Nein, gar nicht.« »Ich war nur neugierig. Mehr nicht.« Sie schaut besorgt. »Ich will nicht, dass ihr denkt, ihr wärt nicht genug für mich.« Linda setzt sich neben Mindy und legt ihr den Arm um die Schultern. »Das würden wir nie denken.« »Du weißt, dass wir dich bei allem unterstützen, was du tust«, sage ich. »Wenn du suchen willst, dann mach das.« »Es ist sowieso schon so viel los mit der Arbeit und Eric …« Ihre Hand zittert in meiner. »Es wird alles gut. Sogar noch besser. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann bestimmt«, sage ich. »Ich würde wahrscheinlich eh nichts herausfinden«, flüstert sie. »Aber was, wenn doch?«, fragt Linda. »Ich weiß nicht, was ich dann machen würde.« Mindy dreht sich zu Linda um. »Ich glaube, ich müsste dann dort hinfliegen. Vielleicht.« »Allein?«, frage ich. Sie ist erwachsen. Das weiß ich in meinem Kopf. Sie ist erwachsen und muss die Freiheit haben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und ab und zu ein Risiko einzugehen. Ich benehme mich albern, das ist mir bewusst. Aber wenn ein Mann Vater wird, gräbt sich die Sorge tief in sein Herz und lässt sich nicht so leicht wieder vertreiben. »Natürlich nicht.« Sie schüttelt den Kopf und zieht die Nase kraus. »Glaubt ihr etwa, Sonny würde mich ohne sie reisen lassen?« Da hat sie wirklich nicht unrecht. Dann zieht sie ihre Hand aus meiner und schiebt ihre Brille 17


wieder hoch. »Morgen wird es noch mal spät«, sagt sie. »Da ist ein Heimspiel gegen die Zweitplatzierten und ich soll berichten.« »Immer beschäftigt«, sagt Linda und steht vom Sofa auf. »Ich glaube, ich möchte jetzt Popcorn. Sonst noch jemand?« Ohne unsere Antwort abzuwarten, geht sie in die Küche, und im nächsten Moment höre ich die Mikrowelle laufen. »Papa«, sagt Mindy. »Ja?« »Vielleicht sagst du Gromi einfach nichts von dieser BabyliftGeschichte. Okay?« Sie zuckt mit den Schultern. »Sie würde es nicht verstehen.« »Nein, da hast du recht«, sage ich und muss schmunzeln. Es gibt viele Worte, mit denen man meine Mutter beschreiben könnte. »Verständnisvoll« gehört sicher nicht dazu.

18


2 Linda, 1975

G

erne hätte ich das Fenster heruntergekurbelt und mich von der sonnengeküssten Brise umwehen lassen, während ich auf der Autobahn dahinraste. Aber wie so oft in Nord-Michigan war es Anfang April noch recht kühl – kaum über dem Gefrierpunkt – und ich war ja nicht komplett übergeschnappt. Um den Mangel an vorbeirauschender Luft auszugleichen, drehte ich das Radio auf und sang mit Elton John mit, während meine Finger bei jedem Bum-bum-ba-da-bum des Klaviers auf das Lenkrad tippten. Mein kirschroter Dodge Dart war zwar schon fünfzehn Jahre alt und wies etliche Rostflecken auf, hatte aber immer noch viel Pepp unter der Haube. Weil Sonny mit dabei war, hielt ich mich aber an das Tempolimit. Ein Kind im Auto zu haben, war eine gute Erinnerung daran, vernünftig zu fahren. Vor allem, wenn das Kind fünf Jahre alt war, aber altklug wie fünfunddreißig und absolut keinerlei Skrupel hatte, seine eigene Mutter zu verpetzen. Und bei wem plauderte diese neunmalkluge Fünfjährige am liebsten? Bei niemand anderem als bei meiner resoluten, gnadenlosen Schwiegermutter Hilda. Der Blick dieser Frau konnte mich schneller verwelken lassen als irgendetwas sonst auf der Welt. Bis ich schließlich in die Straße meiner Schwiegereltern einbog, fühlten sich meine Hände vom ständigen Klopfen auf das Lenkrad ganz kribbelig an. Ich drehte das Radio leiser und nahm den Fuß vom Gas, damit der Auspuff nicht so laut röhrte. Ich wollte es unbedingt vermeiden, die Liste meiner Vergehen 19


Hilda gegenüber um weitere zu ergänzen. Das erste bestand daraus, dass ich ihr ihren Sohn gestohlen hatte – tatsächlich hatte er mich allerdings durchaus freiwillig geheiratet –, dicht gefolgt von meiner Entscheidung, in der Kirche gelegentlich eine Hose zu tragen. Andere Vergehen waren, dass ich die Kartoffeln vor dem Pürieren nicht ordentlich genug schälte und sie nicht mit seidiger Soße servierte. Ups. Mein einziger glänzender Moment war gewesen, als ich ihr ein Enkelkind schenkte. Aber jeder Augenblick, der auf Sonnys schreienden Eintritt in die Welt folgte, hatte das Potenzial, auf die Liste gesetzt zu werden. Dazu gehörte auch meine Unfähigkeit, schnell ein zweites Baby zu produzieren, das Hilda begroßmuttern konnte. Nicht, dass wir es nicht versucht hätten. Es war ein Wunder, dass noch keine offizielle Untersuchung meiner Verbrechen gegen die Menschheit durchgeführt worden war. Ich parkte neben Hildas Ford – der natürlich in einem vernünftigen Eierschalenton und ohne jeden Schmutzfleck oder Spuren von Vogeldreck dastand – und stellte den Motor ab. Das Haus von Hilda und Ivan sah aus, als gehöre es in eine Ausgabe von Schöner Wohnen. Nicht aufgrund eines besonders spektakulären oder ausgefallenen Baustils, sondern weil es so gepflegt war. Die Hecken waren immer auf genau die richtige Höhe gestutzt, der Garten war unkrautfrei, die Garage sauberer als meine Küche. Alles hatte seinen Platz, an dem man es nur dann nicht finden konnte, wenn es in Gebrauch war. In diesem Haus gab es nicht einmal das kleinste Zeichen von Unordnung. Bruce behauptete, das sei schon immer so gewesen, auch als er und seine Geschwister noch Kinder waren. Es war beängstigend, wenn man bedachte, wie schnell dagegen unser Heim immer wieder durcheinandergeriet. Ständig 20


waren wir eingezwängt von Bücherstapeln auf dem Couchtisch oder einem Haufen Schuhe neben der Tür, ganz zu schweigen von Sonnys Barbiepuppen. Andererseits war unser Haus so klein, dass es schon dann unordentlich aussah, wenn nur zwei Dinge nicht an ihrem Platz waren. Es war knapp sechzig Quadratmeter groß, gefüllt mit Zeug für zweihundert. Aber es gehörte uns. Ich musste mich oft daran erinnern, dass wir nicht ewig dort wohnen würden. In der Zwischenzeit musste ich einfach das Beste daraus machen und versuchen, die Unordnung zu verstecken, wenn ich den eierschalenfarbenen Ford in unsere Einfahrt fahren sah. Kaum hatte ich den Schlüssel abgezogen, als Sonny aus dem Auto schoss und ins Haus stürmte, ohne auch nur einmal zu klopfen oder zu klingeln. »Sonny«, rief ich ihr nach, ganz sicher ein vergeblicher Versuch. Sie war fünf und goldig, aber das bedeutete nicht, dass sie mit Hausfriedensbruch davonkommen würde. Ich klopfte an die Tür, die Sonny nicht hinter sich geschlossen hatte, ein weiterer Beweis für ihre schlechten Manieren. »Hallo?«, rief ich, trat ein und verspürte ein flaues Gefühl des Grauens. »In der Küche«, antwortete Hilda. »Sieh zu, dass du die Tür hinter dir zumachst, um Himmels willen.« Hätte ich mir sicher sein können, dass sie mich nicht sieht, hätte ich vielleicht die Augen verdreht. Aber diese Gewissheit hatte ich nicht. So unlogisch es auch schien, ich war davon überzeugt, dass meiner Schwiegermutter nichts, aber auch gar nichts, entging. Also schloss ich die Tür und hängte meine Handtasche an die Garderobe, bevor ich mich auf den Weg in die Küche machte. Hilda stand am Herd und rührte mit ihrem Holzlöffel in etwas Dickflüssigem, das in ihrem blauen Topf blubberte, und ich verscheuchte die Bilder sämtlicher Hexen aus meinem Kopf. 21


»Ist Sonny hier gewesen?«, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. »Sie muss Vater im Wohnzimmer gefunden haben.« Sie meinte meinen Schwiegervater Ivan, ihren Mann, mit dem sie seit über dreißig Jahren verheiratet war. Ich schämte mich immer fremd, wenn sie ihn so nannte. »Was gibt’s zum Abendessen?«, fragte ich. »Es riecht gut.« »Sonnys Lieblingsessen«, sagte Hilda. »Meine Spaghetti.« Ich versuchte, ihre Betonung auf »meine« nicht persönlich zu nehmen. Wir wussten beide, dass meine Tochter die Spaghetti, die ich kochte, nicht anrühren würde. Ich dachte an das letzte Mal, als ich versucht hatte, sie ihr schmackhaft zu machen. Der Abend hatte mit Tränen und Wutausbrüchen geendet, die nicht alle auf Sonnys Konto gingen. Sie war an diesem Abend ins Bett gegangen, ohne auch nur einen einzigen Bissen gegessen zu haben. Hilda hatte daraufhin gesagt, ich dürfe niemals zulassen, dass mein Kind auf diese Art und Weise das Sagen hätte, und betont, diese Lektion lerne man lieber früher als später. Ich hatte diese Lektion überhaupt nicht gelernt. Stattdessen hatte ich gelernt, ihr solche Dinge nie wieder zu erzählen. Hilda streckte mir ihren Holzlöffel mit einem Klecks roter Soße darauf entgegen und hielt die Hand darunter, um eventuelle Tropfen aufzufangen. »Würdest du probieren und mir sagen, ob noch etwas fehlt?« »Klar.« Die Soße war perfekt. Natürlich. Diese Angeberin.

Jeden ersten Freitag im Monat gab es ein Familienessen bei Bruces Eltern. Sie zogen den Tisch im Esszimmer aus und holten die Ersatzstühle, damit sieben Personen Platz hatten. In Kürze würden wir uns noch nach einem Hochstuhl umsehen müssen. 22


Noch nie in meinem Leben hatte ich eine schwangere Frau gesehen, die so bezaubernd war wie meine Schwägerin Dana. Und noch nie hatte ich einen werdenden Vater erlebt, der so verliebt und nervös war wie ihr Mann Chris. Unter dem Tisch drückte ich eine Hand gegen meinen Bauch und wünschte mir, ich könnte noch ein weiteres Kind bekommen. Wie oft hatte ich Gott angefleht, Sonny einen Bruder oder eine Schwester zu schenken, nur um jedes Mal enttäuscht zu werden, wenn meine Regelblutung wieder einsetzte? »Wie lange hast du noch?«, fragte Bruce seine Schwester. »Du siehst aus, als würdest du gleich platzen.« »Bruce«, schimpfte ich und gab Soße auf meine Nudeln. »Ist schon okay«, sagte Dana und streichelte über ihren Bauch. »Ich bin mehr als bereit dazu, dieses Kind zu bekommen. Aber es hat noch eine Woche Zeit.« »Ihr beide wart ja nicht gerade die zartesten Babys«, sagte Hilda zu ihren Kindern und reichte Chris den Korb mit den Brötchen. »Aber so rund bin ich nie geworden.« Sie deutete auf Dana. »Also ich finde, sie ist die schönste Frau der Welt«, sagte Chris und legte Dana zwei Brötchen auf den Teller. »Jetzt noch schöner als je zuvor.« Dana beugte sich zu ihm vor und gab ihm einen Kuss auf die Wange, der ihr ein Augenverdrehen von ihrer Mutter einbrachte. Hilda war nicht der Typ für Zuneigungsbekundungen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Sonny ihrem Opa heimlich ihre gesamten grünen Bohnen zuschob. Der kleine Schlingel. Und er steckte sie alle – bis zum letzten Bissen – direkt in den Mund, um ihre kleine Transaktion zu verbergen. Der große Schlingel. Sonny sah kichernd zu, wie sich Ivan, oder Gropi, wie sie ihn nannte – ein liebevoller Mix aus Großvater und Opi, den sie in Form von Gromi auch auf Hilda anwendete –, durch das wachsartige Gemüse kaute. Ich beschloss, später mit ihr darüber zu reden, dass sie ihre Bohnen einem Mann untergeschoben hatte, von dem sie wusste, dass er ihr nichts abschlagen konnte. 23


»Hat heute schon jemand Zeitung gelesen?«, fragte Bruce und stocherte mit der Gabel in seinem Spaghettihaufen. Ich warf ihm einen flehenden Blick zu. Aus einem Gespräch, das so begann, konnte nichts Gutes entstehen. Themen wie Politik, Vietnam und Religion waren seit letztem Jahr, als Nixon von der Präsidentschaft zurückgetreten war, von Hildas Tisch verbannt worden. Über solche Dinge gab es so viele Meinungen wie Hinterteile auf den Stühlen. Aber natürlich nahm er mein stilles Flehen nicht wahr. Oder er ignorierte es und genoss die Gelegenheit, unsere Runde ein wenig aufzumischen. »In Vietnam ist eine Maschine auf dem Rückflug in die USA wenige Minuten nach dem Start abgestürzt«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Bruce …«, sagte Hilda in einem warnenden Ton, der mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. »Der Flieger war voll mit Kindern, die zur Adoption in die Staaten gebracht werden sollten«, fuhr er fort. Dann seufzte er und legte die Gabel auf dem Tellerrand ab. »Stellt euch das vor. Ein Kind in ein Flugzeug zu setzen, um fünftausend Kilometer über den Pazifik zu fliegen …« »Siebentausend«, korrigierte Chris. »Also gut. Sieben…« »Ich weiß nicht, warum du darüber an meinem Esstisch sprichst«, sagte Hilda, bevor sie in ihr Brötchen biss. »Weil es wichtig ist, Mama«, erwiderte er. »Warum wollten sie diese Kinder überhaupt hierherbringen? Weil sie glauben, dass wir sie besser erziehen können als die Menschen in ihrem eigenen Land? Wir versuchen doch nur, uns besser zu fühlen wegen dem, was wir ihnen angetan haben.« »Es gibt bestimmt einen guten Grund«, sagte Chris und hob die Hände, als würde er kapitulieren. »Wenn du die Kinder dort gesehen hättest, die oft ganz allein auf der Straße leben, könntest du es verstehen.« Chris sprach nicht viel über seine dreizehn Monate in Vietnam 24


und ich vermutete, dass es ihm schwerfiel, daran zu denken, geschweige denn, davon zu sprechen. Dana hatte mir anvertraut, dass er oft bei lauten Geräuschen zusammenzuckte – wenn ein Auto eine Fehlzündung hatte oder wenn ein Luftballon platzte – und dass er in den meisten Nächten nicht schlafen konnte. Ich hatte ihr allerdings versprechen müssen, Bruce nichts davon zu erzählen. Chris war das peinlich, und er wäre im Boden versunken, wenn es alle gewusst hätten. Aber vielleicht wäre Bruce nachsichtiger mit ihm, wenn er es wüsste. Bruce war achtundzwanzig und steckte voller Ideale und Überzeugungen. Nur leider kamen sie ihm manchmal abhanden und er redete nur weiter, um eine Diskussion zu gewinnen. Ich versuchte, mich zu räuspern, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen, damit ich ihm mein »Mach-dich-locker«-Gesicht zeigen konnte. Er hörte mich nicht. »Und wie sind sie überhaupt zu Waisen geworden?« Bruce lehnte sich vor, die Hände neben seinem Teller aufgestützt. »Geht wohl auf unser Konto, oder?« »Na, wir führen den Krieg ja nicht allein«, steuerte Dana bei. »Da ist noch der Norden und der Vietcong und …« Ivan beugte sich zu Sonny hinunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Dann nahm er ihre beiden Teller, ließ sie das Besteck tragen und die beiden gingen in die Küche, wo sie die Tür hinter sich schließen und eine etwas leichtere und zweifellos belanglosere Unterhaltung führen konnten. »Vielleicht wäre die ganze Sache schon lange vorbei, wenn wir uns einfach rausgehalten hätten«, sagte Bruce. »Bruce, Schatz …«, sagte ich und versuchte, zu ihm durchzudringen. »Nicht am Tisch. Okay?« Niemand unterstützte mich. »Genau. Tolle Idee, Bruce«, sagte Chris und nickte. »Wir hätten den Kommunisten einfach ein weiteres Land überlassen sollen auf dem Weg dahin, bei uns einzumarschieren.« »Wa-rum-müsst-ihr-euch-un-be-dingt-an-mei-nem-Ess-tisch25


strei-ten?«, fragte Hilda energisch und klopfte zu jeder Silbe auf die Tischkante, was klang wie ein verwirrter Morsecode. Ich überlegte eine ganze Minute lang, ob ich meinen Teller nehmen und mich in die Sicherheit und selige Unwissenheit zurückziehen sollte, die Sonny und Ivan in der Küche genossen. Aber dann wurde mir klar, dass dann niemand das Ganze eindämmen könnte, wenn der Streit außer Kontrolle geriete. Selig sind die Friedensstifter. Auch wenn sie nur noch weglaufen wollen. »Weißt du, Bruce«, begann Chris, »es ist wirklich leicht, dazusitzen und über einen Krieg zu reden, den man nicht kämpfen musste.« »Na ja, ich bin ja nicht nach Kanada abgehauen oder so.« Bruce schaute ihn trotzig an. »Ich bin aufs College gegangen, sonst nichts.« »Während dein Bruder zur Armee ging.« »Wenn ich ihn da hätte rausholen können, hätte ich’s getan.« »Er wollte da nicht raus«, sagte Hilda. »Er wollte seinem Land dienen.« »Er hätte auch auf andere Weise dienen können.« Ich senkte den Blick und dachte an die amerikanische Flagge, die Hilda zusammen mit Dales Erkennungsmarke in ihrer Zedernholzkiste aufbewahrte. Bruce war der Meinung, dass sein Bruder da drüben sein Leben vergeudet hatte. Ich biss mir auf die Lippen und betete innerlich, dass er das nicht laut sagen würde. »Du wärst also an seiner Stelle gegangen?«, fragte Chris. »Das glaube ich dir nicht, mein Lieber.« »Komm«, sagte Dana und legte ihrem Mann eine Hand auf den Arm. »Beruhigen wir uns alle ein bisschen.« »Bruce, ich weiß, du denkst, du hast deinem Land gedient, indem du in Washington ein Friedensplakat hochgehalten hast.« Chris schnaubte. »Aber du weißt nicht das Geringste darüber, was es heißt, sich für die Freiheit zu opfern.« »Ach so, auf einem Panzer herumzufahren und Dörfer in die Luft zu jagen, ist also unsere Art, die Freiheit zu fördern?« 26


»Bruce«, sagte ich, ehrlich überrascht, dass er so etwas in Gegenwart seiner Mutter zu sagen wagte. »Ich. Dulde. Dieses. Gespräch. Nicht. An. Meinem. Tisch!« Hilda brüllte jetzt. Ich erstarrte und wagte nicht, zu atmen, aus Angst, ihr Zorn könnte sich in meine Richtung wenden. Bruce hingegen warf seine Serviette auf den Tisch und lehnte sich zurück, während Chris sein Brötchen in kleine Stücke zerpflückte. Niemand sagte mehr ein Wort. Wenn es eine Stecknadel gewagt hätte, herunterzufallen, sie hätte gedröhnt wie ein Paukenschlag. Hilda thronte am Kopfende des Tisches, kerzengerade aufgerichtet, als wartete sie nur darauf, dass jemand noch etwas sagte. Ich betete, dass Bruce seine Klappe halten würde. Die Tür zur Küche öffnete sich einen Spaltbreit und Ivan spähte herein. »Wer hat gewonnen?«, fragte er. »Was meinst du wohl?«, erwiderte Hilda. »Recht so, meine Liebe«, sagte Ivan mit einem Grinsen. Dann, während er die Tür schloss, erklärte er: »Sonny, ich hatte recht. Gromi hat gewonnen. Du musst zahlen.« Dana und ich sahen uns in die Augen. Sie legte eine Hand auf ihren Bauch und blies hörbar die Luft aus. Eine Sekunde lang machte ich mir Sorgen, dass der Streit bei ihr die Wehen ausgelöst haben könnte. Aber dann nahm sie ihre Gabel und drehte sie in dem Haufen Spaghetti auf ihrem Teller, bevor sie sich eine riesige Portion in den Mund schob. »Seid ihr alle fertig?«, fragte Hilda und tupfte sich mit einer Serviette die Lippen ab. »Tut mir leid, Mama«, sagte Bruce mit einer so kleinlauten Stimme, wie ich sie noch nie von ihm gehört hatte. »Ich hätte nichts sagen sollen.« »Ich verzeihe dir«, sagte Hilda. »Und jetzt entschuldige dich bei Chris.« »Entschuldige bitte.« Bruce schaute Chris aus dem Augenwinkel an. 27


»Christopher?« »Tut mir leid, Bruce«, sagte Chris. Das einzige Geräusch im Raum war das Klirren von Silber auf Porzellan. Es war nicht das erste Mal, dass wir ein Familienessen mit ein paar verletzten Gefühlen beendeten. Und ich bezweifelte sehr, dass es das letzte Mal sein würde. Ich konnte nur auf etwas Gutes zum Nachtisch hoffen.

Als wir zu Hause waren und Sonny im Bett lag, zeigte Bruce mir die Schlagzeile über das in Vietnam abgestürzte Flugzeug. Ich gab mir wirklich Mühe, den Artikel zu lesen, kam aber nicht über den ersten Absatz hinaus, ohne dass mir die Tränen in die Augen schossen. »Das waren Kinder, auf die Familien hier in Amerika gewartet haben, um sie zu adoptieren«, sagte Bruce und gab mir ein Taschentuch aus seiner Tasche. »Ist sauber.« »Danke«, antwortete ich und rieb mir die Augen, sodass die verlaufene Wimperntusche das Tuch schwärzte. »Wurde es abgeschossen? Steht was darüber drin?« »Nein. Sie versuchen noch, den Hergang zu ermitteln.« »Wie furchtbar.« Ich schniefte. »Haben sie in ihrem Land nicht schon genug durchgemacht?« Meine Augen klärten sich und ich sah das Bild, das in der Zeitung abgebildet war. In der oberen rechten Ecke waren zwei Palmen zu sehen, die hoch am Hang wuchsen. Ich ließ den Blick für einen Moment darauf ruhen, bevor ich ihn nach unten bewegte. Rauchschwaden über flammendem Feuer. Flugzeugtrümmer im Schlamm verstreut. Zwei vietnamesische Männer in Uniform, die das Chaos der Tragödie betrachteten. Einer war der Kamera zugewandt, sein Gesichtsausdruck war völlig hilflos. »Man weiß noch nicht sehr viel«, sagte Bruce, bemüht, ruhig zu klingen. »Es waren etwa hundert, die umgekommen sind. Fast 28


alles Kinder. Einige Mitarbeiter des Waisenhauses. Es ist furchtbar.« Ich stand auf, ging in den Flur und versuchte, meine Fassung wiederzugewinnen. Dann drückte ich so leise wie möglich die Klinke an Sonnys Tür herunter, stahl mich ins Zimmer und hoffte, sie würde nicht aufwachen. Sie lag im Bett, die Bettdecke um Arme und Beine verknäult, die Hälfte ihrer Stofftiere auf dem Boden. Selbst im Schlaf war dieses Kind in Bewegung. Ich zog die Decke hoch, damit sie warm blieb, zumindest bis sie wieder zu strampeln begann. Unter dem Bett fand ich ihre Lieblingsstoffpuppe und betrachtete sie einen Moment lang. Hilda hatte sie zu Sonnys erstem Geburtstag gemacht. Das braune Wollhaar hatte schon bessere Tage gesehen und die Ponyfransen standen vom jahrelangen Gedrückt- und Zerzaustwerden ab. Die Puppe hatte Hildas Augenfarbe, ein sattes Schokoladenbraun statt Blaugrün wie bei Sonny. Meine ganze Schwangerschaft über hatte Hilda insistiert, das Baby bekäme ihre Augen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie dafür gebetet hatte. Als Sonnys Augen die gleiche Farbe bekommen hatten wie die von Ivan, hatte Hilda es persönlich genommen. Nur meine Schwiegermutter konnte es fertigbringen, wegen der Augenfarbe eines Kindes gekränkt zu sein. Als ich Sonny die Puppe unter den Arm schieben wollte, regte sie sich und sah mich durch halb geschlossene Augenlider an. »Hallo Mama«, sagte sie mit ihrer verträumten Stimme. »Hi Sonny, mein Sonnenschein«, flüsterte ich. »Muss ich schon aufstehen?« »Noch nicht.« »Okay.« Ihre Augen fielen zu und ihr Mund blieb leicht offen, als sie wieder abdriftete, um ihren nächsten Traum zu erleben. Wie gern hätte ich gewusst, welche fantastischen Filme sich jede Nacht in ihrem Kopf abspielten. 29


So sanft ich nur konnte, schob ich eine Haarsträhne aus ihrer verschwitzten Stirn und küsste sie auf die Wange. Am liebsten hätte ich sie in den Arm genommen und an mich gedrückt, während sie zurück in den Schlaf sank. Aber dafür war sie mittlerweile zu groß.

30


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
821149 by Fontis-Shop - Issuu