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JOHN FLAVEL

Gottes Plan in unserem Leben

Inhalt

Kurzbiographie über John Flavel

(1628 – 26. Juni 1691)

John Flavel

Gottes Plan in unserem Leben

Jahr und Tag seiner Geburt sind uns nicht bekannt, wie uns so manch anderes verborgen ist, obgleich John Flavel – wie viele Puritaner seiner Zeit – ein Tagebuch schrieb. Es ging verloren oder wurde bisher nicht gefunden. Gerne hätten wir mehr über seine Familien gewusst, über die Ehefrauen und Kinder: Dreimal verwitwet, war er viermal verheiratet: Jane Randal, Elizabeth Morries [Stappell?], Ann Downe und Dorothy Jeffries. Jane starb 1655 bei der Geburt ihres ersten Kindes, das zugleich verstarb; mit Ann war er elf Jahre verheiratet, und in jenen Jahren hatten sie zwei Söhne. Dorothy war die Tochter eines Pfarrers und verwitwet, als sie heirateten; sie überlebte John. – Und obgleich wir ein sehr umfangreiches Werk von Predigten und geistlichen Büchern von Flavel haben, so hätten wir doch gerne mehr über sein Familienleben, seinen Gemeindedienst und die Zeit der Verfolgung erfahren, denn er selbst empfahl ausdrücklich, jeder Christ möge sich – wenn er dazu begabt sei – aufschreiben, welche Führungen und Segnungen

Gottes er erfahren habe; dies könne wieder anderen dienlich sein. 1678 veröffentlichte John Flavel sein wohl bekanntestes Werk: „Das Geheimnis der [göttlichen] Vorsehung“, und im letzten Kapitel skizziert er ebendiese Empfehlung:

„In Anbetracht der großen und vielfältigen Früchte, die aus einer demütigen und sorgfältigen Beobachtung der Vorsehung erwachsen, kann ich nicht umhin, es als das Anliegen aller Christen zu betrachten, sofern sie die Zeit und die Fähigkeit für eine solche Arbeit haben, schriftliche Aufzeichnungen oder Tagebücher über die Vorsehung zu führen, die ihnen selbst und anderen zum Segen gereichen. Ohne das Sammeln und Veröffentlichen solcher Notizen geht nicht nur uns, sondern auch der Gemeinde Gottes viel verloren.“

Kurzbiographie über John Flavel

Hinter dieser schlichten Empfehlung stand die feste Überzeugung, dass in Bezug auf Ereignisse im Weltgeschehen wie auch in unserem eigenen Leben selbst die kleinsten Details von der göttlichen Vorsehung gelenkt sind. Wer war dieser puritanische Geistliche, der dies seelsorgerlich-ermutigend aus der Heiligen Schrift entfaltete? Dieses Buch erfuhr bis heute zahllose Auflagen – und hiermit liegt es endlich auch in deutscher Übersetzung vor.

•Südwestlich von Birmingham liegt Bromsgrove (Grafschaft Worcestershire), wo Richard Flavel als Pfarrer wirkte; irgendwann zwischen 1627 und 1630 wurde hier sein ältester Sohn John geboren. Nach dem Besuch örtlicher Schulen kam er schon früh nach Oxford ans University College, wo sein Eifer und seine Begabung gelobt wurden. Im April 1650 wurde er in die südenglische Grafschaft Devon berufen, wo er für die Gemeinde Diptford tätig wurde, da der Pfarrer erkrankt war. Sechs Monate später hielt John Flavel eine Art Examenspredigt, um nach entsprechender Prüfung anschließend vom Presbyterium in Salisbury zum Assistenten des Pfarrers ordiniert zu werden. Als der Pfarrer verstarb, wurde Flavel dessen Nachfolger. In Diptford wirkte er sechs Jahre; er wurde von der Gemeinde geschätzt, auch weil er in Bezug auf das Geben des Zehnten einen nachsichtigen Umgang pflegte.

Obwohl es seine finanzielle Situation verschlechterte, wechselte Flavel 1656 nach Dartmouth, eine uralte Hafenstadt an der Südküste von Devon. Abgesehen von zwei Unterbrechungen aufgrund der Verfolgung puritanischer Geistlicher – was gleich noch erwähnt werden soll – blieb Dartmouth sein Tätigkeitsfeld bis zu

Gottes Plan in unserem Leben

seinem Tod, wo er auch bestattet wurde. Flavel war 1691 in Exeter unerwartet an Paralyse gestorben.

Sein Vater, Richard Flavel, wurde infolge kirchenpolitischer Veränderungen, denen er – wie über 2000 andere puritanische Geistliche – aus Gewissensgründen und biblischen Überzeugungen nicht zustimmen konnte, 1662 aus seinem Amt vertrieben. Das war die Folge der Uniformitätsakte (Act of Uniformity 1662), mit der unter Eid eine Einheitlichkeit bzw. Gleichschaltung verlangt wurde, die bedeutete: Gebete und Sakramentsriten seien ausschließlich gemäß den Ordnungen der Staatskirche umzusetzen, wie sie das Gebetsbuch von 1662 festlegte; alle Bischöfe, Pfarrer und Diakone benötigten eine episkopale Ordination, was sich insbesondere gegen puritanische Geistliche richtete.

Die Kritiker der Uniformitätsakte wurden als „Nonkonformisten“ bezeichnet, da sie nicht mehr in Übereinstimmung mit der offiziellen Gesetzgebung standen. Die Uniformitätsakte betraf nicht nur die genannten Regelungen der Staatskirche, sondern führte auch zum Verlust des Zugangs zu öffentlichen Ämtern oder von Universitätsabschlüssen von Puritanern. Später wurden „Nonkonformisten“ als „Freikirchler“ bezeichnet, d. h. die Unabhängigkeit vom Staat und von der anglikanischen Staatskirche führte zum Begriff Freikirche.

Zusätzlich zur Vertreibung von 1662 wurden Strafgesetze erlassen, um die Umsetzung konkreter durchzusetzen. So kam es 1665 zum Fünf-Meilen-Gesetz (Five Mile Act 1665), durch das den

Brief an die Leser

An die aufmerksamen Leser, insbesondere an diejenigen, die die Wege der Vorsehung aufmerksam beobachten

Liebe Leser, es gibt zwei Arten, wie es dem heiligen Gott gefällt, sich den Menschen zu offenbaren: durch seine Worte und durch seine Werke. Von dem geschriebenen Wort müssen wir sagen: Seit Anbeginn der Zeit sind keine derartigen Worte geschrieben worden, die (wie man sagt) in der Seele lebendig werden und Wurzel schlagen können, ja, die dies ebenso real tun wie der Same, der in die Erde gesät wird; und die so beschaffen sind, dass sie dort eingepfropft und verwurzelt werden, mit einer Verbindung, wie sie in der Natur nicht realer sein könnte (Jakobus 1,21). Dies ist das transzendenteste und herrlichste unter den Mitteln der Offenbarung: „Du hast dein Wort groß gemacht über all deinen Ruhm hinaus“ (Psalm 138,2 SLT).

Die Offenbarung Gottes durch seine Werke, seien es die der Schöpfung oder der Vorsehung, hat freilich ihren Wert und ihre Herrlichkeit. Aber die größte Herrlichkeit und Vortrefflichkeit seiner Vorsehungswerke besteht darin, dass sie die Erfüllung und praktische Vollendung seines geschriebenen Wortes sind. Durch eine weise und aufmerksame Beobachtung könnten wir jene

Gottes Plan in unserem Leben

vortreffliche Kunst erlernen, die (von einigen nicht unpassend scientia architectonica genannt) darin besteht, die geheimnisvollen Fügungen der Vorsehung zu klären, indem sie auf das geschriebene Wort zurückgeführt und dort als Auswirkungen in ihren eigentlichen Ursachen eingeordnet werden. Und zweifellos ist dies einer der edelsten Einwände, die man gegen den Atheismus erheben kann, nicht nur zu zeigen, wie die Wege der Vorsehung in einer ganz offensichtlichen Tendenz zusammenlaufen, um diese große Schlussfolgerung zu bestätigen: „Dein Wort ist Wahrheit!“, sondern wie sie mitunter auch das Bekenntnis zu einem Gott und zur Wahrheit seines Wortes gerade jenen Zungen abnötigt, die dies kühn bestritten haben. Aischylos, der Perser,4 macht in seinem Bericht über seine Niederlage gegen das griechische Heer diese bemerkenswerte Feststellung: „Als die griechischen Truppen uns heftig verfolgten“, so schreibt er, „und wir uns über das große Wasser des Strymon wagen mussten, das damals zugefroren war, aber zu tauen begann, sodass die Chance, dass wir alle starben, hundert zu eins standen, da sah ich mit eigenen Augen viele jener Kämpfer, die ich zuvor so kühn hatte verkünden hören, es gäbe keinen Gott, alle auf den Knien, mit erhobenen Augen und Händen, und sie flehten inständig um Hilfe und Gnade und baten, das Eis möge halten, bis sie hinüberkämen.“ Die Vorsehung hat die Feinde Gottes gezwungen, seiner Wahrheit viele tausend Siegel aufzudrücken, was uns eine große Bestätigung darin gibt; vor allem aber, wenn wir sehen, wie das Wort und die Vorsehung Gottes sich gegenseitig erhellen und wie die Schrift alle großen und kleinen Ereignisse enthält, die von der Vorsehung zu ihrer Zeit veranlasst wurden; und wie nicht

4 Aischylos, Tragödien.

Brief an die Leser

nur die Verheißungen des Wortes im Allgemeinen an der Gemeinde in allen ihren Nöten und Bedrängnissen treu erfüllt werden, sondern konkret auch an jedem ihrer Glieder, die alle von der Vorsehung mit einer Vielzahl von Erfahrungen diesbezüglich versorgt wurden. Oh, wie hilfreich sind solche Beobachtungen!

Und ebenso wie der Gewinn und der Nutzen, so sind auch die Freude und das Vergnügen, die sich aus den Beobachtungen der Vorsehung ergeben, außerordentlich groß. Es wird zweifellos ein Teil unserer Beschäftigung im Himmel sein, mit überwältigender Freude zu sehen, wie die Pläne und Methoden, uns dorthin zu bringen, gestaltet wurden. Und was ein Teil unserer Seligkeit im Himmel sein wird, darf wohl auch ein wesentlicher Inhaltsstoff für unseren Himmel auf Erden sein. Denn die Vorsehung hat nicht nur die Absicht, euch letztlich in den Himmel zu bringen, sondern auch, (als Zwischenstufe) auf dem Weg dorthin viel vom Himmel in eure Seelen zu bringen.

Welch große Freude ist es, zu sehen, wie der weise Gott in der Vorsehung alles in den Hafen seines eigenen Lobpreises und der Glückseligkeit seines Volkes lenkt, während die ganze Welt eifrig damit beschäftigt ist, mit einem ganz entgegengesetzten Plan und Ziel die Segel zu setzen und an den Rudern zu zerren! Zu sehen, wie sie seinen Plan voranbringen, indem sie sich ihm widersetzen, und seinen Willen erfüllen, indem sie ihm widerstehen, seine Gemeinde vergrößern, indem sie sie zerstreuen, und ihre Ruhe umso lieblicher für ihre Seelen machen, indem sie ihre Lage in der Welt so rastlos machen. Dies im Allgemeinen zu beobachten, ist schon eine Freude; doch es ist geradezu hinreißend und ergreifend, seine besonderen Pläne für uns zu erkennen und festzustellen, mit welch tiefer Weisheit, unendlicher Behutsamkeit und unablässiger

Gottes Plan in unserem Leben

Wachsamkeit er alles, was uns betrifft, von Anfang bis Ende gehandhabt hat.

Oh, welch eine Geschichte könnten wir aus unseren eigenen Erfahrungen zusammenstellen, während wir mit gerührtem Herzen die Schritte der Vorsehung auf dem gesamten Weg verfolgen, den sie uns bis zum heutigen Tag geführt hat, und unser Augenmerk auf ihre herausragende Handlungen für uns in den verschiedenen Phasen unseres Lebens richten!

Hier verhinderte sie, und dort befreite sie. Hier lenkte sie, und dort korrigierte sie. Hier betrübte sie, und dort linderte sie. Hier war das Gift und dort das Gegengift. Diese Vorsehung ließ eine düstere Wolke aufziehen, und sie vertrieb sie wieder. Hier verengt sie unseren Weg, dort macht sie ihn weit. Hier ein Mangel, und dort eine Versorgung. Diese Beziehung verdorrt, und jene entsteht an ihrer Stelle. Worte können nicht ausdrücken, welch große Freude und Befriedigung ein gläubiges Herz bei einer solchen Beschäftigung mit der Vorsehung finden kann.

Welch eine Welt der Wunder ist in der Vorsehung zu finden! Die blinde, achtlose Welt kann damit nichts anfangen. Sie kann nicht einen einzigen leckeren Bissen finden, wo eine begnadete Seele ein reiches Festmahl halten würde. Plutarch erzählt sehr ausführlich, wie Timoleon auf wundersame Weise von der Intrige zweier Mörder befreit wurde, indem diese genau zur rechten Zeit einen bestimmten Menschen trafen, der, um den Tod seines Vaters zu rächen, einen von ihnen tötete, gerade als sie Timoleon den tödlichen Schlag versetzen wollten, obwohl er nichts von alledem mitbekam, und so entging Timoleon der Gefahr. Und welche Lehre, meint ihr, hat der Erzähler aus diesem wunderbaren Werk der Vorsehung gezogen? Nun, obwohl er einer der gelehrtesten und

DER ERSTE HAUPTTEIL

Der Beweis der Vorsehung

Zunächst werde ich es unternehmen, diese große Wahrheit zu beweisen und zu verteidigen, dass die Geschicke der Heiligen in dieser Welt gewiss durch die Weisheit und Fürsorge einer besonderen Vorsehung geleitet werden.

Und indem ich das tue, widme ich mich mit Freuden der Aufgabe, im Rahmen meiner Möglichkeiten jener Vorsehung zu dienen, die mein ganzes Leben lang „meine Sache hinausgeführt“ hat, wie es im Text heißt.

Die Vorsehung lässt sich in zweierlei Weise betrachten, entsprechend der zweifachen Zielsetzung und Art ihrer Wirksamkeit: Die eine ist allgemein und betrifft alle Geschöpfe, ob vernunftbegabt oder nicht, belebt oder unbelebt; die andere ist besonders und individuell. Christus übt eine allgemeine Herrschaft über alle Dinge aus (Epheser 1,22); durch seine Macht ist er das Haupt der ganzen Welt, aber durch Einheit und besondere Einwirkung ein Haupt der Gemeinde (Johannes 17,2). Er ist „der Heiland aller Menschen, sonderlich der Gläubigen“ (1.Timotheus 4,10). Die Gemeinde ist sein besonderes Anliegen und Eigentum. Zu ihrem

Gottes Plan in unserem Leben

Wohl regiert er die Welt – als ein Haupt, das für das Wohlergehen des Leibes sorgt.

Die Heiden leugneten in der Regel die Vorsehung, und das ist nicht verwunderlich, da sie auch Gott leugneten; denn die gleichen Argumente, die Erstere beweisen, beweisen auch Letzteren. Aristoteles, der Fürst unter den heidnischen Philosophen, konnte bei allem Forschen der Vernunft dennoch nicht herausfinden, wie die Welt entstanden ist, und folgerte daher, dass sie von Ewigkeit her besteht. Die Epikuräer erkannten zwar in gewisser Weise einen Gott an, leugneten indessen eine Vorsehung und schlossen Gott gänzlich von jeglichem Engagement in den Angelegenheiten der Welt aus, da es mit der Glückseligkeit und Ruhe des göttlichen Wesens unvereinbar sei, mit der Sorge und Mühe der Regierung behelligt und belastet zu werden. Dieser Gedanke ist der Vernunft so sehr zuwider, dass es ein Wunder ist, dass sie angesichts seiner Absurdität nicht erröten; doch ich erahne die Absicht, und einer von ihnen spricht sie (Cicero zufolge) in deutlichen Worten aus: Itaque imposuistis cervicibus nostris sempiternum dominum, quem dies et noctes timeremus. Quis enim non timeat ornnia providentem, et cogitantem, et animadvertentem, et omnia ad se pertinere putantem, curiosum et plenum negotii Deum? – „Wenn dies so wäre, hättest du uns an einen ewigen Herrn gekettet, den wir Tag und Nacht fürchten würden. Denn wer würde sich nicht vor einem lauernden Wichtigtuer fürchten, vor einem Gott, der alles regelt, plant und beobachtet und der meint, dass alles seine Angelegenheit ist?“ (Cicero, de natura deorum). Sie ahnten, dass das Zugeständnis einer Vorsehung ihnen ein ewiges Joch auferlegen würde, indem sie für alles, was sie taten, vor einem höheren Gericht Rechenschaft ablegen müssten, sodass sie die Zeit ihres Aufenthalts hier

Der Beweis der Vorsehung notwendigerweise in Furcht verbringen müssten, weil alle ihre Gedanken, Worte und Handlungen genauestens notiert und aufgezeichnet würden, um eine Abrechnung durch einen allsehenden und gerechten Gott zu erfahren. Sie waren daher bestrebt, sich einzureden, dass das, was ihnen nicht gefiel, nicht existierte. Doch diese atheistischen und törichten Annahmen fallen angesichts der unbestreitbaren Beweise dieser so großen und klaren Wahrheit in sich zusammen.

Nun geht es mir hier nicht so sehr darum, mich mit bekennenden Atheisten auseinanderzusetzen, welche die Existenz Gottes leugnen und folglich alle aus der Schrift entnommenen Beweise für die außergewöhnlichen Ereignisse lächerlich machen, die sich zugunsten des Volkes, das sein Eigentum genannt wird, ereignen, sondern vielmehr darum, jene zu überzeugen, die sich zu all dem bekennen, aber, da sie die Religion nie aus eigener Erfahrung kennengelernt haben, zumindest den Verdacht hegen, dass all diese Dinge, die wir besondere Vorsehung für die Heiligen nennen, nur natürliche Ereignisse oder bloße Zufälle sind. Während sie sich also zu einem Gott und zu einer Vorsehung bekennen (wobei dieses Bekenntnis nur die Folge ihrer Erziehung ist), leben sie unterdessen wie Atheisten und denken und handeln, als ob es diese Dinge nicht gäbe; und ich fürchte wahrlich, das ist bei dem größten Teil der Menschen dieser Generation der Fall.

Wäre es aber tatsächlich so, dass die Vorgänge in der Welt im Allgemeinen und die Belange der Heiligen im Besonderen nicht von einer göttlichen Vorsehung geleitet würden, sondern, wie man uns weismachen will, durch den steten Lauf natürlicher Ursachen, und wäre darüber hinaus jedes Ereignis, das wir beobachten, nur zufällig und kontingent oder das Ergebnis einer verborgenen und

Gottes Plan in unserem Leben

geheimen Ursache in der Natur, – wenn dies tatsächlich so wäre, sollen diejenigen, die versucht sind, es zu glauben, eine vernünftige Antwort auf die folgenden Fragen geben.

1. Frage

Wie kommt es, dass dem Volk Gottes so viele bedeutende Gnadenerweise und Wohltaten widerfahren sind, die über die Macht natürlicher Ursachen hinausgehen und dem natürlichen Lauf der Dinge entgegenstehen – für deren Verwirklichung der Lauf der Natur offensichtlich ausgesetzt und aufgehalten wurde?

Es ist offensichtlich, dass keine natürliche Wirkung die Kraft ihrer natürlichen Ursache übersteigen kann. Nichts kann einem anderen mehr geben, als es in sich selbst besitzt. Und es ist ebenso klar, dass alles, was natürlich wirkt, aus Notwendigkeit wirkt.

Feuer brennt bis zum Äußersten seiner Kraft, und Wasser überflutet und ertränkt alles, was es kann. Löwen und andere raubgierige und grausame Tiere reißen und verschlingen ihre Beute, vor allem wenn sie hungrig sind. Und willkürliche und vernunftbegabte Wesen handeln ebenfalls nach den Prinzipien und Gesetzen ihrer jeweiligen Natur. Ein böser Mensch, dessen Herz ganz und gar in ihm gefestigt und dessen Wille voller Entschlossenheit ist, wird sicherlich, wenn er die Macht und die Gelegenheit hat, sein ausgehecktes Unheil in die Tat umzusetzen, ihm freien Lauf lassen und die bösen Pläne seines Herzens umsetzen. Wenn er einmal ein Unheil erdacht hat und damit „schwanger“ ist, muss er es nach dem Lauf der Natur „gebären“ (Psalm 7,15). Wenn aber eines dieser unbelebten, tierischen oder vernunftbegabten Wesen, obwohl

Der Beweis der Vorsehung es kein natürliches Hindernis gibt, seiner Macht beraubt wird, und zwar dann, wenn die Wirkung kurz vor der Geburt und das Vorhaben kurz vor der Ausführung steht, sodass es, selbst wenn es will, dennoch keinen Schaden anrichten kann, was meint ihr, worauf dies zurückzuführen ist? Und doch hat man solches schon oft gesehen, wo Gottes Anliegen unmittelbar von der Gefahr und dem Unheil des Ereignisses betroffen war. Das Meer teilte sich in seinem eigenen Lauf und bildete auf beiden Seiten eine Wand aus Wasser, um Gottes bedrängtem Israel einen sicheren Durchzug zu gewähren, und zwar nicht bei Windstille, sondern als seine Wellen wüteten9 (Jesaja 51,15). Als das Feuer zur größten und heftigsten Flamme aufwallte, hatte es nicht die Macht, auch nur ein einziges Haar der treuen Zeugen Gottes zu versengen, während es gleichzeitig die Kraft hatte, jene, die sie hinrichten wollten, sogar in größerer Entfernung zu vernichten (Daniel 3,22). Ja, wir erfahren, dass es manchmal ausreichte, um den Leib zu verzehren, aber nicht, um ihn quälen zu können, wie in dem bekannten Fall des seligen Byneham, der zu seinen Feinden sagte, dass die Flammen für ihn wie ein Bett aus Rosen waren. Die hungrigen Löwen legten ihre natürliche Wildheit ab und wurden sanft und harmlos, als ihnen Daniel zum Fraß vorgeworfen wurde. Ähnliches wird uns von Polykarp und Dionysius dem Areopagiten berichtet, die das Feuer nicht anrühren konnte, sondern wie das Segel eines Schiffes im Wind um sie herum stand.

9 Wie schwer tat sich Porphyr damit, als er statt einer Besseren diese Behauptung aufstellen musste, Mose habe ein flaches, den Ägyptern unbekanntes Gewässer ausgenutzt, um mit dem Volk dort hindurchzuziehen. Als ob Mose, ein Fremder, sich dort besser auskennen würde als die ägyptischen Einheimischen. (Acts and Monuments, Bd. 1, S. 55.)

Gottes Plan in unserem Leben

Entsprechen diese Vorkommnisse dem Lauf und dem Gesetz der Natur? Welcher geheimen und natürlichen Ursache können sie zugeschrieben werden? Ebenso erfahren wir, dass eine unsichtbare Hand die übelsten und bösesten Menschen davon abhielt, dem Volk des Herrn zu schaden. Durch welche geheime Ursache in der Natur wurde Jerobeams Hand im selben Augenblick, als er sie gegen den Mann Gottes ausstreckte, verdorrt und unbeweglich gemacht (1.Könige 13,4)? Keine wilden Tiere reißen und verschlingen ihre Beute gieriger, als die Gottlosen das Volk Gottes, das unter ihnen wohnt, vernichten würden, gäbe es nicht diese Vorsehung, die sie im Zaum hält. So drückt der Psalmist seine Lage in den Worten aus, die auf meinen Text folgen: „Ich liege mit meiner Seele unter den Löwen; die Menschenkinder sind Flammen“ (Psalm 57,5). Die Jünger wurden ausgesandt „wie Schafe mitten unter die Wölfe“ (Matthäus 10,16). In diesem Fall wird der Einwand nichts nützen, dass diese übernatürlichen Ereignisse nur auf dem Zeugnis der Schrift beruhen, von dem der Atheist ja nicht überzeugt ist. Denn abgesehen von all dem, was für die Autorität dieses Zeugnisses vorgebracht werden kann (was man den Menschen, die es anerkennen, nicht vorzulegen braucht), inwiefern ist das, was jedes Auge heute sieht oder sehen kann, geringer? Sehen wir nicht eine schwache, wehrlose Handvoll Menschen, die auf wunderbare und unerklärliche Weise vor dem Untergang bewahrt wird, inmitten mächtiger, wütender und ungestümer Feinde, die sie gerne vernichten würden, es aber nicht können, obwohl noch kein natürlicher Hinderungsgrund erkennbar ist, warum sie es nicht können?

Und wenn uns dies schon verwundert, was sollen wir dann erst sagen, wenn wir sehen, wie in der Welt Ereignisse zum Wohle der Auserwählten Gottes herbeigeführt werden, und zwar durch eben

DER ZWEITE HAUPTTEIL

Wie die Vorsehung in den verschiedenen Lebensbereichen in Erscheinung tritt

Nachdem ich bewiesen habe, dass die Geschicke der Heiligen in dieser Welt gewiss durch die Weisheit und Fürsorge einer besonderen Vorsehung geleitet werden, will ich euch als Nächstes zeigen, in welchen ihrer Anliegen und Belange die Vorsehung Gottes besonders in Erscheinung tritt oder welches die bemerkenswerten Verdienste der Vorsehung für sie in dieser Welt sind.

In meinem Bibelvers geht es nicht, zumindest nicht direkt, primär um die innerlichen, geistlichen Handlungen der Vorsehung, die sich unmittelbar auf die Seelen der Gläubigen auswirken (wenngleich sie sich mittelbar und letztendlich alle auf ihre Seelen auswirken), sondern eher um die sichtbaren und äußerlichen Handlungen der Vorsehung zu ihrem Wohl. Es darf nicht erwartet werden, dass ich auf sie alle eingehe – sie sind zahlreicher als der Sand am Meer –, doch mein Ziel ist es, euch von einigen besonderen und beobachtbaren Handlungen der Vorsehung zu eurem Wohl zu erzählen. Fangen wir ganz am Anfang an.

1. Formung und Bewahrung im Mutterleib

Betrachten wir zunächst, wie gut die Vorsehung das erste Werk vollbracht hat, das sie jemals für uns getan hat: unsere Formung und Bewahrung im Mutterleib. Gewiss, das ist eine äußerst glorreiche und bewundernswerte Handlung; der Psalmist spricht mit Bewunderung davon: „Mein Gebein war nicht verhüllt vor dir, als ich im Verborgenen gemacht wurde, kunstvoll gewirkt tief unten auf Erden“ (139,15 SLT). Der Mutterschoß wird deshalb so beschrieben, weil es hier ebenso ist wie bei einem guten Künstler: Wenn er ein gutes Stück in Arbeit hat, vollendet er es erst im privaten Raum, um es dann für alle sichtbar ans Licht zu bringen. Zwei Dinge sind bewundernswert an dieser Handlung der Vorsehung für uns.

a) Die einzigartige Struktur16 und die vortreffliche Beschaffenheit des Leibes. „Ich bin wunderbar gemacht“; das Wort רקמתי (ruchampti) ist sehr aussagekräftig. Die Vulgata übersetzt es mit „wie mit einer Nadel gemalt“, d. h. reich bestickt mit Nerven und Adern. Oh, welche Kunstfertigkeit steckt allein in diesem einen Körperteil, dem Auge! Wie hat die Betrachtung desselben manche gezwungen, anzuerkennen, dass es einen Gott gibt! Die Vorsehung hatte, als sie dieses Werk in Angriff nahm, ihr Modell oder Muster vor sich, wonach sie die einzelnen Teile formte: „Und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben“ (Vers 16 ELB). Bist du im Besitz aller Glieder? Dann liegt das daran, dass er sie alle in sein Buch geschrieben hat oder dass er deinen Leib genau nach dem Schema geformt hat, das er in seiner gnädigen Absicht von dir gezeichnet hat, bevor

16 Eine Metapher von jenen, die komplizierte Nadelarbeiten verrichten. Der Herr hat alle Dinge nach Zahl, Gewicht und Maß gemacht.

Wie die Vorsehung in Erscheinung tritt

du ein Wesen hattest. Hätte ein Auge, ein Ohr, eine Hand, ein Fuß in dem Plan gefehlt, wärst du dir jetzt des Mangels traurig bewusst.

Die Welt wäre nur ein finsteres Verlies für dich, und du würdest als Objekt des Mitleids leben. Wenn du diese Barmherzigkeit geringschätzt, dann frage die Blinden, die Tauben und die Lahmen nach dem Wert und der Bedeutung dieser Barmherzigkeit, und sie werden es dir erzählen. Mit deinem Leib ist dir etwas sehr Kostbares gegeben. Du hättest auch als Wurm oder Kröte erschaffen werden können. Ich erinnere mich, dass Luther17 einmal von zwei Kardinälen erzählte, die mit großem Pomp zum Konzil von Konstanz ritten und auf dem Weg dorthin hörten, wie ein Mann in den Feldern bitterlich weinte und jammerte. Als sie zu ihm kamen, sahen sie, wie er eine hässliche Kröte betrachtete; und als sie ihn fragten, warum er denn so bitterlich weine, sagte er ihnen, sein Herz sei bei dem Gedanken geschmolzen, dass Gott ihn nicht zu einem so abstoßenden Geschöpf gemacht habe. „Hierüber liebe ich es zu weinen“, sagte er, woraufhin einer von ihnen ausrief: „Nun, treffend sagte der Kirchenvater: ‚Die Ungelehrten erheben sich und reißen das Himmelreich an sich, und wir mit unserem herzlosen Wissenskram, siehe, werden ewige Strafe leiden!‘ [Augustinus, Bekenntnisse, 8.8.19].“ Kein Teil dieser derben Masse war so geformt und geschliffen wie der Mensch. Galen18 gab Epikur hundert Jahre Zeit,

17 Luther, (Walch Ausgabe von 1894), Dr. Martin Luthers Sämmtliche Schriften, Auslegung des Alten Testaments, Auslegung zu 2. Mose, 3. Gebot.

18 Es gibt einige Glieder, die fundamental sind, wie die Leber, das Herz und das Gehirn; in diesen sind die natürlichen, vitalen und animalischen Lebensgeister untergebracht; diese werden von den Venen, Arterien und Nerven transportiert. Die Venen transportieren die natürlichen Lebensgeister aus der Leber, die Arterien die vitalen Lebensgeister aus dem Herzen, die Nerven die animalischen Lebensgeister aus dem Gehirn. Andere Glieder sind dienstbar, wie die Hände und

Gottes Plan in unserem Leben

sich eine vorteilhaftere Lage, Beschaffenheit oder Zusammensetzung irgendeines Gliedes des menschlichen Körpers vorzustellen.

Und wenn alle Engel bis heute studiert hätten, sie hätten den Körper des Menschen nicht in eine bessere Form gießen können.

b) Und doch ist dies alles nur der Anstrich des Gehäuses oder die Politur der Schatulle, in der das kostbare Juwel liegt. Die Vorsehung hat nicht nur das Haus gebaut, sondern auch den Bewohner (ich meine die Seele) in den Besitz desselben gebracht. Sie ist ein herrliches Stück, welches das Ebenbild Gottes in sich trägt. Sie ist alles in allem – und alles in jedem Teil. Wie edel sind ihre Fähigkeiten und Neigungen! Wie geschickt, vielfältig und unermüdlich sind ihre Bewegungen! Wie umfassend sind ihre Fähigkeiten! Sie ist eine Gefährtin der Engel, ja sie ist fähig, sich mit Christus zu vermählen und ewige Gemeinschaft mit Gott zu haben. Sie ist das Wunder der Erde und das Neidobjekt der Hölle.

Angenommen (und warum sollte etwas, das so oft in der Welt vorkommt, nicht denkbar sein?), die Vorsehung hätte es so erlaubt und angeordnet, dass deine Seele mit einer oder zwei kranken und gestörten Fähigkeiten in deinen Leib gekommen wäre. Angenommen, ihr Verständnis wäre zerrüttet gewesen: Was für ein erbärmliches Leben hättest du in dieser Welt gelebt, da du weder zum Dienst noch zum Wohlbefinden fähig gewesen wärst. Und wahrlich, wenn ich die Werke der Vorsehung betrachte, die in allen Ländern und Zeitaltern solche bedauernswerten Menschen in die Welt gebracht hat – manche, die des Verstandes beraubt sind und sich von den Tieren nur durch ihre Gestalt und ihr Aussehen unterscheiden,

Füße; das Obere beherrscht das Untere, und das Untere stützt das Obere. In Weisheit hast du sie alle gemacht.

DER DRITTE HAUPTTEIL

Die

Pflicht über die Vorsehung nachzudenken

•Nachdem ich nun bewiesen habe, dass die Geschicke des Volkes Gottes durch die Fürsorge einer besonderen Vorsehung gelenkt werden, und Beispiele dafür angeführt habe, welchen Einfluss die Vorsehung auf ihre Anliegen und Belange hat, möchte ich als Nächstes darlegen, dass es die Pflicht des Volkes Gottes ist, über diese Handlungen der Vorsehung für sie nachzudenken, und zwar zu allen Zeiten, insbesondere aber, wenn sie in Not und Bedrängnis sind.

Dies werde ich anhand der folgenden Punkte als eure unbestreitbare Pflicht darlegen:

– Es ist unsere Pflicht, weil Gott es ausdrücklich befohlen und sein Volk dazu berufen hat, seine Werke, seien es Werke der Barmherzigkeit oder des Gerichts, aufs Ernsthafteste zu bedenken. Als beispielsweise das schrecklichste aller Gerichte über sein bekennendes Volk wegen seines Abfalls von Gott vollstreckt wurde und Gott die Zeichen seiner Gegenwart aus ihrer Mitte

Gottes Plan in unserem Leben

beseitigt hatte, wurde der Überrest aufgefordert, „an [Gottes] Ort zu Silo zu gehen“, d. h. in ihrer Andacht zumindest ihre Gedanken dorthin zu schicken und zu schauen, was Gott daselbst getan hatte (Jeremia 7,12). Wir sollen also der Wohltaten Gottes gedenken und sie uns in Erinnerung rufen. „Mein Volk, denke doch daran, was Balak, der König in Moab, vorhatte und was ihm Bileam, der Sohn Beors, antwortete, von Sittim an bis gen Gilgal; daran ihr ja merken solltet, wie der Herr euch alles Gute getan hat“ (Micha 6,5). Das heißt so viel wie: Wenn ihr diese deutliche Fügung der Vorsehung nicht bedenkt, wird meine Gerechtigkeit verhüllt und eure Ungerechtigkeit aufgedeckt werden. So sind wir aufgerufen, Gottes Handeln durch die Vorsehung an den Geschöpfen zu bedenken, auf dass wir durch diese Betrachtung unseren Glauben für unseren eigenen Bedarf stärken. „Sehet die Vögel … Schauet die Lilien“ (Matthäus 6,26.28)!

– Es ist offensichtlich, dass dies unsere Pflicht ist, denn ihr nicht nachzukommen wird überall in der Heiligen Schrift als Sünde verurteilt. Nachlässigkeit und Unachtsamkeit missfallen Gott sehr, wie aus dieser Schriftstelle hervorgeht: „Herr, deine Hand ist erhöht; das sehen sie nicht“ (Jesaja 26,11). Ja, sie sind eine Sünde, die Gott in seinem Wort anprangert und verurteilt (Psalm 28,4-5; Jesaja 5,12-13). Und Gott droht nicht nur, sondern er schlägt die Menschen auch mit sichtbaren Strafen für diese Sünde (Hiob 34,26-27).

– Zu diesem Ziel und Zweck hat der Heilige Geist den Berichten über die Werke der Vorsehung in der Heiligen Schrift auch Hinweise zur Beachtung wie „siehe“ beigefügt. All diese Hinweise laden die Menschen ein und rufen sie auf, die Berichte gebührend und eingehend zu betrachten. Bei dem großen und

Die Pflicht über die Vorsehung nachzudenken

vielgerühmten Werk der Vorsehung, der Befreiung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft, findet ihr beispielsweise zweimal eine solche Aufforderung zum Aufmerken (2.Mose 3,2.9 SLT).

Auch als der Rabsake,39 der furchtbare Feind, der Hiskia und das ganze Volk in solche Bedrängnis gebracht hatte, von der Vorsehung besiegt wurde, wird der Ankündigung dieser Vorsehung diese Aufforderung vorangestellt: „Siehe, ich will ihm einen Geist geben …“ (2.Könige 19,7). Wenn Gott seine Weisheit und Macht verherrlicht, indem er sein Volk von seinen Feinden befreit und letzteren die Werke ihrer eigenen Hände zur Falle werden lässt, wird diesem doppelten Werk der Vorsehung ein doppelter Hinweis beigefügt: „Higgaion selah“ („Saitenspiel – Sela“;40 Psalm 9,17 SLT). Auch bei der Öffnung eines jeden Siegels, das jeweils eine bemerkenswerte Abfolge bzw. einen Abschnitt der Vorsehung enthält, wird die Aufmerksamkeit konkret auf jedes einzelne von ihnen gelenkt: „Komm! … und siehe … Komm! … und siehe!“ (Offenbarung 6,1-7). All dies wären recht unnütze und überflüssige Zusätze in der Schrift, wenn nicht eine solche Verpflichtung für uns bestünde (siehe Psalm 66,5).

– Ohne eine gebührende Beachtung der Werke der Vorsehung kann Gott kein Lobpreis für eines von ihnen dargebracht werden. Lob und Dank für seine Wohltaten basieren auf diesem Akt der Beachtung und können ohne ihn nicht vollzogen werden. In Psalm 107 wird erzählt, wie Gott durch die Vorsehung für die

39 Anm. d. Hrsg.: kann als Obermundschenk übersetzt werden, der Amtsträger hat aber auch militärische Funktionen (Oberbefehlshaber).

40 Anm. d. Hrsg.: Higgaion verweist auf ein musikalisches Zwischenspiel, sela auf einen Ruhepunkt im Gesang. Beides wird hier so gedeutet, dass eine Gelegenheit zum Innehalten und Nachdenken über Gottes Taten geschaffen wird.

Gottes Plan in unserem Leben

Menschen sorgt: für sein Volk in Schwierigkeiten (V. 4-6); für Gefangene in ihren Fesseln (V. 10-12); für Menschen, die auf Krankenbetten schmachten (V. 17-19); für Seeleute auf dem stürmischen Meer (V. 23); für Menschen in Zeiten der Hungersnot (V. 33-39). Ja, seine Vorsehung zeigt sich in all jenen Umwälzungen, die sich in der Welt ereignen, wobei die Hohen erniedrigt und die Niedrigen erhöht werden (V. 40-41), und bei jedem Abschnitt werden die Menschen aufgefordert, Gott für das jeweilige Wirken der Vorsehung zu preisen. Vers 43 zeigt, was für ein notwendiger Bestandteil dieser Pflicht die Beachtung ist: „Wer ist weise und behält dies? So werden sie merken, wie viel Wohltaten der Herr erzeigt.“ Wenn diese Pflicht vernachlässigt wird, wird Gott unweigerlich seines Lobes beraubt.

– Wenn wir Gottes Werke nicht beachten, geht uns ihr Nutzen und Gewinn für uns oder andere verloren; das wäre für uns ein unermesslicher Verlust. Diese Beachtung ist die Nahrung, von der unser Glaube in Tagen der Bedrängnis lebt: „Du zerschmettertest die Häupter des Leviathan, du gabst ihn dem Volk der Wüstenbewohner zur Speise“ (Psalm 74,14 SLT), d. h. als Nahrung für ihren Glauben. Aus vergangenen Werken der Vorsehung schließen die Heiligen auf zukünftige, neue Werke. So spricht David: „Der Herr, der mich von dem Löwen und Bären errettet hat, der wird mich auch erretten von diesem Philister“ (1.Samuel 17,37). Und Paulus schreibt: „Er hat uns denn auch aus solch großer Todesgefahr gerettet … und wir hoffen auf ihn, dass er uns auch ferner retten wird“ (2.Korinther 1,10 SLT). Wenn diese Taten vergessen oder nicht bedacht werden, werden die Hände des Glaubens schlaff. „Versteht ihr noch nicht, erinnert ihr euch auch nicht?“ (Matthäus 16,9 ELB). Auf diesen Punkt haben sich die Heiligen

Die Pflicht über die Vorsehung nachzudenken

oft in ihren Gebeten um neue Gnadenerweise berufen. So argumentierte Mose, als er um fortdauernde bzw. neue Vergebung für das Volk betete, mit dem, was in der Vergangenheit geschah: „… wie du auch vergeben hast diesem Volk aus Ägypten bis hierher“ (4.Mose 14,19); und die Kirche begründet ihre Bitte um neue Wohltaten mit demselben Argument, mit dem Mose für erneute Vergebung bat (Jesaja 51,9-10).

– Es ist eine grobe Geringschätzung Gottes, nicht darauf zu achten, was er in den Werken seiner Vorsehung von sich offenbart. Denn in allen diesen Werken kommt er uns nahe, in manchen ganz besonders. Er tut es in seinen Gerichten: „Ich werde mich euch nahen zum Gericht“ (Maleachi 3,5 SLT). Er naht sich uns auch in seinem gnädigen Erbarmen: „Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen“ (Psalm 145,18). Ja, es heißt, er sucht uns heim durch seine Vorsehung, wenn er züchtigt (Hosea 9,7), und auch, wenn er errettet und befreit (Psalm 106,4 SLT). Diese Heimsuchungen Gottes bewahren unseren Geist (Hiob 10,12 SLT), und es ist eine wunderbare Gnade des großen Gottes, uns so oft heimzusuchen, „täglich … alle Stunden“ (Hiob 7,18). Doch dies nicht zu beachten, ist eine schändliche und grobe Verachtung Gottes (Jesaja 1,3; Zephanja 3,2). Das würdet ihr einem Menschen, vor dem ihr Achtung habt, nicht antun. Es ist die Eigenschaft der Gottlosen, Gottes Wohltaten (Jesaja 26,10) oder auch seine Missbilligung (Jeremia 5,3) nicht zu beachten. – Kurz und gut, der Mensch kann seine Gebete niemals seinen Umständen entsprechend an Gott richten, ohne seine Vorsehung zu beachten. Eure Gebete sollen an eure Lebensumstände angepasst sein: Manchmal sind wir zum Lobpreis, manchmal zur Selbsterniedrigung aufgerufen. Auf dem Weg seiner Gerichte

Gottes Plan in unserem Leben

sollt ihr auf ihn harren (Jesaja 26,8 SLT), euch bereit machen, ihm zu begegnen (Zephanja 2,1-2; Amos 4,12). Manchmal ist es eure Aufgabe, seinen Zorn, den ihr herannahen seht, abzuwenden, und manchmal seid ihr aufgerufen, ihn für empfangene Wohltaten zu preisen (Jesaja 12,1-2) – doch dafür müsst ihr sie zuvor beachten.

So könnt ihr feststellen, dass der Inhalt der Psalmen Davids sehr unterschiedlich ist, je nach den Fügungen der Vorsehung, die ihm gerade widerfuhren; doch wer unaufmerksam und nachlässig ist, ist dazu nicht imstande. Und somit habe ich euch nun die Gründe für die Pflicht in aller Kürze dargelegt.

DER VIERTE HAUPTTEIL

DER FÜNFTE HAUPTTEIL

Praktische Anwendung auf das Leben

•Nachdem ich nun die Richtlinien für die angemessene Erfüllung dieser großen und wichtigen Pflicht aufgezeigt habe, bleibt uns nur noch, unser Herz darauf zu richten und es zur ständigen Aufgabe eines jeden Tages unseres Lebens zu machen. Oh, welch ein Friede, welch eine Freude, welch eine Beständigkeit, welch eine heilige Kühnheit und Zuversicht würden sich aus einer solchen Betrachtung der Vorsehung ergeben, wie sie hier empfohlen wurde!

Doch leider können wir im Hinblick auf die Stimmen der göttlichen Vorsehung sagen, wie es geschrieben steht: „Gott redet einmal und zum zweiten Mal, aber man beachtet es nicht“ (Hiob 33,14 SLT). Oft hat die Vorsehung zu uns gesprochen und uns in unseren Pflichten belehrt, uns unserer Missetaten überführt und uns in unserer Verzweiflung Mut zugesprochen, aber wir haben nicht auf sie gehört. Wie sehr mangelt es uns allen aufgrund dieser Unachtsamkeit an Verantwortung in der Pflicht und an Trost! Es wird daher nötig sein, euch die Schönheit und Vortrefflichkeit eines Wandels mit Gott in einer gebührenden und täglichen Beachtung seiner Vorsehung vor

Gottes Plan in unserem Leben

Augen zu führen, auf dass unsere Seelen ganz und gar darin aufgehen können.

Beweggründe

1. Beweggrund

Zunächst möchte ich dies als ein ermutigendes Argument für alle gläubigen Seelen vorbringen, dass ihr auf diese Weise von Tag zu Tag eine liebevolle und bewusste Gemeinschaft mit Gott pflegen könnt. Was ist im Vergleich dazu in dieser Welt erstrebenswert!

„Denn, Herr, du lässest mich fröhlich singen von deinen Werken, und ich rühme die Geschäfte deiner Hände“ (Psalm 92,5). Eure Herzen können durch die Werke der Hände Gottes ebenso köstlich erquickt werden wie durch die Worte seines Mundes. Psalm 104 ist ganz der Betrachtung der Werke der Vorsehung gewidmet, die das Herz des Psalmisten so sehr erfüllten, dass er mit einem Ausruf zum Ausdruck bringt, welche Wirkung diese Werke auf ihn haben: „Meine Rede müsse ihm wohlgefallen. Ich freue mich des Herrn“ (Vers 34).

Die Gemeinschaft mit Gott besteht genau genommen in zwei Dingen: dass Gott sich der Seele offenbart und dass die Seele Gott antwortet. Dies ist die κοινωνια (Gemeinschaft), die wir hier mit Gott haben. Gott offenbart sich seinem Volk sowohl durch die Vorsehung als auch durch die Sakramente und anderen Heilseinrichtungen; und keine Gnade in einer geheiligten Seele ist vor den gütigen Einflüssen der Manifestationen seiner Vorsehung verborgen. Manchmal offenbart der Herr sein Missfallen und seinen Zorn über die Sünden seines Volkes durch korrigierende und

Praktische Anwendung auf das Leben

zurechtweisende Maßnahmen. Seine Ruten haben eine mahnende Stimme: „Hört auf die Zuchtrute und auf den, der sie bestellt hat!“ (Micha 6,9 SLT). Diese Manifestation des Zorns Gottes lässt eine begnadete Seele schmelzen und auftauen und übt eine doppelte wohltuende Wirkung auf sie aus, nämlich Buße für vergangene Sünden und eine gebührende Vorsicht vor künftigen Sünden. (1.)

Sie bringt das Herz zum Auftauen und zum Schmelzen für begangene Sünden. So wurde Davids Herz wegen seiner Sünde erweicht, als die Hand Gottes in der Bedrängnis Tag und Nacht schwer auf ihm lag (Psalm 32,4-5). So erlebte die gefangene Gemeinde, die von der traurigsten und düstersten Vorsehung heimgesucht wurde, die je über ein Volk Gottes in irgendeinem Zeitalter der Welt gekommen ist, wie ihre Herzen zerbrachen unter dieser strengen Zurechtweisung um der Sünde willen (Klagelieder 2,17-19). (2.) Sie bewirkt eine Scheu vor der Sünde für die Zukunft. Es ist offenkundig, dass die Zurechtweisungen der Vorsehung diese Wirkung in gläubigen Herzen hinterlassen (Esra 9,13-14; Psalm 85,9).

Manchmal ermuntert und tröstet Gott die Herzen seines Volkes durch freundliche und belebende Fügungen der Vorsehung, sei es im öffentlichen oder im persönlichen Bereich. Es gibt Zeiten, in denen die Hand der Vorsehung nicht nur niederreißt, sondern auch wieder aufrichtet. Die Lage ändert sich, die Zeichen der Vorsehung sind sehr heiter und ermutigend, der Winter der Menschen scheint vorüber zu sein. Sie legen ihre Trauerkleider ab, und dann, oh, welch liebliche Erwiderung wird dem Himmel von den begnadeten Seelen dargebracht! Erhebt Gott sie, indem er ihnen Wohlergehen schenkt, so werden auch sie ihren Gott durch Lobgesänge erheben (Psalm 18,1-4). Ebenso Mose und das Volk (2.Mose 15), als Gott sie vom Pharao befreit hatte: Wie erheben sie ihn in einem

Gottes Plan in unserem Leben

Dankeslied, das wegen seiner Eleganz und seines geistlichen Charakters zum Sinnbild für die Lobgesänge wurde, welche die Heiligen Gott in der Herrlichkeit darbringen (Offenbarung 15,3).

Im Großen und Ganzen können wir beobachten, dass die gleichen Wirkungen, die unsere Gemeinschaft mit Gott in jeder seiner gottesdienstlichen Ordnungen auf unser Herz ausübt, auch unser Zwiegespräch mit ihm in den Wegen seiner Vorsehung begleiten.

Denn:

a) Es gehört zur Erfahrung aller Heiligen, dass in jeder Ordnung oder geistlichen Übung, in der sie eine bewusste Gemeinschaft mit Gott haben, diese in ihrem Geist eine tiefe Erniedrigung und Zerknirschung durch das Empfinden der göttlichen Herablassung zu solch armseligen Würmern, wie wir es sind, hervorrufen. So sagte Abraham: „… wiewohl ich Erde und Asche bin“ (1.Mose 18,27). Die gleiche Wirkung hat unsere Zwiesprache mit Gott in den Fügungen seiner Vorsehung. So legt sich Jakob, nachdem Gott ihn durch seine Vorsehung gesegnet hatte, Gott zu Füßen, wie ein Mann, der von dem Empfinden der Barmherzigkeit überwältigt ist! „Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast; denn ich hatte nicht mehr als diesen Stab, da ich über den Jordan ging, und nun bin ich zwei Heere geworden“ (1.Mose 32,11). So erging es auch David: „Wer bin ich, Herr, Herr, und was ist mein Haus, dass du mich bis hierher gebracht hast?“ (2.Samuel 7,18). Und ich bezweifle nicht, dass einige von euch die gleiche Herzenshaltung kennen, die diese heiligen Männer hier zum Ausdruck gebracht haben. Könnt ihr euch nicht erinnern, wie ihr, als Gott euch durch seine Vorsehung aufgerichtet hat, euch vor ihm niedergeworfen habt und wie ihr in euren eigenen Augen schlimmer denn je gewesen seid? Ja, so geht es allen frommen Herzen.

Praktische Anwendung auf das Leben

Was bin ich, dass der Herr so und so an mir handelt! Ach, dass ein so großer und heiliger Gott sich so um einen so elenden und sündigen Wurm kümmert!

b) Lässt die Gemeinschaft mit Gott in den Ordnungen das Herz in Liebe zu Gott schmelzen (Hoheslied 2,3-5)? Nun, das gilt auch für die Betrachtung seiner Vorsehung. Noch nie hat sich ein Mensch in rechter Weise mit den Werken der Vorsehung Gottes beschäftigt, ohne dass sein Herz zuweilen in Liebe zu dem Gott seiner Barmherzigkeit geschmolzen wäre. Als Gott ihn aus der Hand Sauls und aller seiner Feinde befreit hatte, sagte David: „Herzlich lieb habe ich dich, Herr, meine Stärke!“ (Psalm 18,1-2). Jeder Mensch liebt die barmherzigen Taten Gottes, aber ein Heiliger liebt den Gott seiner Barmherzigkeit. So wie die Barmherzigkeit Gottes ein Antrieb für die Lüste eines bösen Menschen ist, so ist sie bei einem guten Menschen ein Antrieb für die Liebe zu Gott. Nicht, dass ihre Liebe zu Gott auf diesen äußeren Wohltaten gründen würde: „Nicht deine Gaben, sondern dich, o Herr!“, ist der Wahlspruch einer gläubigen Seele. Dennoch dienen diese Dinge dazu, die Flamme der Liebe zu Gott in ihren Herzen anzufachen, und so empfinden sie es auch.

c) Macht die Gemeinschaft mit Gott die Seele besonders streitbar gegen die Sünde? Ihr seht, dass es so ist, und in Mose findet ihr ein großartiges Beispiel dafür: Als er vierzig Tage lang mit Gott auf dem Berg verbracht und dort Gemeinschaft mit ihm gehabt hatte und dann herabkam und das goldene Kalb sah, das die Leute gemacht hatten – seht, in welch einen heiligen Ausbruch von Eifer und Zorn dies seine Seele versetzte (2.Mose 32,19-20). Dieselbe Wirkung könnt ihr auch im Umgang der Heiligen mit Gott in den Fügungen seiner Vorsehung erkennen. Was war es, das im Herzen Davids ein so tiefes Empfinden für das Übel seiner Sünde auslöste,

Gottes Plan in unserem Leben

wie es im ganzen 51. Psalm so deutlich zum Ausdruck kommt? Nun, wenn ihr in die Überschrift schaut (V. 1-2), werdet ihr feststellen, dass es die Wirkung dessen war, was Nathan ihm vor Augen geführt hatte, und wenn ihr 2.Samuel 12,7-10 nachlest, werdet ihr finden, dass es die Güte Gottes war, die sich in verschiedenen gütigen Bewahrungen in seinem Leben gezeigt hatte und die er dem Herrn so übel vergolten hatte. Es war diese Erkenntnis, die ihm das Herz brach. Und ich bin mir sicher, dass einige von uns durch den Vergleich von Gottes Wegen und unseren eigenen Wegen manchmal ähnliche Empfindungen gehabt haben.

d) Weitet die Gemeinschaft mit dem Herrn das Herz für den Gehorsam und den Dienst? Sicherlich ist sie wie das Öl für die Räder, das sie frei und leichtgängig in ihrem Kurs laufen lässt. Als Jesaja eine besondere Offenbarung Gottes empfangen hatte und der Herr fragte: „Wen soll ich senden?“, ist seine Seele bereit und er stellt sich für den Dienst zur Verfügung: „Hier bin ich; sende mich!“ (Jesaja 6,8). Und genau dieselbe Wirkung folgt auf geheiligte Fügungen, wie man an Joschafat (2.Chronik 17,5-6) und an David (Psalm 116,12) beobachten kann. Wenn ein Mensch bedenkt, was Gott für ihn getan hat, kann er nicht anders, als zu fragen: Wie kann ich all das vergelten? Wie soll ich auf Gottes Wohltaten antworten? Ihr sehr also, welch liebliche Gemeinschaft eine Seele mit Gott auf den Wegen seiner Vorsehung haben kann. Oh, dass ihr so mit ihm wandeln würdet! Welch einen Vorgeschmack des Himmels würdet ihr auf diese Weise auf Erden finden! Und gewiss wird es den Herrn nie reuen, dass er euch Gutes getan hat, wenn seine Barmherzigkeit solche Wirkungen auf eure Herzen hat. Er wird sagen, dass jede Gunst, die solche Früchte bringt, sinnvoll investiert ist, und es wird ihm eine Freude sein, euch auf ewig Gutes zu tun.

Praktische Anwendung auf das Leben

2. Beweggrund

Die Freude und das Glück im Leben eines Christen beruhen zu einem großen Teil auf dem Betrachten der Vorsehung. „Groß sind die Taten des Herrn, zu erforschen von allen, die Lust an ihnen haben“ (Psalm 111,2 ELB). Das heißt, das Studium der Vorsehung ist so köstlich und wohltuend, dass es die Seele einlädt und verlockt, sie zu erforschen und zu ergründen. Wie glücklich macht es eine wohlgesinnte Seele, Folgendes zu betrachten und zu beobachten:

a) Die wunderbare Harmonie und Übereinstimmung göttlicher Eigenschaften in den Zielen der Vorsehung! Es mag manchmal so aussehen, als stießen sie sich und kollidierten miteinander, als würden sie auseinanderlaufen und gegensätzliche Wege einschlagen; aber das scheint nur so, denn am Ende treffen und umarmen sie einander immer. „Gnade und Wahrheit sind einander begegnet, Gerechtigkeit und Friede haben sich geküsst“ (Psalm 85,11 SLT).

Diese Worte stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der bedeutungsvollen Vorsehung der Befreiung Israels aus der babylonischen Gefangenschaft und ihren segensreichen Auswirkungen.

Die Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes in den Verheißungen küssten und umarmten gleichsam die Gnade und den Frieden, die in der Erfüllung der Verheißungen zum Ausdruck kamen, nachdem sie siebzig Jahre lang scheinbar weit voneinander entfernt gewesen waren. Denn es ist eine Anspielung auf die übliche Bekundung von Freude und Glück, die zwei liebe Freunde nach langer Abwesenheit und Trennung geben und empfangen; kaum haben sie sich getroffen, lächeln sie, umarmen sich und küssen einander. So ist es auch hier. Das hebräische Wort נפגשו kann mit „sind uns begegnet“ übersetzt werden, und das ist auch richtig; denn wann

Gottes Plan in unserem Leben

immer diese seligen Verheißungen und Erfüllungen einander begegnen und sich küssen, werden sie auch von den gläubigen Seelen freudig umarmt und geküsst. In dieser Schriftstelle wird gewiss auch indirekt auf den Messias und unsere Erlösung durch ihn Bezug genommen. In ihm finden diese göttlichen Eigenschaften, die vorher in der Sache unserer Erlösung miteinander zu kollidieren und einander zu widersprechen schienen, eine köstliche Übereinstimmung und Vollendung. Wahrheit und Gerechtigkeit treffen in ihm mit Gnade und Frieden in einer seligen Eintracht zusammen. Welch ein schöner Anblick ist das, und wie wohltuend ist es, ihn zu sehen! Ach, würden wir doch auf unserem Wachtturm stehen (Habakuk 2,1) und die Vorsehung aufmerksam beobachten, welch wunderbare Aussicht könnten wir haben! Luther bezieht diesen Vers auf das Wort Gottes, also: Ich will in das Wort schauen und dort beobachten, wie Gott alles vollbringt und bewirkt und wie seine Werke die Erfüllung seines Wortes sind. Andere, wie Calvin, verstehen den Text als die eigenen, geheimen Gedanken und Betrachtungen eines Menschen, in denen er aufmerksam beobachtet, welche Absichten und Pläne Gott mit der Welt im Allgemeinen oder mit ihm selbst im Besonderen hat und wie sich die Wahrheit und die Gerechtigkeit Gottes im Wort durch alle Schwierigkeiten und Hindernisse hindurch bewähren und sich schließlich in der Gnade, dem Frieden und der Seligkeit der Heiligen vollenden. In welchem Sinne auch immer, jeder Gläubige hat seinen Wachtturm, ebenso wie Habakuk, und, gestattet mir die Formulierung, es ist ein Werk gleich dem der Engel, sich aufzurichten und die Harmonie der göttlichen Eigenschaften, die Vollendung seiner Ziele und unserer eigenen Glückseligkeit in den Werken der Vorsehung zu sehen. Denn das ist die eigentliche Freude der Engel und Heiligen

Praktische Anwendung auf das Leben im Himmel: Gottes Ziele verwirklicht und seine Eigenschaften in der Gnade und dem Frieden der Kirche verherrlicht zu sehen (Offenbarung 14,1-3.8).

b) Und ebenso, wie es ein lieblicher Anblick ist, die Harmonie der göttlichen Eigenschaften zu betrachten, so ist es auch überaus wohltuend, unserer Gebete und Hoffnungen gleichsam von den Toten auferstehen zu sehen. Denn das könnt ihr oft sehen, wenn ihr das Wirken der Vorsehung in eurem Leben sorgfältig beobachtet. Wir hoffen und beten um diese und jene Barmherzigkeit für die Kirche oder für uns selbst; aber Gott verzögert die Erfüllung unserer Hoffnungen, setzt die Erhörung unserer Gebete aus und sagt dem Sinne nach zu uns: „Die Weissagung wird ja noch erfüllt werden zu seiner Zeit und endlich frei an den Tag kommen und nicht ausbleiben. Ob sie aber verzieht, so harre ihrer: Sie wird gewiss kommen und nicht verziehen“ (Habakuk 2,3). Aber wir haben nicht die Geduld, die Erfüllung der Verheißung abzuwarten. Unsere Hoffnungen schmachten dahin und sterben unterdessen, und wir sagen mit der verzagten Kirche: „Meine Lebenskraft ist dahin, und auch meine Hoffnung auf den Herrn!“ (Klagelieder 3,18 SLT). Aber wie köstlich und wohltuend ist es, diese Gebete erfüllt zu sehen, nachdem wir jede Erwartung aufgegeben hatten! Können wir dann nicht von ihnen sagen, es sei wie „Leben aus den Toten“? So erging es David (Psalm 31,22): Er gab seine Hoffnungen und Gebete verloren und erlebte dennoch die tröstliche und unerwartete Erwiderung derselben. So erging es auch Hiob (Hiob 6,11): Er hatte alle Hoffnung auf bessere Tage aufgegeben, und doch erlebte dieser Mann die Wiederauferstehung all seiner verlorenen Segnungen, sogar mit Gewinn. Bedenkt, welche Wirkung diese Wandlung und unerwartete Wende der Vorsehung auf seine Seele hatte. Mit

Gottes Plan in unserem Leben

unseren Hoffnungen und Gebeten ist es wie mit unseren Almosen: „Lass dein Brot über das Wasser fahren, so wirst du es finden nach langer Zeit“ (Prediger 11,1). Oder wie bei Jakob, der alle Hoffnung aufgegeben hatte, seinen geliebten Josef je wiederzusehen; doch als eine seltsame und unerwartete Fügung der Vorsehung ihm diese als hoffnungslos empfundene Barmherzigkeit zurückgab, oh, wie überwältigend und ergreifend war das (1.Mose 46,29-30)!

c) Welch überwältigende Freude ist es, zu sehen, wie die Vorsehung uns große Segnungen und Wohltaten ausgerechnet aus jenen Dingen erwachsen lässt, die unseren Untergang oder unser Elend zu bedeuten schienen! Und doch könnt ihr, wenn ihr die Wege der Vorsehung gebührend beachtet, zu eurem besonderen Trost feststellen, dass es so ist. Joseph dachte wohl kaum, dass seine Verschleppung nach Ägypten dazu dienen würde, ihn dort emporsteigen zu lassen; doch er durfte es zu seiner Freude erleben und mit dankbarem Herzen bekennen (1.Mose 45,5). Wartet ab und beobachtet, dann werdet ihr gewiss finden, dass jene Verheißung aus Römer 8,28 sich durch alle Vorsehung hindurch bewährt. Wie oft habt ihr wie David sagen müssen: „Es ist mir lieb, dass du mich gedemütigt hast“ (Psalm 119,71). Wie unterschiedlich empfanden wir unsere Leiden bei der ersten Begegnung mit ihnen einerseits und beim Abschied von ihnen andererseits! Empfangen haben wir sie mit Seufzern und Tränen, aber verabschiedet haben wir uns von ihnen mit Freude, wobei wir Gott für sie als die gesegneten Werkzeuge unseres Glücks lobten. So werden unsere Ängste und Sorgen in Lobpreis und Dankeslieder verwandelt.

d) Welch unaussprechlicher Trost ist es doch für eine arme Seele, die nichts als Sünde und Schlechtigkeit in sich sieht, zugleich zu erkennen, welch hohe Achtung und Wertschätzung der

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